Hebt Schwind sein Glas, trinkt Franz zu, bedeutsam: »Auf unsere Lieben!«

Die anderen verstehen gleich, wo er hinaus will. Aha, denkt der

Schober, daher geht der Wind und ist alsbald in seinem Fahrwasser; er

hat ja eine so großartige Suada, daß Franz nur so aufhorcht. Und so

sind sie gleich mitten drin in der Debatte um Frauenzimmer, um Liebe

und Ehe. Gehen's gleich gründlich an, die Neunmalgescheiten!

Da auf einmal läßt sich Franz vernehmen, wettert gar schrecklich gegen

das schöne Geschlecht, tut sich wirklich als grimmiger Weiberverächter

auf und hat's besonders scharf gegen die Ehe, die er als etwas

Schreckliches für den freien Mann schildert, der Herr Naseweis. Alle

horchen verwundert auf und schauen jetzt auf den Holzapfl, der dasitzt

wie ein Lügner. Kann doch kein wahres Wort dran sein an allem, was er

über den ahnungslosen Franz geschwatzt hat! Holzapfl, Holzapfl!

Der schaut ganz dumm drein! Entweder lügt Franz jetzt, oder er hat

früher gelogen -- Holzapfl kennt sich nicht aus.

»Da sieht man wieder,« ergreift Spaun das Wort, »wie unser Schubert

gesund ist, gesund im innersten Kern -- und wie dagegen der Holzapfl

krank ist, krank und wurmstichig!«

Der springt auf und protestiert lebhaft, daß er krank sein soll. Er

sei sein Leben nicht einen Tag krank gewesen, er fühle sich so gesund

wie nur je einer.

»Ja, aber,« läßt sich Schwind vernehmen, »du leidest eben an

ausschweifender Phantasie, du wurmstichiger Holzapfl, du!«

Darüber ist großes Gelächter, daß der trockene Holzapfl an einer

ausschweifenden Phantasie leiden soll, und so bleibt es unter der

freundlichen Stimmung des Abends verborgen, daß Holzapfl so wenig

reinen Mund halten konnte, ja, daß er Schubert eigentlich ein wenig

angeschwärzt hatte. Und wird zur Wiedervergeltung von den anderen als

räudiges Schaf behandelt.

Das Verhältnis zu Salieri nimmt eine Wendung, als der Italiener einige

der nächsten geistlichen Kompositionen Schuberts zu Gehör bekommt. Hat

der Schüler alle Ermahnungen, sich italienische Meister zum Vorbild zu

nehmen, in den Wind geschlagen? Die B-Messe zeigt es sehr deutlich. Die

war unverkennbar einem Boden entsprossen, den so Mächtige wie Beethoven

und vor ihm Mozart und früher Haydn gepflügt und ertragreich gemacht

haben. Der Italiener hatte eine feine Witterung: Was Schubert machte,

war nicht fremdes Gewächs, künstlich in heimische Erde verpflanzt,

das war Ureigenes, an deutschen Meistern Erstarktes, vor allem

aber Selbstempfundenes: deutsches Gemüt war darin und außerdem das

Köstlichste: Heimatsgefühl.

Jetzt begann ein Nörgeln und Tadeln, dies und jenes war nicht recht,

der gepriesene Schüler hatte zu gehorchen und nach Salieris Pfeife zu

tanzen, sonst waren die Gnaden verscherzt. Es wäre ja klug gewesen, den

Mantel nach dem Wind zu hängen, und jeder Streber hätte zum Schein

wenigstens so getan, um die Gunst des Fürsprechers zu erhalten; aber

die Heuchelei war dem guten Franz nicht gegeben. Er stand schon zu fest

auf eigenen Füßen im Gefühl seiner Meisterschaft und durfte lächelnd

den unduldsamen Zuchtmeister über die Achsel ansehen.

Er ließ sich eine Weile gutmütig die Kritik gefallen, verlor dann die

Geduld und erklärte, jeder müsse als fertiger Künstler auf seine innere

Stimme horchen, nicht auf das Gerede von außen -- mit dieser Absage an

Salieri war auch der Bruch vollzogen.

Er bekam's bald zu fühlen, der Franz; aus Laibach kam endlich der

Bescheid, daß die Stelle schon vergeben sei, ein vorgeschobener

Günstling Salieris hatte sie unter der Hand bekommen. Der Traum von

Ferne, Welt und Freiheit war vorderhand zerronnen -- armer Franz; er

hatte wirklich Pech in solchen Dingen von allem Anfang an. Oder war es

Glück? War ihm ein anderer Weg vorgezeichnet, der ihn seiner Bestimmung

näher führte?

Wer vermag's zu sagen?!

