Act II, where the Prodigal, having lived some time with thieves

and harlots, decides to return to his father.

30: _Edder_ = _oder_.

31: _Lefft_ = _lebt_.

32: _All tho male_ = _allzumal_, ‘constantly.’

33: _Auers_ = _aber_.

34: _Erweruenn_ = _erwerben_, _gewinnen_.

35: _Moeth_ = _muss_.

36: _Moyge_ = _Mühe_.

37: _Öuel_ = _übel_.

38: _Laeth_ = _lass_.

39: _Entslaen_ = _entschlagen_; with reflexive object ‘to leave

out of account.’

40: _Gemeyn_: here = ‘household.’

41: _Blyue_ = _bleibe_.

42: _Doet_ = _tot_.

43: _Idt_ = _es_.

44: _Elende groet_ = _Elend gross_.

45: _Ohm_ = _ihm_.

46: _Wes_ = _sei_.

47: _Vorbarmenn_ = _erbarmen_.

48: _Vth_ = _aus_.

49: _Nü_ = _nie_.

50: _Tydt_ = _Zeit_.

51: _Nha_ = _nach_.

52: _Euen_ = _eben_; with _kumpt_ = ‘befits.’

53: _Genümbt_ = _genannt_.

54: _Tho voren_ = _zuvor_.

55: _Gesecht_ = _gesagt_.

56: _Ehr wenn_ = _früher als_, _bevor_.

57: _Toch hen wech_ = _zog hin weg_ = _hinwegzog_.

58: _Straff_, ‘discipline.’

59: _Müg_ = _Mühe_.

60: _Quaedt_ = _böse_, _schlecht_.

61: _Rowet_ = _reuet_.]

3

_From Rebhun’s ‘Susanna,’ Act III, Sc. 4: Having been menaced with death

by the wanton judges, Susanna tells her father, mother, and sister of

the infamous plot._[62]

HELCHIAS

Frid mit dir!

ELISABET

O, liebste tochter mein!

REBECCA

O Susann, du traute schwester mein!

ELISABET

Hilf uns, lieber Got, in ewigkeit!

Wie kumts ewig,[63] das in sölches leid

Du, mein liebste tochter, kummen sollt, 5

Welches ich lang der meid[64] nicht glauben wollt?

Solstu nu zur zeit deinr höchsten ern

Für ein sölche erst gehalten werden,

Die du hast von jugnt dein lebn gefürt

Keusch, wie einer frummen fraun gebürt? 10

Ach, das dir sol gschehen sölche gwalt!

Got wöll sehen an[65] dein unschuld bald.

SUSANNA

Sei dann, das mir Got, mein herr, helf draus,

Ist es auch mit meinem leben aus;

Dann sie mir den tot gedrohet han, 15

Weil ich nicht nach irem willn hab tan.

HELCHIAS

Liebe tochter, hör itz auf vom klagn;

Dann wir wollen Got dein not fürtragen,

Der on zweifel dir wirt helfen aus,

Machen sie gleich was sie wöln daraus. 20

Wollst uns selber recht erzeln die sach,

Wie du kumst zu diesem ungemach.

SUSANNA

Da die sonn heut warm zu scheinn anfieng,

Nach gewonheit ich in[66] garten gieng,

Wolt beim brunn mich badn ein kleine weil, 25

Drumb ich sant die meid von mir in eil,

Liess den garten fest beschliessen zu,

Meint, ich wer nu da mit guter ru.[67]

Da erhubn sich plötzlich zu mir her

Dise richter, des erschrak ich ser. 30

Bald sie mir ir unart muten an,

Lagn mir auch mit bitten heftig an,

Teten mir dazu verheissung vil,

Das ich mich ergeb zu irem will;

Da sie aber nichts mit güt von mir 35

Kunten habn, da namens frevel für[68]

Und bedroten mich mit irer gwalt,

Sagten, was für gfar mir folgen solt,

Wie sie mir mein er[69] und auch das lebn

Nemen woltn, so ich nicht ergebn 40

Würde mich zu irem willn so bald;

Da ich aber in nicht ghorchen wolt,

Wurden sie von stund vol zorn und grim,

Ruften meinem gsind[70] mit lauter stimm,

Sagten, wie ich die und dise wer, 45

Also kum ich leider in die gfer.

