Der Sommer brachte einige Veränderungen. Das Schicksal warf die Freunde
durcheinander wie Spielbälle. Den einen riß es dahin, den andern
dorthin. Der treue Spaun war bereits seit einiger Zeit nach Linz
versetzt worden, in seine Heimatstadt, und schrieb sehnsüchtige Briefe,
daß Franz doch kommen und eine Zeitlang in der schmucken Donaustadt
verleben möchte. Jenger mußte von Amts wegen nach Graz -- in seinen
freien Stunden fungierte er als Sekretär des dortigen Musikvereins;
Anselm Hüttenbrenner zog ihm nach.
»Zehn Jahre werden vergehen, ehe man dich wieder sieht!« prophezeite
Franz dem Hüttenbrenner beim Abschied. Es schien, als sollte er recht
behalten.
Anselm suchte eine Stellung, er bekam sie durch Jenger und wurde
Dirigent des Steyrischen Musikvereins. Was Franz, der begnadete,
trotz aller Anstrengungen, trotz aller vorzüglichen Zeugnisse und
Empfehlungen, trotz Meisterschaft nicht erlangen konnte, das fanden die
kleinen Talente im Handumdrehen, Würden, Ämter, Einkommen. Es ging mit
seltsamen Dingen zu; woran lag es, daß er, der Berufene, nicht den Weg
zu den leichten Erfolgen fand. War es ein Verhängnis, war es ein Glück?
Daß es auch in Graz hübsche Mädchen gebe, das erfuhr man bald aus
Anselms Briefen. Auch daß er in einem Zauberkreis festsitze und darüber
alle Welt vergäße. Der losen Mädchen wegen die Freunde zu vergessen,
das mochte dem Franz nicht gefallen. »So hol' doch der Teufel alle
Mädeln,« wetterte er in einem Brief, »wenn du dich gar so von ihnen
behexen läßt.«
Erst hinterher kam es heraus, daß es die Position war, die Anselm in
Graz festhielt.
Beide, er und Jenger, wollten in Graz den Boden lockern für das
Verständnis Schubertscher Schöpfungen. Freilich komponiert Anselm
selber, zwei Sinfonien hat er in Arbeit, aber herzeigen tut er nichts,
so sehr ihn Franz mit Freundeseifer drängt. Er ist lieb und gut, der
Anselm, aber -- was soll man denken? »Immer ein wenig versteckenspielen
-- mir gefällt die Leisetreterei nicht!« polterte Mayrhofer.
Franz bleibt arglos. »Recht hat er, jetzt kann er sagen wie Cäsar,
lieber in Graz der Erste, als in Wien der Zweite. Gott gesegne es ihm!«
Also das muß man sagen, Neid kennt der Franz nicht; er läßt jedem
seine persönliche Art und bleibt bei der seinigen. Er berichtet ganz
offenherzig nach Graz über sein eigenes Leben und Schaffen. Daß er,
Franz, auf Vogls Veranlassung die Musik zu einem Singspiel geschrieben
hat, daß es aber trotz Vogl schwer sei, »wider Kanaillen wie Weigl,
Treitschke usw. zu manövrieren. Drum gibt man statt meiner Operette
andere Ludern, wo einem die Haare zu Berg stehen ....« daß ihm aber
trotzdem allerhand neue Operngedanken durch den Kopf gehen und so
weiter.
Ferner, daß Schober eine Sommerreise unternommen, und daß er, Franz,
sein Heim bei Mayrhofer in der Wipplingerstraße aufgeschlagen hat.
Sein Zimmer bestünde dort allerdings nur aus einem winzigen Alkoven,
gerade groß genug für das Bett und einen grünen Vorhang, aber es sei
angenehm und freundlich zu hausen in dem halbrunden Zimmer mit den
vielen Fenstern, den schönen Büchern, dem Klavier und dem philosophisch
angelegten Freund Mayrhofer.
So führten sie eigentlich ein recht ungeniertes Junggesellenleben
zu zweit, das in der Hauptsache der Musik, der Dichtkunst und der
philosophischen Unterhaltung gewidmet sei. Der Bruder Anselms sei
jetzt häufig da; Joseph Hüttenbrenner, der geradewegs aus der Schule
Sokrates-Plato käme und sich liebevoll bemühe, Anselms verwaiste
Freundesstelle einzunehmen.
