VII.

Im Gundelhof ist alle Freitag musikalische Soiree bei dem Wiener

Rechtsanwalt Dr. Ignaz von Sonnleithner. Der alte Herr von Sonnleithner

scheint im Leben ein ziemlich trockener Patron, eine etwas nüchterne

und schwunglose Advokatennatur, nur bei der Musik hat er sein Herz

entdeckt. Eine kleine Gesellschaft von Musikfreunden findet sich

seit Jahren an den Freitagabenden bei ihm ein, der Andrang ist mit

der Zeit so groß, daß Eintrittskarten verabreicht werden; was zuerst

eine private Liebhaberei war, wird nach und nach eine mehr und mehr

öffentliche Einrichtung; die Gesellschaft der Wiener Musikfreunde

bildet sich als Pflegestätte edler Musik heraus. Sie wird so groß, daß

sie einen Ableger entsendet, den kleinen Musikverein, der sich auf

intimere Veranstaltungen verlegt und ebenfalls aus dem Privatsalon in

den Konzertsaal hinüberwächst.

Schubert ist dort kein Unbekannter mehr, wenigstens dem Namen nach;

als er noch der Schulgehilfe vom Himmelpfortgrunde war, ist eine

Kantate von ihm im Gundelhof aufgeführt worden. Der Sohn Leopold

von Sonnleithner, ebenfalls Konviktszögling, hat seither eifrig

Schubertsche Blätter gesammelt, die in Abschriften von Hand zu Hand

gingen, und die ihm neuerdings durch Joseph Hüttenbrenner reichlicher

zufließen.

Den Mittelpunkt der Gesellschaft der Musikfreunde bilden drei liebliche

Schwestern, die in ihrer Dreieinheit die Wiener Muse des Gesangs

verkörpern. Sie heißen Schwestern Fröhlich. Wenn der Name genannt wird,

dann leuchten die Gesichter auf, ein freundliches Lächeln erwacht. So

groß ist die Wirkung, die von den Schwestern ausgeht.

Zu den Fröhlichs in der Singerstraße kommt Leopold eines Tages mit

Noten von Franz. »Die Lieder sind von einem jungen Menschen --

vielleicht probiert ihr sie; sie sollen recht gut sein.« Mehr sagt er

nicht. Die Schwestern sollen selber sehen, was dran ist.

Die Lieblichste von den Dreien, Kathi, setzt sich gleich ans Klavier,

versucht die Begleitung und singt mit halber Stimme. Das erste

Lied ist der »Erlkönig«. Im Nebenzimmer befindet sich der Vetter

Sonnleithners, der junge und schon vielgenannte Dichter der »Ahnfrau«,

Franz Grillparzer, Kathi ist seine Braut. Das ist der, von dem Schubert

des öfteren schwärmt und den er so gern zu seinen Freunden zählen

möchte. Außer Grillparzer ist Gymnich da, ein junger, blasser Mensch,

brustleidend, Besitzer einer außerordentlich schönen Stimme, in seinen

Nebenstunden Beamter -- die meisten sind Beamte in ihren Nebenstunden,

auch so Große wie Grillparzer, die Kunst ist brotlos, und Genies wie

Schubert und Schwind müssen darben.

Auf einmal horcht Gymnich auf, tritt ins Klavierzimmer zu Kathi: »Was

spielen Sie denn da? Ist das Ihre Phantasie?«

»Nein! Ein junger Mensch hat es gemacht, ich kenne ihn nicht näher,

doch warten Sie: wie heißt er? Schubert! Den Namen hab' ich schon

nennen gehört, aber ich weiß nicht wann und wo -- einerlei. Schön,

nicht wahr?«

Gymnich ist außer sich. »Das ist ja herrlich, das ist etwas ganz

Außergewöhnliches! Lassen Sie doch sehen!«

Jetzt singt er, Kathi begleitet ihn. Die Männerstimme bringt es jetzt

klar heraus, was in dem Lied steckt, alle Schauer, alle Abgründe -- die

Zuhörer sind hingerissen.

