Wann dirs soll wohlergehn; 10
Auf sein Werk musst du schauen,
Wann dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
Und mit selbsteigner Pein
Lässt Gott ihm gar nichts nehmen, 15
Es muss erbeten sein.
Dein ewge Treu und Gnade,
O Vater, weiss und sieht,
Was gut sei oder schade
Dem sterblichen Geblüt: 20
Und was du denn erlesen,
Das treibst du, starker Held,
Und bringst zum Stand und Wesen,
Was deinem Rat gefällt.
Weg hast du allerwegen, 25
An Mitteln fehlt dirs nicht;
Dein Thun ist lauter Segen,
Dein Gang ist lauter Licht,
Dein Werk kann niemand hindern,
Dein Arbeit darf nicht ruhn, 30
Wann du, was deinen Kindern
Erspriesslich ist, willst thun.
Und ob gleich alle Teufel
Hie wollten widerstehn,
So wird doch ohne Zweifel 35
Gott nicht zurücke gehn:
Was er ihm fürgenommen
Und was er haben will,
Das muss doch endlich kommen
Zu seinem Zweck und Ziel. 40
Hoff, o du arme Seele,
Hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
Da dich der Kummer plagt,
Mit grossen Gnaden rücken: 45
Erwarte nur der Zeit,
So wirst du schon erblicken
Die Sonn der schönsten Freud.
Auf, auf, gieb deinem Schmerze
Und Sorgen gute Nacht! 50
Lass fahren, was das Herze
Betrübt und traurig macht!
Bist du doch nicht Regente,
Der alles führen soll;
Gott sitzt im Regimente 55
Und führet alles wohl.
Ihn, ihn lass thun und walten,
Er ist ein weiser Fürst
Und wird sich so verhalten,
Dass du dich wundern wirst, 60
Wann er, wie ihm gebühret,
Mit wunderbarem Rat
Das Werk hinausgeführet,
Das dich bekümmert hat.
Er wird zwar eine Weile 65
Mit seinem Trost verziehn
Und thun an seinem Teile,
Als hätt in seinem Sinn
Er deiner sich begeben;
Und solltst du für und für 70
In Angst und Nöten schweben,
So frag er nichts nach dir.
Wirds aber sich befinden,
Dass du ihm treu verbleibst,
So wird er dich entbinden, 75
Da dus am wengsten gläubst:
Er wird dein Herze lösen
Von der so schweren Last,
Die du zu keinem Bösen
Bisher getragen hast. 80
Wohl dir, du Kind der Treue,
Du hast und trägst davon
Mit Ruhm und Dankgeschreie
Den Sieg und Ehrenkron.
Gott giebt dir selbst die Palmen 85
In deine rechte Hand,
Und du singst Freudenpsalmen
Dem, der dein Leid gewandt.
Mach End, o Herr, mach Ende
An aller unser Not! 90
Stärk unser Füss und Hände
Und lass bis in den Tod
Uns allzeit deiner Pflege
Und Treu empfohlen sein,
So gehen unsre Wege 95
Gewiss zum Himmel ein.
+2+
+Abendlied.+
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Stadt und Felder,
Es schläft die ganze Welt:
Ihr aber, meine Sinnen,
Auf, auf, ihr sollt beginnen, 5
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.
Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht, des Tages Feind;
Fahr hin, ein ander Sonne, 10
Mein Jesus, meine Wonne,
Gar hell in meinem Herzen scheint.
Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sternen prangen
Am blauen Himmels Saal: 15
Also werd ich auch stehen,
Wenn mich wird heissen gehen
Mein Gott aus diesem Jammerthal.
Der Leib eilt nun zur Ruhe,
Legt ab das Kleid und Schuhe, 20
Das Bild der Sterblichkeit,
Die ich zieh aus: dagegen
Wird Christus mir anlegen
Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.
Das Häupt, die Füss und Hände 25
Sind froh, dass nu zum Ende
Die Arbeit kommen sei:
Herz, freu dich, du sollt werden
Vom Elend dieser Erden
Und von der Sünden Arbeit frei. 30
Nun geht, ihr matten Glieder,
Geht hin und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt:
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten 35
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.
Mein Augen stehn verdrossen,
Im Hui sind sie geschlossen;
Wo bleibt denn Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden, 40
Sei gut für allem Schaden,
Du Aug und Wächter Israel.
Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein. 45
Will Satan mich verschlingen,
So lass die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.
Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heinte nicht betrüben 50
Ein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
Stell euch die güldne Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.
+LVI. FRIEDRICH SPE+
1591-1635. Spe was a Jesuit father who won distinction as a poet and
also as an opponent of the witch-burning mania. His collection of lyric
poems called _Trutz-Nachtigall_, or _Match-Nightingale_, is interesting
for its singular blend of erotic imagery with sincere religious feeling.
The poems indicate a genuine delight in certain aspects of nature. The
selections follow Wolff’s edition, in Kürschner’s _Nationalliteratur_,
Vol. 31.
+1+
+Ein Liebgesang der Gespons Jesu.+
Die reine Stirn der Morgenröt
War nie so fast gezieret,
Der Frühling, nach dem Winter öd,
War nie so schön muntieret,
Die weiche Brust der Schwanen weiss 5
War nie so wohl gebleichet,
Die gülden Pfeil der Sonnen heiss
Nie so mit Glanz bereichet:
Als Jesu Wangen, Stirn und Mund
Mit Gnad seind übergossen. 10
Lieb hat aus seinen Äuglein rund
Fast tausend Pfeil verschossen:
Hat mir mein Herz verwundet sehr,
O weh der süssen Peine!
Für Lieb ich kaum kann rasten mehr, 15
Ohn Unterlass ich weine.
Wie Perlen klar aus Orient
Mir Zähr von Augen schiessen:
Wie Rosenwässer wohlgebrennt
Mir Thränen überfliessen. 20
O keusche Lieb, Cupido rein,
Allda dein Hitz erkühle,
Da dunk dein heisse Flüttig ein,
Dass dich so stark nit fühle.
Zu scharf ist mir dein heisser Brand, 25
Zu schnell seind deine Flügel;
Drumb nur aus Thränen mit Verstand
Dir flechte Zaum und Zügel.
Komm nit zu streng, mich nit verseng,
Nit brenn mich gar zu Kohlen, 30
Dich weisen lass, halt Ziel und Mass,
Dich brauch der linden Strohlen.
O Arm und Hände Jesu weiss,
Ihr Schwesterlein der Schwanen,
Umbfasset mich nit lind noch leis, 35
Darf euch der Griff ermahnen.
Stark heftet mich an seine Brust
Und satt mich lasset weinen:
Ich ihn erweich, ist mir bewusst,
Und wär das Herz von Steinen. 40
O Jesu mein, du schöner Held,
Lang warten macht verdriessen:
Gross Lieb mir nach dem Leben stellt,
Wann soll ich dein geniessen?
O süsse Brust! O Freud und Lust! 45
Hast endlich mich gezogen:
O miltes Herz! All Pein und Schmerz
Ist nun in Wind geflogen.
Allhie nun will ich rasten lind,
Auf Jesu Brust gebunden: 50
Allhie mich mag Cupido blind
Bis gar zu Tod verwunden.
Am Herzen Jesu sterben hin
Ist nur in Lusten leben,
Ist nur verlieren mit Gewinn, 55
Ist tot im Leben schweben.
+2+
+Anders Liebgesang der Gespons Jesu, darin eine Nachtigall mit der Echo
oder Wiederschall spielet.+
Ach, wann doch Jesu, liebster mein,
Wann wirst dich mein erbarmen?
Wann wieder zu mir kehren ein,
Wann fassen mich in Armen?
Was birgest dich, 5
Was kränkest mich?
Wann werd ich dich umfangen?
Wann reissest ein
All meine Pein?
Wann schlichtest mein Verlangen? 10
O willkomm, süsse Nachtigall,
Kombst gleich zu rechter Stunde!
Erfrisch den Luft mit bestem Schall,
Erschöpf die Kunst von Grunde;
Ruf meinem Lieb, 15
Er nit verschieb,
“O Jesu!” ruf mit Kräften,
Ruf tausend mal,
Ruf ohne Zahl,
Wer weiss, es je möcht heften![1] 20
Ach, ruf und ruf, o Schwester zart,
Mein Jesum zu mir lade,
Mir treulich hilf zu dieser Fahrt,
Dann ich in Zähren bade.
O Schwester mein, 25
Sing süss und rein,
Ruf meinem Schatz mit Namen;
Dann kurz, dann lang
Zieh deinen Klang,
All Noten greif zusammen! 30
Wohlan, scheint, mich verstanden hat
Die Meisterin in Wälden;
Ihrs allbereit geht wohl von Statt,
Die Färblein schon sich melden.
In starker Zahl, 35
Nun manches Mal
Den Ton sie schon erhebet,
Weil auch der Schall
Aus grünem Thal
Ihr deutlich widerstrebet.[2] 40
Da recht, du fromme Nachtigall,
Du jenem Schall nit weiche!
Da recht, du treuer Wiederschall,
Du stets dich ihr vergleiche!
Zur schönen Wett 45
Nun beide trett,
Mein Jesum lasst erklingen,
Obschon im Streit
Der schwächsten Seit
Am Leben sollt misslingen. 50
Die Nachtigall den Schall nit kennt
Und hälts für ihr Gespielin,
Verwundert sich, wies mög behend
So gleichen Ton erzielen;
Bleibt wenig stumm, 55
Schlägt wiederumb,
Denkt ihr bald obzusiegen;
Doch Widerpart
Machts gleicher Art,
Kein Pünktlein bleibt verschwiegen. 60
Bald steiget auf die Nachtigall
Je mehr und mehr und mehre;
Gleich folget auch der Wiederschall,
Wanns je noch höher wäre.
Drumb zierlich fecht 65
Und stärker schlegt
Das Fräulein reich von Stimmen,
Steigt auf und auf
Ganz ohn Verschnauf;
Doch thuts der Schall erklimmen. 70
Alsdann gehts über Ziel und Schnur,
Das Herz möcht sich zerspalten,
Sie sucht es in B Moll, B Dur,
Auf allerhand Gestalten,
Thut hundertfalt 75
Den Bäss und Alt,
Tenor und Cant durchstreichen;
Doch Stimm doch Kunst
Ist gar umbsonst,
Der Schall thuts auch erreichen. 80
Da kitzlet sie dann Ehr und Preis
Mit gar zu scharfen Sporen,
Erdenkt noch schön und schöner Weis,
Meint, sei noch nicht verloren.
All Mut und Blut 85
Und Atem gut.
Versammelt sie mit Haufen,
Will noch zum Sieg
In schönem Krieg
Mit letzten Kräften laufen. 90
Ei, da kracht ihr so mütigs Herz,
Gleich Ton und Seel verschwinden,
Da leschet sich die gülden Kerz,
Entzuckt von starken Winden.
O mütigs Herz, 95
O schöne Kerz,
O wohl, bist wohl gestorben!
Die Lorbeerkron
Im letzten Ton
Du doch noch hast erworben. 100
Dann zwar ein Seufzerlein gar zart
Im Tod hast lan erklingen,
Das so subtil dein Widerpart
Mit nichten möcht erschwingen;
Drumb ja nit lieg, 105
Dein ist der Sieg,
Das Kränzlein dir gebühret,
Welchs dir allein
Von Blümlein fein
Ich schon hab eingeschnüret. 110
Ade dann, falbe Nachtigall,
Von falbem Tod entfärbet,
Weil du nun liegst in grünem Thal.
Sag, wer dein Stimmlein erbet;
Könnts je nit sein, 115
Es wurde mein?
O Gott, könnt ichs erwerben!
Wollts brauchen stät
So früh, so spät,
Bis auch im Sang thät sterben. 120
Nun doch will ich in diesem Wald
Bei deinem Grab verbleiben,
Hoff, mich mit ihren Pfeilen bald
Begierd und Lieb entleiben.
Will rufen stark 125
Zum Totensarg,
Bis mein Geliebter komme,
Will rufen laut
Meins Herzen Traut,
Bis letzt ich gar erstumme. 130
[Notes:
1: _Heften_ = _haften bleiben_, ‘stick fast’ (in his ear), and so
win him over.
2: _Widerstrebet_ = _widerhallt_.]
+LVII. HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU+
A Silesian scholar (1617-1679) who, after extensive foreign travel,
spent his life at Breslau as an exemplary and highly esteemed official
of the town. Incidentally he poetized in the inflated and ornate style
which has given the so-called second Silesian school its evil
reputation. His work is decidedly vacuous as poetry, but has its
interest as indicating the literary drift of the age of puffs, powder,
and pedantry. The selections follow Bobertag’s edition in Kürschner’s
_Nationalliteratur_, Vol. 36.
+1+
+Die Welt.+
Was ist die Welt, und ihr berühmtes Gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Grentzen,
Ein schneller Blitz, bey schwarzgewölckter Nacht;
Ein bundtes Feld, da Kummerdisteln grünen; 5
Ein schön Spital, so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauss, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
Das ist der Grund, darauff wir Menschen bauen,
Und was das Fleisch für einen Abgott hält. 10
Komm, Seele, komm, und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt.
Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last.
So wirst du leicht in diesen Port gelangen, 15
Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.
+2+
+Die Wollust.+
Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit,
Was kan uns mehr, denn sie, den Lebenslauf versüssen?
Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen,
Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit,
In Tuberosen kan sie Schnee und Eiss verkehren, 5
Und durch das gantze Jahr die Frühlings-Zeit gewehren.
Es schaut uns die Natur als rechte Kinder an,
Sie schenckt uns ungespart den Reichthum ihrer Brüste,
Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste,
Wo aus des Menschen Wunsch Erfüllung quellen kan. 10
Sie legt als Mutter uns die Wollust in die Armen,
Und lässt durch Lieb und Wein den kalten Geist erwarmen.
Nur das Gesetze wil allzu tyrannisch seyn,
Es zeiget iederzeit ein widriges Gesichte,
Es macht des Menschen Lust und Freyheit gantz zunichte, 15
Und flöst für süssen Most uns Wermuthtropffen ein;
Es untersteht sich uns die Augen zu verbinden,
Und alle Liebligkeit aus unser Hand zu winden.
Die Ros’ entblösset nicht vergebens ihre Pracht,
Jessmin will nicht umsonst uns in die Augen lachen, 20
Sie wollen unser Lust sich dienst- und zinsbar machen,
Der ist sein eigen Feind, der sich zu Plagen tracht;
Wer vor die Schwanenbrust ihm Dornen will erwehlen,
Dem muss es an Verstand und reinen Sinnen fehlen.
Was nutzet endlich uns doch Jugend, Krafft und Muth, 25
Wenn man den Kern der Welt nicht reichlich will genüssen,
Und dessen Zucker-Strom lässt unbeschifft verschüssen?[1]
Die Wollust bleibet doch der Menschen höchstes Gut,
Wer hier zu Seegel geht, dem wehet das Gelücke
Und ist verschwenderisch mit seinem Liebesblicke. 30
Wer Epicuren nicht für seinen Lehrer hält,
Der hat den Welt-Geschmack und allen Witz verloren,
Es hat ihr die Natur als Stiefsohn ihn erkoren,
Er mus ein Unmensch seyn und Scheusal dieser Welt;
Der meisten Lehrer Wahn erregte Zwang und Schmertzen, 35
Was Epicur gelehrt, das kitzelt noch die Hertzen.
[Notes:
1: _Verschüssen_ = _verfliessen_.]
+3+
+Die Tugend.+
Die Tugend pflastert uns die rechte Freudenbahn,
Sie kan den Nesselstrauch zu Lilgenblättern machen,
Sie lehrt uns auf dem Eiss und in dem Feuer lachen,
Sie zeiget, wie man auch in Banden herrschen kan;
Sie heisset unsern Geist im Sturme ruhig stehen, 5
Und wenn die Erde weicht, uns im Gewichte gehen.
Es giebt uns die Natur Gesundheit, Krafft und Mut,
Doch wo die Tugend nicht wil unser Ruder führen,
Da wird man Klippen, Sand und endlich Schiffbruch spüren.
Die Tugend bleibet doch der Menschen höchstes Gutt; 10
Wer ohne Tugend sich zu leben hat vermessen,
Ist einem Schiffer gleich, so den Compass vergessen.
Gesetze müssen ja der Menschen Richtschnur seyn.
Wer diesen Pharus ihm nicht zeitlich will erwehlen,
Der wird, wie klug er ist, des Hafens leicht verfehlen, 15
Und läuffet in den Schlund von vielen Jammer ein;
Wem Lust und Üppigkeit ist Führerin gewesen,
Der hat für Leitstern ihm ein Irrlicht auserlesen.
Diss, was man Wollust heisst, verführt und liebt uns nicht,
Die Küsse, so sie giebt, die triffen von Verderben, 20
Sie läst uns durch den Strang der zärtsten Seide sterben,
Man fühlet, wie Zibeth das matte Herze bricht,
Vergifter Hypocras[2] will uns die Lippen rühren,
Und ein ambrirte[3] Lust zu Schimpf und Grabe führen.
Die Tugend drückt uns doch, als Mutter, an die Brust, 25
Ihr Gold und edler Schmuck hält Farb und auch Gewichte,
Es leitet ihre Hand uns zu dem grossen Lichte,
Wo sich die Ewigkeit vermählet mit der Lust;
Sie reicht uns eine Kost, so nach dem Himmel schmecket,
Und giebt uns einen Rock, den nicht die Welt beflecket. 30
Die Wollust aber ist, als wie ein Unschlichtlicht,
So helle Flammen giebt, doch mit Gestanck vergehet.
