IV.

Vierzig schnatternde Gänse reißen den guten Franz aus dem Morgentraum.

Vierzig ungarische Gänse, die zu gleicher Zeit zu schnattern anfangen,

als müßten sie das Kapitol retten -- dagegen kann der bleiernste Schlaf

nicht bestehen. Franz fährt wirr in die Höhe. Er ist noch gar nicht bei

sich.

»Was ist denn los!« Er reibt sich die Augen, schaut um sich -- da hängt

ein farbig gestickter Klingelzug, in einer halbrunden Nische steht ein

zylindrischer glasierter Kachelofen, dort ein Waschtisch, in der Mitte

ein einfaches Tischchen mit weißem Tintenzeug aus Steingut, zwei Stühle

mit geblumten Polstersitzen, ein geblumtes Fauteuil, ein altes Klavier,

durch das kleine Fenster schaut grünes Gezweig herein, silbergrau

flimmert es durch das Blattwerk: die Morgendämmerung.

Eine neue, ungewohnte Umgebung. »Wo bin ich?« Franz hat Mühe, seine

Gedanken zusammenzuholen. Das ohrenzerreißende Schnattern draußen --

reden ungarisch, die Gänse -- jetzt hat er sich zusammengeklaubt und

zurechtgefunden.

»So also sieht das Zimmerchen aus, das für die Dauer des

Sommeraufenthaltes auf Schloß Zelez mir gehört! Nicht übel! Das

Fenster, das Grün davor, der Ofen, die blumigen Stühle -- es hat

Stimmung!«

Der Klingelzug -- mit heiliger Scheu betrachtet er ihn. Ein breites

Band mit bunter Kreuzsticharbeit bedeckt, wahrhaftig eine Zier der

kleinen Stube. Er braucht im Bette nur die Hand auszustrecken, ein

Riß, und es müssen schon die Diener des Schlosses herbeifliegen, nach

den Wünschen des Gastes zu fragen. Es zuckt in seinen Fingern -- aber

möge ihn der Himmel bewahren, wirklich zu ziehen! Gestern abend bei

der Ankunft hat ihm der Herr Kammerdiener gesagt, es sei nicht üblich,

die Klingel zu ziehen. »Es wird ohnehin gesorgt werden, daß es zur

rechten Zeit da ist, was dem Herrn Professor zukommt. Also, angenehme

Nachtruhe, Herr Professor!« Sagt es und zieht sich mit würdevoller

Miene zurück.

Der gräfliche Herr Kammerdiener muß wissen, was Sitte ist. Seine

Gnaden, der Herr Kammerdiener wünschen auch nicht übermäßig gestört

zu werden, ist aber sonst ein umgänglicher Mann, wohlwollend,

herablassend, ganz nach Herrenart. Er geizt mit Titeln nicht, er ist

den »Professor« gewissermaßen sich selber schuldig; mit geringeren

Leuten würde er sich gar nicht abgeben. Franz hätte aus Bescheidenheit

ohnehin nie den Klingelzug angerührt, aber jetzt malt ihm seine erregte

Phantasie die beschämenden Folgen aus, wenn er sich wirklich vergessen

würde. Nein, nein, lieber sollte ihn doch gleich die Erde verschlingen.

Mit einem Satz ist er aus dem Bett heraus, zum Fenster hin. Die

wundervolle Morgenluft, die da hereinströmt! Köstlich, das erste

Erwachen auf dem Lande! Diese Würze -- die Erde hat hier einen

anderen Geruch als daheim. Ein fremdes Land. Man ist gespannt auf die

Entdeckungen, die bevorstehen. Gestern abend, diese Müdigkeit, man

hat gar nicht Zeit und Sinn gehabt, sich umzusehen. Man war ja wie

zerschlagen nach der langen Fahrt im Postwagen. Aber schön war es,

seltsam schön.

Jetzt kehren die Bilder zurück, die man unterwegs erschaut hat. Auf

dieser Fahrt durch die Ebene, die weit geöffnet dalag wie die Hand

Gottes, eine riesige Blumen- und Fruchtschale. Unaufhaltsam ging's

weiter durch endlose alte Alleen, staubweiße Straßen, vorbei an

kühlen, dunklen Kirchen, geduckten Dörfern, hellen Schlössern, immer

weiter, weiter gegen Osten. Fliegende Wolkenschatten huschten gleich

wandernden Gedanken über das klare Antlitz der Ebene, sie atmete

sichtbar und erregt, wenn sich der Wind in die hohen Pappeln legte,

und war still und traurig, wenn sich der Himmel trübte, und war ein

Lächeln über und über, wenn die Sonne aus den Wolken trat. Die Felder

standen fruchtschwer, und die Weiber mit den roten Kopftücheln sahen

aus wie Mohnblüten im gelben Stroh. Ein schönes Stück Welt hat man im

Flug gesehen, aber das Beste sollte erst kommen, denn hier im Schlosse

begann ein neues ungewohntes Leben für Franz.

Dort im Grünen watschelten die weißen Gänse und riefen den

heraufziehenden Morgen an. In niedrigen Zeilen gingen die

Wirtschaftsgebäude hin bis hinunter zum Ententeich, der, von hier

gesehen, wie ein kleiner Handspiegel draußen lag. Uralte Bäume

schoben ihre mächtigen Häupter über die hochgezogenen Dächer der

Wirtschaftsanlagen empor. Der Park von Zelez! Die Lage war schön, das

hat man gestern bei der Ankunft schon gemerkt. Freilich, hier, im

Hintertrakt des Schlosses, wo sich das Zimmerchen für den Herrn Musikus

befand, war noch nicht viel zu sehen.

