Franz sieht zu dem Dunklen, Zugeknöpften hinter sich hinauf, die
starre, melancholische Maske Mayrhofers schaut ihm entgegen. Arm in Arm
schreiten sie aus dem Dom.
»Kannst bei mir wohnen, das Zimmer neben mir wart' auf dich!«
Herrgott, wie sie sich alle um ihn reißen! Er nimmt's nicht an, aber
wohl tut's doch!
Später in der Kärntnerstraße trifft er den Pianisten Jenger, mit dem
er durch Hüttenbrenner befreundet wurde, und der außerhalb seiner
Kanzleistunden mit Frau Musika in der wildesten und beglückendsten Ehe
lebt.
Jetzt fängt auch der an:
»Das wär' ein herrliches Dasein, eine Zigeunerwirtschaft unter einem
Dach, du, ich und unsere gemeinsame Geliebte, die holde Frau Musika!
Schlag' ein!« Es ist schon zum Lachen! Sind liebe, gute Kerle, alle
miteinander!
Es ist nicht Zeit, lang Standerln zu machen, Franz will beizeiten nach
»Schwindien«.
»Schwindien?«
»Nun ja, freilich; das heißt, zu Schwind, ins Mondscheinhaus, drüben
bei der Karlskirche überm Glacis.«
So ist Franz zum anderen Ende der Stadt wieder hinausgegangen, wo
drüben die Karlskirche steht, eine Madonna im Grünen. Das graue,
einstöckige Haus in nächster Nähe mit dem ummauerten Hof ist das
Mondscheinhaus, wo die Romantik blüht. Ein Blick von dort über die
Stadt mit dem Kahlengebirge dahinter, das vergißt man nicht mehr. So
viele Poesie! Schubert singt es, Schwind malt es, ein anderer dichtet
es, jeder wie ihm der Schnabel gewachsen ist, die Hauptsache, daß man's
nur spürt.
Die im Mondscheinhaus spüren's. Franz schleicht heran, im Hof hört
man schon die drei Brüder Schwind, die sich sehr laut aufführen. Was
tun sie? Dreinhauen tun's. Hauen aufeinander, daß es schallt wie
bei Dreschern auf der Tenne, oder bei Teppichklopfern, prügeln sich
gegenseitig mit alten Säbeln, rostigen Schilden, daß die Köpfe unter
den verbeulten Helmen brummen, und schreien dazu, was sie nur aus der
Gurgel bringen, volltönende, herrliche Worte, auf die man unwillkürlich
hinhören muß. Was sind es? Nibelungenverse. »Er schlug damit den ersten
Schlag. Hei, hei! Volker, Spielmann, wie rührst du den Fiedelbogen!«
So macht der fröhliche Knabensinn, der noch unverkümmert in den jungen
Männern steckt, aus einer turnerischen Übung ein ganzes Ritterspiel.
Ein echter Schwind.
Die Kämpfer sind müde und machen eine Pause. Franz pocht an das Tor.
Kein Laut regt sich mehr. Grad' so, als ob das Haus ausgestorben wäre.
Haben sie sich am End' gegenseitig erschlagen, denkt Franz und klettert
auf die Mauer hinauf. Das Schauspiel, das sich ihm darbietet, ist
wunderlich genug. Die drei Helden, mit altem Rüstzeug angetan wie die
Schmierenkomödianten eines Bauerntheaters, schleichen mit aufgeregten
Mienen auf den Zehenspitzen ans Tor, der Älteste guckt durchs
Schlüsselloch -- da hat Moritz den Eindringling schon über der Mauer
entdeckt.
»Kerl, elender, blöder, mistiger, lieber, guter -- dein Glück, daß du
da bist! Sei aber froh, daß du kein Gläubiger bist!«
Der Jubel ist jetzt erst recht groß, anstatt eines gefürchteten
Gläubigers den lieben Freund zu erblicken, der zwar die Mauer
hinaufzuklettern vermochte, aber nicht herunterkam. Eine kleine
Tracht freundschaftlicher Prügel muß er sich in seiner Hilflosigkeit
schon gefallen lassen. Nach diesen stärkenden Leibesübungen kehrt
der gewohnte Männerernst wieder zurück. Schön ist es in dem Hof,
den die Brüder in ein stimmungsvolles schwindisches Gartenbild
verwandelt haben. Mit Rasen ist er bewachsen, eine Fliederlaube
steht im Hintergrund, Akazien und Holunderbäume sind hinzugepflanzt,
einige Blumenbeete, dazu noch etliche Oleander in Kübeln -- das ist
»Schwindien«, die Heimat der schönsten romantischen Malerträume. Und
weil man nichts tat, ohne den Dingen einen besonderen Sinn zu geben,
so nannten die Brüder diesen Gartenhof mitsamt den zu ebener Erde
liegenden Wohnräumen ihre Burg Malepartus.
Gewohnt, gelebt, gearbeitet wurde in der schönen Jahreszeit mehr in
der Laube als in den Zimmern. Da lag noch das Arbeitszeug herum --
Neujahrskarten wurden gezeichnet und Krampusse gemalt -- wofür? Dumme
Frage, für den kommenden Christkindlmarkt am Hof, Fronarbeit, mit der
sich der junge ringende Genius die Freiheit für seine Kunst und seine
Studien erkaufen muß. Denn manchmal ist Schmalhans Küchenmeister seit
dem Tode des Vaters, und mit Schuldscheinen bewehrte Feinde belagern
oft die Burg Malepartus. Aber Künstlerfreude und Jugendsinn lassen
keinen Schatten dauernd aufkommen, besonders solange »Goldstaub«
im Tabaksbeutel ist -- und den hat heute Schubert in reicher Menge
mitgebracht.
»Bruder, am besten, du bleibst bei uns! Wir richten uns häuslich ein.
Platz ist genug, ein Zimmer kannst du haben, was du singst, male ich
-- kann man sich ein trefflicheres Accompagnement denken?! In dieser
schönen Jahreszeit tragen wir die Matratzen heraus und schlafen
nachts im Freien unter duftendem Flieder und niederrieselndem gelben
Goldregen. Da blühen Träume, Bilder und Musik -- schöner findest du es
nirgends!«
Für diese Nacht beschloß Schubert zu bleiben -- die Träume unter dem
Fliederbaum und Goldregen waren gar zu verlockend. Ein mannshohes
Schild mußte weggehoben werden, ein Türke war darauf gemalt noch frisch
von Farben.
»Fürs Café Bogner -- so bezahlt man seine Schulden!« erklärte Schwind.
»Morgen ist die feierliche Hinsetzung dieses ›Kunstwerks‹ -- das gibt
wieder Kredit auf ein Jahr!«
Gegen Abend wurden in der Laube die Pfeifen entzündet, und die
klausnerische Seligkeit begann, von der Schwind immer und immer
träumte. Die Wolken stiegen wie Weihrauch, Flieder und Akazien
dufteten, die Sterne leuchteten, Träume umwoben die Stirnen, das Glück
war vollkommen.