Wer bey dem Epicur und seinem Häuften stehet,
Der lernt, wie diese Waar als dünnes Glas zerbricht;
Es kan die Drachen-Milch uns nicht Artzney gewehren, 35
Noch gelbes Schlangengift in Labsal sich verkehren.
[Notes:
2: _Hypocras_, a sweet spiced wine.
3: _Ambrirte_, ‘resinated’ (perfumed with _ambra_).]
+LVIII. DANIEL CASPER VON LOHENSTEIN+
The other leading light of the second Silesian school (1635-1683). Like
his friend Hofmannswaldau, he was an exemplary Breslau official. He
wrote half a dozen impossible tragedies in alexandrine verse and a huge
erudite romance _Arminius_. The selection from _Arminius_ follows an
edition of 1731, which contains 2868 pages in four quarto volumes.
_From ‘Arminius,’ Book I: The temple of the Ancient Germans and its
wonderful inscription._
Es war ein Thal, welches ungefähr eine Meilweges im Umkreise hatte,
rings herum mit steilen Felsen umbgeben, welche allein von einem
abschüssenden Wasser zertheilet waren. An dieser Gegend hatte die
andächtige Vorwelt dem Anfange aller Dinge, nehmlich dem Schöpfer der
Welt, zu Ehren auf ieder Seiten eine dreyfache Reihe überaus hoch und
gerade empor wachsender Eich-Bäume gepflantzet, und wie dieses gantze
Thal, also auch insonderheit den in der Mitte gelegenen Hügel, und die
in selbtem von der Natur gemachte Höle, als auch den daraus
entspringenden Brunnen für eines der grössesten Heiligthümer
Deutschlands verehret, auch den Glauben, dass in selbtem die Andacht der
Opfernden durch einen göttlichen Trieb geflügelt, und das Gebet von den
Göttern ehe als anderwerts erhöret würde, von mehr als tausend Jahren
her auf ihre Nachkommen fortgepflantzet. Denn die alten andächtigen
Deutschen waren bekümmerter Gott recht zu verehren, als durch Erbauung
köstlicher Tempel die Gebürge ihres Marmels zu berauben und ihre
Ertzt-Adern arm zu machen. Diesemnach sie für eine der grösten
Thorheiten hielten, Affen, Katzen und Crocodilen, ja Knobloch und
Zwibeln mit Weyrauch zu räuchern; welche bey den Egyptiern mehr die aus
Iaspis und Porphyr erbaueten, oder aus einem gantzen Felsen gehauene
Wundertempel verstellten, als durch derselben Pracht einiges Ansehen
ihrer schnöden Hesslichkeit erlangeten.
Nichts minder verlachten sie die zu Rom angebetete Furcht und das
Fieber, als welche Kranckheiten wohl unvergöttert, ja abscheulich
bleiben, wenn gleich zu Überfirnsung ihrer Bilder und Heiligthümer alle
Meere ihr Schnecken-Blut, und gantz Morgenland seine Perlen und
Edelgesteine dahin zinset. Da hingegen eine wahre Gottheit[1] eben so
ein aus schlechtem Rasen erhöhetes Altar, und ein mehr einem finstern
Grabe als einem Tempel ähnliches, aber von dem Feuer andächtiger Seelen
erleuchtetes Heiligthum; wie die Sonne alle düstere Wohnungen mit ihrem
eigenen Glantze erleuchtet und herrlich macht, also dass ohne die
Gegenwart des grossen Auges der Welt alle gestirnte Himmels-Kreise
düstern, in Abwesenheit einer wesentlichen Gottheit all von Rubin und
loderndem Weyrauch schimmernde Tempel irrdisch sind. Denn ob wohl Gott
in und ausser aller Dinge ist, seine Macht und Herrschafft sonder einige
Beunruhigung sich über all Geschöpfe erstrecket, seine Liebe ohne
Ermüdung allen durch ihre Erhaltung die Hände unterlegt; ob er gleich
ohne Ausdehnung alles auswendig umbschleust, alles inwendig ohne seine
Verkleinerung durchdringet; und er also in, über, unter und neben allen
Sachen, iedoch an keinen Ort angebunden, noch nach einigem Maasse der
Höhe, Tieffe und Breite zu messen, seine Grösse nirgends ein-, sein
Wesen nirgends auszuschlüssen ist: So ist doch unwidersprechlich, dass
Gott seiner Offenbarung nach, und wegen der von denen Sterblichen
erfoderten Andacht, einen Ort für dem andern, nicht etwan wegen seiner
absonderlichen Herrligkeit, sondern aus einer unerforschlicher
Zuneigung, ihm belieben lasse, ja mehrmahls selbst erkieset habe. Über
dem Eingange nun dieser ebenfals für andern erwehlten Höle waren
nachfolgende Reimen in einen lebendigen Steinfels gegraben, iedoch gar
schwer zu lesen; weil sie nicht allein mit denen vom Tuisco erfundenen
Buchstaben geschrieben, sondern auch vom Regen abgewaschen und vom Mooss
verstellet waren:
Ihr Eiteln, weicht von hier! der Anfang aller Dinge,
Der eh als dieser Fels und dieser Brunnquell war,
Hat hier sein Heiligthum, sein Wohnhaus, sein Altar;
Der will, dass man ihm nur zum Opfer Andacht bringe.
Die ist das Eigenthum der Menschen. Weyrauch, Blut, 5
Gold, Weitzen, Oel, und Vieh ist sein selbsteigen Gut.
Die Opfer, die ihr ihm auf tausend Tischen schlachtet,
Die machen ihn nicht feist, und keine Gabe reich.
Ihr selbst genüsset es, wenn ihr den Schöpfer gleich
Durch eure Erstlingen hier zu beschencken trachtet. 10
Euch scheint der Fackeln Licht, ihr rücht des Zimmets Brand;
Ja, was ihr gebt, bleibt euch mit Wucher in der Hand.
Gott heischt diss zwar, doch nicht aus lüsterner Begierde.
Denn was ergeitzt das Meer ihm an der armen Flut
Des Thaues? welcher Stern wünscht ihm der Würmer Glut, 15
Die bey den Nachten scheint, und der Rubinen Zierde?
Ihr weiht Gott nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht;
Euch selbst zu eurem Nutz, ihm zur Vergnügung nicht.
Ja auch die Andacht Selbst weiss Gott nichts zuzufrömen;
Denn eignet sie uns zu gleich seine Gnad und Heil, 20
So hat sein Wohlstand doch nicht an dem unsern Theil,
Wie unsre Freude rinnt aus seinen Wohlthats-Strömen.
Hingegen wie kein Dunst versehrt der Sonnen Licht,
So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht.
Der Lästerer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden, 25
Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt.
Es rühmt als Richter ihn, was in der Hölle brüllt;
Wie’s Lob der Seligen preist seine Vater-Gnaden.
Den grossen Gott bewehrt die Kohle, die dort glüht,
So wohl als die, die man wie Sterne gläntzen sieht. 30
So ist’s nun Übermaass, unsäglich grosse Gütte,
Dass Gott die Betenden hier würdigt zu erhörn.
Weicht, Eitele! um nicht diss Heil’ ge zu versehrn!
Denn dass Gott in diss Thal nur einen Blick ausschütte,
Ist gröss’re Gnad, als wenn das Auge dieser Welt 35
Den schlechtsten Sonnen-Staub mit seinem Glantz erhält.
[Notes:
1: _Gottheit_, subject of _erleuchtet und herrlich macht_
understood.]
+LIX. HANS JAKOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN+
The most important writer of prose fiction in the 17th century (_ca._
1625-1676). He spent his early years as a roving soldier. After the war
he published anonymously a number of tales, which are known collectively
as _Simplicianische Schriften_. The best of them is _Der abentheuerliche
Simplicissimus_, which is largely autobiographic. The book parodies the
fashionable romances of adventure and takes hints from the picaresque
tales which had begun to come in from Spain. It is particularly
interesting for its truthful pictures of German life in the time of the
great war. The selection follows Braune’s _Neudrucke_, Nos. 19-25.
_From ‘Simplicissimus,’ Book I, Chapter 4: The hero’s childhood; brutal
soldiers plunder his foster-father’s house and outrage the inmates._
Wiewol ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser, mit
diesen Reutern, in meines Knäns[1] Hauss und Hof zuführen, weil es
schlim genug darin hergehen wird: So erfodert jedoch die Folge meiner
Histori, dass ich der lieben posterität hinterlasse, was vor
Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet
worden, zumalen mit meinem eigenen Exempel zubezeugen, dass alle solche
Übel von der Güte dess Allerhöchsten, zu unserm Nutz, offt notwendig
haben verhängt werden müssen: Dan lieber Leser, wer hätte mir gesagt,
dass ein Gott im Himmel wäre, wan keine Krieger meines Knäns Hauss
zernichtet, und mich durch solche Fahung unter die Leute gezwungen
hätten, von denen ich gnugsamen Bericht empfangen? Kurtz zuvor konte ich
nichts anders wissen noch mir einbilden, als dass mein Knän, Meuder, ich
und das übrige Haussgesind, allein auff Erden sey, weil mir sonst kein
Mensch, noch einzige andre menschliche Wohnung bekant war, als
diejenige, darin ich täglich auss und einging: Aber bald hernach erfuhr
ich die Herkunfft der Menschen in diese Welt, und dass sie wieder
darauss müsten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch, und mit dem
Namen ein Christen-Kind, im übrigen aber nur eine Bestia! Aber der
Allerhöchste sahe meine Unschuld mit barmhertzigen Augen an, und wolte
mich beydes zu seiner und meiner Erkantnus bringen: Und wiewol er
tausenderley Wege hierzu hatte, wolte er sich doch ohn zweiffel nur
dessjenigen bedienen, in welchem mein Knän und Meuder, andern zum
Exempel, wegen ihrer liederlichen Aufferziehung gestrafft würden.
Das Erste, das diese Reuter thäten, war, dass sie ihre Pferde
einställeten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit
zuverrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, dan
obzwar etliche anfingen zumetzgen, zusieden und zubraten, dass es sahe,
als solte ein lustig Panquet gehalten werden, so waren hingegen andere,
die durchstürmten das Hauss unten und oben, ja das heimliche Gemach war
nicht sicher, gleichsam ob wäre das golden Fell von Colchis darin
verborgen; Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerley Haussrath,
grosse Päck zusammen, als ob sie irgends einen Krempelmarkt[2] anrichten
wolten, was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen,
etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht
Schafe und Schweine genug zustechen gehabt hätten, etliche schütteten
die Federn auss den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr
Fleisch und sonst Geräth hinein, als ob alsdan besser darauff
zuschlaffen wäre; Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als
hätten sie einen ewigen Sommer zuverkündigen, Kupffer und Zingeschirr
schlugen sie zusammen, und packten die gebogene und verderbte Stücken
ein, Bettladen, Tische, Stüle und Bäncke verbranten sie, da doch viel
Claffter dürr Holtz im Hof lag, Häfen und Schüsseln muste endlich alles
entzwey, entweder weil sie lieber Gebraten assen, oder weil sie bedacht
waren, nur eine einzige Mahlzeit allda zuhalten, unsre Magd ward im
Stall dermassen tractirt, dass sie nicht mehr darauss gehen konte,
welches zwar eine Schande ist zumelden! den Knecht legten sie gebunden
auff die Erde, steckten ihm ein Sperrholtz ins Maul, und schütteten ihm
einen Melckkübel voll garstig Mistlachen-wasser in Leib, das nanten sie
einen Schwedischen Trunck, wodurch sie ihn zwungen, eine Parthey
anderwerts zuführen, allda sie Menschen und Viehe hinweg namen, und in
unsern Hof brachten, unter welchen mein Knän, meine Meuder, und unsre
Ursele auch waren.
Da fing man erst an, die Steine[3] von den Pistolen, und hingegen anstat
deren der Bauren Daumen auffzuschrauben, und die armen Schelmen so
zufoltern, als wan man hätte Hexen brennen wollen, massen[4] sie auch
einen von den gefangenen Bauren bereits in Backofen steckten, und mit
Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekant hatte,
einem andern machten sie ein Sail um den Kopff, und raitelten[5] es mit
einem Bengel zusammen, dass ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren herauss
sprang. In Summa, es hatte jeder sein eigne invention, die Bauren
zupeinigen, und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter: Allein
mein Knän war meinem damaligen Bedüncken nach der glückligste, weil er
mit lachendem Munde bekante, was andere mit Schmertzen und jämmerlicher
Weheklage sagen musten, und solche Ehre wiederfuhr ihm ohn Zweiffel
darum, weil er der Haussvater war, dan sie satzten ihn zu einem Feur,
banden ihn, dass er weder Hände noch Füsse regen konte, und rieben seine
Fusssolen mit angefeuchtem Saltz, welches ihm unsre alte Geiss wieder
ablecken, und dadurch also kützeln muste, dass er vor Lachen hätte
zerbersten mögen; das kam so artlich, dass ich Gesellschafft halber,
oder weil ichs nicht besser verstund, von Hertzen mit lachen muste: In
solchem Gelächter bekante er seine Schuldigkeit, und öffnete den
verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Cleinodien viel reicher
war, als man hinter den Bauren hätte suchen mögen. Von den gefangenen
Weibern, Mägden und Töchtern weiss ich sonderlich nichts zusagen, weil
mich die Krieger nicht zusehen liessen, wie sie mit ihnen umgingen: Das
weiss ich noch wol, dass man theils hin und wieder in den Winckeln
erbärmlich schreyen hörte, schätze wol, es sey meiner Meuder und unserm
Ursele nit besser gangen, als den andern. Mitten in diesem Elend wante
ich Braten, und halff Nachmittag die Pferde träncken, durch welches
Mittel ich zu unsrer Magd in Stall kam, welche wunderwercklich
zerstrobelt[6] ausssahe, ich kante sie nicht, sie aber sprach zu mir mit
kräncklicher Stimme: O Bub lauff weg, sonst werden dich die Reuter mit
nemen, guck dass du davon kommst, du siehst wol, wie es so ubel: mehrers
konte sie nicht sagen.
[Notes:
1: _Knäns_ = _Vaters_; Spessart dialect, like _Meuder = Mutter_
below.
2: _Krempelmarkt_ = _Trödelmarkt_.
3: _Steine_, i.e. _Feuersteine_, ‘gun-flints.’ They were held in
by a screw.
4: _Massen_ = _wie denn_.
5: _Raitelten_, ‘twisted.’
6: _Zerstrobelt_ = _zerschlagen_.]
+LX. BENJAMIN NEUKIRCH+
A trenchant satirist and the father of German literary criticism
(1665-1729). He was by birth a Silesian and in his early years an
admirer of Hofmannswaldau and Lohenstein. Later he turned against them
and against the whole tribe of insincere occasional rimesters, who were
bringing the poetic art into contempt. His lyric poems are of small
account, but his satires are vigorous and illuminative. The text follows
Fulda’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 39.
+Auf unverständige Poeten.+
Lass doch, Lysander, ab, mit Reimen dich zu plagen
Und einer Bettelkunst halb rasend nachzujagen,
Die zwar die Phantasei durch süsse Träume rührt,
Dich aber auf den Weg der Hungerwiesen führt
Und endlich, wo du dich lässt ihre Grillen treiben, 5
Mit Meistersängern wird in eine Rolle schreiben.
Die eben ist das Gift, das wie die Missethat
Gleich mit der Muttermilch mir ins Geblüte trat.
Wie glücklich wär’ ich doch, wenn mich zu rechter Stunden
Ein kluger Arzt davon durch Kräutersaft entbunden 10
Und alles, was ich nur von Versen angeblickt,
Durch hebend Antimon hätt’ in die Luft geschickt;
So dürft’ ich nicht wie jetzt in Kummerwinckeln sitzen,
Und bei geborgter Lust von langen Sorgen schwitzen,
So hätt’ ich auch vielleicht den Wuchergriff erlernt, 15
Wie man durch Ränke sich von der Vernunft entfernt,
Den Trieb der Redlichkeit mit Silberzäumen lenket,
Den Geist der Gottesfurcht in klugen Schlaf versenket,
Ein reiches Lasterweib zu seinem Willen beugt,
Durch höflichen Betrug auf Ehrenbänke steigt 20
Und endlich, wenn die Kraft der Jugend uns verlassen,
Bei voller Tafel kann von fremdem Gute prassen.
So hab’ ich manchen Tag und manche Nacht verreimt
Und oft ein grosses Lied von Zwergen hergeträumt,
Verliebten ihre Lust in Zucker zugemessen, 25
Betrüger reich gemacht, mich aber gar vergessen;
Und ob mich endlich gleich mit der verjährten Zeit
Ein kurzer Sonnenblick bei Hofe noch erfreut
Und Preussens Salomo,[1] den ich mit Recht gepriesen,
Mir zu der Ehrenburg den Vorhof angewiesen, 30
Ward doch durch seinen Tod, der alles umgekehrt,
Mein Glück und auch zugleich mein ganzer Ruhm verzehrt
Nun lacht die Wucherschar bei ihren Judengriffen,
Dass ich der Tugend Lob auf Hoffnung hergepfiffen,
Die Zungendrescherei den Musen nachgesetzt, 35
Und wahre Weisheit mehr als Geld und Gut geschätzt,
Und dass ich, da der Hof zum Laufen mich gezwungen,
Nicht noch zu rechter Zeit in Schulenstaub gesprungen,
Die matte Dürftigkeit in Mäntel eingehüllt,
Mit leerer Wissenschaft die Jugend angefüllt, 40
Die Kinder gegen Lohn den Toten[2] vorgetrieben
Und wöchentlich ein Lied für Thaler hingeschrieben.
