G -- d -- g -- fis -- g -- a -- --

Die Cellos in der Brust erheben den schmerzlich süßen Sang, wohl und

wehe ist ihm -- das Glück, das Glück!

Am anderen Morgen geht das Wohnungsuchen an in den engen traulichen

Gassen der inneren Stadt. Die Sonne fällt schräg in die blitzenden

Fenster der leicht gekrümmten Hauswände, ein Lied trällert, ein

Kopf lugt da und dort heraus, ein Tüchlein um die Frisur gebunden,

wäschermädelartig, mit zwei koketten Zipfeln nach vorne -- sie sind

so lustig beim Zimmerfegen in aller Früh, die holden Weiblein! Und

auf Reinlichkeit sind sie wie der Teufel: nur gleich zum Fenster

hinaus mit dem Staubtuch, die ganze Ladung dem Vorübergehenden auf den

Kopf: Unrat, zusammengedrehte Haarbüschel -- das ist aber noch nicht

das Schlimmste, wenn nicht zufällig auch einmal was Lebendiges dabei

ist, ein Läuslein, ein Wänzlein, ein Flöhlein. Sind ja so übertrieben

reinlich, dulden nichts Unsauberes, heißt es gleich, hinaus damit! Also

gib fein acht, lieber Morgenwanderer, wenn du durch enge Wiener Gassen

lustwandelst!

Spaziert Franz unverdrossen die Kreuz und Quer, gaßauf, gaßab, hält an

jedem Tor, wo ein weißer Zettel hängt und wie eine Geisterhand winkt:

»Elegant möbliertes Zimmer für einen soliden Herrn .....«

Unzählige Treppen gibt es zu steigen, eine Wanderung, die steil hinauf-

und hinuntergeht im geklüfteten Stadtgebirge. Das Bilderbuch der Stadt

rollt sich auf bei dieser seltsamen Wanderung, die keinem Junggesellen

erspart bleibt. Es ist zwar immer dasselbe Bild bürgerlicher

Zwischenstufen, ein krampfhaftes Pflanzmachen, dahinter die heimliche

Misere, ein elendes Durchfretten, ein ewiges Wursteln ..... immer

dasselbe Thema, aber welche Variationen im Menschlichen!

Eine hübsche Witwe tut sehr fesch, will ihn gar nicht mehr fortlassen,

sitzt plaudernd da mit übereinandergeschlagenen Beinen: »O, Sie werden

sich sehr wohl fühlen!« Mehr als ihre Worte sagen es ihre Mienen und

ihre Augen. Er wäre froh, wenn er schon draußen wäre, er fühlt sich gar

nicht wohl, er sitzt wie auf glühenden Kohlen.

Bei einer Witwe, die so hübsch und lustig dreinschaut, nein, das geht

doch nicht. Was würden die Leute dazu sagen, die Freunde und nun gar

die Brüder, wenn sie kämen, und erst, was Gott verhüte, der gestrenge

Herr Vater! Die Hänseleien von den einen, die stillen oder gar lauten

Vorwürfe von den andern -- er möchte keines von beiden riskieren. Er

ist das wirklich, was auf dem Zettel verlangt wird, »ein solider Herr«!

Er ist hochrot im Gesicht, als er wieder unten auf der Straße steht,

und jetzt ärgert er sich über sich selber. »Dumm von mir ...«, aber man

ist manchmal so und manchmal so .....

Und fort geht das Suchen -- schließlich wird's ihm ein Bild des

Lebens: Suchen und Suchen, kaum ein Finden, schließlich immer nur ein

Vorliebnehmen.

Des Auf- und Abkletterns müde geworden, hat er am Schluß

vorliebgenommen und sitzt als Zimmerherr in einer geräumigen Stube mit

altväterischen wackligen Möbeln. Nun ist er in seiner höchsteigenen

Behausung für monatlich dreißig Gulden Wiener Währung samt Frühstück.

Ein sündhafter Preis! Warum hat er's genommen? Das Suchen war ihm schon

zuwider, vielleicht aber hat ihn auch das Mitleid bestimmt. Er hat ein

weites Herz und denkt sich, wegen so ein paar Netsch mehr oder weniger

....

Die Quartierfrau, ein abgehetztes Weib, hat ihm in fünf Minuten ihre

ganze Lebensgeschichte erzählt, sie ist eine »bessere Frau«, was sie

wiederholt unterstreicht, und die Mali, ihre Tochter, das liebe, gute

Kind, lernt Französisch und Klavier und kann eine ausgezeichnete

Torte machen!! Sie ist so furchtbar häuslich! Sie behauptet, daß die

Erziehung des Kindes so furchtbar viel Geld kostet, aber eine gute

Bildung sei wohl die beste Mitgift! Ein vernünftiger Mann würde bei

einem Mädchen doch lieber auf Bildung und Häuslichkeit sehen als auf

Geld! Der neue Zimmerherr wird sich wie zu Hause fühlen!

Es gelingt ihm endlich, ihrem Wortschwall Einhalt zu gebieten und sie

zur Tür hinauszuschieben, dann hört er sie im Hintergrund des dunklen

Flures, der von Waschdunst und Küchengerüchen erfüllt ist, mit der

Mali, dem guten, lieben Kind, keifen: »Was stehst denn, Trampel,

schau', daß d' in Schwung kommst ...« So sieht's mit der Erziehung aus,

die furchtbar viel Geld kost' ....

