Von diesem Augenblick an fühle ich, dass der Geist allein mein wahres

Ich sein kann, dass nur seine Geschäfte, sein Wohlstand, seine

Glückseligkeit, die meinigen sind; dass es Unsinn wäre, wenn er einen

Körper, der ihm bloss als Organ zur Entwicklung und Anwendung seiner

Kraft und zu Vermittlung seiner Gemeinschaft und Verbindung mit den

übrigen Wesen zugegeben ist, als einen wirklichen Teil seiner selbst

betrachten, und das Tier, das ihm dienen soll, als seinesgleichen

behandeln wollte; aber mehr als Unsinn, Verbrechen gegen das heiligste

aller Naturgesetze, wenn er ihm die Herrschaft über sich einräumen, oder

sich in ein schnödes Bündnis gegen sich selbst mit ihm einlassen, eine

Art von Centaur aus sich machen, und die Dienste, die ihm das Tier zu

leisten genötigt ist, durch seiner selbst unwürdige Gegendienste

erwiedern wollte.

Von diesem Augenblick an, da mein Rang in der Schöpfung, die Würde eines

Bürgers der Stadt Gottes, die mich zum Genossen einer höhern Ordnung der

Dinge macht, entschieden ist, gehöre ich nicht mir selbst, nicht einer

Familie, nicht einer besondern Bürgergesellschaft, nicht einer einzelnen

Gattung, noch dem Erdschollen, den ich mein Vaterland nenne,

ausschliesslich an: ich gehöre mit allen meinen Kräften dem grossen

Ganzen an, worin mir mein Platz, meine Bestimmung, meine Pflicht, von

dem einzigen Oberherrn, den ich über mir erkennen darf, angewiesen ist.

Aber eben darum, und nur darum, weil in diesem Erdenleben mein Vaterland

der mir unmittelbar angewiesene Posten, meine Hausgenossen, Mitbürger,

Mitmenschen, diejenigen sind, auf welche sich meine Tätigkeit sich

zunächst beziehen soll, erkenne ich mich verbunden, alles mir Mögliche

zu ihrem Besten zu tun und zu leiden, sofern keine höhere Pflicht

dadurch verletzt wird. Denn von diesem Augenblick an sind Wahrheit,

Gerechtigkeit, Ordnung, Harmonie und Vollkommenheit, ohne eigennützige

Rücksicht auf mich selbst, die höchsten Gegenstände meiner Liebe; ist

das Bestreben, diese reinsten Ausstrahlungen der Gottheit in mir zu

sammeln und ausser mir zu verbreiten, mein letzter Zweck, die Regel

aller meiner Handlungen, die Norm aller Gesetze, zu deren Befolgung ich

mich verbindlich machen darf. Mein Vaterland hat alles von mir zu

fordern, was dieser höchsten Pflicht nicht widerspricht: aber sobald

sein vermeintes Interesse eine ungerechte Handlung von mir forderte, so

hörten für diesen Moment alle seine Ansprüche an mich auf, und wenn

Verlust meiner Güter, Verbannung und der Tod selbst auf meiner Weigerung

stände, so wäre Armut, Verbannung und Tod der beste Teil, den ich wählen

könnte.

Kurz, Agathon, von dem Augenblick an, da jener grosse Gedanke von meinem

Innern Besitz genommen hat und die Seele aller meiner Triebe,

Entschliessungen und Handlungen geworden ist, verschwindet auf immer

jede Vorstellung, jede Begierde, jede Leidenschaft, die mein Ich von dem

Ganzen, dem es angehört, trennen, meinen Vorteil isolieren, meine

Pflicht meinem Nutzen oder Vergnügen unterordnen will. Nun ist mir keine

Tugend zu schwer, kein Opfer, das ich ihr bringe, zu teuer, kein Leiden

um ihrentwillen unerträglich. Ich scheine, wie du sagtest, mehr als ein

gewöhnlicher Mensch; und doch besteht mein ganzes Geheimnis bloss darin,

dass ich diesen Gedanken meines göttlichen Ursprungs, meiner bohen

Bestimmung, und meines unmittelbaren Zusammenhangs mit der unsichtbaren

Welt und dem allgemeinen Geist, immer in mir gegenwärtig, hell und

lebendig zu erhalten gesucht habe, und dass er durch die Länge der Zeit

zu einem immerwährenden leisen Gefühl geworden ist. Fühle ich auch (wie

es kaum anders möglich ist) zuweilen das Los der Menschheit, den Druck

der irdischen Last, die an den Schwingen unseres Geistes hängt,

verdüstert sich mein Sinn, ermattet meine Kraft,--so bedarf es nur

einiger Augenblicke, worin ich den schlummernden Gedanken der innigen

Gegenwart, womit die alles erfüllende Urkraft auch mein innerstes Wesen

umfasst und durchdringt, wieder in mir erwecke, und es wird mir, als ob

ein Lebensgeist mich anwehe, der die Flamme des meinigen wieder anfacht,

wieder Licht durch meinen Geist, Wärme durch mein Herz verbreitet, und

mich wieder stark zu allem macht, was mir zu tun oder zu leiden

auferlegt ist.

Und ein System von Ideen, dessen Glaube diese Wirkung tut, sollte noch

eines andern Beweises seiner Wahrheit bedürfen als seine blosse

Darstellung? Ein Glaube, der die Vernunft so völlig befriedigt, der mir

sogar durch sie selbst aufgedrungen wird, und dem ich nicht entsagen

kann ohne meiner Vernunft zu entsagen; ein Glaube, der mich auf dem

geradesten Wege zur grössten sittlichen Güte und zum reinsten Genuss

meines Daseins führt, die in diesem Erdenleben möglich sind; ein Glaube,

der, sobald er allgemein würde, die Quellen aller sittlichen Übel

verstopfen, und den schönen Dichtertraum vom goldnen Alter in seiner

höchsten Vollkommenheit realisieren würde;--ein solcher Glaube beweiset

sich selbst, Agathon! und wir können alle seine Gegner getrost

auffordern, einen vernunftmässigern und der menschlichen Natur

zuträglichern aufzustellen. Wirf einen Blick auf das, was die Menschheit

ohne ihn ist,--was sie wäre, wenn sich nicht in den Gesetzgebungen,

Religionen, Mysterien und Schulen der Weisen immer einige Strahlen und

Funken von ihm unter den Völkern erhalten hätten,--und was sie werden

könnte, werden müsste, wenn er jemals herrschend würde,--was sie schon

allein durch blosse stufenweise Annäherung gegen dieses vielleicht nie

erreichbare Ziel werden wird: und alle Zweifel, alle Einwendungen, die

der Unglaube der Sinnlichkeit und die Sophisterei der Dialektik gegen

ihn aufbringen können, werden dich so wenig in deiner Überzeugung

stören, als ein Sonnenstäubchen eine vom Übergewicht eines Centners

niedergedrückte Wagschale steigen machen kann.

Ich kenne nur einen einzigen Einwurf gegen ihn, der beim ersten Anblick

einige Scheinbarkeit hat; den nämlich, dass er zu erhaben für den

grossen Haufen, zu rein und vollkommen für den Zustand sei, zu welchem

das Schicksal die Menschen auf dieser Erde verurteilt habe. Aber, wenn

es nur zu wahr ist, dass der grösste Teil unsrer Brüder sich in einem

Zustande von Rohheit, Unwissenheit, Mangel an Ausbildung, Unterdrückung

und Sklaverei befindet, der sie zu einer Art von Tierheit zu verdammen

scheint, worin dringende Sorgen für die blosse Erhaltung des

animalischen Lebens den Geist niederdrücken und ihn nicht zum

Bewusstsein seiner eignen Würde und Rechte kommen lassen: wer darf es

wagen, die Schuld dieser Herabwürdigung der Menschheit auf das Schicksal

zu legen? Liegt sie nicht offenbar an denen, die aus höchst sträflichen

Bewegursachen alle nur ersinnlichen Mittel anwenden, sie so lange als

möglich in diesem Zustande von Tierheit zu erhalten? --Doch, diese

Betrachtung würde uns jetzt zu weit führen! --Genug, wir, mein lieber

Agathon, wir kennen unsre Pflicht: nie werden wir, wenn Macht in unsre

Hände gegeben wird, unsre Macht anders als zum möglichsten Besten unsrer

Brüder gebrauchen; und wenn wir auch sonst nichts vermögen, so werden

wir ihnen, so viel an uns ist, zu jenem ‘Kenne dich selbst’ behilflich

zu sein suchen, welches sie unmittelbar zu dem einzigen Mittel führt,

wodurch den Übeln der Menschheit gründlich geholfen werden kann.

Freilich ist dies nur stufenweise, nur durch allmähliche Verbreitung des

Lichtes, worin wir unsre wahre Natur und Bestimmung erkennen, möglich:

aber auch bei der langsamsten Zunahme desselben, wofern es nur zunimmt,

wird es endlich heller Tag werden; denn so lange die Unmöglichkeit einer

stufenweise wachsenden Vervollkommnung aller geistigen Wesen

unerweislich bleiben wird, können wir jenen trostlosen Zirkel, worin

sich das Menschengeschlecht, nach der Meinung einiger Halbweisen, ewig

herumdrehen soll, zuversichtlich für eine Chimäre halten. Bei einer

solchen Meinung mag wohl die Trägheit einzelner sinnlicher Menschen ihre

Rechnung finden: aber sie ist weder dem Menschen im ganzen zuträglich,

noch mit dem Begriffe, den die Vernunft sich von der Natur des Geistes

macht, noch mit dem Plane des Weltalls vereinbar, den wir uns, als das

Werk der höchsten Weisheit und Güte, schlechterdings in der höchsten

Vollkommenheit, die wir mit unsrer Denkkraft erreichen können,

vorzustellen schuldig sind; und dies um so mehr, da wir nicht zweifeln

dürfen, dass die undurchbrechbaren Schranken unsrer Natur, auch bei der

höchsten Anstrengung unsrer Kraft, uns immer unendlich weit unter der

wirklichen Vollkommenheit dieses Plans und seiner Ausführung

züruckbleiben lassen.

Auch der Einwurf, dass der Glaube einer Verknüpfung unsers Geistes mit

der unsichtbaren Welt und dem allgemeinen System der Dinge gar zu leicht

die Ursache einer der gefährlichsten Krankheiten des menschlichen

Gemütes, der religiösen und dämonistischen Schwärmerei, werden könne,

ist von keiner Erheblichkeit. Denn es hängt ja bloss von uns selbst ab,

dem Hange zum Wunderbaren die Vernunft zur Grenze zu setzen, Spielen der

Phantasie und Gefühlen des Augenblicks keinen zu hohen Wert beizulegen,

und die Bilder, unter welchen die alten Dichter der Morgenländer ihre

Ahnungen vom Unsichtbaren und Zukünftigen sich und andern zu

versinnlichen gesucht haben, für nichts mehr als das, was sie sind, für

Bilder übersinnlicher und also unbildlicher Dinge anzusehen.

Verschiedenes in der Orphischen Theologie, und das Meiste, was in den

Mysterien geoffenbaret wird, scheint aus dieser Quelle geflossen zu

sein. Diese lieblichen Träume der Phantasie sind dem kindischen Alter

der Menschheit angemessen, und die Morgenländer scheinen auch hierin,

wie in allem Übrigen, immer Kinder bleiben zu wollen. Aber uns, deren

Geisteskräfte unter einem gemässigtern Himmel und unter dem Einfluss der

bürgerlichen Freiheit entwickelt, und durch keine Hieroglyphen, heilige

Bücher und vorgeschriebene Glaubensformeln gefesselt werden,--uns, denen

erlaubt ist, auch die ehrwürdigsten Fabeln des Altertums für--Fabeln zu

halten, liegt es ob, unsre Begriffe immer mehr zu reinigen, und

überhaupt von allem, was ausserhalb des Kreises unsrer Sinne liegt,

nicht mehr wissen zu wollen, als was die Vernunft selbst davon zu

glauben lehrt, und als für unser moralisches Bedürfnis zureicht.

Die Schwärmerei, die sich im Schatten einer unbeschäftigten Einsamkeit

mit sinnlich-geistigen Phänomenen und Gefühlen nährt, lässt sich

freilich an einer so frugalen Beköstigung nicht genügen; sie möchte sich

über die Grenzen der Natur wegschwingen, sich durch Überspannung ihres

innern Sinnes schon in diesem Leben in einen Zustand versetzen können,

der uns vielleicht in einem andern bevorsteht; sie nimmt Träume für

Erscheinungen, Schattenbilder für Wesen, Wünsche einer glühenden

Phantasie für Genuss; gewöhnt ihr Auge an ein magisches Helldunkel,

worin ihm das volle Licht der Vernunft nach und nach unerträglich wird,

und berauscht sich in süssen Gefühlen und Ahnungen, die ihr den wahren

Zweck des Lebens aus den Augen rücken, die Tätigkeit des Geistes

einschläfern, und das unbewachte Herz wehrlos jedem unvermuteten Anfall

auf seine Unschuld preisgeben. Gegen diese Krankheit der Seele ist

Erfüllung unsrer Pflichten im bürgerlichen und häuslichen Leben das

sicherste Verwahrungsmittel; denn innerhalb dieser Schranken ist die

Laufbahn eingeschlossen, die uns hienieden angewiesen ist, und es ist

blosse Selbsttäuschung, wenn jemand sich berufen glaubt, eine Ausnahme

von diesem allgemeinen Gesetze zu sein.

[Notes:

3: Agathon is a Greek of the 4th century B.C. Brought up amid the

religious influences of Delphi, he becomes an idealist and a

dreamer of fine dreams. He goes to Athens, takes part in politics,

is banished and sold into slavery. At Smyrna he is bought by the

sophist Hippias, who tries to convert him to a sensualistic

philosophy. He falls in love with the beautiful hetæra Danaë, but

on learning the story of her other loves, he leaves Smyrna in

disgust and goes to Syracuse, where he has divers adventures at

the court of the tyrant Dionysius. At last, finding his way to

Tarentum, he makes the acquaintance of the sage Archytas, who

expounds to him the true philosophy.

4: The ‘great thought’ is that the human mind is connected with

the invisible world and with the general system of things.]

+LXXII. GOTTHOLD EPHRAIM LESSING+

1729-1781. The earliest writings of Lessing, consisting of songs,

anacreontic verses, epigrams, fables, and prose comedies, belong to an

era that was passing. His more significant imaginative work begins with

_Miss Sara Sampson_ (1755), the first German tragedy of middle-class

life. His three most famous plays, _Minna von Barnhelm_ (1766), _Emilia

Galotti_ (1772), and _Nathan the Wise_ (1779), are well-known classics,

and as such are not included in the scheme of this book. In the field of

criticism his most important works are the _Letters on Literature_

(1759-1765), which set a new standard of critical plain-speaking; the

_Laokoon_ (1766), which undertook to delimit the provinces of poetry and

of plastic art; the _Hamburg Dramaturgy_ (1767-1769), which assailed the

prestige of the French classical tragedy, and the _Anti-Goeze_ (1778),

a notable defense of what is now called the higher criticism. He exerted

an immense influence in liberating Germany from the trammels of outworn

convention.

+1+

+Grabschrift auf Voltaire.+

Hier liegt--wenn man euch glauben wollte,

Ihr frommen Herrn!--der längst hier liegen sollte.

Der liebe Gott verzeih aus Gnade

Ihm seine Henriade

Und seine Trauerspiele

Und seiner Verschen viele;

Denn, was er sonst ans Licht gebracht,

Das hat er ziemlich gut gemacht.

+2+

+Der Tod.+

Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben?

Gestern bei dem Saft der Trauben

(Bildet euch mein Schrecken ein!)

Kam der Tod zu mir herein.

Drohend schwang er seine Hippe, 5

Drohend sprach das Furchtgerippe:

Fort, du teurer Bacchusknecht!

Fort, du hast genug gezecht!

Lieber Tod, sprach ich mit Tränen,

Solltest du nach mir dich sehnen? 10

Sieh, da stehet Wein für dich!

Lieber Tod, verschone mich!

Lächelnd greift er nach dem Glase,

Lächelnd macht er’s auf der Base.

Auf der Pest, Gesundheit leer; 15

Lächelnd setzt er’s wieder her.

Fröhlich glaub’ ich mich befreiet,

Als er schnell sein Drohn erneuet.

Narre, für dein Gläschen Wein

Denkst du, spricht er, los zu sein? 20

Tod, bat ich, ich möcht’ auf Erden

Gern ein Mediziner werden.

Lass mich! ich verspreche dir

Meine Kranken halb dafür.

Gut, wenn das ist, magst du leben, 25

Ruft er. Nur sei mir ergeben!

Lebe, bis du satt geküsst

Und des Trinkens müde bist.

O, wie schön klingt dies den Ohren!

Tod, du hast mich neu geboren. 30

Dieses Glas voll Rebensaft,

Tod, auf gute Brüderschaft!

Ewig muss ich also leben,

Ewig! denn, beim Gott der Reben!

Ewig soll mich Lieb’ und Wein, 35

Ewig Wein und Lieb’ erfreun!

3

_From ‘Miss Sara Sampson’: Act II, Scene 7._

MELLEFONT. MARWOOD.[1]

MARWOOD. Nun sind wir allein. Nun sagen Sie es noch einmal, ob Sie fest

entschlossen sind, mich einer jungen Närrin aufzuopfern?

