Im Gundelhof ist alle Freitag musikalische Soiree bei dem Wiener
Rechtsanwalt Dr. Ignaz von Sonnleithner. Der alte Herr von Sonnleithner
scheint im Leben ein ziemlich trockener Patron, eine etwas nüchterne
und schwunglose Advokatennatur, nur bei der Musik hat er sein Herz
entdeckt. Eine kleine Gesellschaft von Musikfreunden findet sich
seit Jahren an den Freitagabenden bei ihm ein, der Andrang ist mit
der Zeit so groß, daß Eintrittskarten verabreicht werden; was zuerst
eine private Liebhaberei war, wird nach und nach eine mehr und mehr
öffentliche Einrichtung; die Gesellschaft der Wiener Musikfreunde
bildet sich als Pflegestätte edler Musik heraus. Sie wird so groß, daß
sie einen Ableger entsendet, den kleinen Musikverein, der sich auf
intimere Veranstaltungen verlegt und ebenfalls aus dem Privatsalon in
den Konzertsaal hinüberwächst.
Schubert ist dort kein Unbekannter mehr, wenigstens dem Namen nach;
als er noch der Schulgehilfe vom Himmelpfortgrunde war, ist eine
Kantate von ihm im Gundelhof aufgeführt worden. Der Sohn Leopold
von Sonnleithner, ebenfalls Konviktszögling, hat seither eifrig
Schubertsche Blätter gesammelt, die in Abschriften von Hand zu Hand
gingen, und die ihm neuerdings durch Joseph Hüttenbrenner reichlicher
zufließen.
Den Mittelpunkt der Gesellschaft der Musikfreunde bilden drei liebliche
Schwestern, die in ihrer Dreieinheit die Wiener Muse des Gesangs
verkörpern. Sie heißen Schwestern Fröhlich. Wenn der Name genannt wird,
dann leuchten die Gesichter auf, ein freundliches Lächeln erwacht. So
groß ist die Wirkung, die von den Schwestern ausgeht.
Zu den Fröhlichs in der Singerstraße kommt Leopold eines Tages mit
Noten von Franz. »Die Lieder sind von einem jungen Menschen --
vielleicht probiert ihr sie; sie sollen recht gut sein.« Mehr sagt er
nicht. Die Schwestern sollen selber sehen, was dran ist.
Die Lieblichste von den Dreien, Kathi, setzt sich gleich ans Klavier,
versucht die Begleitung und singt mit halber Stimme. Das erste
Lied ist der »Erlkönig«. Im Nebenzimmer befindet sich der Vetter
Sonnleithners, der junge und schon vielgenannte Dichter der »Ahnfrau«,
Franz Grillparzer, Kathi ist seine Braut. Das ist der, von dem Schubert
des öfteren schwärmt und den er so gern zu seinen Freunden zählen
möchte. Außer Grillparzer ist Gymnich da, ein junger, blasser Mensch,
brustleidend, Besitzer einer außerordentlich schönen Stimme, in seinen
Nebenstunden Beamter -- die meisten sind Beamte in ihren Nebenstunden,
auch so Große wie Grillparzer, die Kunst ist brotlos, und Genies wie
Schubert und Schwind müssen darben.
Auf einmal horcht Gymnich auf, tritt ins Klavierzimmer zu Kathi: »Was
spielen Sie denn da? Ist das Ihre Phantasie?«
»Nein! Ein junger Mensch hat es gemacht, ich kenne ihn nicht näher,
doch warten Sie: wie heißt er? Schubert! Den Namen hab' ich schon
nennen gehört, aber ich weiß nicht wann und wo -- einerlei. Schön,
nicht wahr?«
Gymnich ist außer sich. »Das ist ja herrlich, das ist etwas ganz
Außergewöhnliches! Lassen Sie doch sehen!«
Jetzt singt er, Kathi begleitet ihn. Die Männerstimme bringt es jetzt
klar heraus, was in dem Lied steckt, alle Schauer, alle Abgründe -- die
Zuhörer sind hingerissen.