Es ist aber nicht tragisch zu nehmen, das Zünglein hängt gar locker und

ist mit einem Schimpfwort rasch fertig. Das kommt bei besseren Leuten

auch vor -- es gehört zur Gemütlichkeit.

Ein Klavier steht in der Ecke, verstaubt, verstimmt, es muß erst

instand gesetzt werden. Ein Glück, daß es überhaupt da ist. Also rasch

den Klavierstimmer ins Haus! Die gute Mali -- ob die je im Leben eine

Klaviertaste angerührt hat? Aber das bißchen Pflanz -- es ist ja so

notwendig zum Leben, der Traum von Glück, ein goldener Schein, der das

graue Elend ein bißchen überleuchtet!

Als dem Klavier wieder wohlgestimmte, klare, reine Töne entsteigen, und

die von Arbeitsdrang erfüllte Brust sich in Noten entladen darf, da

ist das Gemach hell und freundlich geworden und die Geister der Sorge,

die es bewohnten, sind entwichen. Die Seele schwebt in wolkenloser

Seligkeit und ein Celloton singt in H-Moll aus blauer Ferne:

G -- d -- g -- fis -- g -- a .....!

Ein schwebender Klang, der sein hoffnungsreiches Glücksgefühl umspielt.

Wenn er in sich hineinhorcht, kann er ihn jetzt wieder vernehmen, immer

und immer wieder.

Der Ton entschwebt, wenn er ihn fassen will, verdrängt von dem

singenden, rauschenden Quell in seiner Seele, der ins Leben will, der

Menschheit zur ewigen Freude. Herrlich ist es, so in Freiheit zu leben

und im goldenen Überfluß zu schwelgen! Mit vollen Händen kann er sich

verschenken, so stark und schier unerschöpflich ist der innere Quell!

Der graue Vormittag gehört dieser stürmischen Arbeit. Mit allen Kräften

der Seele ist er seinem Werk gewidmet, vom frühen Morgen an bis zur

Mittagsstunde. Dann ist er erschöpft, leer, ausgepumpt, sucht Erholung

und Ablenkung und findet sie bei den Freunden. Schon beim Mittagessen

trifft er den einen oder anderen im Gasthaus »zur schwarzen Katze«,

»zur Schnecke«, »zur Eiche«, beim »roten« oder beim »blauen Igel«, wo

abwechselnd das bescheidene Mittagsmahl eingenommen wird.

Gleicht ein Beisel dem andern, der Fußboden ist voll Flecken und

Schmier, der Kellnerfrack ist es ebenso, der einmal schwarz war und

jetzt grau ist wie der Boden, der einmal weiß war. Es geht gemütlich

her, der Wirt, der Zahlkellner, der Speisenträger, der Pinckerl

schießen herum, Herr von Schubert hin, Herr von Schubert her, vier

oder sechs Hände entreißen ihm Hut, Stock und Überrock, noch ehe der

Ankömmling weiß, wie ihm geschieht, leiert ihn der Pikkolo an wie

ein Ratschenbub und zählt alle Getränksorten her, der Speisenträger

memoriert die Speisenkarte: Fleckerlsuppe, Nudelsuppe, Kaiserschöberl

-- schönes Rindfleisch, Herr von Schubert, ein schwarzes Scherzel,

ein Kavalierspitz, ein Kruspelspitz, nicht zu fett, ein bisserl

unterspickt, Zwiebelsauce oder eingebrannte Erdäpfl dazu, oder rote

Rüben, Schnittlauchsauce -- vielleicht einen schönen Kalbsschlögel,

einen Nierenbraten, Kaiserfleisch, Schöpsernes, Roastbeef --

Halt, halt! Der Kopf wirbelt einem schon! Jetzt kennt man sich in

den kulinarischen Genüssen erst recht nimmer aus. Zeit lassen! Die

Speisenkarte her!

Inzwischen wird von allen Seiten geschrien, dem einen geht die

Bedienung zu langsam, dem anderen, der seine Suppe noch nicht

ausgelöffelt hat und schon das Rindfleisch kriegt, geht sie zu schnell,

keiner ist zufrieden, ein jeder möcht' etwas anderes -- die Aufregung!

Das Schimpfen, das Gelächter, das Tellerklappern, das Geschrei,

die durcheinander schwirrenden Dissonanzen -- wobei sich alles in

Wohlgefallen und Gemütlichkeit wieder auflöst -- es wirkt auf die

abgespannten Nerven doch wieder belebend wie ein erfrischendes Bad. Und

hat man heute über den Schlangenfraß geschimpft und es verschworen,

das verfluchte Saubeisel nicht mehr zu betreten, so ist man am

anderen Tage um so pünktlicher wieder da. Es ist keiner glücklich,

wenn er nicht ein bißchen räsonnieren kann. Die Wiener Tugenden und

Untugenden, die waren, sind und sein werden -- man hat sie in der

knappen Mittagsstunde beisammen, während der Fütterung entfalten sie

ihre Blüte. Man ist gereizt wie eine hungrige Bestie, wenn man kommt,

und wenn man geatzt ist, geht man als friedfertiger Mensch von dannen.