MELLEFONT (_bitter_). Aufzuopfern? Sie machen, dass ich mich hier

erinnere, dass den alten Göttern auch sehr unreine Tiere geopfert

wurden.

MARWOOD (_spöttisch_). Drücken Sie sich ohne so gelehrte Anspielungen

aus.

MELLEFONT. So sage ich Ihnen, dass ich fest entschlossen bin, nie wieder

ohne die schrecklichsten Verwünschungen an Sie zu denken. Wer sind Sie?

Und wer ist Sara? Sie sind eine wollüstige, eigennützige, schändliche

Buhlerin, die sich jetzt kaum mehr muss erinnern können, einmal

unschuldig gewesen zu sein. Ich habe mir mit Ihnen nichts vorzuwerfen,

als dass ich dasjenige genossen, was Sie ohne mich vielleicht die ganze

Welt hätten geniessen lassen. Sie haben mich gesucht, nicht ich Sie; und

wenn ich nunmehr weiss, wer Marwood ist, so kömmt mir diese Kenntnis

teuer genug zu stehen. Sie kostet mir mein Vermögen, meine Ehre, mein

Glück--

MARWOOD. Und so wollte ich, dass sie dir auch deine Seligkeit kosten

müsste! Ungeheuer! Ist der Teufel ärger als du, der schwache Menschen zu

Verbrechen reizet und sie dieser Verbrechen wegen, die sein Werk sind,

hernach selbst anklagt? Was geht dich meine Unschuld an, wann und wie

ich sie verloren habe? Habe ich dir meine Tugend nicht preisgeben

können, so habe ich doch meinen guten Namen für dich in die Schanze

geschlagen. Jene ist nichts kostbarer als dieser. Was sage ich?

Kostbarer? Sie ist ohne ihn ein albernes Hirngespinnst, das weder ruhig

noch glücklich macht. Er allein gibt ihr noch einigen Wert und kann

volkommen ohne sie bestehen. Mochte ich doch sein, wer ich wollte, ehe

ich dich, Scheusal, kennen lernte; genug, dass ich in den Augen der Welt

für ein Frauenzimmer ohne Tadel galt. Durch dich nur hat sie es

erfahren, dass ich es nicht sei; durch meine Bereitwilligkeit bloss,

dein Herz, wie ich damals glaubte, ohne deine Hand anzunehmen.

MELLEFONT. Eben diese Bereitwilligkeit verdammt dich, Niederträchtige.

MARWOOD. Erinnerst du dich aber, welchen nichtswürdigen Kunstgriffen du

sie zu verdanken hattest? Ward ich nicht von dir beredet, dass du dich

in keine öffentliche Verbindung einlassen könntest, ohne einer Erbschaft

verlustig zu werden, deren Genuss du mit niemand als mit mir teilen

wolltest? Ist es nun Zeit, ihrer zu entsagen? Und ihrer für eine andre

als für mich zu entsagen?

MELLEFONT. Es ist mir eine wahre Wollust, Ihnen melden zu können, dass

diese Schwierigkeit nunmehr bald wird gehoben sein. Begnügen Sie sich

also nur, mich um mein väterliches Erbteil gebracht zu haben, und lassen

mich ein weit geringeres mit einer würdigern Gattin geniessen.

MARWOOD. Ha! Nun seh’ ich’s, was dich eigentlich so trotzig macht! Wohl,

ich will kein Wort mehr verlieren. Es sei darum! Rechne darauf, dass ich

alles anwenden will, dich zu vergessen. Und das erste, was ich in dieser

Absicht tun werde, soll dieses sein-- Du wirst mich verstehen! Zittre

für deine Bella! Ihr Leben soll das Andenken meiner verachteten Liebe

auf die Nachwelt nicht bringen; meine Grausamkeit soll es tun. Sieh in

mir eine neue Medea!

MELLEFONT (_erschrocken_). Marwood--

MARWOOD. Oder wenn du noch eine grausamere Mutter weisst, so sieh sie

gedoppelt in mir! Gift und Dolch sollen mich rächen. Doch nein, Gift und

Dolch sind zu barmherzige Werkzeuge! Sie würden dein und mein Kind zu

bald töten. Ich will es nicht gestorben sehen; sterben will ich es

sehen! Durch langsame Martern will ich in seinem Gesichte jeden

ähnlichen Zug, den es von dir hat, sich verstellen, verzerren und

verschwinden lassen. Ich will mit begieriger Hand Glied von Glied, Ader

von Ader, Nerve von Nerve lösen und das kleinste derselben auch da noch

nicht aufhören zu schneiden und zu brennen, wenn es schon nichts mehr

sein wird als ein empfindungsloses Aas. Ich--ich werde wenigstens dabei

empfinden, wie süss die Rache sei!

MELLEFONT. Sie rasen, Marwood--

MARWOOD. Du erinnerst mich, dass ich nicht gegen den rechten rase. Der

Vater muss voran! Er muss schon in jener Welt sein, wenn der Geist

seiner Tochter unter tausend Seufzern ihm nachzieht-- (_Sie geht mit

einem Dolche, den sie aus dem Busen reisst, auf ihn los_). Drum stirb,

Verräter!

MELLEFONT. (_der ihr in den Arm fällt und den Dolch entreisst)._

Unsinniges Weibsbild! Was hindert mich nun, den Stahl wider dich zu

kehren? Doch lebe, und deine Strafe müsse einer ehrlosen Hand aufgehoben

sein!

MARWOOD (_mit gerungenen Händen_). Himmel, was hab’ ich getan?

Mellefont--

MELLEFONT. Deine Reue soll mich nicht hintergehen! Ich weiss es doch

wohl, was dich reuet; nicht dass du den Stoss tun wollen, sondern dass

du ihn nicht tun können.

MARWOOD. Geben Sie mir ihn wieder, den verirrten Stahl! Geben Sie mir

ihn wieder! und Sie sollen es gleich sehen, für wen er geschliffen ward.

Für diese Brust allein, die schon längst einem Herzen zu enge ist, das

eher dem Leben als Ihrer Liebe entsagen will.

[Notes:

1: The scene is a low London inn, to which Mellefont, a sentimental

profligate, has brought Sara Sampson under promise of marriage.

Marwood is Mellefont’s former mistress, by whom he has a daughter,

Bella.]

4

_The Seventeenth of the ‘Letters on Literature.’ Feb. 16, 1759._

‘Niemand,’ sagen die Verfasser der Bibliothek,[2] ‘wird leugnen, dass

die deutsche Schaubühne einen grossen Teil ihrer ersten Verbesserung dem

Herrn Professor Gottsched zu danken habe.’

Ich bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. Es wäre zu wünschen,

dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine

vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten

oder sind wahre Verschlimmerungen.

Als die Neuberin[3] blühte und so mancher den Beruf fühlte, sich um sie

und die Bühne verdient zu machen, sahe es freilich mit unserer

dramatischen Poesie sehr elend aus. Man kannte keine Regeln, man

bekümmerte sich um keine Muster. Unsre Staats- und Heldenaktionen waren

voller Unsinn, Bombast, Schmutz und Pöbelwitz. Unsre Lustspiele

bestanden in Verkleidungen und Zaubereien, und Prügel waren die

witzigsten Einfälle derselben. Dieses Verderbnis einzusehen, brauchte

man eben nicht der feinste und grösste Geist zu sein. Auch war Herr

Gottsched nicht der erste, der sich Kräfte genug zutraute, ihm

abzuhelfen. Und wie ging er damit zu Werke? Er verstand ein wenig

Französisch und fing an zu übersetzen; er ermunterte alles, was reimen

und ‘Oui, monsieur’ verstehen konnte, gleichfalls zu übersetzen; er

verfertigte, wie ein schweizerischer Kunstrichter[4] sagt, mit Kleister

und Schere seinen ‘Cato’; er liess den ‘Darius’ und die ‘Austern,’ die

‘Elisie,’ und den ‘Bock im Prozesse,’ den ‘Aurelius’ und den ‘Witzling,’

die ‘Banise’ und den ‘Hypochondristen’ ohne Kleister und Schere machen;

er legte seinen Fluch auf das Extemporieren; er liess den Harlekin

feierlich vom Theater vertreiben, welches selbst die grösste Harlekinade

war, die jemals gespielt worden; kurz, er wollte nicht so wohl unser

altes Theater verbessern, als der Schöpfer eines ganz neuen sein. Und

was für eines neuen? Eines französierenden; ohne zu untersuchen, ob

dieses französierende Theater der deutschen Denkungsart angemessen sei

oder nicht.

Er hätte aus unsern alten dramatischen Stücken, welche er vertrieb,

hinlänglich abmerken können, dass wir mehr in den Geschmack der

Engländer als der Franzosen einschlagen; dass wir in unsern

Trauerspielen mehr sehen und denken wollen, als uns das furchtsame

französische Trauerspiel zu sehen und zu denken gibt; dass das Grosse,

das Schreckliche, das Melancholische besser auf uns wirkt als das

Artige, das Zärtliche, das Verliebte; dass uns die zu grosse Einfalt

mehr ermüde als die zu grosse Verwickelung u.s.w. Er hätte also auf

dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn geraden Weges auf das

englische Theater geführet haben. --Sagen Sie ja nicht, dass er auch

dieses zu nutzen gesucht, wie sein ‘Cato’ es beweise. Denn eben dieses,

dass er den Addisonschen ‘Cato’ für das beste englische Trauerspiel

hält,[5] zeiget deutlich, dass er hier nur mit den Augen der Franzosen

gesehen und damals keinen Shakespeare, keinen Jonson, keinen Beaumont

und Fletcher u.s.w. gekannt hat, die er hernach aus Stolz auch nicht hat

wollen kennen lernen.

Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare, mit einigen bescheidenen

Veränderungen, unsern Deutschen übersetzt hätte, ich weiss gewiss, es

würde von bessern Folgen gewesen sein, als dass man sie mit dem

Corneille und Racine so bekannt gemacht hat. Erstlich würde das Volk an

jenem weit mehr Geschmack gefunden haben, als es an diesen nicht finden

kann; und zweitens würde jener ganz andre Köpfe unter uns erweckt haben,

als man von diesen zu rühmen weiss. Denn ein Genie kann nur von einem

Genie entzündet werden, und am leichtesten von so einem, das alles bloss

der Natur zu danken zu haben scheinet, und durch die mühsamen

Vollkommenheiten der Kunst nicht abschrecket.

Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist

Shakespeare ein weit grösserer tragischer Dichter als Corneille,

obgleich dieser die Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt

hat. Corneille kömmt ihnen in der mechanischen Einrichtung und

Shakespeare in dem Wesentlichen näher. Der Engländer erreicht den Zweck

der Tragödie fast immer, so sonderbare und ihm eigne Wege er auch

wählet, und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die

gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem ‘Oedipus’ des Sophokles muss

in der Welt kein Stück mehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben als

‘Othello,’ als ‘König Lear,’ als ‘Hamlet’ u.s.w. Hat Corneille ein

einziges Trauerspiel, das Sie nur halb so gerühret hätte als die ‘Zaire’

des Voltaire? Und die ‘Zaire’ des Voltaire, wie weit ist sie unter dem

‘Mohren von Venedig,’ dessen schwache Copie sie ist, und von welchem der

ganze Charakter des Orosmans entlehnet worden?

Dass aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englisches gehabt haben,

könnte ich Ihnen mit geringer Mühe weitläufig beweisen. Nur das

bekannteste derselben zu nennen, ‘Doctor Faust’ hat eine Menge Szenen,

die nur ein Shakespeare’sches Genie zu denken vermögend gewesen. Und wie

verliebt war Deutschland, und ist es zum Teil noch, in seinen Doctor

Faust! Einer von meinen Freunden verwahret einen alten Entwurf dieses

Trauerspiels, und er hat mir einen Auftritt daraus mitgeteilet, in

welchem gewiss viel Grosses liegt. Sind Sie begierig, ihn zu lesen? Hier

ist er! --Faust verlangt den schnellsten Geist der Hölle zu seiner

Bedienung. Er macht seine Verschwörungen; es erscheinen sieben

derselben; und nun fängt sich die dritte Szene des zweiten Aufzugs an:

FAUST UND SIEBEN GEISTER

FAUST. Ihr? Ihr seid die schnellesten Geister der Hölle?

DIE GEISTER ALLE. Wir.

FAUST. Seid ihr alle sieben gleich schnell?

DIE GEISTER ALLE. Nein.

FAUST. Und welcher von euch ist der Schnelleste?

DIE GEISTER ALLE. Der bin ich!

FAUST. Ein Wunder, dass unter sieben Teufeln nur sechs Lügner sind.

--Ich muss euch näher kennen lernen.

DER ERSTE GEIST. Das wirst du! Einst!

FAUST. Einst! Wie meinst du das? Predigen die Teufel auch Busse?

DER ERSTE GEIST. Ja wohl, den Verstockten. --Aber halte uns nicht

auf!

FAUST. Wie heissest du? Und wie schnell bist du?

DER ERSTE GEIST. Du könntest eher eine Probe als eine Antwort haben.

FAUST. Nunwohl! Sieh her: was mache ich?

DER ERSTE GEIST. Du fährst mit deinem Finger schnell durch die

Flamme des Lichts--

FAUST. Und verbrenne mich nicht. So geh auch du und fahre siebenmal

eben so schnell durch die Flammen der Hölle und verbrenne dich

nicht! --Du verstummst? Du bleibst? --So prahlen auch die Teufel?

Ja, ja; keine Sünde ist so klein, dass ihr sie euch nehmen liesset.

--Zweiter, wie heissest du?

DER ZWEITE GEIST. Chil, das ist in eurer langweiligen Sprache: Pfeil

der Pest.

FAUST. Und wie schnell bist du?

DER ZWEITE GEIST. Denkest du, dass ich meinen Namen vergebens führe?

--Wie die Pfeile der Pest.

FAUST. Nun, so geh und diene einem Arzte! Für mich bist du viel zu

langsam. --Du dritter, wie heissest du?

DER DRITTE GEIST. Ich heisse Dilla; denn mich tragen die Flügel der

Winde.

FAUST. Und du vierter?

DER VIERTE GEIST. Mein Name ist Jutta; denn ich fahre auf den

Strahlen des Lichts.

FAUST. O ihr, deren Schnelligkeit in endlichen Zahlen auszudrücken,

ihr Elenden--

DER FÜNFTE GEIST. Würdige sie deines Unwillens nicht. Sie sind nur

Satans Boten in der Körperwelt. Wir sind es in der Welt der Geister;

uns wirst du schneller finden.

FAUST. Und wie schnell bist du?

DER FÜNFTE GEIST. So schnell als die Gedanken des Menschen.

FAUST. Das ist etwas! --Aber nicht immer sind die Gedanken des

Menschen schnell. Nicht da, wenn Wahrheit und Tugend sie auffordern.

Wie träge sind sie alsdenn! --Du kannst schnell sein, wenn du

schnell sein willst; aber wer steht mir dafür, dass du es allezeit

willst? Nein, dir werde ich so wenig trauen, als ich mir selbst

hätte trauen sollen. Ach!-- (_Zum sechsten Geiste_) Sage du, wie

schnell bist du?

DER SECHSTE GEIST. So schnell als die Rache des Rächers.

FAUST. Des Rächers? Welches Rächers?

DER SECHSTE GEIST. Des Gewaltigen, des Schrecklichen, der sich

allein die Rache vorbehielt, weil ihn die Rache vergnügte.

FAUST. Teufel! du lästerst; denn ich sehe, du zitterst. --Schnell,

sagst du, wie die Rache des--bald hätte ich ihn genennt! Nein, er

werde nicht unter uns genennt! --Schnell wäre seine Rache? Schnell?

--Und ich lebe noch? Und ich sündige noch?

DER SECHSTE GEIST. Dass er dich noch sündigen lässt, ist schon

Rache!

FAUST. Und dass ein Teufel mich dieses lehren muss! --Aber doch erst

heute! Nein, seine Rache ist nicht schnell, und wenn du nicht

schneller bist als seine Rache, so geh nur!-- (_Zum siebenten

Geiste_) Wie schnell bist du?

DER SIEBENTE GEIST. Unzuvergnügender Sterbliche, wo auch ich dir

nicht schnell genug bin--

FAUST. So sage: wie schnell?

DER SIEBENTE GEIST. Nicht mehr und nicht weniger als der Übergang

vom Guten zum Bösen.

FAUST. Ha! Du bist mein Teufel! So schnell als der Übergang vom

Guten zum Bösen! --Ja, der ist schnell; schneller ist nichts als

der! --Weg von hier, ihr Schnecken des Orcus! Weg! --Als der

Übergang vom Guten zum Bösen! Ich habe es erfahren, wie schnell er

ist! Ich habe es erfahren! u.s.w.

Was sagen Sie zu dieser Szene? Sie wünschen ein deutsches Stück, das

lauter solche Szenen hätte? Ich auch.

[Notes:

2: The _Bibliothek der schönen Wissenschaften_, a magazine

conducted by Nicolai and Mendelssohn.

3: Caroline Neuber was a famous actress, who between 1727 and

1748 coöperated with Gottsched for the improvement of the Leipzig

stage.

4: The ‘Swiss critic’ is Bodmer. ‘Darius,’ the ‘Oysters,’ etc.,

are the titles of plays included in Gottsched’s _Deutsche

Schaubühne_ (1740-1745)

5: In his _Discours sur la tragédie_ Voltaire speaks of Addison’s

_Cato_ as “la seule bien écrite d’un bout à l’autre chez votre

[Lord Bolingbroke’s] nation.”]