Eine elegische Bemerkung fließt ein über das allzu rasche Schwinden
des Liebesfrühlings -- daß der wilde Rosenstrauch der Liebe draußen
am Himmel am Verblühen ist, sagte er gerade nicht, das gehört auf ein
anderes Blatt, aber der Freund mag sich's denken, zumindest kann er
es daraus entnehmen, daß Franz so auffallend heftig alle Mädchen zum
Teufel wünscht. Er bringt jetzt nur mehr wenig Walzer und Tänze von
seinen Streifzügen mit heim -- auch das gibt zu denken, wenn Anselm
versteht, zwischen den Zeilen zu lesen. Er habe jetzt ernstere Sachen
im Kopf, er denke viel an die Milder, und dabei habe er sich immer mehr
in die Therese verschaut, Melusine, die er seine tragische Muse nennt.
Von einer geht ein sanftes Band zur anderen, das ihn gefangen hält. Man
weiß schon, wohin es ihn zieht. Zum Theater.
Unter den Freunden gibt es darüber nicht geringes Aufsehen. Joseph
Hüttenbrenner schärft seinem Bruder Anselm in den Briefen ein: »Für
dermalen laß dir's angelegen sein, für Schubert ein Opernbuch zu
schreiben; es fällt nebstbei auch ein Honorarium aus. Eure Namen werden
in Europa genannt werden -- Schubert wird wirklich, ein neuer Arion, am
musikalischen Himmel glänzen usw. usw.«
Holzapfl, obgleich nur mehr selten im Freundeskreis gesehen, berichtet
nach Linz an Stadler, einen gemeinsamen Konviktsfreund: »Ich weiß, er
(Franz) schreibt auf Vogls Veranlassung und also nicht ohne Ursache,
aufzuführende Operetten, Opern und andere große Dinge, die ich weder
weiß noch höre; aber es ist so ....«
Einer sagt's dem andern, keiner weiß was Genaues, alle spitzen die
Ohren, jeder dichtet und hat schon einen großartigen Opernstoff in
petto -- die Zaunkönige möchten mit dem Adler fliegen -- das Theater,
ja, das Theater ist das Tor zur Weltberühmtheit. Die Freunde ereifern
sich, jetzt muß Schuberts Stern leuchtend aufgehen, er lächelt und läßt
sie reden in ihrem blinden Enthusiasmus. Was helfen die trügerischen
Worte -- das Leben macht sich von selbst und meist anders, ganz anders
als man denkt.
So stehen die Tage im Hochsommer.
»Kauft's ein'n Lavendel, zwei Kreuzer ein Büschel Lavendel! Ein'n
Lavendel kauft's!«
Der einförmige Klagegesang des Lavendelweibes zieht durch die
sommerstillen Gassen.
Das lockt und zieht -- ein Gruß aus duftenden Sommerwiesen, Wald
und Bergwiesen, die von fern in die Stadt leuchten, grüngoldener
Wienerwald. Der läßt einen nicht in Ruh'. Am wenigsten ein sinniges
Musikanten- und Poetengemüt, wie es Franz zu eigen war.
Die Liebe liebt das Wandern -- also auf und ins Grüne hinaus jeden
freien Nachmittag und Abend. »Fanny, liebe Fanny!« so hat es vor
kurzem noch geheißen. Aber die Sonnenwende ist herum, oder war es die
Herzenswende?
»Fanny, Herzensfanny, was haben sie denn mit dir gemacht?« Das
Wienerwaldkind am Himmel hat wenig Zeit für das Singerlein. »Mit so
einem Herrn zu gehen, war immer deine größte Sehnsucht, soviel ich weiß
-- und jetzt?« Die Frage hat er auf der Zunge, sie rutscht ihm endlich
heraus.
Sie ist schnippisch, dreht ihm flink den Rücken und sagt: »Ja, das war
im Mai -- jetzt ist Juli, da ist es mir zu heiß.«
»Dummes Mädel, mich hältst du nicht für einen Narren ...« Er läßt sich
eine Zeitlang nicht blicken.
