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Wie in ganz frühen Tagen jubelt aufs neue eine ganz helle

Hoffnungsfreude auf.

Es muß was geschehen, auch Schober schreibt es, er meint, der

Enthusiasmus für Franz müßte aufs neue im Publikum belebt werden, und

es wäre gut, wenn es bald geschähe.

Franz arbeitet ja mit Bienenfleiß. Ein quellender Reichtum von Melodien

entsteigt blühend seiner Brust. Aber es ist schwer, die Begeisterung

der Menge auf ihrer ursprünglichen Höhe fortzuerhalten. Es bedürfte

wieder einer ganz großen Tat -- Schober hat vielleicht recht, wenn

er andeuten will, daß seit Jahren ein Stillstand eingetreten ist,

wenn auch nur scheinbar. Es bedürfte einer ganz großen Tat -- einer

gelungenen Oper etwa, Bauernfeld ist jetzt seine Hoffnung -- oder

vielleicht eines großen Konzerts mit einer neuen Instrumentalsache,

einer Sinfonie -- er trägt sich mit dem Gedanken daran -- ein großes

Konzert, wie es Beethoven veranstaltet -- vielleicht über ein Jahr,

dann wird Franz hervortreten, bedeutender, stärker als je. Der

Lebensplan ist fertig, mit neuer, entschlossener Kraft schreitet Franz

dem Gipfel zu.

Zunächst also diese Sinfonie -- Landeinsamkeit will er dazu, grüne

Berge, einen Ort, wo man Gutes genossen und einiges Glück erfahren hat.

Im Mai ist Vogl wieder auf sein Steyrer Landgut gegangen, er denkt an

Kunstreisen in Oberösterreich und Salzburg und kann Franz dabei nicht

entbehren. Dem sind seit seinem Zwist mit Schwind die Wiener Tage leer

und unersprießlich geworden, ein paar Tage will er in Linz bleiben,

ehe er nach Steyr geht, den lieben Spaun will er ans Herz drücken,

einem Freund muß er sich erschließen können, jetzt, wo er in Wien keine

Seelenzuflucht hat -- kurz, eines schönen Morgens ist er zum Schrecken

Schwinds dahin und sitzt alsbald in Linz, wo er sich vor ärgerlicher

Verzweiflung die Haare rauft, denn Spaun ist über alle Berge, ein paar

Tage vorher ist er von Amts wegen nach Lemberg abgereist und wird vor

Jahr und Tag kaum an die Wiederkehr denken können.

»Aufhängen könnt' ich mich vor Kummer und Verzweiflung,« schreibt er im

drolligen Ärger dem Freund nach Lemberg. »Da sitze ich jetzt in Linz,

schwitze mich halbtot in der schändlichen Hitze, habe ein Heft neuer

Lieder, und der Freund ist nicht da! Ein Glück, daß der Jägermayer

ein gutes Bier hat und daß auf dem Pöstlingberg ein anständiger Wein

zu haben ist, das gibt neuen Lebensmut ...« Ottenwalt, der Schwager

Spauns, ist entzückt von dem Gast, der ganze Linzer-Kreis schwelgt

in Begeisterung, kein Wölkchen trübt die blauselige Heiterkeit der

Linzer Tage. Dazu noch ein lieber, offenherziger Brief von Schwind --

das hat gerade noch gefehlt, um das innere Gleichgewicht so halbwegs

wiederherzustellen.

Er hat es nicht ausgehalten, der Cherubim; das ganze Ärgernis ist ihm

nahe gegangen. Man kann doch eines kleinen Mißverständnisses wegen eine

Freundschaft nicht preisgeben, die mit dem ganzen bisherigen Leben

verknüpft ist. Oder es geht doch gleichzeitig mit ein Stück Seele

darauf. Und das ist schon der halbe Tod. Also frisch von der Leber

weg geredet -- diese verteufelten boshaften Späße, die er nicht habe

unterdrücken können, so sehr sie ihm selber wehe tun. »Da kommen die

anderen und spotten und lauern in Verbindung mit Gedanken herum ... und

wir lassen sie anfangs gewähren, dann tun wir selber mit .... nun ja,

der Mensch ist schon einmal so unüberlegt .... und so verliert sich

Unersetzliches um den Spottpreis ....«

Er kann die qualvollen Gedanken nicht los werden, er muß durch ein

offenes Bekenntnis seine Seele befreien. Er ist doch gewohnt, solange

er Franz und Schober kennt, sich in allen Dingen verstanden und geliebt

zu sehen. So möge das Böse aus der Welt geschafft sein, indem man sich

ordentlich ausredet. Franz möge ihm hierüber antworten so grob und so

aufrichtig, als er es nur vermag, aber nur nicht dieses Schweigen, das

ihm ans Herz greift. Dann habe er noch von Netty zu sagen, daß sie es

wirklich nicht so arg gemeint habe. Sie bereue schon aufs heftigste

ihre unüberlegte Stichelei, sie sei ganz unglücklich darüber, daß Franz

schlecht über sie denke, sie ist wirklich nicht so, wie sie scheint.