Mit dem Schlaf war es jetzt vorbei. Schnell in die Kleider geschlüpft,

leise, um niemanden zu stören, und hinaus in die Morgenfrische! Aber

draußen war es inzwischen auch schon lebendig geworden. Um vier Uhr

früh regt sich schon das Leben auf dem Gutshof. Es ist nicht so wie in

der Stadt, wo man sich um acht Uhr morgens den Schlaf aus den Augen

reibt.

Da guckt ein hübscher Kopf zur Tür herein. Das Stubenmädchen. »Guten

Morgen, Herr Musikdirektor!« Sie hat ihn gestern abend so freundlich

angelacht und erkundigt sich nun, ob er gut geschlafen oder ob er

schon das Frühstück wünsche, und nach hundert anderen Kleinigkeiten.

Wahrhaftig, eine gute, mitfühlende Seele! Man hat Freunde gewonnen

auf den ersten Blick, die Gefühle erwachen unter dem Anhauch der

Weiblichkeit, man fühlt sich schon wie zu Hause.

Und jetzt durch den Park in einem weiten Bogen um das Herrenhaus, man

möchte das Schloßantlitz sehen. Da, über dem tauglitzernden, weiten,

grünen Rasen steht es und leuchtet weiß. Ein behäbiger, breiter

Mittelbau mit dreieckigem Giebel und französischem Dache, den breiten

Flur von dickgepolstertem Efeu flankiert, links und rechts breite

Gebäudeflügel mit hohen Dächern, grünen Fensterläden, ländlich, behäbig

und zugleich so vornehm!

Franz tritt nicht heraus aus dem Buschwerk, er möchte nicht gesehen

werden, er ist so schüchtern. Auf dem Rückweg begegnet er einem jungen

Mann im Walde mit einem Buch. Der Sohn des Inspektors. Ein junger

Philosoph, der die Ferien daheim zubringt. Sie grüßen sich schweigend.

In der Nähe des Gutshofes begegnet ihm der Inspektor selbst. »Guten

Morgen, Herr Kapellmeister!« ruft er schon von weitem, bleibt stehen

und beginnt ein Gespräch über Musik. Er rühmt sich seiner eigenen

Musiktalente. O weh: ist schon gefehlt! Aber man muß gute Miene machen,

es sind die Leute, auf die man angewiesen ist.

Im Wirtschaftsflügel erscheint die Frau Inspektor am Fenster. Sie

will als Gnädige behandelt sein und gibt sich mit einer gezierten

Vornehmheit, als ob sie die Gräfin selber wäre. Sie nickt und setzt mit

deutlicher Unterscheidung hinzu: »Morgen, Herr Musiklehrer!«

Man hat so ziemlich schon das ganze Grafengesinde am Morgen begrüßt,

den jungen Doktor, der mit seinen vierundzwanzig Jahren kränklich

tut wie eine alte Dame, den Rentmeister, der herumsteigt wie ein

großer, dicker, roter Puterhahn, den Koch, der sehr fidel tut, die

Kammerjungfer, die alte Kinderfrau, den etwas unwirschen Beschließer,

die beiden Stallmeister. Das sind die Leute, zu denen man jetzt

gehörte. Soviel Menschen, so viele Titel haben sie dem armen Schubert

an den Kopf geworfen, daß er wirklich nicht mehr weiß, was eigentlich

für eine Rolle am Gutshof er zu spielen bestimmt ist.

Auf dem Zimmer steht bereits das Frühstück: Kaffee, ein Ei, etwas

Butter und zwei Brötchen. Sehr splendid! Franz hat das dankbare

Gefühl, im Schlaraffenland zu sein. Endlich einmal nicht denken zu

müssen: wovon werde ich heute leben, wo werde ich das Nötige morgen

hernehmen und übermorgen? Wird es reichen für den heutigen Tag? Was

kann ich mir vom Mund absparen, um das Dasein zu fristen, so lange,

bis das kärgliche Stundengeld wieder bezahlt wird? Das ist jetzt

alles von ihm genommen. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht -- so

frei, so leicht, so unbeschwert von Sorgen, arbeiten können, ohne den

fürchterlichen Druck der Lebensnot zu spüren! Von nichts gehemmt kann

der Born der Erfindung springen, mächtiger und reichlicher als zuvor!

Die Frühstunden bis elf Uhr vormittags gehören ihm und seiner Arbeit.

Um elf Uhr erwarten ihn die beiden Komtessen Marie und Karoline

im Musikzimmer. Das ist ein großer, hübscher Gesellschaftsraum an

der Vorderseite des Schlosses mit dem Blick auf den Rasenteppich;

ein schmales, langes Klavier steht in der Ecke und verstellt eine

weiße Glastür, die oben in einem halbkreisförmigen Bogen endet,

ganz empiremäßig, und mit weißen Linnenvorhängen bespannt ist. In

der Fensternische steht eine blumige Polstergarnitur mit Sofa,

hohen Fauteuils und einem Tisch in der Mitte, der auf einem Bein

mit breitem Sockel steht. Auf der anderen Seite des langen Saales

steht ein Schreibtisch beim Fenster, und in der Ecke ein langer,

niederer Lesetisch mit vielen bequemen Stühlen herum. Familienbilder

hängen an den Wänden in Türhöhe, darunter eine Unzahl Miniaturen, in

kleinen Schränkchen an den Pfeilern und in der Ecke befindet sich

edles Porzellan. Der glattgewichste Parkettboden blinkt spiegelhell.