Hiebei verbleibt es nicht. Die schwärmende Vernunft
Der von der Hungersucht bethörten Dichterzunft,
Die sich durch falsche Kunst auf den Parnass geschlichen, 45
Von der gesetzten Bahn der Alten abgewichen,
Mit frecher Hurtigkeit gefüllte Bogen schmiert
Und alle Messen fast ein totes Werk gebiert,
Wird so verwegen schon, dass sie Gesetze stellet,
Der Griechen Zärtlichkeit das Todesurteil fället, 50
Des Maro klugen Witz in Kinderklassen weist,
Horazens Dichterbuch verrauchte Grillen heisst,
Und alles, was sich nur nach alter Kraft beweget,
Auf lüsterndem[3] Papier mit Tinte niederschläget.
Da nun das Wespenheer von Tag zu Tage wächst, 55
Und jeder Knabe schon nach Narrenwasser lechzt,
Was Wunder ist es denn, wenn Ruhm und Ehre stirbet,
Die Kunst zu Grabe geht, die Tugend gar verdirbet? ...
So viel als Reimer sind, so viel und mancherlei
Wirkt in der Poesie nun auch die Phantasei. 60
Ein halb mit Pickelscherz[4] vermengtes Operettchen,
Ein stinkender Roman vom rasenden Chrysettchen,
Ein geiles Myrtenlied und ein nach dem Adon
Des üppigen Marin[5] erbauter Venusthron,
Der der Geliebten Schoss bis auf den Grund entdecket 65
Und Büsch’ und Brunnen draus und Vogelnester hecket,
Ein lügenvolles Lob, das uns ins Angesicht
Den lastervollen Ruf der Toten widerspricht,
Ein rohes Trauerspiel, in dem die Regeln fehlen,
Und so viel Schnitzer fast als Silben sind zu zählen, 70
Ein Brief,[6] den Adam schon der Eva zugesandt,
Da beide dazumal doch keine Schrift gekannt,
Ein kreissendes Sonett, das mit dem Tode ringet
Und der Gedanken Rad so wie die Reime zwinget,
Und ein nach Pöbelart gepriesner Buhlerblick 75
Ist oft bei dieser Zeit das grösste Meisterstück.
So lang ich meinen Vers nach gleicher Art gewogen,
Dem Bilde der Natur die Schminke vorgezogen,
Der Reime dürren Leib mit Purpur ausgeschmückt
Und abgeborgte Kraft den Wörtern angeflickt, 80
So war ich auch ein Mann von hohen Dichtergaben;
Allein sobald ich nur der Spure nachgegraben,
Auf der man zur Vernunft beschämt zurücke kreucht
Und endlich nach und nach nur den Parnass erreicht,
So ist es aus mit mir, so kommt von seinem Suschen 85
Ein mit Ebräerwitz gespicktes Philomuschen,[7]
Klaubt ihm ein Jugendwort in meinen Schriften aus
Und untergräbt damit mein ganzes Ehrenhaus.
Was soll ich Ärmster thun? Soll ich noch einmal rasen
Und durch mein Haberrohr zum Federsturme blasen? 90
Nein, nein, Lysander, nein! Ich will zurücke stehn
Und der erlauchten Schar nur aus den Augen gehn,
Sonst wirft der Schwindelgeist der klugen Weisianer[8]
Mich endlich auf die Bank der reimenden Quintaner
Und jagt mich, ob ich gleich halb notenmässig bin, 95
Ins re, mi, fa, sol, la der Hübneristen[9] hin,
Die sich doch ohnedem an Odermusen[10] reiben,
Sudetenzungen[10] nur zu Mamelucken schreiben
Und alles, was durch Kunst der Pleisse[11] nicht geschehn,
Für Eigenliebe kaum mit halben Augen sehn. 100
Zwar weich’ ich darum nicht, als ob ich, wenn es brennte,[12]
Nicht auch ein Jammerlied im Tanze drechseln könnte,
Und ob der Trippeltakt der leichten Reimerei
In Dedekindens[13] Schoss allein zu Hause sei.
Mir ist ja wohl bekannt, wie man den Schädel seifen 105
Und solche Spötter kann mit Lauge wiedertäufen,
Wie mancher ohne Bart in Phöbus’ Auen springt,
Und wie ein kollernd Pferd sich auf den Pindus schwingt;
Allein ich hab’ einmal die Thorheit aufgegeben.
Es reime, wer da will; ich will in Friede leben. 110
[Notes:
1: Friedrich I, who died in 1713.
2: _Den Toten_, i.e. _den alten (Schriftstellern)_
3: _Lüsterndem_, ‘wanton,’ ‘lubricious.’
4: _Pickelscherz (Pickelhäringscherz)_, ‘clownish jokes.’
5: The Italian poet Marino, known for his sensuality and
affectation, was in high favor with the later Silesians.
6: _Brief_, in allusion to the sensual _Heldenbriefe_ of
Hofmannswaldau.
7: _Philomuschen_, ‘poetaster’ (lover of the Muses).
8: _Weisianer_, partisans of the dull and trivial
schoolmaster-poet, Christian Weise.
9: _Hübneristen_, mechanical rimesters; Hübner was the author of
a dictionary of rimes.
10: _Odermusen_; ‘muses of the Oder’ and ‘tongues of the Sudeti’
are both names for the later Silesian poets.
11: _Kunst der Pleisse_, Leipzig’s art.
12: _Wenn es brennte_ = _wenn es drauf ankäme_.
13: _Dedekindens_; C. C. Dedekind was a facile but vacuous
rimester.]
+LXI. JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER+
A gifted lyric poet whose life was short and full of trouble
(1695-1723). In an age of poetic artificiality and pretense his verse is
generally simple, sincere, and passionate. His work is mainly a record
of suffering, the note of joy being relatively infrequent. He is a
forerunner of those modern poets of whom one may say with Goethe’s
Tasso: _Mir gab ein Gott zu sagen, wie ich leide._ The text follows
Fulda’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 38.
+1+
+Studentenlied.+
Brüder, lasst uns lustig sein,
Weil der Frühling währet
Und der Jugend Sonnenschein
Unser Laub verkläret;
Grab und Bahre warten nicht; 5
Wer die Rosen jetzo bricht,
Dem ist der Kranz bescheret.
Unsers Lebens schnelle Flucht
Leidet keinen Zügel,
Und des Schicksals Eifersucht 10
Macht ihr stetig Flügel;
Zeit und Jahre fliehn davon,
Und vielleichte schnitzt man schon
An unsers Grabes Riegel.
Wo sind diese, sagt es mir, 15
Die vor wenig Jahren
Eben also, gleich wie wir,
Jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
Sie sind in ein ander Land 20
Aus dieser Welt gefahren.
Wer nach unsern Vätern forscht,
Mag den Kirchhof fragen;
Ihr Gebein, so längst vermorscht,
Wird ihm Antwort sagen. 25
Kann uns doch der Himmel bald,
Eh die Morgenglocke schallt,
In unsre Gräber tragen.
Unterdessen seid vergnügt,
Lasst den Himmel walten, 30
Trinkt, bis euch das Bier besiegt,
Nach Manier der Alten.
Fort! Mir wässert schon das Maul,
Und, ihr andern, seid nicht faul,
Die Mode zu erhalten. 35
Dieses Gläschen bring’ ich dir,
Dass die Liebste lebe
Und der Nachwelt bald von dir
Einen Abriss gebe!
Setzt ihr andern gleichfalls an, 40
Und wenn dieses ist gethan,
So lebt der edle Rebe.
+2+
+An Leonoren.+
Als er sich mit ihr wieder zu versöhnen suchte.
Kluge Schönheit, nimm die Busse
Eines armen Sünders an,
Welcher dir mit einem Kusse
Gestern Abends weh gethan,
Und auf deinen Rosenwangen 5
Einen schönen Raub begangen.
Ich gesteh’ es, mein Verbrechen
Ist der schärfsten Strafe wert,
Und du magst ein Urteil sprechen,
Wie dein Wille nur begehrt; 10
Dennoch würd’ ich zu den Füssen
Deiner Gnade danken müssen.
Aber weil ihr Himmelskinder
Eurem Vater ähnlich seid,
Welcher auch die gröbsten Sünder 15
Seines Eifers oft befreit,
Ach, so werden meine Zähren
Deinen Zorn in Liebe kehren.
Gönne mir nur dieses Glücke,
Bald mit dir versöhnt zu sein, 20
Bis nach manchem kalten Blicke
Deiner Augen Sonnenschein
Mir und meiner Hoffnung lache
Und mich endlich kühner mache.
+3+
+Die verworfene Liebe.+
Ich habe genug!
Lust, Flammen und Küsse
Sind giftig und süsse
Und machen nicht klug;
Komm, selige Freiheit, und dämpfe den Brand, 5
Der meinem Gemüte die Weisheit entwandt.
Was hab’ ich gethan!
Jetzt seh’ ich die Triebe
Der thörichten Liebe
Vernünftiger an; 10
Ich breche die Fessel, ich löse mein Herz
Und hasse mit Vorsatz den zärtlichen Schmerz.
Was quält mich vor Reu’?
Was stört mir vor Kummer
Den nächtlichen Schlummer? 15
Die Zeit ist vorbei.
O köstliches Kleinod, o teurer Verlust!
O hätt’ ich die Falschheit nur eher gewusst!
Geh, Schönheit, und fleuch!
Die artigsten Blicke 20
Sind schmerzliche Stricke.
Ich merke den Streich,
Es lodern die Briefe, der Ring bricht entzwei
Und zeigt meiner Schönen: Nun leb’ ich recht frei.
Nun leb’ ich recht frei 25
Und schwöre von Herzen,
Dass Küssen und Scherzen
Ein Narrenspiel sei;
Denn wer sich verliebet, der ist wohl nicht klug;
Geh, falsche Sirene, ich habe genug! 30
+4+
+An Leonoren.+
Als er sie einer beständigen Liebe versicherte.
Treuer Sinn,
Wirf den falschen Kummer hin.
Lass den Zweifel der Gedanken
Nicht mit meiner Liebe zanken,
Da ich längst dein Opfer bin. 5
Glück und Zeit
Hasset die Beständigkeit;
Doch das Feuer, so ich fühle,
Hat die Ewigkeit zum Ziele
Und verblendet selbst den Neid. 10
Meine Glut
Leidet keinen Wankelmut;
Eher soll die Sonn’ erfrieren,
Als die Falschheit mich verführen,
Eher löscht mein eigen Blut. 15
Grab und Stein
Adeln selbst mein Redlichsein.
Bricht mir gleich der Tod das Herze,
So behält die Liebeskerze
In der Asche doch den Schein. 20
+5+
+An Leonoren.+
Gedenk an mich und meine Liebe,
Du mit Gewalt entrissnes Kind,
Und glaube, dass die reinen Triebe
Dir jetzt und allzeit dienstbar sind,
Und dass ich ewig auf der Erde 5
Sonst nichts als dich verehren werde.
Gedenk an mich in allem Leiden
Und tröste dich mit meiner Treu!
Die Luft mag jetzt empfindlich schneiden,
Die Wetter gehn doch all vorbei, 10
Und nach dem ungeheuren Knallen
Wird auch ein fruchtbar Regen fallen.
Gedenk an mich in deinem Glücke,
Und wenn es dir nach Wunsche geht,
So setze nie den Freund zurücke, 15
Der bloss um dich in Sorgen steht!
Auch mir kann bei dem besten Leben
Nichts mehr als du Entzückung geben.
Gedenk an mich in deinem Sterben;
Der Himmel halte dies noch auf; 20
Doch sollen wir uns nicht erwerben,
Und zürnt der Sterne böser Lauf,
So soll mir auch das Sterbekissen
Die Hinfahrt durch dein Bild versüssen.
Gedenk an mich und meine Thränen, 25
Die dir so oft das Herz gerührt
Und die dich durch mein kräftig Sehnen
Zum ersten auf die Bahn geführt,
Wo Kuss und Liebe treuer Herzen
Des Lebens Ungemach verschmerzen. 30
Gedenk auch, endlich an die Stunde,
Die mir das Herz vor Wehmut brach,
Als ich, wie du, mit schwachem Munde
Die letzten Abschiedsworte sprach;
Gedenk an mich und meine Plagen! 35
Mehr will und kann ich jetzt nicht sagen.
+6+
+An seine Leonore.+
Bist du denn noch Leonore,
Der so manch verliebter Schwur
(Sinne nach, bei welchem Thore!)
Unter Kuss und Schmerz entfuhr,
Ach, so nimm die stummen Lieder 5
Eben noch mit dieser Hand,
Die mir ehmals Herz und Glieder
Mit der stärksten Reizung band.
Durch dein sehnliches Entbehren
Werd’ ich vor den Jahren grau, 10
Und der Zufluss meiner Zähren
Mehrt schon lange Reif und Tau;
Meine Schwachheit, mein Verbleichen
Und die Brust, so stündlich lechzt,
Wird des Kummers Siegeszeichen, 15
Der aus unsrer Trennung wächst.
Lust und Mut und Geist zum Dichten,
Feuer, Jugend, Ruhm und Fleiss
Suchen mit Gewalt zu flüchten
Und verlieren ihren Preis, 20
Weil der Zunder deiner Küsse
Meinen Trieb nicht mehr erweckt
Und die Führung harter Schlüsse
Ein betrübtes Ziel gesteckt.
Alle Bilder meiner Sinnen 25
Sind mir Ekel und Verdruss,
Da sie nichts als Gram gewinnen,
Weil ich dich noch suchen muss.
Nichts ergetzt mich mehr auf Erden
Als das Weinen in der Nacht, 30
Wenn es unter viel Beschwerden
Dein Gedächtnis munter macht.
Jedes Blatt von deinen Händen
Ist ein Blatt voll Klag’ und Weh,
Und ich kann es niemals wenden, 35
Dass kein Stich ans Herze geh’;
Die Versichrung leerer Zeilen
Giebt den Leibern wenig Kraft,
Welche Luft und Ort zerteilen.
O bedrängte Leidenschaft! 40
+7+
+Die seufzende Geduld.+
Morgen wird es besser werden,
Also seufzt mein schwacher Geist,
Den die Menge der Beschwerden
Über allen Abgrund reisst.
Aber ach, wenn bricht der Morgen 5
Und das Licht der Hoffnung an,
Da ich die so langen Sorgen
Nach und nach vergessen kann?
Sklaven auf den Ruderbänken
Wechseln doch mit Müh’ und Ruh’, 10
Dies mein unaufhörlich Kränken
Lässt mir keinen Schlummer zu.
Niemand klagt mein schweres Leiden,
Dies vergrössert Last und Pein.
Himmel, lass mich doch verscheiden, 15
Oder gieb mir Sonnenschein!
Will ich mich doch gerne fassen,
Wenn mich nur der Trost erquickt,
Dass dein ewiges Verlassen
Mich nicht in die Grube schickt. 20
+LXII. BARTHOLD HEINRICH BROCKES+
A writer of rather mediocre gifts who is of some historical importance
as the pioneer in a new poetry of nature (1680-1747). He was the first
to blend reverent emotion with very minute observation and description.
His thesis--as oft reiterated in his many-volumed _Earthly Pleasure in
God_--is that we _ought_ to love nature because it is the wonderful and
perfect work of an infinitely wise and good Creator. The selections
follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 39.
+1+
+Anmutige Frühlingsvorwürfe.+
Ich höre die Vögel, ich sehe die Wälder,
Ich fühle das Spielen der kühlenden Luft,
Ich rieche der Blüte balsamischen Duft,
Ich schmecke die Früchte. Die fruchtbaren Felder,
Die glänzenden Wiesen, das funkelnde Nass 5
Der tauichten Tropfen, das wallende Gras
Voll lieblicher Blumen, das sanfte Gezische
Der mancherlei lieblich beblätterten Büsche,
Das murmelnde Rauschen der rieselnden Flut,
Der zitternde Schimmer der silbernen Fläche 10
Durch grünende Felder sich schlängender Bäche,
Der flammenden Sonne belebende Glut,
Die alles verherrlichet, wärmet und schmücket,
Dies alles ergetzet, erquicket, entzücket
Ein Auge, das Gott in Geschöpfen ersieht, 15
Ein Ohr, das den Schöpfer verstehet und höret,
Ein Herze, das Gott in den Wundern verehret,
Kein viehisch, nur einzig ein menschlich Gemüt.
+2+
+Die Nachtigall und derselben Wettstreit gegen einander.+
Im Frühling rührte mir das Innerste der Seelen
Der Büsche Königin, die holde Nachtigall,
Die aus so enger Brust und mit so kleiner Kehlen
Die grössten Wälder füllt durch ihren Wunderschall.
Derselben Fertigkeit, die Kunst, der Fleiss, die Stärke, 5
Verändrung, Stimm’ und Ton sind lauter Wunderwerke
Der wirkenden Natur, die solchen starken Klang
In ein paar Federchen, die kaum zu sehen, senket
Und einen das Gehör bezaubernden Gesang
In solche dünne Haut und zarten Schnabel schränket. 10
Ihr Hälschen ist am Ton so unerschöpflich reich,
Dass sie tief, hoch, gelind und stark auf einmal singet.
Die kleine Gurgel lockt und zischt und pfeift zugleich,
Dass sie wie Quellen rauscht, wie tausend Glocken klinget.
Sie zwitschert, stimmt und schlägt mit solcher Anmut an, 15
Mit solchem nach der Kunst gekräuselten Geschwirre,
Dass man darob erstaunt und nicht begreifen kann,
Ob sie nicht seufzend lach’, ob sie nicht lachend girre.
