I.

Die jungen Bengel sangen im Kirchenchor.

Man konnte nur ihre Köpfe sehen, über der hohen Brüstung der Empore,

dicke, kleine, runde Schädel, einer dicht neben dem anderen,

braungelockt, schwarzgelockt, blondgelockt, rotwangig, pausbackig,

aufgesperrte rote Mäuler, aus vollem Halse singend, jubelnd,

schmetternd. Wie die himmlischen Heerscharen. Sängerknaben. So hat

Luca della Robbia seine Singerlein geformt aus Lehm, in halb erhabener

Arbeit, weißblau glasiert. -- Nein! So haben die frommen Bildschnitzer

das Gotteshaus geschmückt, mit fleischfarbigen, pausbackigen,

lockigen Engelsköpfen, die auf goldenen Flügeln über den Gesimsen und

Pfeilern auftauchen, die roten Mündchen zum Singen aufgesperrt, oder

das Fäustchen im behaglichen Hinlümmeln in das verschmierte Antlitz

gestemmt, kleine, himmlische Flegel, in der Höhe ganz so anzusehen wie

die plärrenden Sängerbuben auf der Empore, die aber nicht von Lehm und

nicht von Holz sind, sondern richtig von Fleisch und Blut.

Die Orgel plaudert gemütlich mit, brummbärig, drohend, polternd,

dann wieder begütigend, zuredend, ermahnend; der Blasebalg ächzt und

stöhnt asthmatisch, der Organist arbeitet mit Händen und Füßen,

zieht alle Register auf, und jetzt legt die Stimme mit Donnergewalt

los aus hundert Pfeifen, daß die Grundfesten erzittern, wie wenn der

Herr im Zorn spricht und Schweigen gebietet. Aber stärker noch als

dieses Donnern war der helle Sopran der Knabenstimmen, der durchdringt

und in die Höhe schmettert, wie Lerchenjubel, höher und höher in

die Himmelsbläue des Weltdomes, bis zum hohen C hinauf, klar und

rein, daß selbst die Orgel schmunzelnd aufhorcht und gutmütig leise

brummt, indessen von den unendlichen Höhen ein eherner Hagel von Tönen

niederprasselt, als wollte sich dort oben eine Brust zersingen.

Eine Stimme war es, nur eine, die diesen himmelblauen Lerchenstieg

vermochte.

».... Den hat's der liebe Gott gelehrt!« schmunzelte vergnügt Ruczizka,

der Dirigent und Lehrer im Konvikt der Sängerknaben. »Verflixter Bub,

dieser Schubert Franzl!«

Der Schubert Franzl, das war der, der bis zum hohen C hinaufklettern

konnte. Daran war er zunächst zu erkennen.

»Den kann ich nichts lehren, der hat's vom lieben Gott gelernt!« hatte

Ruczizka schon einmal früher gesagt.

Das war damals, als der Herr Hofkapellmeister Salieri den Buben dabei

erwischte, als er Noten hinkritzelte, wie sie ihm gerade in den Sinn

kamen. Er war in dem kahlen Musikzimmer des Konvikts so in sein Sinnen

und Kritzeln vertieft, daß er nicht merkte, wie der gewaltige Maestro

hereinhuschte. Der war lautlos wie eine Katze, ein hurtiges, graues

Männchen, das seine spitze Nase und seine flinken Äuglein überall

hatte, wo es etwas zu erschleichen gab.

Schwupp! flog das Blatt in die Höhe und schwebte in den Händen des

alten Meisters. Da war jetzt nichts zu machen.

»Sapristi! Wo hat Er das her? Selber gemacht?! Er, Er, Er -- alles aus

diesem dummen, kleinen, dicken Bauernschädel? Malefizbub!«

Schamrot stand der Kleine da vor dem fuchtelnden Italiener.

»Hat Er noch andere Sachen? Wo, wo hat Er? Subito!«

»Verbrennt!« stieß der eingeschüchterte kleine Kerl halb trotzig, halb

zaghaft hervor.

Darüber fing der Maestro zu strampeln an wie ein Polichinell.

»Verbrennt,« pfauchte er, »Er, Er, Er -- dummer Esel!«

Und warf wütend die Bücheln und Hefte auf dem Tisch durcheinander,

unter denen beschriebene Notenblätter zum Vorschein kamen, die er

hastig an sich riß.

»Ecco!« kreischte er auf. Und schon schmiß er die Blätter wütend wieder

hin, krebsrot im Gesicht.

»Per bacco!« Sein Mund verzog sich, als wollte er ausspucken vor Ekel,

er ballte die Fäuste und hielt sie bebend dem kleinen Franzl dicht

unter die Nase, daß dem ganz himmelangst wurde.

»Was hat Er da gemacht?! Wer hat Ihm erlaubt ...?! Er -- Malefiz --

Malefiz --!«

Zur Entschuldigung wollte das Singerlein sagen, daß es der Übung wegen

diese kleine Paraphrase auf eine Sonate Mozarts gemacht hat, aber kaum

war der Name des Unsterblichen seinem Munde entschlüpft, da hätte er

das Wort gerne wieder zurückgezogen, so fürchterlich war die Wirkung

auf den giftigen Maestro.

Das Blatt schmiß er zur Erde, trampelte darauf herum, schrie und

schimpfte auf Italienisch.

Der Kleine ahnte nicht, wie es in der Welt zuging. Er wußte nicht, daß

Salieri alles haßte, was mit Mozart irgendwie zusammenhing; er wußte

nicht, daß er als Opernkomponist und Hauptvertreter der italienischen

Richtung ein geschworener Feind der deutschen Musik war und vermeinte,

sie in Mozart aufs Haupt schlagen zu können; er wußte nicht, daß

die Sage umging, Salieri hätte den Schöpfer des Don Juan vergiftet;

er konnte darum auch nicht wissen, daß die Legende einen wahren

Kern hatte, denn vergiftet hatte Salieri als rücksichtsloser Gegner

alle geistigen Brunnen, alle Seelen, alle Meinungen, er und seine

Partei, die dem Genius Kränkung auf Kränkung bereitete und seinen Tod

beschleunigen half.