Freundlich, behaglich und vornehm ist es in dem Raum.

Die beiden Komtessen behandeln ihn wie einen Bruder. Sie sind

aufmerksam und liebevoll mit ihm, gar nicht scheu; besonders Karoline

geht so liebreich mit ihm um, daß er selbst alle Sprödigkeit verliert

und sich alsbald natürlich gibt wie unter seinesgleichen. Auch sie

nennen ihn zuerst »Herr Professor«. Seine Verzweiflung darüber

gibt ihnen zu lachen, das Eis ist damit gebrochen gewesen, aus dem

»Professor« wird wieder der Herr Schubert, er avanciert zum »lieben

Herrn Schubert«, der »Herr« fällt als überflüssige Förmlichkeit fort;

auf der Stufenleiter zum Komtessenherzen rückt er vor zum »Franzi«,

manchmal zum »lieben Franzi«, dies aber nur unter Ausschluß fremder

Zuhörer.

Auch die Frau Gräfin ist freundlich, gutmütig, eigentlich nicht

herzlich, nicht warm, aber wohltemperiert. Immer gleichmäßig,

gleichmäßig lauwarm mit unverändert zur Schau getragener wohlwollender

Miene. Sie gibt sich so einfach, so leutselig, dabei so leise und

zurückhaltend, daß die Leute sagen: die Gräfin ist ein Engel! Sie

tut, als ob sie von Standesunterschieden nichts wüßte, aber hinter

ihrer klugbedachten Art liegt die ganze unaufgedeckte Kluft, durch

die sie sich von gewöhnlichen Sterblichen fernhält. Ihr Stolz trägt

die Maske herzgewinnender Bescheidenheit, aber es ist nicht Herz in

ihrem Gehaben, sondern nur die unerhörte Zucht des aristokratischen

Selbstgefühls.

Franz fühlt es, wieweit alles Menschliche bei ihr vom Standesbewußtsein

bestimmt und abgezirkelt ist; ihre Freundlichkeit hat anfangs etwas

Bedrückendes, Demütigendes für ihn, aber man gewöhnt sich daran.

Sie liebt die Musik, es ist die einzige Brücke zwischen ihm und der

Gräfin -- aber sie erkennt in ihm nicht den Genius, der Königen im

Range gleichkommt; er bleibt in ihren Augen nur der bessere Diener,

der das Klavier bedient, den Unterricht erteilt und nebenher sich in

Komposition versucht.

Es liegt ein schmerzlicher Stachel in dieser Erkenntnis, aber die Milde

der Gräfin schafft eine solche Linderung um die stille Demütigung, daß

die Auflehnung ganz hilflos wird. So großartig versteht sie die Welt

in Schranken zu halten und eine Art luftleere Sphäre um sich herum zu

schaffen, daß nichts Lebendiges an sie heran kann. Diese aufreizende,

ewig gleichgestimmte Freundlichkeit! Franz, der angefangen hatte, sich

darüber zu ärgern, muß schließlich damit enden, indem er sie ob dieser

Kunst bewundert.

Die zwei Musikstunden am Vormittag vergehen im Flug. Die beiden

Komtessen sind ja so gute Kinder! Um halb zwei Uhr wird zu Mittag

gegessen. Franz speist mit der Herrschaft. Das ist das einzig

Unangenehme in dem Schlaraffenland. Man fühlt sich so geniert. Und

gar der Herr Graf! Wenn der kommt, dann sinkt alle Unbefangenheit auf

den Gefrierpunkt herab. Wenn Franz vor einem Menschen ein Bangen hat,

so ist es dieser robuste Mann mit dem geröteten Gesicht, den herrisch

dreinblickenden Augen und dem brutal rücksichtslosen Ausdruck seines

Gesichts.

Der Graf küßt der Gräfin die Hand, spricht im Kreis der Familie

nie anders als mit gedämpfter Stimme, ist dem armen Franz gegenüber

von einer Zurückhaltung, die so eisig ist, daß die wohlgemessene

Freundlichkeit der Gräfin dagegen wie ein heißer Quell von Herzlichkeit

wirkt. Kaum, daß der Graf fünf Worte je mit ihm gesprochen hat. Während

er sich mit leiser Stimme nach den Fortschritten seiner unbekümmert

plaudernden Töchter erkundigt, denkt der stillsitzende Franz an die

furchtbare Donnergewalt und an die Flut von Schimpfreden, die er am

Morgen vom Stallgebäude her aus dem Munde des Grafen gehört hat. Dem

seiner Zartheit ist nicht zu trauen!

Das Mittagessen ist so einfach wie möglich. Suppe, Fleisch, Gemüse,

etwas Mehlspeise, Obst. Am Freitag gibt es Fisch. Zweimal die

Woche entfällt das Fleisch; ab und zu gibt es Entenbraten. Wiener

Bürgersleute leben weitaus üppiger, eine Kost wie diese haben auch

die gewöhnlichsten Leute der Stadt. Freilich die Zubereitung ist über

alle Begriffe gut. Aber dem guten Franz mundet's trotzdem nicht. Das

Ungewohnte der Lage -- diese verflixte Schüchternheit!