Wohin?

Natürlich ins Kaffeehaus zu einem Schwarzen und einer Pfeife Tabak, die

der Höhepunkt des Diners ist. Das Essen ist nur der Umweg zu diesem

Göttergenuß. Also geradewegs zur »lustigen Blunzen«, wo Schwinds Schild

mit dem Türken richtig in ganzer Farbenpracht prangt.

»Schani, trag' den Garten außi!« Also trug an schönen Tagen Schani,

der Kellnerjunge, unter Beihilfe des Feuerburschen den Garten hinaus,

nämlich die Holzkübel mit den Efeuwänden, die am Trottoir vor dem

Café einen kleinen imaginären Gartenbezirk bilden mit einigen

Marmortischchen darin. So sitzt man draußen im Freien an schönen Tagen.

Fast angenehmer ist es aber drinnen in dem gewölbten Raum, wo der

Feuerbursch am Herd die Bohnen röstet, daß der frische Kaffeegeruch

stark und würzig den Raum durchströmt. Eine ältliche Kassiererin sitzt

im Büfett und liest in einem Romanbüchel, ein paar Herren im dämmerigen

Hintergrund halten starr die Zeitung vor sich hin oder sitzen in

bequemen Lehnsesseln zurückgelehnt, zuweilen glaubt man sich in eine

Sägemühle versetzt, ein verdächtiges Geräusch rasselt von hinten her,

steigt höher und höher, und wenn es den Klimax erreicht hat, reißt es

plötzlich ab, ein tiefes Schnarchen: jeder macht seinen Nipfetzer.

Der Kellner streicht lautlos hin und her wie auf Samtpfoten, damit

er keinen von den Herren aufweckt. Nur vom Billard her tönt das

gedämpfte Rollen der Kugeln, nebst dem Summen der Fliegen an den

Fensterscheiben, eine angenehme, einschläfernde Musik. Am schönsten ist

es, am Fenster zu sitzen, hinauszublicken auf die alten Häuserfronten

mit bequemen Portalen, verwittertem, steinernem Wappenschild darüber,

schmiedeeisernen Balkonen und ähnlichem, ehrwürdigem Zierat. Da sitzt

man in Betrachtung dieser Dinge, schlürft seinen Schwarzen, schmaucht

sein Pfeifchen, schaut in die Zeitung, tut zwischendurch selbst so

ein kleines Nickerlein, oder ergötzt sich, wenn die Freunde da sind,

an dem Gespräch, das alsdann immer munter fließt. Die Welt täglich

niederreißen, neu und schöner wieder aufbauen -- dadurch wird die

schwarze Kaffeestunde ereignisvoll und fruchtbar.

Die paar Stunden nachher während des Nachmittags vergehen auch so; die

Blume der Freundschaft entfaltet sich am herrlichsten erst abends.

Da sitzt man mit den geliebten Kaffee-, Wein- und Punschbrüderln,

wie Franz seine Getreuen nennt, oft in fröhlicher Tafelrunde über

die gewöhnliche Sperrstunde hinaus beisammen, und zuweilen hallen

die schlafenden Gassen von der lauten, singfrohen Ausgelassenheit

der Jünglinge, die Schwinds Stift in einem übermütigen Augenblick

festgehalten hat, wie sie vor einem unvollendeten Neubau stehen und ein

Ständchen vor den leeren Fenstern darbringen. Die herrlichsten Lieder

steigen in das Nichts empor, die Schöne fehlt, für deren Ohren sie

bestimmt sind, die ist nur erträumt da, und an ihrer Stelle antwortet

das Echo in den Schatten des leeren Hauses.

So geht es derzeit noch dem Meisterlein, die Freunde sind da, der

Genius hat ihn geküßt, aber wo ist die Menschheit, seine Gaben zu

empfangen und den schuldigen Dank zu spenden?

Einerlei, der junge Meister denkt nicht daran, es ist ihm vor allem

darum zu tun, sich im Schaffen auszuwirken und den inneren Schatz zu

heben, der sein Erbteil geworden war. Die Freunde wissen es, die seine

Schöpfungen in Abschriften von Hand zu Hand geben, kein Abend vergeht,

wo sie nicht bewundernd von den neuen Köstlichkeiten erzählen, die

Schubert in seinen fieberhaften Arbeitsstunden an den Tag gefördert hat.

Äußerlich war es nur ein kleines Leben, das der junge Schubert

genießerisch führte. Aber in diesen scheinbar nichtigen Dingen war

wienerischer Geist, sein vegetatives Sein lebte davon, der innere

Mensch, der sich an dieser geheimnisvollen Kraft aufbaute. Ein Narr,

der mehr verlangt als diese einfache seelische Hausmannskost, die

Mutter Heimat gibt. Schuberts Sein war mit allen Wurzeln in dem

Boden dieser Wiener Heimat verwachsen; er lebte im Alltag, wie alle

anderen lebten, nur mit dem Unterschied, daß er als der schöpferische

Mensch es verstand, aus der groben Alltagskost das geheimnisvolle

wienerische Fluidum abzuleiten, aus den Wurzeln in die Krone, wo es

liedhaft ertönte, als unsterblicher Sang auf die einzige, süße, liebe,

unvergleichliche, schöne Weanastadt!