Nichts ahnte der Knabe, daß die Welt dem Auserwählten eine

Märtyrerkrone bescherte. Er fühlte nur den schäumenden, perlenden

Zaubertrank der Mozartschen Musik in seiner Seele und sah im Geiste

den Genius als jungen Gott, vor dem sich die Menschheit in Ehrfurcht

verneigt. So war es wohl gewesen auf Mozarts Reise nach Prag, aber

nicht in Wien, wo er ein Verkaufter, Verratener, Verlassener, früh

dahingerafft, ins Massengrab der Namenlosen sank. Das haben die Gegner

getan. Und der Volksmund dichtete die Legende, Salieri habe ihn

vergiftet .....

Und nun fügte es das Schicksal, daß derselbe Geist der Verneinung

und der Selbstsucht ein junges Genie ans Licht zog, das sein Talent

an jenem großen Licht entzündete, das er so beharrlich zu verdunkeln

bemüht war.

»Ruczizka, Ruczizka!« gellte das giftige Männlein in die hallenden

Gänge hinaus und schärfte dem dienstfertig Herbeigeeilten ein, indem

er auf den wie ein armer Sünder dastehenden Franzl hinzeigte: »Fest in

Corda nehmen! Kontrapunkt! Capisce?! Kontrapunkt?!«

Mit glühenden Äuglein, heiserer Stimme und geballten Fäusten gab er

diese Weisung und verschwand.

War es Lohn oder Strafe? Das wußte der brave Franzl vorderhand

selber nicht genau, man ist nicht wehleidig, als Zögling ist man es

ja gewohnt, die Wohltaten wie eine Strafe zu empfangen, während die

Strafen von den Erziehern mit einem Behagen verabreicht wurden, als

wären sie Wohltaten.

Jetzt wußte der wackere Böhme Ruczizka, daß er ein Genie unter seinen

Händen hatte. War ihm früher gar nicht aufgefallen, obzwar der Junge

seit drei, vier Jahren schon unter seiner Aufsicht stand -- wieso denn

auch? Ist nicht seine Sache. Als Drillmeister tut man seine Pflicht,

daß bei den Messen in der Hofkapelle die Soli und Chorpartien richtig

und geschmackvoll ausgeführt werden und der Herr Hofkapellmeister

zufrieden ist. Teufel auch, man tut eben seine Pflicht! Man hat sich

doch um sonst nichts zu kümmern! Man kann doch nicht in jeden Bengel

hineinsehen! Ist doch einer so ein Schmierfink wie der andere! Man hat

sich nie weiter gekümmert und ist doch so immer am besten gefahren. Als

braver Böhm' und Prügelprofoß.

Also, Pflicht ist Pflicht -- man hat seine vorgeschriebenen Stunden

-- wer mehr tut, ist ein Schuft. Und jetzt Kontrapunkt! Sakramentski,

ceski heski Kupferstück! Da könnt' man doch gleich Junge kriegen --

eine stehende Redensart Ruczizkas. Also gut, Kontrapunkt! Na wart',

Schlingel, wirst dran fressen müssen! Ceski heski -- -- -- --

Aber siehe da, alles geht überraschend leicht und schnell, und es kommt

alsbald der Punkt, wo Ruczizka sich lächelnd eingesteht: Den kann ich

nichts lehren, der hat's usw. ....

So ähnlich hatte ein anderer vor ihm gesagt. Das war Schuberts Bruder

Ignaz, der auf Vaters Geheiß dem Franz den ersten Musikunterricht

gab. Es hatte aber nicht lange gedauert, da meinte Franz, es ginge

ohne Lehrer besser. So war es auch, denn Ignaz hatte gegeben, was

er zu geben hatte, und mußte seinen brüderlichen Schüler als einen

»übertreffenden und nicht mehr einzuholenden Meister« anerkennen. Als

Knabe meisterte er schon die Violine, die Viola und die Orgel und

machte sogar als Tonsetzer einige Gehversuche.

»Faules Zeug,« brummte Vater Schulmeister; »das sind so Flausen, die

sich der Junge in den Kopf setzt, und die ihm beizeiten ausgetrieben

werden müssen. Soll das eine oder andere Instrument spielen lernen,

soweit man's als Schulgehilfe braucht, um auch Sonntags in der Kirche

mitzuhelfen, nichts weiter! Soll aus dir ein Taugenichts werden, ein

Hungerleider, ein Tagedieb -- ein herumstrolchender Musikant?! Da soll

ich dir doch gleich eins mit dem spanischen Rohr --! Was mein Sohn ist,

muß ein ehrlicher Mensch sein; der wird ein Schulmeister, wie sein

Vater einer ist und wie seine Brüder werden. Also kein Wort mehr -- ich

habe geredet!«

Bald darauf las der Vater in der amtlichen Wiener Zeitung des Jahres

1808, daß in der k. k. Hofkapelle einige Sängerknabenstellen neu zu

besetzen wären. Die Bewerber mußten das zehnte Jahr vollendet haben und

fähig sein, in die erste lateinische Klasse eintreten zu können. Sie

verblieben Zöglinge des Konvikts und wären gleichzeitig Schüler des

akademischen Gymnasiums, das mit dem Konvikt in Verbindung steht.

Dem Vater stieg sofort ein ganzer Seifensieder auf. Das wäre ein

richtiger Lebensanfang für seinen Franzl! Singen kann er ja,

Schulbildung hat er auch -- Sopranist in der Hofkapelle, warum denn

nicht, wenn er dafür eine Freistelle im Konvikt hat und gratis

das Gymnasium absolviert?! Für einen künftigen Schulmeister ein

verheißungsvoller Beginn!

Also wanderten Vater und Sohn aus der Vorstadt Liechtental stadtwärts

nach dem Konvikt am Universitätsplatz, wo die Aufnahmeprüfung

stattfinden sollte. In seinen blauen Sonntagskleidern schritt Franzl

neben dem Vater klein und stämmig einher. Ein frisch gebügeltes Hemd

gab dem Tag festtägliche Weihe. Das hatte die Mutter bereitgelegt. O,

die war gut! Schmuck sah er aus, der kleine Kerl, weiß und blau wie ein

Firmling!

Aber der Herr Vater war kritisch. Gab unterwegs allerhand gute Lehren

und Ermahnungen, wie man sich zu benehmen habe, was man tun und nicht

tun dürfe, nicht auflümmeln, die Ellbogen nicht durchwetzen, nicht

nasenbohren, nicht in den Ärmel schneuzen, die Schulbücher nicht

verkritzeln und was ähnliche liebe Gewohnheiten der holdseligen Jugend

sind.

