G -- d -- g -- fis -- g -- a -- ! --

Der tröstliche Satz klingt immer wieder durch sein Gemüt. Er löst sich

auf, verschwebt und kommt unversehens wieder hervor, immer wieder ein

verheißender Anfang.

Jetzt hat die ängstliche Sparerei ein Ende, ein Flascherl Tokaier

mehr für die lieben Freunde, was liegt da daran, man läßt die paar

Kröten springen, in ein paar Wochen sind sie wieder hereingebracht,

es erscheint ein neues Heft, der Born ist unerschöpflich, und wenn

ihm wirklich einmal der Draht ausgeht, so ist schon dafür gesorgt,

daß andere Quellen springen. Das haben die lieben Freunde getan. »Die

Anerkennungsschreiben von den Herren Gönnern, was sind sie denn wert,

wenn man sie nicht zu Geld machen kann?«

Der schlaue Hüttenbrenner weiß guten Rat. Er besorgt den Verkehr mit

dem Verleger, führt Rechnung, nimmt Franz alle Geschäfte ab, schreibt

Briefe für ihn, tut alle Sekretärdienste, und tut es mit einer

Hingebung, als ob es um das eigene Wohl und Wehe ginge. Der sorgt auch

dafür, daß die Hefte mit Dedikationen erscheinen.

Meistens lassen es die also geehrten Gönner bei schönen Dankesworten

bewendet sein, zuweilen aber bringt es einen Ehrensold ein, so von

dem Grafen de Fries und von dem Erzbischof Ladislaus von Pyrker, der

als Dichter einen nicht unbedeutenden Ruhm genießt und von dem ihm

gewidmeten »Wanderer« entzückt und ergriffen ist.

Eine Hand voll Geld fällt bei diesen Gelegenheiten für Franz ab, der

kann's gut brauchen, es wächst ihm kein Moos und kein Schimmel darauf.

Unheimlich, wie unter den freundlichen Sonnenblicken des Schicksals

die Arbeitsleistung wächst. Der Schädel brummt zwar gewaltig,

als ob er zerspringen wollte, nach der Fieberhitze des Schaffens

hämmert es drinnen lange nach und will gar nicht zur Ruhe kommen

-- da hilft nichts als die Zuflucht ins Grüne oder am besten noch

in die feuchtfröhliche Tafelrunde der Freunde, um mit einem Glas

Wein das Arbeitsfieber zu schlagen. Fieber gegen Fieber -- aber am

nächsten Morgen ist er wieder geladen mit allen Schöpferkräften der

Unendlichkeit, sie zersprengen schier das Gefäß -- die Losung ist

arbeiten, er meint, es müßte ihn sonst zerreißen.

Sein Ruhm hat mit einemmal schnelle Beine und rennt mit

Siebenmeilenstiefeln durch die Welt. Wien, Dresden, Berlin -- überall

bekommt der Name Schubert einen Klang. Die Hefte gehen reißend ab.

Wieviel der Diabelli verkauft, weiß man nicht genau. Der Joseph

Hüttenbrenner hat seine liebe Not. »Bandit!« flucht er und wirft

eifrig die Angel aus, ob denn nicht ein anständiger reichsdeutscher

Musikverleger zu gewinnen wäre.

»Besitzt doch Wien dermalen wieder ein Talent, das bereits die

allgemeine Aufmerksamkeit erregt und schon zum Liebling des hiesigen

Publikums geworden ist -- kurz und ohne Übertreibung gesagt, es ist ein

zweiter Beethoven; dieser unsterbliche Mann sagt von ihm gar, dieser

wird mich noch übertreffen ....« So schreibt Joseph Hüttenbrenner nach

Leipzig an K. F. Peters.

Aber auch dieser Verlagsgewaltige ist harthörig; man müsse doch erst

abwarten -- welche Menge früherer Werke Mozarts sei überhaupt nicht

gedruckt worden, da müsse sich ein junger Künstler schon bescheiden,

die Erfahrung allein muß lehren, ob er den ganz Großen gleichzustellen

sei, kurz, ein Hin- und Herreden, halb ja, halb nein, man weiß nicht

recht, will er, will er nicht, aber soviel steht fest, das ganze

Manöver hat doch den einzigen Zweck, den Preis zu drücken. Ist doch

der eine einen Groschen, der andere einen Pfifferling wert! Er will

bitter werden, aber er besinnt sich. Geduld also -- man kann ja warten,

bis der Rechte kommt. Es eilt nicht. Einstweilen ist man ja bei

Diabelli in sicheren Räuberhänden.