Dann aber treibt ihn wieder ein ungewisses Etwas. Also wandert er mit
seinem Stock das Gspöttgräblein wieder hinauf -- »denn die Liebe liebt
das Wandern.«
Summt sich dabei eins: »O Bächlein meiner Liebe, was bist du heut so
stumm, will ja nur eines wissen, ein Wörtchen um und um, ein Wörtchen
um und um. Ja, heißt das eine Wörtchen, das andere heißet Nein, die
beiden Wörtchen schließen die ganze Welt mir ein.«
Das Haus am Himmel steht einsam an Wochentagen, so ist es der Liebe
recht. »Fanny, liebste Fanny, wo steckst du heut?« Sie hat ihn gewiß
kommen gesehen und läßt ihn heute zappeln. »Schaut sie auch nicht zum
Fenster heraus, so schaue ich doch zum Fenster hinein -- ist also
einerlei!«
Da steht der kleine Musikus vor dem etwas hochgelegenen Fenster, ein
wenig muß er sich an dem Gesims emporziehen, und späht in den Raum
hinein.
Nein, Fanny hat ihn nicht kommen gesehen, ahnungslos sitzt sie drin an
einem Tisch und neben ihr sitzt so ein frecher Kerl beim Wein und hat
den Arm um sie geschlungen. Sie sitzen allein in der Stube, und sie
schauen sich so sengend heiß an, als ob sie jeden Moment Feuer fangen
müßten.
Auch dem Franz schießt Feuer in die Augen -- oder war es das Wasser?
Einen kleinen Bremsler hat es ihm doch gegeben, er rennt vom Haus
weg und waldein. »Mit so einem Herrn zu gehen, das war immer meine
Sehnsucht!« Er hört die Worte noch immer, sie klingen jetzt wie Hohn.
Dem andern sagt sie gewiß dasselbe, und der ist bezaubert davon, so wie
es auch er war. Ach, der Zauber ist süß, und wer ihn verliert, der ist
elend dran.
Franz ist ins Grüne hineingerannt, jeder Weg war ihm recht. Nur immer
fort ins Grüne: »In Grün will ich mich kleiden!« Feuer und Wasser
stehen ihm in den Augen.
»In Grün will ich mich kleiden, in grüne Tränen weiden -- will suchen
einen Zypressenhain, eine Heide von grünen Rosmarein --«
Feuer und Wasser, das lebt wie Hund und Katz'. Dem Franz ist jetzt
wirklich traurig zumute. Aber es dauert nicht lange, so haben Feuer und
Wasser einander aufgefressen, und wären es Hund und Katz' gewesen, so
wäre kaum ein Schwanzstückl übriggeblieben.
Jetzt muß Franz schon lachen über sich selber. Er hat nämlich eine
Stimme in sich, die in allen lächerlichen oder empfindsamen Situationen
erwacht und leise fragt: »Franz, dummer Kerl, schämst dich nicht?«
Gegen diese innere Stimme war nicht aufzukommen. Sie pflegte, wenn
nichts anderes half, einen schlechten Witz zu reißen, und dann
war alles Krankhafte, Sentimentale geliefert. So gesund war Franz
innerlich, so kerngesund!
Und jetzt lachte er schon im seligen Humor: »Grabt mir ein Grab im
Wasen, deckt mich mit grünem Rasen -- kein Kreuzlein schwarz, kein
Blümlein bunt, grün, alles grün so rings und rund -- so rings und rund
--«
Und lief so rings und rund -- so rings und rund und lief sich gesund,
ganz gesund im grünen Wienerwald. Es war völlig dunkel, als er am Haus
am Himmel wieder vorbeiging, die Fenster waren ohne Licht, die Türen
geschlossen, alles schlief. Klopfenden Herzens schlich Franz näher, ein
kleiner Spotteufel ward in ihm rege, er wollte nicht fortgehen ohne
Abschied. »Will dich im Traum nicht stören, wär' schad' um deine Ruh'
-- schreib' im Vorübergehen ans Tor dir: Gute Nacht! Damit du mögest
sehen, an dich hab' ich gedacht!«
Schreibt also im Vorübergehen ans Tor ihr: Gute Nacht! und hat ein
kleines Sterbekreuzel daneben hingemalt.
Gute Nacht! Die Liebe ist gestorben -- wo, wo ist sie gestorben im
grünen, grünen Wienerwald? Wo findet ihr den Zypressenhain, wo das Grab
im Wasen, wo das Kreuzlein schwarz (außer an der Tür!)? Nichts kündet
euch den Liebestod, grün ist alles, so rings und rund! Ist die Liebe
wirklich gestorben?
Nein, sie lebt, sie lebt in den Tänzen, Liedern und Weisen, die Franz
bei seinem Wandern im grünen Land der Liebe heimgebracht hat.