Ihr Stimmchen ziehet sich in einer hohlen Länge
Von unten in die Höh’, fällt, steigt aufs neu empor, 20
Und schwebt nach Mass und Zeit; bald drängt sich eine Menge
Verschiedner Tön’ aus ihr als wie ein Strom hervor.
Sie dreht und dehnt den Ton, zerreisst und fügt ihn wieder,
Singt sanft, singt ungestüm, bald klar, bald grob, bald hell.
Kein Pfeil verfliegt so rasch, kein Blitz verstreicht so schnell, 25
Die Winde können nicht so streng im Stürmen wehen,
Als ihre schmeichelnde verwunderliche Lieder
Mit wirbelndem Geräusch sich ändern, sich verdrehen.
Ein flötend Glucken quillt aus ihrer hohlen Brust,
Ein murmelnd Pfeifen labt der stillen Hörer Herzen; 30
Doch dies verdoppelt noch und mehrt die frohe Lust,
Wenn etwan ihrer zwo zugleich zusammen scherzen.
Die singt, wenn jene ruft; wann diese lockt, singt jene
Mit solch anmutigem bezaubernden Getöne,
Dass diese wiederum aus Missgunst, als ergrimmt, 35
In einen andern Ton die schlanke Zunge stimmt.
Die andre horcht indes und lauscht voll Unvergnügen,
Ja fängt zu ihres Feinds und Gegensängers Hohn,
Um durch noch künstlichern Gesang ihn zu besiegen,
Von neuem wieder an in solchem scharfen Ton, 40
Mit solchem feurigen, empfindlich hellen Klang,
Mit solch gewaltigem oft wiederholtem Schlagen,
Dass so durchdringenden und heftigen Gesang
Das menschliche Gehör kaum mächtig zu ertragen.
Wer nun so süssen Ton im frohen Frühling hört 45
Und nicht des Schöpfers Macht voll Brunst und Andacht ehrt,
Der Luft Beschaffenheit, das Wunder unsrer Ohren
Bewundernd nicht bedenkt, ist nur umsonst geboren
Und folglich nicht der Luft, nicht seiner Ohren wert.
+3+
+Frühlingsbetrachtungen.+
Mich erquicken,
Mich entzücken
In der holden Frühlingszeit
Alle Dinge, die ich sehe,
Da ja, wo ich geh’ und stehe, 5
Alles voller Lieblichkeit.
Durch der grünen Erde Pracht,
Durch die Blumen, durch die Blüte
Wird durchs Auge mein Gemüte
Recht bezaubernd angelacht. 10
Die gelinden lauen Lüfte
Voller balsamreicher Düfte
Treibt des holden Zephyrs Spiel
Zum Geruch und zum Gefühl.
Auf den glatten Wellen wallen 15
Wie auf glänzenden Krystallen
Im beständig regen Licht
Tausend Strahlen, tausend Blitze,
Und ergetzen das Gesicht,
Sonderlich wenn selbe zwischen 20
Noch nicht dick bewachs’nen Büschen
Und durch junge Weiden glimmen.
Kleine Lichter, welche schwimmen
Auf dem Laub und auf der Flut
Bald in weiss-, bald blauer Glut, 25
Treffen mit gefärbtem Scherz
Durch die Augen unser Herz.
Seht die leichten Vögel fliegen,
Höret, wie sie sich vergnügen,
Seht, wie die beblümten Hecken 30
Ihr geflochtnes Nest verstecken!
Schlüpfet dort nach seinem Neste
Ein verliebt und emsigs Paar,
Hüfpet hier durch Laub und Äste
Eine bunt gefärbte Schar. 35
Seht, wie sie die Köpfchen drehn
Und des Frühlings Pracht besehn,
Hört, wie gurgeln sie so schön!
Höret, wie sie musicieren!
Lass dich doch ihr Beispiel rühren, 40
Liebster Mensch, lass dem zu Ehren,
Der die Welt so schön geschmückt
Und durch sie dich fast entzückt,
Auch ein frohes Danklied hören!
+LXIII. JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED+
A Leipzig scholar (1700-1766) who, as professor in the university,
author of text-books, editor of journals, and reformer of the local
stage, won a great though transitory prestige. He was a stedfast
champion of clarity, regularity, and good taste, laid great stress on
probability and reasonableness, and held that a strict observance of the
three unities was essential in tragedy. His advocacy of French forms and
taste led to a sharp controversy with the Swiss school of Bodmer, who
looked rather to English models. Gottsched’s _Cato_ met with great
success on the stage, but now seems cold and mechanical. His critical
views can best be studied in the _Critische Dichtkunst_, from which a
selection is given according to the second edition, of 1737.
_From the ‘Critical Poetics,’ Part II, Chapter 10._
§ 11. Wie eine gute tragische Fabel gemacht werden müsse, das ist schon
im vierten Hauptstücke des ersten Theils einiger maassen gewiesen
worden. Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen
Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich
eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet.
Hiernächst sucht er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas
ähnliches begegnet ist: Und von diesen entlehnet er die Namen, für die
Personen seiner Fabel, um derselben also ein Ansehen zu geben. Er
erdenket sodann alle Umstände dazu, um die Hauptfabel recht
wahrscheinlich zu machen, und das werden die Zwischenfabeln, oder
Episodia genannt. Dieses theilt er dann in fünf Stücke ein, die ungefehr
gleich gross sind, und ordnet sie so, dass natürlicher Weise das
letztere aus dem vorhergehenden fliesset: Bekümmert sich aber weiter
nicht, ob alles in der Historie so vorgegangen, oder ob alle
Nebenpersonen wirklich so und nicht anders geheissen haben. Zum Exempel
kann die oberwähnte Tragödie des Sophokles, oder auch mein Cato dienen.
Der Poet wollte dort zeigen, dass Gott auch die Laster, so unwissend
begangen werden, nicht ungestraft lasse. Hierzu ersinnt er nun eine
allgemeine Fabel, die etwa so lautet:
§ 12. Es war einmal ein Prinz, wird es heissen, der sehr viel gute
Eigenschaften an sich hatte, aber dabey verwegen, argwöhnisch und
neugierig war. Dieser hatte einmal, vor dem Antritte seiner Regierung,
auf freyem Felde einen Mord begangen; ohne zu wissen, dass er seinen
eigenen Vater erschlagen hatte. Durch seinen Verstand bringet er sich in
einem fremden Lande in solches Ansehen, dass er zum Könige gemacht wird,
und die verwittibte Königinn heurathet, ohne zu wissen, dass selbige
seine eigene Mutter ist. Aber dieses alles geht ihm nicht für genossen
aus. Seine Laster kommen ans Licht, und es treffen ihn alle die Flüche,
die er selbst auf den Mörder seines Vorfahren im Regimente ausgestossen
hatte. Er wird des Reiches entzetzet, und ins Elend getrieben, nachdem
er sich selbst aus Verzweifelung der Augen beraubet hatte. Zu dieser
allgemeinen Fabel nun findet Sophokles in den alten thebanischen
Geschichten den Oedipus geschickt. Er ist ein solcher Prinz, als die
Fabel erfordert: Er hat unwissend einen Vatermord und eine Blutschande
begangen. Er ist dadurch auf eine Zeitlang glücklich geworden: Allein
die Strafe bleibt nicht aus; sondern er muss endlich alle die Wirkungen
seiner unerhörten Laster empfinden.
§ 13. Diese Fabel ist nun geschickt, Schrecken und Mitleiden zu
erwecken, und also die Gemüthsbewegungen der Zuschauer auf eine der
Tugend gemässe Weise zu erregen. Man sieht auch, dass der Chor in dieser
Tragödie dadurch bewogen wird, recht erbauliche Betrachtungen, über die
Unbeständigkeit des Glückes der Grossen dieser Welt, und über die
Schandbarkeit seiner Laster anzustellen, und zuletzt in dem Beschlusse
die Thebaner so anzureden: Ihr Einwohner von Theben, sehet hier den
Oedipus, der durch seine Weisheit Räthsel erklären konnte, und an
Tapferkeit alles übertraf; ja der seine Hohheit sonst keinem, als seinem
Verstande und Heldenmuthe zu danken hatte: Seht, in was für schreckliche
Trübsalen er gerathen ist; und wenn ihr dieses unselige Ende desselben
erweget, so lernt doch niemanden für glücklich halten, bis ihr ihn seine
letzte Stunde glücklich habt erreichen gesehen.
§ 14. Eine solche Fabel nun zu erdichten, sie recht wahrscheinlich
einzurichten, und wohl auszuführen, das ist das allerschwerste in einer
Tragödie. Es hat viele Poeten gegeben, die in allem andern Zubehör des
Trauerspiels, in den Charactern, in dem Ausdrucke, in den Affecten
u.s.w. glücklich gewesen: Aber in der Fabel ist es sehr wenigen
gelungen. Das macht, dass dieselbe eine dreyfache Einheit haben muss,
wenn ich so reden darf: Die Einheit der Handlung, der Zeit, und des
Ortes. Von allen dreyen müssen wir insonderheit handeln.
§ 15. Die ganze Fabel hat nur eine Hauptabsicht, nemlich einen
moralischen Satz: Also muss sie auch nur eine Haupthandlung haben, um
derentwegen alles übrige vorgehet. Die Nebenhandlungen aber, die zur
Ausführung der Haupthandlung gehören, können gar wohl andre moralische
Wahrheiten in sich schliessen: Wie zum Exempel in Oedipus die Erfüllung
der Orakel, darüber Iocasta vorher gespottet hatte, die Lehre giebt:
Dass die göttliche Allwissenheit nicht fehlen könne. Alle Stücke sind
also tadelhaft und verwerflich, die aus zwoen Handlungen bestehen, davon
keine die vornehmste ist. Ich habe dergleichen im Jahr 1717 am
Reformationsfeste in einer Schulcomödie vorstellen gesehen, wo der
Inhalt der Aeneis Virgilii, und die Reformation Lutheri zugleich
vorgestellet wurde. In einem Auftritte war ein Trojaner, in dem andern
der Ablasskrämer Tetzel zu sehen. Bald handelte Aeneas von der Stiftung
des römischen Reichs, bald kam Lutherus und reinigte die Kirche. Bald
war Dido, bald die babylonische Hure zu sehen u.s.w. Und diese beyde so
verschiedene Handlungen hiengen nicht anders zusammen, als durch eine
lustige Person, die zwischen solchen Vorstellungen auftrat, und z.E. den
auf der See bestürmten Aeneas mit dem in Gefahr schwebenden
Kirchenschifflein verglich. Das ist nun ein sehr handgreiflicher Fehler,
wo zwey so verschiedene Dinge zugleich gespielet werden. Allein die
andern, so etwas unmerklicher sind, verdienen deswegen keine
Entschuldigung.
§ 16. Die Einheit der Zeit ist das andre, so in der Tragödie
unentbehrlich ist. Die Fabel eines Heldengedichtes kann viele Monate
dauren, wie oben gewiesen worden; das macht, sie wird nur gelesen: Aber
die Fabel eines Schauspieles, die mit lebendigen Personen in etlichen
Stunden lebendig vorgestellet wird, kann nur einen Umlauf der Sonnen,
wie Aristoteles spricht, das ist einen Tag, dauren. Denn was hat es für
eine Wahrscheinlichkeit, wenn man in dem ersten Auftritte den Helden in
der Wiege, weiter hin als einen Knaben, hernach als einen Jüngling,
Mann, Greis, und zuletzt gar im Sarge vorstellen wollte: Wie Cervantes
solche thörichte Schauspiele an seinen spanischen Poeten im Don Quixote
ausgelachet hat. Oder wie ist es wahrscheinlich, dass man es auf der
Schaubühne etlichemal Abend werden sieht, und doch selbst, ohne zu essen
oder zu trinken, oder zu schlafen, immer auf einer Stelle sitzen bleibt?
Die besten Fabeln sind also diejenigen, die nicht mehr Zeit nöthig
gehabt hätten, wirklich zu geschehen, als sie zur Vorstellung brauchen;
das ist etwa drey oder vier Stunden: Und so sind die Fabeln der meisten
griechischen Tragödien beschaffen. Kömmt es hoch, so bedörfen sie sechs,
acht, oder zum höchsten zehn Stunden zu ihrem ganzen Verlaufe: Und höher
muss es ein Poet nicht treiben; wenn er nicht wieder die
Wahrscheinlichkeit handeln will.
§ 17. Es müssen aber diese Stunden bey Tage, und nicht bey Nacht seyn,
weil diese zum Schlafen bestimmet ist: Es wäre denn dass die Handlung
entweder in der Nacht vorgegangen wäre, oder erst nach Mittag anfienge,
und sich bis in die späte Nacht verzöge; oder umgekehrt frühmorgens
angienge, und bis zu Mittage daurete. Der berühmte Cid des Corneille
läuft in diesem Stücke wieder die Regeln, denn er dauret eine ganze
Nacht durch, nebst dem vorigen und folgenden Tage, and braucht
wenigstens volle vier und zwanzig Stunden: Welches schon viel zu viel
ist, und unerträglich seyn würde, wenn das Stück nicht sonst viel andre
Schönheiten in sich hätte, die den Zuschauern fast nicht Zeit liessen,
daran zu gedenken. Das ist nun eben die Kunst, die Fabel so ins kurze zu
bringen, dass keine lange Zeit dazu gehöret; und eben deswegen sind auch
bey uns Deutschen die Tragödien vom Wallenstein, von der Banise,
ingleichen von der böhmischen Libussa ganz falsch und unrichtig: Weil
sie zum Theil etliche Monate, zum Theil aber viele Jahre zu ihrer Dauer
erfordern. Meine obrige Schultragödie hub sich von dem Urtheile des
Paris über die drey Göttinnen an, und daurete bis auf des Aeneas Ankunft
in Italien. Das war nun eine Zeit, davon die zwey Heldengedichte, Ilias
und Aeneis, nicht den zwanzigsten Theil einnehmen, und ich zweifle, ob
man die Ungereimtheit höher hätte treiben können.
§ 18. Zum dritten gehört zur Tragödie die Einigkeit des Ortes. Die
Zuschauer bleiben auf einer Stelle sitzen: Folglich müssen auch die
spielenden Personen alle auf einem Platze bleiben, den jene übersehen
können, ohne ihren Ort zu ändern. So ist im Oedipus, z.E. der Schauplatz
auf dem Vorhofe des königlichen thebanischen Schlosses, darinn Oedipus
wohnt. Alles, was in der ganzen Tragödie vorgeht, das geschieht vor
diesem Pallaste: Nichts was man wirklich sieht, trägt sich in den
Zimmern zu, sondern draussen auf dem Schlossplatze, vor den Augen alles
Volks. Heute zu Tage, da unsre Fürsten alles in ihren Zimmern
verrichten, fällt es also schwerer, solche Fabeln wahrscheinlich zu
machen. Daher nehmen denn die Poeten gemeiniglich alte Historien dazu,
oder sie stellen uns auch einen grossen Audienzsaal vor, darinn
vielerley Personen auftreten können. Ja sie helfen sich auch zuweilen
mit dem Vorhange, den sie fallen lassen und aufziehen, wenn sie zwey
Zimmer zu der Fabel nöthig haben. Man kann also leicht denken, wie
ungereimt es ist, wenn, nach dem Berichte des Cervantes, die spanischen
Trauerspiele den Helden in dem ersten Aufzuge in Europa, in dem andern
in Africa, in dem dritten in Asien, und endlich gar in America
vorstellen: Oder, wenn meine obgedachte Schulcomödie uns bald in Asien
die Stadt Troja, bald die ungestüme See, darauf Aeneas schiffet, bald
Carthago, bald Italien vorstellete, und uns also durch alle drey Theile
der damals bekannten Welt, führete, ohne dass wir uns von der Stelle
rühren dorften. Es ist also in einer regelmässigen Tragödie nicht
erlaubt, den Schauplatz zu ändern. Wo man ist, da muss man bleiben; und
daher auch nicht in dem ersten Aufzuge im Walde, in dem andern in der
Stadt, in dem dritten im Kriege und in dem vierten in einem Garten, oder
gar auf der See seyn; Das sind lauter Fehler wieder die
Wahrscheinlichkeit: Eine Fabel aber, die nicht wahrscheinlich ist, taugt
nichts, weil dieses ihre vornehmste Eigenschaft ist.
+LXIV. JOHANN JAKOB BODMER+
A Swiss scholar (1698-1783) who is important as the first notable
champion of English literature, and also as the pioneer editor of
medieval poetry. In 1721 he began, with a group of Zürich friends, the
publication of _Discourse der Mahlern_, a literary magazine for which
the English _Spectator_ served as a model. A defense of Milton,
published in 1740, brought on the controversy with Gottsched. In the
course of his long life Bodmer wrote vast quantities of didactic verse,
also epics and tragedies, which are now forgotten, his theory of poetry
having been better than his practice. His fragmentary and uncritical
editions of Wolfram’s _Parzival_, the _Nibelung Lay_, and the
Minnesingers (1753-59) are the earliest attempts to arouse interest in
the forgotten poetry of the despised Middle Ages. The selection is from
the _Discourse der Mahlern_, following Bächtold and Vetter’s reprint in
_Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz_, Zürich, 1887.