Die anderen Blätter werden durchgespielt, man kann sich kaum mehr
trennen davon, den ganzen Abend lang werden diese Lieder gesungen und
wieder gesungen.
»Und der Mann lebt in Wien? Und wir kennen ihn nicht? Sonnleithner, das
ist eine Schande! Sie müssen ihn zu uns bringen, und zwar gleich, in
diesen Tagen noch, morgen, übermorgen. Verstanden?!«
»Ja.« Leopold Sonnleithner hat verstanden. Am dritten Tage kommt
er mit Franz, den er am Rockärmel hält. Es war nicht ganz leicht,
fast mit Gewalt und Joseph Hüttenbrenners Unterstützung hat man ihn
hergeschleppt. Die Aussicht, Grillparzer zu treffen, den er so gern
kennen lernen möchte, wirkte eher als Abschreckung, so geniert fühlte
er sich. Da standen sich nun die beiden gegenüber, sie waren neugierig
aufeinander und fanden nicht das rechte Wort, das die Brücke hätte sein
können von Herz zu Herz.
Grillparzer war verschlossen seiner Gewohnheit gemäß, Schubert war
scheu und ging gleich ans Klavier; was aber die Worte nicht zu binden
vermochten, das vollbrachten die Töne, die unter den meisterlichen
Fingern dem Instrument entstiegen, und außerdem wußten die drei
Schwestern als freundliche Grazien mit den beiden, die sich schwer
taten, so umzugehen, daß allen leicht und wohl wurde. So entstand eine
wortlose, zurückhaltende Freundschaft, von der man nicht mehr wußte,
als daß sie da war, und daß sanfte und liebreiche Frauenhände die Bande
zu einem ganz haltbaren Knoten geschlungen haben. Zu den Schwestern
Fröhlich kam nun Franz öfter und öfter.
Bald hernach sang Gymnich den »Erlkönig« im Gundelhof an einem Freitag
abend. Die Leute waren bezaubert.
»Wie geht es denn eigentlich zu, daß so ein Mensch nicht schon
längst berühmt ist, eine anerkannte Größe in der Welt?!« Dem alten
Sonnleithner war es völlig unbegreiflich.
»Wie es zugeht? Ungerecht geht's zu in der Welt, elend -- fragen Sie
den Herrn Verleger Diabelli oder Haßlinger, dann wird es Ihnen klar
sein ...« so redet Joseph Hüttenbrenner, der ein getreuer Famulus
Schuberts geworden war und immer eifriger begann, den Verwalter des
Genius zu spielen. Er erzählte wahrheitsgetreu, wie die Lage war.
»Unsinn, ist doch ein aufgelegtes, gutes Geschäft, wenn man's so
betrachten will, vom Verlegerstandpunkt,« entgegnete der alte
Sonnleithner in seiner etwas barschen, trockenen Weise; »da muß halt
was getan werden, warum soll denn der Verleger nicht wollen? Werd'
einmal selber reden mit ihm.«
Es hat aber dem Herrn Advokaten nicht viel genützt, weder bei dem
einen, noch bei dem anderen, keiner traut sich recht, einen Pfennig
anzulegen, sind alle mitsamt erbärmliche Drücker, die ein Geschäft erst
machen, wenn sie den Profit schon von vornherein gesichert und bar auf
dem Tisch liegen haben.
Wenn doch der Herr Doktor und die vielen Freunde sich zusammentäten
und die Kosten aufbrächten, dann wollte sich der Herr Verleger schon
eher bereit finden lassen, die Sache in Kommission zu nehmen und den
Profit einzustecken -- nun ja, warum denn nicht! Man tut ja gern was
für ein junges Genie; aber auf Verlegerunkosten -- nein! Wütend geht
Sonnleithner heim, er wendete hin und her, wie sich's machen ließe --
jedenfalls, jetzt gibt's kein Lockerlassen mehr!