Überall, wo konzertiert wird, erklingt auch Schubert. Graz kann nicht

zurückbleiben, wo so treue Eideshelfer wirken wie Jenger und Anselm.

Von den Grazer Aufführungen melden alsbald die Zeitungen, ebenso von

den Linzer, wo Spaun und Freunde hinter der Sache her sind.

Aber der Anselm ist ein wunderlicher Kauz, den läßt der Ruhm des

»Erlkönig« nicht schlafen. Der Ehrgeiz stachelt ihn, er möchte den

jungen Meister übermeistern. Fiedelbum! Flugs hat er aus dem »Erlkönig«

einen Erlkönigwalzer komponiert. Fiedelbum! Ei verflucht!

Schwind ist ehrlich entrüstet: »Das ist mir aber ein lieblicher Kauz!

Der versteht's! Was Schubert fürs Herz entdeckt hat, macht er für

die Beine zurecht! Daran mögt ihr erkennen, wie der unseren Franz

verstanden hat!«

Für den Spott brauchte der treue Anselm jetzt nicht zu sorgen.

Fiedelbum!

»Na, na!« winkt Franz ab. Er rechnet dem Freunde in Graz die

Entgleisung nicht allzu schwer an. Fiedelbum! Der hat's selber zu

tragen und wird sich ein zweites Mal hüten. Fiedelbum!

Mehr denn je stehen dem Liechtentaler Schulmeisterssohn die Türen der

Salons offen -- mehr denn je sucht er den Händen zu entwischen, die

nach ihm greifen. Die Arbeit und die Freundschaft sind die Gottheiten,

deren Dienst er fast ausschließlich geweiht ist. Und selbst die

Freundschaft muß sich zuweilen bescheiden, denn eine dritte Gottheit

ist, die ihn mit magischer Gewalt zu sich heranzieht -- die Einsamkeit.

Das können viele nicht begreifen.

Der alte Doktor Sonnleithner wird fast ernstlich bös über die

notorische Unverläßlichkeit des Schützlings. »Für den man soviel getan

hat!«

»Also warum kommt er nicht? Warum kommt er denn nicht?!«

»Mit Verlaub, der Herr Schubert ist in Atzenbrugg!« entschuldigt Joseph

Hüttenbrenner.

»Also immer auf Duliäh -- muß denn das Gerstel auf einmal durchgebracht

sein!« knurrt der Alte.

»Entschuldigen's, Herr Doktor, aber so ist es auch wieder nicht!« sagt

Joseph zur Verteidigung des Freundes.

»Nein, gewiß nicht! Gearbeitet hat er wie ein Pferd, mein Gott, wenn

ich das alles denken müßte, mir ging der Kopf auseinander. Ein paar

Tage aufs Land, das wird er sich doch vergönnen dürfen, nach all den

Strapazen .....«

Dagegen läßt sich allerdings nichts einwenden.

»Auf nach Atzenbrugg!« Das ist ein Ruf, dem Franz nicht widerstehen

kann.

Schober ist der Rädelsführer; bei Atzenbrugg hat sein Oheim ein Schloß,

dahin werden Wanderfahrten unternommen, an denen fast der ganze

Freundeskreis teilnimmt.

Franz fühlt sich müde und ausgepumpt, er weiß nicht recht, soll er oder

soll er nicht. An der Wand hängt die Gitarre, eine Saite ist gerissen,

das grüne Band fängt an zu bleichen. Sie hat schon lange nicht im

fröhlichen Verein gezirpt auf einer lustigen Fahrt ins Grüne und Blaue.

»Schade um das schöne, grüne Band, daß es verbleicht hier an der Wand.

Ich hab' das Grün so gern, ich hab' das Grün so gern!« Das ist die

innere Stimme, die immer guten Rat weiß, es ist gut, ihr zu gehorchen.