_From ‘Discourses of the Painters,’ Part I, No. 19; Importance of the
Imagination._
Eine Imagination, die sich wol cultiviert hat, ist eines von den
Haupt-Stücken, durch welche sich der gute Poet von dem gemeinen Sänger
unterscheidet, massen die reiche und abändernde Dichtung, die ihr Leben
und Wesen eintzig von der Imagination hat, die Poesie von der Prosa
hauptsächlich unterscheidet. Dass Opitz den Rang vor Menantes[1]
pretendieren kan, geben ihm das Recht diese schönen und abwechselnde
Bildnissen, die er gemachet hat, und in welchen er die Natur mit denen
Farben und in der Gestalt gemahlet hat, die ihr eigen sind. Ich bediene
mich mit Fleisse dieser Metaphora, die ich von den Mahlern entlehne,
denn die erste und eintzige Regel, welche ein jedweder Schreiber und
Redner, es seye in gebundener oder ungebundener Rede, nachzufolgen hat,
und welche ihm mit den Mahlern gemein ist, die ist diese, dass er das
Natürliche nachspüre und copiere; alle diese andere Regeln, dass er
anmuthig, delicat, hoch schreibe, sind in dieser eingeschlossen und
fliessen daraus ab. Wenn er von einer jeden Sache dasjenige saget, was
ein curieuser Sinn davon wahrnimmt, wenn er nichts davon verfliegen
lässt, das sie dienet von andern Sachen zuunterscheiden, und wenn er mit
solchen angemessenen Worten davon redet, welche mir eben dieselben Ideen
davon erwecken, so sage ich dass er natürlich schreibe; wenn er denn von
einer anmuthigen Sache natürlich schreibet, so kan ich sagen, dass sein
Stylus anmuthig ist; schreibet er von einer Delicatesse natürlich, so
wird der Stylus delicat, und er wird hoch, wenn er von einer Sache
natürlich redet, welche die Menschen bewundern und gross nennen. Weil
nun Opitz natürlicher, und welches nichts anders saget, annehmlicher,
delicater und höcher ist, als Menantes, so heisst er mir auch ein
besserer Poet als Menantes. Dass aber Opitz natürlicher dichtet als der
andere, ist dieses die Ursache, weil er die Imagination mehr poliert und
bereichert hat als dieser; Opitz hat, nemlich, nicht allein mehr Sachen
durch die eigene Erfahrung und die Lesung in seine Imagination
zusammengetragen, sondern er hat noch an denjenigen Sachen, die ihm
aufgestossen, und die Hunolden vielleicht auch in die Sinnen gefallen,
mehrere Seiten und Differenzien wahrgenommen, er hat sie von einer
Situation angeschauet, von welcher sie ihm besser in die Imagination
gefallen sind, und er hat sich länger darüber aufgehalten, indem er sie
mit einer sorgfältigern Curiosität betrachtet und durchgesuchet hat.
Also hat er erstlich eine nähere und vollkommnere Kenntniss der Objecten
erworben, und hernach hat er eben darum auch gewissere und vollkommnere
Beschreibungen machen können, in welchen die wahre Proportion und
Eigenschafften der Sachen bemercket, und derselben Seiten ohne Ermangeln
abgezehlet worden.
Ihr erkennet aus diesem die Nothwendigkeit, und was es contribuiert
natürlich schreiben zu lernen, dass ein Schüler der Natur sich wisse
über den aufstossenden Objecten zufixieren, und sie in einer solchen
Postur anzuschauen, in welcher ihm kein Theil und keine Seiten derselben
kan verborgen bleiben; er muss so nahe zu derselben tretten, und die
Augen so wol offen behalten, dass ihm weder die allzuweite Entfernung
sie kleiner machet, noch die Nähe mit einem Nebel überziehet. Wenn ich
jetz ferner untersuche, warum Opitz die Imagination freyer und
ungebundener bewahret, und die Distractionen ausgewichen habe, welche
Hunolden die Menge der Objecten und andere Umstände erwecket haben, so
finde ich keine andere Ursache, als weil Opitz von diesen belebten
Seelen gewesen, welche weit zärtlichern und hitzigern Affecten
unterworffen sind, und viel geschwinder Feuer, oder dass ich ohne
Metaphora rede, Liebe für ein Objectum fangen, als andere unachtsame und
dumme Leute; denn es ist im übrigen gewiss, dass wir uns um eine Sache,
für die wir passioniert sind, weit mehr interessieren, und weit mehr
Curiositet und Fleiss haben, sie anzuschauen, folglich auch die
Imagination damit mehr anfüllen, als wir bey einem Objecte thun, für das
wir indifferent sind. Ein Amant wird von der Schönheit seiner
Buhlschäfft eine ähnlichere und natürlichere Beschreibung machen, als
ein jedweder andrer, dem sie nicht so starck an das Hertze gewachsen
ist. Ihr werdet einen Affect allezeit natürlicher ausdrücken, den ihr in
dem Hertzen fühlet, als den ihr nur simulieret. Die Leidenschafft wird
euch im ersten Fall alle Figuren der Rhetoric auf die Zunge legen, ohne
dass ihr sie studieret. Zertheilet und erleset die Harangue einer
Frauen, die ihre Magd von Hertzen ausschiltet, ihr werdet es also
finden. Wenn auf diese Weise die Imagination von der Passion begleitet
wird, alsdann ist sie im Stande sich ohne Distraction über ein Objecte
aufzuhalten, und sich die Natur, Gestalt und Grösse desselben bekandt
zumachen; und dieses ist die Manier, die sie brauchet, sich
auszuschmücken und zu bereichern.
Erst ein solcher Schreiber der, wie unser Opitz, die Imagination mit
Bildern der Sachen bereichert und angefüllet hat, kan lebhaft und
natürlich dichten. Er kan die Objecte, die er einmal gesehen hat, so
offt er will, wieder aus der Imagination holen, sie wird ihn gleichsam
auf die Stelle zurück führen, wo er dieselben antreffen kan. Er seye in
sein Cabinet eingeschlossen, und werde von keinen andern Gegenständen
umgeben, als von einem Hauffen Bücher, so wird sie ihm eine hitzige
Schlacht, eine Belägerung, einen Sturm, einen Schiffbruch, etc. in
derselben Ordnung wieder vormahlen, in welcher sie ihm vormahls vor dem
Gesicht gestanden sind. Dieselbe wird alle die Affecte, die ihn schon
besessen haben, in ihm wieder rege machen, und ihn davon erhitzen, nicht
anderst als wenn er sie wirklich in der Brust fühlte. Es seye, dass er
in dem Schatten einer ausgespannten Eiche sitzet, von allen Neigungen
der Liebe, des Mitleidens, der Traurigkeit, des Zorns, frey und
unbeweget, so bringet ihm doch die Stärke seiner Imagination alle die
Ideen wieder zurück, die er gehabt hat, als er wircklich verliebt,
mitleidend, betrübt, erzörnt gewesen, sie setzet ihn in einen eben so
hitzigen Stande, als er damahlen gestanden ware, und ruffet ihm dieselbe
Expressionen wieder zurück, welcher er sich zur selben Zeit bedienet.
Will er eine Dame glauben machen, dass sie schön seye, und dass er sie
liebe; will er einen Todten beweinen, der ihn vielleichte nichts
angehet; will er einen erdichteten Zorn ausstossen, so weiss er die
Stellungen und die Worte derer Leuten, die in der That mit diesen
Passionen angefüllet sind, lebendig nachzumachen.
Diese vornehme Poeten, die ich niemals müde werde zuloben, lassen das
Hertze reden, man kan sagen, dass Amor ihnen ihre Verse in die Feder
geflösset hat, wenn sie von der Liebe, und Mars wenn sie von dem Kriege
singen. Sie zwingen uns die Affecte anzunehmen, welche sie wollen, wir
lachen, wir werden stoltz, wir förchten uns, wir erschrecken, wir
betrüben uns, wir weinen, wenn es ihnen gefällt; aber auch die traurigen
Affecte, die sie in uns rege machen, werden von einem gewissen Ergetzen
begleitet, das damit vermenget ist.
Ich belache diese fantastische Schüler der Reim-Kunst, welche sich eine
Chimerische Maitresse bey einem frostigen Hertzen, und einer noch
kälteren Imagination machen, welche von Brand und Feuer mit den
kältesten Expressionen reden, in der Metaphora sterben, sich hencken,
sich zu tode stürtzen, derer passioniertste Complimente, die sie ihrer
Liebsten machen, Spiele der Wörtern, und der truckenen Imagination sind,
Phebus, Galimathias, etc.
Es bleibet mir übrig, euch mit wenigen Worten zuerklären, was es
eigentlich seye, das die Poeten figürlich ihren Enthusiasmum, ihre
Inspiration, oder auch ihre Poetische Raserey nennen. Diese Worte
bedeuten nichts anders, als die hefftige Passion, mit welcher ein Poet
für die Materie seines Gedichtes eingenommen ist, oder die gute
Imagination, durch welche er sich selbst ermuntern, und sich eine Sache
wieder vorstellen, oder einen Affect annehmen kan, welchen er will. Wenn
er also erhitzet ist, so wachsen ihm, so zusagen, die Worte auf der
Zungen, er beschreibet nichts als was er siehet, er redet nichts als was
er empfindet, er wird von der Passion fortgetrieben, nicht anderst als
ein Rasender, der ausser sich selbst ist, und folgen muss, wohin ihn
seine Raserey führet.
[Notes:
1: _Menantes_, pseudonym of Christian Friedrich Hunold
(1680-1721).]
+LXV. ALBRECHT HALLER+
A Swiss writer (1708-1777) who in his youth won fame as a poet,
afterwards much greater fame as a man of science. In 1732, after he had
taken his degree in medicine at Leyden, and had visited England and
France, he published a small collection of poems entitled _Versuch
Schweizerischer Gedichten_. They are characterized by moral fervor,
trenchant thought, and sententious pregnancy of expression--a new
combination up to that time. Haller is at his best in _The Alps_, which,
notwithstanding its abundant description, is not so much a landscape
poem as a philosophic eulogy of the simple life. The text below follows
_Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz_, III. 20.
_From ‘The Alps’: Stanzas 1-14._
Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,
Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab;
Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer,
Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;
Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten, 5
Speist Tunkins Nest[1] aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd,
Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten,
Räumt Klippen aus der Bahn, schliesst Länder ein zur Jagd;
Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben
Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben! 10
Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden,
Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn.
Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden;
Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin.
Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet? 15
Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab.
Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet,
Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruss nicht ab.
Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,
Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget? 20
Beglückte güldne Zeit, Geschenk der ersten Güte,
O, dass der Himmel dich so zeitig weggerückt!
Nicht, weil die junge Welt in stätem Frühling blühte,
Und nie ein scharfer Nord die Blumen abgepflückt;
Nicht, weil freiwillig Korn die falben Felder deckte 25
Und Honig mit der Milch in dicken Strömen lief;
Nicht, weil kein kühner Löw die schwachen Hürden schreckte,
Und ein verirrtes Lamm bei Wolfen sicher schlief;
Nein, weil der Mensch zum Glück den Überfluss nicht zählte,
Ihm Nothdurft Reichtum war und Gold zum Sorgen fehlte! 30
Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten!
Nicht zwar ein Dichterreich voll fabelhafter Pracht;
Wer misst den äussern Glanz scheinbarer[2] Eitelkeiten,
Wann Tugend Müh zur Lust und Armuth glücklich macht?
Das Schicksal hat euch hier kein Tempe zugesprochen, 35
Die Wolken, die ihr trinkt, sind schwer von Reif und Strahl;
Der lange Winter kürzt des Frühlings späte Wochen,
Und ein verewigt Eis umringt das kühle Thal;
Doch eurer Sitten Werth hat alles das verbessert,
Der Elemente Neid hat euer Glück vergrössert. 40
Wohl dir, vergnügtes Volk! o danke dem Geschicke,
Das dir der Laster Quell, den Überfluss, versagt;
Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armuth selbst zum Glücke,
Da Pracht und Üppigkeit der Länder Stütze nagt.
Als Rom die Siege noch bei seinen Schlachten zählte, 45
War Brei der Helden Speis und Holz der Götter Haus;
Als aber ihm das Maass von seinem Reichthum fehlte,
Trat bald der schwächste Feind den feigen Stolz in Graus.
Du aber hüte dich, was grössers zu begehren;
So lang die Einfalt daurt, wird auch der Wohlstand währen. 50
Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt[3];
Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen,
Weil sich die Menschen selbst die grössten Plagen sind.
Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen, 55
Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu;
Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend[4] Eisen,
Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du.
Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder,
Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder. 60
Glückseliger Verlust von schadenvollen Gütern!
Der Reichthum hat kein Gut, das eurer Armuth gleicht;
Die Eintracht wohnt bei euch in friedlichen Gemüthern,
Weil kein beglänzter Wahn euch Zweitrachtsäpfel reicht;
Die Freude wird hier nicht mit banger Furcht begleitet, 65
Weil man das Leben liebt und doch den Tod nicht hasst;
Hier herrschet die Vernunft, von der Natur geleitet,
Die, was ihr nöthig, sucht und mehrers hält für Last.
Was Epictet gethan und Seneca geschrieben,
Sieht man hier ungelehrt und ungezwungen lieben. 70
Hier herrscht kein Unterschied, den schlauer Stolz erfunden,
Der Tugend unterthan und Laster edel macht;
Kein müssiger Verdruss verlängert hier die Stunden,
Die Arbeit füllt den Tag und Ruh besetzt die Nacht;
Hier lässt kein hoher Geist sich von der Ehrsucht blenden, 75
Des morgens Sonne frisst des heutes Freude nie.
Die Freiheit theilt dem Volk, aus milden Mutter-Händen,
Mit immer gleichem Maass Vergnügen, Ruh und Müh;
Kein unzufriedner Sinn zankt sich mit seinem Glücke,
Man isst, man schläft, man liebt und danket dem Geschicke 80
Zwar die Gelehrtheit feilscht hier nicht papierne Schätze,
Man misst die Strassen nicht zu Rom und zu Athen,
Man bindet die Vernunft an keine Schulgesetze,
Und niemand lehrt die Sonn in ihren Kreisen gehn.
O Witz! des Weisen Tand, wann hast du ihn vergnüget? 85
Er kennt den Bau der Welt und stirbt sich unbekannt;
Die Wollust wird bei ihm vergällt und nicht besieget,
Sein künstlicher Geschmack beeckelt seinen Stand;
Und hier hat die Natur die Lehre, recht zu leben,
Dem Menschen in das Herz und nicht ins Hirn gegeben. 90
Hier macht kein wechselnd Glück die Zeiten unterschieden,
Die Thränen folgen nicht auf kurze Freudigkeit;
Das Leben rinnt dahin, in ungestörtem Frieden,
Heut ist wie gestern war und morgen wird wie heut.
Kein ungewohnter Fall bezeichnet hier die Tage, 95
Kein Unstern malt sie schwarz, kein schwülstig Glücke roth.
Der Jahre Lust und Müh ruhn stets auf gleicher Waage,
Des Lebens Staffeln sind nichts als Geburt und Tod.
Nur hat die Fröhlichkeit bisweilen wenig Stunden
Dem unverdrossnen Volk nicht ohne Müh entwunden. 100
Wann durch die schwüle Luft gedämpfte Winde streichen,
Und ein begeistert Blut in jungen Adern glüht,
So sammlet sich ein Dorf im Schatten breiter Eichen,
Wo Kunst und Anmuth sich um Lieb und Lob bemüht.
Hier ringt ein kühnes Paar, vermählt den Ernst dem Spiele 105
Umwindet Leib um Leib und schlinget Huft um Huft.
Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele,
Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft.
Den aber führt die Lust, was edlers zu beginnen,
Zu einer muntern Schaar von jungen Schäferinnen. 110
Dort eilt ein schnelles Blei in das entfernte Weisse,
Das blitzt und Luft und Ziel im gleichen Jetzt durchbohrt;
Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleisse
Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort.
Dort tanzt ein bunter Ring mit umgeschlungnen Händen 115
In dem zertretnen Gras bei einer Dorf-Schallmei,
Und lehrt sie nicht die Kunst, sich nach dem Tacte wenden,
So legt die Fröhlichkeit doch ihnen Flügel bei.
Das graue Alter dort sitzt hin in langen Reihen,
Sich an der Kinder Lust noch einmal zu erfreuen. 120
Denn hier, wo die Natur allein Gesetze giebet,
Umschliesst kein harter Zwang der Liebe holdes Reich.
Was liebenswürdig ist, wird ohne Scheu geliebet,
Verdienst macht alles werth und Liebe macht es gleich.
Die Anmuth wird hier auch in Armen schön gefunden, 125
Man wiegt die Gunst hier nicht für schwere Kisten hin,
Die Ehrsucht theilet nie, was Werth und Huld verbunden,
Die Staatssucht macht sich nicht zur Unglücks-Kupplerin:
Die Liebe brennt hier frei und scheut kein Donnerwetter,
Man liebet für sich selbst und nicht für seine Väter. 130
So bald ein junger Hirt die sanfte Glut empfunden,
Die leicht ein schmachtend Aug in muntern Geistern schürt,
So wird des Schäfers Mund von keiner Furcht gebunden,
Ein ungeheuchelt Wort bekennet, was ihn rührt;
Sie hört ihn und, verdient sein Brand ihr Herz zum Lohne, 135
So sagt sie, was sie fühlt, und thut, wornach sie strebt;
Dann zarte Regung dient den Schönen nicht zum Hohne,
Die aus der Anmuth fliesst und durch die Tugend lebt.
Verzüge falscher Zucht, der wahren Keuschheit Affen,
Der Hochmuth hat euch nur zu unsser Qual geschaffen! 140
[Notes:
1: _Tunkins Nest_, the edible birds’-nests of Tonkin, as a type of
imported luxury.
2: _Scheinbarer_ = _glänzender_.
3: _Errinnt_ = _geht auf_.
