Die Mutter ist schon wieder in der Küche draußen, sie ist in ihrem
Element, wenn sie so richtig wirtschaften kann, aus dem Vollen heraus.
Inzwischen wird noch eine Weile über die Musik geschwatzt, Musikanten
sind leicht durstig und hungrig, besonders aber durstig -- man hat das
Gefühl, als ob man von einer wunderschönen Landpartie zu Fuß und zu
Wagen zurückgekommen wäre, die herrlichsten Gegenden und Aussichten
genossen hätte, von fernen Gipfeln, die man nur träumen könnte. In
diese ätherblauen Seligkeiten hat der Genius geführt -- ja, so ein
Streichquartett den lieben Sonntag nachmittag, das ist mehr als ein
vierspänniger Wagenausflug.
So, und jetzt sitzt man, in die Wirklichkeit zurückgekehrt, mit
erdenfrohem Behagen und Appetit da, die Gabel in der Faust, und wartet
mit spähenden Augen der Dinge, die da kommen sollen.
Und da fliegt schon die Tür auf, die junge Frau Mutter rauscht herein,
daß die weißgestärkten Unterröcke und die Schürzenbandeln fliegen, die
halbnackten, rundlichen Arme tragen hoch eine große Schüssel, eine
Duftwolke strömt mit -- hm! daß einem das Maul wässert --, jetzt senkt
sich die Schüssel auf die Tischmitte herab, ein vierstimmiger Ausruf:
»Ah, Backhendeln!«
Wiener Backhendeln mit Gurkensalat!
Den Jungen verschlägt's fast den Atem, keiner würde wagen, zuzugreifen,
sie schauen verzückt auf die Backhendeln und dann verwundert auf den
Herrn Vater -- das hat man noch nicht erlebt, außer bei der Hochzeit
mit der jungen guten Stiefmutter -- eine solche Freigebigkeit -- was
muß denn über ihn gekommen sein?!
Den Vater wandelt jetzt ein Schatten an, er fühlt den verwunderten
Blick der Söhne, fast dünkt es ihm jetzt eine Verschwendung, er bereut
es beinahe schon wieder, sich in solche Unkosten gestürzt zu haben, und
blickt eine Weile sinnend und grüblerisch auf seinen leeren Teller. Die
Stirn hat Falten, wie immer, wenn er nachrechnet.
Mechanisch erhebt er sich zum Tischgebet. Die jungen Kerle leiern es
herunter mit langen Zähnen, im Mund lauft jedem das Wasser zusammen,
man sieht's ihnen ordentlich an -- die Mutter blickt glückselig von
einem auf den anderen -- der Vater betet laut und langsam aber wie im
Traum, indessen er im Geiste rechnet und rechnet. Er will, bevor er zu
essen anhebt, das Exempel lösen, wie er die Mehrkosten von heute im
Lauf der Woche wieder hereinbringt, um das knickerische Gewissen zu
beruhigen und obendrein so, daß der eine Fresser, der jetzt mehr da
ist, dreingeht, ohne daß das Wirtschaftsgeld erhöht werden muß.
Ganz einfach, denkt er, indessen seine Lippen laut und langsam beten,
Fleisch gibt's die ganze Woche nicht mehr -- Mehlspeisen kosten die
Hälfte -- sind viel gesünder -- Montag Banadlsuppe, kostet fast
nichts, heißes Wasser mit Ei und Semmelschnitten, etwas Schmalz; dann
Erdäpfelnudel mit Semmelbröseln abgeschmalzen, Zwetschgensauce dazu
-- ist gut und nahrhaft, können bampfen dabei, die Schlinghälse, daß
sie nicht mehr bah sagen können; Dienstag Grießschmarrn mit gekochten
Kirschen; Mittwoch Holzhackernockerln aus Wasser und Mehl, läßt man
ein Ei darüber spazieren, macht's nahrhafter und sieht nach mehr
aus; Donnerstag Linsen, vielleicht Spiegeleier dazu, wenn's reicht;
Freitag ist ohnehin Fasttag, gibt's vielleicht Hirsebrei mit geriebenem
Lebzelten drauf; Samstag Kipfelkoch oder Semmelschmarrn, Bofesen wären
auch nicht schlecht, vielleicht einen Kirschenstrudel -- die Leibspeise
-- wenn sie nur nicht zu teuer kommt --, als Nachtmahl gibt's die
ganze Woche nichts weiter als Butterbrot, zur Abwechslung etwa einmal
frischen Maiprimsen darauf, und, wenn's hoch kommt, ein paar Kirschen
nachher, die jetzt wohl billig genug sind; na, und Sonntag vielleicht
wieder einmal einen Schweinsbraten -- sein Gesicht klärt sich auf,
indessen er das Kreuz schlägt, das Rechenexempel ist gelöst, er kann
sich beruhigt mit Frau und Söhnen an den Backhendeln ergötzen: Im Namen
Gott des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geistes, Amen! Mit
einem vierstimmigen Echo schließt das Amen.
Dann ein eiliges Sesselrücken, dicht an den Tisch heran, so bequem und
fest als möglich, die Serviette unters Kinn gesteckt, in den Halskragen
hineingestopft, der Vater langt mit der Gabel zuerst zu und sticht das
Pfaffenschnitzel heraus mit etwas gerösteter Petersilie darauf, wegen
des Wohlgeschmacks, flink hat ein jeder sein Trum auf dem Teller,
der eine ein solches weißes Bruststück, der andere ein Haxerl, ein
Stück Flügerl, ein paar Minuten vergehen wortlos, indessen das zarte
Fleisch mit der schönen braunen, knusperigen Rinde zwischen den Zähnen
mitsamt den weichen Knöchelchen krachend zerbissen wird und Stück um
Stück verschwindet. Zu jedem Bissen Fleisch eine tüchtige Gabel voll
Gurkensalat.
Vater Schubert stößt vertraulich den Franz an und deutet mit dem Messer
auf das Büchschen Paprika, das am Tisch steht.
»Mußt etwas Paprika auf den Gurkensalat tun! Zum Gurkensalat gehört
eine Messerspitze Paprika!«
Also streute Franz vorsichtig etwas Paprika auf den Gurkensalat.
Das gibt zu dem Arom eine köstliche Würze, daß man einen brennenden
Rachen hat wie ein Feuerschlucker.
Die Schüssel ist leer, nur ein Häuflein Knochen ist übriggeblieben
wie auf einer Schädelstätte. Jeder lehnt sich behaglich und von der
emsigen Arbeit aufseufzend in den Sessel zurück; die Flammen in der
Kehle müssen gelöscht werden. Da langt der Vater nach einem Krüglein,
das unter dem Tisch bei seinen Füßen steht, hebt es sorgfältig prüfend
ans Licht und schenkt jedem das Glas voll. Gumpoldskirchner!
Zu Backhendeln mit Gurkensalat gehört Gumpoldskirchner, das ist
stilgerecht. Es könnte auch ein Grinzinger sein, ein Sieveringer, ein
Alsecker, ein Bisamberger, ein Klosterneuburger, ein Weidlinger, ein
Kremser, ein Mailberger, ein Haugsdorfer, ja, man würde gar nicht
fertig in der Aufzählung der vielen guten Tropfen, die zu einer solchen
Wiener Götterspeise gehören. Jeder hat seine eigene Blume, aber jeder
paßt dazu. Vater Schubert liebt besonders den Gumpoldskirchner. Er ist
goldgelb, etwas schwerer wie die anderen, kostet auch etwas mehr, aber
an hohen Fest- und Feiertagen möcht' man halt auch was Besonderes haben.
Glänzen alsbald die Äuglein, wie der Gottestrank die Zunge hinabläuft,
inwendig ein behagliches wärmendes Feuer anzündet, daß die Begeisterung
wach wird und die Zungen sich lösen. Schwebt schon der heilige Geist
auf sie herab und fängt der eine und andere an, mit Engelszungen zu
reden. Franz, der wortkarge, der verschlossene, wird gesprächig.
Ist so eine schöne Sache, die Musik, hebt den Menschen ins Himmelreich,
daß er in lichter blauer Seligkeit hinschwebt, als ob er Flügeln hätte
und wirklich schon im Paradies wäre. Fällt alles Schwere ab, alle
Sorge, und selbst was traurig stimmt, wird tröstlich und labesam.