Das grüne Wogen ist darin, die heitere Sinneslust, die gotterfüllte
Ekstase, das Schleifen und Wiegen -- vielleicht auch die heimliche
Träne, die aus dem Herzen hineingeflossen ist, das Schönste und
Ergreifendste daran, sein Eigenstes!
Aber es konnte nicht immer bei dem bleiben -- denn die Liebe liebt das
Wandern -- Gott hat sie so gemacht! -- von einem zu dem andern -- Gott
hat sie so gemacht!
Franz steigt zur Stadt ab, in der da und dort noch Lichter glühen.
Er ist getröstet und beruhigt. Ein inniger Quell von Trost erquickt
ihn, wie immer. Er denkt an die Stadt unten, die so unendlich viel
umschließt, und denkt recht eigentlich an die Eine, Unvergleichliche,
die unter den Freunden Melusine genannt wird und die alles verkörpert,
was das Herz im unbestimmten Verlangen ersehnt: die Kunst, die Liebe,
die Stadt, alles dies und noch viel mehr drückt sich in seiner
Sehnsucht aus, und diese Sehnsucht hat den Namen Melusine. Wenn ein
kleiner Liebeskummer einbricht, dann steht ihr Bild groß vor Augen,
eine anziehende magische Kraft, die verhütet, daß sich das Herz in
kleinen Liebeständeleien verirrt oder gar verliert.
Todmüde wirft sich Franz um Mitternacht ins Bett, ein bleierner
Schlaf drückt ihn nieder, er erwacht am anderen Morgen mit einem
katzenjämmerlichen Gefühl. Etwas hat man verloren, und war es auch nur
eine Illusion. Aber das Dasein besteht nur aus Illusionen, also hat
man ein Stück Dasein verloren. Das Leben ist wieder um einen Schatten
tiefer.
Ein Glück, daß ein Brief von Vogl da ist, der sich zum Sommer in seiner
Vaterstadt Steyr befindet. Vogl fühlt sich einsam, er möchte sich
mit neuer Musik auffrischen, Schuberts Lieder sind ein Jungbrunnen
für ihn, Franz möge doch nach Steyr kommen und den Sommer mit ihm in
Oberösterreich zubringen.
Wenn von Steyr die Rede ist, geht auch dem Mayrhofer das Herz auf. Er
ist ja selber Steyrer. »Die Steyrer singen gern,« rühmt Mayrhofer,
»das kommt von der blauen Enns, die so stattlich um die Stadt rauscht,
oder von der grünen Steyr, die ihr singend in die Arme stürzt -- also
merk' auf, Steyr ist was für dich! Vor den Mädeln nimm dich in acht,
haben Augen blau wie die Enns, spielen aber die grünen Lichter der
Steyr drin -- ist ihnen nicht zu trauen, diesem Blau und diesem Grün,
haben gefährliche Tiefen, Wirbel und Strudel, es reißt dich hinein, du
weißt nicht wie ...« Spielt sich gar zu sehr auf den väterlichen Warner
hinaus, der weiberfeindlich gesinnte Mayrhofer.
Jetzt hat die Sonne wieder neues Licht. Vogls Einladung, das läßt man
sich nicht zweimal sagen. Man sieht dabei ein Stück Welt, besucht in
Linz die Freunde, die schon so oft geschrieben haben, ob er denn gar
nicht kommen mag -- also jetzt wird es Ernst. Es treibt ihn förmlich
hinaus. Kleingeld hat er in der Tasche, »Die Zwillingsbrüder«, wenn
auch nicht aufgeführt, haben wenigstens einen Vorschuß gebracht; es
langt. Ach, Berge, Städte, Freunde! Die Brust wird wieder weit.
Ja -- die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht -- von einem
zu dem andern, Gott hat sie so gemacht!
Die Reisetasche her: sie hat einen mächtigen Bügel, aber die schöne
Stickerei auf der Außenseite ist längst verblichen; die Tasche ist
vom Herrn Vater, dem hat sie schon vor langen Jahren auch gedient.
Bedachtsam schiebt Franz die wenigen Habseligkeiten hinein, die er
braucht, etwas Wäsche, ein Paar Schuhe, einen Anzug -- der alte dient
auf der Reise und auf der Wanderschaft -- so, das wäre jetzt alles,
bis auf die Noten und das Notenpapier, es nimmt den größten Raum ein.
Zum Platzen vollgestopft ist die Tasche, und schwer! Schwer von der
musikalischen Fracht, der geschriebenen und der ungeschriebenen.