4: _Schwirrend_ = _klirrend_, ‘clanking,’ or possibly with
reference to the ‘whizzing’ of iron missiles.]
+LXVI. EWALD VON KLEIST+
A Prussian soldier-poet (1715-1759) who fell at the battle of
Kunersdorf. His temperament and the circumstances of his early life
disposed him to melancholy; so that he readily came under the spell of
Haller, Thomson, and the other poets who extolled nature and the simple
life as a refuge from the badness of civilization. His best known
production is the fragment called _Spring_ (1749), in which fine
passages of personal feeling are interwoven with detailed descriptions
that are sometimes a little tedious. The text follows Muncker’s edition
in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 45.
+1+
+Das Landleben.+
O Freund,[1] wie selig ist der Mann zu preisen,
Dem kein Getümmel, dem kein schwirrend Eisen,
Kein Schiff, das Beute, Mast und Bahn verlieret,
Den Schlaf entführet!
Der nicht die Ruhe darf in Berge senken, 5
Der fern von Purpur, fern von Wechselbänken,
In eignen Schatten, durch den West gekühlet,
Sein Leben fühlet.
Er lacht der Schlösser, von Geschütz bewachet,
Verhöhnt den Kummer, der an Höfen lachet, 10
Verhöhnt des Geizes in verschlossnen Mauren
Törichtes Trauren.
Sobald Aurora, wenn der Himmel grauet,
Dem Meer entsteigend, lieblich abwärts schauet,
Flieht er sein Lager, ohn’ verzärtelt Schmücken, 15
Mit gleichen Blicken.
Er lobt den Schöpfer, hört ihm Lerchen singen,
Die durch die Lüfte sich dem Aug entschwingen,
Hört ihm vom Zephyr, lispelnd auf den Höhen,
Ein Loblied wehen. 20
Er schaut auf Rosen Tau wie Demant blitzen;
Schaut über Wolken von der Berge Spitzen,
Wie schön die Ebne, die sich blau verlieret,
Flora gezieret.
Bald zeigt sich fliehend auf des Meeres Rücken 25
Ein Schiff von weitem den nachfliehnden Blicken,
Das sie erst lange gleichsam an sich bindet
Und dann verschwindet.
Bald sieht er abwärts, voller Glanz und Prangen,
Noch einen Himmel in den Fluten hangen, 30
Noch eine Sonne Amphitritens Grenzen
Grundaus durchglänzen.
Er geht in Wälder, wo an Schilf und Sträuchen
Im krummen Ufer Silberbäche schleichen,
Wo Blüten duften, wo der Nachtigallen 35
Lustlieder schallen.
Jetzt propft er Bäume, leitet Wassergräben,
Schaut Bienen schwärmen, führt an Wänden Reben;
Jetzt tränkt er Pflanzen, zieht von Rosenstöcken
Schattende Hecken. 40
Eilt dann zur Hütten, (da kein Laster thronet,
Die Ruh’ und Wollust unsichtbar bewohnet,)
Weil seine Doris, die nur Liebreiz schminket,
Ihm freundlich winket.
Kein Knecht der Krankheit mischt für ihn Gerichte; 45
Unschuld und Freude würzt ihm Milch und Früchte.
Kein bang Gewissen zeigt ihm Schwert und Strafe
Im süssen Schlafe.
Freund, lass uns Golddurst, Stolz und Schlösser hassen,
Und Kleinigkeiten Fürsten überlassen! 50
Mein Lange[2] ruft uns, komm zum Sitz der Freuden
In seine Weiden!
2
_From ‘Spring’: Lines 31-97_
Ihr, deren zweifelhaft Leben gleich trüben Tagen des Winters
Ohn’ Licht und Freude verfliesst, die ihr in Höhlen des Elends
Die finstern Stunden verzeufzt, betrachtet die Jugend des Jahres!
Dreht jetzt die Augen umher, lasst tausend farbichte Scenen
Die schwarzen Bilder verfärben! Es mag die niedrige Ruhmsucht, 35
Die schwache Rachgier, der Geiz
und seufzender Blutdurst sich härmen;
Ihr seid zur Freude geschaffen,
der Schmerz schimpft Tugend und Unschuld.
Saugt Lust und Anmut in euch! Schaut her, sie gleitet im Luftkreis
Und grünt und rieselt im Thal. Und ihr, ihr Bilder des Frühlings,
Ihr blühenden Schönen, flieht jetzt den atemraubenden Aushauch 40
Von güldnen Kerkern der Städte! Kommt, kommt in winkende Felder!
Kommt, überlasset dem Zephyr die kleinen Wellen der Locken,
Seht euch in Seen und Bächen, gleich jungen Blumen des Ufers!
Pflückt Morgentulpen voll Tau, und ziert den wallenden Busen!
Hier, wo das hohe Gebirge, bekleidet mit Sträuchen und Tannen, 45
Zur Hälfte den bläulichen Strom, sich drüber neigend, beschattet,
Will ich ins Grüne mich setzen auf seinen Gipfel und um mich
Thal und Gefilde beschauen. O, welch ein frohes Gewühle
Belebt das streifichte Land! Wie lieblich lächelt die Anmut
Aus Wald und Büschen hervor! Ein Zaun von blühenden Dornen 50
Umschliesst und rötet ringsum die sich verlierende Weite,
Vom niedrigen Himmel gedrückt. Von bunten Mohnblumen laufen,
Mit grünem Weizen versetzt, sich schmälernde Beete ins Ferne,
Durchkreuzt von blühendem Flachs.
Feldrosen-Hecken und Schlehstrauch,
In Blüten gleichsam gehüllt, umkränzen die Spiegel der Teiche 55
Und sehn sich drinnen. Zur Seite blitzt aus dem grünlichen Meere
Ein Meer voll güldner Strahlen durch Phöbus’ glänzenden Anblick.
Es schimmert sein gelbes Gestade
von Muscheln und farbichten Steinen,
Und Lieb’ und Freude durchtaumelt in kleiner Fische Geschwadern
Und in den Riesen des Wassers die unabsehliche Fläche. 60
Auf fernen Wiesen am See stehn majestätische Rosse;
Sie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern vor Wollust,
Dass Hain und Felsen erschallt. Gefleckte Kühe durchwaten,
Geführt vom ernsthaften Stier, des Meierhofs büschichte Sümpfe,
Der finstre Linden durchsieht. Ein Gang von Espen und Ulmen 65
Führt zu ihm, welchen ein Bach
durchblinkt, in Binsen sich windend,
Von Reihern und Schwänen bewohnt. Gebirge, die Brüste der Reben,
Stehn fröhlich um ihn herum; sie ragen über den Buchwald,
Des Hügels Krone, davon ein Teil im Sonnenschein lächelt
Und glänzt, der andere trau’rt im Flor vom Schatten der Wolken. 70
Die Lerche steigt in die Luft,
sieht unter sich Klippen und Thäler;
Entzückung tönet aus ihr. Der Klang des wirbelnden Liedes
Ergetzt den ackernden Landmann.
Er horcht eine Weile; dann lehnt er
Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braune Felsen ins Erdreich.
Der Sämann schreitet gemessen, giesst gleichsam trockenen Regen 75
Von Samen hinter ihm her. --O, dass der mühsame Landwirt
Für sich den Segen nur streute! Dass ihn die Weinstöcke tränkten
Und in den Wiesen für ihn nur bunte Wogen sich wältzten!
Allein der frässige Krieg, vom zähnebleckenden Hunger
Und wilden Scharen begleitet, verheert oft Arbeit und Hoffnung. 80
Er stürmet rasend einher, zertritt die nährenden Halmen,
Reisst Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder
Für sich zum flammenden Lustspiel. Wie wenn der Rachen des Ätna
Mit ängstlich-wildem Geschrei, dass Meer und Klippen es hören,
Die Gegend um sich herum, vom untern Donner zerrüttet, 85
Mit Schrecken und Tod überspeit und einer flammenden Sündflut.
Ihr, denen zwanglose Völker das Steuer der Herrschaft vertrauen,
Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht ihr, Väter der Menschen,
noch mehrere Kinder? Ist’s wenig,
Viel Millionen beglücken? Erfordert’s wenige Mühe? 90
O mehrt derjenigen Heil, die eure Fittiche suchen.
Deckt sie gleich brütenden Adlern,
verwandelt die Schwerter in Sicheln,
Lasst güldne Wogen im Meer,
fürs Land, durch Schiffahrt sich türmen,
Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend!
Wohin verführt mich der Schmerz?
Weicht, weicht, ihr traurigen Bilder! 95
Komm, Muse, lass uns die Wohnung
und häusliche Wirtschaft des Landmanns
Und Viehsucht und Gärte betrachten!
[Notes:
1: The verses were addressed to Karl Wilhelm Ramier.
2: _Lange_; Samuel Gotthold Lange, a friend of Kleist’s.]
+LXVII. FRIEDRICH VON HAGEDORN+
A pleasing and popular, but not profound, North German poet of the
Gottschedian era (1708-1754). He lived in Hamburg, where he held a
comfortable position in a commercial house. His writings consist of
songs, odes, fables, epigrams, poetic tales, etc., which reflect
an easy-going temperament and commend the _carpe diem_ philosophy
of Horace. The text of the selections follows Kürschner’s
_Nationalliteratur_, Vol. 45.
+1+
+An die Dichtkunst.+
Gespielin meiner Nebenstunden,
Bei der ein Teil der Zeit verschwunden,
Die mir, nicht andern, zugehört:
O Dichtkunst, die das Leben lindert!
Wie manchen Gram hast du vermindert, 5
Wie manche Fröhlichkeit vermehrt!
Die Kraft der Helden Trefflichkeiten
Mit tapfern Worten auszubreiten,
Verdankt Homer und Maro dir.
Die Fähigkeit, von hohen Dingen 10
Den Ewigkeiten vorzusingen,
Verliehst du ihnen und nicht mir.
Die Lust, vom Wahn mich zu entfernen,
Und deinem Flaccus abzulernen,
Wie man durch echten Witz gefällt; 15
Die Lust, den Alten nachzustreben,
Ist mir im Zorn von dir gegeben,
Wenn nicht mein Wunsch das Ziel erhält.
Zu eitel ist das Lob der Freunde:
Uns drohen in der Nachwelt Feinde, 20
Die finden unsre Grösse klein.
Den itzt an Liedern reichen Zeiten
Empfehl’ ich diese Kleinigkeiten:
Sie wollen nicht unsterblich sein.
+2+
+Die verliebte Verzweiflung.+
Gewiss, der ist beklagenswerth,
Den seine Göttin nicht erhört,
Dem alle Seufzer nichts erwerben.
Er muss fast immer schlaflos sein
Und weinen, girren, winseln, schrein, 5
Sich martern und dann sterben.
“Grausame Laura,” rief Pedrill,
“Grausame, die mein Unglück, will,
Für dich muss ich noch heut erblassen.”
Stracks rennet er in vollem Lauf 10
Bis an des Hauses Dach hinauf
Und guckt dort in die Gassen.
Bald, als er Essen sah und roch,
Befragt’ er sich: “Wie! leb’ ich noch?”
Und zog ein Messer aus der Scheiden. 15
“O Liebe,” sagt er, “deiner Wut
Weih’ ich den Mordstahl und mein Blut,”--
Und fing an Brot zu schneiden.
Nach glücklich eingenomm’nem Mahl
Erwägt er seine Liebesqual 20
Und will nunmehr durch Gift erbleichen.
Er öffnet eine Flasche Wein
Und lässt, des Giftes voll zu sein,
Sich noch die zweite reichen.
Hernach verflucht er sein Geschick 25
Und holet Schemel, Nagel, Strick,
Und schwört, nun soll die That geschehen.
Doch ach! was kann betrübter sein?
Der Strick ist schwach, der Nagel klein,
Der Schemel will nicht stehen. 30
Er wählt noch eine Todesart
Und denkt: “Wer sich ersticht, der spart
Und darf für Gift und Strick nicht sorgen.”
Drauf gähnt er, seufzet, eilt zur Ruh,
Kriecht in sein Bett und deckt sich zu 35
Und schläft bis an den Morgen.
+3+
+An die Freude.+
Freude, Göttin edler Herzen,
Höre mich!
Lass die Lieder, die hier schallen,
Dich vergrössern, dir gefallen;
Was hier tönet, tönt durch dich. 5
Muntre Schwester süsser Liebe!
Himmelskind!
Kraft der Seelen! Halbes Leben!
Ach! was kann das Glück uns geben,
Wenn man dich nicht auch gewinnt? 10
Stumme Hüter toter Schätze
Sind nur reich.
Dem, der keinen Schatz bewachet,
Sinnreich scherzt und singt und lachet,
Ist kein karger König gleich. 15
Gieb den Kennern, die dich ehren,
Neuen Mut,
Neuen Scherz den regen Zungen,
Neue Fertigkeit den Jungen,
Und den Alten neues Blut. 20
Du erheiterst, holde Freude!
Die Vernunft.
Flieh auf ewig die Gesichter
Aller finstern Splitterrichter
Und die ganze Heuchlerzunft. 25
+4+
+Das Hühnchen und der Diamant.+
Ein verhungert Hühnchen fand
Einen feinen Diamant
Und verscharrt ihn in den Sand.
“Möchte doch, mich zu erfreun,”
Sprach es, “dieser schöne Stein
Nur ein Weizenkörnchen sein!”
Unglückselger Überfluss,
Wo der nötigste Genuss
Unsern Schätzen fehlen muss!
+5+
+Johann, der Seifensieder.+
Johann, der muntre Seifensieder,
Erlernte viele schöne Lieder,
Und sang, mit unbesorgtem Sinn,
Vom Morgen bis zum Abend hin.
Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen; 5
Und wann er ass, so musst’ er singen,
Und wann er sang, so war’s mit Lust;
Aus vollem Hals und freier Brust.
Beim Morgenbrot, beim Abendessen,
Blieb Ton und Triller unvergessen; 10
Der schallte recht, und seine Kraft
Durchdrang die halbe Nachbarschaft.
Man horcht, man fragt: Wer singt schon wieder?
Wer ist’s? Der muntre Seifensieder.
Im Lesen war er anfangs schwach; 15
Er las nichts als den Almanach,
Doch lernt’ er auch nach Jahren beten,
Die Ordnung nicht zu übertreten,
Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,
Oft singend, öftrer lesend, ein. 20
Er schien fast glücklicher zu preisen
Als die berufnen sieben Weisen,
Als manches Haupt gelehrter Welt,
Das sich schon für den achten hält.
Es wohnte diesem in der Nähe 25
Ein Sprössling eigennütz’ ger Ehe,
Der, stolz und steif und bürgerlich,
Im Schmausen keinem Fürsten wich:
Ein Garkoch richtender Verwandten,
Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten, 30
Der stets zu halben Nächten frass,
Und seiner Wechsel oft vergass.
Kaum hatte mit den Morgenstunden
Sein erster Schlaf sich eingefunden,
So liess ihm den Genuss der Ruh 35
Der nahe Sänger nimmer zu.
“Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,
Vermaledeiter Seifensieder?
Ach wäre doch, zu meinem Heil,
Der Schlaf hier, wie die Austern feil!” 40
Den Sänger, den er früh vernommen,
Lässt er an einem Morgen kommen
Und spricht: “Mein lustiger Johann!
Wie geht es Euch? Wie fangt Ihrs an?
Es rühmt ein jeder Eure Ware: 45
Sagt, wie viel bringt sie Euch im Jahre?”
“Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bei,
Wie gross im Jahr mein Vorteil sei.
So rechn’ ich nicht; ein Tag bescheret,
Was der, so auf ihn kömmt, verzehret, 50
Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl)
Dreihundertfünfundsechzigmal.”
“Ganz recht; doch könnt Ihr mir’s nicht sagen,
Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?”
“Mein Herr, Ihr forschet allzusehr: 55
Der eine wenig, mancher mehr,
So wie’s dann fällt! Mich zwingt zur Klage
Nichts als die vielen Feiertage;
Und wer sie alle rot gefärbt,
Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt, 60
Dem war die Arbeit sehr zuwider;
Das war gewiss kein Seifensieder.”
Dies schien den Reichen zu erfreun.
“Hans,” spricht er, “du sollst glücklich sein.
Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler. 65
Da hast du bare funfzig Thaler;
Nur unterlasse den Gesang!
Das Geld hat einen bessern Klang.”
Er dankt und schleicht mit scheuchem Blicke,
Mit mehr als diebscher Furcht zurücke. 70
Er herzt den Beutel, den er hält,
Und zählt und wägt und schwenkt das Geld,
Das Geld, den Ursprung seiner Freude,
Und seiner Augen neue Weide.
Es wird mit stummer Lust beschaut 75
Und einem Kasten anvertraut,
Den Band’ und starke Schlösser hüten,
Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,
Den auch der karge Thor bei Nacht
Aus banger Vorsicht selbst bewacht. 80
Sobald sich nur der Haushund reget,
Sobald der Kater sich beweget,
Durchsucht er alles, bis er glaubt,
Dass ihn kein frecher Dieb beraubt,
Bis, oft gestossen, oft geschmissen, 85
Sich endlich beide packen müssen:
Sein Mops, der keine Kunst vergass
Und wedelnd bei dem Kessel sass;
Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,
So glatt von Fell, so weich von Tatzen, 90
Er lernt zuletzt, je mehr er spart,
Wie oft sich Sorg’ und Reichtum paart,
Und manches Zärtlings dunkle Freuden
Ihn ewig von der Freiheit scheiden,
Die nur in reine Seelen strahlt, 95
Und deren Glück kein Gold bezahlt.
