Im Schulmeisterhaus am Himmelpfortgrund war wieder fröhliches Leben.
Die Schatten der Trauer waren vertilgt, ein hübsches junges Weib nahm
die Stelle der Mutter ein, arbeitete von früh bis abends mit heiterem
Sinn und sorgte mit gleicher Liebe für alle, als ob die Verstorbene in
diesem Frauenwesen wieder auferstanden wäre.
Vater Schulmeister vermochte nicht lange ohne Gesponsin zu bleiben;
kaum ein Jahr nach dem Tode seiner vielgeliebten ersten Ehefrau hatte
er die Gumpendorfer Fabrikantenstochter, die »wertgeschätzte Jungfrau
Anna Kleienböck«, gefreit; hat's nicht zu bereuen gehabt, und haben
alle Kinder, besonders aber der Franzl, eine mütterliche Helferin an
ihr gefunden. Den Franzl hatte sie namentlich in ihr Herz geschlossen.
Aber der Vater, der macht Augen, als der Bub wieder heimkommt. Hat
jetzt noch so einen Fresser am Brotsack hängen. War vom richtigen
Bauernschlag, der Vater Schulmeister, ein dicker, harter Schädel, saß
ihm der feste Sinn in dem entwickelten Kinn, war einer, der nicht gerne
nachgab und den Kreuzer zehnmal umdrehte, ehe er ihn auslegte. Ein
rechtschaffener Mann, der für die Jungen sorgte bis zum Flüggewerden,
aber dann sollten sie selber schauen, wie sie zu ihrem Futter kämen.
Sparsamkeit bis zu Knickerei und Geiz, das war Bauerntugend. Und
die saß fest bei ihm. Wie wär' man denn zu eigenem Grund und Boden
gekommen, zu einem selbst erwirtschafteten Häusel, wo die Wirtschaft
am Schnürchen ging, bei dem dürftigen Schulkreuzer, wenn man nicht
Groschen auf Groschen gelegt hätte?!
Es war an einem schönen Sonntagmorgen, als Franz heimkam. Der Vater saß
allein in der unteren Stube und frühstückte. Als er des heimkehrenden
Sohnes ansichtig wurde, schob er rasch den schön gebräunten, innen
aber dottergelben, flaumigen Gugelhupf unter den Tisch, wo ein Brett
als offenes Fach eingelassen war. Dann schlürfte er seinen Kaffee leer
weiter, als ob er nichts dazu zu beißen hätte.
Das Gespräch war ziemlich karg; einsilbige Fragen, einsilbige
Antworten. Bis der Vater die verfängliche Frage stellte, ob Franz
nun gedenke, den anderen Familienmitgliedern den mageren Bissen
wegzuschnappen? Worauf der Sohn flink mit der Antwort bereit war:
»Meinetwegen, Herr Vater, hätten Sie den Gugelhupf nicht verstecken
müssen, ich mag ohnedies keinen.« Worauf Vater Schulmeister den
Gugelhupf wieder hervorholte, aus dem Schrank eine Kaffeetasse nahm,
dem Franz das Restchen aus den Kannen eingoß und ihm obendrein ein
gewaltiges Stück von dem verheimlichten Gugelhupf vorsetzte.
Franz ließ sich's wohl schmecken. Er wußte, der Herr Vater hatte nun
einmal solche Eigenheiten, über die das gute Herz doch immer wieder
siegte; und dieses gute Herz hatte sich eben seiner bäuerischen
Filzigkeit geschämt, bei der es sich ertappen ließ, und wollte den
schlechten Eindruck durch um so größere Freigebigkeit verbessern.