Jetzt wird noch das Ränzel gespickt mit allerhand Kleinigkeiten, die
man unterwegs braucht, vor allem mit guten Freßsachen. Andächtig
schiebt er ein Päckchen ums andere hinein, die er vormittags eingekauft
hat, steckt ab und zu einmal die Nase zum Papier, hm! duftet fein! Zwei
Paar Tiroler Landjäger, davon kann ein Mensch acht Tage lang leben,
ein Stück ungarische Salami, noch etliche andere Wurstzipfel, einen
echten Emmentaler, ein Stück ungarischen Paprikaspeck, eine Anzahl
Brote, damit ist man versorgt -- jetzt kann kommen, was mag, man ist
gegen die Wechselfälle des Schicksals für mannigen Tag vorgesehen. Am
Abend wird der Abschied gefeiert, Mayrhofer, Schwind, Holzapfl, Joseph
Hüttenbrenner sind dabei. Jeder verspricht nachzukommen, in einem Monat
vielleicht, in drei Wochen, in vierzehn Tagen. Beim Abschied schwelgt
man schon in der Freude des Wiedersehens. Man hat soviel Vorsätze
und genießt es im voraus, oft der einzige Genuß. Den lassen sich die
Freunde nicht entgehen, sie sitzen und trinken und schwärmen bis tief
in die Nacht.
Am anderen Morgen in aller Früh geht der Postwagen. Der Schlaf ist
verflogen, als Franz beim Kutscher vorne sitzt und die Linzer Straße
hinausfährt. Die Stadt versinkt hinter seinem Rücken: Leb' wohl, schöne
Fee Melusine! Der Wienerwald erhebt sich links und rechts schwellend
grün, Kuppe über Kuppe, ein wogender Ozean von Grün. Und drüben, ja
drüben, ist das versunkene Haus am Himmel. »Leb' wohl, Fanny, leb' wohl
auf Nimmerwiedersehen! Der Teufel hol' die Mädels!« So schnell kriegt
ihn jetzt keine mehr dran.
Ist das eine Seligkeit, so drauflos zu fahren ins grüne Meer von
Niederösterreich. Der Wagen geht dahin wie ein gelbes Schiff durch die
grünen Fluten von Wiesen und Wäldern. Alles ist neu und festtäglich,
was man sieht, die Bauersleute, die zu Fuß oder zu Wagen dahinziehen,
das Treiben in den Herbergen beim Pferdewechsel, es geht zu wie im
ewigen Leben. Die Sorgen, die Schmerzen hat man zu Haus gelassen,
man fühlt sich wie Gott in Frankreich. Fast so wie auf der Reise nach
Zelez, eigentlich aber besser, denn nach Zelez ging's doch in eine wenn
auch sanfte Abhängigkeit, hier aber reist man der ungebundenen Freiheit
entgegen. Kein Amt, keine Pflicht wartet und legt am Ziel neue Fesseln
an. Ein ganzer Sommer steht noch bevor, ein Sommer der Kunst und des
heiteren Daseins, der vegetative Mensch lebt und atmet Glück.
Die tausend Fenster rechts, das ist das Melkerstift, die funkelnden
Türme gehören dazu, jetzt blitzt der Silberstreifen der Donau auf,
weiter draußen das Kirchlein am Berg, das ist Maria-Taferl, weiße
Schlösser, Burgruinen, Wein, Strom und Wald -- die Augen können
sich nicht satt trinken an all diesen Herrlichkeiten, die Augen und
das Herz! Kaum hat man es erschaut, ist es schon vorbei, das gelbe
Gefährt schwankt wieder in den Wogen von Grün dahin, andere steingraue
Städtlein stehen auf, einzelne breite Gehöfte lugen zwischen Obstbäumen
hervor. Das Land trägt ein buntes Gesicht und gleicht einem gesegneten
Garten, es ist das liebliche Oberösterreich. Ein Fluß wälzt schäumende
Fluten daher, das ist die Enns.
Endlich am zweiten Abend schwankt der gelbe Wagen zwischen engen
Gassen, hinauf, hinab, über ein holperiges Pflaster, ein Engpaß von
Gemäuern schließt sich zusammen, eine Menge Läden sind darin, Menschen
und Wagen drängen sich durch, dann tut sich ein unendlich weiter,
schmuckvoller Platz auf mit alten, reichverzierten Patrizierhäusern,
kunstvoll verschnörkelten Wirtshausschildern aus Schmiedeeisen,
rostbraun und golden, hinter den steinernen Toren stille klösterliche
Haushöfe mit weißen Arkaden und pendelnden Blumen -- das ist die schöne
Stadt Steyr, um die sich die blaue Enns und der grüne Steyrfluß zu
einer blaugrünen Masche knüpfen.