Es hätte nicht halb so vieler Worte bedurft, um Franz wieder zu

versöhnen, der ja nur darauf wartet, daß der andere ein gutes Wort

gibt. Er ist ja auch gar nicht bös, und was die Netty betrifft -- ach,

diese unvermeidliche Netty! -- so soll sie sich nur keinen Kummer

machen, er denkt ja gar nicht mehr daran, es sei ja ohnedies alles in

schönster Ordnung. Schwind zu verlieren, das ist ihm ganz undenkbar.

Sie gehören nun einmal zusammen für dieses Dasein, und keine Netty

der Welt sei imstande, das Freundschaftsband, das stärker ist als das

dickste Tau, zu durchschneiden. Nun wäre auch das wieder ins richtige

Geleise gebracht -- o Gott, ginge es doch so auch mit anderen Dingen,

die man ungeklärt durchs Leben schleppt und die das Herz so schwer

machen, daß man ins Gras hinuntersinken möchte und vermeint, nicht

mehr aufstehen zu können. Jetzt heißt es wieder: »Grabt mir ein Grab

im Wasen, deckt mich mit grünem Rasen, kein Kreuzlein schwarz, kein

Blümlein bunt ...« Aber um wieviel schmerzlicher klingt das Lied heute

als in den Herzenständeleien vor so und so vielen Jahren.

Die schönen Linzer Tage gehen vorüber wie im Traum, in Steyr wendet

sich bereits das Schicksalsblatt.

»Werde ich hier noch einmal so glücklich sein wie einst?«

Er weiß nicht wie, eine geheime Anhänglichkeit an Josephine lockt ihn

dabei. Sie ist ja in manchem geziert und unnatürlich, aber sie hat

ein gutes Herz, dafür ist er dankbar wie ein Kind. Er ist zum Manne

gereift, aber eigentlich ist er im Herzen ein Kind geblieben wie

damals, da er noch als Sängerknabe neben den pausbäckigen Engelsköpfen

auf der Empore saß.

Unterwegs nach Steyr ist er im Stift St. Florian zu Gast und sitzt

in dem gewaltigen Gotteshaus an der Orgel, die ein Wunder an Größe

und Klangfülle ist. Himmlische Musik entströmt seinen Händen.

Selige Erinnerungen quellen auf aus der Sängerknabenzeit, eine

echt Schubertsche Liedweise fließt ein, dann drohende Tremoli und

der eigensinnige Aufschrei aus einer geängstigten Seele, der das

Menschenherz erschüttern muß.

»Wo er es nur hernimmt, der kleine, unscheinbare Meister?« denken

auch die geistlichen Herren im Stift, dasselbe, was alle schon

gedacht haben. »Der liebe Gott hat's ihn gelehrt!« es gibt kein

schöneres Wort. Aber auch kein tieferes. Für die Welt ist er ein

Gebender -- in der Stunde der Schöpfung ist er ein Empfangender, ein

von Gott Empfangender. Ein Kind ist er geblieben mit seinem naiven

Wunderglauben, aber auch mit seinen Fieberträumen, ein Kind in der Hand

Gottes. Gerade dieses Kindsein befähigt ihn zum Aussprechen dieses

Tiefsten, er stammelt es wie ein Gebet. Es ist nicht mit dem Verstand

gemacht, es ist mit dem Herzen gemacht, und darum ist soviel Herzblut

darin und soviel aufseufzende kindliche Glückseligkeit, und zugleich

sind so viele Tränen darin, die nach innen geweinten ....