Dem Nachbar, den er stets gewecket,
Bis der das Geld ihm zugestecket,
Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh,
Den vollen Beutel wieder zu 100
Und spricht: “Herr, lehrt mich bessre Sachen
Als, statt des Singens, Geld bewachen.
Nehmt immer Euren Beutel hin.
Und lasst mir meinen frohen Sinn.
Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden; 105
Ich tausche nicht mit Euren Freuden.
Der Himmel hat mich recht geliebt,
Der mir die Stimme wiedergiebt.
Was ich gewesen, werd’ ich wieder:
Johann, der muntre Seifensieder.” 110
+LXVIII. CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT+
An eminent fabulist and moralist of Saxon stock (1715-1769). Like
Gottsched, he spent the best years of his life in the service of the
University of Leipzig. His _Fables and Tales_ (1746-1748) were reprinted
in numberless editions, made their publisher rich, and remained for
several decades the popular ideal of pleasant and edifying literature.
Gellert was also a pioneer (the _Swedisch Countess_, 1747) in the field
of moral family fiction after the manner of Richardson. The Selections
follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 43.
+1+
+Die Nachtigall und die Lerche.+
Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst,
Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst;
Die Blätter in den Gipfeln schwiegen
Und fühlten ein geheim Vergnügen.
Der Vögel Chor vergass der Ruh 5
Und hörte Philomelen zu.
Aurora selbst verzog am Horizonte,
Weil sie die Sängerin nicht g’nug bewundern konnte;
Denn auch die Götter rührt der Schall
Der angenehmen Nachtigall, 10
Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren,
Liess Philomele sich noch zweimal schöner hören.
Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr
Und spricht: “Du singst viel reizender als wir,
Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen; 15
Doch eins gefällt uns nicht an dir,
Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.”
Doch Philomele lacht und spricht:
“Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht
Und wird mir ewig Ehre bringen. 20
Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen.
Ich folg’ im Singen der Natur;
So lange sie gebeut, so lange sing’ ich nur.
Sobald sie nicht gebeut, so hör’ ich auf zu singen;
Denn die Natur lässt sich nicht zwingen.” 25
O Dichter, denkt an Philomelen,
Singt nicht, so lang ihr singen wollt.
Natur und Geist, die euch beseelen,
Sind euch nur wenig Jahre hold.
Soll euer Witz die Welt entzücken, 30
So singt, so lang ihr feurig seid,
Und öffnet euch mit Meisterstücken
Den Eingang in die Ewigkeit.
Singt geistreich der Natur zu Ehren;
Und scheint euch die nicht mehr geneigt, 35
So eilt, um rühmlich aufzuhören,
Eh’ ihr zu spät mit Schande schweigt.
Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen?
Er bindet sich an keine Zeit.
So fahrt denn fort, noch alt zu singen, 40
Und singt euch um die Ewigkeit.
+2+
+Das Land der Hinkenden.+
Vor Zeiten gab’s ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er red’te,
Nicht, wenn er ging, gehinket hätte;
Denn beides hielt man für galant. 5
Ein fremder sah den Übelstand;
Hier, dacht’ er, wird man dich im Gehn bewundern müssen,
Und ging einher mit steifen Füssen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn, 10
Und jeder blieb vor Lachen stehen
Und schrie: “Lehrt doch den Fremden gehen!”
Der Fremde hielt’s für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
“Ihr,” rief er, “hinkt; ich aber nicht: 15
Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!”
Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande. 20
Gewohnheit macht den Fehler schön,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wird’s ein Kluger wagen
Und, dass wir töricht sind, uns sagen.
Wir selber halten ihn dafür, 25
Bloss, weil er klüger ist als wir.
+3+
+Das Gespenst.+
Ein Hauswirt, wie man mir erzählt,
Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält.
Er liess, des Geists sich zu erwehren,
Sich heimlich das Verbannen lehren;
Doch kraftlos blieb der Zauberspruch. 5
Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren
Und gab, in einem weissen Tuch,
Ihm alle Nächte den Besuch.
Ein Dichter zog in dieses Haus.
Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, 10
Bat sich des Dichters Zuspruch aus
Und liess sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.
Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, 15
Erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern.
Er konnt es länger nicht als einen Auftritt dauern,
Denn, eh’ der andre kam, so war er nicht mehr da.
Der Wirt, von Hoffnung eingenommen,
Liess gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. 20
Der Dichter las, der Geist erschien,
Doch ohne lange zu verziehn.
“Gut,” sprach der Wirt bei sich,
“dich will ich bald verjagen,
Kannst du die Verse nicht vertragen.”
Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein. 25
Sobald es zwölfe schlug, liess das Gespenst sich blicken;
“Johann!” fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein,
“Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein
Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.”
Der Geist erschrak und winkte mit der Hand, 30
Der Diener sollte ja nicht gehen;
Und kurz, der weisse Geist verschwand
Und liess sich niemals wieder sehen.
Ein jeder, der dies Wunder liest,
Zieh’ sich daraus die gute Lehre, 35
Dass kein Gedicht so elend ist,
Das nicht zu etwas nützlich wäre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut,
So kann uns dies zum grossen Tröste dienen,
Gesetzt, dass sie zu unsrer Zeit 40
Auch legionenweis erschienen:
So wird, um sich von allen zu befrein,
An Versen doch kein Mangel sein.
+4+
+Der unsterbliche Autor.+
Ein Autor schrieb sehr viele Bände
Und ward das Wunder, seiner Zeit;
Der Journalisten gütge Hände
Verehrten ihm die Ewigkeit
Er sah, vor seinem sanften Ende, 5
Fast alle Werke seiner Hände
Das sechste Mal schon aufgelegt
Und sich mit tiefgelehrtem Blicke
In einer spanischen Perücke
Vor jedes Titelblatt geprägt. 10
Er blieb vor Widersprechern sicher
Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt;
Und das Verzeichnis seiner Bücher,
Die kleinen Schriften mitgezählt,
Nahm an dem Lebenslauf allein 15
Drei Bogen und drei Seiten ein.
Man las nach dieses Mannes Tode
Die Schriften mit Bedachtsamkeit;
Und seht, das Wunder seiner Zeit
Kam in zehn Jahren aus der Mode, 20
Und seine göttliche Methode
Hiess eine bange Trockenheit.
Der Mann war bloss berühmt gewesen,
Weil Stümper ihn gelobt, eh’ Kenner ihn gelesen.
Berühmt zu werden ist nicht schwer, 25
Man darf nur viel für kleine Geister schreiben;
Doch bei der Nachwelt gross zu bleiben,
Dazu gehört noch etwas mehr
Als, seicht an Geist, in strenger Lehrart schreiben.
+LXIX. JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM+
A North German poet (1719-1803) who is best known for his _Songs of a
Prussian Grenadier_, commemorating the victories of Frederick the Great
in the Seven Years’ War. His earlier work is mostly in the light
anacreontic vein, which was somewhat overworked in the decade preceding
the war. The fashion was really set by Gleim, though the spirit of it is
found in Hagedorn. The selections follow Kürschner’s
_Nationalliteratur_, Vol. 45.
+1+
+An Leukon.+
Rosen pflücke, Rosen blühn,
Morgen ist nicht heut!
Keine Stunde lass entfliehn,
Flüchtig ist die Zeit!
Trinke, küsse! Sieh, es ist
Heut Gelegenheit!
Weisst du, wo du morgen bist?
Flüchtig ist die Zeit.
Aufschub einer guten Tat
Hat schon oft gereut!
Hurtig leben ist mein Rat,
Flüchtig ist die Zeit!
+2+
+Trinklied.+
Brüder, trinkt: es trinkt die Sonne,
Und sie hat schon tausend Ströme
Ohne Bruder ausgetrunken!
Brüder trinkt: es trinkt die Erde;
Seht, sie durstet, seht, wie durstig
Trinkt sie diese Regentropfen!
Seht, dort um den Vater Bacchus
Stehn die Reben frisch am Berge;
Denn es hat das Nass der Wolken
Ihren heissen Durst gelöschet.
Brüder, seht, das Nass der Reben
Wartet in den vollen Gläsern:
Wollt ihr euren Durst nicht löschen?
+3+
+Vorzüge in der Klugheit.+
Herr Euler misst der Welten Grösse;
O welch ein Tor ist das!
Ich bin doch klüger, denn ich messe
Die Eimer Wein auf meinem Fass.
Wolff zählt die Kräfte seiner Seele; 5
O welch ein Tor ist das!
Ich bin doch klüger, denn ich zähle
Die Tropfen Wein im Deckelglas.
Herr Meier macht nur immer Schlüsse;
Wie töricht ist auch das! 10
Ich klügerer, ich trink’ und küsse,
Ich küss’ und trink’ ohn’ Unterlass.
Herr Haller sucht Gras, Kraut und Bäume
Auf mancher rauhen Bahn;
Ich klügerer, ich suche Reime, 15
So wie er sonsten auch gethan.
Herr Bodmer führt gelehrte Kriege;
O warum führt er sie?
Denn durch noch tausend seiner Siege
Bezwingt er doch die Dummheit nie. 20
Es mögen ihn die Enkel preisen
Und sagen: So ein Mann
Ist doch jetzund nicht aufzuweisen;
Was gehen mir die Enkel an?
+4+
+Bei Eröffnung des Feldzuges 1756.+
Krieg ist mein Lied! Weil alle Welt
Krieg will, so sei es Krieg!
Berlin sei Sparta! Preussens Held
Gekrönt mit Ruhm und Sieg!
Gern will ich seine Taten tun, 5
Die Leier in der Hand,
Wenn meine blut’gen Waffen ruhn
Und hangen an der Wand.
Auch stimm’ich hohen Schlachtgesang
Mit seinen Helden an 10
Bei Pauken- und Trompetenklang,
Im Lärm von Ross und Mann;
Und streit’, ein tapfrer Grenadier,
Von Friedrichs Mut erfüllt.
Was acht’ ich es, wenn über mir 15
Kanonendonner brüllt?
Ein Held fall’ ich; noch sterbend droht
Mein Säbel in der Hand.
Unsterblich macht der Helden Tod,
Der Tod fürs Vaterland! 20
Auch kömmt man aus der Welt davon
Geschwinder wie der Blitz;
Und wer ihn stirbt, bekommt zum Lohn
Im Himmel hohen Sitz!
Wenn aber ich als solch ein Held 25
Dir, Mars, nicht sterben soll,
Nicht glänzen soll im Sternenzelt:
So leb’ ich dem Apoll.
So werd’ aus Friedrichs Grenadier,
Dem Schutz, der Ruhm des Staats; 30
So lern’ er deutscher Sprache Zier
Und werde sein Horaz!
Dann singe Gott und Friederich,
Nichts Kleiners, stolzes Lied!
Dem Adler gleich erhebe dich, 35
Der in die Sonne sieht!
+5+
+Siegeslied nach der Schlacht bei Prag, den 6. Mai, 1757.+
Viktoria! mit uns ist Gott,
Der stolze Feind liegt da!
Er liegt, gerecht ist unser Gott,
Er liegt, Viktoria!
Zwar unser Vater ist nicht mehr, 5
Jedoch er starb ein Held
Und sieht nun unser Siegesheer
Vom hohen Sternenzelt.
Er ging voran, der edle Greis,
Voll Gott und Vaterland. 10
Sein alter Kopf war kaum so weiss
Als tapfer seine Hand.
Mit jugendlicher Heldenkraft
Ergriff er eine Fahn’,
Hielt sie empor an ihrem Schaft 15
Dass wir sie alle sahn;
Und sagte: “Kinder, Berg hinan,
Auf Schanzen und Geschütz!”
Wir folgten alle, Mann vor Mann,
Geschwinder wie der Blitz. 20
Ach! aber unser Vater fiel,
Die Fahne sank auf ihn,
Ha! welch glorreiches Lebensziel,
Glückseliger Schwerin!
Dein Friederich hat dich beweint, 25
Indem er uns gebot;
Wir aber stürzten in den Feind,
Zu rächen deinen Tod.
Du, Heinrich, warest ein Soldat,
Du fochtest königlich! 30
Wir sahen alle, Tat vor Tat,
Du junger Löw’, auf dich!
Der Pommer und der Märker stritt
Mit rechtem Christenmut.
Rot ward sein Schwert, auf jeden Schritt 35
Floss dick Pandurenblut.
Aus sieben Schanzen jagten wir
Die Mützen von dem Bär.
Da, Friedrich, ging dein Grenadier
Auf Leichen hoch einher; 40
Dacht’, in dem mörderischen Kampf
Gott, Vaterland und dich,
Sah, tief in schwarzem Rauch und Dampf,
Dich seinen Friederich;
Und zitterte, ward feuerrot 45
Im kriegrischen Gesicht
(Er zitterte vor deinem Tod
Vor seinem aber nicht);
Verachtete die Kugelsaat,
Der Stücke Donnerton, 50
Stritt wütender, tat Heldentat,
Bis deine Feinde flohn.
Nun dankt er Gott für seine Macht,
Und singt: Viktoria!
Und alles Blut aus dieser Schlacht 55
Fliesst nach Theresia.
Und weigert sie auf diesen Tag,
Den Frieden vorzuziehn,
So stürme, Friedrich, erst ihr Prag,
Und dann führ uns nach Wien! 60
+LXX. FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK+
1724-1803. By his profound seriousness and the fervor of his utterance,
Klopstock turned German poetry into new channels. Impatient of rime,
which he regarded as an ignoble modern jingle, and averse to the shallow
_Verstandespoesie_ of the reigning Saxon school, he conceived of poetry
as the intense expression of sublimated feeling. His most famous work is
the _Messiah_, a long religious epic in hexameters. In his _Odes_,
composed in the rimeless meters of the Greek and Roman lyrists, he made
large use of mythologic names and conceptions which he erroneously
supposed to be old German. We hear of ancient bards inhabiting the
German forests, singing ‘lawless songs’ of intense emotion, and deriving
their inspiration from ethnic tradition and from the elemental feelings
of love and friendship. In his so-called _Bardiete_ he used the dramatic
form for this same idealization of the ancient Germans. Although now
little read, Klopstock exerted a great influence in dignifying the
poet’s calling and strengthening the national self-respect and
self-reliance of literary Germany.
1
_From the ‘Messiah’: First Song, lines 1-137._
Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,
Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet,
Und durch die er Adams Geschlecht zu der Liebe der Gottheit,
Leidend, getötet, und verherrlichet, wieder erhöht hat.
Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich 5
Satan gegen den göttlichen Sohn; umsonst stand Juda
Gegen ihn auf; er tat’s und vollbrachte die grosse Versöhnung.
Aber, o Tat, die allein der Allbarmherzige kennet,
Darf aus dunkler Ferne sich auch dir nahn die Dichtkunst?
Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich hier still anbete, 10
Führe sie mir, als deine Nachahmerin, voller Entzückung,
Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit entgegen.
Rüste mit deinem Feuer sie, du, der die Tiefen der Gottheit
Schaut, und den Menschen
aus Staube gemacht zum Tempel sich heiligt!
Rein sei das Herz! So darf ich, obwohl mit der bebenden Stimme 15
Eines Sterblichen, doch den Gottversöhner besingen,
Und die furchtbare Bahn, mit verziehnem Straucheln, durchlaufen.
Menschen, wenn ihr die Hoheit kennt, die ihr damals empfinget,
Da der Schöpfer der Welt Versöhner wurde, so höret
Meinen Gesang, und ihr vor allen, ihr wenigen Edlen, 20
Teure, herzliche Freunde des liebenswürdigen Mittlers,
Ihr mit dem kommenden Weltgerichte vertrauliche Seelen,
Hört mich, und singt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben.
Nah an der heiligen Stadt,
die sich jetzt durch Blindheit entweihte,[1]
Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinwegwarf, 25
Sonst die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heiligen Väter
Pflegerin, jetzt ein Altar des Bluts vergossen von Mördern;
Hier war’s, wo der Messias von einem Volke sich losriss,
Das zwar jetzt ihn verehrte, doch nicht mit jener Empfindung,
Die untadelhaft bleibt vor dem schauenden Auge der Gottheit. 30
Jesus verbarg sich diesen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen
Vom begleitenden Volk; zwar klang dort ihr lautes Hosanna;
Aber umsonst. Sie kannten ihn nicht, den König sie nennten,
Und den Gesegneten Gottes zu sehn, war ihr Auge zu dunkel.
Gott kam selbst von dem Himmel herab. Die gewaltige Stimme: 35
Sieh, ich hab’ ihn verklärt, und will ihn von neuem verklären!
War die Verkündigerin der gegenwärtigen Gottheit.
Aber sie waren, Gott zu verstehn, zu niedrige Sünder.
Unterdes nahte sich Jesus dem Vater, der wegen des Volkes,
Dem die Stimme geschah, mit Zorn zu dem Himmel hinaufstieg. 40
Denn noch einmal wollte der Sohn des Bundes Entschliessung,
Seine Menschen zu retten, dem Vater feierlich kund tun.
Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge,
Welches auf seinem Gipfel schon oft den göttlichen Mittler,
Wie in das Heilige Gottes, verbarg, wenn er einsame Nächte 45
Unter des Vaters Anschaun ernst in Gebeten durchwachte.
Jesus ging nach diesem Gebirg. Der fromme Johannes,
Er nur folgt’ ihm dahin bis an die Gräber der Seher,
Wie sein göttlicher Freund, die Nacht in Gebete zu bleiben.
Und der Mittler erhub sich von dort zu dem Gipfel des Berges. 50
Da umgab von dem hohen Moria ihn Schimmer der Opfer,
Die den ewigen Vater noch jetzt in Bilde versöhnten.