Man ist am Ziel.
Franz klettert vom Wagen herab, die Knochen im Leib sind ihm förmlich
zerdroschen von der Ratterei des Wagens, kaum daß er auf den Beinen
stehen kann. Da ist er schon von einer Menge Leute umringt, die ihn
herzlich und teils sogar respektvoll begrüßen, der gravitätische Vogl
an der Spitze, der ihn gönnerhaft den Honoratioren vorstellt, dem Herrn
Silvester Paumgartner, Hausbesitzer, Vizefaktor der Eisengewerkschaft,
Besitzer einer wertvollen Instrumentensammlung; dem Herrn Advokaten
Schellmann, Freund Vogls und leidenschaftlicher Klavierspieler, in
dessen Haus am Platz für Franz ein Zimmer im zweiten Stock reserviert
ist; dann dem Herrn Kaufmann Joseph von Koller und seiner Tochter
Josephine, die als Sängerin und Pianistin einen k. k. Provinzialruhm
genießt; endlich die Frauen, Töchter und deren Freundinnen, eine Schar
von Mädchen und alle blitzsauber! Wird ihm gleich etwas bang dabei, die
Sehnsucht fängt zu schwellen an, die Traurigkeit gewinnt Oberhand. »Was
machen's denn für ein Gesicht!« stößt ihn Vogl an, der immer gern ein
wenig hofmeistert.
Franz redet sich auf seine Müdigkeit aus, im übrigen denkt er, der
Mensch wird doch ein Gesicht machen dürfen, wie es ihm paßt. Es ist ihm
zuwider, daß Vogl gar zu gern den Protektor hervorkehrt. Immerhin, er
meint's gut, aber zuwider ist es doch ...
Eine richtige Schwelgerei in Musik geht los. Die Steyrer sind ganz
baff über die Kunst, die Franz im Verein mit Vogl hervorzaubert. Wenn
Vogl singt und Franz ihn am Klavier begleitet, so daß sie in solchen
Augenblicken eins zu sein scheinen, dann reißen die Zuhörer Mund und
Augen auf, fassungslos vor Staunen und Entzücken. Daß es so was gibt,
ist für sie völlig neu und unerhört.
Wenn in der k. k. Provinz die Begeisterung entfesselt ist, dann gehen
die Wogen sehr hoch. Es sind gesunde, ungebrochene Naturen, die können
was leisten. Dem Franz kommt's vor, als ob von nun an alle Tag Sonntag
wäre.
Der neue Kreis von lieben, eifrigen Menschen gibt sich alle
erdenkliche Mühe, um ihm das Leben so angenehm als möglich zu machen.
Am rührendsten ist Silvester Paumgartner. Er führt ihn in der Stadt
umher, zeigt ihm diese und jene Besonderheit und weiß von allen
Dingen die Geschichte. Am liebsten freilich läßt sich Franz in die
Eigentümlichkeiten der Stadt von Josephine einweihen, die ihn immer
häufiger zu Spaziergängen einladet. Im Haus bei Schellmann sind allein
acht Mädchen, mudlsauber alle, und alle gehen dem jungen Meister
liebreich um den Bart. Er ist Hahn im Korb und läßt sich wohl geschehen.
Wenn nicht am hübschesten, aber doch am interessantesten ist die
Josephine. Sie gibt sich exzentrisch und spielt sich auf die
Weltdame hinaus. Es liegt ihr nichts daran, daß die Leute die Köpfe
zusammenstecken und sich ein wenig mokieren über sie. Wenn sie nicht so
überschlank wäre, dann könnte man an die Fee Melusine denken, überlegt
Franz; freilich mit dem weiteren Unterschied noch, daß Therese im
wirklichen Sinn Dame ist, während die exzentrische Josephine trotz
ihrer anscheinend freien Art nicht ganz das Provinzielle abstreifen
kann.
»Genau so habe ich Sie mir vorgestellt!« sagt sie ihm schon in den
ersten Tagen.