Der brave Franzl hörte alles geduldig an und schwieg respektvoll. Der

Vater wußte schon, daß sein Junge etwas verschlossen und einsilbig war,

daß er Fremden gegenüber sich nur sehr schwer auftat und dadurch leicht

unartig erscheint.

»Also nicht aufs Grüßen vergessen, immer ein freundliches Gesicht

machen, zuvorkommend sein gegen deine Lehrer, verträglich und

aufmerksam gegen deine Mitschüler. Was schaust denn schon wieder so

finster drein?!«

»Aber Herr Vater, ich schau' ja eh net finster drein!«

Es war halt schon ein Unglück, daß die Menschen immer glauben, man

schaut finster drein, wenn man inwendig freundlich und aufmerksam

zuhorcht.

Der Vater riß dem Jungen den Hut vom Kopf, um ihm besser ins Gesicht zu

sehen.

»Die Haar -- wie schaun denn deine Haar aus?!«

Die Haare waren ohnehin in Ordnung, die Mutter hatte sie gekämmt und

gebürstet, mit Schweinefett eingeschmiert, daß sie strichweise glänzten

-- aber sie waren kraus, etwas sehr kraus -- und ein bißchen lang,

vielleicht schon ein bißchen zu lang; sie waren in den Nacken hinab

gewachsen bis unter den blühweißen Hemdkragen. Der Hut hatte sich in

den Haarschopf fest eingedrückt, und so konnten sie leicht wirr und

unordentlich erscheinen; aber das waren sie wirklich nicht, wenn man

mit einem nachsichtigen Blick hinsah; die Mutter hatte sie gescheitelt,

so gut es ging, und die Lausallee verlief gerade wie eine Pappelschnur.

»Kraupert schaust aus,« entschied der gestrenge Herr Vater. »Wie dir

die Haar da ins G'nack wachsen, so geht man zu keiner Prüfung!«

Ehe man noch ans Glacis kam und den Häusern der Rossauerlände Adieu

sagte, wimpelte an einer Stange die Messingschüssel in die Luft mit

Strahlenreflexen wie die liebe Frau Sonne, ein Ladenschild prangte mit

einem süßlächelnden Puppenkopf und darunter stand: Heinrich Haarzopf,

bürgerlicher Bartscherer und Bader.

Und weil noch eine Stunde Zeit war, so entschied der Vater, daß sich

der Junge jetzt die Haare schneiden lassen müsse, um sich der hohen

Prüfungskommission würdig zu präsentieren.

»Also marsch hinein!«

Bisher hatte die Mutter den üppig wuchernden Haarschopf mit eigener

Hand gebändigt. Was eine Mutter nicht alles kann! Hunderterlei

Gewerbe muß sie beherrschen vom Kerzengießen bis zum Haarschneiden.

Es ist nicht zum sagen! Nun aber saß Franz zum ersten Male bei einem

richtigen Friseur wie ein ganz Großer. Mitten unter Spiegeln wie in

einem Zauberkabinett und angetan mit einem linnenen Mantel, der einmal

weiß war, halb Derwisch, halb Prinz, umdienert von dem dienstfertigen

Gehilfen.

»Belieben halbkurz oder ganz fiesko?« Das war eine neue Welt, eine

neue Sprache, jedenfalls eine neue Erfahrung. Verlegen wendet sich der

Junge an den Vater, der den Dolmetsch macht.

Ziwitt, ziwitt! macht es die Schere in der Hand des Gehilfen, der bei

seinen Hantierungen immer die Luft schneidet. Sie macht es wie ein

Vögelein, das hungrig den Schnabel aufsperrt und um Futter quietscht,

ehe es gierig in den Haarwald hineinfährt. Alsbald liegen die

schönen Locken auf dem weißen Mantel und am Boden ringsum, der Junge

sieht drein wie ein abgeblättertes Birkenstämmchen, der Vater nickt

befriedigt, aber der eifrige Gehilfe ist noch nicht fertig. Er bemerkt

einen zarten, ganz schüchternen, weichen Flaum auf des Jungen Oberlippe

und stellt mit unerschütterlichem Ernst die gewichtige Frage:

»Rasieren angenehm?«

Heiß schießt es dem Jungen ins Gesicht. Er wird blutrot vor Scham.

»Nein!« haucht er zurück und wendet das Antlitz ab, sich zu verbergen.

Der Vater merkt es, er schmunzelt hinter seinem Rücken, er will

den Sohn nicht verletzen, der sich so leicht geniert. Er hat ihn

ja so lieb, wenn er auch zuweilen rauh zu ihm ist. Aber nach Vater

Schulmeisters Anschauung gehört die Strenge zur Liebe und vor allem der

Grundsatz: man darf die Kinder nicht merken lassen, daß man sie so gern

hat!

Rasieren angenehm! Das wirkt nach. Das prägt sich unverlöschlich dem

Gedächtnis ein. Der Ernst des Lebens kommt jetzt heran! Man ist kein

Knabe mehr, man reift der Männlichkeit entgegen, eine neue Zeit will

kommen!

Das Hochgefühl sank, als er mit dem Vater am alten Universitätsplatz

stand. An den hohen, schwärzlichen Palastfronten der Sonnenfelsgasse

waren die beiden entlang gegangen, bis sich ein mäßig geräumiger

Platz auftat wie ein schmucker Saal. Rechts die festliche Frontseite

der Universität mit Säulen und Fenstern im Geist der Zeit der großen

Maria Theresia; links die Prachtfassade der Kirche zur Zeit der

Gegenreformation von Ferdinand II. erbaut und dicht an der Kirche

anschließend, die ganze Langseite des Platzes bildend, ein kahles

Gemäuer mit kleinen vergitterten Fenstern, einem Gefangenhaus gleich:

das Konvikt. Nichts Grünes, wohin man sah, nur Mauern in nüchterner

Feierlichkeit oder in staats- und kirchenherrlicher Pracht.

Das Herz des Elfjährigen krampfte sich zusammen, ja es beginnt eine

neue Zeit, der Ernst des Lebens tritt hier gewaltig in Erscheinung.

Tapfer schritt er an der Seite des Vaters die Stiegen hinauf, wo

schon ein heiteres Gewimmel von Knaben war, die, um einen der drei

Stiftungsplätze zu erobern, ausgezogen waren. Da gab's sofort eine neue

frische Stimmung. Das Empfindsame, Ängstliche, Weichliche verschwand,

es lag nicht in Franzls Natur.