Ist neben der Musik aber auch was Schönes, Backhendeln essen mit
Gurkensalat, und Gumpoldskirchner dazu zu trinken! Gewiß! Essen und
Trinken hält Leib und Seele zusammen. Die Seele schwingt sich auf,
wandert frank und frei im Reich der Töne, aber sie muß wieder zurück,
wenn der Leib schwach und hungrig wird, und muß sich wieder stärken mit
ihm, denn Leib und Seele gehören nun einmal zusammen. Wie könnte sie so
schöne Lieder erfinden und gottselige Gedanken pflegen, wenn sie nicht
hin und wieder durch den Leib mit so herrlichem Essen erquickt würde.
Gibt es doch kein Land, wo so erlesene Genüsse zu haben sind, solche
Backhendeln, solchen feinen Salat und einen so himmlischen Tropfen wie
diesen Wein! Drum kann auch nirgends die Seele so hoch in Begeisterung
steigen wie hier, wo sie auch auf Erden sich bereits im Himmelreich
wähnt. Womit schmeckt denn der Leib diese wunderbaren Gaben, wenn nicht
mittels der Seele, die es zu schätzen versteht, was ihr hier vorgesetzt
wird, und die dann noch einmal so herrlich zu singen und sagen weiß.
Diese Backhühner, dieser Wein muß nicht allein mit dem Leib genossen
sein, wenn es gut anschlagen soll -- nein, Speis' und Trank ist es für
die liebe Seele!
Die Mutter lächelt verklärt und schaut gedankenvoll aufs Tischtuch,
die Brüder schauen mit glosenden Augen bald auf den Vater, bald auf
den Franz, der eine so verwunderliche Rede hält; Ignaz, der Älteste,
schaut drein wie ein Gelehrter, mit den dunklen, brennenden Augen
in dem blassen, schmächtigen Gesicht, der gewaltigen Stirn und dem
Grübchen im zwiespältigen Kinn -- das haben alle Brüder vom Vater
her --, ist selbständiger Schullehrer, hätte aber nie gewagt, vor dem
Vater solche freigeistigen Reden zu führen; Bruder Ferdinand, dieweilen
noch Schulgehilfe, musik- und sangesbeflissen, lacht mit gutmütigem,
verschmitztem Bauerngesicht den geliebten Bruder Franz an, und sitzt
ihm die Freude heimlich in den munter blitzenden Äuglein; Karl, der
jüngste Bruder, der noch die Kunstschule besucht und Maler werden
möchte, schaut mit seinem hellen, offenen Künstlerantlitz bewundernd
hin auf Franz und denkt, so muß man's machen, frisch und keck, dann ist
der Herr Vater als Wauwau nicht halb so schreckhaft -- rückt näher an
Franz heran, hängt mit den Augen an seinen Lippen und berauscht sich an
dessen Worten; nun und der Herr Vater, dem die Weinseligkeit aus den
Augen tropft, sitzt lächelnd da wie Vater Noah, nickt gutmütig zu dem,
was der begeisterte Franz faselt, hebt dann selbstvergessen, als ob die
Buben da nicht seine Söhne, sondern seine Kameraden aus der Jugendzeit
wären, das Glas, um mit Franz anzustoßen!
Man ist baff! Das hat der Vater nie getan!
Der Herr Vater stoßt mit dem Sohn Franz an, dann stoßt er mit der Frau
Mutter an, die Gläser klingen zusammen, und jetzt fahren auch die
anderen herzu und stoßen alle zusammen an.
»Prosit, Herr Vater!« der Franz sagt's, dann sagt's der Ignaz, dann der
Ferdinand und dann der Karl.
Jetzt schreien es alle vier.
»Prosit, Frau Mutter!« Wieder ist es der Franz, der das sagt. Und jetzt
fahren wieder die Gläser zusammen, daß es klingt wie ein Glockenspiel,
und alle schreien lauter als vorher: »Prosit, Frau Mutter!«
Karl, der Jüngste, ist so aufgeregt, daß er fast seinen Wein
verschüttet. Da sind die kostbaren Tropfen auf das Tischtuch gefallen,
und schon fliegt sein Blick ängstlich zu dem Vater hinüber, der sich
die Gelegenheit sonst nicht hätte entgehen lassen, dem Karl eine
ordentliche Predigt zu halten, wie man sich zu benehmen habe. Die
schöne Gottesgabe verwüsten -- Bub, wirst noch einmal froh sein, wenn
du so einen Tropfen hast! Aber heute, nein -- der Herr Vater ist
gnädig, er tut so, als ob er nichts bemerkt hätte.
Der Schreck ist dem Karl doch gelinde in die Glieder gefahren -- wenn
der Herr Vater auch heute nichts sagt, das dicke Ende kommt nach!
Dem Alten ist nicht zu trauen -- er hebt sich's auf morgen auf! Aber
mit einem Schluck hat Karl die Bänglichkeit hinuntergeschwemmt, die
Keckheit gewinnt jetzt Macht über ihn, an Franzens Beispiel gestärkt.
»Sind wir lustig heut -- Prosit, Herr Vater!« und hebt mit knabenhafter
Dreistigkeit das Glas, um mit dem Vater aufs neue anzustoßen.
Läßt aber gleich das Glas wieder sinken vor dem strafenden Blick des
Vaters.
»Benimm dich!« weist ihn der zurecht. Er kann's nicht leiden, wenn
sich Kinder übernehmen. Müssen »Sie« zu den Eltern sagen, damit der
Respekt vor der elterlichen Würde gewahrt bleibt, und möcht' dann so
ein Junge bei der erstbesten Gelegenheit die strenggezogenen Grenzen
mir nichts dir nichts verwischen. Sind doch beide nicht zugleich auf
der Schulbank gesessen -- na also! Spricht's zwar nicht aus, der Herr
Vater, denkt's aber so ungefähr und redet mehr durch die Augen, die mit
langem, einschüchterndem Blick auf Karl ruhen, der schon vergeht wie
ein allzu keckes Flämmchen unter einem großen Löschhut.
Erhebt sich drauf der Herr Vater und sagt kurz und bestimmt: »So -- und
jetzt schlafen gehen!«
Also gehen alle schlafen, jedes mit dem seligen Gefühl: war ein schöner
Sonntag heute!
Aber es kann nicht immer gleich schön bleiben, kommen auf gutes Wetter
immer allemal auch trübe Tage mit Regen und Sturm; und so ist es im
Leben ein ewiges Schwanken, und sind die himmelblauen Tage im Jahr karg
gezählt.
Nicht alle Sonntag ist Kirchtag, war auch der nächste Sonntag schön,
aber nicht ganz so schön. Gab es keine Backhendeln mehr, sondern kaltes
Schweinernes abends, das von Mittag übriggeblieben war. Schmeckte aber
auch sehr gut. Gumpoldskirchner gab es ebenfalls nicht, dafür billiges
Abzugbier -- Fensterschwitz. Macht nichts, wenn es frisch ist, ist es
recht gut und gesund vor allem, gesund.
Das Streichquartett bleibt jetzt eine ständige Sonntagseinrichtung,
nimmt auch der Herr Regens chori von der Liechtentaler Kirche teil,
Herr Michael Holzer, bei dem Franz in seiner Knabenzeit Singunterricht
genommen hatte. Ist ganz beteppert, der Herr Regens chori, vor lauter
Hochachtung für das musikalische Genie, kann sich gar nicht genug tun
mit überschwenglichen Worten über Franzens Kompositionen, daß es dem
schon zu dumm wird, weil sein alter Lehrer gar so fein und überhöflich
mit ihm tut, fast genierlich für ihn, den Jungen.
Meint der Herr Regens chori, daß es ihn halt so viel freuen tät',
wenn der Herr Franz die Erlaubnis geben möcht', etwas aufzuführen
von ihm nächstens beim hundertjährigen Jubiläum der Liechtentaler
Kirche -- hätte er doch eine wunderschöne Messe geschrieben noch als
Konviktsschüler, die an und für sich schon ein Meisterwerk wäre. Da
wollt' er schon lieber was Neues machen, lächelte Franz, die früheren
Arbeiten wären doch zu gering, müßt' schon etwas Besonderes werden --
zur höheren Ehre Gottes!