Inzwischen findet ein öffentlicher Abend im kleinen Musikverein statt,
Gymnich singt den »Erlkönig« im Konzertsaal. Das hat jetzt eine
durchschlagendere Kraft als alle früheren Veranstaltungen in privaten
Zirkeln und Wohltätigkeitsakademien. Das Publikum ist rasend, der
Komponist wird herausgestampft, diesmal haben ihn die Freunde nicht
entwischen lassen. Hüttenbrenner, Schober, Mayrhofer, sie haben zu
tun, ihn vom Künstlerzimmer aus aufs Podium zu bringen. Jetzt steht er
oben mit etwas verwursteltem Frack, macht ein paar linkische Kratzfüße
vor der begeisterten Menge -- und weg ist er, fluchtartig herunter und
verschwunden. Keine Macht der Erde bringt ihn mehr herauf, er ist froh,
daß es überstanden ist. Aber soviel steht fest, der junge Meister ist
entdeckt.
Sein Schaffen im Verborgenen war einem Strom vergleichbar, der viel
verzweigte unterirdische Gänge wählt und nur da und dort mit einer
prachtvoll strömenden Welle an die Oberfläche tritt. In der Tiefe wühlt
er sein Bett und sammelt im Verborgenen seine Gewässer; kann aber
nimmer lang dauern, da muß der Strom hervorbrechen ans Tageslicht in
voller Kraft und Herrlichkeit, der Welt ein neues Licht zu geben. Wer
hineinschaut, sieht Sonne, Mond und Sterne darin, und das eigene Herz
und das Rauschen singt jedem, der es hört, in der eigenen Brust drin.
Das war so jetzt um diese Zeit.
Mit einem Male wird es an allen Ecken und Enden lebendig. Der
Opernsänger Jäger hat in Wien und in Dresden gesungen, der Vogl
singt die herrliche Ballade vor einer adeligen Damenakademie im
Konzertsaal, die Zeitungen fangen an, sich zu interessieren, sie
bringen spaltenlange Berichte, das Publikum ist wie rasend -- Franz ist
ein gemachter Mann. Der Hofmusikgraf Dietrichstein, der Operndirektor
Mosel, der Hofmusikdirektor Salieri, sie stellen ihm alle glänzende
Empfehlungsschreiben aus -- schöne Worte, verdientes Geld wäre ihm aber
lieber gewesen, dem Franz, der jetzt unter einer wahren Traufe von
Anerkennungen steht und dabei arm ist wie eine Kirchenmaus.
Die Freunde feiern den Gefeierten. Sie kommen aus Vogls Konzert ins
Stammbeisel, wo sie Schubert erwartet. Sie sind noch ganz aufgeregt
und erhitzt von dem Erlebten.
»Vogl hat den ›Erlkönig‹ wiederholen müssen, so begeistert waren die
Leute!« schreit ihm der erste gleich entgegen. Und nun geht es an ein
eifriges Erzählen und Luftschlösserbauen.
Schwind, der sonst Verträumte und Wortkarge, ist jetzt der Eifrigste,
den Erfolg des Freundes zu rühmen und die Wirkung auszumalen, die
Schuberts Wunderhorn auf die Seelen ausgeübt hat. Er selber hat
Erlkönige in der Mappe, er, der malende Schubert, die Musik ist seine
stille Liebe; was Franz geleistet hat, er kann es am besten sagen.
»Da haben die Leute, denen sonst die Ohren verstopft sind, doch endlich
gemerkt, daß hier ein völlig neuer, noch nie dagewesener Ton erklungen
ist -- der hat sie in der Seele gepackt, daß sie auf einmal gar nicht
gewußt haben, wie ihnen geschieht ...«
Und nun geht es an ein schwärmerisches Nachgenießen, ein jeder will
sagen, worin das Geheimnis Schuberts besteht, am besten gelingt es dem
Schwind.
