III.

Wandert der Jüngling stadtwärts, den Weg, den er als Knäblein an des

Vaters Seite gegangen war. Muß daran denken, und will ihn die Rührung

fast übermannen. Ist aber bald wieder frohen und leichten Herzens, geht

es doch der heißersehnten Freiheit entgegen! --

Freiheit! Den Zauberklang des Wortes kann nur der erfassen, der

drückendem Zwang entgangen ist. Alles dunkel Geahnte, innig Ersehnte

ist in diesem Wort wie in einem rosafarbenen Nebel eingeschlossen,

Welt, Schaffen, das bißchen Ruhm, alles, was das Leben ausmacht. An

die Freuden denkt man, nicht an die Leiden, mit denen der Pfad ins

Ungewisse belagert ist. Durch! Der Genius muß durch -- ein blaues

Himmelsziel vor sich, sein Weg.

Wien, einziges, liebes Wien! Wie ein Blumentopf steht es auf grünem

Rasen mit seinen Gärten über den Stadtmauern und dem kunstvoll

gemeißelten Himmelsstab in seiner Mitte, dem alten Steffel! In der

Mitte vom Glacis in der Richtung zum Schottentor heben sich ein paar

Hüte grüßend in die Luft, die Leute treten scheu zur Seite vor einem

kleinen, stämmigen Mann, der den alten Zylinder tief in das runenhafte

Gesicht gedrückt hat und daherstürmt in wogenden Gedanken, und weder

hört noch sieht.

Ausweichen, ausweichen! Seiner Eingebung folgend, sprang Franz behend

auf die andere Seite des Gehweges und reißt sofort seinen Hut bis zur

Erde. Ein verlorener Blick aus dem weltfernen Titanenantlitz streift

ihn und macht sein Herz fast stillstehen vor Ehrfurcht und Freude.

Ein gutes Zeichen, ein gutes Vorzeichen! wollte bebend die innere

Stimme wissen, die es als glückbringend deutete, daß Franz bei seinem

ersten erfolgreichen Schritt dem Gewaltigsten begegnet hatte, den er

neben dem Göttlichsten als meisterliches Vorbild anbetete: Herrn Ludwig

van Beethoven. Der war kein göttlicher Gastgeber alten seigneuralen

Stils in schwarzseidenen Hosen, seidenen Strümpfen, Schuhen mit

vergoldeten Schnallen, blauseidener Weste und goldgesticktem braunem

Überrock, wie der himmlische Meister Wolfgang Amadeus, sondern der

war mit seinem verwühlten Haupt, seinem unordentlich zugeknöpften

schlichten Rock ein leidenschaftlicher Himmelstürmer und Götterstürzer,

einer, der um das Menschsein wußte, um das Furchtbarste und

Erhabenste, um alle Erdenpein und Größe, um alle Verlassenheit und

Selbstgottherrlichkeit -- ein Offenbarer, ein Verkünder, ein Tragiker!

Der trug die Krone der Freiheit, von der der Jüngling nicht wissen

konnte, daß es eine Dornenkrone ist.

Was stehst du nun, junges Meisterlein, und starrst ihm nach mit einem

visionären Blick, als ob du eine Erscheinung gehabt hättest?!

E -- fis -- g -- h -- ais! klang es plötzlich auf in der Brust. Franz

konnte das Tiefste, das er empfand, nicht anders denken, als in Noten.

Ein Ton, der sich wie eine Erleuchtung einstellte, bang und fragend wie

ein schüchternes Pochen am Tor des Unendlichen.

E -- fis -- g -- h -- ais -- -- Der tragische Akkord wollte sich

nicht mehr abweisen lassen. Er klang als Grundton immer durch auch

in den heitersten Momenten und da am stärksten; er war nun einmal in

der Welt und hatte seinen eigenen Sinn wie eine Mahnung, die dann am

furchtbarsten war, wenn sie nach Zeiten des Vergessens plötzlich wieder

die Seele mit allen Bangnissen zum Aufschauern brachte.

Eine helle Empfindung gewann Oberhand; sie jubelte als lebensfrohe

Melodie über den dunklen Schauern.

Franz war gedankenvoll durchs Schottentor gekommen, auf der Freiung

stand er aufatmend still. Die schönen Adelspaläste, die Baumkronen

über den geheimnisvollen Mauern, umschlossene Gärten mitten in der

Stadt! Die Schottenkirche, alle Pracht ergriff ihn, als ob er sie zum

erstenmal sehen würde.

»Was möchten's denn, gnä' Herr?!« fleanschte ihn eine schwammige

Öbstlerin gutmütig an. Eilig rannte er weiter aus dem Marktgewühl, am

tiefen Graben vorbei, wo der Alserbach ging, der klaräugig blickende,

gleich einem zwischen Weinbergen und Wiesenrainen spielenden hurtigen

Knaben, den es nach der Stadt drängte -- was war er dort geworden? Eine

schmutzige üble Gosse, die sich scheu in dunklen Gewölben verkroch --

wie ein Schrei klang es schmerzlich auf in der Brust: e -- fis -- g --

h -- ais!

Und nun bergan zum Hof, wo der gelbe Stellwagen von der Grinzinger

Allee hereinholperte, staubig, von müden, mageren Rossen gezogen, ein

Gruß vom Land herein, von Wein und Heurigenmusik; hoch aufgepackt als

heitere Fracht alle städtische Sehnsucht nach dem Grünen!