Er aber denkt: »Mich kriegst du nicht dran!« Sie gehen am Vormittag
über die Ölstiege zur Enns hinab auf den Schiffweg. Der dunkle
Stationsweg mit den roten ewigen Lichtlein an den Heiligenbildern in
diesem steinernen Schacht hat so eine eigene Stimmung. Das Mädchen
bleibt gerne stehen auf den steinernen Stufen in dem halbdunklen Gang,
plaudert und schaut ihm ins Gesicht. Ihre Augen geben grüne Lichter --
Mayrhofer hat recht: »Nimm dich in acht, der Zauber ist gefährlich ...«
Am Schiffweg unten kommt schon die blaublickende Enns daher mit Singen
und Rauschen. Wundervoller Sang, die rollenden Kiesel am Ufer klingen
geheimnisvoll mit. Josephine angelt mit den Augen. Die sind jetzt hell
und klar und blau wie die Wasser der Enns. Forellen schießen im Strom
daher, dem Franz ist es so wohl wie den Fischen im Wasser, und er
denkt: »Angle nur zu, mich fängst du so wenig wie die Forellen, solang
es vor mir so klar und licht ist ..«
Josephine redet von der Liebe. »Den ich einmal wollte, der ist
gestorben, und den ich jetzt möchte, der weiß es nicht, oder tut er
vielleicht nur so?«
Franz hütet sich zu fragen: »Wer?« Er greift fest ins Klavier, sie
spielen vierhändig. Ein neues Werk wächst unter seinen Händen, das
Singen und Rauschen der Enns ist darin, das Schießen der Forellen, das
Haschen und Fangenwollen, das hurtige Enteilen; in munteren Läufen
trillert eine Stimme, die rollenden Kiesel am Schiffweg singen mit.
Sonnenschein und Frohsinn ist darüber -- ein volles Glück neigt sich
herab, Franz tut es der Forelle gleich, die in glashellen Fluten
aufwärts schwimmt -- in Laune und Übermut ringt er sich nach heiteren
Höhen empor.
Tagelange Fahrten werden ins Land unternommen, nach Kremsmünster, nach
Florian in die geistlichen Stifte, überall sind die Sänger, Künstler
und Freunde in Ehren empfangen und gefeiert. In Kremsmünster schließt
sich ein Student der Sängerfahrt an, er will nach Wien reisen, er
verbummelt seine Tage, so stark hält ihn Schuberts Musik gefangen.
Endlich reißt er sich los, sonst wird ihm das Geld zu knapp. »Er
soll in meinem Bett schlafen für die Tage, die er in Wien weilt!« so
schreibt Franz dem Mayrhofer. »Sie haben doch ein gutes Herz!« sagt
Josephine, die dabei ist, als Franz dem Studenten den Empfehlungsbrief
zum Abschied gibt.
»Sie haben doch ein gutes Herz!« wiederholt sie später öfter, wenn
sie die Ölstiege zum Schiffweg hinabgehen, und bleibt stehen: »Sie
verdienen dafür belohnt zu werden.« Sie macht dabei so eigentümliche
Augen, daß der Franz wegsehen muß, sonst zappelt er wirklich wie die
Forelle an der Angel.
»Kriegst mich nicht dran!« denkt er beharrlich, aber so ganz
selbstsicher ist er nicht.
Das begonnene Werk wächst weiter, es will sich glücklich vollenden.
»Sie komischer Mensch, wenn ich ein Mann wäre wie Sie, ich würde mir
die Trauben nicht in den Mund hängen lassen, ohne sie zu verkosten.«
Die Trauben in den Mund hängen lassen, ohne sie zu verkosten, das will
er auch nicht, dazu ist er Mann genug; aber es ist ihm zuwider, wenn
sie sich gar so aufdrängen, die Trauben; da verlieren sie an Reiz, und
er denkt sich: Justament nicht! Ein Glück, daß er am nächsten Tag nach
Linz muß auf ein paar Tage, die Sehnsucht nach den Freunden drängt,
sonst hätte er, wer weiß es, wirklich zugeschnappt.
Mayrhofer und Schwind kommen ja doch nicht, trotz aller guten
Absichten, aber Spaun in Linz, den man so lange schon nicht gesehen
hat, und Stadler, ein Konviktsgenosse, der ihn als Musikfreund näher
kennt, die will er bei dieser Gelegenheit sehen. Vielleicht, daß sie
dann einen Gegenbesuch in Steyr machen.