»Also auf nach Atzenbrugg!«

Lieblich ist's, zwischen den Pappelreihen hinzufahren, die die weiße

Landstraße grün besäumen und mit ihren aus- und eingeschwungenen

Zeilen hoch in der Landschaft stehen. Weit, weit kann man die grüne

Wand verfolgen, die sich über Tal und Hügel schwingt. Man fährt in

einer offenen Chaise, die viele Querbänke hat und ganz besetzt ist mit

lustigem Volk. Zeiserlwagen, so nennt ihn ein launiges Wort. Aber die

Wiener Laune ist meistens etwas gepfeffert und hält sich an drastische

Ausdrücke. Sie zieht es vor, dieses Gefährt vergleichsweise einen

Kalbelwagen zu nennen. Der edle Reisewirt, der den Kalbelwagen für den

Freundeskreis gestiftet hat, ist Schober, der sich auf der Fahrt nach

Atzenbrugg als Mäzen fühlt.

»Ich fahre mit,« erklärt Schubert, »aber eine Bedingung ist dabei --

daß Melusine kommt, und daß mir der Platz an ihrer Seite bleibt!«

»Mir blutet das Herz,« versichert Schober treuherzig scheinheilig,

»aber den Platz an der Sonne tret' ich dir ab, weil du es bist.«

Franz wohnt im Rossauer Schulhaus bei seinem Bruder Ferdinand, der vom

Schulgehilfen längst zum Schulleiter vorgerückt ist und knapp vor der

Beförderung zum Schulinspektor steht. Mit Bruder Ferdinand hat Franz

seit jeher ein wärmeres Verhältnis gehabt. Aus der Blutsverwandtschaft

wird die höher geartete seelisch bestimmte Lebensfreundschaft.

Ferdinand ist stolz, den berühmten Bruder zu beherbergen, von dem jetzt

alle Welt redet. Er weiß, daß der Herr Vater ganz von Hochachtung

erfüllt ist für den genialen Franz, dessen junger Ruhm einen

Lichtstrahl auf das bescheidene Elternhaus und dessen Insassen wirft.

Der Bruder Ferdinand, der in der Rossauer Schule wohnt, hat sich's

nun nicht nehmen lassen, Franz zu beherbergen, solange dieser bei ihm

wohnen mag.

Und jetzt das Aufsehen, als Schober zur festgesetzten Stunde mit

dem Kalbelwagen vorfährt, zweispännig, Peitsche und Pferdemähnen

bändergeschmückt, wie zu einer Maifahrt, und richtig: auf der ersten

Bankreihe sitzt groß und stattlich Melusine, märchenhaft anzusehen,

wie eine Wald- und Quellennymphe, die geradewegs aus der Legende auf

einem Kalbelwagen mitten in die staunende Stadt fährt. Dem Franz

pumpert das Herz, als er mit dem Ränzel um die Schultern und der

Gitarre in der Hand, an der das grüne Lautenband weht, hinaufsteigt in

den Zeiserlwagen und neben der holden Therese Platz nimmt. In allen

Fenstern liegen neugierige Köpfe und munkeln über das wundersame

Gefährt: »Macht er denn Hochzeit, der Bruder des Herrn Schulleiter?!

Ist wohl eine reiche Braut -- mein Gott! Und schön zum Verrücktwerden!

Schaut sie's an, die wunderbaren Haar, leuchten wie eine Krone, und die

Augen sind blau und tief wie zwei Edelsteine, und das liebe Gesichtel,

und der Mund wie ein Röserl, und die Gestalt, viel größer als er,

gewachsen wie ein Bäumerl und rundum was dran, nun ja, freilich, alles

was sich gehört -- nur so zum Anbeißen, rein zum Vergaffen!«

Ein Peitschenknall, die Pferde greifen aus, weg sind sie; die Leute

der grünen Torgasse haben Gesprächsstoff noch gut für zwei Tage, ein

Märchenschimmer war in ihre Gasse gefallen.

Dem Franz ist selig zumut wie einem richtigen Märchenprinzen. Da kommt

die Liebe auf dem Zeiserlwagen in seine Gasse gefahren, er sitzt mit

der bändergeschmückten Gitarre neben ihr, wie er es geträumt hat, er

schaut in ihre rätselhaft tiefen Augen, ein seltsamer, quellfrischer

Hauch geht von ihr aus, er ist ganz verzaubert. Aber es wird ihm gleich

auch bänglich zumut, denn er findet nicht die rechten Worte, die Schöne

zu unterhalten. Wenn er allein ist, dann wüßte er viel zu sagen, aber

vor ihr ist er befangen, und er kommt sich stockdumm vor. Ein Glück,

daß sie nach kurzer Fahrt wieder vor einem Haus halten.

