Die Freunde sitzen wieder beisammen und singen wie die Jünglinge im
Feuerofen. »Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal
des Menschen, wie gleichst du dem Wind!«
Der schwärmerische, geheimnisvolle Ton der Männerstimmen zittert weich
und kraftvoll, eine tönende Woge, ein sanfter, klingender Hauch, der
anschwillt wie Orgelgebraus, wie Waldrauschen, wie Bergstromgetos --
so klingt »der Gesang der Geister über den Wassern«. Die eigentümlich
ergreifende Schönheit des Männerchors war Schuberts Entdeckung. Aus dem
Kreis der Freunde wuchs ein Quartett hervor, das sich zuweilen zu einem
achtstimmigen Chor verdoppelte. Jeden Donnerstag fanden sich die jungen
Kerle zusammen, um ihrer Singlust zu genügen.
Hier schöpfte Franz die Anregung zu einer neuen Kunstgattung, er war so
eigentlich der Begründer des Männerquartetts. Jeden Donnerstag mußte
er neue Noten in der Tasche haben, sonst war es gefehlt. Da fielen
sie über ihn her: »Was, du hast nichts Neues? Du hast wirklich nichts
Neues? Schandkerl, wir schlagen dich tot. Mausetot! Noten her oder das
Leben!«
So erpicht waren sie alle auf neue Gesänge. Herrgott, das war ein
Druck, dem schwer zu widerstehen war. Da mußte die schöpferische Ader
ergiebig sein, wenn solch gute Geister wachten und die Faulheit zum
Teufel jagten. Da gab's also keine Ausrede. Vogel, sing' oder stirb!
Jetzt sitzen sie alle da, wollen den Schnabel aufreißen und brauchen
dazu musikalische Atzung. »Ist doch deine Pflicht, Franzl, dafür zu
sorgen!«
Ist in tausend Verlegenheiten, der gute Franz, hat an diesem Donnerstag
richtig nichts in der Tasche. Hat es vollständig verschwitzt, daß
Donnerstag das Quartett stattfindet und um jeden Preis ein neues Stückl
singen will. Sie freuen sich ja alle so, die ganze Woche darauf, und
jeder ist schon neugierig, was er sich denn zum nächsten Male wieder
zusammengedichtet haben wird, der verflixte Herrgottsmusikant!
Aber dieses eine Mal kommt er wirklich mit leeren Händen. Nicht einen
Fetzen Noten hat er bei sich. Er sieht das unverhohlene Leidwesen
seiner Freunde, sie sind enttäuscht -- das geht ihm nahe.
»Enttäuschung? -- Nein, das sollt ihr nicht erleben an mir! Laßt mich
jetzt fünf Minuten in Ruh' -- dann sollt ihr sehen!« Hat er auch die
Noten nicht auf dem Papier, so hat er sie doch in der Brust. Ein
Gedicht trägt er in der Tasche. »Leise, leise klopf' ich mit gekrümmtem
Finger ....« Das Gedicht hat er sich abgeschrieben. Es ist von einem,
den sie einmal zu den größten zählen werden. Ein junger Poet, Franz
kennt ihn nicht und fühlt sich dennoch mächtig zu ihm hingezogen.
Vielleicht daß Mayrhofer, der Zensurgewaltige, Rat weiß. Doch später,
später davon! Jetzt das Gedicht und der Gesang! Das Gedicht hat er sich
aus einem Musenalmanach abgeschrieben, und jetzt sitzt er in der Ecke,
weltvergessend, bezaubert von den Versen, die Noten fliegen und purzeln
nur so aus seiner Hand aufs Papier; nach einer Viertelstunde wendet er
sich zu den Freunden: »So, jetzt haben wir's!«
»Leise, leise klopf' ich mit gekrümmtem Finger ...«
Bebend vor verhaltener Glut und Kraft, entfalten sich die blühenden
Männerstimmen des Quartetts: Leise, leise .. Zuerst wie ein
schmeichelnder Windhauch, der mit Blättergeflüster und Fliederduft die
Geliebte umschmeichelt und dann immer stürmischer und drängender -- wie
könnte die Erkorene der werbenden Kraft dieses Ständchens widerstehen?
Eine der blühendsten Schöpfungen ist im Handumdrehen entstanden. So mir
nichts, dir nichts. Wo er es nur hernimmt, in dieser Geschwindigkeit,
dieser unglaubliche Franz? Das ist das Rätsel. Gibt es ihm ein Gott
ein? Wird wohl so sein. Tut unter dem Anhauch eines genialen Dichters,
eines persönlichen Erlebnisses, eines rätselhaften Drängens in seiner
Brust die Seele weit und horchend auf, daß die himmlischen Geister des
Unendlichen auf ihn einströmen. Er hört sie singen, die himmlischen
Heerscharen um Gottes Thron, oder wenn ihr so lieber wollt, die
sphärischen Mächte, er hört sie singen draußen in der Unendlichkeit
und eigentlich tief drinnen in der eigenen Brust, er braucht nur
hineinzuhorchen in sich und in Noten abzuschreiben, was er drinnen
hört, und gibt es dann hin -- sein eigenes Herz und seine Seele ist
mit dabei. Ja, seht ihr, so wird's gemacht!
»Teufelskerl, himmlischer, laß dich umarmen!« Schober gebärdet sich wie
verrückt; der hohe, schlanke, junge Mann hebt den kleinen, untersetzten
Schubert im Sturm der Begeisterung hoch, wirbelt ihn ein paarmal um
die eigene Achse herum, auch die anderen müssen ihn stürmisch umarmen,
sie gebärden sich wie die Tollhäusler. Dann singen sie wieder wie die
Jünglinge im Feuerofen, im Feuerofen der Liebe, der Freundschaft, der
Begeisterung.
Man sieht es klar, was diese Freundschaft wert ist. Sind alle junge
Kampeln, nicht sehr einflußreich, sie können alle zusammen nicht
bewirken, daß dem armen Schubert aus seiner genialen Schaffenskraft ein
wenn auch noch so kärglicher Verdienst fließt, wenigstens soviel Lohn,
als ein Packträger die Woche verdient -- sie geben sich alle Mühe, aber
es gelingt nicht, und wirklich scheint es, als ob die Schöpfung Gottes,
die so viele unnütze Kostgänger ernährt, gewöhnliche und wertlose
Kreaturen, nur für den begnadeten Genius, dem Bringer neuer Schönheit
und neuer Kunst, den Tisch zu decken vergessen hätte. Nicht soviel
können die Freunde bewirken, daß der gute Franz Kost, Quartier und
anständige Kleider bestreiten kann -- je reicher die Welt an ihm wird,
desto ärmer ist er.
Die Freunde selbst bereichern sich an ihm, es fließt ihnen soviel
Schönheit und Kraft von ihm her zu, und sie haben ihren kleinen
Egoismus dabei. Die meisten von ihnen sind Dichter, Schober, Mayrhofer
und so weiter, sie wissen, daß der Weg zur Ewigkeit ihrer Schöpfungen
nur über Schubert geht, der ihre Verse vertont. Andere, wie Vogl und
Schönstein, glänzen durch den Vortrag der Lieder, aber den Löwenanteil
des Ruhmes ernten sie selbst. Sie geben sich alle Mühe um Franz, sie
tun es ja sich selbst zuliebe, nur schade, daß Franz so wenig davon hat.