»In Gottes Namen!« sagte der Vater Schulmeister, als sich die Türen des

Prüfungssaales hinter dem Jungen schlossen. Mehr kann man nicht tun als

seine Pflicht, und die war getan; die Entscheidung liegt bei anderen

Mächten. In Gottes Namen! Damit vertraute er sich und den Sohn der

inneren Führung an, die die Oberleitung hatte. So konnte man ruhig und

ergeben den Gang der Dinge abwarten.

Der innere Kompaß hatte gut geführt. Für den gesunden Liechtentaler

Buben war die Prüfung ein Kinderspiel, als Erster ging er aus dem

Wettbewerb hervor und war Sopranist am k. k. Konvikt und zugleich

Schüler der ersten Lateinklasse.

Jahr um Jahr berichteten die Schulzeugnisse von dem guten Fortgang der

Studien, und nie fehlte die Anmerkung: »ein besonderes musikalisches

Talent«. Ein Schriftstück an den Hofmusikgrafen besagt sogar, daß auf

die musikalische Bildung des Franz Schubert, da er ein so vorzügliches

Talent zur Tonkunst besitze, eine besondere Sorgfalt verwendet werden

solle. So kam der Hofkapellmeister Salieri hinter das kleine Genie,

und so kam der Klavierdrillmeister Ruczizka in den Schriftstücken an

den Hofmusikgrafen zu den lobenden Anerkennungen wegen der erteilten

Nebenstunden, zu denen er, Ruczizka, von Amts wegen nicht verpflichtet

gewesen wäre.

Und so kam es endlich, daß der Vater die systematische musikalische

Ausbildung des Sohnes gewähren ließ, weil er sie ja auch nicht hindern

konnte. In Gottes Namen! Andere Mächte bestimmten das Schicksal, er

konnte nur Ja und Amen sagen. Und sich damit trösten, daß für die

eigentliche Lebensaufgabe die Lateinschule sorge, die ihm vor allem

anderen als die Hauptsache erschien.

Aber büffeln und ochsen, Latein und Mathematik, das war dem Jungen

durchaus nicht die Hauptsache. Viel eher ein lästiges Anhängsel, eine

unbequeme Draufgabe, die man eben in Kauf nehmen mußte. Ja, wenn man

oben saß am Chor ganz nahe bei den geflügelten Engelein, umschauert

von dem Weltgesang der Orgel und von dem Jubel der singenden Geigen,

da war das Leben herrlich, die eigene Stimme ließ sich von diesen

tönenden Fittichen tragen und stieg wohl noch ein wenig höher im Chor

der Seligen.

Aber dann in der öden Grammatikalklasse, das war wie ein Sturz aus

Himmelsregionen auf die harte Erde. Diese trägen, unergiebigen Stunden

mit Cornelius Nepos, mit Plutarch und Ovid. Der klassische Dichtergeist

zu langweiligen Schulpräparaten zerstückt und eingetrocknet wie die

glanzlosen Schmetterlinge in den Kästen und die gepreßten Pflanzen in

den Herbarien. Kein Hauch des Lebens mehr darin. Half also wirklich

nichts als stucken, ochsen, büffeln! Aber das Herz, das Herz war nicht

dabei. Ein Wunder, daß es dennoch ging, mit Ach und Krach. Nur --

wenn es dem Gelehrtenhaupt am Katheder zu holperig vorkam, und die

Exerzitien so gar nicht vom Fleck gehen wollten, dann wetterten die

saftigsten Schimpfreden auf die Schülerherde nieder.

»Sauknochen, verfluchter! Hast wieder einmal nicht präparieret?! Müßt'

man dir doch gleich das Buch ums Maul schlagen, bis dir der Kopf

aufgeht, Lümmel, verstockter!«

Tat aber weiter nicht weh, war wenigstens ein derbes Stück Leben. Ein

unsanftes Prügelsystem, aber man lernte dabei und kam doch ein Stück

vorwärts. So waren die Erzieher, gelehrt und zugleich bauernhaft grob.

Was fest eingebläut war, saß fest. Auch in einem widerspenstigen

Schädel. Wer gar nicht parieren wollte, wurde hinausgeschmissen. Ein

Kamerad war schon geflogen, der mit Franz die Aufnahmeprüfung glänzend

bestanden hatte; ein Dritter, der mit ihm kam, stand am Sprung. Gibt

nicht viel Federlesen, keine Empfindelei; half auch kein Heulen, kein

Bitten und Betteln. Unnützer Ballast, fort damit! War gut für die

anderen. Schlechtes System? I wo! Was haben gute Lehrer mit einem

schlechten System nicht alles zuwege gebracht! Und konnt' Franzl bei

allem inneren Widerstreben nicht alle Jahr ein treffliches Zeugnis ins

väterliche Schulmeisterhaus nach Liechtental schicken? Ja freilich,

angenehm war der Drill nicht. Fragte auch kein Mensch danach, ob's

angenehm war oder nicht, und damit Punktum.

Blieb aber die Musik, die das graue Dasein vergoldete, und blieben

die eigenen Träume, das selbständige Empfinden und Komponieren, süß

wie eine verbotene und heimliche Liebe, von der der Herr Vater nichts

wissen durfte. Das Herz -- da drin war es. Und blieben außerdem die

Kameraden, die Schulfreundschaften, die so fest geschlossen wurden, daß

sie über die Mauern hinaus fürs Leben halten sollten und meinetwegen

übers Grab hinaus.

Bim, bim, bim! Des Schuldieners Glocke gellte durchs Haus.

Zehn-Uhr-Pause. Da gab es für die Bande kein Halten mehr, die in dem

lästigen Zwang nach Freiheit dürstete. Vor allem aber nach Freßlust.

Die Zehn-Uhr-Glocke war das Zeichen zum Gabelfrühstück. Mit einem Hallo

stürmten die Bengel die Treppen herab nach einem der unteren Gänge.

Dort steigt eben wippend die junge Fanny herauf, des Greislers Tochter

aus der Bäckerstraße, mit einem großen Korb Fressalien auf dem Kopf,

die sie in einer Fensternische des ersten Stockflurs während der großen

Pause feilhält.