Zu Abend speist Franz ebenfalls mit den Herrschaften. Ein Ei,

Butterbrot, ein Glas Milch, später etwas Kompott. Herrgott, ist das

eine Sparsamkeit! denkt sich Franz. Grenzt schier an Geiz! Ist aber

nicht so. Ist bloß raffinierte Zucht, die solche Prachtexemplare

aristokratischer Menschen erzeugt. Die Komtessen Marie und Karoline,

was sind das für herrlich blühende Mädchengestalten. Und einfach,

einfach -- man sollte es nicht glauben! Ein schlichtes, weißes

Kleidchen -- eine bürgerliche Mutter würde sich ein Gewissen daraus

machen, die Tochter so schlicht zu halten. Die Leute würden denken,

man habe nichts anzuziehen, also wird die Tochter wie ein Palmesel

herausgeputzt. Aber die adeligen Fräuleins können sich den Luxus der

allergrößten Enthaltsamkeit und Einfachheit erlauben. Es ist wirklich

das Allerkomplizierteste, diese Einfachheit!

Franz wundert sich, keinen Tropfen Wein oder Bier, weder zu Mittag

noch zu Abend. Woher nur der Herr Graf sein rotes Gesicht hat?! Der

Kammerdiener erklärt es: »No, ganz einfach; fahrt Graf mit Viererzug

nach Eisenstadt die Woche drei-, viermal, da fließt Sekt in Strömen --

aber zu Hause, nicht einen Tropfen!«

Aber das Gesinde hat eine andere Lebensführung. Da gibt's Bier und Wein

zu Abend, mächtigen Schweinsbraten, mittags Geflügel, ja, da lebt man

hochherrschaftlich! Der Herr Rentmeister läßt sich nichts abgehen, der

Herr Inspektor hält nicht weniger auf guten Tisch, jeder trachtet, daß

er nicht zu kurz kommt bei den Genüssen dieser Erde. Nur wenn in der

gräflichen Familie Gesellschaft ist, darf Franz auf seinem Zimmer oder

im Inspektorflügel essen. Er gehört zur Familie, wenn sonst niemand

da ist, im übrigen wird er dem Grafengesinde zugezählt. Hier kann man

wieder ganz Mensch sein! Es tut so gut, aus den dünnen Höhen einmal

wieder herabzusteigen und festen Fußes auf der Erde zu wandern. Ein

Glas Bier zu trinken, einen Becher Wein -- der Herr Kammerdiener hat

immer einen guten Tropfen auf der Seite und fragt des öfteren, ob er

nicht vielleicht ein Glas voll abends aufs Zimmer stellen darf, nach

dem frugalen herrschaftlichen Souper.

Die vertrauliche Frage läßt tief blicken, aber die Heimlichtuerei ist

dem guten Franz zuwider; er lehnt es ab, obgleich die Zunge danach

lechzt -- er lebt jetzt als richtiger Puritaner. Nur bei dem Essen im

Inspektorflügel, da legt er sich keinen Zwang auf, es geschieht offen

und vor aller Augen -- du lieber Gott! weswegen hast du denn einen so

guten Tropfen wachsen lassen, wenn ihn der Mensch verschmähen soll?!

Nur keinen Spott über diese Himmelsgaben -- alles, was gut ist und das

Herz erfreut, soll der Mensch genießen dürfen, das ist sein Standpunkt.

Die übertriebene Frugalität in Ehren, ist aber nicht jedermanns Sache,

und der Künstler ist am wenigsten Kostverächter.

Es kommen abends öfters Zigeuner vorbei und spielen beim

Inspektorflügel auf, ganz unten, wo die Linde steht, in der Nähe vom

Ententeich. Ist das eine Musik, die sich glühendheiß in die Adern

ergießt und das entschlafene Feuer weckt! Schwer und sehnsüchtig

wird einem dabei. Die braunen Pußtasöhne stehen unter dem Baum und

geigen, wie es ihnen der liebe Gott diktiert. Auch die haben's von

niemandem sonst gelernt, aber es klingt anders, ganz anders, als es

Schubert weiß. Schwermütig, wild aufjauchzend, fortreißend in wilder

Leidenschaft, besinnungslos und wieder hinklagend wie der unendliche

Sehnsuchtshauch der Pußta. Wild ergreift es die Menschen, die Knechte

in weißen, weiten, gefransten Hosen, die bis unters Knie über die

Röhrenstiefel hängen, eine enge, kurze Jacke an, ein rundes Hütlein am

Kopf, reißen die Mägde an sich, und nun wirbeln sie hin in Raserei.

Eine neue Welt geht vor den Sinnen des jungen Künstlers auf, der fremde

Quell von Tönen, der ihm da entgegensprudelt, ist nicht verloren, er

weckt einen verwandten Ton in seiner Brust, irgendwie tritt der neue

Zufluß in seinem eigenen Melodienstrom verwandelt zutage.

Rosa, das Stubenmädchen, wird elegisch bei der Zigeunermusik. Sie ist

nicht mehr ganz jung, hat mancherlei Erfahrung, aber das Herz -- das

Herz ist noch töricht.