Es kommt ihm aber auch gar nicht darauf an. Er denkt nicht nach darüber
-- es täte auch gar nicht gut -- der Wert der Freundschaft liegt für
ihn wo anders. Daß er zum freudigen Schaffen so gedrängt und gestachelt
wird, das verdankt er ihnen. Und das ist das Größte und Wertvollste,
das er sich wünschen mag. Darin zeigt sich im rechten Sinn, was
Freundschaft bedeuten kann. Sie macht ihm Mut zu sich selbst, zu
seinem Können, zu seiner Bestimmung, das ist unendlich mehr als Pump
und Borgerei. Vor ihren Augen ist er nicht arm, sondern ein großer
und reicher Geber, von dem sie alle empfangen, und wenn sie ihm auch
gelegentlich unter die Arme greifen mit dem Nötigsten, was man für den
Alltag braucht, so ist keine Rede von Leihen und Zurückgeben, sondern
es ist nur eine kleine Erkenntlichkeit in der geringsten Form, für das
große Empfangene.
Und wenn sie beisammen sitzen, ist alle Bangigkeit und Schicksalsfurcht
vergessen, die in einsamen Stunden jeden überkommt, jetzt ist Freude,
Hoffnungsmut und Überwinderstolz um sie, ein Gastmahl von Königen,
wenngleich sie nur vom Blatt essen, Wurst in Papier, und dünnes Bier
dazu trinken. Eine Kraftquelle sind die Freunde für ihn, ein Ansporn
und eine Seelenzuflucht, aber auch er ist Mutspender und Kraftquelle
für die Freunde.
Schwind, der tiefe und verstehende, drückt es aus.
»Nichts ist so wichtig für den Künstlermenschen, als zu wissen, wo er
schöpfen muß. Du gehörst da her, Schubert, wo du zu Haus bist! Zelez
war nichts für dich! Hier in Wien springen deine Quellen, deine inneren
Quellen!«
Schubert schmaucht aus dem Meerschaumpfeifchen. Sein Blick geht den
entschwebenden Wölkchen nach, ein süßes Traumbild will vor seinen Augen
zerfließen.
»Na na -- Zelez hat auch sein Gutes gehabt!« und dabei betrachtet er
zärtlich sein Meerschaumpfeifchen.
Aber ganz unrecht hat Schwind nicht. In Zelez hat er gelebt wie der
Mops im Paletot -- was war denn dabei herausgekommen? Einige Lieder,
die von seinen kleinen Schmerzen erzählen. Das Herz der Menschheit ist
darin, ja, ja, aber die großen Werke, die er sich vorgenommen hat --
wo sind die geblieben? Zelez war ein Stück längst begehrter sorgloser
Freiheit -- Großes hat er dort gestalten wollen; aber die Zeit zerrann
unter seinen Händen. Das Große und Neue erstand erst wieder, als er
daheim war in der geliebten Vaterstadt, wo ihn soviel bedrückte, im
Kreis der Freunde, die eifersüchtig wachten, daß er sich ja keine Ruhe
gönne. Hier war ihm wieder der Knopf aufgegangen -- warum nicht dort,
wo die Umstände äußerlich viel günstiger waren? Es ist wirklich der
Rede wert, er spricht sich mit den Freunden darüber aus.
Der Schwind hat wieder das rechte Wort gefunden.
»Das in Zelez war nicht die Freiheit -- das war nicht Herrentum,
sondern nur versüßter Lakaiendienst, Herr deiner selbst, deiner Zeit,
deiner Wege bist du hier, wo du keinem Geringeren untertan bist als
dir selber. Und wenn du hier auch zehnmal nichts hast, so hast du
doch die Freiheit, zu leben, zu denken, zu reden, zu singen, wie dir
der Schnabel gewachsen ist. Verhungern wirst du nicht. Also kann dir
überhaupt nichts geschehen. Der Künstler kann nur einen Herrn über
sich vertragen, und das ist er selber. Sei du -- du, dann ist Gott mit
dir! Man sieht es ja: was hast du alles aus dem Ärmel gebeutelt in
den paar Wochen, seit du wieder hier bist. Das sind Gewächse, die im
Herrschaftshaus zu Zelez nicht gezogen werden können. Dort gedeihen sie
nicht. Na, hab' ich recht, oder hab' ich unrecht?!«
Recht hat er, der gedankentiefe, romantische und doch so weltkluge
Schwind. Natürlich hat er recht! Das weiß Schubert ganz genau, so
gescheit ist er auch; was Schwind sagt, das hat er längst gefühlt.
Wortlos nickt er ihm zu.
Freilich, ein kleiner innerer Vorbehalt ist dabei. Was Zelez nützte,
das kann man nicht wissen. Alles Erleben und Umsetzen in Kunst
vollzieht sich geheimnisvoll. Oft ist die Zeit des Müßiggangs die
fruchtbarste. Man kann nicht mathematisch nachrechnen, ob ein Eindruck,
eine Erfahrung auch wirklich befruchtend war. Sie wirkten oft erst in
der dritten Potenz, mittelbar. Und wenn es nichts weiter war als die
Zeit der Ruhe, der Entspannung, so war es von um so größerem Wert.
Seine Kraft hat geruht, seine Gesundheit ist gefestigt, sein Aussehen
blühend. Sein Vorrat an schöpferischer Essenz vermehrt.
Der Mensch braucht einen gewissen Überschuß, von dem er zehren kann.
Wer weiß, ob er jetzt soviel neue und herrliche Sachen hätte aus dem
Ärmel schütteln können, wenn nicht diese kurze Brachzeit vorangegangen
wäre.
Wenn er so sein Pfeifchen in Brand hält, geht ein Strom von Liebe und
feurigen Gedanken auf ihn ein. Dieses Pfeifchen ist nicht nur ein
Nasenwärmer, sondern vor allem ein Seelenwärmer. Und wieviel man ihm
verdankt an zarten Empfindungen, die wieder ausklingen und in der
menschlichen Seele einen verwandten Ton erwecken, das ist gar nicht zu
ermessen. Rosa ist vergessen; sie war von gewöhnlichem Schlag und hatte
nichts zu geben, was Wert behielt. Aber das Grafenkind -- etwas Liebes
und Feines ging von ihr aus, das spürte er jetzt stärker als früher,
und das war gut.
Mit diesem Pfeiflein, das Liebe erweckte und die Seele fruchtbar
machte, konnte man sich nicht mehr arm fühlen, auch wenn man sonst
nichts besaß. Die kasimirne Hose hatte ihren Glanz längst eingebüßt und
war ein bißchen zerfranst, die Wäsche, die Frau Mutter geliefert hatte,
war nicht immer in bester Ordnung gehalten, und das Geld, das man in
Zelez ersparte, hatte wie immer einen heilen Schweif. Es war nicht zu
halten.
Der Herr Vater war abermals bös geworden, weil Franz sein herrenloses
Musikantenleben aufs neue aufnahm, die Verbindung mit dem Elternhaus
war wieder einmal unterbrochen. Eigenes Heim besaß der Franz nicht,
er lebte bei Schober in der Tuchlauben, hatte ein Zimmerchen dort mit
einem Klavier, einen Tisch, ein paar wacklige Sessel, einen Schrank,
eine Bettstelle, alles sehr dürftig und nicht eben freundlich, denn das
einzige Fenster des Zimmerchens ging in einen lichtarmen Hof hinaus.