Wie eine Göttin der Erde, mit nahrhaften Gaben beladen, schwankt sie

holdselig herauf, ein braunes, derbes Ding, blatternarbig, barsch und

kurz angebunden, und trotzdem nicht unhübsch mit ihren weißblitzenden

Zähnen. Dem für handfeste Schönheit empfänglichen Sinn des Klavier-

und Knabenbändigers Ruczizka mußte sie tatsächlich als Fee, Nymphe

oder Göttin vorgekommen sein, daß er sie in einem schäferhaft oder

mythologisch gestimmten Augenblick wie ein verliebter Faun in die

nackten, prallen Arme zwickte und der Wehrlosen ein Küßchen zu rauben

versuchte, während sie mit dem Korb auf dem Kopf hinaufbalancierte.

Wie es geschah, war ein Geheimnis des menschenleeren Korridors

geblieben. Ein Knall, ein Fall, ein Wehgeschrei, so endete das

Schäferspiel.

»Sakramentski .....!« Man hat nur den Ausruf gehört, der Liebhaber war

verschwunden. Denn eben scholl des Schuldieners Glocke mahnend durchs

Haus, wie weiland die Stimme des Herrn im Paradies nach dem Sündenfall,

aus den Klassenzimmern wälzte sich die Schuljungenhorde, und die

braune Fanny stand keuchend und zornbebend vor dem herabgestürzten

Korb, der seinen duftenden Inhalt über die Steinfliesen ergoß, die

blonden und braunen, knusperigen Schusterlaberln, die mürben Baunzerln,

Kipferln, Girafferln, Kaiserweckerln, Stritzerln, Kaiserlaberln, die

Mohnstritzerln und Salzstangerln, den schweren Laib Hausbrot, die

dreifach gewundenen Kränze von Knackwürsten, den großen Stritzen

Butter, den Paprikaspeck und den frischen Maiprimsen.

Fünfzig, hundert Hände langten jauchzend danach, im Nu war der

Korb wieder gefüllt, ein heiteres Intermezzo für die Jugend, eine

schmerzliche Viertelstunde für die Fanny, die in wortloser Wut kaum die

Tränen meistern konnte.

Niemand wußte recht, was geschehen war, aber die Sage ging von einer

wuchtigen Ohrfeige, die locker in Fannys Hand gewesen war, und von

einer heißen Wange, die auf einige Stunden das Flammenzeichen der Liebe

trug und in nassen Umschlägen Kühlung suchte. An jenem Vormittag ward

Ruczizka nicht mehr gesehen.

Während der Eßpause fanden sich die engeren Freunde mit Franz beim

Futterkorb zusammen. Holzapfl, der Vordermann der Klasse, der stille,

sanfte Spaun, um einige Jahre älter als Franz und zugleich sein

wärmster Vertrauter, Senn, der junge Tiroler, der schon damals Verse zu

flechten versuchte, und einige andere.

»Einer ist unter uns, der uns einmal alle an Genie überstrahlen wird!«

hatte Spaun mit Beziehung auf Schubert gesagt, und ein fester Kreis von

Freunden begann sich um den unscheinbaren Franz zu schließen. Wenn man

seine helle, jubelnde Stimme auf der Empore hörte, so hätte man nicht

dieses unansehnliche Bürschchen erwartet, der auch darin der Lerche

glich, daß soviel Himmelsgabe in so schlicht bescheidenem Äußeren

steckte.

Wenn man die Sängerknaben nun sah, dann konnte kein Zweifel sein,

daß sie nicht aus gebranntem Ton und nicht aus Holz waren, sondern

Fleisch und Bein mit vorzüglichen Freßwerkzeugen und unermeßlichem

Appetit. Das Dasein unter den himmlischen Heerscharen auf Gottes Chor

war beseligend, aber auf der Erde war es auch schön, besonders wenn es

etwas zu essen gab.

Da sah man nun die pausbackigen, rotwangigen, schwarz-, braun-

und blondgelockten strammen Engelsinger gemütlich eine Knackwurst

verzehren, die lieblich roch und den anderen den Mund wässerte, so

ihre Barschaft nur zu einem Schusterlaberl hinreichte. Zu einem

Schusterlaberl, dick mit Butter bestrichen und so groß und mächtig

gediehen, als es für einen Kreuzer Konventionsmünze nur denkbar ist.

Mit gierigen Augen hatte jeder das größte Schusterlaberl im Korb

ergattert. Was ein gesunder Bengel ist, erkennt auf den ersten Blick

unter Hunderten von Broten jenes, welches das größte Schusterlaberl

ist. Daß die wohlgeratensten Exemplare die Größe eines Kinderkopfes

erreichen, ist selbstverständlich. Es ist nicht aus feinstem Mehl

gebacken, im Gegenteil, es ist so ziemlich das ordinärste Gebäck, aber

auf dem ganzen Wiener Boden gibt es keinen Jungen, der nicht nach

dem Schusterlaberl greift, wenn er die Wahl hat. Ein Schusterlaberl,

mit Butter bestrichen, das ist nach Wiener Volksbegriffen die größte

Delikatesse. Daran war nicht zu zweifeln, wenn man die Kerle einhauen

sah, daß es nur so patschte. Mit einem Schusterlaberl in der Hand

konnte man sich sogar gegen eine Knackwurst oder gegen Wienerwürsteln

mit Kren behaupten, und das will gewiß etwas sagen.

»Heiße Forellen!« rief die übermütige Fanny, um ihre Ware noch

verlockender zu machen. Richtig, da schwammen sie, die Wienerwürsteln,

im brodelnden Kessel hurtig hin und her wie die Forellen, und ein Paar

nach dem anderen wurde herausgefischt. Knackwürst! Wienerwürstl mit

Kren! Schusterlaberln mit Butter! Hört es! Der Traum vom Paradies ist

damit gespickt. Wenn ihr sie nicht genossen habt, dann wißt ihr nicht,

was gut ist!

»Nun, und heut gar nichts?« wendete sich Fanny an Franzl. Der hat

einen Stein im Brett bei ihr. Ein extra großes Schusterlaberl, extra

dick bestrichen, das waren die Zeichen ihrer Gunst. Das braune, herbe,

blatternarbige Greislermädel verbarg hinter ihrer rauhen Wesensart

ein weiches Gemüt. Eine schöne Stimme hören, und sie war soviel wie

verloren. Sie wußte schon, daß Franzl die schönste Stimme unter den

Jungen hatte. Sie sah ihn nur mehr durch diese Stimme, und jetzt

dünkte ihr der unscheinbare Junge schön wie ein Märchenprinz. In ihren

Augen war er, die unansehnliche Lerche, schöner als der herrlichste

Paradiesvogel. Sie hatte ihn schon in der Kirche gehört, und als er

kürzlich in der Pause dem Freund Spaun ein selbst komponiertes Liedchen

leise vorsang, vergaßen ihre flinken Hände, daß sie in wenigen Minuten

fünfzig und mehr Schusterlaberln mit Butter zu streichen hatten.