Ein Ton schwebt über diesem Dasein, darin die Seele der Stadt war, vor

allem die Seele Schuberts: g -- d -- g -- fis ...!

Immer wieder klingt dieser milde, tröstliche Satz durch, mannigfach

verschlungen und variiert, wie der Anfang einer Sinfonie seines Lebens.

Daß man es doch fassen könnte, hinstellen als unvergleichliches

Gleichnis seiner selbst! Und immer wieder, mannigfach unterbrochen von

dunkleren, schmerzlicheren Gewalten, setzt dieser verhaltene, heiter

ernste Takt ein, immer wieder, ohne zu vollenden .......

Aber das fröhliche Herrenleben neigt sich zu einem sehr betrüblichen

Ende. In den zwei armseligen und doch so folgenschweren Wörtchen

spiegelt sich das Schicksalsbild: kein Geld!

Hundert Gulden dauern nicht ewig, auch nicht in jenen Tagen, wo sich

unendlich mehr damit richten ließ. Man ist zwar kein Leichtfuß, aber

man ist auch kein Sparer und kein Knicker, und wer sich jede Freude

versagt, wird auch wenig Freude geben.

Franz knirscht: Verflucht auch! Die anderen sollen's nicht merken, er

will's vor sich selber nicht wissen, will sich nicht stören lassen,

nicht beirren lassen, arbeitet drauf los. Die Arbeit hat ja das Gute,

daß sie von den Trübnissen erlöst und daß man sich als Herr des Lebens

fühlt, solange sie dauert und glückt. Aber dann, in den Stunden der

Erschöpfung, dann führt Frau Sorge das Wort. Sollte der Herr Vater

recht haben: ein verlorener Musikant?! Nein, nein -- man muß sich halt

tüchtig durchbeißen, fest zusammenhalten die paar Knöpf', die man noch

in der Hosentasche hat, und Stunden geben, mehr Stunden!

Einige Schüler hat er schon. Aber die sind halt das Kreuz seines

Lebens. Fressen die schönste Zeit und beste Kraft weg für nichts und

wieder nichts. Diese Stockfisch', diese vernagelten!

Einige Haustöchter aus guten Familien nehmen Unterricht bei ihm. Sie

schrecken vor dem Schwierigsten nicht zurück; was sie am wenigsten

können und verstehen, reizt sie am meisten. Es bringt den armen Franz

zur Verzweiflung. Dieses Haustöchtergeklimper! Heiliger Beethoven!

Muß deine Feuerseele so unters Klavier fallen! Muß es wirklich sein?!

Mamsell, Mamsell!

Es muß wirklich sein. Mamsell ist sonst gekränkt und gibt die Stunden

auf. So also sieht die Freiheit aus?! Dreimal gefesselt vom Mangel,

von der Frone und der Schaffensnot. Die Tage im Schulhaus -- was war

das für eine sorglose, glückliche Zeit! Er könnte ja zurückkehren, der

Vater würde ihn mit offenen Armen aufnehmen, ein reuig heimkehrender

Sohn! Aber er schleudert den Gedanken ergrimmt von sich: Feigheit,

erbärmliche Feigheit! Einem jungen Menschen geht es nicht schlecht,

auch wenn er kein Geld hat. Ein junger Mensch, der Talent hat und

arbeiten kann, ist reich. Reich, ja, das ist unser Franz, sitzt bei

goldenen Schätzen -- nur abbeißen kann er nichts davon!

»Unbegreiflich, daß ein Mensch, wie du, nicht schon längst einen

Verleger gefunden hat!« wundert sich Spaun und nimmt die Sache gleich

energisch in die Hand. Wozu noch warten? Die Manuskripte stauen sich in

Schuberts Mappen und Tischladen. »Ich hab' mit Diabelli gesprochen, er

hat von dir schon gehört, geh' nur getrost hin.« So der liebe Freund.

Franz faßt ein Herz. Er ist scheu vor fremden Leuten, und nun gar als

einer, der nichts bringt, sondern viel eher fordert! Es kostet viele

Überwindung, bis er sich auf den Weg macht.

Endlich sitzt er im Geschäftsladen des Wiener Druckgewaltigen. Er muß

warten, ehe sich ihm die Tür des Chefzimmers gnädig erschließt. Eine

Viertelstunde vergeht, eine halbe Stunde -- das zermürbt den Menschen.

Entweder er lehnt sich auf und geht davon, nicht ohne einen kräftigen

Fluch zur Tür hineinzuschleudern, oder aber er knickt zusammen und

versinkt zu einem Häuflein Elend.

Die Faust geballt, den Fluch auf den Lippen, will der Künstler seiner

Menschheitwürde den rechten Ausdruck verleihen, aber der Gedanke an die

Geldnot zwingt ihn nieder. Er gibt sich und dem Protzen da drinnen noch

fünf Minuten Frist, dann noch fünf Minuten -- endlich! es ist ein Glück

für den da drinnen, daß er den Künstler nun rufen läßt.