Man war eben Gast und mußte sich bequemen.
Franz sah übrigens nicht sonderlich auf diese äußerlichen Dinge, wenn
er nur ein Obdach hatte und schreiben konnte -- während der Arbeit war
er in einer lichtvollen, seligen Welt.
Schober selbst hatte zwei Zimmer nach vorne, ein kleines Schlafzimmer
und ein gediegenes Arbeitszimmer mit schweren Empiremöbeln, wie es
einem jungen Bonvivant jener Tage angemessen war. Aber ein prunkvolles
Arbeitszimmer allein macht nicht glücklich. Auch Schober hatte sein
Leid, so gut wie Mayrhofer und alle andern. Sie waren tragische
Freunde, nur mit dem Unterschied, daß jeden der Schuh wo anders drückte.
Schober sprach nicht gern von seiner Kunstreise, es war eine
Enttäuschung gewesen. Er hatte sich als Schauspieler versucht, aber so
leicht ging es doch nicht, als er sich's vorgestellt hatte. Er war mehr
Komödiant des Lebens, spielte den verfluchten Kerl, war unwiderstehlich
vor den Frauen -- aber auf der Bühne versagten die glänzenden
Eigenschaften des Weltmannes. Es bedurfte dort anderer, grellerer
Mittel, die ihm nicht zu Gebote standen. Kurz und gut, Schober redet
nicht gern davon. Er ist begnadeter Dilettant und hat ein neues
Steckenpferd, das er jetzt mit Hingebung reiten will: den Pegasus. Eine
neue Lust, noch mehr aber ein neuer Schmerz.
Ein anderer ist, dem die Dichtkunst ebenfalls mehr Schmerz ist als
Lust: Mayrhofer. Er steht der Literatur nahe von Beruf und aus Neigung.
Von Beruf aus ist er dazu verhalten, dem Flügelroß die Schwingen
zu beschneiden, daß es nicht allzu freiheitlich ausgreife und die
Staatsraison vor den Kopf schlage. So muß er denn von Staats wegen für
diesen ungezügelten Renner eine Zwangsjacke bereithalten. Das ist sein
Amt als Zensor.
Der geschworene Feind der dichterischen Freiheit ist aber selbst
Dichter -- hier klafft der Riß. Neigung und Pflicht stehen miteinander
in Konflikt. Aber Pflicht ist Pflicht. Seine Dichterneigung ist
Privatsache, sie verstößt nicht gegen sein Beamtengewissen. Täte sie
es doch! Hier ist der tragische Punkt in seinem Leben. Er fühlt es
dunkel: als Dichter lebt er aus zweiter Hand. Der Quell rauscht nicht
in seinem Innern, er trinkt aus fremden Bechern. Er ahmt nicht nach,
aber es fehlt ihm doch das Echte, Ursprüngliche. Was er schreibt, ist
Almanachpoesie. Sein Leben krankt daran. Sein Geist versinkt oft in
trübe Melancholie -- wenn Schubert nicht wäre, o Leben, es wäre zum
Verzweifeln!
Aber Schubert gibt den lahmen Versen Flügel. »Gib uns ein Stück von
dir!« So meint Mayrhofer und meint Schober. Vielleicht wäre dann
jeder ein ganzer Dichter. Schober findet für das, was ihm fehlt,
einen inneren Ausgleich durch seine gesellschaftlichen Triumphe. Er
lebt als Mann des guten Geschmacks, der angenehmen Geselligkeit,
des Kunstverständnisses, des Sammlers -- auch ein Beruf. Er sammelt
Spazierstöcke und ist Schuberts Freund -- bei Gott, es gibt sehr viele
Menschen, die weniger leisten.
Bei Mayrhofer sitzt der Stachel tiefer. Zensor zu sein, ist keine große
Ehre, besonders wenn man selber Dichtersmann sein will. Er ringt um
den Segen der Muse: »Ich lass' dich nicht, es sei denn ....« Aber die
Muse verhüllt schamhaft ihr Angesicht vor ihm, sie wendet sich ab,
mehr erschreckt als beglückt von seinen gewalttätigen Liebkosungen.
Verbitterung bemächtigte sich seines Gemüts; darunter begannen auch die
Freunde zu leiden, besonders Schubert.
Franz liebte den Freund; der war um so und so viele Jahre älter, sehr
belesen, tief und ernst angelegt, krankhaft ehrgeizig und wunderlich
durch seine unselige Leidenschaft zur Poesie. Als Dichter erging es
ihm so wie früher als Priester, er hat es nie zu den letzten Weihen
gebracht. Um so härter war er im Urteil über andere. Das war nun gar
nicht nach Schuberts Sinn.
Mayrhofer hatte allerlei zu kritisieren an den Versen: »Leise, leise
...« Spürte er den kommenden Genius, den er leugnen wollte, weil er
klein gegen ihn erscheinen mußte?
»In diesem Punkte gehen unsere Wege auseinander!« erklärte Schubert
resolut. Und bewies, wie herrlich die Verse seien, aus echtem Gefühl
entsprungen, aus einem Guß. Das verstimmte Mayrhofer noch mehr. Er
vergrub sich in Trotz und Einsamkeit und ließ sich tagelang nicht
sehen. Dann kam er wieder -- er brauchte ein Stück Schubert, ein
bißchen Illusion, neue Hoffnung auf Gelingen, sonst war das Leben
nichts wert. Aber alles, was recht ist -- in diesem einen Punkt mußte
man Franz nachgeben: er duldete nicht, daß man gelungene Leistungen
anderer heruntersetzte.
Mit Spaun und Hüttenbrenner betritt Mayrhofer Schuberts Klause in der
Tuchlauben. Sie finden ihn eben dabei, als er die »Wanderlieder« von
Kreutzer durchspielt.
»Laß das Zeug,« sagt Hüttenbrenner, »und sing' uns lieber ein paar
Lieder von dir!« Das ist auch die Meinung der anderen.
Sind aber schön angekommen alle Drei. »Wie kann man so ungerecht sein?
Die Lieder sind sehr schön, ich wollte, ich hätte sie geschrieben!«
So war er; er war zu sehr ein Eigener und war zu reich an Können und
Gemüt, als daß er auf andere hätte scheel hinsehen mögen. Er vergönnte
jedem das Seine und war eher zu einem Lob als zu einem Tadel bereit.
So wäre es ja ein ganz sorgloses Dasein gewesen, man hätte guter Dinge
sein können und war es ja auch, wenn man mit den Freunden beisammen saß
und die Leistung der arbeitsreichen Tagesstunden zum besten gab. Da war
die Sorge und die Furcht vor dem Morgen und Übermorgen verscheucht,
aber freilich nur so lange, bis der Alltag mit seinen niederen,
hundsgemeinen Anliegen anklopfte.
Aber der Alltag ist schon ein solcher ruppiger Gesell, ein
Beutelschneider, der einem schwer auf dem Geldsack liegt und alle fünf
Minuten andere Forderungen hat. Er katzenbuckelt, ein grinsender Lakai,
wenn man wie ein gnädiger Herr tief hineingreifen und die Goldstücke
springen lassen kann; er wird sackgrob wie ein Packträger, aufdringlich
wie ein Schuldenmahner und unverschämt wie ein Skandalmacher, wenn man
mit den Moneten nicht nachkann.