Versteinert stand sie da, Mund und Augen weit auf, ein wenig

vorgeneigt, um keinen Laut zu verlieren, weltentrückt, verzaubert, bis

zwanzig aufgesperrte hungrige Mäuler, die nach Atzung schrien, sie aus

ihrem Traum weckten. Ob er ihr das Lied nicht aufschreiben wollte,

war gegen Schluß der Pause die verstohlene Frage. Er sagte nicht ja

und nicht nein, er lachte bloß, wohl nur, um seine Verlegenheit zu

verbergen.

Es war, als ob eine leise, schier unbewußte Berührung der Seelen

stattgefunden hätte, so blieb etwas bestehen, das man nicht leicht

irgendwie nennen kann, weil jedes Wort zu schwer dafür ist. Etwas

schier Unbewußtes, Heimliches, und doch Gefühltes. Ein Strahl von

mütterlicher Sorgfalt ging von ihr auf ihn über, es materialisierte

sich in den größten Schusterlaberln mit der dicksten Butter. Aber

darüber hinaus war noch etwas wie ein Licht da, das wärmte.

»Nun und heut gar nichts?!« fragte sie noch einmal und streifte ihn

leise an, weil er nichts bestellt hatte.

Er schüttelte nur verneinend den Kopf, aber sie wußte schon!

Abbrandler! Das heißt, daß er keinen Groschen mehr in der Tasche hatte.

Aber sie schob ihm schon wortlos ein dickbestrichenes Laibchen hin.

Er schob es wieder zurück und sagte halblaut und schier unbefangen,

obzwar es ziemlich gepreßt klang: »Heut -- nichts!«

Da nahm sie das Brot, drückte es ihm in die Hand, indem sie sich ganz

nahe an sein Ohr neigte und leise sagte: »Kost' doch nichts!«

Als ob er glühendes Eisen angefaßt hätte, schleuderte er das herrliche,

hochgebähte, goldblonde, knusperige Schusterlaberl, das mit den dicken

Butterseiten zusammengeklebt war, neben dem Eßkorb auf das Fensterbrett

hin, flammendrot im Gesicht, daß es dort in seine zwei Hälften

zersprang und mit den Butterseiten auf dem staubigen Steinboden lag.

Sie sah ihn einen Augenblick betroffen und schmerzlich an, hob dann

die Brote auf und legte sie zu den anderen. Mit einem Ruck faßte

sie den ziemlich geleerten Korb auf, stellte den kaltgewordenen und

ausgefischten Würstelofen hinein und rauschte ab wie eine beleidigte

Königin, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Er war so verdonnert, daß er nicht wußte, wie ihm geschah, eilte hinauf

in sein Zimmer, warf sich auf sein Bett, wühlte den Kopf in die Kissen

hinein und schluchzte mit halberstickten Ausrufen: »Fanny, Fanny!«

Etwas Seltsames, Beunruhigendes, Niegekanntes, Schmerzvolles, und doch

zugleich Beseligendes, Wunderbares war über ihn gekommen. Was war es?

Ach ja, das Leben, das Leben! Die schüchternen Regungen wie ein ganz

verstohlener Sonnenstrahl und gleich darauf Schauer, Tränenschauer.

Man war kein kleiner Knabe mehr, und auf der Oberlippe sproßte jetzt

wirklich ein kleines, winziges, schütteres Bärtchen. Es kommt nun doch

eine andere Zeit!

Am Nachmittag schrieb er seinem Bruder Ferdinand, der war Schulgehilfe

in der Wiener Vorstadt Lerchenfeld, und schilderte seine Lage. Die

paar Groschen, die er monatlich vom Herrn Vater bekomme, seien in den

ersten Tagen beim Teufel, was soll man in der übrigen Zeit tun? Bei

dem mageren Mittagsmahl, dem erst nach 8-1/2 Stunden ein armseliges

Nachtmahl folgt, müsse man sich eben in den Pausen mit etwas Stärkendem

aushelfen. Es würde den Bruder Ferdinand nicht arm machen, wenn er ihm

monatlich ein paar Kreuzer zukommen ließe. Spricht doch der Apostel

Matthäus: Wer zwei Röcke hat, der gebe einen den Armen usw., und dann

in Kap. 3, V. 4: Die auf dich hoffen, werden nicht zuschanden werden

..... So schließt die Epistel mit dem Aufruf, Ferdinand möge sich doch

des »liebenden, armen, hoffenden und nochmals armen Bruders Franz«

erinnern.

Der Brief ist fort und damit ein Stein vom Herzen. Was jetzt? Ja,

richtig: das Lied aufschreiben -- die Fanny muß das Lied haben! Ein

extra schönes Papier für sie, mit kunstvoll verschlungener Schrift und

die Noten säuberlich hingesetzt, als ob sie gestochen wären! Darauf

ein Suchen und Suchen in allen Laden und Heften, aber kein armseliger

Fetzen Notenpapier ist mehr zu finden. Alles verschmiert. Neues kaufen

-- aber zum Kuckuck, wenn man keinen Groschen in der Tasche hat! Der

Mensch ohne Geld ist ein gottverlassenes Geschöpf. Da fehlt es gleich

an allen Ecken und Enden. Daß man sich ein Schusterlaberl mit Butter

versagen muß, ist hart genug, aber das ist noch das wenigste; den

Mangel fühlt man erst, wenn man jemandem was Liebes tun möchte und

nicht kann, weil man keinen Knopf Geld hat. Schnöder Mammon!

Da kommt Spaun bei der Tür herein, der liebe, innige! Aufgeschossen

ist er wie eine Hopfenstange, den Kopf mit dem sittsam zurückgekämmten

Blondhaar und den weiten, wasserblauen Augen hat er vorgeneigt,

erwartungsvoll.

»Hast was Neues geschrieben?«

Er ist so furchtbar erpicht auf das Neue, das Franz in Noten dichtet.

»Hab' kein Papier!« knurrte Franz etwas borstig.