Da springt ein junges, nicht unhübsches, lebhaftes Mädchen hervor,

Netty Hönig, eine Freundin Theresens, und ihr Bruder Hönig, beide

geschniegelt und gebügelt, sind ja wohlhabender Leute Kind und

geldstolz; reiben sich gern an Künstlern, mit denen sie freilich

scharmant umzugehen wissen. Hätte ihnen der Geldstolz auch wenig

gefrommt in einem Kreis, wo der einzige gültige Adelsbrief auf die

Schubertsche Formel lauten mußte: »Kann er was?«, eine Geniemarke,

die im Sprachgebrauch der Freunde auf die Scherzform abgeglättet

wurde: »Kanevas?« Hönig war kein Kanevas, und all sein Geld half ihm

höchstens zu einem geduldeten niederen Laientum, mit dem besonders der

ungeschminkte Schubert nicht viel Geschichten machte: »Also hockt's

auf, Gesindel!«

Aber mit dem Aufhocken geht's nicht so schnell. Sie müssen auf eine

Dritte warten, die jetzt aus dem Hausflur herauskommt, die liebliche

Johanna Lutz, mit ihren blonden Stirnfränschen über den hellen,

gescheit blickenden Augen in dem herzigen Gesicht. Das ist die

Braut des Leopold Kupelwieser, sie muß sich hinter der Netty Hönig

verschanzen, damit kein dummes Gerede entsteht, während hinwiederum die

Netty als Gardedame ihren Bruder mit dem Fledermausgesicht hat. Auch

für Therese ist Netty das Paravent der Sitte und Ehrbarkeit, kurz eines

muß dem anderen Mauer stehen, um solcherart der albernen Konvention ein

Schnippchen zu schlagen, darin ja die Jugend nicht verlegen ist.

Da kommt er schon daher, der Leopold »Kupel«, wie ihn die Freunde

mit einer beliebten Abkürzung nennen, ein hoher, gerade gewachsener

Bursch mit schwärmerisch in die Ferne blickenden Augen, als Maler das

klassische Gegenstück zu dem romantischen Schwind. Er schaut nach Rom

und nach der Antike aus, genau so schwärmerisch, wie Schwind nach

den mittelalterlichen Burgen, nach Rittern, Waldgeistern und Elfen

ausschaut.

»Grüß Gott, edler Kupel!« Die Anrede klingt schon wärmer, als sie dem

Hönig geklungen hat. Aber der lange Kupel, der sich mit einem Satz

hinaufschwingt, dicht neben die zarte Lutz hin und Hand in Hand mit ihr

zusammensitzt, der gehört mit in die priesterliche Kaste der Kanevas.

»Klim bim, klim bim, schrum, schrum!« greift Schubert in die Saiten der

Gitarre. Worte hat er nicht viel zu geben, er sagt's lieber in Tönen,

was ihn erfüllt. Eine stille Heiterkeit ist über ihn gekommen, er fühlt

sich wunschlos glücklich neben der schönen Melusine.

»Die Musik klingt aber traurig!« ist Hönig vermessen genug, zu sagen.

»Dummer Kerl,« brummt Schubert und gibt's ihm zurück, »haben Sie schon

eine lustige Musik gehört? Ich nicht!« Der Hönig ist blamiert, man

sieht, er ist kein Kanevas, sonst wäre ihm eine so alberne Äußerung

nicht passiert. »Wie kann denn Musik lustig sein, wenn sie von dem

Herzen singt? Wenn sie von Lust singt, klingt es wie Weh, und wenn sie

von Weh singt, ist es die Lust!«

Das könnt' er dem Pfründner jetzt sagen, der sich mit all seinem Geld

nicht einen Fuß breit von dem Seelenland kaufen kann, so gern er

möchte, wo er, Franz, unumschränkter König und Gebieter ist mitsamt

den paar Getreuen, die an seiner Seite sind. Er könnte ihm jetzt das

auseinandersetzen, was er denkt, aber wozu denn? Es steht gar nicht

dafür!