Die anderen Blätter werden durchgespielt, man kann sich kaum mehr

trennen davon, den ganzen Abend lang werden diese Lieder gesungen und

wieder gesungen.

»Und der Mann lebt in Wien? Und wir kennen ihn nicht? Sonnleithner, das

ist eine Schande! Sie müssen ihn zu uns bringen, und zwar gleich, in

diesen Tagen noch, morgen, übermorgen. Verstanden?!«

»Ja.« Leopold Sonnleithner hat verstanden. Am dritten Tage kommt

er mit Franz, den er am Rockärmel hält. Es war nicht ganz leicht,

fast mit Gewalt und Joseph Hüttenbrenners Unterstützung hat man ihn

hergeschleppt. Die Aussicht, Grillparzer zu treffen, den er so gern

kennen lernen möchte, wirkte eher als Abschreckung, so geniert fühlte

er sich. Da standen sich nun die beiden gegenüber, sie waren neugierig

aufeinander und fanden nicht das rechte Wort, das die Brücke hätte sein

können von Herz zu Herz.

Grillparzer war verschlossen seiner Gewohnheit gemäß, Schubert war

scheu und ging gleich ans Klavier; was aber die Worte nicht zu binden

vermochten, das vollbrachten die Töne, die unter den meisterlichen

Fingern dem Instrument entstiegen, und außerdem wußten die drei

Schwestern als freundliche Grazien mit den beiden, die sich schwer

taten, so umzugehen, daß allen leicht und wohl wurde. So entstand eine

wortlose, zurückhaltende Freundschaft, von der man nicht mehr wußte,

als daß sie da war, und daß sanfte und liebreiche Frauenhände die Bande

zu einem ganz haltbaren Knoten geschlungen haben. Zu den Schwestern

Fröhlich kam nun Franz öfter und öfter.

Bald hernach sang Gymnich den »Erlkönig« im Gundelhof an einem Freitag

abend. Die Leute waren bezaubert.

»Wie geht es denn eigentlich zu, daß so ein Mensch nicht schon

längst berühmt ist, eine anerkannte Größe in der Welt?!« Dem alten

Sonnleithner war es völlig unbegreiflich.

»Wie es zugeht? Ungerecht geht's zu in der Welt, elend -- fragen Sie

den Herrn Verleger Diabelli oder Haßlinger, dann wird es Ihnen klar

sein ...« so redet Joseph Hüttenbrenner, der ein getreuer Famulus

Schuberts geworden war und immer eifriger begann, den Verwalter des

Genius zu spielen. Er erzählte wahrheitsgetreu, wie die Lage war.

»Unsinn, ist doch ein aufgelegtes, gutes Geschäft, wenn man's so

betrachten will, vom Verlegerstandpunkt,« entgegnete der alte

Sonnleithner in seiner etwas barschen, trockenen Weise; »da muß halt

was getan werden, warum soll denn der Verleger nicht wollen? Werd'

einmal selber reden mit ihm.«

Es hat aber dem Herrn Advokaten nicht viel genützt, weder bei dem

einen, noch bei dem anderen, keiner traut sich recht, einen Pfennig

anzulegen, sind alle mitsamt erbärmliche Drücker, die ein Geschäft erst

machen, wenn sie den Profit schon von vornherein gesichert und bar auf

dem Tisch liegen haben.

Wenn doch der Herr Doktor und die vielen Freunde sich zusammentäten

und die Kosten aufbrächten, dann wollte sich der Herr Verleger schon

eher bereit finden lassen, die Sache in Kommission zu nehmen und den

Profit einzustecken -- nun ja, warum denn nicht! Man tut ja gern was

für ein junges Genie; aber auf Verlegerunkosten -- nein! Wütend geht

Sonnleithner heim, er wendete hin und her, wie sich's machen ließe --

jedenfalls, jetzt gibt's kein Lockerlassen mehr!