An diesem Tag war kein mahnendes Wort mehr gefallen. Am Nachmittag
dirigierte Franz das Streichquartett, das sich im musikliebenden
Schulmeisterhaus sofort gebildet hatte. Die Brüder Ignaz und Ferdinand
kratzten auf der Geige, der Vater schabte das Violoncello und Franz
spielte die Viola. Die beiden Violinen knarrten und quietschten
vor Lust und Freude, sie taten aber so laut und ungeniert, als ob
sie allein auf der Welt wären. Das Violoncello wollte sich die
Ungebundenheit der vorlauten Violinen nicht über den väterlichen Kopf
wachsen lassen. Es strengt seine wohlig dunkle Stimme aus Leibeskräften
an und plagt sich hinter den beiden Wildfangen mit redlichem Schweiß
einher, was nicht immer ohne Unfall vonstatten ging; nur die Viola
flötet süß und geleitet die drei stolpernden Kumpanen mit gelinder
Festigkeit auf unwegsame Höhen, wo man im himmelhohen Jauchzen hätte
die Welt umarmen mögen. Aber das gute dicke Violoncello mußte sich
des öfteren schnaufend die Seiten halten und konnte das Springen und
Jauchzen nicht so flink mitmachen; bleibt öfters im Notengestrüpp
hängen, sucht sich zuweilen ebenere Wege und markiert nur so den
hüpfenden und schwebenden Gang der Melodie.
Lächelt der Sohn, klopft mit dem Fiedelbogen ab und sagt schüchtern:
»Herr Vater, da muß etwas gefehlt sein ...!« Also werden die
schwierigen Passagen noch einmal genommen und immer noch einmal, bis es
der Viola und den beiden Fiedeln gelingt, das schwerfällige Cello mit
Ach und Krach, aber immerhin mit heiler Haut über Stock und Stein zu
bringen.
Ist hinterdrein quietschvergnügt über die eigene vermeintliche Leistung
und Fortschritte, schmunzelt vor Behagen und Selbstachtung und läßt
sich zur Anerkennung herbei: »Das muß man sagen, können tut er was, der
Franz, das haut ihm keiner 'runter!«
Und die Brüder sehen voll Bewunderung auf den Franz hin, die Mutter ist
gerührt, daß ihr die Tränen in den Augen stehen, und streichelt ihm
scheu und zärtlich über den krausen Schädel, glückselig und erstaunt,
so plötzlich diese stattlichen jungen Kerle zu Söhnen zu haben und
besonders einen solchen Meister darunter, der ganz beschämt dasitzt und
alle Lobeserhebungen bescheidentlich ablehnt. Beinahe hätte sie mit
ihren warmen, molligen Armen den Lockenkopf abgefangen und ihn nach
Herzenslust abgebusselt, aber sie getraute sich nicht des Vaters wegen,
der könnt's vielleicht übel auslegen.
Ist übrigens sehr selten, daß der Herr Vater soviel Lob spendet. Hat
man kaum je aus seinem Munde gehört. Ist schon genug, wenn er nichts
sagt, als ein Zeichen, daß er zufrieden ist. Wenn ihm was nicht
gefällt, dem Herrn Vater, ist er gleich mit dem Tadel bei der Hand,
dann spart er's nicht, räsoniert, greint, wettert, daß einem angst und
bang wird. Man ist also nicht verwöhnt. Aber daß ihm auch einmal der
Mund des Lobes voll überfließen könnte, daran kann man sich eigentlich
kaum je entsinnen.
Aber das Schönste kommt erst. Der Vater nimmt die Mutter zur Seite, hat
eine kleine, heimliche Unterredung mit ihr, man sieht, daß ihr Gesicht
in heller Freude aufleuchtet, und draußen ist sie. Vergnügt und ganz
erfrischt kehrt der Vater zu den Notenpulten zurück, er ist heute noch
tatendurstig. Es ist noch eine Stunde zum Nachtmahl, die will der Vater
nicht verlieren. Also wird noch einmal Musik gemacht, bis es finster
ist.
Jetzt erscheint wieder die Frau Mutter, ganz erhitzt und fröhlich
aufgeregt -- mein Gott, das Herdfeuer und die muntere Hast! Der Tisch
ist fein säuberlich gedeckt. »Kommt's essen!« ruft der Vater und setzt
sich als der Erste in den bequemen Lehnstuhl am oberen Ende.
Die Buben -- sind eigentlich schon erwachsene junge Männer, bleiben
aber für den Herrn Vater immer noch die Buben -- lassen sich das
natürlich nicht zweimal sagen und sitzen schon im nächsten Augenblick
um den Tisch herum, der heute sogar mit einem weißen Tuch gedeckt ist.