Wandert der Jüngling stadtwärts, den Weg, den er als Knäblein an des
Vaters Seite gegangen war. Muß daran denken, und will ihn die Rührung
fast übermannen. Ist aber bald wieder frohen und leichten Herzens, geht
es doch der heißersehnten Freiheit entgegen! --
Freiheit! Den Zauberklang des Wortes kann nur der erfassen, der
drückendem Zwang entgangen ist. Alles dunkel Geahnte, innig Ersehnte
ist in diesem Wort wie in einem rosafarbenen Nebel eingeschlossen,
Welt, Schaffen, das bißchen Ruhm, alles, was das Leben ausmacht. An
die Freuden denkt man, nicht an die Leiden, mit denen der Pfad ins
Ungewisse belagert ist. Durch! Der Genius muß durch -- ein blaues
Himmelsziel vor sich, sein Weg.
Wien, einziges, liebes Wien! Wie ein Blumentopf steht es auf grünem
Rasen mit seinen Gärten über den Stadtmauern und dem kunstvoll
gemeißelten Himmelsstab in seiner Mitte, dem alten Steffel! In der
Mitte vom Glacis in der Richtung zum Schottentor heben sich ein paar
Hüte grüßend in die Luft, die Leute treten scheu zur Seite vor einem
kleinen, stämmigen Mann, der den alten Zylinder tief in das runenhafte
Gesicht gedrückt hat und daherstürmt in wogenden Gedanken, und weder
hört noch sieht.
Ausweichen, ausweichen! Seiner Eingebung folgend, sprang Franz behend
auf die andere Seite des Gehweges und reißt sofort seinen Hut bis zur
Erde. Ein verlorener Blick aus dem weltfernen Titanenantlitz streift
ihn und macht sein Herz fast stillstehen vor Ehrfurcht und Freude.
Ein gutes Zeichen, ein gutes Vorzeichen! wollte bebend die innere
Stimme wissen, die es als glückbringend deutete, daß Franz bei seinem
ersten erfolgreichen Schritt dem Gewaltigsten begegnet hatte, den er
neben dem Göttlichsten als meisterliches Vorbild anbetete: Herrn Ludwig
van Beethoven. Der war kein göttlicher Gastgeber alten seigneuralen
Stils in schwarzseidenen Hosen, seidenen Strümpfen, Schuhen mit
vergoldeten Schnallen, blauseidener Weste und goldgesticktem braunem
Überrock, wie der himmlische Meister Wolfgang Amadeus, sondern der
war mit seinem verwühlten Haupt, seinem unordentlich zugeknöpften
schlichten Rock ein leidenschaftlicher Himmelstürmer und Götterstürzer,
einer, der um das Menschsein wußte, um das Furchtbarste und
Erhabenste, um alle Erdenpein und Größe, um alle Verlassenheit und
Selbstgottherrlichkeit -- ein Offenbarer, ein Verkünder, ein Tragiker!
Der trug die Krone der Freiheit, von der der Jüngling nicht wissen
konnte, daß es eine Dornenkrone ist.
Was stehst du nun, junges Meisterlein, und starrst ihm nach mit einem
visionären Blick, als ob du eine Erscheinung gehabt hättest?!
E -- fis -- g -- h -- ais! klang es plötzlich auf in der Brust. Franz
konnte das Tiefste, das er empfand, nicht anders denken, als in Noten.
Ein Ton, der sich wie eine Erleuchtung einstellte, bang und fragend wie
ein schüchternes Pochen am Tor des Unendlichen.
E -- fis -- g -- h -- ais -- -- Der tragische Akkord wollte sich
nicht mehr abweisen lassen. Er klang als Grundton immer durch auch
in den heitersten Momenten und da am stärksten; er war nun einmal in
der Welt und hatte seinen eigenen Sinn wie eine Mahnung, die dann am
furchtbarsten war, wenn sie nach Zeiten des Vergessens plötzlich wieder
die Seele mit allen Bangnissen zum Aufschauern brachte.
Eine helle Empfindung gewann Oberhand; sie jubelte als lebensfrohe
Melodie über den dunklen Schauern.
Franz war gedankenvoll durchs Schottentor gekommen, auf der Freiung
stand er aufatmend still. Die schönen Adelspaläste, die Baumkronen
über den geheimnisvollen Mauern, umschlossene Gärten mitten in der
Stadt! Die Schottenkirche, alle Pracht ergriff ihn, als ob er sie zum
erstenmal sehen würde.
»Was möchten's denn, gnä' Herr?!« fleanschte ihn eine schwammige
Öbstlerin gutmütig an. Eilig rannte er weiter aus dem Marktgewühl, am
tiefen Graben vorbei, wo der Alserbach ging, der klaräugig blickende,
gleich einem zwischen Weinbergen und Wiesenrainen spielenden hurtigen
Knaben, den es nach der Stadt drängte -- was war er dort geworden? Eine
schmutzige üble Gosse, die sich scheu in dunklen Gewölben verkroch --
wie ein Schrei klang es schmerzlich auf in der Brust: e -- fis -- g --
h -- ais!
Und nun bergan zum Hof, wo der gelbe Stellwagen von der Grinzinger
Allee hereinholperte, staubig, von müden, mageren Rossen gezogen, ein
Gruß vom Land herein, von Wein und Heurigenmusik; hoch aufgepackt als
heitere Fracht alle städtische Sehnsucht nach dem Grünen!