SAMRI[71]

Hab ich nicht die sach erraten fein,

Das die richter selber böswicht sein?

GORGIAS

Das sie potz[72]! wer het sich des vertraut,

Das sölchs stecken sol in alter haut? 50

HELCHIAS

Helf dir Got, du liebe tochter mein,

Welchem wol ist kund die unschuld dein.

SUSANNA

Wenn doch nur mein her[73] vorhanden wer,

Oder wüste disen jamer schwer!

ELISABET

Schweig, villeicht wirt er nu kumen schier.[74] 55

REBECCA

Liebe schwester, Got wöll helfen dir.

CHORUS TERTIUS

David, der prophetisch man,

Zeigt an,

Durch Gottes geist geleret:

Wer sich fest auf Got erbaut 60

Und traut,

Der wirt nicht umbgekeret;

Wie Sion steht er unbewegt,

Wird nicht geregt

Von starken winden 65

Des fleischs, des teufels und der welt,

Gegn in sich stellt,[75]

Sich nicht mit sünden

Von in lässt überwinden.

Sein haus, auf eim felsen hart 70

Verwart,

Ist gwaltig unterfasset;

Wasser, wind kans nicht bewegn,

Noch regn,

On schad sichs alls abstosset. 75

Got fürchten ist sein burg und schloss;

Kein teufels gschoss

Kan das zersprengen;

Gots wort sein waffen ist und schwert,

Damit er wert,[76] 80

Lässt sich nicht drengen,

Zu sünd und abfal brengen.

Aber wer den hern veracht,

Nicht tracht

Auf seine wort und wege, 85

Den tut wie ein ror im teich

Gar leicht

Ein kleiner wind bewegen.

Sein haus gebaut ist auf den sand,

Hat kein bestand, 90

Kan sich nicht halten;

Wenn in ein kleine sünd anficht

Und nur besticht,[77]

Wird er zerspalten[78]

Und lässt die bosheit walten. 95

[Notes:

62: Paul Rebhun, who died in 1546, was a Lutheran schoolmaster and

pastor. In his _Susanna_ he essayed a more regular and varied

versification than that of the ordinary _Knittelvers_. The

apocryphal story of Susanna was in high favor with the

Protestant playwrights on account of its vindication of a

chaste wife.

63: _Ewig_ = _immer_.

64: _Meid_; the housemaid who had brought the news to Susanna’s

mother.

65: _Sehen an_, ‘look on,’ ‘bring to light.’

66: _In_ = _in den_.

67: _Guter ru_, ‘security’; ‘I thought I should be safe there.’

68: _Namens ... für_, ‘they resorted to crime.’

69: _Er_ = _Ehre_.

70: _Gsind_ = _Gesinde_, ‘servants.’

71: Samri and Gorgias are _Hausknechte_ of Susanna’s husband.

72: _Potz_, a euphemism for _Gott_ in oaths: _dass Gott sie

(verdamme)_.

73: _Her_; her husband, Joachim, is away on business.

74: _Schier_ = _bald_.

75: _Gegn ... stellt_ = _stellt sich ihnen entgegen_.

76: _Wert_ = _sich verteidigt_.

77: _Besticht_ = _verführt_.

78: _Wird er zerspalten_ = _kommt er in Zwiespalt mit sich

selbst_ (Tittmann).]

+XLIV. HANS SACHS+

1494-1576. Sachs is the most winsome and versatile German poet of the

16th century. He lived at Nürnberg, practising the trade of the

shoemaker and the art of the mastersinger, and writing an immense number

of poetic productions. His total of verses has been estimated at half a

million. For the reader of to-day he is most enjoyable in his

_Schwänke_, or humorous tales, and his _Fastnachtspiele_, or shrovetide

plays. The text of the first selection follows Keller’s reprint in the

_Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart_, Vol. 106, page 109;

that of the second, Goetze’s reprint in Braune’s _Neudrucke_, No. 40.

+1+

+Sanct Peter mit der Gais.+

Weil noch auf Erden ging Christus

Unnd auch mit im wandert Petrus,

Eins tags auss eym dorff mit im gieng,

Bey einer wegscheid Petrus anfieng:

O herre Got und maister mein, 5

Mich wundert sehr der güte dein,

Weil du doch Gott allmechtig bist,

Lest es doch gehn zu aller frist

In aller weit, gleich wie es geht,

Wie Habacuck sagt, der prophet: 10

Frevel und gewalt geht für recht;

Der gotloss uberforthailt schlecht

Mit schalckeit den ghrechten und frummen,

Auch könn kein recht[1] zu end mehr kummen.