Da macht der andere schon Kehrt-euch und ist wieder draußen bei der Tür.

Franzl sinniert und sinniert, es vergeht eine halbe Stunde, da kommt

Spaun wieder angerückt, atemlos, einen großen Pack unter dem Arm, den

er auf den Tisch legt und sorgfältig auswickelt.

Notenpapier! Große, schöne, dicke Bogen, ein ganzer Stoß, genug, um die

Unsterblichkeit damit zu bestreiten.

»Da hast jetzt und schreib'!« und ist schon wieder draußen.

»Kerl, lieber, guter!«

So lächelt Franz, setzt sich hin und schreibt.

Am anderen Tag geht er in der Zehnuhrpause in sein Zimmer hinauf. Er

traut sich nicht herunter, es geniert ihn. Geld hat er ja auch keines

auf ein Schusterlaberl.

Aber ein Brief ist da.

Bruder Ferdinand schreibt, Franz wird mit dem Nötigen versorgt werden,

er möchte aber vorerst auf ein paar Tage heimkommen. Der Schulurlaub

sei unterdessen für ihn schon erwirkt.

So war es auch, auf drei Tage hat er frei.

Und wandert hinaus aus der engen Stadt in die Maiensonne, ins Grüne, wo

ihn die Wiesen mit tausend Blumenaugen ansehen. Beim Schottentor ist er

draußen, dann übers Glacis, wo der Wind, der richtige Wiener Lausbub,

seinen unumschränkten Spiel- und Tummelplatz hat, um diese Zeit kosend

als Mailüfterl mit Wolken von Fliederduft sanft beladen; im Sommer als

verrückter Derwisch mit wehendem Mantel aus Staub und ebensolchen

aufgeplusterten Pumphosen; im Herbst als unwirscher Straßenkehrer, der

dürre Blätter und Mist dahinfegt oder mit nasser Regenhand den Leuten

ins Gesicht patscht, die Weiberkittel aufwirbelt und die Parapluies

umdreht; im Winter ein rauhbeiniger Knecht Ruprecht, der mit flockigem

Schneebart daherflattert, daß euch die Augen übergehen. Der kann

grantig und boshaft sein wie ein alter Zucht- und Armenhäusler, aber

jetzt ist er ein holder Junge, der in den Bäumen säuselt und auf

sonnenweißen Wolken in gottseliger Bläue segelt.

Und so ist heut auch dem schulvakanten Knaben zumute, dem das Herz

klopft, als er hinter den mächtigen Häuptern der Kastanien die Häuser

seiner lieben Liechtentaler Vorstadt auftauchen sieht. Dort hinter den

Bäumen mit den vielen weißleuchtenden Kerzeln ist das Vaterhaus »zum

schwarzen Rössel« in der Säulengasse.

Geschwind, geschwind um die Ecke und hineingestürmt mit einem Jubelruf.

Aber da stockt er schon.

Was ist denn geschehen?

Er spürt ein Zerren im Gesicht, ein Würgen drinnen im Hals; denken kann

man's nicht. Eine Draperie hängt am Tor; ein Kerl steht heraußen mit

Glotzaugen und Schnapsnase, einen Dreispitz am Kopf, kurze Hose und

Strümpfe an den verkrümmten Beinen, ausgelatschte Schnallenschuhe; eine

Menge Schnüre und Quasten an dem frackähnlichen Rock, der schief sitzt

wie auf einer Vogelscheuche; schwarz alles, ganz schwarz, schwarz die

Draperie am Tor, schwarz der aufgedonnerte Frack, der Dreimaster, die

Hose, die Strümpfe.

Unterm Tor kommt ihm schon der Bruder Ferdinand entgegen, er ist

ebenfalls schwarz, nur das Gesicht ist rot und die Augen sind

verschwollen.

»Die Mutter ist tot!« würgt er hastig und tonlos hervor.

»Au, au!« schreit der Heimkehrende auf wie ein getroffenes Tier; und

schon steht er im Winkel abgewendet und flennt in sich hinein.

Und geht dann, so schnell er kann, die paar Stufen hinauf, und ist ihm,

als ob er Quadersteine trüge, daß er, von der Last erdrückt, kaum über

die Schwelle kann.

Drinnen der Vater, sieht um Jahre älter aus, sagt kein Wort; tätschelt

nur den Buben an Schultern und Kopf, scheu und fast widerwillig;

schiebt ihn aber gleich von sich zu den Geschwistern hinein.

Die sitzen drin, alle schwarz angezogen, nicht zum Erkennen, stieren

vor sich hin, nur eins oder das andere heult laut auf, wie's den Franzl

sieht. Reden aber sonst kein Wort -- einfache Menschen sind karg mit

Gefühl und Worten, verstecken sich lieber voreinander.

Auch Franzl bringt keinen Ton heraus, geht wie im Traum ins

Nebenzimmer, das dunkel gähnt mit brennenden Kerzen. Brennen nicht hell

und froh wie die Blütenkerzlein draußen auf den Bäumen; brennen dunkel

und weh in der schwarzen Luft und in dem toten Geruch der welkenden

Blumen. Ist etwas Weißes zwischen dem roten Kerzengefunsel und starrem

Blätterzeug, hoch geschichtet; jetzt sieht man's vor den betäubten

Augen; braunlackiertes Holz, der Sarg, weiße Seide, ein gefälteltes

Brautkleid, wachsgelbe Hände und ein Gesicht, so bekannt und so fremd

zugleich, so starr und fern.

Mutter! Der Franz spürt sie, er spürte sie schon von weitem, ehe er ans

Haus kam, im Flur unten umwärmte ihn schon ihre Nähe, im Zimmer draußen

wußte er sie neben sich, die Luft, die Dinge alle, die Gewohnheit, das

war sie. Sie lebte, und für das Totsein gab es keinen Begriff.

Er wollte die Tücher wegreißen, die Fenster aufstoßen, Luft und Licht

herein, die Starre aufrütteln, daß sie das Fremde abschüttle und wieder

sie sei, die lebte in seinem Fühlen; die ganze fürchterliche Schwere

der Wirklichkeit wegwischen, die Lüge war, weil sie so unverständlich

blieb; das Herz schrie auf und tobte nein, nein, nein -- und dennoch

blieb er steif wie gelähmt, unfähig, etwas zu tun, zu sagen, oder zu

denken.