Und dieses Herz hat sie auf der Zunge; sie begleitet ihre Geständnisse

mit einem frommen Augenaufschlag: »Ich kann halt nicht nein sagen --

die Männer sind so schlimm --« Ob er ein Liebchen in der Stadt gelassen

hat, fragt sie Franz, weil er immer so ernst und traurig sei. Sie will

ihn trösten.

Warum!

O, sie weiß, was das heißt, wenn man ein Liebchen verloren hat. Da geht

man herum wie ein halb Gestorbener. Ihr ist es auch einmal so gegangen.

Sie hat geglaubt, sie könnte es nicht überleben. Und hat es doch

überlebt. Aber wie -- fragt nur nicht wie!

Sie lehnt sich an Franz' Schulter und fährt mit dem Zipfel ihrer

Schürze an die Augen.

»So gelockte Haare hat er gehabt wie der Herr Kapellmeister! Drum waren

Sie mir gleich so sympathisch -- ich habe es Ihnen angesehen. Sie haben

ein Herz im Leib -- o, auf den ersten Blick habe ich gewußt, wieviel es

geschlagen hat!«

Aber Franz schweigt. Er kann Rührseligkeiten nicht leiden, und dann

ist dort der Herr Beschließer, der macht schon ganz fürchterliche

Augen, er ist eifersüchtig auf den Musikus.

Franz wird sozusagen auf Händen getragen, auf Frauenhänden, das läßt

man sich gern gefallen. Warum sollte er unfreundlich sein gegen Rosa.

Sie ist hübsch, und Sympathie verpflichtet. Sie leistet ihm gar zu

gern Gesellschaft und vertraut ihm ihre Geheimnisse an, wenn sie den

Kaffee bringt, und dabei verplauscht sie sich gern ein bißchen. Aber

da schleicht schon der argwöhnische Höllenhund von einem Beschließer

vor der Tür herum und guckt durchs Schlüsselloch, ob er nicht

etwas bemerken könnte, um Skandal zu schlagen. Teufel auch, soll

umherschleichen, der schlechte Kerl -- soll man etwa nicht ein Wort

reden dürfen miteinander?

Aber Franz ist nicht nur von dem weiblichen Gesinde auf Händen

getragen, er wird auch von gräflichen Händen auf Rosen gebettet. Die

beiden Komtessen haben ihn ins Herz geschlossen. Am meisten Karoline.

Die kalte Freundlichkeit der Gräfin, der rohe Hochmut des Grafen -- es

wird reichlich wett gemacht durch die natürliche, unschuldige, echt

menschliche Zuneigung der beiden Komtessen. Wie Kameraden wandern sie

mit ihm nachmittags in den Park hinaus, streichen zwischen den Feldern

umher, zwischen den Weingärten; zur linken Seite und zur rechten Seite

hat sich ein Komteßlein eingehängt, und beide wetteifern im Schöntun.

Er muß Fangen mit ihnen spielen, in ihren dünnen, weißen Kleidern jagen

sie behend neben ihm her wie die Jagdgöttinnen aus den nachgedunkelten

Dianabildern im gräflichen Hausflur.

Mit seinen kurzen, stämmigen Beinchen rennt er nach, bis ihm der Atem

zu kurz wird, er kann die Jungfrauen nicht einholen, die leichtfüßig

und schlank wie junge Rehe vor ihm einherspringen. Aber sie machen's

ihm leicht, die lassen sich gutwillig fangen, und dann muß er hinknien,

sie winden ihm ein Blumensträußlein, er muß sich's aufs Haupt setzen

lassen, Karoline streichelt mit zarten, gräflichen Fingern über seinen

Scheitel, und beide werden nicht müde, seine wirren Locken zu bewundern.

Es wird ihm ganz heiß und eng, ein so reiner, seliger Hauch von Liebe

geht von den beiden Mädchen auf ihn über, er fühlt wie ein arkadischer

Schäfer und möchte die beiden Schäferinnen an sein Herz ziehen -- aber

er bittet die jungen Damen, daß man jetzt heimgehen soll, die Mama

könnte sonst schimpfen!

Da lachen ihn beide aus, fassen ihn bei den Haaren und bei den Ohren

und knuffen ihn zärtlich ab, und wenn ihm das Herz fast vergeht vor

Wonne und Weh, er muß fein schweigen und tun, als ob er so wenig spürt

wie etwa der Pudel, der sich ähnliche Liebkosungen ruhigen Gemütes

gefallen läßt.

Nur in Noten, in Melodien darf das Geständnis seiner Liebe ausströmen.

In Tönen darf er träumen »von Lieb' um Liebe, von einer schönen Maid,

von Herzen und von Küssen, von Wonne und Seligkeit ...« Wenn er in

seinem Zimmer sitzt, dann wird das Herz noch einmal so wach. Bei den

Blättern, die er mit krausen Zeichen, Punkten und Strichen bedeckt,

denkt er dem Traume nach, das Herz schlägt geschwind -- er sitzt hier

allein, aber wenn er die Augen schließt, drängt es sich liebend an

ihn -- jetzt ist der einsam Schaffende nicht mehr allein. Die Augen

schließt er wieder, das Herz schlägt stürmisch und heiß, am Fenster

grünen die Blätter, wann -- »wann halt' ich mein Liebchen im Arm ...?!«

So jubelt ein herzvoll sehnsüchtiger Sang in seiner Brust und hat

alsbald Gestalt als Lied, um ewig fortzuklingen in der Welt von Seele

zu Seele.