Linz an der Donau mit dem Pöstlingberg, das ist eine schmucke
Stadtschöne. Mit Spaun und Stadler kommt er zu Linzer Kunstfreunden,
er ist da und dort zu Besuch, die Menschen sind stilvoll wie
alte Porträts, am Kaffeetisch werden ihm zu Ehren die kostbaren
Porzellanschränke aufgetan, er trinkt aus alten vergoldeten und
kunstreich bemalten Schalen, er betrachtet die Bilder an den Wänden,
die schweren eingelegten Möbel, die schönen illustrierten Bücher in
den Schränken, alles, was er sieht und kennen lernt, ist gesättigt mit
Kunst und Geschmack; es ist eine neue wundervolle Welt im Kleinen.
Abends vereinigen sich die jungen Freunde in einem alten gewölbten
Lokal, wo man den besten Wein kriegt und der aus dem Stift Kremsmünster
stammt. Zum Nachtmahl gibt's eine Hausspezialität: »Katzengeschrei.«
Dreierlei Fleisch in Würfel geschnitten, Kalbfleisch, Schweinefleisch,
Rindfleisch, mit würziger Sauce und großen Semmelknödeln dazu -- es
schmeckt herrlich. Und dann der Wein drauf -- kein Wunder, daß allen
das Herz aufgeht und die Zunge überfließt. Was tut man, wenn der
Wein endlich Herz und Zunge aufgeriegelt hat? Man singt. Man singt,
daß die Gasse klingt und die Leute in den dunklen Fenstern die Köpfe
herausstecken und die halbe Nacht lang andächtig zuhören.
Schließlich aber ist der Wein der Stärkere, der Gesang wird übermütig,
er gluckst, hopst, lacht, torkelt, lallt -- es wird ein richtiges
Katzengeschrei. Da schließen sich die Fenster, denn es wird bald
wirklich zum Steinerweichen.
Aber es ist nichts Arges dabei, man geht in Seligkeit von dannen. Und
merkwürdig. Wie kann man denn, wenn einem die Trauben schon in den Mund
hängen, vergessen, zuzubeißen? Es will dem Franz jetzt nicht aus dem
Sinn. Blaue Augen mit grünen Lichtern funkeln vor ihm noch im Traum.
Die ganze Nacht denkt er an Josephine.
Zappelt jetzt die Forelle an der Angel?
Am nächsten Tag kehrt er nach Steyr zurück. Die Enns rauscht und singt.
Er hat ihr Rauschen und Singen eingefangen, ein sonniges, glühendes
Werk ist ihm entstanden, die frohen Steyrertage sind darin, sein
ganzes Glück dieser Zeit -- Forellenquintett heißt es, er schenkt es
dem Silvester Paumgartner, der sich trotz des Altersunterschiedes als
wärmster und aufmerksamster Freund erwiesen hat.
Eigentlich wollte er es der Josephine schenken. Aber im letzten
Augenblick besann er sich eines anderen. Sie sprach wieder von der
Liebe und neckte ihn, weil er tat, wie der keusche Joseph. Er aber
hatte schon Feuer gefangen -- die Trauben, die so tief hangen, die
wollte er nun doch nicht unverkostet lassen.
Aber blitzschnell bog sie ihm aus. »Nein, nein!« In ihren Augen
blitzten die grünen Lichter. »Vor einigen Tagen war ich bereit -- alles
hätte ich gewährt, ich hatte es mir fest vorgenommen -- warum sind Sie,
anstatt mich zu erwarten, nach Linz gefahren?«
»Warum?« Jetzt wußte Franz, sie spielt gern die Verwegene und
Leidenschaftliche, aber sie ist es gar nicht; sie tut nur so und hält
ihn zum besten. Sie glaubt, das ist jetzt à la Mode, und meint weiß
Gott, was für gefährliche Abenteuer sie überstanden hat.
»Warum? Das will ich Ihnen auf dem Klavier sagen.«
Jetzt hat Franz das Heft in der Hand; ein paar Takte, ein kleiner Sang:
»Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht, von einem zu dem
andern, Gott hat sie so gemacht!«
Das Liebesspiel ist aus, wer hat das Nachsehen? Auf alle Fälle
hat Franz gewonnen; was er gewonnen, klingt fort in seinem
Forellenquintett, fort ins Ewige.
Ade, du muntere, fröhliche Stadt, ade! Der Herbst ist da, aber das
Scheiden von hier ist nicht leicht.
Ein so voller, schöner Sommer -- und zum Schluß die unausgesprochene
bange Frage: »Wann werde ich je wieder so glücklich sein?«