Mein Gott, diese Blumen am Hof, ein ganzer Markt, wie schön! Ja, ja,

die Stadt braucht Blumen, man kann nicht genug haben in den Mauern;

wenn man draußen lebt, ahnt man gar nicht, wie notwendig sie sind, und

daß es soviel auf einem Platz geben kann, und der Duft!

Mit all diesen müßigen Gedanken und verzücktem Umherschauen vergeht die

Zeit, die Uhr unter den Atlanten mit der Weltkugel am Hof zeigt bald

Zwölf, also weiter, weiter durch die enge Bognergasse zum Graben hinaus.

Herrgott, ist da wieder eine Pracht, diese Frauenzimmer, nein, nicht

zum sagen! Mudlsauber -- eine schöner wie die andere! Wird einem ganz

wurlert! Und die lieben Gesichterln -- wie sie lachen und umschauen,

und wieder lachen -- jetzt weiß er nicht, soll er sie grüßen, kennt er

sie, oder kennt sie ihn, oder will sie ihn kennen lernen -- er möcht'

jedenfalls -- aber die vielen Leute -- und die eleganten Schwasser,

die hinterher scharwenzeln. -- Jessas! und jetzt schaut sie wieder um

-- bocksteif steht er da, weiß sich nicht zu helfen, eng und schwül

wird ihm, daß er schwitzt, er schaut ratlos um und um, sein Blick

gleitet die Dreifaltigkeitssäule hinauf, die sich mit barocker Ekstase

emporwirft voll unendlichem Verlangen.

E -- fis -- g -- h -- ais!

»Servus, Servus! Landschulmeister, himmlischer, wie kommst du auf

einmal dahergestiefelt um zwölf Uhr mittags am Graben?!« jauchzt

plötzlich einer der eleganten Stadtfräcke hinter ihm, hat ihn schon

abgefaßt und auf offener Straße umarmt.

»Schober, lieber Schober!«

Kurze, hastige Erzählung Franzens über Woher und Wohin.

»Hast den Schulmeister an den Nagel gehängt, endlich, endlich, es war

die höchste Zeit! Wo wohnst du denn?«

Ja, richtig, wo er wohnt, an das hat Franz noch nicht gedacht. »Ich

weiß nicht!«

»Köstlich,« ruft Schober, »wohn' bei mir! Ich hab' ein Zimmer frei,

kost' dich nichts, kannst bleiben, solang' du magst, mir ist's eine

Freud'!«

Franz lehnt lächelnd ab, vorläufig wenigstens -- wozu schmarotzen? Hat

ja Geld in der Tasche, bare hundert Gulden!

Schober hat es um diese Zeit eilig, der Mittagsbummel am Graben war

die Stunde, wo die Löwen auf Beute gehen; soviel Schönes, als es da zu

sehen gab -- da war nicht zu zaudern. »Also Servus, auf Wiedersehen!«

Beim Stock-im-Eisen, am Ende des Grabens, steht er und schaut sich die

vielen Nägel an, die in legendenhafter Zeit die Schmiedgesellen in den

Baumstamm eingetrieben haben, und wundert sich in seiner beschaulichen

Weise aufs neue, wie die Kerle so ausgezeichnet die Nägel alle auf ihre

Köpfe getroffen haben. So muß man's auch machen, die Nägel auf alle

Köpfe treffen, dann ist man der richtige Schmied seines Glückes. Aber

er denkt nicht daran, daß er ja auch seines Glückes Schmiedgesell ist,

und haarscharf, wenn nicht die Nagelköpfe, so doch Notenköpfe trifft,

das Meisterstück, worauf es bei ihm ankommt!

»Servus!« tönt eine Stimme weich und einschmeichelnd, er wirft sofort

den Kopf herum. »Ach, lieber Hüttenbrenner!« und schaut in das kluge

Gesicht des guten philosophischen Anselm, der zuerst Kleriker war, dann

Jurist, und zugleich in Schuberts Konviktszeit bei Salieri Kontrapunkt

studiert hat. Jetzt hat er seine Seele ganz der Musik verschrieben.

Ein rasches, wechselseitiges Fragen, und alles ist klar.

»Magst bei mir wohnen, ein Kanapee steht zur Verfügung! Nicht? Aber

wir sehen uns jetzt öfter, gelt? Du weißt ja, im Café Bogner, bei der

lustigen Blunzen, kommen wir täglich zusammen. Kommst bestimmt! Alsdann

Pfüat!« Händeschütteln, die Freunde trennen sich.

Über der Stadt schwingen Glocken, eine tönende Flut, ein Bronzeregen,

ehern und gewaltig, als ob die Glocken in der Brust schwingen würden.

Die Glocken von St. Stephan. Franz kann nicht widerstehen, einen Blick

muß er in die Stephanskirche tun, eine liebe, alte Gewohnheit.

Der Dom ist die steinerne Blume der Stadt, der liebe Wienerwald mit

seinen Blümelein und seinem Getier lebt in den himmelhohen Kapitälen.

Und allerlei spukhaftes Fabelwesen treibt sein Spiel an den steinernen

Wurzeln, läuft auf den behauenen Sockeln oder kauert in den schwarzen

Nischen. Ein herrliches, steinernes Bilderbuch -- die alten Meister

hatten Phantasie. Franz fühlt sich ihnen verwandt.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 10 / 42 题