Die lehr gehn durcheinander sehr, 15

Eben gleich wie die fisch im meer,

Da immer eyner den ändern verschlind,[2]

Der böss den guten uberwind.

Des steht es ubel an allen enden,

Inn obern und in niedern stenden 20

Des[3] siehst du zu und schweygest still,

Samb[4] kümmer dich die sach nit viel

Und geh dich eben glat[5] nichts an.

Könst doch als ubel undterstan,[6]

Nembst recht int[7] hand die herrschafft dein. 25

O solt ich ein jar herrgott sein

Und solt den gwalt haben, wie du,

Ich wolt anderst schawen darzu,

Fürn viel ein besser regiment

Auff erdterich[8] durch alle stend. 30

Ich wolt stewern mit meiner hand

Wucher, betrug, krieg, raub und brand.

Ich wolt anrichten ein rühigs leben.

Der Herr sprach: Petre, sag mir eben!

Mainst, du woltst ye baser[9] regieren, 35

All ding auff erd bass ordinieren,

Die frummen schützen, die bösen plagen?

Sanct Peter thet hinwider sagen:

Ja, es müst in der welt bass[9] stehn,

Nit also durch einander gehn. 40

Ich wolt viel besser ordnung halten.

Der Herr sprach: Nun, so must verwalten,

Petre, die hohe herrschafft mein.

Heut den tag solt du herrgott sein.

Schaff und gepeut als, was du wilt! 45

Sey hart, streng, gütig oder milt!

Gieb auss den fluch oder den segen!

Gieb schön wetter, wind oder regen!

Du magst straffen, oder belonen,

Plagen, schützen oder verschonen. 50

Inn summa, mein ganz regiment

Sey heut den tag in deiner hend!

Darmit reichet der Herr sein stab

Petro, den inn sein hende gab.

Petrus war dess gar wolgemut, 55

Daucht sich[10] der herrligkeyt sehr gut.

Inn dem kam her ein armes weib,

Gantz dürr, mager und blaich von leib,

Parfuss inn eym zerrissen klaid.

Die trieb ir gaiss hin auff die waid. 60

Da sie mit auf die wegschaid kam,

Sprach sie: Geh hin in Gottes nam!

Got bhüt und bschütz dich immerdar,

Das dir kein ubel widerfar

Von wolffen oder ungewitter, 65

Wann ich kan warlich ye nicht mit dir!

Ich muss gehn arbeyten[11] das taglon.

Heint[12] ich sunst nichts zu essen hon

Dahaym mit meinen kleynen kinden.

Nun geh hin, wo du weyd thust finden! 70

Gott der bhüt dich mit seiner hend!

Mit dem die fraw widerumb wend

Ins dorff; so ging die gaiss ir strass.

Der Herr zu Petro sagen was[13]:

Petre, hast das gebett der armen 75

Gehört? du must dich ir erbarmen.

Weil du den tag bist herrgott du,

So stehet dir auch billig zu,

Das du die gaiss nembst in dein hut,

Wie sie von hertzen bitten thut, 80

Und behüt sie den ganzen tag,

Das sie sich nit verirr im hag,[14]

Nit fall noch müg gestolen wern,

Noch sie zerreissen wolff noch bern,

Das auff den abend widerumb 85

Die gaiss unbeschedigt haym kumb

Der armen frawen in ir hauss!

Geh hin und richt die sach wol auss!

Petrus namb nach des herren wort

Die gaiss in sein hut an dem ort 90

Und trieb sie an die waid hindan.

Sich fing sanct Peters unrhu an.

Die gaiss war mutig, jung und frech,

Und bliebe gar nit in der nech,[15]

Loff auff der wayde hin und wider, 95

Stieg ein berg auff, den andern nieder

Und schloff[16] hin und her durch die stauden.

Petrus mit echtzen,[17] blassn und schnauden

Must immer nachdrollen[18] der gaiss,

Und sehin die sunn gar uberhaiss. 100

Der schwaiss über sein leib abran.