Der steht nun demütig und verzagt vor dem gerissenen Geschäftsmann, der

ihn wie einen Bettler empfängt. Fürs erste, daß er auf den schüchternen

Gruß des Eintretenden gar nicht antwortet. Er streift ihn nur mit einem

flüchtigen Blick aus der Brille, dann sieht er ihn überhaupt nicht

mehr an. Es ist ein Geschäftskniff. Man darf den jungen, schaffenden

Talenten nicht zeigen, daß man sie braucht. Sonst werden sie in ihren

Forderungen unverschämt. Man muß sie so lange als möglich zappeln

lassen, bis ihnen das Wasser ins Maul rinnt, dann macht man den Fang!

Das ist die Geschäftsethik der Herren Diabelli und Genossen.

Franz stammelt unverständlich etwas vor sich hin und legt ein Notenpack

auf den Tisch. Der Verleger blättert oberflächlich eine Weile herum,

schiebt das Ganze wieder zurück und sagt:

»Nicht zu brauchen! Viel zu schwer! Das Publikum verlangt leichtere

Sachen. Ihr Herren Künstler glaubt immer, es muß durchaus nach eurem

Sinn gehen. Wer soll denn das Zeug verkaufen? Aber ihr denkt halt,

es tut nichts, wenn der Verleger sein Geld verliert! Es tut ja was!

Verstehen Sie mich?! Könnt' verhungern alle miteinand' mit eurem

verfluchten Eigensinn! Also lassen Sie sich's gesagt sein, machen's

leichtere Sachen, dann können's wiederkommen!«

Draußen war Franz, er wußte nicht wie, der Schädel brummte ihm, das

Gesicht war hochrot, es war ihm, als ob er einen Schlag bekommen hätte.

Schnurstracks ist er heimgestürmt, aber das Heim ist auch keine rechte

Zuflucht mehr. Die Quartiergeberin hat's Grüßen verlernt, wenn sie

ihn sieht. Das macht die unbezahlte Wochenrechnung. Aber so geht's:

gestern war man noch ein gnä' Herr, heute ist man ein Lump! Das ist

die Psychologie der kleinen Leute, die eine feine Witterung für die

jeweilige Finanzlage haben. Verfluchte Bagage! Mali, das liebe, gute

Kind, ist alle Augenblicke in der Tür gesteckt, hat sich immer was

zu schaffen gewußt im Zimmer, war nie um einen Vorwand verlegen, und

blieb dann länger als nötig war, weil sie »gern etwas abgespickt hätte

beim Klavier ....« Dann bringt sie gelegentlich ein Stück Sonntagstorte

eigenes Fabrikat »zum Kosten«!

Franz ist gutmütig und gibt ihr einige Gratisunterweisungen in leichten

Klavierübungen. Aber Mali hat dumme Finger und ist ganz talentlos .....

Schließlich ist ihr ja auch nicht ums Klavierspielen zu tun.

Die Mutter steht dahinter und schürt und schürt. Sie hat's schwer im

Leben und möchte das liebe, gute Kind gar zu gern versorgt wissen.

Aber Franz ist keiner, der sich einlullen läßt mit Schmachten und

Sonntagstorten, einspinnen und einnähen, bis es heißt, entweder Schuft

oder Trottel! Trottel, wenn man picken bleibt, Schuft, wenn man die

Kleine sitzen läßt. Franz ist weder für das eine noch für das andere

geboren. Weder Schuft noch Trottel -- das hat die arme Frau schließlich

doch gemerkt. Sie kuppelt auch nur so lang, als sie glaubt, daß der

»gnä' Herr« bei Kasse ist. »Ah, das ist so einer!« tippt sich die Alte

an den Kopf. »Ist nicht weit her mit der Marie (Geld)! Ich hab' mir's

doch gleich gedacht. Na, wart', mein lieber Gschwuf: so etwas könnt'

man brauchen!« So wird das gemütliche Heim allmählich eine Hölle.

Aber auch im Wirtsbeisel verändert sich die Stimmung. Hut, Stock und

Überrock wird einem nicht mehr aus der Hand gerissen, der schofle Gast

mag sich nur selber bemühen. Der Fraß wird einem ziemlich achtlos

hingeschoben, jetzt kannst du drei-, viermal klingeln, bis so ein Lakl

die Ohren auftut. Hat man denn einen Geruch an sich, wenn einem das

Geld knapp wird? Es muß wohl so sein. Wer kein Geld hat, ist soviel wie

ein Pestkranker. Der soll sich nur gleich begraben lassen. Kein Hund

nimmt ein Stückel Brot von ihm!

Franz ist nicht der Mann, sich die Misere anmerken zu lassen. Aber

da hat er sich verrechnet in der Kennerschaft der dienstbeflissenen

Menschheit. Das sind geübte Menschenkenner, die dienstbaren Geister,

und wissen genau, was es bedeutet, wenn der Herr von Schubert auf

das Fleisch verzichtet und sich mit Linsen und Spiegeleiern begnügt,

oder abends bestenfalls Augsburger mit Erdäpfl ißt, ein kleines Glas

Bier dazu, wenn auch der Durst noch so groß ist und -- was das größte

Verbrechen ist -- mit dem Trinkgeld zu sparen anfängt. Der Schmutzian,

der notige!