5

_From ‘Laokoon,’ Chapter 16._

Doch ich will versuchen, die Sache[6] aus ihren ersten Gründen

herzuleiten.

Ich schliesse so: Wenn es wahr ist, dass die Malerei zu ihren

Nachahmungen ganz andere Mittel oder Zeichen gebraucht als die Poesie,

jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber artikulierte

Töne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Verhältnis zu

dem Bezeichneten haben müssen: so können neben einander geordnete

Zeichen auch nur Gegenstände, die neben einander, oder deren Teile neben

einander existieren, auf einander folgende Zeichen aber auch nur

Gegenstände ausdrücken, die auf einander, oder deren Teile auf einander

folgen.

Gegenstände, die neben einander, oder deren Teile neben einander

existieren, heissen Körper. Folglich sind Körper mit ihren sichtbaren

Eigenschaften die eigentlichen Gegenstände der Malerei.

Gegenstände, die auf einander, oder deren Teile auf einander folgen,

heissen überhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der eigentliche

Gegenstand der Poesie.

Doch alle Körper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch in

der Zeit. Sie dauern fort und können in jedem Augenblicke ihrer Dauer

anders erscheinen und in anderer Verbindung stehen. Jede dieser

augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die Wirkung einer

vorhergehenden und kann die Ursache einer folgenden und sonach gleichsam

das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann die Malerei auch

Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch Körper.

Auf der ändern Seite können Handlungen nicht für sich selbst bestehen,

sondern müssen gewissen Wesen anhängen. Insofern nun diese Wesen Körper

sind oder als Körper betrachtet werden, schildert die Poesie auch

Körper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen.

Die Malerei kann in ihren coexistierenden Compositionen nur einen

einzigen Augenblick der Handlung nutzen und muss daher den prägnantesten

wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am Begreiflichsten

wird.

Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen nur

eine einzige Eigenschaft der Körper nutzen und muss daher diejenige

wählen, welche das sinnlichste Bild des Körpers von der Seite erwecket,

von welcher sie ihn braucht.

Hieraus fliesst die Regel von der Einheit der malerischen Beiwörter und

der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher Gegenstände.

Ich würde in diese trockene Schlusskette weniger Vertrauen setzen, wenn

ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestätigt fände,

oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst wäre, die mich

darauf gebracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen lässt sich die grosse

Manier des Griechen bestimmen und erklären, so wie der entgegengesetzten

Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen, die in einem Stücke

mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie notwendig von ihm

überwunden werden müssen.

Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und alle

Körper, alle einzelne Dinge, malet er nur durch ihren Anteil an diesen

Handlungen, gemeiniglich nur mit Einem Zuge. Was Wunder also, dass der

Maler da, wo Homer malet, wenig oder nichts für sich zu tun siehet, und

dass seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge schöner Körper

in schönen Stellungen in einem der Kunst vorteilhaften Raume

zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese Körper, diese Stellungen,

diesen Raum, so wenig malen, als er will.

[Notes:

6: _Die Sache_ is the fundamental difference between plastic art

(_Malerei_) and poetry.]

+LXXIII. JOHANN GOTTFRIED HERDER+

1744-1803. Herder’s was the first strong voice to be raised in protest

against the inveterate illusion of his countrymen that excellence in

poetry depended on the imitation of good models. He took a deep interest

in the poetry of primitive and unlettered men, and deduced from that his

criteria of excellence; namely, sincerity, naturalness, strength and

fulness of expression. The virtue of the greatest poets, such as Homer,

Shakspere and Ossian, lay--so he said--in the fulness and fidelity with

which they had felt and expressed the life of their nation and their

epoch. Thus he became the founder of historical criticism and the

harbinger of the coming romantic movement. It was he, more than any one

else, who ushered in the ‘storm and stress’ era, with its watchwords of

nature, power, genius, originality, and its general spirit of protest

against all conventional restrictions.

1

_From ‘Fragments on Recent German Literature’[1]: Poetry as mother

tongue of mankind._

Eine Sprache in ihrer Kindheit bricht, wie ein Kind, einsilbichte, rauhe

und hohe Töne hervor. Eine Nation in ihrem ersten wilden Ursprunge

starret, wie ein Kind, alle Gegenstände an; Schrecken, Furcht, und

alsdenn Bewunderung sind die Empfindungen, derer beide allein fähig

sind, und die Sprache dieser Empfindungen sind Töne,--und Gebärden. Zu

den Tönen sind ihre Werkzeuge noch ungebraucht: folglich sind jene hoch

und mächtig an Accenten; Töne und Gebärden sind Zeichen von

Leidenschaften und Empfindungen, folglich sind sie heftig und stark:

ihre Sprache spricht für Auge und Ohr, für Sinne und Leidenschaften: sie

sind grösserer Leidenschaften fähig, weil ihre Lebensart voll Gefahr und

Tod und Wildheit ist: sie verstehen also auch die Sprache des Affects

mehr als wir, die wir dies Zeitalter nur aus spätern Berichten und

Schlüssen kennen; denn so wenig wir aus unsrer ersten Kindheit Nachricht

durch Erinnerung haben, so wenig sind Nachrichten aus dieser Zeit der

Sprache möglich, da man noch nicht sprach, sondern tönete; da man noch

wenig dachte, aber desto mehr fühlte; und also nichts weniger als

schrieb.

So wie sich das Kind oder die Nation änderte, so mit ihr die Sprache.

Entsetzen, Furcht und Verwunderung verschwand allmählich, da man die

Gegenstände mehr kennen lernte; man ward mit ihnen vertraut und gab

ihnen Namen, Namen, die von der Natur abgezogen waren, und ihr so viel

möglich im Tönen nachahmten. Bei den Gegenständen fürs Auge musste die

Gebärdung noch sehr zu Hilfe kommen, um sich verständlich zu machen: und

ihr ganzes Wörterbuch war noch sinnlich. Ihre Sprachwerkzeuge wurden

biegsamer, und die Accente weniger schreiend. Man sang also, wie viele

Völker es noch tun, und wie es die alten Geschichtschreiber durchgehends

von ihren Vorfahren behaupten. Man pantomimisierte und nahm Körper und

Gebärden zu Hilfe: damals war die Sprache in ihren Verbindungen noch

sehr ungeordnet und unregelmässig in ihren Formen.

Das Kind erhob sich zum Jünglinge: die Wildheit senkte sich zur

politischen Ruhe; die Lebens- und Denkart legte ihr rauschendes Feuer

ab: der Gesang der Sprache floss lieblich von der Zunge herunter, wie

dem Nestor des Homers, und säuselte in die Ohren. Man nahm Begriffe, die

nicht sinnlich waren, in die Sprache; man nannte sie aber, wie von

selbst zu vermuten ist, mit bekannten sinnlichen Namen; daher müssen die

ersten Sprachen bildervoll und reich an Metaphern gewesen sein.

Und dieses jugendliche Sprachalter war bloss das poetische: man sang im

gemeinen Leben, und der Dichter erhöhete nur seine Accente in einem für

das Ohr gewählten Rhythmus: die Sprache war sinnlich und reich an kühnen

Bildern: sie war noch ein Ausdruck der Leidenschaft, sie war noch in den

Verbindungen ungefesselt: der Periode fiel aus einander, wie er wollte!

--Seht! das ist die poetische Sprache, der poetische Periode. Die beste

Blüte der Jugend in der Sprache war die Zeit der Dichter: jetzt sangen

die ἀοιδοί [Greek: aoidoi] und ῥαψῳδοί [Greek: rhapsôdoi]: da es noch

keine Schriftsteller gab, so verewigten sie die merkwürdigen Taten durch

Lieder: durch Gesänge lehrten sie, und in den Gesängen waren nach der

damaligen Zeit der Welt Schlachten und Siege, Fabeln und Sittensprüche,

Gesetze und Mythologie enthalten. Dass dies bei den Griechen so gewesen,

beweisen die Büchertitel der ältesten verlorenen Schriftsteller, und

dass es bei jedem Volk so gewesen, zeugen die ältesten Nachrichten....

So löset sich auch der Zweifel eines sprachgelehrten Mannes hiemit

leicht auf: ‘Ich weiss nicht, ob es wahr ist, was man in vielen Büchern

wiederholet hat, dass bei allen Nationen, die sich durch die schönen

Wissenschaften hervorgetan haben, die Poesie eher als die Prose zu einer

gewissen Höhe gestiegen sei.’ Es ist allerdings wahr, was alle alte

Schriftsteller einmütig behaupten, und was in den neuen Büchern wenig

angewandt ist, dass die Poesie lange vorher, ehe es Prose gab, zu ihrer

grössten Höhe gestiegen sei, dass diese Prose darauf die Dichtkunst

verdrungen, und diese nie wieder ihre vorige Höhe erreichen können. Die

ersten Schriftsteller jeder Nation sind Dichter: die ersten Dichter

unnachahmlich: zur Zeit der schönen Prose wuchs in Gedichten nichts als

die Kunst: sie hatte sich schon über die Erde erhoben und suchte ein

Höchstes, bis sie ihre Kräfte erschöpfte und im Äther der

Spitzfindigkeit blieb. In der spätern Zeit hat man bloss versifizierte

Philosophie oder mittelmässige Poesie.

[Notes:

1: First Collection (1767); see Suphan’s edition of Herder’s

works, Vol. I, page 152.]

2

_From ‘Critical Forests’[2]: Power, not sequence of tones, the essence

of poetry._

Ich läugne es also, dass Gegenstände, die auf einander oder deren Teile

auf einander folgen, deswegen überhaupt Handlungen heissen: und ebenso

läugne ich, dass, weil die Dichtkunst Successionen liefre, sie deswegen

Handlungen zum Gegenstande habe. Der Begriff des Successiven ist zu

einer Handlung nur die halbe Idee: es muss ein Successives durch Kraft

sein: so wird Handlung. Ich denke mir ein in der Zeitfolge wirkendes

Wesen, ich denke mir Veränderungen, die durch die Kraft einer Substanz

auf einander folgen: so wird Handlung. Und sind Handlungen der

Gegenstand der Dichtkunst, so wette ich, wird dieser Gegenstand nie aus

dem trocknen Begriff der Succession bestimmt werden können: _Kraft_ ist

der Mittelpunkt ihrer Sphäre.

Und dies ist die Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die

Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung

wirkt: sie ist das Wesen der Poesie. --Der Leser sieht, dass wir sind,

wo wir waren, dass nämlich die Poesie durch willkürliche Zeichen wirke;

dass in diesem Willkürlichen, in dem Sinne der Worte, ganz und gar die

Kraft der Poesie liege; nicht aber in der Folge der Töne und Worte, in

den Lauten, so fern sie natürliche Laute sind....

Handlung, Leidenschaft, Empfindung!--auch ich liebe sie in Gedichten

über alles: auch ich hasse nichts so sehr als tote stillstehende

Schilderungssucht, insonderheit, wenn sie Seiten, Blätter, Gedichte

einnimmt; aber nicht mit dem tödlichen Hasse, um jedes einzelne

ausführliche Gemälde, wenn es auch coexistent geschildert würde, zu

verbannen; nicht mit dem tödlichen Hasse, um jeden Körper nur mit Einem

Beiworte an der Handlung Teil nehmen zu lassen, und denn auch nicht aus

dem nämlichen Grunde, weil die Poesie in successiven Tönen schildert,

oder weil Homer dies und jenes macht und nicht macht--um deswillen

nicht.

Wenn ich Eins von Homer lerne, so ist’s, dass die Poesie energisch

wirke: nie in der Absicht, um bei dem letzten Zuge ein Werk, Bild,

Gemälde (obwohl successive) zu liefern, sondern, dass schon während der

Energie die ganze Kraft empfunden werden müsse. Ich lerne von Homer,

dass die Wirkung der Poesie nie aufs Ohr, durch Töne, nicht aufs

Gedächtnis, wie lange ich einen Zug aus der Succession behalte, sondern

auf meine Phantasie wirke; von hieraus also, sonst nirgendsher,

berechnet werden müsse. So stelle ich sie gegen die Malerei und beklage,

dass Hr. L. diesen Mittelpunkt des Wesens der Poesie, ‘Wirkung auf unsre

Seele, Energie,’ nicht zum Augenmerke genommen.

[Notes:

2: In his _Kritische Wälder_ (1769) Herder subjected Lessing’s

_Laokoon_ to a searching criticism. The passages here given--see

Suphan’s edition, Vol. 3, pages 139 ff.--are addressed to the

theory advanced in the last of the foregoing selections from

Lessing.]

3

_From ‘Correspondence concerning Ossian and the Songs of Ancient

Peoples’[3]: The poetic superiority of ‘wild’ folk._

Sie wissen aus Reisebeschreibungen, wie stark und fest sich immer die

Wilden ausdrücken. Immer die Sache, die sie sagen wollen, sinnlich,

klar, lebendig anschauend: den Zweck, zu dem sie reden, unmittelbar und

genau fühlend: nicht durch Schattenbegriffe, Halbideen und symbolischen

Letternverstand (von dem sie in keinem Worte ihrer Sprache, da sie fast

keine Abstracta haben, wissen),--durch alle dies nicht zerstreuet: noch

minder durch Künsteleien, sklavische Erwartungen, furchtsamschleichende

Politik und verwirrende Prämeditation verdorben--über alle diese

Schwächungen des Geistes seligunwissend, erfassen sie den ganzen

Gedanken mit dem ganzen Worte, und dies mit jenem. Sie schweigen

entweder, oder reden im Moment des Interesse mit einer unvorbedachten

Festigkeit, Sicherheit und Schönheit, die alle wohlstudierte Europäer

allezeit haben bewundern müssen und--müssen bleiben lassen. Unsre

Pedanten, die alles vorher zusammenstoppeln, und auswendig lernen

müssen, um alsdenn recht methodisch zu stammeln; unsre Schulmeister,

Küster, Halbgelehrte, Apotheker und alle, die den Gelehrten durchs Haus

laufen, und nichts erbeuten, als dass sie endlich, wie Shakespear’s

Launcelots, Polizeidiener, und Totengräber uneigen, unbestimmt und wie

in der letzten Todesverwirrung sprechen--diese gelehrte Leute, was wären

die gegen die Wilden? Wer noch bei uns Spuren von dieser Festigkeit

finden will, der suche sie ja nicht bei solchen;--unverdorbene Kinder,

Frauenzimmer, Leute von gutem Naturverstande, mehr durch Tätigkeit als

Spekulation gebildet, die sind, wenn das, was ich anführete,

Beredsamkeit ist, alsdenn die einzigen und besten Redner unsrer Zeit.

In der alten Zeit aber waren es Dichter, Skalden, Gelehrte, die eben

diese Sicherheit und Festigkeit des Ausdrucks am meisten mit Würde, mit

Wohlklang, mit Schönheit zu paaren wussten; und da sie also Seele und

Mund in den festen Bund gebracht hatten, sich einander nicht zu

verwirren, sondern zu unterstützen, beizuhelfen: so entstanden daher

jene für uns halbe Wunderwerke von ἀοιδοῖς [Greek: aoidois], Sängern,

Barden, Minstrels, wie die grössten Dichter der ältesten Zeiten waren.

Homers Rhapsodien und Ossians Lieder waren gleichsam Impromptus, weil

man damals noch von nichts als Impromptus der Rede wusste: dem letztern

sind die Minstrels, wiewohl so schwach und entfernt, gefolgt; indessen

doch gefolgt, bis endlich die Kunst kam und die Natur auslöschte. In

fremden Sprachen quälte man sich von Jugend auf, Quantitäten von Silben

kennen zu lernen, die uns nicht mehr Ohr und Natur zu fühlen gibt; nach

Regeln zu arbeiten, deren wenigste ein Genie als Naturregeln anerkennt;

über Gegenstände zu dichten, über die sich nichts denken, noch weniger

sinnen, noch weniger imaginieren lässt; Leidenschaften zu erkünsteln,

die wir nicht haben, Seelenkräfte nachzuahmen, die wir nicht

besitzen,--und endlich wurde alles Falschheit, Schwäche und Künstelei.

Selbst jeder beste Kopf ward verwirret und verlor Festigkeit des Auges

und der Hand, Sicherheit des Gedankens und des Ausdrucks, mithin die

wahre Lebhaftigheit und Wahrheit und Andringlichkeit--alles ging

verloren. Die Dichtkunst, die die stürmendste, sicherste Tochter der

menschlichen Seele sein sollte, ward die ungewisseste, lahmste,

wankendste; die Gedichte fein oft corrigierte Knaben- und

Schulexercitien.

[Notes:

3: _Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter

Völker_ was published in 1773, as part of a collection of papers

(by Herder, Goethe and Möser) entitled _Von deutscher Art und

Kunst_. See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 155.]

4

_From an essay entitled ‘Shakespear’[4]: Sophocles and Shakspere._

Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simplicität von

Vaterlandssitten, Taten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das

griechische Drama bildete, und da also nach dem ersten metaphysischen

Weisheitssatze aus nichts nichts wird, so wäre, Philosophen überlassen,

nicht bloss kein griechisches, sondern, wenn’s ausserdem Nichts gibt,

auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und hätte werden können.

