II.

Im Schulmeisterhaus am Himmelpfortgrund war wieder fröhliches Leben.

Die Schatten der Trauer waren vertilgt, ein hübsches junges Weib nahm

die Stelle der Mutter ein, arbeitete von früh bis abends mit heiterem

Sinn und sorgte mit gleicher Liebe für alle, als ob die Verstorbene in

diesem Frauenwesen wieder auferstanden wäre.

Vater Schulmeister vermochte nicht lange ohne Gesponsin zu bleiben;

kaum ein Jahr nach dem Tode seiner vielgeliebten ersten Ehefrau hatte

er die Gumpendorfer Fabrikantenstochter, die »wertgeschätzte Jungfrau

Anna Kleienböck«, gefreit; hat's nicht zu bereuen gehabt, und haben

alle Kinder, besonders aber der Franzl, eine mütterliche Helferin an

ihr gefunden. Den Franzl hatte sie namentlich in ihr Herz geschlossen.

Aber der Vater, der macht Augen, als der Bub wieder heimkommt. Hat

jetzt noch so einen Fresser am Brotsack hängen. War vom richtigen

Bauernschlag, der Vater Schulmeister, ein dicker, harter Schädel, saß

ihm der feste Sinn in dem entwickelten Kinn, war einer, der nicht gerne

nachgab und den Kreuzer zehnmal umdrehte, ehe er ihn auslegte. Ein

rechtschaffener Mann, der für die Jungen sorgte bis zum Flüggewerden,

aber dann sollten sie selber schauen, wie sie zu ihrem Futter kämen.

Sparsamkeit bis zu Knickerei und Geiz, das war Bauerntugend. Und

die saß fest bei ihm. Wie wär' man denn zu eigenem Grund und Boden

gekommen, zu einem selbst erwirtschafteten Häusel, wo die Wirtschaft

am Schnürchen ging, bei dem dürftigen Schulkreuzer, wenn man nicht

Groschen auf Groschen gelegt hätte?!

Es war an einem schönen Sonntagmorgen, als Franz heimkam. Der Vater saß

allein in der unteren Stube und frühstückte. Als er des heimkehrenden

Sohnes ansichtig wurde, schob er rasch den schön gebräunten, innen

aber dottergelben, flaumigen Gugelhupf unter den Tisch, wo ein Brett

als offenes Fach eingelassen war. Dann schlürfte er seinen Kaffee leer

weiter, als ob er nichts dazu zu beißen hätte.

Das Gespräch war ziemlich karg; einsilbige Fragen, einsilbige

Antworten. Bis der Vater die verfängliche Frage stellte, ob Franz

nun gedenke, den anderen Familienmitgliedern den mageren Bissen

wegzuschnappen? Worauf der Sohn flink mit der Antwort bereit war:

»Meinetwegen, Herr Vater, hätten Sie den Gugelhupf nicht verstecken

müssen, ich mag ohnedies keinen.« Worauf Vater Schulmeister den

Gugelhupf wieder hervorholte, aus dem Schrank eine Kaffeetasse nahm,

dem Franz das Restchen aus den Kannen eingoß und ihm obendrein ein

gewaltiges Stück von dem verheimlichten Gugelhupf vorsetzte.

Franz ließ sich's wohl schmecken. Er wußte, der Herr Vater hatte nun

einmal solche Eigenheiten, über die das gute Herz doch immer wieder

siegte; und dieses gute Herz hatte sich eben seiner bäuerischen

Filzigkeit geschämt, bei der es sich ertappen ließ, und wollte den

schlechten Eindruck durch um so größere Freigebigkeit verbessern.