Tra--ra! Tra--ra! Ein Horn schmettert draußen, er schmeißt den

Federkiel hin und springt ans Fenster -- die Post fährt vorbei. Was hat

es nur, das Herz, daß es so hoch aufspringt?

Die Post kommt von der Straße her, die weit, weit zurückläuft -- die

Post kommt von der Stadt, wo man so glücklich war im Leiden, ja, so

glücklich war! Was machen sie alle? Die lieben Freunde, was macht

der Herr Vater, die Frau Mutter, was machen die Brüder? In dieser

Einsamkeit, in der man lebt, sind einem die Fernen näher als sonst.

Rosa huscht ins Zimmer herein, lautlos wie ein Kätzchen. Und hat

sich schon an Franz geschmiegt beim Fenster. »Ein Brief vom Liebchen

da?« Sie möchte gar zu gern etwas Näheres über den Herzensbefund des

verschlossenen Franz wissen. Ob er nicht doch ein Liebchen hat, daß er

so gar nicht verstehen will, wenn sie ihm ihr eigenes Herz schon auf

dem Präsentierteller entgegenbringt. Ach, die Rosa ist feurig, sie weiß

ihn gehörig in die Enge zu treiben beim dicht umblätterten Fenster, wo

der Herr Beschließer durchs Schlüsselloch nicht hinblicken kann. Aber

Franz weiß sich immer noch aus der Schlinge zu ziehen, obzwar es ihm

manchmal selber schwer genug ankommt. Wenn er sich einmal vergäße,

denkt er, dann ist kein Halten mehr! Und wie leicht ist es geschehen.

»Halt, Fräulein Rosa, ich glaube, der Beschließer ..!« das war bisher

immer noch von der Wirkung eines kalten Wasserstrahls, um Rosas

glühendes Verlangen in geziemenden Schranken zu halten. Aber wer weiß,

was jetzt geschehen wäre, wenn nicht der Herr Schwager draußen sein

gelbes Gefährt angehalten und Briefe an den Herrn Kompositeur Franz

Schubert abgegeben hätte.

Rosa läßt sich alles haarklein berichten, wer geschrieben hat und was

in den Briefen steht, sie kann es nicht glauben, daß einer so streng

gegen sich und schier ohne Liebesbegehren sein mag, wenn er nicht

doch am Ende irgendwo ein Liebchen versteckt hätte. Aber es sind

wirklich nur Briefe von den Anverwandten. Der Herr Vater schreibt

sogar eigenhändig, es freue ihn, daß es dem Sohn gut gehe und daß er

bei so hohen Herrschaften Anerkennung und Stellung gefunden habe --

es scheint, daß er sich mit dem Sohn in seinem Herzen ausgesöhnt hat,

nachdem dieser doch etwas wie ein Amt bekleidet.

Also, ein ganz verlorener Musikant, das ist der Franz nun doch

nicht mehr. Der Bruder Ferdinand berichtet, daß die Frau Mutter den

gewünschten Nachtrab von Schnupftüchern, Halstüchern und Strümpfen

schickt und daß die bestellten kasimirnen Beinkleider unterwegs seien;

sie denke in mütterlicher Sorgfalt an Franz .... Die Briefe klingen

alle etwas steif und hölzern, es ist keine rechte Erlösung darin. Wo

bleiben die Freunde, daß sie kein Wort schreiben?

»Die Post bringt keinen Brief für dich, mein Herz, mein Herz, was

drängst du denn so wunderlich, mein Herz, mein Herz!«

Die arme Rosa kennt sich gar nicht mehr aus mit dem wunderlichen

Musikanten, der ihr dieses eigen komponierte Liedchen von der Post

vorträllert; sie hat schon ganz den Kopf verloren, wie wird das noch

enden, wie?

»Sie schlimmer Herr Franz!«

Der Sommer vergeht, der Herbst kommt, und immer dieses Leben, dieses

wohlgemessene, äußerlich glückvolle, sorgenfreie, innerlich drangvoll

begehrende und immer wieder spröd sich versagende! Hundertmal fährt

der Postillon vorüber, immer wandern die Gedanken mit, man möchte

aufschreien: halt, Schwager, halt, nimm mich mit! Zurück in die Stadt!

Zurück in die sehnsüchtig begehrte Wienerstadt, die alles einschließt,

was das Leben an Glückseligkeit gewähren kann. O Wien, Wien, Wien!

»Willst wohl einmal herübersehen und fragen, wie es dort mag gehen,

mein Herz -- mein Herz?!«

Ja, ja, so fragt das Herz, das allzu unruhige, stürmende, pochende! Die

Herbstabende sind lau und gnadenvoll, die Bäume im Park prangen in den

Farben der Dukaten, alten Münzen, Medaillen, grün und gold -- es ist

eine Jahreszeit zum träumerischen Sinnen.

Nach dem Abendessen an der gräflichen Tafel wird noch ein kleiner

Spaziergang gemacht. Zigeuner treten auf den grünen Plan und bringen

der Herrschaft ein Ständchen. Ein schäumender Trank, diese Musik, die

das Blut rebellisch macht und den Zwang doppelt unerträglich!

Komtesse Karoline hatte sich mit Franz unter den dunklen Bäumen des

Parks verloren. Er redet etwas von den Empfindungen, die diese Musik

auslöst.