Da aber Genie bekanntermassen mehr ist als Philosophie, und Schöpfer ein

ander Ding als Zergliederer: so war’s ein Sterblicher mit Götterkraft

begabt, eben aus dem entgegengesetztesten Stoff, und in der

verschiedensten Bearbeitung, dieselbe Wirkung hervorzurufen, Furcht und

Mitleid, und beide in einem Grade, wie jener erste Stoff und Bearbeitung

es kaum hervorzubringen vermocht! Glücklicher Göttersohn über sein

Unternehmen! Eben das neue, erste, ganz Verschiedene, zeigt die Urkraft

seines Berufs.

Shakespear fand keinen Chor vor sich, aber wohl Staats- und

Marionettenspiele--wohl! Er bildete also aus diesen Staats- und

Marionettenspielen, dem so schlechten Leim, das herrliche Geschöpf, das

da vor uns steht und lebt. Er fand keinen so einfachen Volks- und

Vaterlandscharakter, sondern ein Vielfaches von Ständen, Lebensarten,

Gesinnungen, Völkern und Spracharten--der Gram um das Vorige wäre

vergebens gewesen;--er dichtete also Stände und Menschen, Völker und

Spracharten, König und Narren, Narren und König zu dem herrlichen

Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der

Handlung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit

Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen

zusammen, was wir, wenn nicht Handlung im griechischen Verstande, so

Aktion im Sinne der mittlern, oder in der Sprache der neuern Zeiten

Begebenheit (_événement_), grosses Ereignis, nennen

wollen--o Aristoteles, wenn du erschienest, wie würdest du den neuen

Sophokles homerisieren! würdest so eine eigne Theorie über ihn dichten,

die jetzt seine Landsleute, Home und Hurd, Pope und Johnson, noch nicht

gedichtet haben! Würdest dich freuen, von jedem deiner Stücke, Handlung,

Charakter, Meinungen, Ausdruck, Bühne, wie aus zwei Punkten des Dreiecks

Linien zu ziehen, die sich oben in Einem Punkte des Zwecks, der

Vollkommenheit begegnen! Würdest zu Sophokles sagen: male das heilige

Blatt dieses Altars! und du, o nordischer Barde, alle Seiten und Wände

dieses Tempels in dein unsterbliches Fresco!

Man lasse mich als Ausleger und Rhapsodisten fortfahren, denn ich bin

näher Shakespear als dem Griechen. Wenn bei diesem das Eine einer

Handlung herrscht, so arbeitet jener auf das Ganze eines Ereignisses,

einer Begebenheit. Wenn bei jenem Ein Ton der Charaktere herrschet, so

bei diesem alle Charaktere, Stände und Lebensarten, so viel nur fähig

und nötig sind, den Hauptklang seines Concerts zu bilden. Wenn in jenem

Eine singende feine Sprache, wie in einem höheren Äther tönet, so

spricht dieser die Sprache aller Alter, Menschen und Menschenarten, ist

Dolmetscher der Natur in all ihren Zungen--und auf so verschiedenen

Wegen beide Vertraute Einer Gottheit. Und wenn jener Griechen vorstellt

und lehrt und rührt und bildet, so lehrt, rührt und bildet Shakespear

nordische Menschen! Mir ist, wenn ich ihn lese, Theater, Acteur,

Coulisse verschwunden! Lauter einzelne im Sturm der Zeiten wehende

Blätter aus dem Buch der Begebenheiten, der Vorsehung, der Welt!

einzelne Gepräge der Völker, Stände, Seelen! die alle die

verschiedenartigsten und abgetrenntest handelnden Maschinen--was wir in

der Hand des Weltschöpfers sind--unwissende, blinde Werkzeuge zum ganzen

Eines theatralischen Bildes, Einer Grösse habenden Begebenheit, die nur

der Dichter überschauet. Wer kann sich einen grössern Dichter der

nordischen Menschheit, und in dem Zeitalter, denken!

[Notes:

4: Published in the aforementioned collection _Von deutscher Art

und Kunst_ (1773). See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 208.]

5

_From ‘Auch eine Philosophie’: The Middle Ages and the Age of

Reason._[5]

Die dunkeln Seiten dieses Zeitraums [des Mittelalters] stehen in allen

Büchern: jeder klassische Schöndenker, der die Polizierung unsres

Jahrhunderts fürs _non plus ultra_ der Menschheit hält, hat Gelegenheit

ganze Jahrhunderte auf Barbarei, elendes Staatsrecht, Aberglauben und

Dummheit, Mangel der Sitten und Abgeschmacktheit--in Schulen, in

Landsitzen, in Tempeln, in Klöstern, in Rathäusern, in Handwerkszünften,

in Hütten und Häusern zu schmälen und über das Licht unsres

Jahrhunderts, das ist, über seinen Leichtsinn und Ausgelassenheit, über

seine Wärme in Ideen und Kälte in Handlungen, über seine scheinbare

Stärke und Freiheit, und über seine wirkliche Todesschwäche und

Ermattung unter Unglauben, Despotismus und Üppigkeit zu lobjauchzen.

Davon sind alle Bücher unsrer Voltäre und Hume, Robertsons und Iselins

voll, und es wird ein so schön Gemälde, wie sie die Aufklärung und

Verbesserung der Welt aus den trüben Zeiten des Deismus und Despotismus

der Seelen, d.i. zu Philosophie und Ruhe herleiten--dass dabei jedem

Liebhaber seiner Zeit das Herz lacht....

Dass es jemanden in der Welt unbegreiflich wäre, wie Licht die Menschen

nicht nährt! Ruhe und Üppigkeit und sogenannte Gedankenfreiheit nie

allgemeine Glückseligkeit und Bestimmung sein kann! Aber Empfindung,

Bewegung, Handlung--wenn auch in der Folge ohne Zweck (was hat auf der

Bühne der Menschheit ewigen Zweck?), wenn auch mit Stössen und

Revolutionen, wenn auch mit Empfindungen, die hie und da schwärmerisch,

gewaltsam, gar abscheulich werden--als Werkzeug in den Händen des

Zeitlaufs, welche Macht! welche Wirkung! Herz und nicht Kopf genährt!

mit Neigungen und Trieben alles gebunden, nicht mit kränkelnden

Gedanken! Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit und

Bürgerstärke--Staatsverfassung und Gesetzgebung, Religion. --Ich will

nichts weniger als die ewigen Völkerzüge und Verwüstungen,

Vasallenkriege und Befehdungen, Mönchsheere, Wallfahrten, Kreuzzüge

verteidigen; nur erklären möchte ich sie: wie in allem doch Geist

hauchet! Gährung menschlicher Kräfte! Grosse Kur der ganzen Gattung

durch gewaltsame Bewegung, und wenn ich so kühn reden darf, das

Schicksal zog, (allerdings mit grossem Getöse, und ohne dass die

Gewichte da ruhig hangen konnten,) die grosse abgelaufene Uhr auf! Da

rasselten also die Räder!

[Notes:

5: The booklet _Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung

der Menschheit_ was published in 1774. See Suphan’s Herder,

Vol. 5, page 475.]

+LXXIV. JOHANN WOLFGANG GOETHE+

1749-1832. The long-gathering promise of a German literary renascence

was splendidly fulfilled in the genius of Goethe. In all the _genres_ he

wrought with high and peculiar distinction; and so intensely and fully

did he live the life of his epoch that he has come to be regarded as

_the_ representative of the modern spirit. A great critic has called him

‘the clearest, largest, and most helpful thinker of modern times.’ The

scope of this book is such that only the youthful Goethe is represented

in the selections.

+1+

+Mailied.+

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten 5

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch,

Und Freud’ und Wonne

Aus jeder Brust. 10

O Erd’, o Sonne!

O Glück, o Lust!

O Lieb’, o Liebe,

So golden schön.

Wie Morgenwolken 15

Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich

Das frische Feld,

Im Blütendampfe

Die volle Welt. 20

O Mädchen, Mädchen,

Wie lieb’ ich dich!

Wie blickt dein Auge!

Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche 25

Gesang und Luft,

Und Morgenblumen

Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe

Mit warmem Blut, 30

Die du mir Jugend

Und Freud’ und Mut

Zu neuen Liedern

Und Tänzen gibst.

Sei ewig glücklich, 35

Wie du mich liebst!

+2+

+Willkommen und Abschied.+

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht;

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht.

Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 5

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor, 10

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr.

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer;

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

In meinen Adern welches Feuer! 15

In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude

Floss von dem süssen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite,

Und jeder Atemzug für dich. 20

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich--ihr Götter!

Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne 25

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden,

Und sahst mir nach mit nassem Blick: 30

Und doch, welch Glück geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

+3+

+Neue Liebe neues Leben.+

Herz, mein Herz, was soll das geben?

Was bedränget dich so sehr?

Welch ein fremdes neues Leben!

Ich erkenne dich nicht mehr.

Weg ist alles, was du liebtest, 5

Weg warum du dich betrübtest,

Weg dein Fleiss und deine Ruh--

Ach, wie kamst du nur dazu!

Fesselt dich die Jugendblüte,

Diese liebliche Gestalt, 10

Dieser Blick voll Treu’ und Güte

Mit unendlicher Gewalt?

Will ich rasch mich ihr entziehen,

Mich ermannen, ihr entfliehen,

Führet mich im Augenblick, 15

Ach, mein Weg zu ihr zurück.

Und, an diesem Zauberfädchen,

Das sich nicht zerreissen lässt,

Hält das liebe lose Mädchen

Mich so wider Willen fest; 20

Muss in ihrem Zauberkreise

Leben nun auf ihre Weise.

Die Verändrung ach wie gross!

Liebe! Liebe! lass mich los!

+4+

+Rastlose Liebe.+

Dem Schnee, dem Regen,

Dem Wind entgegen,

Im Dampf der Klüfte,

Durch Nebeldüfte,

Immer zu! Immer zu! 5

Ohne Rast und Ruh!

Lieber durch Leiden

Möcht’ ich mich schlagen,

Als so viel Freuden

Des Lebens ertragen. 10

Alle das Neigen

Von Herzen zu Herzen,

Ach, wie so eigen

Schaffet das Schmerzen!

Wie soll ich fliehen? 15

Wälderwärts ziehen?

Alles vergebens!

Krone des Lebens!

Glück ohne Ruh,

Liebe, bist du! 20

+5+

+Meeres Stille.+

Tiefe Stille herrscht im Wasser,

Ohne Regung ruht das Meer,

Und bekümmert sieht der Schifer

Glatte Fläche rings umher.

Keine Luft von keiner Seite!

Todesstille fürchterlich!

In der ungeheuern Weite

Reget keine Welle sich.

+6+

+Glückliche Fahrt.+

Die Nebel zerreissen,

Der Himmel ist helle,

Und Äolus löset

Das ängstliche Band.

Es säuseln die Winde,

Es rührt sich der Schiffer.

Geschwinde! Geschwinde!

Es teilt sich die Welle,

Es naht sich die Ferne;

Schon seh’ ich das Land!

+7+

+Wandrers Nachtlieder.+

Der du von dem Himmel bist,

Alles Leid und Schmerzen stillest,

Den, der doppelt elend ist,

Doppelt mit Erquickung füllest,

Ach ich bin des Treibens müde!

Was soll all der Schmerz und Lust?

Süsser Friede,

Komm, ach komm in meine Brust!

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch:

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

+8+

+Der König in Thule.+

Es war ein König in Thule

Gar treu bis an das Grab,

Dem sterbend seine Buhle

Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber, 5

Er leert’ ihn jeden Schmaus;

Die Augen gingen ihm über,

So oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben,

Zählt’ er seine Städt’ im Reich, 10

Gönnt’ alles seinem Erben,

Den Becher nicht zugleich.

Er sass beim Königsmahle,

Die Ritter um ihn her,

Auf hohem Vätersaale, 15

Dort auf dem Schloss am Meer.

Dort stand der alte Zecher,

Trank letzte Lebensglut,

Und warf den heilgen Becher

Hinunter in die Flut. 20

Er sah ihn stürzen, trinken,

Und sinken tief ins Meer.

Die Augen täten ihm sinken;

Trank nie einen Tropfen mehr.

9

_From ‘Prometheus,’ Act 3: The Titan’s defiance._

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst,

Und übe, dem Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn; 5

Musst mir meine Erde

Doch lassen stehn,

Und meine Hütte, die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut 10

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn’, als euch, Götter!

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern 15

Und Gebetshauch

Eure Majestät,

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren. 20

Da ich ein Kind war,

Nicht wusste wo aus noch ein,

Kehrt’ ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär’

Ein Ohr, zu hören meine Klage, 25

Ein Herz, wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich, 30

Von Sclaverei?

Hast du nich alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank 35

Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet 40

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herren und deine? 45

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehen,

Weil nicht alle

Blütenträume reiften? 50

Hier sitz’ ich, forme Menschen,

Nach meinem Bilde

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu geniessen und zu freuen sich, 55

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

10

_From the ‘Sufferings of Young Werther’: Werther’s communion with the

All._

Am 10 Mai.

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den

süssen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin

allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche

Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester,

so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst

darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich,

und bin nie ein grösserer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn

das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der

undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne

Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase

am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannichfaltige

Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt

zwischen Halmen, die unzähligen unergründlichen Gestalten der Würmchen,

der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des

Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des

Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein

Freund! wenn’s dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und

der Himmel ganz in meiner Seele ruhen wie die Gestalt einer Geliebten;

dann sehne ich mich oft und denke: ach könntest du das wieder

ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm

in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist

der Spiegel des unendlichen Gottes! --Mein Freund-- Aber ich gehe

darüber zu Grunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser

Erscheinungen.

_Homer as an anodyne for a sick heart._

Am 13. Mai.

Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? --Lieber, ich bitte

dich um Gottes willen, lass mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr

geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust doch dieses Herz genug aus

sich selbst; ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle

gefunden in meinem Homer. Wie oft lull’ ich mein empörtes Blut zur Ruhe,

denn so ungleich, so unstät, hast du nichts gesehen als dieses Herz.

Lieber! brauch’ ich dir das zu sagen, der du so oft die Last getragen

hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süsser Melancholie zur

verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehen? Auch halte ich mein

Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das

nicht weiter, es gibt Leute, die mir es verübeln würden.

_Werther excited by the reading of Ossian._

Am 12. October.

Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die

der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaust vom

Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden

Lichte des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebirge her im Gebrülle des

Waldstroms halb verwehtes Ächzen der Geister aus ihren Höhlen, und die

Wehklagen des zu Tode sich jammernden Mädchens, um die vier

moosbedeckten grasbewachsenen Steine des Edelgefallnen, ihres Geliebten.

Wenn ich ihn dann finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der

weiten Heide die Fussstapfen seiner Väter sucht, und ach! ihre

Grabsteine findet, und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends

hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der

Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch der

freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete, und der Mond ihr

bekränztes siegrückkehrendes Schiff beschien. Wenn ich den tiefen Kummer

auf seiner Stirn lese, den letzten verlassenen Herrlichen in aller

Ermattung dem Grabe zu wanken sehe, wie er immer neue schmerzlich

glühende Freuden in der kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner

Abgeschiedenen einsaugt, und nach der kalten Erde, dem hohen wehenden

Grase niedersieht und ausruft: Der Wanderer wird kommen, kommen, der

mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: Wo ist der Sänger, Fingals

trefflicher Sohn? Sein Fusstritt geht über mein Grab hin, und er fragt

vergebens nach mir auf der Erde. --O Freund! Ich möchte gleich einem

edlen Waffenträger das Schwert ziehen, meinen Fürsten von der zückenden

Qual des langsam absterbenden Lebens befreien und dem befreiten Halbgott

meine Seele nachsenden.

_Werther in the depths of despair._

Am 3. November.

Weiss Gott! ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal

mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen; und morgens schlage ich die

Augen auf, sehe die Sonne wieder und bin elend. O dass ich launisch sein

könnte, könnte die Schuld aufs Wetter, auf einen Dritten, auf eine

fehlgeschlagene Unternehmung schieben, so würde die unerträgliche Last

des Unwillens doch nur halb auf mir ruhen. Wehe mir! ich fühle zu wahr,

dass an mir allein alle Schuld liegt--nicht Schuld! Genug, dass in mir

die Quelle alles Elendes verborgen ist, wie ehemals die Quelle aller

Seligkeiten. Bin ich nicht noch eben derselbe, der ehemals in aller

Fülle der Empfindung herumschwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies

folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfassen? Und

dies Herz ist jetzt tot, aus ihm fliessen keine Entzückungen mehr, meine

Augen sind trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden

Tränen gelabt werden, ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich leide

viel, denn ich habe verloren was meines Lebens einzige Wonne war, die

heilige Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie ist dahin! --Wenn

ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe, wie die

Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und den stillen

Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluss zwischen seinen

entblätterten Weiden zu mir herschlängelt,--o! wenn da diese herrliche

Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen, und alle die

Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn

pumpen kann, und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein

versiegter Brunnen, wie ein verlechter Eimer. Ich habe mich oft auf den

Boden geworfen und Gott um Tränen gebeten, wie ein Ackersmann um Regen,

wenn der Himmel ehern über ihm ist, und um ihn die Erde verdürstet.