»Klim bim, klim bim, schrum, schrum!« Mit Gitarregezirp, Gelächter und

Fröhlichkeit geht's von Haus zu Haus, wo Freunde wohnen, die mitkommen.

»An mein Herz, geliebter Cherubim!« so lautet der Gruß in Schwindien.

Schwind will sich neben Therese setzen, der heimliche Ritter neben die

Quellenfrau Melusine. Aber neben Melusine hat sich bereits das listige

Fledermäuslein eingenistet, Hönig, und läßt nicht locker.

»O du abscheulicher Flederwisch mit den ewig feuchten Lippen, von

denen die klebrige Schmeichelrede trenzt -- was soll denn das viele

Schwatzen?!« Die Schöne wendet sich lachend von ihm ab, aber der

Häßliche hat die Gabe der unterhaltenden Worte, sie muß halt immer

wieder hinhören, und wenn ein schiecher Kerl hübsch zu plaudern weiß,

so dauert's nicht lange, und er gleicht einem Apoll.

»Wirst dir aber wenig herausfetzen, wenn auch deine Rede Honig ist, du

garstiges Schwatzmaul!« dachte Franz und zupfte seine Gitarre.

Schwind hat sich neben Netty Hönig gesetzt, es scheint, daß er dem

munteren Mädchen sein Herz verpfänden will.

Mit Klimbim und Trara ging's also die Alleen entlang und zwischen

Hügeln und Kornfeldern hin.

Klim bim! zirpte die Gitarre, und eine Stimme summte dazu: »Ich hab'

das Grün so gern, ich hab' das Grün so gern! Weil unsere Lieb' ist

immer grün, weil grün der Hoffnung Fernen blühn, drum haben wir es

gern, drum haben wir es gern! Nun schlinge in die Locken dein das grüne

Band gefällig ein, du hast ja 's Grün so gern, du hast ja 's Grün so

gern! Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, dann weiß ich, wo die Liebe

thront, dann hab' ich 's Grün erst gern, dann hab' ich 's Grün erst

gern!«

Summte und sang es der Fee Melusine ins Ohr.

Sie hatte auch das Grün so gern und ging auf den Spaß ein und ließ das

grüne Lautenband um ihre festgesteckten Locken flattern. Dafür band

sich Franz die Gitarre mit einem Stricklein über die Schultern fest.

»Mit all deinen honigbestrichenen Leimruten, lieber Hönig, wirst du

nichts fangen!« Die Musik war die stärkere Lockung, und das Herz hing

in dem Lautenband wie das Vöglein in einer Schlinge.

In nächster Nähe von Atzenbrugg thronte auf einem Hügel das Schloß

Ochsenburg, dem Bischof Hofrat von Dankesreither gehörig; in diesen

Tagen aber machte der elegante Neffe Schober die Honneurs, bewirtete

die Wiener Freunde drei Tage lang. Der Wagen fuhr in den Hauptplatz

mit der schönen, wolkengetürmten Dreifaltigkeitssäule, die ein

kleiner Zwillingsbruder der Säule am Graben in Wien zu sein schien,

die Herren sprangen ab, die Dämchen durften sitzen bleiben, indessen

der zweispännige Wagen langsam den Hügel hinaufkroch und durch den

breiten, kühlen Flur zwischen den gewaltigen, halbrunden Ecktürmen

in den weinbewachsenen Hofraum einfuhr. Gott, war es da schön in dem

grasbestandenen Hof mit dem alten Ziehbrunnen, so recht ein Schmaus für

das romantische Gemüt Schwinds.

Einfach war das Mobiliar in dem langen Speisesaal, den weiten

Wohnräumen und den Schlafzimmern, altes, gebrechliches Gerümpel in

dicken, gewölbten, weiß getünchten Mauern, in Wänden, sanft gekrümmt

unter der Last des Alters, voll Runzeln wie ein Greisenantlitz und

zugleich wetterhart und eisenfresserisch in der trotzigen Wucht mit dem

gewaltigen Dachhelm und der knarrenden, rostigen Wetterfahne oben.