Vogl sagt immer, daß er nicht mit Bewußtsein schaffe, und daß ihm

das Geschaffene oft selbst nicht verständlich sei. Aber die in Linz,

Ottenwalt und der ganze Kreis um ihn, waren bezaubert von der Tiefe

und Klarheit seines Erkennens. Franz saß unter ihnen wie Jesus im

Tempel. So heiter und jugendlich sorglos war es nicht mehr wie vor

Jahren beim Katzengeschrei, aber es war doch auch ein inniges Fest

der Seelen. Ottenwalt wußte so schön zuzuhören und mußte immer mehr

erstaunen über diesen Geist, dem das Tiefste einfach war wie jede echte

Wahrheit. Er verstand Franz besser: »Wie kann man sagen, daß ihm die

eigene Kunst kaum offenbar und verständlich sei? Der Schlichtheit und

Kindlichkeit seines Gemüts ist mehr offenbar, als wir uns alle in

unserer Schulweisheit träumen lassen. Die Kindlichkeit ist ein Beweis

seines Genies ....«

Der Ottenwalt verstand es eigentlich besser als Vogl. In Linz hatten

sie begriffen, was Franz war. Sie erlebten ihn wie ein Stück Natur,

wie einen Baum, einen Berg, den Wind. So erlebte ihn auch Schwind,

der ähnlich war, so erlebten ihn Spaun, Schober und Bauernfeld. Darum

liebten sie ihn alle so sehr.

Franz an der Orgel in St. Florian phantasierte und dachte an die Linzer

Freunde und dachte voraus an das kleine Glück in Steyr, und die Orgel

jubelte und sang dazu. Ein vergangenes Glück noch einmal erleben zu

dürfen, welche Gnade! Seine Seele war geöffnet dem Unendlichen, sie

empfing von Gott und wußte um neue Schätze, die sie zu geben hatte. Sie

war zur Fruchtbarkeit gestimmt und kannte nichts Seligeres, als mit all

ihrem Reichtum zu verströmen.

Die Sehnsucht trieb ihn weiter, altem Glück entgegen. Er dachte

innig an Josephine, das Weibliche zog ihn an, denn es war auch das

Mütterliche. Er war wieder ganz Kind und seine Seele suchte Zuflucht

bei der Freundin.

Vor zwei Jahren, als er sich in Not und Krankheit im Hause Vogls

verbarg, da war sie freilich etwas sonderbar gewesen, die gute Freundin.

»Sie müssen wissen, daß ich ein Tagebuch führe,« hatte sie ihm gesagt,

»man erlebt soviel, auch Sie kommen darin vor ...«

»Schneegans!« hatte er damals gedacht und war ärgerlich über dieses

Blaustrumpfgetue. Diese Sentimentalität war ihm zuwider, er machte sich

lustig über sie und hatte sie ziemlich schlecht behandelt.

»Es ist nicht mehr dasselbe wie früher,« sagte sie beim Abschied,

»etwas ist am Tod da drinnen.« Und dann zog sie das Tagebuch hervor und

fügte hinzu: »Meine Liebe ist in diesem Buche begraben.«

»Wird nicht schad' drum gewesen sein ...« dachte er und drehte sich um.

Aber alle diese herzlosen Narreteien waren vergessen, er war von

Zärtlichkeit erfüllt, je näher er der Stadt kam.

»Könnte ich wieder so glücklich sein wie damals ... Es wird nicht so

ernst gewesen sein mit dem Absterbens-Amen der Liebe, sie kann eben

nicht leben ohne Marotte, aber im Grunde ist sie doch eine treue Seele

....« Und er nahm sich vor, recht gut zu sein, er war jetzt dankbar für

das bißchen Herz.

Man soll dasselbe nicht zweimal erleben, er hat die Enttäuschung schon

in Zelez erfahren und muß nun neuerdings daran glauben.

Wo war die Josephine geblieben mit ihrer Verliebtheit, ihrer Sucht

nach den kleinen Abenteuern des Herzens, mit dem Kult, den sie um das

Meisterlein trieb?

Sie hatte den Krämer gegenüber geheiratet, sie war steif und dumm

geworden, keine Spur von der früheren Originalität, es war wirklich

etwas tot in ihrem Herzen ..

»Mein Mann ist Kaufmann, Kaffee en gros ...« Sie legte Wert auf den

Zusatz »Kaffee en gros«. Und wiederholte bei jeder Gelegenheit:

»Kaufmann, aber ich bitte, Kaffee en gros ....«

Franz lächelte über diese provinzlerische Großmannssucht: »Kaffee en

gros ...« Es war doch wirklich zu dumm. »Kaffee en gros --« Schade um

sie, oder wenigstens um die hübsche Erinnerung. Aber dieses »Kaffee en

gros« zog alles ins Lächerliche.

Und Vogl? Ei, der war auch nicht mehr derselbe. Auch er ging auf

Freiersfüßen, der Weltweise, den Alter nicht vor Torheit schützte, und

gedachte seine achtzehnjährige Schülerin zu heiraten. So suchte jeder

ein Stück realen Glückes zu verwirklichen, und er, der Begnadete, mußte

still und arm vorübergehen.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 22 / 42 题