Armut ist keine Schande. Sie ist mehr: ein Unglück ist sie, eine

Schmach! Zuweilen lastet es mit großer Wucht auf dem empfindlichen

Gemüt. Und herzzerreißend klagen die Geigen, Violen und Fagotten in der

Brust: e -- fis -- g -- h -- ais ....... Wie schwere Gewitterstürme

stöhnen die Kontrabässe drohend und unheilvoll tief unten: c -- c -- c

....

Ist denn in dieser infamen Welt, wo jeder Vogel sein Futter findet,

kein Platz für den gottbegnadeten Künstler?

Es ist die Stimmung, in der der Galgenhumor erwacht. Den Freunden

geht's mit wenigen Ausnahmen auch nicht besser. Was ist eine Zeit

wert, die so ausgezeichnete Kerle darben läßt? Das gemeinsame Leid

macht stark. Was sind die Freunde doch für Mutmacher! Der Wert der

Freundschaft, nie steht er höher als in solchen Tagen. Es sind ihrer zu

viele, einer hält den anderen, sie wissen, die Zukunft gehört ihnen,

trotzig fordern sie die Gegenwart heraus. Aus dieser inneren Gewißheit

schöpfen sie den Humor, der sie selbst in dieser mißlichen Lage

beneidenswert macht.

Das Verlegerunglück wird gehörig belacht und auf diese Weise der

Bitterkeit entkleidet. »Der Diabelli wird dich noch um Verzeihung

bitten und froh sein, wenn er die Brosamen aufheben darf, die von

deinem Tisch fallen, du Reicher im Genieland!« entschied Spaun.

»Hilft aber alles nichts, du mußt vorerst mehr in der Gesellschaft

herumgereicht werden, bis der Kerl leckere Zähne kriegt!«

Schober hat wichtige Verbindungen angeknüpft. Er hat den Baron

Schönstein, der in seinen adeligen Zirkeln als Liedersänger glänzt, für

Schubert zu interessieren gewußt. Der aristokratische Amateur erkannte

sofort: hier ist ein Besonderer! Er ist Feuer und Flamme für ihn, rührt

die Propagandatrommel und erweckt in seinen exklusiven Kreisen die

Aufmerksamkeit für den jungen Künstler. Eines Tages empfängt Franz eine

Einladung in das Haus der Fürstin Soundso. »Dein Glück ist gemacht!«

erklärten die Freunde. Gemach, gemach, ihr lieben Heißsporne, auch

damit hat es seine Wege!

Franz sitzt am Klavier, Schönstein singt. Die aristokratische

Gesellschaft ist entzückt, besonders aber die Damen. Sie können

sich nicht genug tun mit feurigen Anerkennungen und Glückwünschen.

Aber die Begeisterung gilt nur dem Sänger, Schubert sitzt am

Klavier, unbeachtet, vergessen, niemand von den Herrschaften würdigt

ihn eines Wortes oder auch nur eines Blickes. Die Fürstin, ihrer

Hausfrauenpflicht eingedenk, erinnert sich des Meisterleins, wenngleich

ein wenig spät. Sie will die Vernachlässigung gutmachen, sie spendet

dem Unbeachteten freundliche Worte des Lobes; sie ahnt dunkel, daß

etwas nicht ganz in Ordnung ist, und tröstet ihn darüber, daß der

Sänger seiner Lieder den Lorbeer allein einheimse, der eigentlich zum

größeren Teil ihm gehöre, dem Schöpfer der Lieder. Aber die Menschen,

die unter dem starken Eindruck eines guten Vortrages ständen, seien nun

einmal so.

Franz lehnt bescheiden ab: »Geben Sie sich diesfalls nur keine Müh',

Frau Fürstin, ich bin's ja gewohnt, übersehen zu werden; ja, wenn ich

aufrichtig sein soll, so ist mir das sogar recht lieb -- wissen Sie --

ich fühle mich dadurch weniger geniert ......«

Das war kindlich aufrichtig, sogar rührend -- ob es die Fürstin

verstanden hat? Sie wußte jedenfalls die Form zu wahren und es am

Schlusse so zu wenden, daß die jungen Damen der Gesellschaft dem

bescheidenen Meister pflichtschuldigst einige Artigkeiten sagten. Dem

war es aber erst recht zuwider.