Jetzt war junges Leben in den alten hallenden Gängen und luftigen

Arkaden oder den Hofgewölben und Vorratskammern, drei Tage lang in

der Zeit, da der Herr Bischof und Oheim in der Gasteiner Ache sein

Zipperlein kurierte. Die Knechte und Mägde rissen Maul und Augen auf

über das lustige Leben, in der Küche drehte sich der Spieß, als ob ein

ganzer Ochse in der Ochsenburg gebraten werden müßte. Alle Hände der

dienstbaren Geister hatten vollauf zu tun, wenn der Herr Neffe als

Flottwell mit seinen Freunden kam.

Ein dreitägiges Fest mit Landpartien, Schmaus, Tanz und Musik -- es

vergeht wie ein Traum. Die Kunst war die Hauptsache bei dem Gastmahl,

und Franz ward infolgedessen, ohne es recht zu wollen, oder vielleicht

auch ohne es recht zu ahnen, der geistige Mittelpunkt des Festes. Wie

immer wurde etwas daraus, das den Namen Schubertiade erhielt. Um Musik,

Gesang und Dichtung war die Lebensfreude gruppiert, und siehe da, der

Bescheidenste, Borstigste, Scheueste, Einsamste ward zum König des

Tages.

Der Kleine am Klavier hatte alle am Bändel -- er hätte sich kraft

seines Genius als Herrscher fühlen mögen, aber er saß in Demut da und

schien zu darben bei dem Fest, dem er so recht eigentlich die seelische

Weihe gab. Therese sang seine Lieder, die er begleitete, ihr junger,

blühender Körper erbebte unter dem Sturmlied der Leidenschaft und

Sehnsucht, die ziellos verströmte. Seine Finger gingen mechanisch über

die Tasten, er hatte ein unendlich trauriges und wehmütiges Gefühl.

»Wie kommt es denn nur,« mochte seine innere Stimme fragen, »daß ich

nicht weiterkomme mit all meiner Liebe? Da steht sie, die Herrliche,

geschüttelt wie ein junges Bäumchen unter dem Frühlingsbrausen, das

mit Verzweiflung und Tränengewalt kommt, und ich stehe dabei dreifach

geschlagen und gebunden, ein armer, hilfloser Narr, und weiß mir nicht

zu helfen, indessen dieser Hönig, der dreiste Bengel, so tun darf, als

hätte er gewonnenes Spiel! Warum soll ich nicht auch so tun? Hab' ich

nicht zehnmal mehr Recht darauf? Aber --«

Dieses Aber, das er vor sich nicht gelten lassen wollte! Er schlug in

die Tasten hinein, der inneren Stimme Schweigen zu gebieten. Bum, bum,

bum! Aber der Macht der inneren Stimme kann keine Tongewalt der Erde

Herr werden.

»Weil du nichts bist und nichts hast und es deshalb nicht wagen darfst,

das schöne Kind aus dem reichen Hause für dich zu begehren. Und wenn

du es wolltest, wer sagt dir, daß sie dich liebt und daß sie dich

nicht mit einem mitleidigen Lächeln vertröstet und heimschickt mit

dem Zuckerbrot einer unverbindlichen Liebkosung wie damals? Wenn es

dem Hönig einfiele, ihre Hand zu begehren, der brauchte nicht viel um

Liebe zu fragen, der fordert sie einfach, und was er fordert, wird ihm

gegeben werden. Warum, warum? Mit welchem Recht? Mit dem Recht der

Seele? O nein! Du altmodischer, idealistischer Tor! Mit dem Recht des

Geldes, dem schmutzigsten und ungerechtesten Recht --«

So haderte seine Seele mit dem Schicksal und behauptete mit blindem

Eigensinn: »Es ist so!« obgleich im verlöschenden Bewußtsein die

Erkenntnisspur verblieb: »Es ist auch wieder nicht so!« Aber daran

war kein Zweifel, daß seine Lieder und alles, was er schuf, aus dem

Aufruhr seiner Gefühle hervorquoll und von dem Schmerz seiner Seele

geboren war. Wenn es ihnen auch unbegreiflich schien, so mußten es

jene ahnen, die um ihn waren, als er ihnen seinen »Wanderer« vorsang.

Am meisten ahnte es vielleicht Therese. Es ist wahr, die Sänger im

Konzertsaal sangen das Lied kunstvoll, aber keiner so ergreifend bei

aller Schlichtheit als Franz selber. Melusine, die Feine, hatte es

sogleich erraten.