Inzwischen findet ein öffentlicher Abend im kleinen Musikverein statt,

Gymnich singt den »Erlkönig« im Konzertsaal. Das hat jetzt eine

durchschlagendere Kraft als alle früheren Veranstaltungen in privaten

Zirkeln und Wohltätigkeitsakademien. Das Publikum ist rasend, der

Komponist wird herausgestampft, diesmal haben ihn die Freunde nicht

entwischen lassen. Hüttenbrenner, Schober, Mayrhofer, sie haben zu

tun, ihn vom Künstlerzimmer aus aufs Podium zu bringen. Jetzt steht er

oben mit etwas verwursteltem Frack, macht ein paar linkische Kratzfüße

vor der begeisterten Menge -- und weg ist er, fluchtartig herunter und

verschwunden. Keine Macht der Erde bringt ihn mehr herauf, er ist froh,

daß es überstanden ist. Aber soviel steht fest, der junge Meister ist

entdeckt.

Sein Schaffen im Verborgenen war einem Strom vergleichbar, der viel

verzweigte unterirdische Gänge wählt und nur da und dort mit einer

prachtvoll strömenden Welle an die Oberfläche tritt. In der Tiefe wühlt

er sein Bett und sammelt im Verborgenen seine Gewässer; kann aber

nimmer lang dauern, da muß der Strom hervorbrechen ans Tageslicht in

voller Kraft und Herrlichkeit, der Welt ein neues Licht zu geben. Wer

hineinschaut, sieht Sonne, Mond und Sterne darin, und das eigene Herz

und das Rauschen singt jedem, der es hört, in der eigenen Brust drin.

Das war so jetzt um diese Zeit.

Mit einem Male wird es an allen Ecken und Enden lebendig. Der

Opernsänger Jäger hat in Wien und in Dresden gesungen, der Vogl

singt die herrliche Ballade vor einer adeligen Damenakademie im

Konzertsaal, die Zeitungen fangen an, sich zu interessieren, sie

bringen spaltenlange Berichte, das Publikum ist wie rasend -- Franz ist

ein gemachter Mann. Der Hofmusikgraf Dietrichstein, der Operndirektor

Mosel, der Hofmusikdirektor Salieri, sie stellen ihm alle glänzende

Empfehlungsschreiben aus -- schöne Worte, verdientes Geld wäre ihm aber

lieber gewesen, dem Franz, der jetzt unter einer wahren Traufe von

Anerkennungen steht und dabei arm ist wie eine Kirchenmaus.

Die Freunde feiern den Gefeierten. Sie kommen aus Vogls Konzert ins

Stammbeisel, wo sie Schubert erwartet. Sie sind noch ganz aufgeregt

und erhitzt von dem Erlebten.

»Vogl hat den ›Erlkönig‹ wiederholen müssen, so begeistert waren die

Leute!« schreit ihm der erste gleich entgegen. Und nun geht es an ein

eifriges Erzählen und Luftschlösserbauen.

Schwind, der sonst Verträumte und Wortkarge, ist jetzt der Eifrigste,

den Erfolg des Freundes zu rühmen und die Wirkung auszumalen, die

Schuberts Wunderhorn auf die Seelen ausgeübt hat. Er selber hat

Erlkönige in der Mappe, er, der malende Schubert, die Musik ist seine

stille Liebe; was Franz geleistet hat, er kann es am besten sagen.

»Da haben die Leute, denen sonst die Ohren verstopft sind, doch endlich

gemerkt, daß hier ein völlig neuer, noch nie dagewesener Ton erklungen

ist -- der hat sie in der Seele gepackt, daß sie auf einmal gar nicht

gewußt haben, wie ihnen geschieht ...«

Und nun geht es an ein schwärmerisches Nachgenießen, ein jeder will

sagen, worin das Geheimnis Schuberts besteht, am besten gelingt es dem

Schwind.