In aller Früh schon geht es an. Ein Blick in den Spiegel, der stellt
sofort die unverschämt vertrauliche Frage: Herr von Schubert, wollen
Sie sich nicht vielleicht zum Bartscherer verfügen, gleich links um
die Ecke in der Naglergasse? Es wäre schon die höchste Zeit! -- Aus
notgedrungener Sparsamkeit denkt man, es hat Zeit bis morgen, und geht
den ganzen Tag herum wie ein Gezeichneter, ein Sträfling, dem die
Stoppeln im Gesicht stehen. Oder der Spiegel sagt: Herr von Schubert,
frische Wäsche -- ein unsauberer Kragen, ein zerknittertes Hemd, beide
kleiden schlecht!
Ja freilich -- wo ist denn die Büglerin geblieben, die vor acht Tagen
die Wäsche hätte bringen sollen? Es wird doch nicht wegen der lumpigen
Rechnung sein, die schon zweimal stehen geblieben ist? Läuft man denn
davon, ist das Geld nicht sicher? Ungehöriges Mißtrauen! Soll man
deswegen herumrennen wie ein Schwein? -- Aber so ist der Alltag: wer
nicht zahlen kann, der soll sich schämen, über die Straße zu gehen.
Im Gasthaus, im Café hat man ja etwas Kredit. Ab und zu verdient man
auch ein paar Groschen, es wird diese oder jene kleine Komposition
bestellt, Kirchensachen, na, das wirft ja gerade soviel ab, um kleine
Schulden zu bezahlen, dann lebt man wieder weiter -- auf Kreide.
Aber was man notwendig braucht, Theater und Konzert, das kann man nicht
auf Pump nehmen. Und teuer sind die Eintrittskarten -- als ob wirklich
nur reiche Leute ein Kunstbedürfnis hätten, wenngleich es unter den
Freunden ausgemacht ist, daß sie von dem wahren Wesen der Kunst am
wenigsten verstehen.
Abends singt die Milder in der Hofoper. Bei dem Wort Milder wird allen
wonnig zumut. Der Vogl und die Milder. Höheres gibt es nicht in der
dramatischen Gesangskunst. In diesem Urteil sind die Freunde einig.
Was die Milder betrifft, so kommt noch hinzu, daß neben der Künstlerin
auch das Weib zur Begeisterung und leidenschaftlichen Verehrung
entflammt. Sie war früher in Wien und ist jetzt in Berlin; sie kommt
nur mehr gelegentlich als Gast an die Wiener Hofoper. Schober kennt sie
aus seinen oberflächlichen Beziehungen zum Theater; er hat ihr einige
Lieder Schuberts geschickt und besitzt einen sehr herzlichen Brief
von ihr; tagelang geht die Schwärmerei um die Sängerin, doch so, daß
die Aufzählung ihrer weiblichen Reize den größeren Teil ausmacht und
fast wichtiger scheint, als die Bewertung ihrer unzweifelhaft großen
künstlerischen Mittel.
Wenn es von einem Frauenwesen hieß: »Du, die hat Augen wie die Milder,«
oder: »die lächelt ein Mildersches Lächeln,« so bedeutete es soviel,
als daß die Betreffende eine ausgemachte Schönheit sei und daß man
nichts Eiligeres zu tun hätte, als sich Hals über Kopf unglücklich in
sie zu verlieben. Wer es nun immer war, ein Kind der Dienstbarkeit,
ein Mädchen aus dem Volke, eine Dame der Gesellschaft, man sah sie nur
mehr durch diese Augen oder durch dieses Lächeln, und dann waren alle
unsterblich in sie verschossen. Darin glich einer dem andern.
Die Abende, an denen die Milder sang, zu versäumen, wäre eine solche
Kardinalsünde, daß man dafür verdiente, in der Hölle zu schmoren. Das
Leid darob wäre für den armen Schubert eine dreifache Hölle gewesen;
der muß ein so frommes Gemüt, wie er, zu entgehen wissen. Also muß
Freund Schober für die Billette aufkommen.
»Aber selbstverständlich, lieber Freund!« Er ist immer so nett, der
scharmante Schober. Es ist freilich etwas dabei, das dem Franz gegen
den Strich geht. Er ist und bleibt empfindlich. Ein so harter und
schwieliger Schuldenmacher zu werden, der kaltblütig alles für sich
begehrt, ohne Entgelt, das kann er nicht.
Er leidet immer mehr unter dem Druck der Verhältnisse. Schober weiß es
nicht, er hätte es ihm gewiß ausgeredet. Aber es ist nicht die Art des
Franz, sich über so heikle Dinge zu erschließen. Nur zu Schwind äußert
er sich gelegentlich und nur ganz beiläufig; denn zu Schwind kann er
reden wie zu sich selbst, der steht ihm innerlich am nächsten, mit ihm
ist er am meisten verwandt, sie sind beide gleich arm an Gut und Geld
und gleich reich an Kunst und gleich groß an Gefühl.
»Nicht wahr,« hebt Franz an, »man kann bei einem guten Freunde wohnen,
man kann sich bewirten lassen, aber man kann nicht das Taschengeld von
ihm nehmen, man kann nicht seine Stiefel anziehen, man kann nicht seine
Beinkleider tragen -- mit einem Wort, man kann sich von ihm weder ein
Gewand schenken lassen, noch auf seine Kosten einen neuen Anzug machen
lassen ....«
Schwind versteht ihn, bei dem bedarf es nicht vieler Worte, der weiß
um alle Lebensnot und Künstlersehnsucht, und wenn beide in Schweigen
beisammen sitzen, so geht ein Strom von Trost und Linderung von einem
auf den andern über.
Einsam ist jeder, aber es tut wohl zu wissen, daß der Mitbruder in der
Zelle nebenan um alle Gebundenheit dieses Erdendaseins weiß und mit
seinem Mitgefühl nahe ist. Auch darin liegt etwas von der Kostbarkeit
der wahren Freundschaft.
Die Abende in der Oper gleichen dem Traum vom Paradies. Die Musik ist
Blech, die Bühne ist Pappendeckel, die Sänger und Sängerinnen sind
beschmierte Larven, aber Leben, Schönheit, Wohlklang, Seele bekommt
alles erst, wenn die Milder auf der Szene steht. Wenn sie geht, sinkt
alles wieder in die nichtige Armseligkeit zurück. Wenn sie singt, dann
fällt alles Weh ab, man vergißt, daß man ein unruhig klopfendes Herz
hat, einen brummigen Schädel von der Hitze, brennende Augen von der
schlechten Beleuchtung, einen knurrenden Magen und andere menschliche
Übel; man fühlt sich in einer beglückenden Seelengemeinschaft mit der
schönen Besitzerin dieser herrlichen Stimme, dieser strahlenden Augen
und dieses berückenden Lächelns, und hat nur das eine dumpfe Bedauern,
daß, wenn sie jetzt von der Szene abgeht, alles nur holde Lüge war,
und daß man wieder in Dumpfheit und Verlassenheit allein dasteht,
ein armseliger Schlucker, beschwert mit einer großen, unerfüllbaren
Sehnsucht.