»Franz soll weghören, er könnt' mir am Ende zu eitel werden!« hebt er
also an.
Franz denkt tiefer in sein Glas hinein; sie können reden, was sie
wollen, er hat seine eigenen Gedankenwege.
»Seht also her!« erklärt Schwind, den sie den Cherubim nennen, sich und
den anderen: »Wieviel Musik in der deutschen Sprache ist, das wissen
wir jetzt durch unseren verflixten Franzl. Das hat keiner vor ihm
verstanden, und wer weiß, ob je einer nach ihm es je wieder vermögen
wird.«
Da wirft einer ein: »Nun, und Karl Maria Weber, ist der gar nichts? Und
Meister Wolfgang Amadeus? Die beiden haben doch auch Melodien aus dem
grauen Dasein herausgeklopft, wie weiland Moses Wasser aus dem Felsen
....« Der kleine Widerspruchsteufel ist der Holzapfl.
»Ganz richtig!« entgegnet der Cherubim und dreht den Spieß um. »Nimm
also zum Vergleich Karl Maria und selbst den himmlischen Wolfgang
Amadeus. Haben herrliche Melodien erfunden, darüber ist nicht zu
streiten. Aber der wundervolle Klang tritt unbekümmert auf dem Text
herum, Musik und Worte tun so, als ob sie nichts miteinander zu tun
hätten. Bilden zusammen eine schlechte Ehe, darin jedes auf eigene
Faust sein Vergnügen sucht. Mit dieser Luderei hat Franzl tüchtig
aufgeräumt. Wenn der ein Wort in die Hand nimmt, klingt es auf voll
Leben und Musik, daß man ganz betroffen ist. Er setzt es hin, daß es
seinen richtigen Tonwert hat, mit einemmal kommt Farbe, Bewegung in die
Sprache, du hörst das Gefühl hinter dem Wort aufklingen, und hinter dem
Gefühl das Urgefühl, wodurch es mit allen Menschenherzen aufs gleiche
verbunden ist. So wie er hat es noch keiner fertig gebracht, in das
Innere der Handlung zu greifen.
Vergegenwärtigt euch nur einmal, wie er in der Melodieführung die
abwechselnden Gefühle des Vaters, des Kindes und des Erlkönigs
dramatisch herausarbeitet, verstärkt, steigert, daß es einem eiskalt
über den Rücken läuft, während die Begleitmusik das Äußere der
Handlung hinzubringt, den Galopp des Pferdes, das Brausen des Sturmes,
daß einem nur so gleich die Haare zu Berg stehen. Das Tragische in
dem Gedicht ist nicht durch süßliche Glätte verschmiert, hier wird
es im Gegenteil durch eine schroffe, und eher eckige als schmiegsame
Melodie zu einem markerschütternden Aufschrei gebracht, der die ganze
furchtbare Tiefe der Dichtung aufreißt, das mystische Tor, hinter dem
der Tod lauert .... Das haben die versulzten Hirne endlich begriffen --
Franz, es kann dir nichts mehr geschehen, du bist oben! Prost! -- mir
ist wohl und leicht, deinetwegen!«
Der kongeniale Freund war ein guter Fürsprecher, sein Herz schlug
im gleichen Takt, ihm kam es zu, das Wesen Schuberts auszusprechen.
Das Tiefste freilich vermochte niemand zu sagen, wenn im liebevollen
Drängen der Freunde immer wieder die bewundernde Frage auftauchte, wo
er sie denn hernimmt, die vielen genialen Gedanken, der Himmelsakra
übereinand?!
Je nun, wo er sie hernimmt, der Himmelsakra? Das weiß nur einer, in
dem die Himmelsmächte fast ebenso rumoren, wie in dem stillen Franz,
von dem ein gutes Wort sagt, der liebe Gott hat's ihm gegeben. Es gibt
kein besseres, wenn es nur recht verstanden wird; Cherubim weiß es, er
schweigt fein still zu den Fragen und lächelt Franz zu -- es geht die
anderen nichts an.