»Franz soll weghören, er könnt' mir am Ende zu eitel werden!« hebt er

also an.

Franz denkt tiefer in sein Glas hinein; sie können reden, was sie

wollen, er hat seine eigenen Gedankenwege.

»Seht also her!« erklärt Schwind, den sie den Cherubim nennen, sich und

den anderen: »Wieviel Musik in der deutschen Sprache ist, das wissen

wir jetzt durch unseren verflixten Franzl. Das hat keiner vor ihm

verstanden, und wer weiß, ob je einer nach ihm es je wieder vermögen

wird.«

Da wirft einer ein: »Nun, und Karl Maria Weber, ist der gar nichts? Und

Meister Wolfgang Amadeus? Die beiden haben doch auch Melodien aus dem

grauen Dasein herausgeklopft, wie weiland Moses Wasser aus dem Felsen

....« Der kleine Widerspruchsteufel ist der Holzapfl.

»Ganz richtig!« entgegnet der Cherubim und dreht den Spieß um. »Nimm

also zum Vergleich Karl Maria und selbst den himmlischen Wolfgang

Amadeus. Haben herrliche Melodien erfunden, darüber ist nicht zu

streiten. Aber der wundervolle Klang tritt unbekümmert auf dem Text

herum, Musik und Worte tun so, als ob sie nichts miteinander zu tun

hätten. Bilden zusammen eine schlechte Ehe, darin jedes auf eigene

Faust sein Vergnügen sucht. Mit dieser Luderei hat Franzl tüchtig

aufgeräumt. Wenn der ein Wort in die Hand nimmt, klingt es auf voll

Leben und Musik, daß man ganz betroffen ist. Er setzt es hin, daß es

seinen richtigen Tonwert hat, mit einemmal kommt Farbe, Bewegung in die

Sprache, du hörst das Gefühl hinter dem Wort aufklingen, und hinter dem

Gefühl das Urgefühl, wodurch es mit allen Menschenherzen aufs gleiche

verbunden ist. So wie er hat es noch keiner fertig gebracht, in das

Innere der Handlung zu greifen.

Vergegenwärtigt euch nur einmal, wie er in der Melodieführung die

abwechselnden Gefühle des Vaters, des Kindes und des Erlkönigs

dramatisch herausarbeitet, verstärkt, steigert, daß es einem eiskalt

über den Rücken läuft, während die Begleitmusik das Äußere der

Handlung hinzubringt, den Galopp des Pferdes, das Brausen des Sturmes,

daß einem nur so gleich die Haare zu Berg stehen. Das Tragische in

dem Gedicht ist nicht durch süßliche Glätte verschmiert, hier wird

es im Gegenteil durch eine schroffe, und eher eckige als schmiegsame

Melodie zu einem markerschütternden Aufschrei gebracht, der die ganze

furchtbare Tiefe der Dichtung aufreißt, das mystische Tor, hinter dem

der Tod lauert .... Das haben die versulzten Hirne endlich begriffen --

Franz, es kann dir nichts mehr geschehen, du bist oben! Prost! -- mir

ist wohl und leicht, deinetwegen!«

Der kongeniale Freund war ein guter Fürsprecher, sein Herz schlug

im gleichen Takt, ihm kam es zu, das Wesen Schuberts auszusprechen.

Das Tiefste freilich vermochte niemand zu sagen, wenn im liebevollen

Drängen der Freunde immer wieder die bewundernde Frage auftauchte, wo

er sie denn hernimmt, die vielen genialen Gedanken, der Himmelsakra

übereinand?!

Je nun, wo er sie hernimmt, der Himmelsakra? Das weiß nur einer, in

dem die Himmelsmächte fast ebenso rumoren, wie in dem stillen Franz,

von dem ein gutes Wort sagt, der liebe Gott hat's ihm gegeben. Es gibt

kein besseres, wenn es nur recht verstanden wird; Cherubim weiß es, er

schweigt fein still zu den Fragen und lächelt Franz zu -- es geht die

anderen nichts an.