Nach der Vorstellung soll Schubert, von Schober geführt, in der
Garderobe der Künstlerin erscheinen. Sie will den Schöpfer der Lieder
kennen lernen, die sie in Berlin gesungen und mit denen sie viel
Aufsehen gemacht hat.
Als Schober sich nach dem Freunde umsieht, war der weg. Einfach
entwischt. »Was ist das für eine Art? Was wird die Milder dazu sagen?«
Schober ist außer sich. Er kann die Torheit nicht begreifen. Zuerst
Sehnsucht, Begeisterung, Schwärmerei, man könnte sagen Verliebtheit,
und wenn es drum und drauf ankommt, reißt er aus und versteckt sich wie
ein furchtsames Knäblein. »Schämen soll er sich!«
»Das verstehst du eben nicht!« erklärt Schwind, dem die
draufgängerische Art Schobers zuwider ist. »Ich an seiner Stelle hätte
es genau so gemacht.«
»Was gibt es da zu verstehen? Feigheit ist es, Mangel an guter Art,
Launenhaftigkeit ....« Nein, Schober versteht es wirklich nicht. Aber
Schwind versteht es, der blickt tiefer und erkennt Zusammenhänge, die
der andere nicht ahnt.
Anna Milder ist abgereist. Ein neuer Stern ist auf dem Horizont der
Freunde aufgetaucht, Therese Puffer. Sie ist eine der eleganten Frauen,
die in den Wiener Salons verkehrt, wo Musik gepflegt wird. Sie ist
Konzertsängerin, aber nicht aus Beruf. Die Kunst ist nicht der Zweck,
sondern vielmehr der Schmuck ihres Lebens.
Die Freunde streiten, wer schöner sei, die Milder oder die Puffer.
»Die Milder hat eine schönere Stimme!« sagt der eine. »Aber die Puffer
hat die edlere Gestalt!« meint der andere. »Die Augen hat sie von der
Milder!« entscheidet der Dritte. »Nein, das Lächeln hat sie von ihr!«
behauptet der Vierte.
»Jedenfalls verdient sie, daß man sich so unglücklich als möglich in
sie verliebt!« erklärt der kundige Schober. Es war gar nicht nötig,
das erst zu sagen, denn heimlich träumt schon jeder von ihr. Schwind
zeichnet sie als Melusine, Franz gedenkt ihrer in seinem Lied »Des
Schäfers Klage ...« »Da stehet von schönen Blumen, da stehet die ganze
Wiese so voll; ich breche sie, ohne zu wissen, wem ich sie geben soll.
Und Regen, Sturm und Gewitter verpass' ich unter dem Baum. Die Türe
dort bleibet verschlossen; doch alles ist leider ein Traum ..«
Die Türe dort bleibt verschlossen .... Nämlich die Türe vom »roten
Igel«, dem Vereinshaus, wo Konzertabend ist. Da drinnen hinter
den hellerleuchteten Bogenfenstern mit weißen Sprossen, die wie
Sonnenstrahlen ausgreifen, sitzt eine erlesene Gesellschaft; Therese
Puffer singt. -- Was singt sie? Ein Lied von Schubert. »Und Regen,
Sturm und Gewitter verpass' ich unter dem Baum ....«
Die schöne dunkle Frauenstimme breitet ihren weichen Flor über die
entzückten Hörer, auf den einsam Lauernden draußen fällt noch ein
verwehender Klang ab. Der steht draußen und paßt an der Tür, und nun
bricht der Sturm los, Händeklatschen und Beifallsjubel der Menge.
Der Beifall will nicht enden, er schwillt an wie ein Orkan, und da ist
ihm, als ob er in dem Brausen seinen Namen hörte.
In der Tat, sie rufen drinnen nach ihm! Schubert soll sich zeigen! Sie
klatschen wie wütend, sie schreien seinen Namen, sie trampeln mit den
Füßen. Er steht draußen und weiß nicht, ob er fliehen soll oder in den
Saal hineineilen. Es drängt ihn zur Flucht -- ganz wie neulich, als er
die angebetete Milder hätte sehen sollen. Warum, Warum? Schwind hat es
begriffen. Der -- ja, dem ist nichts Menschliches fremd.
Franz sieht sich bei dem armen Öllicht, das vor der Tür hängt, prüfend
von oben bis unten an, ehe er es wagen würde, auf die Klinke zu
drücken, prüft genau seine abgetragenen Schuhe, seine verknitterte
Hose, seinen schäbigen Rock -- nein, nein, um keinen Preis da hinein!
Er will fliehen, sich verstecken -- die Armut bedrückt ihn, er mag sich
den Leuten nicht so zeigen, wie es wirklich um ihn steht.
Das ist es, was Schwind sofort verstanden hat, und was Franz doch nicht
sagen wollte aus seelischer Schamhaftigkeit. Und diese Schamhaftigkeit
hält ihn jetzt wieder ab, dem Ruf zu folgen. »Und Regen, Sturm
und Gewitter verpass' ich unter dem Baum -- die Türe dort bleibet
verschlossen, doch alles ist leider ein Traum.«
Franz will fort, und doch ist es, als ob der Lärm drinnen eine magische
Gewalt über ihn hätte, die ihn festbannt. Er bleibt stehen wider
Willen, lauschend auf das, was nun kommt, auf das Stühlerücken und
das Stimmengewirr -- und da fliegt schon die Türe auf, ein blendender
Lichtkegel fällt in die dunkle Straße, ein Strom von Menschen quillt
hervor mit erhitzten, geröteten Gesichtern und befeuerter Seele; er
hat gerade noch soviel Zeit, sich unter das dunkle Gesims zu ducken --
die festlich gestimmten Frauen und Mädchen gehen vorbei, die schwärmen
von Schuberts Lied, aber ihn kennen sie nicht, sie gehen achtlos an
ihm vorüber, die eine oder andere schaut gleichgültig den wildfremden
und unscheinbaren Menschen an, niemand hat eine Ahnung, daß er es ist,
von dem sie schwärmen, und den sie sich wahrscheinlich ganz anders
vorstellen, als jungen, verklärten Helden im himmelblauen und rosaroten
Licht.
Das Glück ist mit Weh gemischt wie immer; die Freude über den Erfolg
und die kleine Bitternis, mit seiner Person im Dunkeln stehen zu
müssen -- Armut ist ein brennendes Hemd, und wer damit bekleidet ist,
zeigt sich nicht gern vor Menschen. Vielleicht wäre man schon weiter
in der öffentlichen Gunst und in der äußeren Wohlfahrt, wenn man es
besser verstände, sich öffentlich zu zeigen, sich zu inszenieren, den
Tageshelden zu spielen -- aber just das ist ihm verwehrt. Vogl hat
recht: »Sie sind zu wenig Komödiant, zu wenig Scharlatan!« Das heißt
mit anderen Worten: Sie werden es in dieser Welt schwer haben, sich
durchzusetzen. Sie werden für Ihre Kunst leiden und ihr zuliebe die
Märtyrerkrone tragen müssen -- wie übrigens jeder echte Künstler, der
das Tiefste geben will.