»Diese braunen Kerle, sie leben das richtige Künstlerdasein. Das

Leben verraucht, verträumt, vergeigt, so ist es auf göttergleiche Art

genossen. Und dann kommen sie und spielen einem die Seligkeiten ihres

genossenen Glückes vor, daß einem die Brust zerspringen möchte ..«

Er hatte nicht vollendet, da fühlte er sich plötzlich umfaßt, zwei

weiße, weiche Arme warfen sich um seinen Hals, ein schlanker,

dufthauchender, gertenhaft biegsamer Körper zog ihn an sich, ein

frischer Mund suchte seine Lippen und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Franz, lieber Franz, ich hab' dich ja so lieb ....«

Er wußte jetzt wirklich nicht, wie ihm geschah. Das schöne, adelige

Fräulein -- die Liebe hatte ihn jetzt umfangen, diese Seligkeit, die

still Angebetete in seinen Armen zu halten, und zugleich die Qual,

nein, die Scham, sie spröd von sich weisen zu müssen. Er machte ihre

Hände los, die sich um seinen Nacken fest ineinander gekrampft hatten.

»Komtesse Karoline -- ich bitte -- bedenken Sie doch -- ich bin nur ein

ganz elender bürgerlicher Erdenwurm, der nicht die Augen so hoch zu

erheben sich vermessen darf -- meine unbegrenzte Verehrung -- aber wir

müssen doch vernünftig sein -- der Herr Papa -- und die Frau Mama ....«

Ja, es war zum Heulen. Und wenn er zugrunde gehen hätte müssen -- das

Vertrauen mißbrauchen, nein! Der mit allem Schein der Freundlichkeit

und Milde verhüllte Abstand, den die Gräfin aufrechtzuerhalten wußte,

das wirkte auf ihn mit einer stärkeren Zucht, als es der brutale

Hochmut des Grafen oder die Furcht vor dessen Zorn sein konnte;

der Graf würde vor nichts zurückschrecken, auch nicht vor einem

Totschlag -- aber das war nicht der Grund, weswegen Franz sich eine so

übermenschliche Herrschaft auferlegen konnte; es war der innere Takt,

der bei aller Liebe zu dem Mädchen sich als Hüter ihrer Ehre fühlte und

nur zu gut wußte, daß der Abstand zweier Welten zwischen ihm und ihr

lag -- sie mußte am jenseitigen Ufer bleiben.

Manches liebe Wort ward unter den Bäumen noch gesprochen, es gab Tränen

und eine letzte Süßigkeit, die im freiwilligen Entsagen liegt -- der

Kies knirscht, wie sie mit elastischen Schritten wegeilt, zum Schloß

hin, rein und weiß schwebt sie durch das späte Dämmerlicht.

Die Zigeuner spielen jetzt fern, an der Linde beim Ententeich; Franz

ist allein in der Einsamkeit seines Zimmers; draußen ist helles frohes

Leben, Tanz und Lust bei der Linde -- die Welt scheint hier so ruhig

und so licht!

Aber so elend, so elend war er nie, wie jetzt; er war es nie, wenn die

Stürme tobten, wie er es jetzt ist, in der Stille dieses Lebens.

»Ich wußte, daß Sie hier auf mich warten -- alle sind bei den

Zigeunern, auch der Beschließer, der gemeine Kerl! Franz, haben Sie

denn kein Herz?«

Eher zu viel als zu wenig! Aber es gehört der einzigen Geliebten, mit

der er am liebsten allein ist, die er in seinem Zimmer, in seinem

Klavier, in seiner Brust verbirgt und die ihm alle Geständnisse

abverlangt, alle Prüfungen und Nöte der Liebe, alles sehnsüchtige

Verlangen und schmerzliche Entsagen.

Aber die Stunde ist gefährlich, und Jungfer Rosa setzt ihm hart zu.

Wie wird dieses Herz bestehen zwischen der keuschen, reinen Liebe des

adeligen Mädchens und dem glutvollen Verlangen dieses unbekümmerten

Volkskindes? Und diese Musik, die so verführerisch und sinnenerregend

herüberklingt -- aber man ist kein frivoler Laffe, und man hat es

schwer mit sich selbst. Die widersprechenden Empfindungen beschwören

einen solchen Konflikt, man kämpft einen schweren Kampf, und die Liebe,

wenn sie einmal kommt und ihn segnen will, vermehrt nur seine Pein. Im

Lied allein kann er hoffen, seine Erlösung zu finden.

Am anderen Morgen ist Sonntag, Franz ist in der Dorfkirche unten, er

hört sich die Predigt an. Wo bleibt diesmal die befreiende Stimmung,

die er im Gotteshause immer gefunden? Liegt es an ihm, oder ist der

polternde Kapuziner auf der Kanzel schuld, der auf die Bauernschädel

herabdonnert, mit Ludern und Kanaillen herumwirft, einen Totenkopf von

der Kanzel herab zeigt: »Da seht her, ihr gukerscheckigen Gfrieser,

so werdet ihr einmal ausschauen ....« und dann hebt erst recht die

Moralpauke an: »Da geht der Bursch mit dem Mensch ins Wirtshaus, tanzt

die ganze Nacht, dann legen sie sich besoffen nieder und stehen ihrer

drei wieder auf ....«

Dem guten Franz wird es unerträglich, er trachtet hinauszukommen ins

Freie. Hier unter den Bäumen ist wahrer Gottesdienst.