Wohin nun, da alle Auswege verrammelt schienen? Die Freunde in der

Stadt, die waren ein Stück Freiheit, die Zuflucht. Aber von diesen war

er getrennt durch lästige und drückend empfundene Alltagspflichten

im Schulhaus. Die Freiheit, das war die unbekannte Menschheit, die

schon auf ihn aufmerksam zu werden begann. Aber kein Weg und kein Steg

führte in dieses gesuchte Land. Recht klein und elend kam er sich vor

als armer Schulgehilfe vom Himmelpfortgrund. Still war er, wenig froh,

die Sonne erschien ihm kalt, die Blüten welkt, das Leben alt, leerer

Schall, was sie daheim redeten, ein Fremdling, er, im gewohnten Kreis.

Und das gesuchte Land, das geahnte, nie gekannte, das hoffnungsgrüne,

wo seine Freunde gingen, wo und immer wo? Im Reich der Dichtung fand er

verwandte Stimmungen und Schicksale; er ergriff sie als Selbsterlebtes

und Selbsterlittenes und gab zu den tief empfundenen Versen, die er

sich erwählt hatte, gleich sein eigenes singendes Herz dazu.

Was ihm die größte Last war, seine kleinen ungeschneuzten Schulbuben,

denen hinten das weiße Tüchel heraushing, das war nicht selten genug

auch sein Trost. Die ließen sich gern erzählen, wenn ihm das Herz voll

war, und saßen still und aufmerksam und sahen so verzückt drein, daß

sie den verschmierten Engelsköpfen glichen, die auf goldenen Flügeln in

der Kirchenempore schwebten, wo er selbst einst singend oben gesessen

hatte. Er erzählte gern den Buben von den großen Meistern, die er

verehrte. Und die Buben liebten ihn, weil er so zu ihnen redete, als ob

sie erwachsen und seinesgleichen wären, die ihn verstehen mußten. Sie

verstanden ihn vielleicht auch, auf ihre Weise.

»Einer lebte hier, dessen Genius Licht über den ganzen Erdball

verbreitet hat,« so predigte er in einer gesegneten Stunde der

Kinderschar. »War auch ein Österreicher, wie ich und wie du und du

und wir alle hier zusammen. Hatte den schönen Namen Mozart, den ihr

mir nimmer vergessen dürft, denkt an ihn, wenn ihr am Sonntag in der

Kirche die große Messe hört. Vergeßt nicht, daß er himmlische Klänge

ins Leben gebracht hat, die in der Welt nicht mehr vergehen können.

Das war aber kein armer Schulgehilfe, wie ich, sondern ein gefeierter

Meister. Konnte nicht abends vorlieb nehmen mit einem Stückel Brot

und ein paar Äpfeln dazu, und mit den Hennen schlafen gehen, sondern

gab ein festliches Gastmahl, mit Kerzen in silbernen Leuchtern,

seltenen Blumen und Früchten, schäumenden Bechern, lud die Menschheit

zu sich ein und kredenzte ihr den perlenden Trank seines Herzens.

Verschenkte sich so allen und der ganzen Welt, berauschte sich an der

emporziehenden Sternenpracht vor den geöffneten Türen des Balkons,

rief die unendlichen Mächte, zog sie in seinen Bann, bis die Steine

unten am Marktplatz zu leben anfingen und der tote Gast schwerfällig

vom Monument heraufstieg und, o Schreck, plötzlich im Saal stand, die

blaue Nacht mit ihren Sternen als Hintergrund des steinernen Mannes.

Zuerst ein Adagio D-Moll, nur einige Takte, dann regnen schon eisige

Posaunenklänge durch das nächtliche Blau, die Sterne tropfen, die Töne

gellen auf wie ein silberner Hagel im kristallenen Becken, alle Schauer

des Himmels und der Hölle umwehen ihn. Furchtbar schmettert der Geist

den Choral: ›Dein Lachen endet vor der Morgenröte!‹ Die Furcht befällt

ihn -- doch ist es bloß die Angst, er könnte nicht vollenden, was er

so herrlich begonnen. Wenn ihn diese Nacht der Tod anfiele, und er das

Werk bis zu diesem Punkte lassen müßte, er könnte die ewige Ruhe nicht

finden. ›Wohlan, toter Gast, stoß' an!‹ und gießt seine Feuerseele in

ein letztes Glas. Hat die Menschheit alle Schauer der Unendlichkeit

getrunken an seinem Gastmahl, hat in den Finsternissen des Lebens den

Himmelsschein der Ewigkeit verspürt, o Mozart, unsterblicher Mozart!«

Da war es in diesem Augenblick, als ob wirklich der steinerne Gast in

der Tür stand, so fuhr der Schreck dem begeisterten Schulgehilfen in

die Glieder. Der gestrenge Herr Vater war's, der schon die längste Zeit

hinter der Tür gehorcht hatte, was denn der Franz nur anstelle, daß es

so mäuschenstill in der Klasse wäre. Und hat den Franz mit feurigen

Zungen reden gehört. Stand jetzt stumm und drohend in der Tür, und es

war wirklich so, als ob alle Schauer der Verdammnis den guten Franz

umwehen sollten. War auch schon die Welt entzaubert, die Engelsköpfe,

die in Reihen Bank für Bank verzückt gelauscht hatten, sie waren jetzt

wieder Schmutzfinken geworden. Die selige Stunde war verströmt, die

Welt lag wieder Grau in Grau.