11

_From ‘Letters from Switzerland.’_[1]

Frei wären die Schweizer? frei diese wohlhabenden Bürger in den

verschlossenen Städten? frei diese armen Teufel an ihren Klippen und

Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weiss machen kann! Besonders

wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. Sie machten sich

einmal von einem Tyrannen los und konnten sich in einem Augenblick frei

denken; nun erschuf ihnen die liebe Sonne aus dem Aas des Unterdrückers

einen Schwarm von kleinen Tyrannen durch eine sonderbare Wiedergeburt.

Nun erzählen sie das alte Märchen immer fort, man hört bis zum

Überdruss: sie hätten sich einmal frei gemacht und wären frei geblieben.

Und nun sitzen sie hinter ihren Mauern, eingefangen von ihren

Gewohnheiten und Gesetzen, ihren Fraubasereien und Philistereien, und da

draussen auf den Felsen ist’s auch wohl der Mühe wert von Freiheit zu

reden, wenn man das halbe Jahr vom Schnee wie ein Murmeltier gefangen

gehalten wird.

* * *

Pfui! wie sieht so ein Menschenwerk und so ein schlechtes notgedrungenes

Menschenwerk, so ein schwarzes Städtchen, so ein Schindel- und

Steinhaufen, mitten in der grossen herrlichen Natur aus! Grosse Kiesel-

und andere Steine auf den Dächern, dass ja der Sturm ihnen die traurige

Decke nicht vom Kopfe wegführe, und den Schmutz, den Mist! und staunende

Wahnsinnige! --Wo man den Menschen nur wieder begegnet, möchte man von

ihnen gleich davon fliehen.

* * *

Dass in den Menschen so viele geistige Anlagen sind, die sie im Leben

nicht entwickeln können, die auf eine bessere Zukunft, auf ein

harmonisches Dasein deuten, darin sind wir einig, mein Freund, und meine

andere Grille kann ich auch nicht aufgeben, ob du mich gleich schon oft

für einen Schwärmer erklärt hast. Wir fühlen auch die Ahnung

körperlicher Anlagen, auf deren Entwickelung wir in diesem Leben

Verzicht tun müssen: so ist es ganz gewiss mit dem Fliegen. So wie mich

sonst die Wolken schon reizten, mit ihnen fort in fremde Länder zu

ziehen, wenn sie hoch über meinem Haupte wegzogen, so steh’ ich jetzt

oft in Gefahr, dass sie mich von einer Felsenspitze mitnehmen, wenn sie

an mir vorbeiziehen. Welche Begierde fühl’ ich, mich in den unendlichen

Luftraum zu stürzen, über den schauerlichen Abgründen zu schweben und

mich auf einen unzugänglichen Felsen niederzulassen. Mit welchem

Verlangen hol’ ich tiefer und tiefer Atem, wenn der Adler in dunkler

blauer Tiefe, unter mir, über Felsen und Wäldern schwebt, und in

Gesellschaft eines Weibchens um den Gipfel, dem er seinen Horst und

seine Jungen anvertraut hat, grosse Kreise in sanfter Eintracht zieht.

Soll ich denn nur immer die Höhe erkriechen, am höchsten Felsen wie am

niedrigsten Boden kleben, und wenn ich mühselig mein Ziel erreicht habe,

mich ängstlich anklammern, vor der Rückkehr schaudern und vor dem Falle

zittern?

[Notes:

1: The _Briefe aus der Schweiz_, in two parts, were first

published in 1808 as an ‘appendix’ to _Werther_. They were said to

be ‘from Werther’s papers.’ In substance and sentiment, if not in

form, they reproduce real letters written by Goethe in his youth.]

12

_From ‘Faust’: ‘Feeling is everything.’_

MARGARETE

Versprich mir, Heinrich!

FAUST

Was ich kann!

MARGARETE

Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?

Du bist ein herzlich guter Mann,

Allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon.

FAUST

Lass das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut; 5

Für meine Lieben liess’ ich Leib und Blut,

Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

MARGARETE

Das ist nicht recht, man muss dran glauben!

FAUST

Muss man?

MARGARETE

Ach! wenn ich etwas auf dich könnte!

Du ehrst auch nicht die heilgen Sacramente. 10

FAUST

Ich ehre sie.

MARGARETE

Doch ohne Verlangen.

Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen

Glaubst du an Gott?

FAUST

Mein Liebchen, wer darf sagen:

Ich glaub’ an Gott?

Magst Priester oder Weise fragen, 15

Und ihre Antwort scheint nur Spott

Über den Frager zu sein.

MARGARETE

So glaubst du nicht?

FAUST

Mishör’ mich nicht, du holdes Angesicht!

Wer darf ihn nennen?

Und wer bekennen: 20

Ich glaub’ ihn?

Wer empfinden

Und sich unterwinden

Zu sagen: ich glaub’ ihn nicht?

Der Allumfasser, 25

Der Allerhalter,

Fasst und erhält er nicht

Dich, mich, sich selbst?

Wölbt sich der Himmel nicht da droben?

Liegt die Erde nicht hierunten fest? 30

Und steigen freundlich blickend

Ewige Sterne nicht herauf?

Schau’ ich nicht Aug’ in Auge dir,

Und drängt nicht alles

Nach Haupt und Herzen dir, 35

Und webt in ewigem Geheimnis

Unsichtbar sichtbar neben dir?

Erfüll’ davon dein Herz, so gross es ist,

Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,

Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! 40

Ich habe keinen Namen

Dafür! Gefühl ist alles;

Name ist Schall und Rauch,

Umnebelnd Himmelsglut.

MARGARETE

Das ist alles recht schön und gut; 45

Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,

Nur mit ein bischen andern Worten.

FAUST

Es sagen’s aller Orten

Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,

Jedes in seiner Sprache; 50

Warum nicht ich in der meinen?

MARGARETE

Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen,

Steht aber doch immer schief darum;

Denn du hast kein Christentum.

+LXXV. MINOR DRAMATISTS OF THE STORM AND STRESS ERA+

The name ‘Storm and Stress,’ derived from a play of Klinger (see below),

has long been in use to denote the insurgent spirit of the youthful

Goethe (beginning with _Götz von Berlichingen_ in 1773), and of certain

other writers who followed in his wake. Aside from Schiller, whose early

plays are the strongest expression of the revolutionary tendencies, the

other more important names are Klinger, Wagner, Lenz, Leisewitz, and

Maler Müller. Their favorite form was the prose tragedy of middle-class

life. They wrote of crime and remorse; of fratricide, seduction, rape

and child-murder; of class conflict, and of fierce passion at war with

the social order. While their plays were meant to exemplify a fearless

‘naturalism,’ the language is often unnaturally extravagant and the

plots wildly improbable. For the texts see Kürschner’s

_Nationalliteratur_, Vols. 79-81.

1

_From Klinger’s ‘Storm and Stress,’ Act 1, Scene 1._[1]

Zimmer im Gasthofe.

WILD, LA FEU, BLASIUS (_treten auf in Reisekleidern_).

WILD. Heida! nun einmal in Tumult und Lärmen, dass die Sinnen

herumfahren wie Dachfahnen beim Sturm! Das wilde Geräusch hat mir schon

so viel Wohlsein entgegengebrüllt, dass mir’s wirklich ein wenig anfängt

besser zu werden. Soviel hundert Meilen gereiset, um dich in

vergessenden Lärmen zu bringen--tolles Herz! du sollst mir’s danken! Ha!

tobe und spanne dich dann aus, labe dich im Wirrwar! --Wie ist’s euch?

BLASIUS. Geh zum Teufel! Kommt meine Donna nach?

LA FEU. Mach dir Illusion, Narr! Sollt’ mir nicht fehlen, sie von meinem

Nagel in mich zu schlürfen, wie einen Tropfen Wasser. Es lebe die

Illusion! --Ei, ei! Zauber meiner Phantasie, wandle in den Rosengärten

von Phyllis’ Hand geführt--

WILD. Stärk’ dich Apoll, närrischer Junge!

LA FEU. Es soll mir nicht fehlen, das schwarze verrauchte Haus

gegenüber, mitsamt dem alten Turm, in ein Feenschloss zu verwandeln.

Zauber, Zauberphantasie!-- (_lauschend_) Welch lieblich geistige

Symphonieen treffen mein Ohr? --Beim Amor! ich will mich wie ein alt

Weib verlieben, in einem alten baufälligen Haus wohnen, meinen zarten

Leib in stinkenden Mistlaken baden, bloss um meine Phantasie zu scheren.

Ist keine alte Hexe da, mit der ich scharmieren könnte? Ihre Runzeln

sollen mir zu Wellenlinien der Schönheit werden; ihre herausstehende

schwarze Zähne zu marmornen Säulen an Dianens Tempel; ihre herabhangende

lederne Zitzen Helenens Busen übertreffen. Einen so aufzutrocknen, wie

mich! --He, meine phantastische Göttin! --Wild, ich kann dir sagen, ich

hab’ mich brav gehalten die Tour her. Hab’ Dinge gesehen, gefühlt, die

kein Hund geschmeckt, keine Nase gerochen, kein Aug gesehen, kein Geist

erschwungen--

WILD. Besonders wenn ich dir die Augen zuband. Ha! Ha!

LA FEU. Zum Orcus! du Ungestüm! --Aber sag’ mir nun auch einmal, wo sind

wir in der wirklichen Welt jetzt? In London doch?

WILD. Freilich. Merktest du denn nicht, dass wir uns einschifften? Du

warst ja seekrank.

LA FEU. Weiss von allem nichts, bin an allem unschuldig. --Lebt denn

mein Vater noch? Schick doch einmal zu ihm, Wild, und lass ihm sagen,

sein Sohn lebe noch. Käme soeben von den Pyrenäischen Gebirgen aus

Friesland. Weiter nichts.

WILD. Aus Friesland?

LA FEU. In welchem Viertel der Stadt sind wir dann?

WILD. In einem Feenschloss, La Feu! Siehst du nicht den goldnen Himmel?

die Amors und Amouretten? die Damen und Zwergchen?

LA FEU. Bind’ mir die Augen zu! (_Wild bindet ihm zu._) Wild! Esel!

Ochse! nicht zu hart! (_Wild bindet ihn los._) He! Blasius, lieber,

bissiger, kranker Blasius, wo sind wir?

BLASIUS. Was weiss ich?

WILD. Um euch einmal aus dem Traum zu helfen, so wisst, dass ich euch

aus Russland nach Spanien führte, weil ich glaubte, der König fange mit

dem Mogol Krieg an. Wie aber die spanische Nation träge ist, so war’s

auch hier. Ich packte euch also wieder auf, und nun seid ihr mitten im

Krieg in Amerika. Ha! lass mich’s nur recht fühlen, auf amerikanischem

Boden zu stehen, wo alles neu, alles bedeutend ist. Ich trat ans

Land--O dass ich keine Freude rein fühlen kann!

LA FEU. Krieg und Mord! o meine Gebeine! o meine Schutzgeister! --So gib

mir doch ein Feenmärchen! o weh mir!

BLASIUS. Dass dich der Donner erschlüg’, toller Wild! was hast du wieder

gemacht? Ist Donna Isabella noch? He! willst du reden? meine Donna!

WILD. Ha! Ha! Ha! du wirst ja einmal ordentlich aufgebracht.

BLASIUS. Aufgebracht? Einmal aufgebracht? Du sollst mir’s mit deinem

Leben bezahlen, Wild! Was? bin ich wenigstens ein freier Mensch. Geht

Freundschaft so weit, dass du in deinen Rasereien einen durch die Welt

schleppst wie Kuppelhunde? Uns in die Kutsche zu binden, die Pistole vor

die Stirn zu halten, immer fort, klitsch! klatsch! In der Kutsche essen,

trinken, uns für Rasende auszugeben, In Krieg und Getümmel von meiner

Passion weg, das einzige, was mir übrig blieb--

WILD. Du liebst ja nichts, Blasius.

BLASIUS. Nein, ich liebe nichts. Ich hab’s so weit gebracht, nichts zu

lieben, und im Augenblick alles zu lieben, und im Augenblick alles zu

vergessen. Ich betrüge alle Weiber, dafür betrügen und betrogen mich

alle Weiber. Sie haben mich geschunden und zusammengedrückt, dass Gott

erbarm’! Ich hab’ alle Figuren angenommen. Dort war ich Stutzer, dort

Wildfang, dort tölpisch, dort empfindsam, dort Engelländer, und meine

grösste Conquete machte ich, da ich nichts war. Das war bei Donna

Isabella. Um wieder zurückzukommen--deine Pistolen sind geladen--

WILD. Du bist ein Narr, Blasius, und verstehst keinen Spass.

BLASIUS. Schöner Spass dies! Greif zu! ich bin dein Feind den

Augenblick.

WILD. Mit dir mich schiessen? Sieh, Blasius! Ich wünschte jetzt in der

Welt nichts als mich herumzuschlagen, um meinem Herzen einen

Lieblingsschmaus zu geben. Aber mit dir? Ha! Ha! (_Hält ihm die Pistole

vor._) Sieh ins Mundloch und sag, ob dir’s nicht grösser vorkommt als

ein Tor in London? Sei gescheit, Freund! Ich brauch’ und lieb’ euch

noch, und ihr mich vielleicht auch. Der Teufel konnte keine grössre

Narren und Unglücksvögel zusammen führen als uns. Deswegen müssen wir

zusammen bleiben, und auch des Spasses halben. Unser Unglück kommt aus

unserer eignen Stimmung des Herzens, die Welt hat dabei getan, aber

weniger als wir.

BLASIUS. Toller Kerl! Ich bin ja ewig am Bratspiess.

LA FEU. Mich haben sie lebendig geschunden und mit Pfeffer eingepökelt.

--Die Hunde!

WILD. Wir sind nun mitten im Krieg hier, die einzige Glückseligkeit, die

ich kenne, im Krieg zu sein. Geniesst der Scenen, tut was ihr wollt.

LA FEU. Ich bin nicht für’n Krieg.

BLASIUS. Ich bin für nichts.

WILD. Gott mach euch noch matter! --Es ist mir wieder so taub vorm Sinn.

So gar dumpf. Ich will mich über eine Trommel spannen lassen, um eine

neue Ausdehnung zu kriegen. Mir ist so weh wieder. O könnte ich in dem

Raum dieser Pistole existieren, bis mich eine Hand in die Luft knallte!

O Unbestimmtheit! wie weit, wie schief führst du die Menschen!

[Notes:

1: Friedrich Maximilian Klinger (1752-1831) was a fellow-townsman

and friend of Goethe. His _Sturm und Drang_, which was at first

named _Wirrwarr_, came out in 1776. The scene is ‘America.’ The

speakers are Wild, a lusty and masterful man of action; Blasius,

a _blasé_ worldling; and La Feu, a sentimental dreamer. They

propose to try their fortunes in the French-Indian War.]

2

_From Leisewitz’ ‘Julius of Tarentum,’ Act 3, Scene 3._[2]

GUIDO, JULIUS

GUIDO. Julius, kannst du die Tränen eines Vaters ertragen? Ich kann’s

nicht.

JULIUS. Ach, Bruder, wie könnt’ ich?

GUIDO. Meine ganze Seele ist aus ihrer Fassung, ich möchte mir das

Gewühl einer Schlacht wünschen, um wieder zu mir selbst zu kommen. --Und

das kann eine Träne? Ach, was ist der Mut für ein wunderbares Ding! Fast

möchte ich sagen, keine Stärke der Seele, bloss Bekanntschaft mit einem

Gegenstande--und wenn das ist, ich bitte dich, was hat der Held, den

eine Träne ausser sich bringt, an innerer Würde vor dem Weibe voraus,

das vor einer Spinne auffährt?

JULIUS. Bruder, wie sehr gefällt mir dieser dein Ton!

GUIDO. Mir nicht, wie kann mir meine Schwäche gefallen! Ich fühle, dass

ich nicht Guido bin. Wahrhaftig, ich zittre--o wenn das ist, so werd’

ich bald auf die rechte Spur kommen!--ich hab’ ein Fieber!

JULIUS. Seltsam--dass sich ein Mensch schämt, dass sein Temperament

stärker ist als seine Grundsätze.

GUIDO. Lass uns nicht weiter davon reden!--meine jetzige Laune könnte

darüber verfliegen, und ich will sie nutzen! Man muss gewisse

Entschlüsse in diesem Augenblick ausführen, aus Furcht, sie möchten uns

in den künftigen gereuen. Du weisst es, Bruder, ich liebe Blancan, und

habe meine Ehre zum Pfande gegeben, dass ich sie besitzen wollte. --Aber

diese Tränen machen mich wankend.

JULIUS. Du setzest mich in Erstaunen.

GUIDO. Ich glaube meiner Ehre genug getan zu haben, wenn sie niemand

anders besitzt, wenn sie bleibt, was sie ist--denn wer kann auf den

Himmel eifersüchtig sein? Aber du siehst, wenn ich meine Ansprüche

aufgebe, so musst du auch die deinigen, mit all den Entwürfen, sie

jemals in Freiheit zu setzen, aufgeben. --Lass uns das tun, und wieder

Brüder und Söhne sein! --Wie wird sich unser Vater freuen, wenn er uns

beide zu gleicher Zeit am Ziel sieht, wenn wir beide aus dem Kampfe mit

einander als Sieger zurückkommen, und keiner überwunden. --Und noch

heute muss das geschehen, heut’ an seinem Geburtstage.

JULIUS. Ach, Guido!

GUIDO. Eine entscheidende Antwort!

JULIUS. Ich kann nicht.