Befriedigt blickt der Vater auf den Sohn, ist stolz auf ihn -- aber zum
Kuckuck auch, ist doch nur brotlose Kunst, was er treibt, und von der
Ehr' kann man allein nicht leben; muß auch tüchtig zugesehen werden,
daß Franz bald seinen eigenen Brotsack umgehängt bekommt.
War auch nicht viel Zeit vergangen, hat ihn der Vater schon ins
Amt hineinbugsiert. Ein paar Monate Präparandenschule, dann
Lehramtsprüfung, und jetzt ist er Schulgehilfe. Ist es gleich
nebenan in der Säulengasse unter seines Vaters Aufsicht, der sechs
Schulgehilfen beschäftigt. Franz kriegt dieselbe Bestallung: freies
Quartier und einen Gulden Wiener Währung pro Monat und Schülerkopf.
Hat den Vorzug, in Vaters Haus zu wohnen und Kost zu kriegen. Die wird
ihm freilich berechnet. Bleibt immerhin noch ein Taschengeld für das
bißchen Kleider und sonstige kleine Bedürfnisse.
Das mit der Messe für die Liechtentaler Kirche geht dem Franz nicht
aus dem Sinn, in seinem Herzen stürmt es, ist aber eingesperrt den
lieben langen Tag in den Schulkäfig -- was ist das für ein Leben?!
Bloß weil es das Brot ist?! Anstatt wie die Lerche in blauer Seligkeit
zu schweben und den Schöpfer zu preisen, muß er sich abmühen von früh
bis abends, kleine Rotznasen unterrichten, ABC-Schützen, die auch
alles andere lieber täten, als still zu sitzen mit den Händen auf der
Schulbank und aufzumerken.
In Franzens Hirn und Herz flutet es, die Gedanken und Gefühle kochen
mit eherner Gewalt, sie wollen sich nicht abweisen lassen und flattern
heran wie Zaubervögel, die Fuß fassen möchten, gehalten sein, um nicht
hilflos ins unendliche Meer des Vergessens zu sinken. Er will sie
halten, muß aber an der Schultafel stehen und mit der Kreide Buchstaben
hinmalen, a, b, c, die von den Buben auf die Schiefertafel nachgekratzt
werden. Und muß ihnen das Einmaleins vorrechnen: einmal eins ist eins,
zweimal zwei und so weiter. Dann läßt er es einen nach dem anderen
auswendig sagen und kritzelt unterdessen hastig die Gedanken hin, die
aus dem Herzen zum Kopf drängen. Der eine Bub sagt zweimal zwei ist
drei, der andere zweimal zwei ist fünf -- alles stimmt. Haben es die
Schüler und der Lehrer gleich gut. Ist ja auch wirklich so: nichts geht
im Leben so glatt aus, daß man sagen könnte, zweimal zwei ist vier.
Immer wird's ein bißchen zu wenig oder ein bißchen zu viel, jedenfalls
ein bißchen anders, so daß zweimal zwei entweder drei oder fünf
ausmacht.
Oder es guckt der Herr Lehrer selbstvergessen und dem Liederborn
in seiner Brust lauschend zum Fenster hinaus, wo ein blau-goldener
Vormittag leuchtet, indessen man in dem kalkweißen Zimmer bei
langweiligem Tun hocken muß. Gucken auch die Buben zum Fenster hinaus
und empfinden ungefähr dasselbe. Ertappen sich gegenseitig Lehrer und
Schüler bei diesen abschweifenden Gedanken, gucken sich gegenseitig an
und lachen.
Ein Dichterwort flattert unversehens aus Franzens heimlich klingender
Seele auf: »In Grün will ich mich kleiden.« Unwillkürlich entschlüpft
es seinen Lippen, sitzen die Buben versteinert da, als ob ein
Märchenvogel bei dem offenen Fenster hereingeflogen wäre. Fängt einer
von den ältesten Rangen in der letzten Reihe tölpisch zu lachen an,
wohl aus Verlegenheit, ducken ihn aber die anderen schon nieder mit
heimlichen Knüffen und zugerauntem »Kusch!« Wird aber sofort wieder
das Maul gehalten, und sitzen alle atemlos da, wundersam berührt. Geht
ein Engel durchs Zimmer, sagen die Leute, wenn plötzlich gespanntes
Schweigen eintritt. Jetzt war's so. Ein Engel ist durchs Zimmer
gegangen, der Genius, hat sie alle mit dem Finger ans Herz getupft.
Und Franz, der Schulgehilfe, reißt die Violine aus dem Kasten und
spielt ihnen sein neuestes Lied vor: »In Grün will ich mich kleiden.«
Nach Hunderten zählen die Schöpfungen, die ihm in diesen Monaten durch
das graumaschige Netz der eintönigen Tagespflichten als Geschenke des
Himmels durch die Finger gleiten. Einer ist, der hat in der Tiefe des
deutschen Herzens das unsterbliche Lied erklingen verspürt -- der
deutsche Genius hat durch seinen Mund gesprochen: Goethe. Über diesen
Dichterquell gebeugt, hat Franz das melodische Rauschen vernommen,
darin der Wald raunt, der Bergstrom braust, das Herz aufschreit in
Lust und Leid, die Wanderfröhlichkeit jubelt, und die Sehnsucht mit
blauem Bande lockt; in sein Inneres hineinhorchend wie in einen
tiefen Märchenbrunnen, hat er das Lied singen gehört. Das deutsche
Lied. Draußen am Himmelpfortgrund ist es entstanden. Und hat anders
geklungen als alles, was man je früher gesungen hat. Tiefer, feuriger,
ergreifender.
Die kleinen Schulbuben verstehen nichts von Musik, aber das Lied,
dieses und noch manches andere, das ihnen Franz vorspielt und mit
halblauter Stimme vorsingt, haben sie gleich begriffen.
Franz legt die Geige sachte wieder hin, da bricht der starre Respekt,
der eine künstliche Spannweite zwischen Lehrer und Schüler herstellt,
wie eine Eisrinde vor der schmelzenden Glut der Herzen zusammen, die
Rotzbuben sind aus den Bänken gestürmt und haben ihn jubelnd umdrängt,
die Hand wollen sie ihm küssen, hinaufgeklettert sind sie an ihm,
einer über dem anderen. In der Maske des Schulgehilfen haben sie den
älteren Mitbruder und Kameraden entdeckt, die Kindheit hat ihn gleich
begriffen, wie alles, was menschlich rein und echt ist. Es bedarf
keines Nürnberger Trichters, keines Systems, keiner Schulzwangsjacken,
keines Ochsens und Büffelns, sie haben es von sich aus verstanden.
Somit wäre das richtige Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler,
gewissermaßen auf du und du, hergestellt.
»Putz' dir die Nasen!« geht die lachende Ermahnung an einen Knirps,
der sich just vor inniger Freude an Franzens Handrücken abwischt. Hat
aber kein Bub ein Schneuztuch, macht's ein jeder wie der Bauer mit zwei
Fingern und dann auf die Erde damit, was im Schulzimmer nicht angeht.
Fährt man also, wie im Notfall immer, einmal mit dem linken Rockärmel
um die Nase, dann mit dem rechten, daß die Ärmelenden hart und speckig
glänzen, wie glasierte Schweinsschwarteln.
Ist ein neuerliches Hallo über den Rotzbuben, daß es laut in den
Schulgang hinausschallt, worauf der Herr Vater beim Türspalt
hereinguckt, mißtrauisch über die Ungebundenheit, die gerade nur
in Franzens Klasse herrscht. Ein Glück, daß im selben Augenblick
die Glocke schallt und der Vormittagsunterricht zu Ende ist. Vater
Schulmeister schüttelt den Kopf; er ist gar nicht recht zufrieden mit
seinem neuen Gehilfen. Daß ein Lehrer die Anhänglichkeit und Liebe
seiner Knaben zu gewinnen weiß, wäre schon recht; aber wo bleibt der
schuldige Respekt?! Wo bleiben die Schulreglements?! Der Lehrplan?!
»Lehrplan, Schulordnung, Respekt sind die Hauptsachen, verstanden?!«
In Grün will ich mich kleiden ...! Allein oder mit Bruder Karl, der
den rechten Landschaftersinn dafür besitzt, spaziert Franz häufig an
Sommerabenden zwischen den Feldern und Weingärten der benachbarten
Ortschaften umher! Eine versunkene Welt! Heute ragen nichtssagende
Zinskasernen in staubigen, lärmenden Straßen in diesen Gegenden, die
einst ländliche Idyllen waren.