Aber Franz hat nicht Zeit, nachzudenken, alles das liegt keimhaft in
seinem Gefühl, im winzigen Aufleuchten eines Augenblicks offenbart
sich ihm diese ganze Erkenntnis. Dort hört er schon eine wohlbekannte
liebe Stimme, die sagt: »Ich möcht' doch eigentlich wissen, wo der
Kerl steckt! Wenn mich nicht alles täuscht, so ist es eine heimliche
Liebschaft!«
Der so daher redet, das ist ein ganz Feiner, der selber bis über den
Kopf in den Techtel-Mechteln steckt. Der Anselm Hüttenbrenner ist
es, und zu dem er es sagt, das ist der Salonlöwe Schober. Sie kommen
als die Letzten heraus. Jetzt ist das Entrinnen schwer. Im nächsten
Augenblick mußten sie ihn entdecken. Da ruft schon der Schober freudig
aus: »Da ist er ja!« Und eine süßflötende Frauenstimme wiederholt
entzückt: »Da ist er ja!« Es ist die Stimme der Melusine, die sich in
Begleitung der beiden Ritter befindet: Therese Puffer.
Von den Freunden ans Licht gezogen, steht er nun vor der Schönen und
ist ganz behext von ihren sprechenden Augen und ihrem zauberhaften
Lächeln. Er will etwas stammeln, ein paar Worte des Dankes, und geht
auf sie zu, sie aber, noch ganz beglückt, förmlich berauscht von dem
Triumph, den sie nicht nur ihrer Schönheit, sondern diesmal ganz
bestimmt den Schubertschen Liedern verdankt, breitet unwillkürlich die
Arme aus und ruft in überströmender Gefühlsseligkeit: »Es war zu schön,
ich kann nicht anders, ich muß Ihnen dafür einen Kuß geben.«
Ein paar volle Arme, weich und rund, ein stürmisch atmender Busen,
graublaue Nixenaugen, so tief, daß man schwer zurückfindet, ein seltsam
verlockendes Lächeln, ein blühender Mund -- für den Augenblick ist
Franz in diese Herrlichkeiten hineingesunken -- ach, es war nur ein
einziger, winziger Augenblick, und dann war es vorbei -- beide waren
etwas verlegen, Franz über und über rot -- so muß dem Adam im Paradies
zumute gewesen sein.
Gern hätte er die ewige Seligkeit hingegeben für die Wiederholung
dieses Augenblicks, der ein ganzes Paradies erschloß, aber es war nun
einmal vorbei, die schöne Fee Melusine, wie sie unter den Freunden
genannt wurde, faßte sich rasch und ward wieder ganz Dame. Es nützte
also nichts, daß die beiden Kavaliere Schober und Hüttenbrenner für
sich eine ähnliche Gunst begehrten.
»Es hat dem Künstler gegolten!« sagte sie und verstand es
vortrefflich, die aufflammende Begehrlichkeit der beiden Ehrenkavaliere
in Schranken zu halten. Oder wenn das Feuerlein gar zu sehr unter
die Asche kroch, soweit zu schüren, daß sie wieder in sanftem
Glühen standen. In diesem Zustand des Glühens wußte sie die ganze
Männergesellschaft zu halten. Wenn aber irgendeiner in verheerenden
Brand auszuarten drohte, dann hatte sie auch die kalte Dusche bereit.
»Sie ist eine Kokette!« behauptete Schober ärgerlich und verriet
dadurch, daß er nichts erreicht hatte.
»Sie hat ein Fischherz!« lästerte Hüttenbrenner, der noch empfindlicher
abgeblitzt war.
»Sie ist eine Donaufrau,« sagte Schwind, »nixenkühl und gefährlich.
Sie trinkt Seelen aus!« Die Seele hat er dazu gegeben, der sie als
Melusine zeichnete, und einen Ritter dazu, der unter Felsen und
seltsam verschlungenen Baumwurzeln am träumerischen Waldquell ihrer
Stimme lauscht. Der Ritter war er selber, verloren an die romantische
Melusine. Schubert sagte nichts. Sein Herz stand in weißer Glut. Der
selige Augenblick war kurz, aber die Erinnerung blieb -- ein heißer
Quell, bis ans Lebensende wird er ihn nicht vergessen. Und der heiße
Quell drängt brausend empor, wird Lust, wird Leid und wird Genesung.
Der Winter vergeht, der Frühling ist da, mit lichtgrünen Händen winkt
der traumhäuptige Wienerwald in die Stadt herein, winkt und winkt,
daß einem ganz eng ums Herz wird. Die Mauern sind eine drückende
Umschnürung, man will wieder frei atmen können, atmen mit dem
Windhauch auf wogenden Wiesen, atmen mit dem tiefen Waldaufrauschen!
Hinaus, hinaus!
»Morgen ist Lämmerhüpfen bei der Karoline Pichlerin,« berichtet
Schober, »fünfzig junge Mädchen, weiß wie Schnee und rosenrot -- die
Pichlerin läßt dich grüßen, du sollst kommen. Also Franz, sei kein
Narr, das sind Menschen, die du brauchst, lauter junges Mädchenvolk
mit Klavierfingern und Piepsstimmen und Herzen wie Vogelnestern, darin
deine Liedlein nisten können. Also komm' und leg' deine musikalischen
Kuckuckseier hinein!«
»Laßt mich in Ruh'! Soll ich die Augen verdrehen und Süßholz raspeln?
Soll ich affig tun und gespreizt und geziert Menuett tanzen, hab' ich
diese fade und lächerliche Mode nicht längst auf der Weste? Also,
lieber Freund, geh' nur allein, wenn du es nicht lassen kannst!«
Nein! Da müßt' man schon ein Zierbengel sein wie der gute Schober
selber, um Gefallen darin zu finden, vor allem müßte man was
Anständiges anzuziehen haben, und das hat man eben nicht. Aber der
liebe Himmel weiß am Ende vielleicht doch, warum er dem Franz aus
einem so lächerlichen und rein äußerlichen Grund vielerlei Entsagung
auferlegt. Die Vorsehung verschließt ihm viele Wege und treibt ihn
auf andere, wo vielleicht mehr für den inneren Menschen zu holen
ist, und der Künstler eine größere Ausbeute gewinnt als im seichten
Gesellschaftsgetriebe. Was haben einem die Leute zu sagen? Nichtige
Schmeicheleien -- die vom wahren Wesen der Kunst was verstehen, die
sind doch sehr selten.
Es treibt ihn von den Menschen weg hinaus zum Stadttor, wo ihm der
Petrus den grünen Schlüssel gibt; dort bedarf es keiner schönen
Kleider, keiner Geckerei, keiner Komplimente, dort kann man sein, wie
man mag, dort ist man mit sich und seinem Gott allein. Und wenn einen
Gott recht lieb hat, dann gibt er einem ein herziges Mädel dazu. So
gehörte sich's zur waldgrünen Einsamkeit.
Ein herziges Mädel -- er wüßte schon eins. Hat Augen wie die Melusine,
lacht ebenso, nur Kuß hat sie ihm noch keinen gegeben. Aber das kann
kommen. Eine große Schranke ist zwischen ihm und Melusine, und alle
Sehnsucht fliegt nicht drüber, wohin also Herz mit deiner Liebe? Da muß
man sich schon an einfachere Kost halten, die Kinder des Volkes sind
nicht so gespreizt, und schön sind sie auch, ebenso schön, und haben
solche Augen und ein solches Lächeln. Das ist Fanny im Wirtshaus am
Himmel.