GUIDO. Du willst nicht? so kann ich auch nicht. Aber von nun an bin ich

unschuldig an diesen väterlichen Tränen, ich schwör’ es, ich bin

unschuldig. Auch ich bekäme meinen Anteil davon, sagt’ er. --Siehe, ich

wälze ihn hiemit auf dich. Dein ist die ganze Erbschaft von Tränen und

Flüchen!

JULIUS. Du bist ungerecht,--glaubst du denn, dass sich eine Leidenschaft

so leicht ablegen lasse, wie eine Grille, und dass man die Liebe an- und

ausziehen könne, wie einen Harnisch? --Ob ich will--ob ich will--wer

liebt, will lieben und weiter nichts. --Liebe ist die grosse Feder in

dieser Maschine; und hast du je eine so widersinnig künstliche Maschine

gesehen, die selbst ein Rad treibt, um sich zu zerstören, und doch noch

eine Maschine bleibt?

GUIDO. Ungemein fein, ungemein gründlich--aber unser armer Vater wird

sterben!

JULIUS. Wenn das geschieht, so bist du sein Mörder! --Deine Eifersucht

wird ihn töten, und hast du nicht eben gesagt, du könntest deine

Ansprüche aufgeben, wenn du wolltest--heisst das nicht gestehen, dass du

sie nicht liebst, und doch bleibst du halsstarrig? Dein Aufgeben wär’

nicht Tugend gewesen, aber dein Beharren ist Laster!

GUIDO. Bravo! Bravo! Das war unerwartet.

JULIUS. Und was meinst du denn?

GUIDO. Ich will mich erst ausfreuen, dass die Weisheit eben so eine

schlanke geschmeidige Nymphe ist, als die Gerechtigkeit, eben so gut

ihre Fälle für einen guten Freund hat. Ich könnte meine Ansprüche

aufgeben, wenn ich wollte? --Wenn die Ehre will! --Das ist die Feder in

meiner Maschine--du kannst nichts tun, ohne die Liebe zu fragen, ich

nichts, ohne die Ehre:--wir beide können also für uns selbst nichts,

das, denk’ ich, ist doch wohl ein Fall.

JULIUS. Hat man je etwas so Unbilliges gehört, die erste Triebfeder der

menschlichen Natur mit der Grille einiger Toren zu vergleichen?

GUIDO. Einiger Toren! --Du rasest! --Ich verachte dich, wie tief stehst

du unter mir! Ich halte meine Rührung durch Tränen für

Schwachheit,--aber zu diesem Grade meiner Schwachheit ist deine Tugend

noch nicht einmal gestiegen.

JULIUS. Es ist immer dein Fehler gewesen, über Empfindungen zu urteilen,

die du nicht kennst.

GUIDO. Und dabei immer ums dritte Wort von Tugend zu schwatzen! --Ich

glaube, wenn du nun am Ziel deiner Wünsche bist und deinen Vater auf der

Bahre siehst, so wirst du anstatt nach getaner Arbeit zu rasten, noch

die Leichenträger unterrichten, was Tugend sei, oder was sie nicht sei!

JULIUS. Wie hab’ ich mich geirrt! Bist du nicht schon wieder in deinem

gewöhnlichen Tone?

GUIDO. Siehe, du hoffest auf seinen Tod, kannst du das leugnen? Glaubst

du, dass ich es nicht sehe, dass du alsdenn das Mädchen aus dem Kloster

entführen willst? --Es ist wahr, alsdann bist du Fürst von Tarent, und

ich bin nichts--als ein Mann. --Aber dein zartes Gehirnchen könnte

zerreissen, wenn du das alles lebhaft dächtest, was ein Mann kann.

--Gott sei Dank, es gibt Schwerter, und ich hab’ einen Arm, der noch

allenfalls ein Mädchen aus den weichen Armen eines Zärtlings reissen

kann! Ruhig sollst du sie nicht besitzen, ich will einen Bund mit dem

Geiste unsers Vaters machen, der an deinem Bette winseln wird.

JULIUS. Ich mag so wenig als unser Vater von dir im Affekt hören, was du

tun willst. (_Ab._)

[Notes:

2: Published in 1776--the same year with Klinger’s _Die

Zwillinge_, which also deals with fratricide. Julius, the crown

prince, is a studious and romantic dreamer; Guido, a young

hotspur. Their father has just been imploring them to end their

futile quarrel over the girl Blanca, who has been sent to a

nunnery. --_Julius of Tarentum_ is by far the most important work

of its author, Johann Anton Leisewitz (1752-1806).]

3

_From Maler Müller’s ‘Golo and Genevieve,’ Act 3, Scene 4._[3]

GOLO (_hervor_). Wie unruhig die Nacht! Hat mich der schönste Stern

hervorgezischt? Oder war sie es selbst, die jetzt ebenso liebeunruhig im

Grünen irret wie ein angeschossen Reh, meiner heissen Sehnsucht zu

begegnen? Wie entglommen mein Herz! O Mathilde, du sagtest mir nicht

alles; ich bin wohl glücklicher als ich es selbst gewusst.

Ach, süsses Glück der Liebe,

Wer dich nicht kost,

Des Lebens Freude kennt er nicht,

Des Lebens besten Schatz.

Still! Was hör’ ich droben am Fenster? Sie selbst, o Himmel! (_Zieht

sich in die Grotte._)

GENOVEVA (_oben auf dem Altan_). Die du alles bedeckst, Nacht, bedecke

auch meinen Gram, süsse, liebe, heitere Nacht! Ich bin schon wieder

froh. Was trauere ich denn auch? Was hat mein Herz verbrochen?

(_Singt._)

Viel lieber wollt’ nicht leben

Als mich dem Gram ergeben;

Der Gram das Leben frisst.

Was nur der Waldbruder meinte? Sollte es möglich sein, grosser Gott,

möglich? Golo ein Verräter an mir, an Siegfried, der ihn so brüderlich

liebt? Und warum sollt’ er’s sein? Worin? (_Singt._)

Aufs sichere Nest kein Vogel geht,

Auch Sturm es manchmal rüttelt;

Kein Baum im freien Walde weht,

Den Winters Gewalt nicht schüttelt.

Was auf der Erde lebt und steht;

Wechselt immer Schmerz und Wonne;

Der Winter wohl nach Sommer geht,

Nach Regen lacht die Sonne.

Also packt euch, ihr Grillen, wohin ihr wollt; ich mag nicht länger mit

euch zu schaffen haben. Wie angenehm der falbe Mondglanz zwischen den

Bäumen dort unten! Ich will auch hinunter, mich noch ein Weilchen

erlaben, jetzt, da ich allein bin. Das will ich. (_Ab._)

GOLO. Kommt sie herunter? Sie fliegt herunter meinen Armen zu. O Stunde,

Stunde, bist du da? Ich hör’, ich hör’ sie schon; da ist sie, da bin

ich, wie über Wolken zu dir auf, himmlisches, seliges Wesen!

GENOVEVA. Wer hält mich? Wer ist da? Himmel! Bin ich nicht allein?

GOLO. Ach, kannst du noch fragen? Ich bin’s, Genoveva, ich, der schon so

lange anbetet, nach dir lechzt wie der Hirsch nach frischem Trank, nach

dir! Genoveva, Genoveva, du, selig machst du mich jetzt, selig! (_Er

kniet vor ihr und hält sie._)

GENOVEVA. Edler Ritter, lasst ab, ich bitt’ Euch; haltet ein, Ihr irrt.

GOLO. O Leben! Nimm mir das Leben! Teure, ich liebe Euch, liebe Euch.

GENOVEVA. Ihr liebt mich, Ritter? Wie? Ihr? Was sagt Ihr?

GOLO

Ach hier, wo sich mein Herz verlor,

In süssen Jugendtagen,

Ihr Stauden, hänget noch betrübt

Von meinen schweren Klagen!

O schau’ hinauf ins Sternenchor,

Sie werden’s all dir sagen,

Wie treu und rein der Ritter liebt,

Der dir so ist ergeben.

So rein ihr Schein,

Steht hoffnungsfroh nach dir allein

Mein Streben und mein Leben.

Erlös’ mich, schönstes Herz, eine arme Seele ans Flammen zu dir! Erbarme

dich!

GENOVEVA (_zitternd_). Was wollt Ihr? Golo, Golo, was sprecht Ihr?

Gedenkt doch--O nein, nein, es darf ja nicht--Schweigt doch, der Himmel

hört uns beide. Schaut um Euch, junger Ritter; in der Welt werdet Ihr

noch eine schöne Gemahlin finden, die Euch trösten darf; sprecht nicht

so zu mir; ich vermag’s ja nicht.

GOLO. O bei den Lichtern, die dort oben brennen, keine unter dem Himmel

und auf Erden als du allein! Eh soll sich dies Herz so in Glut

verzehren! Du allein, süsses, seliges Wesen, dein Abdruck, rein bis in

den Tod.

GENOVEVA. O lasst mich, lasst mich, lasst mich doch, Ritter! Kann Euch

nicht länger anhören. O Himmel!

GOLO. Flieh nicht, Genovevchen, reissest mir die Seele mit weg. Ermorde

mich, Grausame; gib mir den Tod; sage, du wollest mich nicht trösten;

dein Zorn macht mich zur Leiche.

GENOVEVA. Golo! Ritter, bedenkt doch ums Himmels willen!

GOLO. Es ist vorbei, ich kann nicht. (_Küsst ihre Hand._)

GENOVEVA. Halt!

GOLO. Engel, süsser Engel!

GENOVEVA. Falscher, was treibt Ihr? Unsinniger!

GOLO. Umsonst! Umsonst! (_Umfasst sie und trägt sie der Höhle zu._)

GENOVEVA. Ungeheuer! Nicht edler Ritter! --Ihr droben, erbarmt euch

mein! Hilfe! Hilfe!

(_Dragones der Grotte zu._)

DRAGONES. Was gibt’s hier? Steht! Wer ist’s? --Eure Stimme, Gräfin?

Ehrenräuber! Wer du auch bist, halt! Halt!

GOLO (_lässt Genoveven los, schlägt den Mantel vor._) Hölle! O alles!

Da, nimm’s, ungebetener Hund!

DRAGONES. Weh mir! Bin verwundet! Hilfe! O Hilfe!

GOLO. Was soll ich nun? Genoveva! Was fang’ ich nun an? Verflucht! Dort

kommen mehr Leute. Ich muss flüchten, bin verraten, verloren. Weh! Weh!

[Notes:

3: Friedrich Müller (1749-1825), commonly distinguished as Maler

Müller, wrote his _Golo und Genoveva_ between 1775 and 1781.

Siegfried, Count Palatine, has gone to aid Charles Martel against

the Moors, leaving his virtuous and saintly wife, Genevieve, in

the care of his trusted vassal Golo. Inflamed by lust and

perverted by evil counsels, Golo proves faithless to his trust.

The scene is in Genevieve’s castle-garden, where Golo has hidden

in a grotto.]

+LXXVI. THE GÖTTINGEN POETIC ALLIANCE+

In the year 1772 a number of Göttingen youths formed a society for the

cultivation of a vigorous _Deutschtum_ in what they supposed to be the

spirit of the forefathers. Klopstock was their hero, Wieland their

aversion. They wrote songs, ballads, odes, idyls, elegies, etc.,

treating of freedom, virtue, love of country, the brave days of old; of

nature and the seasons; of common folk and their employments. Their work

accords with the general spirit of the ‘Storm and Stress,’ and here and

there presages the romantic movement. Of the selections, Nos. 1, 4, 9

are by Count Friedrich Leopold Stolberg (1750-1819); Nos. 2, 5 by Johann

Heinrich Voss (1751-1826); Nos. 3, 6, 10 by Ludwig Hölty (1748-1776);

Nos. 7, 8 by Johann Martin Miller (1750-1814). See Kürschner’s

_Nationalliteratur_, Vols. 49-50.

+1+

+Die Freiheit.+

Freiheit! Der Höfling kennt den Gedanken nicht,

Sklave! Die Kette rasselt ihm Silberton!

Gebeugt das Knie, gebeugt die Seele,

Reicht er dem Joche den feigen Nacken.

Mir ein erhabner, schauergebärender 5

Wonne-Gedanke! Fre heit, ich fühle dich!

Das ganze Herz, von dir erfüllet,

Strömet in voller Empfindung über!

Nektar der Seele! Helden entflammtest du,

Welchen die Nachwelt jedes Erstaunen weiht, 10

Du stärktest sie! In Sklavenhänden

Rostet der Stahl, wird entnervt der Bogen.

Wer für die Freiheit, wer für das Vaterland

Mutig den Arm hebt, leuchtet im Blute wie

Der Blitz des Nachtsturms; der Gefahren 15

Trübt ihm nicht eine die heitre Stirne.

Namen, mir festlich wie ein Triumphgesang:

Brutus! Tell! Hermann! Cato! Timoleon!

Im Herzen des, dem freie Seele

Gott gab, mit Flammenschrift eingegraben. 20

+2+

+An Goethe.+[1]

Der du edel entbranntst, wo hochgelahrte

Diener Justinians Banditen zogen,

Die in Roms Labyrinthen

Würgen das Recht der Vernunft;

Freier Goethe, du darfst die goldne Fessel,

Aus des Griechen Gesang geschmiedet, höhnen!

Shakespeare dürft’ es und Klopstock,

Söhne gleich ihm der Natur!

Mag doch Heinrichs Homer,[2] im trägen Mohnkranz,

Mag der grosse Corneill’, am Aristarchen--

Trone knieend, das Klatschen

Staunender Leutlein erflehn!

Deutsch und eisern wie Götz, sprich Hohn den Schurken--

Mit der Fessel im Arm! Des Sumpfes Schreier

Schmäht der Leu zu zerstampfen,

Wandelt durch Wälder und herrscht!

[Notes:

1: The ode, written in 1773, alludes to Goethe’s newly published

_Götz_, in which there are some drastic comments on German legal

procedure under the Code Justinian.

2: Allusion to Voltaire’s _Henriade_.]

+3+

+An Teuthard.+[3]

Trotz jedem Ausland stürmet Begeisterung

In deutschen Seelen. Barden, ihr zeuget es,

Die ihr von Sarons Palmen und von

Heimischen Eichen euch Kränze wandet!

Mit schnellern Flügen als der Hesperier 5

Und Brite flogt ihr, Barden des Vaterlands,

Zu Bragas Gipfel! Noch war Dämmrung;

Dämmrung zerflog, und die Mittagssonne

Stand hoch am Himmel. --Muse Teutoniens,

Du bietest deiner Schwester, der Britin, Trotz 10

Und überfleugst sie bald! Du lächelst,

Muse, der gaukelnden Afterschwester,

Die in den goldnen Sälen Lutetiens

Ihr Liedchen klimpert. Schande dem Sohne Teuts,

Der’s durstig trinket, weil es Wollust 15

Durch die entloderten Adern strömet!

Kein deutscher Jüngling wähle das Mädchen sich,

Das deutsche Lieder hasset und Buhlersang

Des Galliers in ihre Laute

Tändelnde Silberaccorde tönet! 20

Schwing deine Geissel, Sänger der Tugend, schwing

Die Feuergeissel, welche dir Braga gab,

Die Natternbrut, die unsre deutsche

Redlichkeit, Keuschheit und Treue tötet,

Zurückzustäupen! Ich will, o Freund, indes, 25

Wenn deine Geissel brauset, des tollen Schwarms

Am Busen eines deutschen Mädchens

Unter den Blumen des Frühlings lachen.

[Notes:

3: Teuthard--poetic name for a rugged Old German--is Fritz Hahn,

a member of the Alliance.]

+4+

+Lied eines deutschen Knaben.+

Mein Arm wird stark, und gross mein Mut,

Gib, Vater mir ein Schwert!

Verachte nicht mein junges Blut,

Ich bin der Väter wert!

Ich finde fürder keine Ruh 5

Im weichen Vaterland!

Ich stürb, o Vater, stolz wie du,

Den Tod fürs Vaterland!

Schon früh in meiner Jugend war

Mein täglich Spiel der Krieg; 10

Im Bette träumt’ ich nur Gefahr

Und Wunden nur und Sieg.

Mein Feldgeschrei erweckte mich

Aus mancher Türkenschlacht;

Noch jüngst ein Faustschlag, welchen ich 15

Dem Bassa zugedacht.

Da neulich unsrer Krieger Schar

Auf dieser Strasse zog,

Und, wie ein Vogel der Husar

Das Haus vorüberflog: 20

Da gaffte starr und freute sich

Der Knaben froher Schwarm;

Ich aber, Vater, härmte mich

Und prüfte meinen Arm.

Mein Arm wird stark, und gross mein Mut, 25

Gib, Vater, mir ein Schwert!

Verachte nicht mein junges Blut,

Ich bin der Väter wert!

+5+

+Trinklied für Freie.+

Mit Eichenlaub den Hut bekränzt!

Wohlauf! und trinkt den Wein,

Der duftend uns entgegenglänzt!

Ihn sandte Vater Rhein.

Ist einem noch die Knechtschaft wert, 5

Und zittert ihm die Hand,

Zu heben Kolbe, Lanz’ und Schwert,

Wenn’s gilt fürs Vaterland:

Weg mit dem Schurken, weg von hier!

Er kriech’ um Schranzenbrot, 10

Und sauf’ um Fürsten sich zum Tier,

Und bub’[4] und lästre Gott!