In Grün gebettet zwischen schwellenden Hügeln mit Wein und Wald, liegen
Währing, Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, Döbling, ein lieber Kranz
von Landschaften rund um die alte Wiener Stadt.
Begeisterte Naturgedichte entstanden in der damaligen Zeit, die frohen
Müllerlieder waren hier für Franz Erlebnis geworden, der sie zum
erstenmal sang. Er hat sich seine Dichter gefunden, nach Goethe die
besten, und hat ihren Worten einen klingenden Mund verliehen, denn
alles, was er hier ansah, war schon heimliche Musik. Er spürte sie
zutiefst inwendig, und wenn die Dichterworte durch seinen Genius ihr
klingendes Gefieder erhalten hatten, dann blieben sie auch nicht lange
daheim in der Schublade, sondern flatterten aus, zu den Freunden in
die Stadt, zu Spaun, der regelmäßig neue Noten von Franz bekam und sie
wieder bewundernden Freunden weitergab.
Ein Legendenkranz hatte sich drinnen in der Stadt um den einen
gebildet, »dessen Ruhm alle anderen überstrahlen sollte«. Er war schon
berühmt und hatte zahlreiche Anhänger und wußte es nicht, indessen er
abends als armer und sehnsüchtiger Schulgehilfe zwischen den Feldern
ging. Und war dennoch auf eine heimliche und sehnsüchtige Weise
glücklich, wie man es als naturfreudiger Mensch im Schoß solcher
entzückender Landschaften nur sein konnte. Lieder, wie sie damals aus
dem Herzen der Menschheit sproßten, blühen dem heutigen Geschlecht
nicht mehr, die Menschenseele ist unfruchtbar geworden; sie hat den
blühenden Garten ringsum in eine Wüste verwandelt und fristet in den
Steinhaufen ein innerlich verarmtes Dasein. Das hätte man damals nicht
für möglich gehalten.
Eines Spätnachmittags betraten Franz und Karl den Döblinger Friedhof,
wo die selige Mutter begraben liegt. Steinerne Engel knien zwischen
dunkelgrünen Zypressen in dem Alt-Wiener Friedhof, Urnen und gestürzte
Säulen leuchten weiß in ernstem Grün, rote Blumen bluten da und
dort auf den Gräbern. Der Vater hat einen einfachen Stein über den
Grabhügel setzen lassen, ein frischer Wiesenstrauß liegt dort zu oben
auf. Den hat die Stiefmutter niedergelegt, die Jugendfreundin von der
Verblichenen. Gute Seele! Die Vögel schmettern in den Gebüschen wie in
einem Lustgarten, die Einsamkeit verbirgt ihr Haupt in dem Schoß der
Ruhe und des Friedens! Die Trauer war aus dem Herzen geschwunden, die
Selige stand im Verklärungslicht.
Franz war ernst und hoch gestimmt. »Wir gehen alle in Gott!« sagt er
plötzlich zu Karl, der zustimmend nickte, den Bruder aber nicht ganz
begreift. In tiefem Gespräch gehen sie dann in der Dämmerung hin.
Der gläubige Franz! Er ist kein Grübler, kein Eiferer, kein
Kirchenfanatiker, aber er besitzt ein frommes Gemüt wie jedes echte
Naturkind. Die Seele weiß sich eins mit dem Geist der Dinge, der
Natur, der fernen und nahen Lieben. Sie findet ihren inneren Ausgleich
in dieser Allgegenwart alles Gutem, geheimnisvoll Wirkendem, geistig
Lebendem und am Weltbau Schaffendem. Für ihn gibt es kein anderes
hehres Wort dafür als: Gott! Darum gibt es für ihn auch in der Trübnis
kein Sinken, kein Sich-verloren-wähnen, immer und überall geht er in
Gott. Seine Seele ist wach und hat alle Fenster auf für die magischen
Kräfte des Unendlichen, die auf ihn einströmen und das Band waren, das
ihn mit allem lebendig verknüpfte, was er liebte und ehrte. Hier ist
der Keimpunkt seines Dichtens und Werdens.
Als sie bei sinkender Nacht heimkehren, ist der Plan seiner Messe,
die ihm im Kopf herumgeht, fertig. Seine kindliche Dankbarkeit, die
Anbetung des Unendlichen, das Gedenken an die Verblichenen, das
göttliche Allgefühl, alles will ausströmen als Gesang, als Jubel
der Seele. Das hat ihn der liebe Gott gelehrt, dem will er's wieder
zuwenden. Dem großen, geheimnisvollen, schöpferischen Etwas, das in und
um ihn ist. Ein ganz Großer hat es ihm zuvorgetan, dem er in Ehrfurcht
nachblickt; der herrliche, unsterbliche Mozart, dem der kleine,
ränkesüchtige Salieri so bitter zugesetzt hatte.
Mozart, das war ein Wegweiser zu dem ganz Großen in ihm, auf das er
horchen mußte. Mozart und dann ein anderer ganz Großer: Herr Ludwig
van Beethoven, dessen ehrwürdig finsterer Erscheinung er zuweilen auf
einsamen Wegen ansichtig wird. Alles weicht dem scheu aus -- so gehört
es sich, wenn ein Gewaltiger kommt.
Trotz aller Schulnöten ist die Messe in zwei Monaten fertig -- gleich
in Partitur geschrieben mit sämtlichen Chor- und Orchesterstimmen,
die Prim- und Sekundviolinen je dreifach, die Baßstimmen doppelt in
F-Dur komponiert -- so schön wie es nur einer kann, dem's der liebe
Gott eingibt. Gar herrlich soll das Werk am hundertsten Jahrestag der
Liechtentaler Kirche vom Chor herab erklingen.
Franz leitet die Aufführung, Herr Michael Holzer, der Regens chori,
sitzt an der Orgel, den Sopransolo singt eine Schöne vom Grund --
Therese Grob. In der Kirche unter der Menge, die Kopf an Kopf steht,
lauschen die Freunde Schuberts, die eine große Zahl Sinnesgenossen
mitgebracht haben. Spaun ist mit einigen Leuten erschienen, die vor
Begierde auf den jungen Meister brennen, den sie schon aus seinen
Liederkompositionen schätzen und lieben gelernt haben. Sie lieben
alle die Musik, der junge Maler Schwind, der Maler Kupelwieser, der
weltmännische Herr von Schober, der dem Priesterrock entsprungene,
verschlossene, von innerer Leidenschaft glühende Zensurbeamte und
Dichter Mayrhofer, von den Konviktsfreunden gar nicht zu reden.
Nun stehen sie in der Kirche und lauschen auf das Trommeln, Pauken und
Schmettern, das oben angeht, als ob sich der Himmel geöffnet hätte und
die Heerscharen zu musizieren anfingen.
Zuerst ein stammelndes Geplauder in Tönen, wie wenn ein Kind zum Vater
redet, zaghaft, dann unbekümmert, vertrauensselig, voll unschuldiger
Hingabe. Jetzt erhebt sich ein Sopransolo mit klangvoller Macht;
herrlich steigt die Stimme der Therese Grob aus wirbelnden Tonfluten
hervor, schlägt schmerzliche Laute, ein demütiges Bitten, die Geigen
flehen mit, der Chor tritt dazu, die Gefühlswoge steigt höher und
höher, immer wilder entfaltet sich die blühende Stimme, ringt sich über
alle Wirren himmelwärts, eine leidenschaftlich Liebende, die zum Herzen
schreit, zum unendlichen Gnadenherzen, um Erhörung zu erzwingen.
Niemand weiß, daß sie längst Erhörung gefunden hat bei dem
Meisterlein oben, der das Weltherz in sich fühlt und ganz gerührt
und hingerissen ist, nicht so sehr von dem eigenen Werk, als von der
einschmeichelnden Stimme der Therese Grob. Jetzt weiß er selbst zu
seinem seligen Schmerz, was eine menschliche Stimme bedeuten kann. Er
hat wahrscheinlich nicht geahnt, was das einfache braune Greislerkind
in der Stadt, die Fanny, um ihn heimlich gelitten hat; nun leidet er um
Therese, und ist glücklich, weil er so leidet. Er hat es nicht wissen
wollen während der Proben, daß es sein Inneres so mächtig ergreift,
aber schließlich gab es kein Vorbeidenken mehr, er ertappte seine
Gedanken und Gefühle immer wieder dabei, wie sie mitten im Arbeiten,
im Schulhalten, im Träumen, im Wachen und Schlafen auskniffen, und
erwischte sie immer wieder bei dem Bild seines Herzens, der Therese
Grob und ihrer schönen Stimme.