Und ging noch die folgenden Tage umher wie betäubt, indessen ein

widerwärtiges geschäftiges Etwas vor sich ging, die ganze quälende,

niederdrückende, entsetzliche Bestattungszeremonie, die mit dem

Herzen nichts zu tun hatte, diese Schaustellung des Schmerzes vor

den gaffenden Gassen und Fenstern bis zu dem Moment, wo man in der

Kirche saß bei der Einsegnung und die Orgel lind und leise auf die

zertretenen Gemüter einsprach. Das war wieder die Stimme der Mutter,

bald gutmütig greinend, scheltend, verweisend, dann wieder gut zuredend

und liebkosend; die Härte des Krampfes wollte sich lösen; aber dann

noch das Schrecklichste, das Niederfahren des Sarges in die Grube, die

vereinzelten Aufschreie, das dumpfe Dröhnen der auffallenden Schollen,

das man nicht mehr aus den Ohren bringt -- als ob jede Handvoll Erde

eine Wunde in den eigenen Leib schlüge!

Fluchtartig ging's aus dem Friedhof fort ins Vaterhaus zurück; die

Trauerzeichen waren inzwischen weggeschafft worden, die alte Ordnung

hergestellt, aber die Ödigkeit hatte sich eingenistet. Das Tor war

wie früher und ebenso die Zimmer, aber im Geist sah man immer die

Trauertücher draußen hängen und wehen. Im Zimmer tauchte immer der Sarg

auf an der Stelle, wo er gestanden, die Funsellichter -- schreckhafte

Eindrücke, und Visionen, die nicht wegzuwischen waren.

Die paar Tage gehen vorüber in Dumpfheit und Zerschlagenheit; Franzl

ist froh, als die Zeit da ist, ins Konvikt zurückzukehren. Auf dem

Glacis wirft er sich ins Gras, um, von niemandem gesehen, sich nach

Herzenslust ausweinen zu können. Dann wandert er stadtwärts und ein

tröstliches Gefühl gewinnt Oberhand.

»Fanny, Fanny,« denkt er, nein, er denkt es nicht; das Unbewußte in ihm

denkt es, fühlt es. Das verschnürte Herz, das sich nach Wärme, nach

Mütterlichkeit, nach Liebe sehnt und sich so schwer und widerwillig

erschließt, sucht Zuflucht bei dem unwillkürlichen Gedanken an Fanny,

die jetzt so halb und halb mit dem Bild der Mutter zusammenfließt

und ihn doch zugleich so ganz eigen bewegt, daß ihn fast ein Zittern

überfällt.

Nun soll sie das Lied mit den Noten haben, denkt er und ist fast

aufgeregt in der Vorfreude.

Am anderen Morgen ist er der Erste bei dem Eßkorb, allen anderen Jungen

voraus. Niemand soll's merken!

»Das Lied, Fräulein Fanny, das Lied -- hier hab' ich's!« stammelte er

heiß und verwirrt und steckte ihr das zusammengefaltete Blatt in die

Hand.

Sie sieht ihn eine winzige Weile von oben bis unten an, verzieht

hochmütig den Mund, schiebt ihm das Blatt zurück und wendet sich ab mit

der kurzen Bemerkung:

»Brauch's nimmer!«

Das Blatt fällt zur Erde; einer der anstürmenden Kameraden hat es

erwischt, es verschwindet in den Händen der Freunde, wie so vieles, was

damals entstanden.

Jetzt hat er Groschen im Sack, aber kaufen tut er nichts; die

Knackwurst, die Würsteln, die Schusterlaberln -- nein; der Appetit ist

ihm vergangen.

Aber weinen, nein, das tut er auch nicht. Warum denn? Das Herz setzt

eine Rinde an; daß ein Krampf darinnen bebt, er will's selber nicht

wissen.

Gleichmütig plaudert er mit seinen Freunden weiter, bis einer plötzlich

sagt:

»Du, hör' einmal, was hast denn du für eine Stimm'?«

Fanny blitzt ihn wiederholt spöttisch an, sie hat es gleich gemerkt.

Die Stimme war geborsten, rauh, unmelodisch, ein Wechsel, wie er bei

Jünglingen um die Zeit der beginnenden Männlichkeit auftritt. Fanny

lächelt spöttisch. Lächelte sie über sich, über den Jungen, oder über

ihre Narretei? Der Zauber war gebrochen.

Der Paradiesvogel stand vor dem ernüchterten Blick wieder unansehnlich

gleich einer graubraunen Lerche da, ja, er war noch weniger geworden,

ein grüner Spatz, der ziemlich unharmonisch piepste. Aber das Gold, das

nicht in der Kehle lag, sondern tiefer in der Brust -- was verstand das

dumme Greislermädel davon?!

Freilich, ein Sonnenstrahl war erloschen, der zwischen den Mauern

schüchtern in des Knaben Gemüt gefallen war.

Im Klassenbuch stand jetzt in der Kolonne des Franz Schubert die

Bemerkung: Mutiert. Mit der Sopranistenherrlichkeit im Sängerchor bei

den dicken Engelsköpfen war's jetzt vorbei. Das war der natürliche

Verlauf der Dinge.

Damit erlosch ein weiteres Licht, und die Schatten der Schulmauern

drückten schwerer als je.

Einige Monate später verließ Spaun die Anstalt, er hatte absolviert.

»Glücklicher, daß du aus diesem Gefängnis gehen darfst!« rief ihm Franz

zum Abschied nach. Es war ihm jetzt, als müßten die Schulmauern auf

ihn stürzen, um ihn ganz zu erdrücken. Die Mathematik, da wollte nicht

alles stimmen. Eine schlechte Note -- die Scharte war auszuwetzen, wenn

der Stiftungsplan mit dem Stipendium erhalten bleiben sollte. Aber wozu

ein zweckloses Mühen? Was man eigentlich braucht, hat man vom lieben

Gott gelernt, die anderen hatten ihr Bestes längst gegeben und sahen

sich als Meister übermeistert. Es gab Wichtigeres zu erfüllen als

büffeln und ochsen. So riet die innere Stimme des Genius.

Noch ein Jahr wurde mühselig hingebracht, und dann schlossen sich die

Türen des Konvikts hinter einem, der aufatmend draußen stand, einen

letzten Blick auf das düstere, kahle Gemäuer warf und innerlich bebte

und jubelte: Jetzt kommt eine andere Zeit! Das Leben, das Leben!

Franz Schuberts Lebenslied · 第 6 / 42 题