Ringsum nahmen ihn Palmen in’s Kühle. Gelindere Lüfte,
Gleich dem Säuseln[2] der Gegenwart Gottes,
umflossen sein Antlitz
Und der Seraph, der Jesus zum Dienst auf der Erde gesandt war, 55
Gabriel, nennen die Himmlischen ihn, stand feirend am Eingang
Zwoer umdufteter Cedern, und dachte dem Heile der Menschen,
Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als jetzt der Erlöser
Seinem Vater entgegen vor ihm in Stillem vorbeiging.
Gabriel wusste, dass nun die Zeit der Erlösung herankam. 60
Diese Betrachtung entzückt’ ihn, er sprach mit leiserer Stimme:
Willst du die Nacht, o Göttlicher, hier in Gebete durchwachen?
Oder verlangt dein ermüdeter Leib nach seiner Erquickung?
Soll ich zu deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten?
Siehe, schon streckt der Sprössling
der Ceder den grünenden Arm aus, 65
Und die weiche Staude des Balsams. Am Grabe der Seher
Wächst dort unten ruhiges Moos in der kühlenden Erde.
Soll ich davon, o Göttlicher, dir ein Lager bereiten?
Ach, wie bist du, Erlöser, ermüdet! Wie viel erträgst du
Hier auf der Erd’, aus inniger Liebe zu Adams Geschlechte! 70
Gabriel sagt’s. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Blicken,
Steht voll Ernst auf der Höhe des Bergs am näheren Himmel.
Dort war Gott. Dort betet’ er. Unter ihm tönte die Erde,
Und ein wandelndes[3] Jauchzen
durchdrang die Pforten des Abgrunds,[4]
Als sie von ihm tief unten die mächtige Stimme vernahmen. 75
Denn sie war es nicht mehr des Fluches Stimme, die Stimme
Angekündet in Sturm, und in donnerndem Wetter gesprochen,
Welche die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede,
Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen beschlossen.
Ringsum lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmerung, 80
Gleich als blühten sie wieder, nach Edens Bilde geschaffen.
Jesus redete. Er, und der Vater durchschauten den Inhalt
Gränzlos: diess nur vermag des Menschen Stimme zu sagen:
Göttlicher Vater, die Tage des Heils, und des ewigen Bundes
Nahen sich mir, die Tage zu grösseren Werken erkoren, 85
Als die Schöpfung, die du mit deinem Sohne vollbrachtest.
Sie verklären sich mir so schön und herrlich, als damals,
Da wir der Zeiten Reih’ durchschauten, die Tage der Zukunft,
Durch mein göttliches Schaun, bezeichnet, und glänzender sahen.
Dir nur ist es bekannt, mit was vor Einmut wir damals, 90
Du, mein Vater, und ich und der Geist die Erlösung beschlossen.
In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe,
Waren wir bei einander. Voll unsrer göttlichen Liebe,
Sahen wir auf die Menschen, die noch nicht waren, herunter.
Edens selige Kinder, ach unsre Geschöpfe, wie elend 95
Waren sie, sonst unsterblich,
nun Staub und entstellt von der Sünde!
Vater, ich sah ihr Elend, du meine Tränen. Da sprachst du:
Lasset der Gottheit Bild in dem Menschen von neuem uns schaffen!
Also beschlossen wir unser Geheimnis, das Blut der Versöhnung,
Und die Schöpfung der Menschen verneut zu dem ewigen Bilde! 100
Hier erkor ich mich selbst, die göttliche Tat zu vollenden.
Ewiger Vater, das weisst du, das wissen die Himmel, wie innig
Mich seit diesem Entschluss nach meiner Erniedrung verlangte!
Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne,
Mein erwähltes, geliebteres Augenmerk! Und o Kanan, 105
Heiliges Land, wie oft hing unverwendet mein Auge
An dem Hügel, den ich von des Bundes Blute schon voll sah!
Und wie bebt mir mein Herz von süssen, wallenden Freuden,
Dass ich so lange schon Mensch bin, dass schon so viele Gerechte
Sich mir sammeln, und nun bald alle Geschlechte der Menschen 110
Mir sich heiligen werden! Hier lieg’ ich, göttlicher Vater,
Noch nach deinem Bilde geschmückt mit den Zügen der Menschheit,
Betend vor dir: bald aber,
ach bald wird dein tötend Gericht mich
Blutig entstellen, und unter den Staub der Toten begraben.
Schon, o Richter der Welt, schon hör’ ich fern dich, und einsam 115
Kommen und unerbittlich in deinen Himmeln dahergehn.
Schon durchdringt mich ein Schauer dem ganzen Geistergeschlechte
Unempfindbar, und wenn du sie auch mit dem Zorne der Gottheit
Tötetest, unempfindbar! Ich seh’ den nächtlichen Garten
Schon vor mir liegen, sinke vor dir in niedrigen Staub hin, 120
Lieg’, und bet’, und winde mich, Vater, in Todesschweisse.
Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will des Allmächtigen Zürnen,
Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen.
Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Gottheit,
Keiner je, den Unendlichen tötend mit ewigem Tode, 125
Ganz gedacht, und keiner empfunden. Gott nur vermochte
Gott zu versöhnen. Erhebe dich, Richter der Welt! Hier bin ich!
Töte mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Versöhnung.
Noch bin ich frei,
noch kann ich dich bitten; so tut sich der Himmel
Mit Myriaden von Seraphim auf, und führet mich jauchzend, 130
Vater, zurück in Triumph zu deinem erhabenen Trone!
Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen,
Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen einsieht;
Ich will leiden, den furchtbarsten Tod ich Ewiger leiden.
Weiter sagt’ er, und sprach:
Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf, 135
Meine Hand in die Wolken, und schwöre bei dir und mir selber,
Der ich Gott bin, wie du: Ich will die Menschen erlösen.
[Notes:
1: Lines 24 ff. Klopstock here follows John xii, making Jesus
‘hide himself’ from the palm-strewing people before entering the
city gate.
2: _Säuseln_; the ‘still small voice’ of I Kings xix, 12.
3: _Wandelndes_ = _fortwandelndes_, ‘continuing.’
4: _Abgrunds_; the ‘pit’ of hell, where the imprisoned fathers are
waiting to be released.]
+2+
+Wingolf[5]: The eighth song.+
Komm, goldne Zeit, die selten zu Sterblichen
Heruntersteiget, lass dich erflehn, und komm
Zu uns, wo dir es schon im Haine
Weht, und herab von dem Quell schon tönet!
Gedankenvoller, tief in Entzückungen
Verloren, schwebt bei dir die Natur. Sie hat’s
Getan! hat Seelen, die sich fühlen,
Fliegen den Geniusflug, gebildet.
Natur, dich hört’ ich im Unermesslichen
Herwandeln, wie, mit Sphärengesangeston,
Argo, von Dichtern nur vernommen,
Strahlend im Meere der Lüfte wandelt.
Aus allen goldnen Zeiten begleiten dich,
Natur, die Dichter! Dichter des Altertums!
Der späten Nachwelt Dichter! Segnend
Sehn sie ihr heilig Geschlecht hervorgehn.
[Notes:
5: The entire ode, dating from 1747 and consisting of eight
‘songs’ in Alcaic meter, was at first entitled _An des Dichters
Freunde_. Wingolf, as it was finally called, is the Norse Gimle,
the abode of the blest after Ragnarok. The seven preceding songs
extol the various friends who, united in a new Bardenhain, are to
usher in a new Golden Age.]
+3+
+An Fanny.+[6]
Wenn einst ich tot bin, wenn mein Gebein zu Staub
Ist eingesunken, wenn du, mein Auge, nun
Lang über meines Lebens Schicksal,
Brechend im Tode nun ausgeweint hast,
Und stillanbetend da, wo die Zukunft ist, 5
Nicht mehr hinaufblickst, wenn mein ersungner Ruhm,
Die Frucht von meiner Jünglingsträne,[7]
Und von der Liebe zu dir, Messias,
Nun auch verweht ist, oder von wenigen
In jene Welt hinüber gerettet ward; 10
Wenn du alsdann auch, meine Fanny,
Lange schon tot bist, und deines Auges
Stillheitres Lächeln, und sein beseelter Blick
Auch ist verloschen, wenn du, vom Volke nicht
Bemerket, deines ganzen Lebens 15
Edlere Taten nunmehr getan hast,
Des Nachruhms werter als ein unsterblich Lied,
Ach, wenn du dann auch einen beglückteren[8]
Als mich geliebt hast, lass den Stolz mir,
Einen beglückteren, doch nicht edleren! 20
Dann wird ein Tag sein, den werd’ ich auferstehn!
Dann wird ein Tag sein, den wirst du auferstehn!
Dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen,
Die du einander, Natur, bestimmtest.
Dann wägt, die Wagschal’ in der gehobnen Hand, 25
Gott Glück und Tugend gegen einander gleich;
Was in der Dinge Lauf jetzt missklingt,
Tönet in ewigen Harmonien!
Wenn dann du dastehst jugendlich auferweckt,
Dann eil’ ich zu dir! säume nicht, bis mich erst 30
Ein Seraph bei der Rechten fasse,
Und mich, Unsterbliche, zu dir führe.
Dann soll dein Bruder, innig von mir umarmt,
Zu dir auch eilen! dann will ich tränenvoll,
Voll froher Tränen jenes Lebens 35
Neben dir stehn, dich mit Namen nennen,
Und dich umarmen! Dann, o Unsterblichkeit,
Gehörst du ganz uns! Kommt, die das Lied nicht singt,
Kommt unaussprechlich süsse Freuden!
So unaussprechlich, als jetzt mein Schmerz ist. 40
Rinn, unterdes, o Leben! Sie kommt gewiss,
Die Stunde, die uns nach der Zypresse ruft.
Ihr andern, seid der schwermutsvollen
Liebe geweiht, und umwölkt und dunkel!
[Notes:
6: The ode dates from 1748. Fanny Schmidt was a young woman whose
indifference to Klopstock’s devotion threw him back on the hope of
a union in heaven.
7: _Jünglingsträne_; tears of high poetic aspiration.
8: _Beglückteren_, ‘more blest’ with this world’s goods.]
+4+
+Hermann und Thusnelda.+
Ha, dort kömmt er mit Schweiss, mit Römerblute,[9]
Mit dem Staube der Schlacht bedeckt! So schön war
Hermann niemals! So hat’s ihm
Nie von dem Auge geflammt!
Komm, ich bebe vor Lust! reich mir den Adler 5
Und das triefende Schwert! Komm, atm’, und ruh’ hier
Aus in meiner Umarmung,
Von der zu schrecklichen Schlacht!
Ruh’ hier, dass ich den Schweiss der Stirn abtrockne,
Und der Wange das Blut! Wie glüht die Wange! 10
Hermann! Hermann! So hat dich
Niemals Thusnelda geliebt!
Selbst nicht, da du zuerst im Eichenschatten
Mit dem bräunlichen Arm mich wilder fasstest!
Fliehend blieb ich, und sah dir 15
Schon die Unsterblichkeit an,
Die nun dein ist! Erzählt’s in allen Hainen,
Dass Augustus nun bang mit seinen Göttern
Nektar trinket! Dass Hermann,
Hermann unsterblicher ist! 20
“Warum lockst du mein Haar? Liegt nicht der stumme
Tote Vater vor uns? O hätt’ Augustus
Seine Heere geführt, er
Läge noch blutiger da.”
Lass dein sinkendes Haar mich, Hermann, heben, 25
Dass es über dem Kranz in Locken drohe!
Siegmar ist bei den Göttern!
Folg’ du, und wein’ ihm nicht nach!
[Notes:
9: Thusnelda greets her husband on his return from the victory
over the Roman legions under Quinctilius Varus in the Teutoburg
Wood.]
+LXXI. CHRISTOPH MARTIN WIELAND+
1733-1813. Wieland’s great service is to have set forth the cultural
problems and tendencies of the Age of Reason in an attractive literary
form. His most important imaginative works are prose tales and narrative
poems having a Greek, a medieval, or an Oriental setting, but dealing in
reality with living issues of his own day. His _Agathon_ (1766-1794)
marks the beginning of the German _Bildungsroman_. He had much in common
with the Gallic genius and was widely read in French translations--the
first German to attain that distinction. During the last quarter of the
18th century he was the most popular and influential of German writers.
1
_From ‘Musarion,’ lines 1385-1446; The happy estate of the converted
Phanias._[1]
Der schönste Tag folgt dieser schönen Nacht. 1385
Mit jedem folgenden find’t jedes sich beglückter,
Indem es sich im andern glücklich macht.
Durch überstandne Not geschickter
Zum weiseren Gebrauch, zum reizendern Genuss
Des Glücks, das, sich mit ihm so unverhofft versöhnte, 1390
Gleich fern von Dürftigkeit und stolzem Überfluss;
Glückselig, weil er’s war, nicht weil die Welt es wähnte,
Bringt Phanias in neidenswerter Ruh
Ein unbeneidet Leben zu,
In Freuden, die der unverfälschte Stempel 1395
Der Unschuld und Natur zu echten Freuden prägt.
Der bürgerliche Sturm, der stets Athen bewegt,
Trifft seine Hütte nicht--den Tempel
Der Grazien, seitdem Musarion sie ziert.
Bescheidne Gunst, durch ihren Witz geleitet, 1400
Gibt der Natur, so weit sein Landgut sich verbreitet,
Den stillen Reiz, der ohne Schimmer rührt.
Ein Garten, den mit Zephyrn und mit Floren
Pomona sich zum Aufenthalt erkoren;
Ein Hain, worin sich Amor gern verliert, 1405
Wo ernstes Denken oft mit leichtem Scherz sich gattet;
Ein kleiner Bach, von Ulmen überschattet,
An dem der Mittagsschlaf uns ungesucht beschleicht;--
Im Garten eine Sommerlaube,
Wo, zu der Freundin Kuss, der Saft der Purpurtraube, 1410
Den Thasos schickt, ihm wahrer Nektar deucht;
Ein Nachbar, der Horazens Nachbarn gleicht,
Gesundes Blut, ein unbewölkt Gehirne,
Ein ruhig Herz und eine heitre Stirne--
Wie vieles macht ihn reich!--denkt noch Musarion 1415
Hinzu, und sagt, was kann zum frohen Leben
Der Götter Gunst ihm mehr und Bessers geben?
Die Weisheit nur, den ganzen Wert davon
Zu fühlen, immer ihn zu fühlen,
Und, seines Glückes froh, kein andres zu erzielen; 1420
Auch diese gab sie ihm. Sein Mentor war
Kein Cyniker mit ungekämmtem Haar,
Kein runzlichter Cleanth,[2] der, wenn die Flasche blinkt,
Wie Zeno spricht und wie Silenus trinkt;
Die Liebe war’s--wer lehrt so gut wie sie? 1425
Auch lernt’ er gern, und schnell, und sonder Müh,
Die reizende Philosophie,
Die, was Natur und Schicksal uns gewährt,
Vergnügt geniesst, und gern den Rest entbehrt;
Die Dinge dieser Welt gern von der schönen Seite 1430
Betrachtet; dem Geschick sich unterwürfig macht;
Nicht wissen will, was alles das bedeute,
Was Zeus aus Huld in rätselhafte Nacht
Vor uns verbarg, und auf die guten Leute
Der Unterwelt, so sehr sie Toren sind, 1435
Nie böse wird, nur lächerlich sie find’t
Und sich dazu--sie drum nicht minder liebet;
Den irrenden bedaurt, und nur den Gleisner flieht;
Nicht stets von Tugend spricht, noch, von ihr sprechend, glüht,
Doch ohne Sold und aus Geschmack sie übet; 1440
Und, glücklich oder nicht, die Welt
Für kein Elysium, für keine Hölle hält,
Nie so verderbt, als sie der Sittenrichter
Von seinem Tron--im sechsten Stockwerk--sieht,
So lustig nie als jugendliche Dichter 1445
Sie malen, wenn ihr Hirn von Wein und Phyllis glüht.
[Notes:
1: Phanias is at first a crabbed misanthrope. The lovely Musarion
takes him in hand and teaches him her art of love as a philosophy
of the Graces.
2: The Stoic Cleanthes is one of the characters of the poem.]
2
_From ‘Agathon,’ Book 16, Chapter 3: The Philosophy of the sage
Archytas._[3]
Je mehr ich diesen grossen, alles umfassenden Gedanken[4] durchzudenken
strebe, je völliger fühle ich mich überzeugt, dass sich die ganze Kraft
meines Geistes in ihm erschöpft, dass er alle seine wesentlichen Triebe
befriedigt, dass ich mit aller möglichen Anstrengung nichts Höheres,
Besseres, Vollkommeneres denken kann, und--dass eben dies der stärkste
Beweis seiner Wahrheit ist. Von dem Augenblick an, da mir dieser
göttlichste aller Gedanken, in der ganzen Klarheit, womit er meine Seele
durchstrahlt, so gewiss erscheint, als ich mir selbst meiner
vernünftigen Natur bewusst bin, fühle ich, dass ich mehr als ein
sterbliches Erdenwesen, unendlich mehr als der blosse Tiermensch bin,
der ich äusserlich scheine; fühle, dass ich durch unauflösliche Bande
mit allen Wesen zusammenhange, und dass die Tätigkeit meines Geistes,
anstatt in die traumähnliche Dauer eines halb tierischen Lebens
eingeschränkt zu sein, für eine ewige Reihe immer höherer Auftritte,
immer reinerer Enthüllungen, immer kraftvollerer, weiter gränzender
Anwendungen eben dieser Vernunft bestimmt ist, die mich schon in diesem
Erdenleben zum edelsten aller sichtbaren Wesen macht.