Nichts nützte es, daß er zählte von eins bis hundert, bis zweihundert,
bis fünfhundert, abends im Bett, um ohne müßige Träumerei
einschlafen zu können, half eben alles nichts gegen die beschämende
Selbsterkenntnis: er war verliebt. Kerl, dummer, närrischer, blöder,
verliebter! Möchte sich ohrfeigen, vor sich selber verkriechen,
beschimpft sich, verachtet sich, alles umsonst -- die eigenen
Koboldgedanken lachen ihn aus. Er kann dem Mädel gar nicht mehr ins
Gesicht sehen, ist unhöflich mit ihr, verschlossen, fast grob -- und
möchte zugleich in hilfloser Zärtlichkeit vor ihr vergehen.
Jetzt, wo er als Dirigent oben steht und die Stimme wieder niedersinkt,
demütig um Erbarmen bettelnd, fühlt er ganz klar, wie es um ihn steht;
er zittert, daß ihm beinahe der Taktstock entfällt. Die Geigen klagen
und irren ängstlich umher, ein Fortissimo setzt ein, der Chor tritt mit
verstärkter Macht auf, und die Stimme wirft sich verzweifelt empor --
und jetzt ist es, als ob sich der Gnadenschoß auftun würde, Engelschöre
schmettern aus allen Himmelstiefen die Verkündigung herab, die Stimme
der Seligen ertönt süß und heilig, die unendlich erlösende Liebe nimmt
die Flehende in ihr unendliches Reich auf.
Die Freunde drängen nach Schluß dem Choraufgang zu, aber Franz ist
bereits entschlüpft, einer, der aus dem Gnadenhimmel gestürzt ist und
keine Erhörung suchen und finden kann. Heimgerannt ist er, um sich
zu verstecken, in sein Zimmer hinauf, heiß und schmerzvoll, da fährt
er zurück, ein ungeschlachtes Ding steht da, bleckt ihn mit weißen
Zähnen an, ein ausgewachsenes, fünfoktaviges Klavier, ein Geschenk
des Herrn Vater zu dem Tag, wo der begnadete Sohn eine Berühmtheit
vom Himmelpfortgrund geworden ist. Ja, das ist er imstande, der
knickerische, tyrannische, rechnerische Hausvater, der jedem den Bissen
vorrechnet und dann wieder das Herz hat, im rechten Augenblick groß zu
sein.
Franz steht da wie ein armer Sünder. Ein fürstliches Geschenk! Daß der
Vater die Spendierhosen angehabt hat, schier wie ein Verschwender,
das rührt ihn fast zu Tränen. Er dankt mit ein paar trockenen Worten,
die widerwillig genug klingen. Ja, kann man denn alles sagen, was
man inwendig hat?! Lieber soll's einem zersprengen, als so kindische
Gerührtheiten! Er muß sich gleich wegwenden, damit man's nicht merkt,
was eigentlich in ihm vorgeht.
Aber da kommen schon die anderen angestiefelt, der Herr Regens chori,
der Herr Fabrikant Grob, mit ihm die Tochter Therese -- o Gott, da
verschlägt's ihm völlig die Red'.
Sie kommen alle gratulieren, der Herr Regens chori ist gar stolz,
weil er Schubert seinen einstigen Schüler nennen darf und ein Abglanz
des Ruhmes auf ihn, den alten Lehrer, fällt; der Herr Fabrikant Grob
aus der Liechtensteinstraße bittet den Herrn Vater Schulmeister und
namentlich den berühmten Sohn Franz um die Ehr' ihres Besuches, sie
hätten selber ein kleines Hausquartett -- es könnte sich natürlich
nicht messen mit einem solchen vollendeten Meister der Tonkunst,
wie der Herr Franz -- er möge halt gnädig ein Auge oder alle zwei
zudrücken, aber die Freude soll er ihnen nicht versagen, zu kommen,
und wenn die Bitte nicht gar zu verwegen ist, sie durch das Vorspielen
einiger Sachen zu erfreuen. In der Kirche sei alles hingerissen
gewesen, die Leute hätten geweint, und er selber ist dagesessen
wie mitten drin in der Seligkeit. So, und jetzt muß er ein wenig
verschnaufen.
Therese, schon ein wenig ungeduldig über des Vaters lange Rederei, sie
hat selber so viel zu sagen, verpaßt natürlich nicht den Einsatz und
legt nun los wie ein Sturzbach, daß dem armen Schubert gar wirr zu Kopf
wird. Von ihrem schrecklichen Lampenfieber erzählt sie, daß es ihr
die Kehle zugeschnürt hat und wie sie mehrmals auf ein Haar daneben
gesungen hätt' -- ob er denn gar nichts bemerkt hätt', der Herr von
Schubert?
»Hab' nichts bemerkt,« versetzte er hölzern, »ist ohnehin gegangen wie
aus einem Wasserröhrl!«
Wasserröhrl?! -- das kühlt auf einen Moment ab wie eine kalte Dusche.
Therese wird einen Augenblick blaß, Franz wird über und über rot, weil
er denkt, jetzt hat er was Dummes gesagt. Ja mein, Süßholzraspeln ist
halt nicht seine Sache. Das muß sie schon verstehen, daß er's gut
meint. »Ist ohnehin ganz gut gegangen,« fügt er hinzu und glaubt schon,
weiß Gott was für eine Riesenschmeichelei das jetzt wär'. Ist sehr
unsicher und beschließt insgeheim, lieber wenig oder gar nichts zu
sagen, bevor er wieder einen Schnitzer macht.
Das Mädel ist erpicht auf Komplimente, ein Bonbon, eine Schmeichelei,
sind ja so verwöhnt, die jungen Dinger, schaut ihn fast rührend und
bittend an, tut gar so schön zu ihm und laßt ihn nimmer aus, damit
nicht Vater Grob den Herrn Franz in Beschlag legt. Süß kann sie es wie
eine Turteltaube, redet mit holder Schwatzhaftigkeit vom Hundertsten
ins Tausendste, redet nicht nur mit dem Plappermäulchen, redet auch mit
den hurtig herumspringenden Äuglein, redet vor allem mit den Händen,
die jedes Wort ausführlich begleiten, weiß sich gar nicht zu halten vor
lauter Temperament -- Wiener Mädel vom Grund!
Er steht da, steif und unbeweglich wie ein Sack, strengt sich an,
möcht' was Gescheites sagen, fühlt sich ganz blöd, fällt ihm absolut
nichts ein. Ganz tramhapert ist ihm zumut, und zugleich ist er ganz
seltsam bewegt von dem lebhaften Mädchen, die aufgeschossen und schlank
vor ihm steht und sich wiegt wie eine blühende, weißgrüne Staude,
duftig und schneeweiß gekleidet mit vielen bauschigen Falben, hellgrün
besetzt, weißen Strümpfen und weit ausgeschnittenen Halbschuhen, die
mit kreuzweise um das Bein geflochtenen Bändern festgehalten sind. Die
Ärmeln sind weit und hoch geschoppt, das gibt ihr etwas Rundung, was
sie nötig hat, der Hals trägt im tiefen Brustausschnitt ein farbiges
Medaillon an einem schwarzen Samtband, sie scheint um einen Kopf
größer, vielleicht wegen der hoch aufgetürmten Frisur, die den Scheitel
mit einem Lockenbau krönt. Das Gesicht wäre hübsch zu nennen, wenn die
Nase nicht ein wenig zu lang geraten wäre.
Aber ihre Lebhaftigkeit verschönert sie, sie ist immer in Bewegung, das
verschleiert die Fehler. Er könnte sie nicht beschreiben, die zum Teil
recht unproportionierten Einzelheiten fallen ihm gar nicht auf, er hat
nur den Eindruck von etwas sehr Lieblichem als Gesamterscheinung, und
die Erinnerung ihrer Stimme im Ohr -- so erscheint sie ihm zauberschön.