Mit unruh verzert der alte man

Den tag biss auff den abend spat,

Machtloss, hellig,[19] gantz müd und mat

Die gaiss widerumb haym hin bracht. 105

Der Herr sach Petrum an und lacht.

Sprach: Petre, wilt mein regiment

Noch lenger bhalten in deiner hend?

Petrus sprach: Lieber herre, nein,

Nemb wider hin den stabe dein 110

Und dein gwalt! ich beger mit nichten

Fort hin dein ampt mehr ausszurichten.

Ich merck, das mein weissheit kaum döcht,[20]

Das ich ein gaiss regieren möcht

Mit grosser angst, müh und arbeyt. 115

O Herr, vergieb mir mein thorheit!

Ich will fort der regierung dein,

Weil ich leb, nit mehr reden ein.

Der Herr sprach: Petre, das selb thu!

So lebst du fort mit stiller rhu. 120

Und vertraw mir in meine hend

Das allmechtige regiment!

[Notes:

1: _Recht_, ‘lawsuit.’

2: _Verschlind_ = _verschlingt_.

3: _Des_, for _dem (allen)_.

4: _Samb_ = _als ob_.

5: _Glat_ = _gar_.

6: _Als ... undterstan_ = _alles Übel unterdrücken_.

7: _Int_ = _in die_.

8: _Erdterich_ = _Erdreich_.

9: _Baser, bass_ = _besser_.

10: _Daucht sich_ (with gen.), ‘was proud of,’ ‘elated over.’

11: _Arbeyten_ = _erarbeiten_, ‘earn.’

12: _Heint_ = _heute nacht_.

13: _Sagen was_ = _sagend was_, ‘was saying’, ‘said.’

14: _Hag_ = _Busch, Gehölz_.

15: _Nech_ = _Nähe_.

16: _Schloff_, ‘strayed’ (from _schliefen_ = _schlüpfen_).

17: _Echtzen_ = _ächzen_.

18: _Nachdrollen_ = _nachtrollen_.

19: _Hellig_ = _müde_.

20: _Döcht_ = _taugt_.]

+2+

+Das heiss Eysen: Ein Fassnachtspil[21] mit 3 Person.+

Die FRAW tritt einn vnd spricht:

Mein Man hab ich gehabt vier jar,

Der mir von erst viel lieber war.

Dieselb mein Lieb ist gar erloschen

Vnd hat im hertzen mir aussdroschen.[22]

West geren,[23] wes die schulde wer. 5

Dort geht mein alte Gfatter her,

Die ist sehr alt vnd weiss gar viel.

Dieselbigen ich fragen wil,

Was meiner vngunst vrsach sey,

Das ich werd der anfechtung frey. 10

Die alt GEFATTERIN spricht:

Was redst so heimlich wider dich?

Die FRAW spricht:

Mein liebe Gfattr, es kümmert mich:

Mich dunckt, mein Mann halt nit sein Eh,

Sonder mit andern Frawn vmbgeh.

Des bit ich von euch einen rath. 15

Die alt GEFATTER spricht:

Gfatter, das ist ein schwere that.

Die FRAW spricht:

Da rath zu, wie ich das erfar!

Die GEFATTER spricht:

Ich weiss nicht, mir felt ein fürwar,

Wie man vor jaren gwonheit het,

Wenn man ein Mensch was zeyhen thet,[24] 20

Wenn es sein vnschuld wolt beweysen,

So mustes tragn ein glüend Eyssen

Auff bloser Hand auss einem kreiss;

Dem vnschulding war es nicht heyss

Vnd jn auff blosser Hand nit prent, 25

Darbey sein vnschuld würd erkent.

Darumb hab fleiss vnd richt auch an,

Das diss heiss Eyssen trag dein Man!

Schaw, dass du jn könst vberreden!

Die FRAW spricht:

Das wil ich wol thun zwischn vns beden. 30

Kan wain vnd seufftzen durch mein list,

Wenns mir schon vmb das hertz[25] nicht ist,

Das er muss als thun, was ich wil.

Die GEFATTER spricht:

So komb dem nach vnd schweig sonst still,

Darmit du fahest deinen Lappen[26] 35

Vnd jm anstreiffst die Narrenkappen!

Ytzund geht gleich herein dein Man.

Ich wil hin gehn; fah mit jm an!