Und als ihn die Kaffee-, Wein- und Punschbrüderln, die ihn schon

desselben Abends in der lustigen Blunzen erwarteten, bestürmten und vor

Neugierde brannten, was er vor dem auserwählten Damenkreis für eine

Wirkung erzielt habe, da sagte er unwirsch: »Ach, diese Frauenzimmer

sind mir zuwider mit ihren Artigkeiten; sie verstehen von der Musik

nichts, und was sie mir da sagen, geht ihnen nicht vom Herzen ...«

Der Versuch schien also fehlgeschlagen. Doch Schober hatte schon wieder

einen neuen Ausweg gefunden. »Morgen abend seid ihr bei mir eingeladen,

und was meinst du, Franz, wer kommt? Kein Geringerer als der

Hofopernsänger Vogl, der große Vogl, Philosoph und gewaltiger Sänger

-- nun, so freu' dich doch, du hast doch nichts sehnlicher gewünscht,

als den großen Vogl kennen zu lernen. Ja, weißt du überhaupt, was das

heißt, wenn der deine Lieder öffentlich singt? Das heißt soviel, als

daß du dann ein gemachter Mann bist .....«

Aber dem Franz ist es heute einerlei, er hat schon so viele

Enttäuschungen erlebt; immer, wenn es hieß, dann bist du ein gemachter

Mann, war es in der Regel für die Katz'. So mit Goethe, mit Salieri,

mit Diabelli, mit Schönstein, mit all den bürgerlichen Kreisen, in

denen er verkehrte, und die ihn wie einen Wunderknaben anstaunten,

da und dort auch verhätschelten, oder wie ihren lieben Wurstel

behandelten, besonders die Frauenzimmer -- ein gemachter Mann war er

darum noch lange nicht, obzwar es bei jeder neuen Bekanntschaft so

oft hieß: wenn sich der oder der für dich interessiert, dann bist du

ein gemachter Mann! Das Gegenteil war der Fall. Schulden hatte er

auf dem Buckel und wußte sich nicht zu retten vor Sorgen. Jede neue

Erfahrung zugleich auch eine Enttäuschung. Kein Wunder also, daß er in

einem Augenblick des Mißmuts nicht viel hielt von der oft gewünschten

Bekanntschaft mit Vogl, und daß es ihm für diesen Augenblick wenigstens

Wurst war.

»Da hört sich aber doch alles auf,« legte jetzt Schober los, »meinst

du, daß es so leicht war, den Vogl soweit zu bringen? Nun kann ich dir

ja reinen Wein einschenken -- fürs erste wollte er überhaupt von dir

nichts wissen! Verstehst du? Nichts wissen wollte er von dir!« Und nun

erzählte er weitläufig, was es für Schwierigkeiten gekostet habe, den

ablehnenden Sänger umzustimmen.

Ja, warum wollte er denn nichts wissen von unserem Franz? So eine

Gemeinheit!

Na, na, na -- ist deswegen noch keine Gemeinheit! Es gibt eine Masse

junger Genies, die entdeckt werden wollen, in der Regel stellt sich

doch immer wieder heraus, daß es nicht weit her ist damit. Ist es da

zu verwundern, wenn ein berühmter Sänger, der auf diese Weise schon

hundertmal getäuscht worden ist, es sich zum hunderteintenmal gehörig

überlegt? Und dann sei nicht zu vergessen, daß ein Künstler wie Vogl

mit Musik überfüttert werde; was Wunder also, wenn er sich lieber

sehnt, von ihr loszukommen, als immer noch neue zu entdecken ..

Die Erzählung Schobers fand allgemeine Mißbilligung, der Hochmut des

Sängers wurde mit scharfen Worten getadelt, nur Schubert ergriff

jetzt seine Partei: es sei doch ganz natürlich, daß der Mann seine

Ruh' haben will, und es wäre viel eher zu verwundern, wenn die

Antwort auf Schobers Begehren anders ausgefallen wäre. »So und nicht

anders hab' ich's immer erwartet!« erklärte er zum Schluß nicht ohne

pessimistischen Anflug eines, der, durch die Erfahrung gewitzigt, seine

Sach' auf nichts gestellt hat. So war er wenigstens vor allzu schwerer

Enttäuschung geschützt.

Am anderen Abend auf dem Weg zu Schober klopft ihm aber doch das

Herz aus zweifacher Angst: entweder, daß der Gewaltige nicht kommen

würde, oder daß er am Ende wirklich erscheinen könnte ... Beides war

für den Weltscheuen und doch sehnlich Begehrenden in gleicher Weise

beunruhigend.

Die jungen Kerle saßen bei Schober zusammen, sie hatten schon ein

bißchen musiziert, da tat sich um die festgesetzte Stunde die Tür auf

und herein schritt mit großer Miene der unnahbar tuende Vogl.

»O Gott! Welche Ehre -- die Auszeichnung ....« Franz stammelte einige

unzusammenhängende Worte, daß er nun die Ehre der Bekanntschaft

haben soll und so weiter. Vogl schaut den Kleinen von oben bis unten

an, rümpft die Nase und geht, ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen,

gravitätisch an ihm vorbei.

Du lieber Himmel! Der Anfang war unselig genug. Franz war jetzt ganz

auf den Mund geschlagen, auch den anderen entsank der Mut. Es herrschte

auf einige Augenblicke das Gefühl der tödlichsten Verlegenheit.

Nun war Vogl der erste, der eine Entspannung herbeiführte. »Also, was

haben Sie denn da?!« Er sagte es, aber es klang nicht sehr aufmunternd.

Dabei nahm er ein Notenblatt zur Hand, das wie eine Leimspindel für den

Vogl aufgerichtet war. Er überflog das Lied, summte es mehr, als er es

sang, legte es wieder hin und sagte: »Na, ist grad' nicht so übel!« Das

klang nicht sonderlich begeistert.