An diesem Tag war kein mahnendes Wort mehr gefallen. Am Nachmittag

dirigierte Franz das Streichquartett, das sich im musikliebenden

Schulmeisterhaus sofort gebildet hatte. Die Brüder Ignaz und Ferdinand

kratzten auf der Geige, der Vater schabte das Violoncello und Franz

spielte die Viola. Die beiden Violinen knarrten und quietschten

vor Lust und Freude, sie taten aber so laut und ungeniert, als ob

sie allein auf der Welt wären. Das Violoncello wollte sich die

Ungebundenheit der vorlauten Violinen nicht über den väterlichen Kopf

wachsen lassen. Es strengt seine wohlig dunkle Stimme aus Leibeskräften

an und plagt sich hinter den beiden Wildfangen mit redlichem Schweiß

einher, was nicht immer ohne Unfall vonstatten ging; nur die Viola

flötet süß und geleitet die drei stolpernden Kumpanen mit gelinder

Festigkeit auf unwegsame Höhen, wo man im himmelhohen Jauchzen hätte

die Welt umarmen mögen. Aber das gute dicke Violoncello mußte sich

des öfteren schnaufend die Seiten halten und konnte das Springen und

Jauchzen nicht so flink mitmachen; bleibt öfters im Notengestrüpp

hängen, sucht sich zuweilen ebenere Wege und markiert nur so den

hüpfenden und schwebenden Gang der Melodie.

Lächelt der Sohn, klopft mit dem Fiedelbogen ab und sagt schüchtern:

»Herr Vater, da muß etwas gefehlt sein ...!« Also werden die

schwierigen Passagen noch einmal genommen und immer noch einmal, bis es

der Viola und den beiden Fiedeln gelingt, das schwerfällige Cello mit

Ach und Krach, aber immerhin mit heiler Haut über Stock und Stein zu

bringen.

Ist hinterdrein quietschvergnügt über die eigene vermeintliche Leistung

und Fortschritte, schmunzelt vor Behagen und Selbstachtung und läßt

sich zur Anerkennung herbei: »Das muß man sagen, können tut er was, der

Franz, das haut ihm keiner 'runter!«

Und die Brüder sehen voll Bewunderung auf den Franz hin, die Mutter ist

gerührt, daß ihr die Tränen in den Augen stehen, und streichelt ihm

scheu und zärtlich über den krausen Schädel, glückselig und erstaunt,

so plötzlich diese stattlichen jungen Kerle zu Söhnen zu haben und

besonders einen solchen Meister darunter, der ganz beschämt dasitzt und

alle Lobeserhebungen bescheidentlich ablehnt. Beinahe hätte sie mit

ihren warmen, molligen Armen den Lockenkopf abgefangen und ihn nach

Herzenslust abgebusselt, aber sie getraute sich nicht des Vaters wegen,

der könnt's vielleicht übel auslegen.

Ist übrigens sehr selten, daß der Herr Vater soviel Lob spendet. Hat

man kaum je aus seinem Munde gehört. Ist schon genug, wenn er nichts

sagt, als ein Zeichen, daß er zufrieden ist. Wenn ihm was nicht

gefällt, dem Herrn Vater, ist er gleich mit dem Tadel bei der Hand,

dann spart er's nicht, räsoniert, greint, wettert, daß einem angst und

bang wird. Man ist also nicht verwöhnt. Aber daß ihm auch einmal der

Mund des Lobes voll überfließen könnte, daran kann man sich eigentlich

kaum je entsinnen.

Aber das Schönste kommt erst. Der Vater nimmt die Mutter zur Seite, hat

eine kleine, heimliche Unterredung mit ihr, man sieht, daß ihr Gesicht

in heller Freude aufleuchtet, und draußen ist sie. Vergnügt und ganz

erfrischt kehrt der Vater zu den Notenpulten zurück, er ist heute noch

tatendurstig. Es ist noch eine Stunde zum Nachtmahl, die will der Vater

nicht verlieren. Also wird noch einmal Musik gemacht, bis es finster

ist.

Jetzt erscheint wieder die Frau Mutter, ganz erhitzt und fröhlich

aufgeregt -- mein Gott, das Herdfeuer und die muntere Hast! Der Tisch

ist fein säuberlich gedeckt. »Kommt's essen!« ruft der Vater und setzt

sich als der Erste in den bequemen Lehnstuhl am oberen Ende.

Die Buben -- sind eigentlich schon erwachsene junge Männer, bleiben

aber für den Herrn Vater immer noch die Buben -- lassen sich das

natürlich nicht zweimal sagen und sitzen schon im nächsten Augenblick

um den Tisch herum, der heute sogar mit einem weißen Tuch gedeckt ist.

Franz Schuberts Lebenslied · 第 7 / 42 题