Der Schwager Postillon war da und hat Briefe gebracht. Bruder

Ferdinand möchte das Klavier von Franz kaufen, er tut dabei so

zimperlich, als ob er nicht dem Bruder, sondern einem wildfremden

Menschen schriebe. Es ist wirklich zum Ärgerlichwerden -- schenken will

ihm Franz das Klavier, aber nur nicht so schreiben soll er, so devot

und vorsichtig, es ist wirklich kränkend.

Aber aller Ärger ist verflogen, als er den nächsten Brief öffnet, den

die Freunde zusammen schreiben. Ein wahres Freudengeschrei erhebt er,

es ist, als ob er die Lieben, einen nach dem anderen, selbst in den

Armen hielte, so berauscht ist er von Glück.

Die Briefe der Freunde, so spärlich sie auch kommen, sie sind das

einzige und wahre Glück, das er in diesen Tagen genießt. Er kann es

ihnen nicht dringend genug auftragen, soviel wie möglich zu schreiben,

er darbt danach, jede Zeile von ihnen ist Himmelsbrot.

»Lieber Schober! Lieber Spaun! Lieber Mayrhofer! Lieber Schwind! Lieber

Soundso! Daß ihr mir ja gleich wieder schreibt, hört ihr? Sonst, sonst,

sonst ...«

So stürmt es in seinen Briefen an die Freunde.

Sie fehlen ihm zu seinem vollen Glück.

Das Leben ist hier leicht und schön, Frauengunst blüht ihm, der Sorgen

ist er entbunden -- aber es ist doch nicht das Rechte. Das Glück, wo

ist das Glück? Es ist dort, wo seine Freunde sind. Es ist dort, wo die

süße, weiche, melodienreiche, harbe, laute Weanasprach erklingt.

So still verfließt das Dasein hier! Man hat viel freie Zeit, aber es

ist nicht die Freiheit, die man braucht. Man steht wie ein Rößlein

an der Krippe und ist schließlich des goldenen Hafers überdrüssig.

Man zerrt an der Kette und beneidet die wilden Gefährten, die mit

dem Sturmwind um die Wette jagen. Wo bleibt der Sturm, das Lebenshaus

zu durchrütteln mit seiner prachtvoll schauerlichen Musik, die alle

Seelentiefen aufrührt und alle Winkel mit frischem, lebendigem Hauch

erfüllt? Der Künstler braucht es, die Geruhsamkeit tut ihm auf die

Dauer nicht gut, das Blut wird träg im Wohlleben, und der schöpferische

Born droht in der Einförmigkeit des Daseins zu versiegen.

Die Zigeuner, die das Leben verrauchen, verträumen und vergeigen, sie

haben nach Künstlerermessen das bessere Los gewählt.

Die späten Herbsttage drücken schwer auf das Gemüt mit ihrer

Melancholie. Franz zählt die Tage, Stunden, bis es wieder heimwärts

geht nach Wien und die Bürde von Stellung und Beruf wieder von ihm

genommen ist, die härter drückt als alle kleinen Lebenssorgen, denen er

vor einem halben Jahr entronnen war.

»Ach, daß die Luft so ruhig, ach, daß die Welt so licht! Als noch die

Stürme tobten, war ich so elend, so elend nicht!«

Die Post kommt und geht wie immer, und endlich, o glücklicher Tag,

nimmt sie Franzens Reisegepäck auf. Die Liederfracht ist schwer, aber

das Herz ist leicht. Die Rosa muß es nun wohl glauben, daß er in der

Ferne ein liebes Liebchen hat -- doch wie es heißt? Sie hätte es gar zu

gern gewußt. Sie hat geschmollt, weil er ein gar so sprödes Herz besaß,

und endlich hat sie den Beschließer erhört, denn das war ihr Fehler und

ihre Tugend, daß sie halt nicht nein sagen konnte!

Adieu Rosa, »und wenn Sie es durchaus wissen wollen, wie mein liebes

Liebchen heißt, so sei es jetzt gesagt: Wien heißt es, Wien, das

geschmähte, verlassene, verwünschte -- vor allem aber geliebte und mit

Sehnsuchtsgedanken behütete!«

Rosa lacht und dreht ihm den Rücken.

Als Franz beim Schwager vorne saß und die lichte Straße in der

verhaltenen Stimmung eines graublauen Herbsttages hinfuhr, nahm

er immer wieder einen mit Seidenpapier umwickelten Gegenstand

aus der Brusttasche, um ihn innig zu betrachten; -- eine

kleine Meerschaumpfeife mit einem silbernen Wappen darin, ein

Abschiedsgeschenk der Komtesse Karoline, für das sie das Nadelgeld

eines ganzen Monats aufgewendet hatte.

So endete ein Idyll, dem ewige Fortdauer beschieden sein sollte, denn

jedesmal, wenn die Wolken dem Pfeifchen entstiegen, mußte in dem

seligen Zustand der Entrücktheit ihr Bild in dem bläulichen Flor der

Wolken aufschimmern.

Er mußte lächeln bei diesem Gedanken -- das Herz jubelte der Wiener

Heimat und den Freunden entgegen, aber in dem Jubel war eine Träne, sie

galt der heimlich und entsagend geliebten Gräfin Karoline.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 13 / 42 题