Holzapfl setzt einen Dämpfer auf.

»O du essigsaures Holzapflgesicht!«

Er läßt sich aber nicht irre machen, er muß den Tropfen Wermut in den

Freudenbecher tun: »Also daß die Begeisterung des Publikums wohl

auch für den ›Wanderer‹ auf gleicher Höhe geblieben, aber bei dem

›Gesang der Geister über den Wassern‹ bedenklich herabgesunken und sich

eigentlich in Befremden verwandelt hätte.«

»Das ist eben ein Beweis,« braust Schwind auf, »daß die verfilzten

Ohrwascheln der lieben Zeitgenossen erst noch ganz gehörig aufgestemmt

werden müssen, ehe sie für die Offenbarungen des Genius empfänglich

werden. Den ›Erlkönig‹ haben sie glücklich begriffen und meinen,

jetzt müßte alles drehorgelhaft im Erlkönigton weitergehen -- lauter

Erlkönige, damit die faule Bande in ihrer angeborenen Denkfaulheit

und Bequemlichkeit nicht gestört werde. Daß sie durch den ›Gesang der

Geister über den Wassern‹ durch einen neuen Geniestoß aus der süßen

Gewohnheit aufgeschreckt werden, das geht ihnen schon gegen den Strich.

Jetzt kann es zehn Jahre dauern, bis sie diesen zweiten Streich

verdauen. Dann stehen sie Kopf voll Entzücken, indessen der Künstler

schon wieder weiß Gott wo ist. Bedenkt doch, ihr Lieben, daß der

›Erlkönig‹ schon vor fünf Jahren komponiert worden ist -- es ist

verhältnismäßig ohnehin schnell gegangen mit seiner Popularität.

Es wäre aber interessant, auszurechnen, wie viele Jahrzehnte die

Allgemeinheit in der Regel braucht, um den Genius wirklich zu

begreifen.« Und mit einem boshaften Seitenblick fügt er hinzu: »Soviel

aber wird dem Publikum klar -- der Holzapfl fällt nicht weit vom Stamm!«

Der hat jetzt sein Teil.

Dafür rächt sich Holzapfl wieder auf seine Art und bringt in den

nächsten Tagen ein Zeitungsblatt mit einer Kritik, die er den Freunden

nicht ganz ohne heimliche Genugtuung vorsetzt. »Der Tonsetzer,« so

lautet der Konzertbericht, »gleicht in solchen Kompositionen einem

Großfuhrmann, der achtspännig fährt, bald rechts, bald links, also

ausweicht, dann umkehrt und dieses Spiel immerfort treibt, ohne auf

eine Straße zu kommen ....«

In dem geheimnisvollen Auf und Ab und Hin und Her der wallenden Geister

will der Kritiker einen Großfuhrmann erkennen, der achtspännig fährt.

Darüber erhebt sich im Freundeskreise ein unverlöschliches Gelächter.

Dem beispiellosen Erfolg hat es übrigens kaum geschadet, daß der

»Gesang der Geister über den Wassern« vorderhand unverstanden bleibt.

Hat ebensowenig geschadet, daß die beiden ersten Opern Schuberts,

»Die Zwillinge« und die »Zauberharfe«, erfolglos geblieben. Geld hat

er keines mehr gesehen dafür, es war verlorene Arbeit. Ein erster

tastender Versuch. Schlechte Texte, ja, das war das Malheur. Aber

einer, der als Lyriker in den vertonten Gedichten eine so gewaltige

dramatische Kraft bekundete, der war für die Oper geboren. Von dem war

Neues und Unerhörtes zu erwarten, nur Zeit! Zeit, einen guten Stoff,

vor allem aber einen sorgenfreien Kopf und ungestörte Arbeitsruhe. Aber

da hapert's schon. Zeit, Sorgenfreiheit und Arbeitsruhe, das bedeutet

Geld, Geld und wiederum Geld. Woher nehmen und nicht stehlen?