»Ich wandle still, bin wenig froh, und immer fragt der Seufzer, wo?«

Noch ehe der Gesang beginnt, dämmert die Wehmut dieser Verse in den

einleitenden Akkorden auf. Das heiter-wehmütige Gefühl der Sehnsucht

mit all den heftig aus dem Gefühl hervordrängenden Fragen versinkt in

die Trostlosigkeit jener dumpfen Akkorde, die alles dunkel Geahnte zur

hoffnungslosen, tragischen Gewißheit bringen: »Wo du nicht bist, dort

ist das Glück!«

Die Musik gleicht seiner eigenen Seelenlandschaft, hohe, leuchtende

Gipfel sind darin, wo alles Selige und Heitere lebt, danach sich das

Gemüt sehnt, aber die edlen Schatten der Melancholie lagern auf dem

Weg in der Tiefe, den Franz wandert. Doch der Weg der Seele führt

über Berg und Tal in stark bewegten Kurven und ist bald im Tale der

Tränen und bald wieder auf den lichten Höhen der Seligkeit. Sie stehen

dicht beieinander, diese Höhen und Tiefen -- das tragische Bild seines

inneren Lebens.

»Es ist so,« schreit die Seele auf in ihrer Qual -- »es ist wieder

nicht so!« lächelt der nächste Augenblick.

Und was er vorhin von Hönig dachte und von Therese, das hat sich jetzt

ganz und gar widerlegt, als Melusine beim Gute-Nacht-Sagen das grüne

Band hervorzog und ein gutes herziges Wort daran knüpfte.

»Nie hab' ich so frei und leicht gesungen als heute, ich bin

abergläubisch -- vielleicht hat's dieses da gemacht --«

Dabei schob sie das verblichene Lautenband in ihren Busen: »Hier will

ich es tragen -- gute Nacht!« und war verschwunden wie eine flüchtige,

klingende Welle.

Franz lag im Bett und konnte nicht schlafen.

»Warum hab' ich ihr nicht gesagt, wie es mir ist da drin? Warum?« Aber

er hat es so schwer mit sich selbst, er kann sich nicht erschließen.

Die Worte sind zu hart, zu dürftig, zu klobig, es müßte über ihn kommen

wie ein Gewittersturm, wie ein Erdbeben, das die Klüfte aufreißt -- er

kann seine Seele nicht zeigen, es sei denn in Einsamkeit, und dann wird

es Musik.

Sie versteht ihn, aber sie versteht ihn doch wieder nicht!

Das alte Spiel: es ist so -- es ist doch wieder nicht so!

Morgen wird er ihr es sagen, all sein Fürchten, all sein Hoffen.

Morgen, wenn der große Augenblick wiederkehrt. Aber er weiß schon

wiederum auch: er kehrt nicht wieder ....

Knarr, knarr! singt die Wetterfahne auf dem Dach.

»Sie pfeift dich aus!« denkt der Schlaflose in seiner Kammer. »Es ist

des Hauses aufgestecktes Schild -- ein Narr, der hier sucht ein treues

Frauenbild.«

Der Wind spielt mit seinem Herzen wie auf dem Dach, nur nicht so laut!

Knarr, knarr!

Das Schicksal pfeift ihn aus, und seine innere Stimme lacht auf wie

zum Hohn: »Ha, ha! Laß ab -- sie ist eine reiche Braut!«

Er ist nicht der einzige Schlaflose in diesem Gemäuer. In der Kammer

nebenan liegt Schwind, auch er hört die Wetterfahne und denkt und

denkt. Er hat sein Herz vollends verloren an Netty Hönig.

Knarr, knarr! krächzt die Fahne auf dem Dach mit rostiger Stimme. Das

Herz knarrt dazu, als ob der eiserne Stab sich darin um und um drehte.

»Ach Netty, Netty -- wärst du nicht eine so reiche Braut!«

Ja, sie haben's nicht leicht, diese beiden!

Die Festtage vergehen, der ersehnte Augenblick hat sich nicht

wiederholt, das Herz ist voll und schwer von Liebesworten, die nicht

gesprochen wurden. Nichts kann mehr brennen als solche feurige Worte,

die man hinunterschlucken muß und deren Qual nur gemildert wird von

verschluckten Tränen, die nach ihnen geweint werden.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 17 / 42 题