»Eine Mühle seh' ich blinken aus den Erlen heraus ..«
Wenn es auch keine Mühle ist, so sind es doch die Erlen am Bach; und
ist nicht Rädergebraus, so ist doch Blätterrauschen ums trauliche Haus,
und die Fenster sind blank, und Fannys Augen sind so licht, so licht
und klar wie die Blumen am Bach. »Ich frage keine Blume, ich frage
keinen Stern, sie können mir alle nicht sagen, was ich erführ so gern.
Ich bin ja auch kein Gärtner, die Sterne stehen zu hoch, mein Bächlein
will ich fragen, ob mich mein Herz belog ...«
Er wandert mit Müllerliedern im Herzen, er gibt ihnen Klang und Ton und
denkt dabei an Fanny.
»Ich schnitt es gern in alle Rinden ein, ich grüb' es gern in
jeden Kieselstein, ich möcht' es sä'n auf jedes frische Beet mit
Kressensamen, der es schnell verrät, auf jeden weißen Zettel möcht'
ich's schreiben ....«
Nur seinem Mund gebietet er Schweigen.
»Und ich bleibe dabei, der hat eine heimliche Gspusi,« schwört Stein
und Bein der ewig in Liebesnöten schmachtende Hüttenbrenner; »so tut
nur einer, der irgendwo ein Mädel hat und es nicht anschaun lassen
will, Duckmauser, vertrackter!«
Aber der Franz verrät nicht, mit wem er geht.
Er blinzelt nur listig aus seinen Brillengläsern hervor. »Mit wem ich
geh'? Mit wem sonst als mit meinem Stecken, mein Wanderstecken ist mein
Gespons!« und lächelt wieder so listig, daß ihm die anderen erst recht
nicht glauben.
»Du kannst mir's ja sagen, was du für ein Pantscherl hast!« drängt der
Hüttenbrenner, bringt aber nichts heraus und gibt schließlich selber
zu: »Gib einem guten Freunde dein Leben in die Hand, deine Ehre, dein
Gut und Geld -- er wird dich nicht betrügen und belügen; gibst du ihm
aber dein Mädel zum Pfand, dann mach's Kreuz drüber!« Er muß es wissen,
er hat Erfahrung, der lockere Zeisig! Das hat Franz aber ohne ihn
gewußt und hat fein geschwiegen dazu.
Am Hof steht der gelbe Wagen, mit dem fährt man hinaus ins Ätherblaue.
Fährt oft hinaus, der stille Franz, und vergißt darob manche Einladung
bei guten Leuten, denen er auf vieles Drängen zugesagt hat, und weiß
gar nicht, wo er die Entschuldigungen hernehmen soll. »Ach, wenn Sie
wüßten, wie unmöglich es mir gemacht wurde, Sie würden mir gewiß
verzeihen!« Der liebe Gott, der die Verliebten zusammentreibt, der weiß
es, das genügt!
Sitzt also Franz in dem gelben Rumpelkasten und fährt ins Land der
Liebe, daß ihm alle Knochen wehtun. Unterwegs springt er aus: »Halt!
Muß schauen, was die Frau Mutter macht!«
Und biegt in die Säulengasse ein, nachmittags, wenn der Herr Vater
Schule hält. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen. Aber die Frau
Mutter, die hat allemal ein paar Taler im Strumpf, und da fällt für
einen armen, notleidenden Musikanten immer etwas ab.
»Schau' nur, daß dich der Vater nicht sieht! Aber wart', auf ein
Schalerl Kaffee kannst noch sitzen bleiben!«
So bleibt er noch sitzen auf die Länge eines Schalerl Kaffee. Hätte
sich aber beinahe verplaudert, Himmelfix ...! Guckt richtig der Herr
Vater bei der Tür herein.
»Ja schau', der Herr Franz!« Diese förmliche Anrede bedeutete nichts
Gutes. Und bald geht's los aus einem anderen Ton.
»Ist doch zum Disparatwerden!« jammert der Alte. »Daß die Kinder so
verschieden sind und daß grad' du daneben geraten mußt. Franz, Franz!«
Der Alte greift sich an den grauen Schädel und tanzt vor ihm herum.
»Sind doch keine zwei Menschen gleich auf der Welt, warum sollen denn
die Kinder nicht verschieden sein, jedes auf seine Art ....?! Ist
deswegen noch lange keine Ursache, von daneben geraten zu reden!«
wehrt sich der Sohn. Dann mault wieder der Alte. Aber der Sohn beharrt
eigensinnig: »Ist doch ein Glück, daß die Menschen verschieden auf
die Welt kommen und nicht alle gleich wie die Rechenpfennig, muß daher
jedes auf seine eigene Art werden und gehen, wohin es jedes treibt.
Bringt doch jedes sein eigenes Schicksal mit auf die Welt, das muß doch
der Herr Vater endlich einsehen! Menschen sind keine toten Sachen,
mit denen man beliebig schaltet und waltet .... und so ist es mit den
Kindern. Die sind auch kein Eigentum, mit dem man beliebig verfährt,
vielmehr sind sie den Eltern vom Himmel verliehen worden mitsamt der
Pflicht, darauf zu achten, daß jedes in der ihm eigenen Richtung
wachsen kann und darf.
Ja, Herr Vater, der liebe Gott weiß schon, was er will, und was der
Mensch als sein Eigenstes hat, das hat er nicht vom Herrn Vater und
nicht von der Frau Mutter, das hat ihm schon der liebe Gott gegeben,
und zwar vom Mutterleib an. Oder soll der Herr Vater das Geheimnis
von der wahren göttlichen Empfängnis nicht verstehen, das sich immer
und immer wieder bei jeder Mutter vollzieht?! Habt ihr mir das Talent
gegeben, hat es irgend jemand in unserer Familie gehabt? Nein. Es ist
mir geworden, wie dem Menschen überhaupt je die Gaben werden -- das
wird kein Sterblicher ergründen! Es ist nicht immer leicht, dem Guten
zu dienen, das einem im Leben vorgezeichnet ist -- macht mir's nicht
schwerer, als es ist, Herr Vater!«
Der Alte war fassungslos über diese Rede. Es muß etwas dabei gewesen
sein, das jeden Widerspruch erstickte -- er wußte es nicht, was man
darauf sagen sollt', und weil ihm wirklich nichts Rechtes einfiel, und
der väterliche Respekt doch irgendwie den Schein retten wollte, so tat
er ganz erbost und stapfte aus dem Zimmer hinaus.
»Jetzt hast ihn aber wirklich bös gemacht, Franz -- aber ganz unrecht
hast du nicht in dem, was du sagst ...«
Die Mutter, die selber ein Kind unter dem Herzen trug, war
empfänglicher für eine große, einfache Wahrheit.
Franz ging; er litt, weil der Vater litt -- aber die Wahrheit mußte
heraus, und bei allem Leid war es ihm leichter ums Herz.
Der Flieder duftet, ein Vogel singt, und draußen am Sieveringer
Bach singt auch schon das eigene Herz: »War es also gemeint, mein
rauschender Freund? Dein Singen, dein Klingen war es also gemeint?
Zur Müllerin hin! so lautet der Sinn. Gelt, hab' ich's verstanden?