Holzapfl setzt einen Dämpfer auf.
»O du essigsaures Holzapflgesicht!«
Er läßt sich aber nicht irre machen, er muß den Tropfen Wermut in den
Freudenbecher tun: »Also daß die Begeisterung des Publikums wohl
auch für den ›Wanderer‹ auf gleicher Höhe geblieben, aber bei dem
›Gesang der Geister über den Wassern‹ bedenklich herabgesunken und sich
eigentlich in Befremden verwandelt hätte.«
»Das ist eben ein Beweis,« braust Schwind auf, »daß die verfilzten
Ohrwascheln der lieben Zeitgenossen erst noch ganz gehörig aufgestemmt
werden müssen, ehe sie für die Offenbarungen des Genius empfänglich
werden. Den ›Erlkönig‹ haben sie glücklich begriffen und meinen,
jetzt müßte alles drehorgelhaft im Erlkönigton weitergehen -- lauter
Erlkönige, damit die faule Bande in ihrer angeborenen Denkfaulheit
und Bequemlichkeit nicht gestört werde. Daß sie durch den ›Gesang der
Geister über den Wassern‹ durch einen neuen Geniestoß aus der süßen
Gewohnheit aufgeschreckt werden, das geht ihnen schon gegen den Strich.
Jetzt kann es zehn Jahre dauern, bis sie diesen zweiten Streich
verdauen. Dann stehen sie Kopf voll Entzücken, indessen der Künstler
schon wieder weiß Gott wo ist. Bedenkt doch, ihr Lieben, daß der
›Erlkönig‹ schon vor fünf Jahren komponiert worden ist -- es ist
verhältnismäßig ohnehin schnell gegangen mit seiner Popularität.
Es wäre aber interessant, auszurechnen, wie viele Jahrzehnte die
Allgemeinheit in der Regel braucht, um den Genius wirklich zu
begreifen.« Und mit einem boshaften Seitenblick fügt er hinzu: »Soviel
aber wird dem Publikum klar -- der Holzapfl fällt nicht weit vom Stamm!«
Der hat jetzt sein Teil.
Dafür rächt sich Holzapfl wieder auf seine Art und bringt in den
nächsten Tagen ein Zeitungsblatt mit einer Kritik, die er den Freunden
nicht ganz ohne heimliche Genugtuung vorsetzt. »Der Tonsetzer,« so
lautet der Konzertbericht, »gleicht in solchen Kompositionen einem
Großfuhrmann, der achtspännig fährt, bald rechts, bald links, also
ausweicht, dann umkehrt und dieses Spiel immerfort treibt, ohne auf
eine Straße zu kommen ....«
In dem geheimnisvollen Auf und Ab und Hin und Her der wallenden Geister
will der Kritiker einen Großfuhrmann erkennen, der achtspännig fährt.
Darüber erhebt sich im Freundeskreise ein unverlöschliches Gelächter.
Dem beispiellosen Erfolg hat es übrigens kaum geschadet, daß der
»Gesang der Geister über den Wassern« vorderhand unverstanden bleibt.
Hat ebensowenig geschadet, daß die beiden ersten Opern Schuberts,
»Die Zwillinge« und die »Zauberharfe«, erfolglos geblieben. Geld hat
er keines mehr gesehen dafür, es war verlorene Arbeit. Ein erster
tastender Versuch. Schlechte Texte, ja, das war das Malheur. Aber
einer, der als Lyriker in den vertonten Gedichten eine so gewaltige
dramatische Kraft bekundete, der war für die Oper geboren. Von dem war
Neues und Unerhörtes zu erwarten, nur Zeit! Zeit, einen guten Stoff,
vor allem aber einen sorgenfreien Kopf und ungestörte Arbeitsruhe. Aber
da hapert's schon. Zeit, Sorgenfreiheit und Arbeitsruhe, das bedeutet
Geld, Geld und wiederum Geld. Woher nehmen und nicht stehlen?