Und putze seinem Herrn die Schuh,

Und führe seinem Herrn

Sein Weib und seine Tochter zu 15

Und trage Band und Stern!

Für uns, für uns ist diese Nacht,

Für uns der edle Trank!

Man keltert’ ihn, als Frankreichs Macht

In Höchstädts[5] Tälern sank. 20

Drum, Brüder, auf! den Hut bekränzt!

Und trinkt, und trinkt den Wein,

Der duftend uns entgegenglänzt!

Uns sandt’ ihn Vater Rhein.

Uns rötet hohe Freiheitsglut, 25

Uns zittert nicht die Hand,

Wir scheuten nicht des Vaters Blut,

Geböt’s das Vaterland.

Uns, uns gehöret Hermann an,

Und Tell, der Schweizerheld, 30

Und jeder freie deutsche Mann;

Wer hat den Sand gezählt?

[Notes:

4: _Buben_, ‘indulge in shameless vice.’

5: At Höchstädt in Bavaria the French were defeated in 1704 by the

English and Germans.]

+6+

+Vaterlandslied.+

Gesegnet mir, mein Vaterland,

Wo ich so viele Tugend fand,

Gesegnet mir, mein Vaterland!

Die Männer haben Heldenmut,

Verströmen Patriotenblut,

Sind edel auch dabei und gut.

Die Weiber sind den Engeln gleich,

Es ist, fürwahr, ein Himmelreich,

Ihr Preislichen, zu schauen euch.

Sie lieben Zucht und Biedersinn.

O selig Land, worin ich bin!

O möcht’ ich lange leben drin!

+7+

+Lob der Alten.+

Es leben die Alten,

Die Mädchen und Wein

Für Mittel gehalten

Sich weislich zu freun!

Sie übten die Pflichten 5

Des Biedermanns aus

Und lachten in Züchten

Beim nächtlichen Schmaus.

Da lud man die Jugend

Zum Mahle mit ein, 10

Und predigte Tugend

Durch Taten allein;

Man rühmte die Grossen,

Die, tapfer und gut,

Kein andres vergossen 15

Als feindliches Blut.

Dem Lande zu Ehren

Nahm jeder sein Glas;

Vergnügen half’s leeren,

Doch hielten sie Mass, 20

Und lachten sich nüchtern

Und sangen in Ruh

Von fröhlichen Dichtern

Ein Liedchen dazu.

Um Mitternacht schieden 25

Sie küssend vom Schmaus,

Und kehrten in Frieden

Zum Weibchen nach Haus.

Es leben die Alten!

Wir folgen dem Brauch, 30

Auf den sie gehalten,

Und freuen uns auch.

+8+

+Deutsches Trinklied.+

Auf, ihr meine deutschen Brüder,

Feiern wollen wir die Nacht!

Schallen sollen frohe Lieder,

Bis der Morgenstern erwacht!

Lasst die Stunden uns beflügeln! 5

Hier ist echter, deutscher Wein,

Ausgepresst auf deutschen Hügeln

Und gereift am alten Rhein!

Wer im fremden Tranke prasset,

Meide dieses freie Land! 10

Wer des Rheines Gabe hasset,

Trik’ als Knecht am Marnestrand!

Singt in lauten Wechselchören!

Ebert, Hagedorn und Gleim

Sollen uns Gesänge lehren; 15

Denn wir lieben deutschen Reim.

Trotz geboten allen denen,

Die, mit Galliens Gezier,

Unsre Nervensprache höhnen!

Ihrer spotten wollen wir! 20

Ihrer spotten! Aber, Brüder,

Stark und deutsch, wie unser Wein,

Sollen immer unsre Lieder

Bei Gelag und Mahlen sein.

Unser Kaiser Joseph lebe! 25

Biedermann und deutsch ist er.

Hermanns hoher Schatten schwebe

Waltend um den Enkel her,

Dass er, mutig in Gefahren,

Sich dem Vaterlande weih’, 30

Und in Kindeskinder-Jahren

Muster aller Kaiser sei!

Jeder Fürst im Lande lebe,

Der es treu und redlich meint!

Jedem wackern Deutschen gebe 35

Gott den wärmsten Herzensfreund,

Und ein Weib in seine Hütte,

Das ihm sei ein Himmelreich,

Und ihm Kinder geb’, an Sitte

Seinen braven Vätern gleich! 40

Leben sollen alle Schönen,

Die, von fremder Torheit rein,

Nur des Vaterlandes Söhnen

Ihren keuschen Busen weihn!

Deutsche Redlichkeit und Treue 45

Macht uns ihrer Liebe wert:

Drum wohlauf! der Tugend weihe

Jeder-sich, der sie begehrt!

+9+

+An die Natur.+

Süsse, heilige Natur,

Lass mich gehn auf deiner Spur!

Leite mich an deiner Hand,

Wie ein Kind am Gängelband!

Wenn ich dann ermüdet bin,

Rück ich dir am Busen hin,

Atme süsse Himmelslust,

Hangend an der Mutter Brust.

Ach, mir ist so wohl bei dir!

Will dich lieben für und für.

Lass mich gehn auf deiner Spur,

Süsse, heilige Natur!

+10+

+Frühlingslied.+

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,

Die kleinen Maienglocken blühn

Und Schlüsselblumen drunter;

Der Wiesengrund

Ist schon so bunt

Und malt sich täglich bunter.

Drum komme, wem der Mai gefällt,

Und freue sich der schönen Welt

Und Gottes Vatergüte,

Die diese Pracht

Hervogebracht,

Dem Baum und seine Blüte.

+LXXVII. GOTTFRIED AUGUST BÜRGER+

1747-1794. The stormy decade 1770-1780, which quickened other germs of

what was afterwards to be known as romanticism, brought with it a

notable renascence of the ballad. By general consent the first place in

the balladry of the time belongs to Bürger’s _Lenore_ (1774). The

uncanny supernaturalism and onomatopœic word-jingles, which had lent a

mysterious fascination to many an old ballad, but had virtually

disappeared from the lyric poetry of the reason-worshiping century, were

here revived with telling effect.

+Lenore.+

Lenore fuhr ums Morgenrot

Empor aus schweren Träumen:

“Bist untreu, Wilhelm, oder tot?

Wie lange willst du säumen?”

Er war mit König Friedrichs Macht 5

Gezogen in die Prager Schlacht,

Und hatte nicht geschrieben,

Ob er gesund geblieben.

Der König und die Kaiserin,

Des langen Haders müde, 10

Erweichten ihren harten Sinn

Und machten endlich Friede;

Und jedes Heer, mit Sing und Sang,

Mit Paukenschlag und Kling und Klang,

Geschmückt mit grünen Reisern, 15

Zog heim zu seinen Häusern.

Und überall all überall,

Auf Wegen und auf Stegen,

Zog alt und jung dem Jubelschall

Der Kommenden entgegen. 20

Gottlob! rief Kind und Gattin laut,

Willkommen! manche frohe Braut.

Ach! aber für Lenoren

War Gruss und Kuss verloren.

Sie frug den Zug wohl auf und ab, 25

Und frug nach allen Namen;

Doch keiner war, der Kundschaft gab,

Von allen, so da kamen.

Als nun das Heer vorüber war,

Zerraufte sie ihr Rabenhaar 30

Und warf sich hin zur Erde,

Mit wütiger Gebärde.

Die Mutter lief wohl hin zu ihr:--

“Ach, dass sich Gott erbarme!

Du trautes Kind, was ist mit dir?”-- 35

Und schloss sie in die Arme.--

“O Mutter, Mutter, hin ist hin!

Nun fahre Welt und alles hin!

Bei Gott ist kein Erbarmen.

O weh, o weh mir Armen!”-- 40

“Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!

Kind, bet’ ein Vaterunser!

Was Gott tut, das ist wohlgetan.

Gott, Gott erbarmt sich unser!”--

“O Mutter, Mutter, eitler Wahn! 45

Gott hat an mir nicht wohlgetan!

Was half, was half mein Beten?

Nun ist’s nicht mehr von Nöten.”--

“Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt,

Der weiss, er hilft den Kindern. 50

Das hochgelobte Sacrament

Wird deinen Jammer lindern.”--

“O Mutter, Mutter, was mich brennt,

Das lindert mir kein Sacrament!

Kein Sacrament mag Leben 55

Den Toten wiedergeben.”--

“Hör, Kind, wie wenn der falsche Mann,

Im fernen Ungerlande,

Sich seines Glaubens abgetan,

Zum neuen Ehebande? 60

Lass fahren, Kind, sein Herz dahin!

Er hat es nimmermehr Gewinn!

Wann Seel’ und Leib sich trennen,

Wird ihn sein Meineid brennen.”--

“O Mutter, Mutter, hin ist hin! 65

Verloren ist verloren!

Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!

O wär’ ich nie geboren!

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!

Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus! 70

Bei Gott ist kein Erbarmen.

O weh, o weh mir Armen!”--

“Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht

Mit deinem armen Kinde!

Sie weiss nicht, was die Zunge spricht. 75

Behalt ihr nicht die Sünde!

Ach, Kind, vergiss dein irdisch Leid,

Und denk’ an Gott und Seligkeit!

So wird doch deiner Seelen

Der Bräutigam nicht fehlen,”-- 80

“O Mutter, was ist Seligkeit?

O Mutter! Was ist Hölle?

Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,

Und ohne Wilhelm Hölle!--

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus! 85

Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus!

Ohn ihn mag ich auf Erden,

Mag dort nicht selig werden.”--

So wütete Verzweifelung

Ihr in Gehirn und Adern. 90

Sie fuhr mit Gottes Vorsehung

Vermessen fort zu hadern;

Zerschlug den Busen und zerrang

Die Hand, bis Sonnenuntergang,

Bis auf am Himmelsbogen 95

Die goldnen Sterne zogen.

Und aussen, horch! ging’s trap trap trap,

Als wie von Rosses Hufen;

Und klirrend stieg ein Reiter ab,

An des Geländers Stufen. 100

Und horch! und horch! den Pfortenring

Ganz lose, leise, klinglingling!

Dann kamen durch die Pforte

Vernehmlich diese Worte:

“Holla! Holla! Tu auf, mein Kind! 105

Schläfst, Liebchen, oder wachst du?

Wie bist noch gegen mich gesinnt?

Und weinest oder lachst du?”--

“Ach, Wilhelm, du? --So spät bei Nacht?--

Geweinet hab ich und gewacht; 110

Ach, grosses Leid erlitten!

Wo kommst du hergeritten?”--

“Wir satteln nur um Mitternacht.

Weit ritt ich her von Böhmen.

Ich habe spät mich aufgemacht, 115

Und will dich mit mir nehmen.”--

“Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!

Den Hagedorn durchsaust der Wind,

Herein, in meinen Armen,

Herzliebster, zu erwarmen!”-- 120

“Lass sausen durch den Hagedorn,

Lass sausen, Kind, lass sausen!

Der Rappe scharrt, es klirrt der Sporn,

Ich darf allhier nicht hausen.

Komm, schürze, spring und schwinge dich 125

Auf meinen Rappen hintermich!

Muss heut noch hundert Meilen

Mit dir ins Brautbett eilen.”--

“Ach, wolltest hundert Meilen noch

Mich heut ins Brautbett tragen? 130

Und horch! es brummt die Glocke noch,

Die elf schon angeschlagen.”--

“Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.

Wir und die Toten reiten schnell.

Ich bringe dich, zur Wette, 135

Noch heut ins Hochzeitbette.”--

“Sag’ an, wo ist dein Kämmerlein?

Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?”--

“Weit, weit von hier! --Still, kühl und klein!--

Sechs Bretter und zwei Brettchen!”-- 140

“Hat’s Raum für mich?” --“Für dich und mich!

Komm, schürze, spring und schwinge dich!

Die Hochzeitgäste hoffen;

Die Kammer steht uns offen.”--

Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang 145

Sich auf das Ross behende;

Wohl um den trauten Reiter schlang

Sie ihre Lilienhände.

Und hurre hurre, hop hop hop,

Ging’s fort im sausenden Galopp, 150

Dass Ross und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Zur rechten und zur linken Hand

Vorbei vor ihren Blicken,

Wie flogen Anger, Heid’ und Land! 155

Wie donnerten die Brücken!

“Graut Liebchen auch? --Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?”--

“Ach, nein! --Doch lass die Toten!” 160

Was klang dort für Gesang und Klang?

Was flatterten die Raben?

Horch Glockenklang! horch Totensang:

“Lasst uns den Leib begraben!”

Und näher zog ein Leichenzug, 165

Der Sarg und Totenbahre trug.

Das Lied war zu vergleichen

Dem Unkenruf in Teichen.

“Nach Mitternacht begrabt den Leib,

Mit Klang und Sang und Klage! 170

Jetzt führ’ ich heim mein junges Weib.

Mit, mit zum Brautgelage!

Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor,

Und gurgle mir das Brautlied vor!

Komm, Pfaff, und sprich den Segen, 175

Eh wir zu Bett uns legen!”--

Still Klang und Sang. --Die Bahre schwand.--

Gehorsam seinem Rufen,

Kam’s hurre hurre! nachgerannt,

Hart hinters Rappen Hufen. 180

Und immer weiter, hop hop hop!

Ging’s fort im sausenden Galopp,

Dass Ross und Reiter schnoben.

Und Kies und Funken stoben.

Wie flogen rechts, wie flogen links 185

Gebirge, Bäum’ und Hecken!

Wie flogen links, und rechts, und links

Die Dörfer, Städt’ und Flecken!

“Graut Liebchen auch? --Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell! 190

Graut Liebchen auch vor Toten?”--

“Ach! Lass sie ruhn, die Toten!”--

Sieh da! sieh da! Am Hochgericht

Tanzt’ um des Rades Spindel

Halb sichtbarlich, bei Mondenlicht, 195

Ein lustiges Gesindel.--

“Sasa! Gesindel, hier! Komm hier!

Gesindel, komm und folge mir!

Tanz uns den Hochzeitreigen,

Wann wir zu Bette steigen!”-- 200

Und das Gesindel husch husch husch!

Kam hinten nachgeprasselt,

Wie Wirbelwind am Haselbusch

Durch dürre Blätter rasselt

Und weiter, weiter, hop hop hop! 205

Ging’s fort irn sausenden Galopp,

Dass Ross und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Wie flog, was rund der Mond beschien,

Wie flog es in die Ferne! 210

Wie flogen oben über hin

Der Himmel und die Sterne!--

“Graut Liebchen auch? --Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?”-- 215

“O weh, lass ruhn die Toten!”--

“Rapp’! Rapp’! Mich dünkt, der Hahn schon ruft.--

Bald wird der Sand verrinnen--

Rapp’! Rapp’! Ich wittre Morgenluft--

Rapp’! Tummle dich von hinnen!-- 220

Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!

Das Hochzeitbette tut sich auf!

Die Toten reiten schnelle!

Wir sind, wir sind zur Stelle!”--

Rasch auf ein eisern Gittertor 225

Ging’s mit verhängtem Zügel.

Mit schlanker Gert’ ein Schlag davor

Zersprengte Schloss und Riegel.

Die Flügel flogen klirrend auf,

Und über Gräber ging der Lauf. 230

Es blinkten Leichensteine

Rund um im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick

Huhu! ein grässlich Wunder!

Des Reiters Koller, Stück für Stück, 235

Fiel ab wie mürber Zunder.

Zum Schädel, ohne Schöpf und Zopf,

Zum nackten Schädel ward sein Kopf;

Sein Körper zum Gerippe,

Mit Stundenglas und Hippe. 240

Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp’,

Und sprühte Feuerfunken;

Und hui! war ’s unter ihr hinab

Verschwunden und versunken.

Geheul! Geheul aus hoher Luft, 245

Gewinsel kam aus tiefer Gruft.

Lenorens Herz, mit Beben,

Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,

Rund um herum im Kreise, 250

Die Geister einen Kettentanz,

Und heulten diese Weise:

“Geduld! Geduld! Wenn’s Herz auch bricht!

Mit Gott im Himmel hadre nicht!

Des Leibes bist du ledig; 255

Gott sei der Seele gnädig!”

+LXXVIII. FRIEDRICH SCHILLER+

1759-1805. The more important work of Schiller falls without the limit

set for this book. His contribution to the literature of revolution

begins with the _Robbers_ (1781), a fierce castigation of the social

order, and ends with _Cabal and Love_ (1784), which is the only family

tragedy of that time that has survived on the stage. The dramatic genius

which was to give Schiller the supreme place in the history of the

German theater appears full-fledged in his early plays, not, however,

his self-control, his wisdom, or his knowledge of human nature.

+1+

+Lied Amaliens.+

Schön wie Engel, voll Walhallas Wonne,

Schön vor allen Jünglingen war er,

Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne

Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.

Seine Küsse--paradiesisch Fühlen!

Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie

Harfentöne in einander spielen

Zu der himmelvollen Harmonie,--

Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,

Lippen, Wangen brannten, zitterten,--

Seele rann in Seele--Erd’ und Himmel schwammen

Wie zerronnen um die Liebenden!

Er ist hin--vergebens, ach, vergebens

Stöhnet ihm der bange Seufzer nach!

Er ist hin, und alle Lust des Lebens

Wimmert hin in ein verlorenes Ach!

+2+

+Die Entzückung an Laura.+

Laura, über diese Welt zu flüchten

Wähn’ ich--mich in Himmelmaienglanz zu lichten,

Wenn dein Blick in meine Blicke flimmt;

Ätherlüfte träum’ ich einzusaugen,

Wenn mein Bild in deiner sanften Augen 5

Himmelblauem Spiegel schwimmt.