Zur Müllerin hin! Hat sie dich geschickt, oder hast mich berückt? Das
möcht' ich noch wissen, ob sie dich geschickt, ob sie dich geschickt.
Nun, wie's auch sein mag, ich gebe mich drein, was ich such', ist
gefunden, wie's immer mag sein ....«
Ja, in Sievering, da ist's zaubervoll! Da ist der Wind ein Kuß, da
rauscht in den Brunnen der Wein, da schaut die Liebe aus jedem Fenster
heraus, aus jedem blauen Äuglein! Da kommen ihm schon die alten
Weiber entgegen, die Lotterieschwestern vom Agnesbründl, mit bunten
Papiermützen auf dem Kopf, das Gesicht voll Rausch, und gewinstsichere
Lotterienummern in der Tasche, die sie nachts in der Quelle der
heiligen Agnes erschaut haben.
Rechts geht der Gspöttgraben hinauf, der führt zum Himmel. Ein weißer
Kleiderzipfel funselt ihm vor den Augen. Schon ist er im Gebüsch
verschwunden. Ein Liebespaar, das nicht gesehen werden mag!
Franz denkt: »Nur keine Angst, ich schau' ohnedies nicht hin, also
nein, bitte! Geniert euch nur nicht! Ich hab' nur so vorbeigeblinzelt,
nicht mehr!« Also nur keinen Spott! Wer im Gspöttgraben spottet, dem
passiert leicht was Unangenehmes. Und wer auf Liebeswegen geht, der muß
sich ganz besonders vor Unannehmlichkeiten hüten. Überdies, wenn Franz
ein Liebespaar sieht, ist er selber mehr verlegen als die Verliebten.
Ob's denen auch so geht? Ihm geht es so!
Steil geht's aufwärts. Droben am Himmel rauschen hundertjährige Bäume
um den Saal des Gasthauses. Ein Klavier steht drinnen, verstaubt und
verstimmt, das nimmt nun Franz, wenn er kommt, fest in die Arbeit. Und
was ihm unterwegs eingefallen ist, das blüht jetzt hervor zu einem
blühenden Strauß von Tönen. Die lachende Fanny bringt ihm den Wein, sie
hört ihm gern zu, dem seltsamen Musikanten.
»Nach Arbeit ich frug, nun hab' ich genug, für die Hände, fürs Herze,
vollauf genug, vollauf genug!«
An freien Nachmittagen kommt junges Wienervolk hier zusammen, um zu
tanzen. Sie tanzen nicht Menuett wie die feinen Leute in der Stadt, sie
tanzen Ländler und Walzer zu einer Klarinette, einer Gitarre und einer
Ziehharmonika. Ist das ein Schleifen und Wirbeln, ein rhythmisches
Wiegen, Walzer, Walzer! Ach und die herzigen Mädeln, und dazu der
Fliederhauch des Abends und der heitere Kuß der Sommernacht, und vor
allem die stumme, gotterfüllte Ekstase des Tanzes!
Sie sind auch nicht geziert und gespreizt, diese kleinen, netten
Verkäuferinnen, Modistinnen, Näherinnen und was sie sonst alle sind.
Hier fragt man nicht nach Herkommen, nach Stellung und Würde, hier
will man tanzen und lieben und weiter nichts. Hier ist man Mensch und
genießt den Augenblick, der so reich ist an Glück!
Stolze, schöne Fee Melusine, dort unten in der Stadt, wie sollt' man
das vergebliche Sehnen ertragen, wenn nicht deine niederen, aber nicht
weniger schönen Schwestern wären, mildtätig genug, dieses Liebessehnen
zu stillen!
Wenn man nicht ganz genau hinsieht, so kann man sich einbilden, die
Fanny hat genau denselben Mund und dasselbe Lächeln wie Melusine. Der
Kuß schmeckt fast ebenso, endlich hat er ihn auch hier bekommen -- ist
wohlfeil übrigens hier draußen! Und was ihm etwa noch fehlen sollte,
das ersetzt er reichlich durch die Menge. Wie feuriger Sternenregen
regnen die Küsse durch die blauschwarze Frühlingsnacht, der tramhaperte
Wienerwald sieht mit verschränkten Armen gemütvoll zu; unzählbar die
Liebespaare, die er in seinen schützenden grünen Falten birgt.
Fanny ist innig und beglückt, als sie mit Franz Arm in Arm auf den
einsamen Waldpfaden im Umkreis der Wirtschaft herumspaziert. Mit
rührender Aufrichtigkeit gesteht sie: »Es war seit undenklicher Zeit
mein innigster Wunsch, einmal so mit einem Herrn zu gehen, und jetzt
hat sich der Wunsch erfüllt!«
Süßer Fratz! Was soll man da für eine Antwort geben? Man gibt ihr einen
schallenden Kuß, die Leute mögen schauen, wie sie wollen, es ist
jetzt die Reihe an den anderen, verlegen zu werden, und obendrein sind
ohnehin keine Leute da.
Aber damit war es gefehlt. »Ha!« schreit eine Stimme auf, ein junger
Mensch mit einem Mädel im Arm sitzt auf einer halbversteckten Waldbank,
zehn Schritte von dem verstörten Franz. Franz glaubt, er müßte in die
Erde versinken: »Also du, Hüttenbrenner!«
Der lacht verschmitzt und doch zugleich etwas verlegen und ruft ihm zu:
»Hast nicht den Schober gesehen, er ist nicht weit!« und kichert in
sich hinein.
Sie erholen sich alle von dem anstrengenden Minnedienst am Hof der
schönen Melusine. Hier am Himmel gibt es keine kalte Koketterie,
kein feurig tuendes Fischherz -- hier ist alles selbstverständliche
Erfüllung, nahrhafte Kost fürs Herz, Hausmannskost.
Jetzt weiß man, wo Franz die vielen Tänze her hat, die er schreibt,
die sogenannten »Deutschen« und die Walzer, die er jedesmal wie einen
Strauß frischer Waldblumen von einer solchen heimlichen Reise ins
Land der Liebe heimbringt. Dort draußen sind sie ihm entgegengeblüht,
auf all den Schubertschen Wegen, die in den grünen, liebreichen und
weinseligen Wienerwald führen.
Schwind steht Kopf vor Entzücken über die Deutschen, über diese Walzer.
»Das ist die blühendste Musik, die ich je gehört hab', quellfrisch aus
dem Herzen, aus dem Herzen des Wienerwalds --« vor allem aus Schuberts
Herzen -- Schwind kann nicht genug kriegen, Franz muß sie immer und
immer wieder spielen.
Drinnen in der Stadt fangen die feinen Töchter schon an, Walzer zu
tanzen. Das haben sie ihm zu danken, der den Tanz im Grünen erlauscht,
erlebt und aufs neue zum Erklingen gebracht hat. Jetzt sitzt er ihnen
in den Klavierfingern, dann geht er siedend ins Blut und jetzt wirbelt
er schon in den Beinen.
Und der den Zaubertrank schöpfte, den geheimnisvollen Jungbrunnen des
Wienerwalds -- der geht still und unscheinbar dahin, nur im engen
Kreis gekannt und geliebt; für die anderen ist er ein Name wie tausend
andere, flüchtig genannt, vergessen und verweht. Noch denkt man nicht
daran, daß man sich ihn merken müsse.