Mit einem Wort: er ist weg, ganz weg! Während ihr das Mundwerk geht wie
ein Mühlenrad, denkt sie beiseite: daß er gar so ein Stockfisch ist und
nichts sagt als bloß Hm! Ja freilich! Natürlich! So so -- ja ja!
»Also Herr von Schubert,« versichert der Schäker beim Abschied, »eine
ganze Stunde haben wir verplaudert und lustig war's! Also nicht wahr,
Sie kommen ganz bestimmt zu uns -- es tät' den Vater halt soviel
freuen!«
Franz besann sich.
»Das muß ich mir erst überlegen -- wir werden schon sehen .... wissen
Sie, ich hab' halt so wenig Zeit!«
Das Herz schrie zwar: ja, ja, ich komme gleich, lieber heute als
morgen, aber die Angst, zudringlich zu erscheinen, legte ihm Worte in
den Mund, daß es fast wie eine Absage klang. Der Vater Schulmeister
mußte sich ins Mittel legen und an seiner Statt die Zusage geben.
Hinterher stieg's dem guten Franz zu Kopf, daß er sich so geziert
hatte. Sie wird doch wohl nicht gekränkt sein? Der Gedanke brachte ihn
beinahe zur Verzweiflung. Rannte hinaus in die Einsamkeit, zwischen
den Feldern die halbe Nacht umher. »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß,
was ich leide ....« Lust und Schmerz wird Gesang. Ein Glück, daß er
schreiben kann. Musik, o Musik! Sprache der Seele, Sprache der Götter!
Sprache der Liebe!
Aber Worte müssen dabei sein, Worte! Ein Wort wenigstens. Ein süßes,
inniges. Lautet: Therese! Muß es wenigstens vor sich hinsagen können,
muß es hören. O Gott und die Qual, mit niemanden darüber reden zu
können. Mit den Rötzlingen in der Klasse? Ausgeschlossen! Mit den
Brüdern? Das ginge schon gar nicht! Man hat sich ja recht gern, aber
man schämt sich seiner Gefühle voreinander, unter Verwandten ist das
einmal so. Man läßt nicht gern in sein Inneres hineinschauen.
Bei dem Freund ist das was anderes, den hat man nötig -- als
Seelengefährten. Ein Glück, daß jetzt einer daherkommt, der
Erlösung bringt, sonst müßte man sein Geheimnis ja in ein Erdloch
hineinschreien, damit es nicht die Brust zersprenge. Holzapfl ist es,
der liebe Kamerad von der Schulbank her. Ein nettes Bürschlein, das
Gesicht kugelrund, etwas gschaftelhuberisch von Gebaren, wichtig und
eilig.
Schwärmt natürlich gleich von der Messe, haben alle so ungemein
bedauert, daß sie den Franz nicht haben sehen können. Hätten gern
eine kleine Nachfeier veranstaltet, scheint aber schon ordentlich
stolz geworden zu sein, der Franz, jetzt, wo ihn die Sonne des Ruhmes
bescheint ..... die Freunde lassen ihn natürlich alle schön grüßen,
schöne Grüße unbekannterweise auch von Schwind, von Herrn von Schober,
von Mayrhofer, von dem er übrigens ein Gedicht bringt. Der Spaun
hat's ihm gegeben, Franz möcht's durchsehen, ob's ihm gefällt, Herrn
Mayrhofer tät's riesig freuen, wenn es von einem solchen Künstler
vertont würde. »Am Erlafsee« heißt es ....
Franz nimmt das Gedicht, legt es wortlos hin, packt Holzapfl unterm
Arm: »Komm, ich muß hinaus an die Luft!« und draußen sind sie alle
zwei, in irgendeiner Erdfurche zwischen den Feldern und Hügeln, in
einem Weinbergshohlweg verschwunden.
Wovon reden sie? Von dem großen Ereignis natürlich, von der Messe.
Franz erklärt und erklärt und beweist ihm haarscharf, daß das Beste des
Gelingens ihr zu verdanken sei, ihr allein!
»Wem, ihr?«
»Nun ihr -- der Therese. Die Stimm', Freund, daß einem 's Herz in
der Brust zergeht! Wie soll ich dir's denn sagen .... mein, ich kann
dir's ja nicht sagen! Ich schäm' mich ja -- aber es muß doch 'raus! Du
-- lach' mich aber nicht aus! -- Du -- hörst mich?!« Er rüttelt den
Holzapfl bei den Schultern.
»Ich lach' dich bestimmt nicht aus!« schaut ihm der Holzapfl gerade ins
Gesicht und tut sehr ernsthaft.
Drückt ihn der Franz auf eine Grasböschung nieder.
»Setz' dich nieder, daß du nicht umfallst. Aber du, wenn'st mich
auslachst, dann, dann ...«
Der Holzapfl ist platzgespannt im Gesicht vor Erwartung und Neugier.
Die klugen Äuglein bohren sich fest und fragend in Franz, als wollten
sie bis auf den Grund des Herzens sehen; aufpassen tut er wie ein
Haftelmacher, daß ihm kein Wort entginge.
Franz packt ihn jetzt und hält ihn fest. »Du -- dir sag' ich's jetzt
und niemand auf der Welt! Schwör', daß es unter uns bleibt, schwör'!
Also -- verschwiegen wie das Grab! So, jetzt will ich dir's sagen --
weißt du, wenn ich jetzt könnt' -- sie und kein andere!«
Holzapfl springt auf, reißt sich los, schamrot im Gesicht, dem Weinen
nahe.
»Franz, du -- abtrünnig! Ein Frauenzimmer -- das hätt' ich nie geglaubt
von dir!«
Sie gehen eine Weile stumm und erregt nebeneinander, Franz begossen wie
ein Pudel. Geschieht mir schon recht, denkt er, wozu hab' ich's nötig
gehabt .....
»Ein Frauenzimmer -- zehn Schritte vom Leib!« beginnt Holzapfl zu
fiebern. »Da bist du schon verloren -- hat Samtpfoten, stecken aber
Teufelskrallen drin, lassen dich nimmer aus -- bist ihnen verfallen mit
Leib und Seele. Kommt mir keine an den Leib, eher -- ich weiß nicht,
was ich eher tät'! Fürchtest du dich denn gar nicht, Franz? Tu's nicht,
ich bitte dich, tu's nicht! Wir sind deine Freunderln -- sind wir nicht
genug?! Du uns im Stich lassen, hast nicht genug an uns?! Ich wär' zu
stolz an deiner Stell'. Was ein rechter Kerl ist wie du, der soll nicht
einmal hinschauen auf sie. Verachten tu' ich's, das ganze Weibergelump!«
So redet der mannesstolze Jüngling in seiner Ekstase der Keuschheit.
Franz ist jetzt wirklich beschämt, er empfindet ähnlich, er hat auch
seinen herben Jünglingsstolz, aber verachten, verachten kann er sie
just nicht, die Holdinnen, und nun gar Therese! Er verteidigt sich
und seine Liebe, so gut er kann. Aber es klingt etwas hohl wie eine
geschwollene Phrase. »Glücklich, der einen wahren Freund findet!« sagt
er. »Glücklicher, der in seinem Weib eine wahre Freundin findet!«
Der andere ist immer mehr aufgebracht.
»Freundin, sagst du? Gibt es nicht! Puppenköpfe! Steht ihnen nur der
Sinn nach Bändern und Kram. Tändeln, spielen Fangball mit dir. Ist mit
ihnen das Unglück in die Welt gekommen. Hätte glücklich gelebt, der
Adam im Paradies, wär' nicht die Schlange dagewesen mit dem Apfel. Wer
ist die Schlange? Das Sinnbild des Weibes ist es, ihrer Arglist und
Falschheit. Ich beschwöre dich, Franz, bei unserer Freundschaft, bei
deiner Kunst, bei allem, was dir heilig ist, laß ab, laß ab -- oder du
bist hin!«
So kämpft der Knabenstolz gegen etwas, das er nicht kennt, das er
fürchtet wie eine dunkle Nacht -- er würde sich nicht so wehren
dagegen, wenn er ihr nicht schon halb und halb verfallen wäre -- im
Unbewußten wenigstens.
Sie ringen miteinander mit harten Worten. Franz ist erbost. Er will
keine Hofmeisterei, er hat nichts getan, weswegen ihn der andere jetzt
maßregeln dürfte. Die Freiheit muß er haben, er selbst muß er sein
können -- ob so oder so. Nun bäumt er sich zum erstenmal bewußt auf
gegen den Freund.