Nachher ging der Tanz los. Was er denn für ein unsinniges Zeug den

Jungen vorschwatze, wo keiner noch rechtschaffen lesen, schreiben und

rechnen kann?! Heißt man das nicht Zeit vergeuden? Und den Buben die

Köpfe verdrehen? Daß sie erst recht untauglich werden zu dem Bißchen,

was sie fürs Leben brauchen! Hol' doch der Kuckuck diese Extravaganzen,

hat ein ordentlicher Schullehrer auf den Lehrplan zu schauen oder soll

sich zum Teufel scheren!

Das läßt sich Franz nicht zweimal sagen.

»Herr Vater, ich bin nichts für einen Schullehrer. Lasen Sie mich

gehen!«

Jetzt ist die Reihe an dem Vater, der Verdutzte zu sein. Er zieht

sofort andere Saiten auf in der Meinung, er hätte den Jungen zu hart

angelassen. Also:

»Was sind das jetzt für Sachen?! Von was willst denn leben, ha? Ein

Geschäft muß der Mensch haben; sei froh, daß du in der Schul' sein

darfst!«

Franz schüttelt abwehrend den Kopf.

»Nein, nein, Herr Vater, damit geht's nimmer. Mich müßt' eigentlich der

Staat erhalten. Ich bin eben für nichts anderes als fürs Komponieren!«

Dem Vater reißt die Geduld.

»Der Staat soll dich erhalten, meinst?« höhnt er. »Du bist mir ein

sauberer Patron! Möchtst wohl den ganzen Tag spazieren gehen und dich

zahlen lassen dafür, pfui Teufel! Hast etwa keine Zeit zum Komponieren

nach der Schul'? Hast du's bisher gekonnt, wirst es weiter auch können,

verstanden?«

Aber der Stein ist bereits im Rollen, da gibt es kein Aufhalten mehr.

»Sind's mir nicht bös, Herr Vater, aber keinen Schritt mach' ich mehr

ins Schulzimmer. Ich kann nicht mehr -- ich kann's einfach nicht!«

Er will's in Freiheit versuchen, auf eigene Faust. Und pocht auf die

hundert Gulden, sein erstes verdientes Geld, das er kürzlich von einem

Gönner für eine Kantate erhalten hat. Er wird sich schon durchbeißen.

Haben's andere gekonnt, warum sollte nicht auch er?! Und wenn's nicht

anders ist, lieber den Bettelstab, aber die Freiheit, das hohe,

ersehnte Gut, die Lebensluft, die sein Genius braucht, die Freiheit

also, die kann er nicht länger opfern.

Da wird der Alte fuchsteufelswild, die angeborene bäurische Abneigung

gegen die Freizügigen bricht in harten Worten hervor. Sein Junge, ein

verlorener Sohn, ein herumziehender Musikant ohne festen Halt im Leben,

ohne Besitz, ohne Amt -- er hat noch vom Dorf her die Verachtung für

solche wurzellockere Existenzen -- das alles will nicht in seinen

kreuzbraven, eigensinnigen, grauen Schädel. Daß der Franz sein Amt vom

lieben Gott hat, weiß er wohl, aber um leben zu können, muß man sein

Amt von den Menschen bekommen.

»Es leid't mich nimmer zu Haus, Vater, ich muß einmal fort, sonst geh'

ich zugrund'!«

Da wird der Vater rauh: »Sollst nicht zugrund' gehen zu Haus, wenn'st

lieber in der Fremde zugrund' gehen willst! Dann geh' halt -- geh' aber

gleich, geh'!«

Der Vater wendet sich ab; der teuerste Sohn hat ihn ins Herz getroffen,

man soll nicht sehen, wie weh ihm ist; aber jetzt ist er fertig mit

ihm. Der Bruch ist geschehen.

Franz geht. Das Vaterhaus ist zu eng geworden. Er braucht Luft,

Freiheit, er will wachsen, in die Welt hinein wachsen. Leben, o Leben!

Franz Schuberts Lebenslied · 第 9 / 42 题