Leierklang aus Paradieses Fernen,

Harfenschwung aus angenehmern Sternen,

Ras’ ich in mein trunknes Ohr zu ziehn;

Meine Muse fühlt die Schäferstunde, 10

Wenn von deinem wollustheissen Munde

Silbertöne ungern fliehn.

Amoretten seh’ ich Flügel schwingen,

Hinter dir die trunknen Fichten springen,

Wie von Orpheus’ Saitenruf belebt; 15

Rascher rollen um mich her die Pole,

Wenn im Wirbeltanze deine Sohle

Flüchtig, wie die Welle, schwebt.

Deine Blicke, wenn sie Liebe lächeln,

Könnten Leben durch den Marmor fächeln, 20

Felsenadern Pulse leihn;

Träume werden um mich her zu Wesen,

Kann ich nur in deinen Augen lesen:

Laura, Laura mein!

3

_From the ‘Robbers,’ Act 3, Scene 2._

Gegend an der Donau.

DIE RÄUBER,[1] gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden

am Hügel hinunter.

MOOR. Hier muss ich liegen bleiben (_wirft sich auf die Erde_). Meine

Glieder wie abgeschlagen. Meine Zunge trocken, wie eine Scherbe.

(_Schweizer verliert sich unbemerkt._) Ich wollt’ euch bitten, mir eine

Handvoll Wrassers aus diesem Strome zu holen; aber ihr seid alle matt

bis in den Tod.

SCHWARZ. Auch ist der Wein all in unsern Schläuchen.

MOOR. Seht doch, wie schön das Getreide steht! --Die Bäume brechen fast

unter ihrem Segen--der Weinstock voll Hoffnung.

GRIMM. Es gibt ein fruchtbares Jahr.

MOOR. Meinst du? --Und so würde doch Ein Schweiss in der Welt bezahlt.

Einer? --Aber es kann ja über Nacht ein Hagel fallen und alles zu Grund

schlagen.

SCHWARZ. Das ist leicht möglich. Es kann alles zu Grund gehen, wenig

Stunden vorm Schneiden.

MOOR. Das sag’ ich ja. Es wird alles zu Grund gehen. Warum soll dem

Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm das

fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht? --Oder ist hier die Mark

seiner Bestimmung?

SCHWARZ. Ich kenne sie nicht.

MOOR. Du hast gut gesagt und noch besser getan, wenn du sie nie zu

kennen verlangtest! --Bruder--ich habe die Menschen gesehen, ihre

Bienensorgen und ihre Riesenprojekte--ihre Götterpläne und ihre

Mäusegeschäfte, das wundersame Wettrennen nach Glückseligkeit;--dieser

dem Schwung seines Rosses anvertraut--ein anderer der Nase eines

Esels--ein dritter seinen eignen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens,

worein so mancher seine Unschuld und--seinen Himmel setzt, einen Treffer

zu haschen, und--Nullen sind der Auszug--am Ende war kein Treffer darin.

Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in die Augen lockt, wenn es

dein Zwerchfell zu Gelächter kitzelt.

SCHWARZ. Wie herrlich die Sonne dort untergeht!

MOOR (_in den Blick verschwemmt_). So stirbt ein Held!

--Anbetungswürdig!

GRIMM. Du scheinst tief gerührt.

MOOR. Da ich noch ein Bube war--war’s mein Lieblingsgedanke, wie sie zu

leben, zu sterben wie sie-- (_Mit verbissenem Schmerz_) Es war ein

Bubengedanke!

GRIMM. Das will ich hoffen.

MOOR (_drückt den Hut übers Gesicht_). Es war eine Zeit--Lasst mich

allein, Kameraden!

SCHWARZ. Moor! Moor! Was zum Henker! Wie er seine Farbe verändert!

GRIMM. Alle Teufel! Was hat er? Wird ihm übel?

MOOR. Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein

Nachtgebet vergessen hatte--

GRIMM. Bist du wahnsinnig? Willst du dich von deinen Bubenjahren

hofmeistern lassen?

MOOR (_legt sein Haupt auf Grimms Brust_.) Bruder! Bruder!

GRIMM. Wie? Sei doch kein Kind! Ich bitte dich--

MOOR. Wär’ ich’s,--wär’ ich’s wieder!

GRIMM. Pfui! Pfui!

SCHWARZ. Heitre dich auf! Sieh diese malerische Landschaft--den

lieblichen Abend.

MOOR. Ja, Freunde, diese Welt ist so schön.

SCHWARZ. Nun, das war wohl gesprochen.

MOOR. Diese Erde so herrlich.

GRIMM. Recht--recht--so hör’ ich’s gerne.

MOOR (_zurückgesunken_). Und ich so hässlich auf dieser schönen

Welt--und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.

GRIMM. O weh! o weh!

MOOR. Meine Unschuld! Meine Unschuld! --Seht, es ist alles

hinausgegangen, sich im friedlichen Strahl des Frühlings zu

sonnen--warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden des Himmels?

--Dass alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles so

verschwistert! --Die ganze Welt Eine Familie, und Ein Vater dort

oben--Mein Vater nicht--Ich allein der Verstossene, ich allein

ausgemustert aus den Reihen der Reinen--mir nicht der süsse Name

Kind--nimmer mir der Geliebten schmachtender Blick--nimmer, nimmer des

Busenfreunds Umarmung! (_Wild zurückfahrend_) Umlagert von Mördern--von

Nattern umzischt--angeschmiedet an das Laster mit eisernen

Banden--hinausschwindelnd ins Grab des Verderbens auf des Lasters

schwankendem Rohr--mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein

heulender Abbadona!

SCHWARZ (_zu den übrigen_). Unbegreiflich! Ich habe ihn nie so gesehen.

GRIMM (_zu den andern_). Nur Geduld! Der Paroxysmus ist schon im Fallen.

MOOR. Es war eine Zeit, wo sie mir so gern flössen--o ihr Tage des

Friedens! Du Schloss meines Vaters--ihr grünen schwärmerischen Täler!

O all ihr Elysiumszenen meiner Kindheit! --Werdet ihr nimmer

zurückkehren--nimmer mit köstlichem Säuseln meinen brennenden Busen

kühlen? --Dahin! dahin! unwiederbringlich!

[Notes:

1: Count Karl Moor, having been cast off by his father, through

the machinations of his villainous younger brother Franz, has

declared war on society and become captain of a band of robbers.

But he is no selfish criminal, and his better nature often asserts

itself, as in this scene.]

4

_From ‘Cabal and Love,’ Act 1, Scene 4._

FERDINAND VON WALTER. LOUISE.[2]

(_Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfärbt und matt auf einen Sessel--er

bleibt vor ihr stehen--sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an.

Pause._)

FERDINAND. Du bist blass, Louise?

LOUISE (_steht auf und fällt ihm um den Hals_). Es ist nichts! nichts!

Du bist ja da! Es ist vorüber!

FERDINAND (_ihre Hand nehmend und zum Munde führend_). Und liebt mich

meine Louise noch? Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist,

und gehn und es auch sein. --Du bist’s nicht.

LOUISE. Doch, doch, mein Geliebter.

FERDINAND. Rede mir Wahrheit! Du bist’s nicht. Ich schaue durch deine

Seele wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (_Er zeigt auf

seinen Ring._) Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht

merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. Was

hast du? Geschwind! Weiss ich nur diesen Spiegel helle, so läuft keine

Wolke über die Welt. Was bekümmert dich?

LOUISE (_sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmut_).

Ferdinand! Ferdinand! Dass du noch wüsstest, wie schön in dieser Sprache

das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt--

FERDINAND. Was ist das? (_Befremdet_) Mädchen! Höre! Wie kommst du auf

das? --Du bist meine Louise! Wer sagt dir, dass du noch etwas sein

solltest? Siehst du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen

muss. Wärest du ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt,

eine Vergleichung _zu_ machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine

Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und

du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe? --Schäme dich! Jeder

Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem Jüngling

gestohlen.

LOUISE (_fasst seine Hand, indem sie den Kopf schüttelt_). Du willst

mich einschläfern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund

hinweglocken, in den ich ganz gewiss stürzen muss. Ich seh’ in die

Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwürfe--dein Vater--mein Nichts.

(_Erschrickt und lässt plötzlich seine Hand fahren._) Ferdinand! Ein

Dolch über dir und mir! --Man trennt uns!

FERDINAND. Trennt uns! (_Er springt auf._) Woher bringst du diese

Ahnung, Louise? Trennt uns? --Wer kann den Bund zwoer Herzen lösen oder

die Töne eines Akkords auseinander reissen? --Ich bin ein Edelmann--Lass

doch sehen, ob mein Adelsbrief älter ist als der Riss zum unendlichen

Weltall? oder mein Wappen giltiger als die Handschrift des Himmels in

Louisens Augen: dieses Weib ist für diesen Mann? --Ich bin des

Präsidenten Sohn. Eben darum. Wer als die Liebe kann mir die Flüche

versüssen, die mir der Landeswucher meines Vaters vermachen wird?

LOUISE. O wie sehr furcht’ ich ihn--diesen Vater!

FERDINAND. Ich fürchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe!

Lass auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für

Treppen nehmen und drüber hin in Louisens Arme fliegen. Die Stürme des

widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen, Gefahren werden

meine Louise nur reizender machen. --Also nichts mehr von Furcht, meine

Liebe! Ich selbst--ich will über dir wachen, wie der Zauberdrach über

unterirdischem Golde. --Mir vertraue dich! Du brauchst keinen Engel

mehr--Ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen--empfangen

für dich jede Wunde--auffassen für dich jeden Tropfen aus dem Becher der

Freude--dir ihn bringen in der Schale der Liebe. (_Sie zärtlich

umfassend_) An diesem Arm soll meine Louise durchs Leben hüpfen; schöner

als er dich von sich liess soll der Himmel dich wieder haben und mit

Verwunderung eingestehen, dass nur die Liebe die letzte Hand an die

Seelen legte.--

LOUISE (_drückt ihn von sich in grosser Bewegung_). Nichts mehr! Ich

bitte dich, schweig! --Wüsstest du--lass mich--Du weisst nicht, dass

deine Hoffnungen mein Herz wie Furien anfallen. (_Will fort._)

FERDINAND (_hält sie auf_). Louise? Wie? Was? Welche Anwandlung?

LOUISE. Ich hatte diese Träume vergessen und war glücklich--jetzt!

Jetzt! Von heut an!--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde

Wünsche--ich weiss es--werden in meinem Busen rasen. --Geh--Gott vergebe

dir’s! --Du hast den Feuerbrand in mein junges friedsames Herz geworfen,

und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden. (_Sie stürzt hinaus. Er

folgt ihr sprachlos nach._)

[Notes:

2: Louise is the daughter of a middle-class musician. She has not

yet heard of any plot (the ‘cabal’ comes later) to separate her

from her noble lover, whose intentions are honorable; but her

father’s uneasiness and her own instinctive class-feeling fill

her with dismay.]

5

_From a Discourse on the Theater, read before the German Society of

Mannheim in 1784._

Noch ein Verdienst hat die Bühne--ein Verdienst, das ich jetzt um so

lieber in Anschlag bringe, weil ich vermute, dass ihr Rechtshandel mit

ihren Verfolgern ohnehin schon gewonnen sein wird. Was bisher zu

beweisen unternommen worden, dass sie auf Sitten und Aufklärung

wesentlich wirke, war zweifelhaft--dass sie unter allen Erfindungen des

Luxus und allen Anstalten zur gesellschaftlichen Ergötzlichkeit den

Vorzug verdiene, haben selbst ihre Feinde gestanden. Aber was sie hier

leistet, ist wichtiger als man gewöhnt ist zu glauben.

Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der

Folter der Geschäfte zu liegen, die Reize der Sinne sterben mit ihrer

Befriedigung. Der Mensch, überladen vom tierischem Genuss, der langen

Anstrengung müde, vom ewigen Triebe nach Tätigkeit gequält, dürstet nach

bessern auserlesenem Vergnügungen, oder stürzt zügellos in wilde

Zerstreuungen, die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der

Gesellschaft zerstören. Bacchantische Freuden, verderbliches Spiel,

tausend Rasereien, die der Müssiggang ausheckt, sind unvermeidlich, wenn

der Gesetzgeber diesen Hang des Volkes nicht zu lenken weiss. Der Mann

von Geschäften ist in Gefahr, ein Leben, das er dem Staat so grossmütig

hinopferte, mit dem unseligen Spleen abzubüssen--der Gelehrte zum

dumpfen Pedanten herabzusinken--der Pöbel zum Tier. Die Schaubühne ist

die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung,

Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der

andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird.

Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsamen Stunden

vergiftet, wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten

unsre Seele drücken, und unsre Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu

ersticken droht, so empfängt uns die Bühne--in dieser künstlichen Welt

träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben,

unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre

schlummernde Natur und treiben das Blut in frischeren Wallungen. Der

Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eignen aus--der

Glückliche wird nüchtern und der Sichere besorgt. Der empfindsame

Weichling härtet sich zum Manne, der rohe Unmensch fängt hier zum ersten

Mal zu empfinden an. Und dann endlich--welch ein Triumph für dich,

Natur!--so oft zu Boden getretene, so oft wieder auferstehende

Natur!--wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen,

abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus

jedem Drange des Schicksals, durch Eine allwebende Sympathie verbrüdert,

in Ein Geschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen

und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern! Jeder einzelne geniesst die

Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf

ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur Einer Empfindung

Raum--es ist diese: ein Mensch zu sein.

END OF PART SECOND

* * * * *

* * * *

* * * * *

Line Numbers:

The printed book was intended for classroom use. Lines within each

selection, both prose and verse, were numbered continuously. These

numbers are not used for anything else in the text, such as footnotes

or cross-references. In this e-text, prose passages have been

rewrapped, discarding the original line breaks. Where the line numbers

of the source text are given, verse passages have been renumbered

accordingly. Line counts will not always match the stated numbers.

Errata (Noted by Transcriber):

XVIII. THE LAY OF THE NIBELUNGS: Adventure 16:

Da konnt’ ihm nicht entrinnen / König Gunters Untertan.

_text reads “Gunthers”_

XXIII. HARTMANN VON AUE

_anomalous section headers (I, II instead of 1, 2) unchanged_

XXVIII. Poems of the Dietrich-Saga: Note 3:

Ecke is a redoutable young giant

_spelling unchanged_

XL. MARTIN LUTHER: 3: Epistle on Translating:

obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut,

_text reads “nicht hut” with space for “t”_

XLIV. HANS SACHS: 2: Das heiss Eysen:

Die alt GEFATTERIN spricht:

Das WEIB spricht:

Die GFATTER / bringt das glüent eysen ...

_text unchanged (elsewhere “GEFATTER” and “FRAW”)_

XLVIII. JAKOB AYRER

ROLANDT, ROLLANDT, ROLAND

_spellings unchanged_

LXIII. JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED: §15

der Orakel, darüber Iocasta vorher gespottet hatte

_text reads “daruber”_

LXIV. JOHANN JAKOB BODMER

zuunterscheiden, zufixieren, zuloben ...

_forms without space are normal for this author_

LXVII. FRIEDRICH VON HAGEDORN: 5: Johann, der Seifensieder:

Da hast du bare funfzig Thaler

_spelling unchanged_

LXX. FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK: 1: ‘Messiah’ 1-137

Und der Seraph ... 55

_line number printed 45_

Punctuation

_All quotation marks, single or double, are as in the original. The

German “low 9 - high 6” form was not used._

XXIV. WOLFRAM VON ESCHENBACH: Parzival 3:449

Die’s Euch doch wenig zugedacht.”

_close quote missing_

XXIX. MEYER HELMBRECHT: Lines 1703:

“Haha! Du dieb’scher Schuft, Helmbrecht,

_open quote missing_

XXXV. REYNARD THE FOX: 1:

Wird vor dem Abte angeklagt.”

_close quote missing_

XLIV. HANS SACHS: 2: Das heiss Eysen:

_Es ist mir um das Herz_, ‘I am concerned,’ ‘it is my wish.’

_final close quote missing_

XLV. FOLKSONGS OF THE SIXTEENTH CENTURY: Note 17

_Kappen_ = _Narrenkappen_.

_period (full stop) missing_

XLVI. THE CHAPBOOKS: 5: Faustbook:

Abendts oder vmb Vesperzeit

_text reads “ABendts”_

XLIX. GEORG RODOLF WECKHERLIN: Note 1

_Nehmend war_ = _wahrnehmend_.

_period (full stops) missing_

L. MARTIN OPITZ

zue besserer fortpflantzung[1] vnserer sprachen,

_text has period (full stop) for comma_

L. MARTIN OPITZ: Note 1

They propose to try their fortunes in the French-Indian War.

_period (full stops) missing_

L. MARTIN OPITZ: Note 1

The scene is ‘America.’

_text has comma for period (full stop)_

LVI. FRIEDRICH SPE

O Gott, könnt ichs erwerben!

_middle “e” in “erwerben” invisible_

LXX. FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK: 4: Hermann und Thusnelda.

[section title]

_period (full stops) missing_

LXXV. MINOR DRAMATISTS OF THE STORM AND STRESS ERA: Introduction

For the texts see Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vols. ...

_period (full stops) missing_

An anthology of German literature · 第 7 / 7 章