Was ist das für ein Zustand? Ein Mann steht auf der Höhe der
Meisterschaft, erntet Ruhm, Anerkennung, aber es hilft alles nichts.
Er steht da, gebunden an Händen und Füßen, ohne Geld, ohne Verleger --
wie soll da ein Mensch weiter kommen? »Ihr seht, das Beste, was man
hat und macht, das ist und bleibt brotlose Kunst.« Aber Schwind weiß es
besser: »Brotlose Kunst hat die Eigenschaft, sich mit der Zeit in Gold
umzusetzen, man muß nur warten können.«
»Nun ja, warten, warten -- meinetwegen; um Gold ist mir nicht zu tun,
sondern um Schaffen; aber ein Mensch, der arbeiten will, der muß auch
leben können. Anerkennungen, Lobeserhebungen, schöne Worte -- davon
kannst nicht abbeißen, kannst keinen Zins bezahlen, keinen Schneider
entlohnen, nichts, nichts; höchstens das Maul auf den Nagel hängen, als
das einzige, das einem übrigbleibt.«
Geduld, Geduld, alles kommt. Die Freunde schießen durcheinander. Joseph
Hüttenbrenner geht bei Sonnleithner aus und ein, dort bereitet sich
eine ernste Sache vor.
Die beiden Sonnleithner, Vogl, Schönstein, Grillparzer, die Schwestern
Fröhlich, ein ganzer Kreis von Verehrern bilden ein Komitee, sie wollen
den »Erlkönig« auf eigene Kosten stechen lassen und bei Diabelli
kommissionsweise verlegen.
Franz hat sich wieder in seine Arbeit eingesponnen und sitzt in seiner
Klause. Ist der einzige Trost, die Übel der Welt gehen an der Tür
vorüber, wenn man bei der Arbeit sitzt.
Sonnleithner ist schon ganz ärgerlich, Franz müßte sich mehr zeigen, er
sollte einer Sängerin, dem Fräulein Linhardt nämlich, den »Jüngling«
einstudieren, für seinen Geisterchor am Freitagabend. »Warum kommt er
denn nicht? Warum kommt er denn nicht?!« setzt sich hin und schreibt
dem Hüttenbrenner ein paar ärgerliche Zeilen, er müßte sich billig
wundern, daß Schubert sich gar nicht bei ihm sehen ließe, da er doch
wegen seinem »Erlkönig« und wegen anderer Angelegenheiten ihn dringend
zu sprechen habe.
Diese »anderen Angelegenheiten« sind indessen schon im Gang, am
nächsten Freitagabend kann Sonnleithner den Gästen verkünden, daß die
Ballade erschienen sei -- noch am selben Abend haben hundert ihre Namen
in die Subskriptionsliste gezeichnet. Macht ein schönes Geld aus, der
Preis ist nicht gering, die Kosten kommen glatt herein, ein schöner
Überschuß dazu -- der fließt in die Tasche Schuberts.
Der Anfang ist gemacht, die Sache zieht, Diabelli merkt, hier kann
man einen Schnitt machen. Es dauert nicht lange, erscheint wieder ein
Heft und wieder eines, ein Geriß ist darum wie beim Bäcker um die
frischen Semmeln. Alle drei, vier Wochen ein neues Heft mit mehreren
Liedern. Kein Konzert wird gegeben, wo nicht eine oder mehrere Sachen
von Schubert gesungen werden. Die Zeitungen singen sein Lob in allen
Tonarten. Das Meisterlein steht auf der Höhe seines Ruhms.
Jetzt klimpern auch die Taler um ihn herum. Es ist ja verhältnismäßig
bescheiden, was er einnimmt, aber trotzdem, einen solchen Wohlstand
hatte er noch nie gehabt wie jetzt.