»Laß mich in Ruh'!« braust er auf. »Du, geh -- dein Weg ist dort; ich
gehe hier, meinen Weg! Servus!«
Und läßt den Verdutzten stehen. Jeder wandert allein fort in Dunkelheit.
Sein Holzpuppengesicht ist knallrot, als er mit den Freunden in der
Stadt zusammentrifft. »Ein Abtrünniger ist er!« schreit Holzapfl
den Genossen entgegen. »Seine Freunde hat er vergessen, verraten
hat er sie, verlassen -- einer Circe ist er ins Netz gegangen, der
Ehrvergessene!« und erzählt mit fliegendem Atem alles, was er von
Franz gehört, und noch viel mehr dazu, was ihm die erhitzte Phantasie
eingibt, die in der Ausmalung verbotener Genüsse schwelgt.
Der romantisch angehauchte Schwind ist dabei, der trägt selbst an
heimlichem Liebesleid und träumt von einem adligen Fräulein, dem er
in stummer, ritterlicher Minne huldigt. Der kann bös und gefährlich
werden, wenn ihm einer an dem Idealen rührt. Fährt auch sofort dem
sauertöpfigen Holzapfl übers Maul und hält eine Verteidigungsrede auf
Franz, obschon er ihn noch nicht kennt.
»Jetzt gefällt er mir erst recht, weil ich weiß, daß er die Frauen
ehrt! Grüßt ihn von mir und sagt ihm, daß ich ihn im Geiste schon heute
Bruder nenne! Geh', saures Holzapflgesicht!«
»Wie schaut sie denn aus, die Erkorene?« will der stutzerhafte Herr
von Schober wissen, der im Gegensatz zu Schwind eine etwas lockere
Weltansicht über die Amourschaften hat.
Holzapfl ist gereizt wegen Schwind und tut auf eigene Faust wissend.
»Eine Vogelscheuchen ist sie, schielt, hat zwei linke Füß', stoßt
mit der Zunge an, und ist dumm wie ein Stock -- aber sonst fehlt ihr
nichts!«
»Hast du sie gesehen?«
»Nein -- gesehen nicht -- aber gehört! War doch die, die am Chor
gesungen hat!«
Jetzt aber hat der essigsaure Holzapfl auch bei den anderen ausgespielt.
»Der Stimme nach muß sie schön sein wie eine Helena!« versicherte der
kennerhafte Herr von Schober, der sich in Schönheitsurteilen auf den
jungen Paris hinausspielt.
Ganz zuletzt läßt sich der ernsthafte Spaun vernehmen: wie dem auch
sei, es scheint doch etwas Bedenkliches daran zu sein, man müsse sich
doch umsehen, um den lieben Franz aus einer womöglich gefährlichen
Umschlingung zu befreien; es sei nicht gut für ihn, draußen in der
Vorstadt unter kleinen Leuten zu hausen, der Künstler müsse seine
innere Freiheit bewahren, man sollte ihm häufiger bei einem Glas Punsch
im engen Freundeskreis das Gemüt erheitern. Es wird beschlossen, daß
Spaun den Wildling aufsuchen und bewegen soll, öfters in der heiteren
Tafelrunde zu erscheinen.
Im flaschengrünen Schulmeisterfrack mit großen Knöpfen, hoher
Halsbinde, daß kaum das Kinn herausguckt, frisch gebügelter
Nankinghose, derben Halbschuhen mit Schnallen, Notenrollen unterm Arm,
so betritt der Schulgehilfe und Meisterkompositeur Franz Schubert den
Salon im Hause Grob. Eine Menge Leute sind da, junges Gfliederwerk
mit Kichern und Lachen, junge, geckige Herren, Fabrikantenssöhnerln,
Therese mitten unter ihnen, dann auch behäbige, gesetzte Leute vom
Schlag des Ehepaares Grob -- musikalischer Abend.
Des Vater Schulmeisters Hausquartett hat ebenfalls allmählich einen
größeren Kreis angezogen, es mußte außer Haus verlegt werden und
fand bald bei dem einen oder anderen Musikfreund oder Gönner des
jungen Schubert statt, eine Zeitlang in der Dorotheergasse, dann im
Gundlhof, zuletzt am Bauernmarkt bei Anton Pettenkofen, dem Vater des
berühmten Malers. Es waren schon förmliche Konzerte, die immer mehr
Zuhörer anzogen, besonders solche, die Schuberts eigene Kompositionen
hören wollten -- sie hätten sich, wenn es damals üblich gewesen wäre,
Schubertverein nennen können.
Der Abend bei Grob war eine neue Sache, der Anfang jener ungezählten
Schubertiaden in Wiener Bürgerhäusern, die so viel von sich reden
machten.
Franz, in dem neuen Kreis Menschen ziemlich befangen, machte linkische
Verbeugungen nach allen Seiten -- elegant sah er ja nicht aus, das
war nicht seine Sache -- aber die Herzen wendeten sich ihm sofort zu,
besonders die weiblichen; von der ersten Minute an war er Hahn im
Korb. Therese tat gar liebreich mit ihm, die Noten hatte er für sie
gebracht, Neuschöpfungen für ihre Stimme geschrieben, eine Huldigung
seitens des Genius, die mehr sagte als alle Worte, aber kaum, daß er
das musikalische Angebinde darzubieten sich getraute.
Er drückte ihr die Notenrollen in die Hand und bat, sie soll's
einstweilen beiseite legen, und später einmal vielleicht einen Blick
hineinwerfen, es ist keine so eilige Sache. Sie legte denn auch das
Geschriebene in unbegreiflicher Achtlosigkeit beiseite, wie er es
gewünscht, was ihm jetzt aber auch wieder nicht recht war.
Er machte sich gleich am Klavier zu schaffen, und es dauerte nicht
lange, so hatten sich die Musikfreunde herum gruppiert; das Brodeln und
Fiedeln konnte angehen.
Therese saß im Halbkreis gegen den dunklen Hintergrund des Zimmers
inmitten von jungen Männern, wohlig zurückgelehnt, träumerisch, daß es
scheinen mochte, als wäre sie von der Musik ganz berauscht. Franz, der
das Klavier bearbeitete, sah durch seine Brille ab und zu einmal hin,
wenn eine kleine Pause für ihn kam. Aber was war das! Täuschten seine
Gläser ein Trugbild vor? Sah er Phantome?
Er mußte noch einmal schärfer hinsehen. Beinahe hätte er den Einsatz
verpaßt und das ganze Orchester umgeschmissen. Richtig, das war kein
Blendwerk! Sie saß dort im Kreise der jungen Männer und einer dieser
Pomadenhengste hatte verstohlen den Arm um ihre Mitte geschlungen, und
sie, sie ließ es ruhig geschehen .... ja noch mehr, sie lehnte sich an
seine Schulter, während sie sich unbeobachtet wähnte, und verdrehte
wollüstig die Augen, daß er selbst beschämt und betroffen seinen Blick
senken mußte.
Das war also keine Täuschung; eine heimliche Liebesszene spielte sich
dort im Halbdämmer des Zimmers ab. Sie, die Heilige seines Herzens, in
den Armen eines anderen! Er schlug sein Fortissimo ins Klavier hinein,
daß die Saiten hätten springen mögen, stärker schrien sie nicht auf als
die zersprungenen Saiten seines Herzens. Ja -- was war er denn jetzt
noch, den die Weibsleute liebten und hätschelten?! Ein bloßer Wurstel
-- es war zum Weinen -- Holzapfl, du hast recht gehabt!
Es war ihm wohl dabei wie einem, der Zahnweh hat und schmerzstillende
Mittel versucht. Augenblicklich wirkte es ja als angenehme Betäubung,
er fühlte zwar das Toben inwendig, freute sich aber seiner
augenblicklichen Empfindungslosigkeit, war sogar guter Dinge den ganzen
Abend lang -- aber nachher, nachher kam's um so schlimmer.
»Die Liebe hat gelogen --« Er wühlt sein eigenes Wehgefühl in Platens
Gedicht und spinnt die Melodie heraus, die seinem verwundeten Herzen
recht war. Drum ist soviel Leben daran, weil alles, was er schafft, mit
seinem Leben zu tun hat und aus diesen Wurzeln sprießt.