Mein Gott, diese Blumen am Hof, ein ganzer Markt, wie schön! Ja, ja,
die Stadt braucht Blumen, man kann nicht genug haben in den Mauern;
wenn man draußen lebt, ahnt man gar nicht, wie notwendig sie sind, und
daß es soviel auf einem Platz geben kann, und der Duft!
Mit all diesen müßigen Gedanken und verzücktem Umherschauen vergeht die
Zeit, die Uhr unter den Atlanten mit der Weltkugel am Hof zeigt bald
Zwölf, also weiter, weiter durch die enge Bognergasse zum Graben hinaus.
Herrgott, ist da wieder eine Pracht, diese Frauenzimmer, nein, nicht
zum sagen! Mudlsauber -- eine schöner wie die andere! Wird einem ganz
wurlert! Und die lieben Gesichterln -- wie sie lachen und umschauen,
und wieder lachen -- jetzt weiß er nicht, soll er sie grüßen, kennt er
sie, oder kennt sie ihn, oder will sie ihn kennen lernen -- er möcht'
jedenfalls -- aber die vielen Leute -- und die eleganten Schwasser,
die hinterher scharwenzeln. -- Jessas! und jetzt schaut sie wieder um
-- bocksteif steht er da, weiß sich nicht zu helfen, eng und schwül
wird ihm, daß er schwitzt, er schaut ratlos um und um, sein Blick
gleitet die Dreifaltigkeitssäule hinauf, die sich mit barocker Ekstase
emporwirft voll unendlichem Verlangen.
E -- fis -- g -- h -- ais!
»Servus, Servus! Landschulmeister, himmlischer, wie kommst du auf
einmal dahergestiefelt um zwölf Uhr mittags am Graben?!« jauchzt
plötzlich einer der eleganten Stadtfräcke hinter ihm, hat ihn schon
abgefaßt und auf offener Straße umarmt.
»Schober, lieber Schober!«
Kurze, hastige Erzählung Franzens über Woher und Wohin.
»Hast den Schulmeister an den Nagel gehängt, endlich, endlich, es war
die höchste Zeit! Wo wohnst du denn?«
Ja, richtig, wo er wohnt, an das hat Franz noch nicht gedacht. »Ich
weiß nicht!«
»Köstlich,« ruft Schober, »wohn' bei mir! Ich hab' ein Zimmer frei,
kost' dich nichts, kannst bleiben, solang' du magst, mir ist's eine
Freud'!«
Franz lehnt lächelnd ab, vorläufig wenigstens -- wozu schmarotzen? Hat
ja Geld in der Tasche, bare hundert Gulden!
Schober hat es um diese Zeit eilig, der Mittagsbummel am Graben war
die Stunde, wo die Löwen auf Beute gehen; soviel Schönes, als es da zu
sehen gab -- da war nicht zu zaudern. »Also Servus, auf Wiedersehen!«
Beim Stock-im-Eisen, am Ende des Grabens, steht er und schaut sich die
vielen Nägel an, die in legendenhafter Zeit die Schmiedgesellen in den
Baumstamm eingetrieben haben, und wundert sich in seiner beschaulichen
Weise aufs neue, wie die Kerle so ausgezeichnet die Nägel alle auf ihre
Köpfe getroffen haben. So muß man's auch machen, die Nägel auf alle
Köpfe treffen, dann ist man der richtige Schmied seines Glückes. Aber
er denkt nicht daran, daß er ja auch seines Glückes Schmiedgesell ist,
und haarscharf, wenn nicht die Nagelköpfe, so doch Notenköpfe trifft,
das Meisterstück, worauf es bei ihm ankommt!
»Servus!« tönt eine Stimme weich und einschmeichelnd, er wirft sofort
den Kopf herum. »Ach, lieber Hüttenbrenner!« und schaut in das kluge
Gesicht des guten philosophischen Anselm, der zuerst Kleriker war, dann
Jurist, und zugleich in Schuberts Konviktszeit bei Salieri Kontrapunkt
studiert hat. Jetzt hat er seine Seele ganz der Musik verschrieben.
Ein rasches, wechselseitiges Fragen, und alles ist klar.
»Magst bei mir wohnen, ein Kanapee steht zur Verfügung! Nicht? Aber
wir sehen uns jetzt öfter, gelt? Du weißt ja, im Café Bogner, bei der
lustigen Blunzen, kommen wir täglich zusammen. Kommst bestimmt! Alsdann
Pfüat!« Händeschütteln, die Freunde trennen sich.
Über der Stadt schwingen Glocken, eine tönende Flut, ein Bronzeregen,
ehern und gewaltig, als ob die Glocken in der Brust schwingen würden.
Die Glocken von St. Stephan. Franz kann nicht widerstehen, einen Blick
muß er in die Stephanskirche tun, eine liebe, alte Gewohnheit.
Der Dom ist die steinerne Blume der Stadt, der liebe Wienerwald mit
seinen Blümelein und seinem Getier lebt in den himmelhohen Kapitälen.
Und allerlei spukhaftes Fabelwesen treibt sein Spiel an den steinernen
Wurzeln, läuft auf den behauenen Sockeln oder kauert in den schwarzen
Nischen. Ein herrliches, steinernes Bilderbuch -- die alten Meister
hatten Phantasie. Franz fühlt sich ihnen verwandt.