Aber er wurde wärmer und wärmer bei den späteren Liedern, die er

anfangs nur mit halber Stimme sang; schließlich sah er sich den jungen

Mann schärfer an und wurde freundlicher und freundlicher. Beim Weggehen

klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: »Es steckt etwas in Ihnen,

aber Sie sind zu wenig Komödiant, zu wenig Scharlatan. Sie verschwenden

Ihre schönen Gedanken, ohne sie breitzuschlagen!«

Er ging weg, ohne etwas vom Wiederkommen zu sagen, man wußte nicht

recht, wie man dran war mit ihm. Also wieder ein fehlgeschlagener

Versuch?

Da gab selbst Schober die Hoffnung auf: »Er ist halt schon zu alt und

will sich von der Musik und von der Singerei ganz zurückziehen. Das

Kloster steckt ihm noch im Leib; wer im Kloster erzogen worden ist, dem

bleibt für sein Leben was hängen. Jetzt sitzt er am liebsten wie der

heilige Hieronymus in seiner Klause, hat seine Hund' und Kanarienvögel

um sich her, die Nase in der Bibel, im Marc Aurel, im Epiktet -- er ist

eben ein wunderlicher Kauz! Denkt euch, ein dramatischer Sänger, der in

den Theaterpausen lateinische und griechische Klassiker liest in der

Ursprache -- ist euch schon so etwas vorgekommen?«

»Schade,« sagte Schubert, »ich wollt', es gäbe mehr solcher Leute!«

Die Idee eines freien Klosters schwebt ihm oft durch den Sinn, eines

weltlichen Klosters, wie er und Schwind oft zusammen träumen; Vogl als

Prior -- man malt sich jetzt die Sache hübsch aus, Schwinds Phantasie

tut das ihrige dazu: jeder in brauner Mönchskutte als Klausner, in

herrlicher Waldgegend auf schwellenden Moosbänken sitzend, in sinniger

Betrachtung versunken, die Pfeife im Mund, einen Bierkrug neben sich,

saftiges, schwarzes Brot, einen Bund Radieschen, von Weltsorgen

frei, der Kunst, der Schönheit, der Naturbetrachtung lebend -- der

Gedanke wäre nicht übel. Aber so halb und halb lebt man ohnehin

in Brüdergemeinschaft, wenn es auch bei diesen Klausnern in einem

weltlichen Ton hergeht.

Ist übrigens ein wunderlicher Kauz, der Vogl. Er hält mit dem Lob gegen

Schubert und seine Freunde sehr zurück, aber durch dritte Personen

ward erfahren, wie enthusiastisch er die Lieder des jungen Genius vor

anderen rühmte.

Und eines Abends erschien er unangemeldet bei diesen Weltbrüdern

und kam dann immer wieder, sang Lied auf Lied von Schubert und

fand es immer unbegreiflicher, wie solche Tiefe und Reife aus dem

jungen kleinen Mann, der auf den ersten Blick so unbedeutend schien,

hervorkommen konnte. Der alte Junggesell, der schon daran dachte,

sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, hat neue Kunstbegeisterung aus

Schuberts Liedern geschöpft -- Franz hatte nun wirklich einen neuen

Freund und Fürsprecher, dessen Stimme gehört werden mußte.

Aber auch die Beziehungen mit Baron Schönstein erwiesen sich jetzt von

einigem Wert -- kurz und gut, Franz erhielt den Antrag, die gräflich

Esterhazysche Familie zum Sommeraufenthalt auf das Gut Zelez in Ungarn

zu begleiten und während dieser Zeit den Musikunterricht der beiden

Komtessen zu leiten.

Es war, als ob eine unsichtbare rettende Hand eingegriffen hätte, um

den Schmachtenden von dem unerträglichen Druck der niederen kleinen

Alltagssorgen, die am schwersten drücken, zu befreien. Ein Sommer auf

dem Land, die Ferne, eine neue Welt und noch dazu sorgenfrei -- das war

die ersehnte Freiheit! Auch Schober ging für eine Zeit weg, Goethes

Wilhelm Meister ließ ihm keine Ruh', er wollte es einmal in diesem Stil

versuchen, halb Schauspieler, halb Dichter, halb Mäzen, dilettierender

Künstler auf allen Gebieten, der seine vielseitigen Gaben im Strome des

Lebens versuchen will.

Spaun, Mayrhofer bereiteten sich auf längeren Urlaub vor, Schwind geht

auf eine Studienwanderung, der große Kreis von Familien, in denen man

verkehrte, geht im Sommer »aufs Land«. Die Fenster in den heißen Gassen

schließen sich, sie senken gleichsam die Lider, Wien versinkt in seinen

Dornröschenschlaf. Nur wer kein Geld hat und wirklich nicht anders

kann, bleibt da.

Die Vorsehung hat diesmal für Franz ein gnädiges Erbarmen gehabt. Auf

nach Ungarn! Auf Wiedersehen im Herbst! Adieu, lieber Spaun! Adieu,

lieber Schober! Adieu, lieber Schwind! Bruderherz! Grüßt mir den Vogl!

Behüt' Gott alle miteinander! Behüt', behüt', behüt'!

Behüt' dich Gott, liebes Wien!

Franz Schuberts Lebenslied · 第 12 / 42 题