Mit einem Male war's ihm zu eng daheim. Die Schule, das Vaterhaus,
alles dünkte ihn freudlos und unersprießlich. Seine Sehnsucht irrte
wieder ins Uferlose, er kleidete sie in Lieder und sang wie ein Vogel
in der Gefangenschaft. Das Glück, wo blieb das Glück?! Das lag draußen
irgendwo, fern, im Unbestimmten. Ein Schluck Freiheit, das wäre auch
zugleich ein Schluck Glück!
In Laibach ist die Stelle eines Musiklehrers in einer öffentlichen
Musikschule zu besetzen; Bewerber werden gesucht, so meldete die
amtliche Wiener Zeitung. Dem guten Franz scheint es wie die Grußhand
der Ferne, die ihm winkt. Ist das die Freiheit? Einerlei, es ist
einmal etwas anderes, eine Abwechslung in dem ertötenden Gleichmaß.
Was ist denn Freiheit? Das Recht, sich von einer Abhängigkeit in die
andere begeben zu dürfen. Gut also, von diesem Recht, das mindeste, was
der gefesselte Mensch hat, will er Gebrauch machen. Er will sein Glück
in der weiten Welt versuchen und bewirbt sich. Braucht der Herr Vater
derweil nicht wissen.
Der gute Vater Schulmeister hatte aber schon seinen eigenen Plan
gehabt. Der ist klug und vorsorgend und sieht ein, daß der Franz
höher muß. Auf eigene Faust wirbt er für den Sohn um die erledigte
Lehrerstelle an der Schottenschule. Der Schottenprälat ist sein Gönner,
etwas Protektion braucht man immer, und wer es verdient, warum sollte
der nicht Protektion haben? Doch er am meisten!
Aber so geht's in der Welt, wer's verdient, bekommt's erst recht
nicht, denn gewöhnlich haben die, die's nicht verdienen, die bessere
Protektion, und das entscheidet. Kurz, das Gesuch des Vaters
Schulmeister für seinen Sohn wird abschlägig beschieden. Franzl, du
hast frühes Pech!
Der Franzl ist fast froh darüber, denn er möchte weit, weit weg. Freut
sich heimlich auf den Weizen, der ihm in Laibach blühen soll. Um den
Schnitt zu machen, bedarf es wohl einer ausgiebigen Empfehlung, und der
Mächtigste, der dort die Entscheidung zu bestimmen vermag, wäre der
Herr Hofkapellmeister Antonio Salieri.
Die Umstände sind glücklich gefügt; die F-Dur-Messe wird in der
Augustinerkirche wiederholt. Wie früher Herr Michael Holzer, ist jetzt
Antonio Salieri stolz auf diesen Schüler und nimmt den Löwenanteil
seines Erfolges auf sich. Er umarmt Schubert nach der Aufführung:
»Franz, du bist mein Schüler, der mir noch viele Ehre machen wird!«
Eine Empfehlung Salieris würde in Laibach die erwünschte Wirkung tun;
jetzt kann er sie verlangen. Gesagt, getan! Salieri schreibt: »+Io
qui Sottoscritto affermo+ ....« Klingt zwar ziemlich kühl, das
Empfehlungsschreiben, aber Salieri braucht nur mit dem kleinen Finger
zu winken, man versteht schon .... genügt also!
Diesmal nach der Aufführung in der Augustinerkirche ist Franz den
Freunden nicht entschlüpft, es hat ja auch keine Therese am Chor
gesungen.
Franz hat ein Notenblatt in der Tasche, das ist für Mayrhofer bestimmt,
die musikalische Begleitung für das Gedicht »Am Erlafsee«. Von
Spaun an der Hand geführt, betritt er mit dem Freund ein niedriges,
langgestrecktes Zimmer in der Wipplingerstraße, das sich halbdunkel wie
ein Schlauch hinzieht und in einer kreisrunden Erweiterung endet, die
durch viele Fenster einströmendes Licht empfängt.
Stimmungsvoll ist es in dem Raum, dessen weiße Decke vom Tabaksqualm
gebräunt ist wie eine gut angerauchte Meerschaumpfeife. Blumen stehen
am Fenster, ein Kanarienvogel singt, Tabakspfeifen stehen am Ständer
in Reih' und Glied, Bücherschränke an den Wänden, in der Mitte des
erweiterten Raumes ein kreisrunder Tisch, gepolsterte Lehnstühle herum,
denen allerdings hie und da die Roßhaarfüllung aus dem abgenützten
Leder hervorguckt, im ganzen aber hat die Behausung den freundlichen
behäbigen Anstrich wie die Wohn- und Studierstube eines alten
Pfarrhauses.
Mayrhofer, der im Schlafrock, die Pfeife im Mund, bei einem
aufgeschlagenen Buch sitzt, begrüßt die Ankömmlinge in seiner etwas
bäurisch priesterlichen Art, die ihm noch vom geistlichen Stift her
geblieben ist, handfest und herzlich ungeniert, aber mit einem Rest von
überlegener Würde; sieht auch so seelsorgerisch aus, zugeknöpft bis
oben, als ob er im Talar dastände.
Ein altes Spinett in der Ecke wird aufgeschlagen, die liebliche Musik,
die Franz zu dem Gedicht geschrieben hat, erklingt. Mayrhofer verliert
fast seine sonst zur Schau getragene gemessene Beherrschung, so
entzückt ist er, und macht in gutmütig scheltender Weise dem stillen
Spaun den Vorwurf, daß er ihm Schuberts Schöpfungen nicht hoch genug
gerühmt habe. Franz selber sagt nicht viel, er schaut sich nur den
Mayrhofer an, der wiederum schaut ihn an, und beide sind von diesem
Augenblick an in dicker Freundschaft verbunden gewesen. Hat nicht
vieler Worte bedurft.
Fast so geht's mit Schwind und mit Schober, als der ganze Kreis abends
mit Schubert beim Wein sitzt. Sie haben ihn alle geliebt, die Freunde,
vom ersten Augenblick an. Das ist ein Trost, der für manches Leid
entschädigt. Ja, das ist mehr, das ist ein Glück, es ist eine Kraft!
Franz hat das beruhigende Gefühl: in diesem Zirkel bist du beschützt,
hier kann dich kein Übel anwehen, die feindliche Macht wird an diesem
Bollwerk zuschanden werden!
Da war's dem Franz auf einmal hell und weit in der Brust. Und er
erkannte: hier ist deine Heimat, wo deine Getreuen sind. Sie saßen mit
freudigen Gesichtern um ihn herum und feierten seinen jungen Genius.
Durch den goldgelben Wein, mit dem sie ihm zutranken, blickten sie
ihn an; stand keiner so hoch wie er und waren ihm doch alle gleich,
wenigstens durch das Genie der Freundschaft.
Und wie verstanden sie es, dieses Genie der Freundschaft zu betätigen!
Sammelten sorgfältig alles Geschriebene von ihm, dessen sie habhaft
werden konnten, und trugen die Freude darüber in alle Welt, als
Verkünder des jetzigen Meisterleins. Aber der treueste Johannes war
der sanfte Spaun. Hat einen blühenden Strauß von Melodien, die Franz
um Goethes Lieder gewoben, an Seine Exzellenz nach Weimar geschickt
mit einem längeren, devoten Schreiben dazu. Der Künstler wünsche diese
Sammlung Seiner Exzellenz in Untertänigkeit weihen zu dürfen .... Ich,
einer seiner Freunde, wage es, Euer Exzellenz in seinem Namen darum zu
bitten; für eine dieser Gnade würdige Ausgabe würde gesorgt werden usw.
usw.
Die Anerkennung Goethes, die Annahme der Widmung soll den
Schöpfungen den Weg in die Öffentlichkeit erleichtern und ihnen den
buchhändlerischen Erfolg sichern -- aber Goethe gibt keine Antwort. So
schwer hat es der werdende Genius bei den Zeitgenossen, den großen und
den kleinen! Zeitgenosse, das Wort wird bald einen bösen Klang haben!
»Macht nichts,« tröstet Spaun, »muß auch so gehen. Und wenn du sie
eingräbst, deine Werke, so werden sie von selber herauswachsen, so
stark ist die Kraft darin. Lauheit, Teilnahmslosigkeit, ja, selbst
Widersacherei werden am Schluß Spott und Schande haben!«
»Liegt nichts dran,« nickt Franz, »muß auch so gehen.«