Was ist das für ein Zustand? Ein Mann steht auf der Höhe der

Meisterschaft, erntet Ruhm, Anerkennung, aber es hilft alles nichts.

Er steht da, gebunden an Händen und Füßen, ohne Geld, ohne Verleger --

wie soll da ein Mensch weiter kommen? »Ihr seht, das Beste, was man

hat und macht, das ist und bleibt brotlose Kunst.« Aber Schwind weiß es

besser: »Brotlose Kunst hat die Eigenschaft, sich mit der Zeit in Gold

umzusetzen, man muß nur warten können.«

»Nun ja, warten, warten -- meinetwegen; um Gold ist mir nicht zu tun,

sondern um Schaffen; aber ein Mensch, der arbeiten will, der muß auch

leben können. Anerkennungen, Lobeserhebungen, schöne Worte -- davon

kannst nicht abbeißen, kannst keinen Zins bezahlen, keinen Schneider

entlohnen, nichts, nichts; höchstens das Maul auf den Nagel hängen, als

das einzige, das einem übrigbleibt.«

Geduld, Geduld, alles kommt. Die Freunde schießen durcheinander. Joseph

Hüttenbrenner geht bei Sonnleithner aus und ein, dort bereitet sich

eine ernste Sache vor.

Die beiden Sonnleithner, Vogl, Schönstein, Grillparzer, die Schwestern

Fröhlich, ein ganzer Kreis von Verehrern bilden ein Komitee, sie wollen

den »Erlkönig« auf eigene Kosten stechen lassen und bei Diabelli

kommissionsweise verlegen.

Franz hat sich wieder in seine Arbeit eingesponnen und sitzt in seiner

Klause. Ist der einzige Trost, die Übel der Welt gehen an der Tür

vorüber, wenn man bei der Arbeit sitzt.

Sonnleithner ist schon ganz ärgerlich, Franz müßte sich mehr zeigen, er

sollte einer Sängerin, dem Fräulein Linhardt nämlich, den »Jüngling«

einstudieren, für seinen Geisterchor am Freitagabend. »Warum kommt er

denn nicht? Warum kommt er denn nicht?!« setzt sich hin und schreibt

dem Hüttenbrenner ein paar ärgerliche Zeilen, er müßte sich billig

wundern, daß Schubert sich gar nicht bei ihm sehen ließe, da er doch

wegen seinem »Erlkönig« und wegen anderer Angelegenheiten ihn dringend

zu sprechen habe.

Diese »anderen Angelegenheiten« sind indessen schon im Gang, am

nächsten Freitagabend kann Sonnleithner den Gästen verkünden, daß die

Ballade erschienen sei -- noch am selben Abend haben hundert ihre Namen

in die Subskriptionsliste gezeichnet. Macht ein schönes Geld aus, der

Preis ist nicht gering, die Kosten kommen glatt herein, ein schöner

Überschuß dazu -- der fließt in die Tasche Schuberts.

Der Anfang ist gemacht, die Sache zieht, Diabelli merkt, hier kann

man einen Schnitt machen. Es dauert nicht lange, erscheint wieder ein

Heft und wieder eines, ein Geriß ist darum wie beim Bäcker um die

frischen Semmeln. Alle drei, vier Wochen ein neues Heft mit mehreren

Liedern. Kein Konzert wird gegeben, wo nicht eine oder mehrere Sachen

von Schubert gesungen werden. Die Zeitungen singen sein Lob in allen

Tonarten. Das Meisterlein steht auf der Höhe seines Ruhms.

Jetzt klimpern auch die Taler um ihn herum. Es ist ja verhältnismäßig

bescheiden, was er einnimmt, aber trotzdem, einen solchen Wohlstand

hatte er noch nie gehabt wie jetzt.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 16 / 42 题