(_Die alt Gefatter geht ab. Die Fraw sitzt, hat den kopff in der hend._)

Der MANN kompt vnd spricht:

Alte, wie sitzt du so betrübt?

Die FRAW spricht:

Mein Mann, wiss, das mich darzu übt 40

Ein anfechtung, welche ich hab,

Der mir kan niemandt helffen ab,

Mein hertzen lieber Man, wenn du!

Der MANN spricht:

Wenns an mir leyt, sag ich dir zu

Helffen, es sey wormit es wöll. 45

Die FRAW spricht:

So ich die warheit sagen söll,

So dunckt mich, lieber Mann, an dir,

Du helst dich nicht gar wol an mir,

Sonder bulest mit andern Frawen.

Der MANN spricht:

Thustu ein solches mir zu trawen? 50

Hastu dergleich gmerckt oder gsehen?

Die FRAW spricht:

Nein, auff mein warheit mag ich jehen.

Du abr bist mir vnfreuntlich gar,

Nicht lieblich, wie im ersten jar.

Derhalb mein lieb auch nimmet ab, 55

Das ich dich schier nicht mehr lieb hab.

Diss als ist deines Bulens schuld.

Der MANN spricht:

Mein liebes Weib, du hab gedult!

Die lieb im hertzen ligt verporgen!

Mhü vnd arbeit vnd teglichs sorgen 60

Thut vil schertz vnd schimpffens vertreiben.

Meinst drumb, ich bul mit andern weiben?

Des denck nur nit! ich bin zu frumb.

Die FRAW spricht:

Ich halt dich vor ein Bulr kurtzumb:

Sey denn sach,[27] das du dich purgierst, 65

Der zicht[28] von mir nicht ledig wirst.

Der MANN reckt 2 finger auff, spricht:

Ich wil ein herten Eyd dir schwern,

Das ich mein Eh nit thet versehrn

Mit andren schönen Frawen jung.

Die FRAW spricht:

Mein lieber Man, das ist nicht gnung. 70

Eyd schwern ist leichtr, denn Ruben grabn.

Der MANN spricht:

Mein liebes Weib, was wilt denn habn?

Die FRAW spricht:

So trag du mir das heisse Eyssen!

Darmit thu dein vnschuld beweissen!

Der MANN spricht:

Ja, Fraw, das wil ich geren thon. 75

Geh! heiss die Gfattern vmbher gon,

Das sie das Eyssen leg ins Fewr!

Ich wil wagen die abenthewr

Vnd mich purgiren, weil ich leb,

Das mir die Gfatter zeugnus geb. 80

(_Die Fraw geht auss. Er spricht:_)

Mein Frau die treibt gar seltzam mucken[29]

Vnd zepfft mich an mit diesen stucken,[30]

Das ich sol tragen das heiss Eyssen,

Mein Vnschuld hie mit zu beweissen,

Das ich nie brechen hab mein Eh. 85

Es thut mir heimlich auff sie weh.

Ich hab sie nie bekümmert mit,

Ob sie jr Eh halt oder nit.

Nun ich wil jr ein schalkheit thon,

In Ermel stecken diesen Spon. 90

Wenn ich das Eyssn sol tragn dermassn,

So wil ich den Span heimlich lassen

Herfür hoschen[31] auff meine Hendt,

Das ich vom Eyssen bleib vnprent.

Mein frömbkeit ich beweissen thu. 95

Da kommen sie gleich alle zwu.

Die ALT tregt das heiss Eyssen in einer Zangen vnd spricht:

Glück zu, Gfatter! das Eyssn ist heiss.

Macht nur da einen weyten Kreiss!

Da legt jms Eyssen in de mit!

Tragt jrs herauss vnd prent euch nit, 100

So ist ewer vnschuld bewert,

Wie denn mein Gfattern hat begert.

Der MANN spricht:

Nimb hin! da mach ich einen kreiss.

Legt mir das glüend Eyssen heiss

Daher in kreiss auff diesen Stul! 105

Vnd ist es sach, vnd das ich Bul,

Das mir das heyss Eyssen als denn

Mein rechte Hand zu kolen prenn.

(_Der Man nimbt das Eysen auff die Hand, tregets auss dem Kreiss vnd

spricht:_)

Mein weib, nun bist vergwiest[32] fort hin,

Das ich der zieht vnschuldig bin, 110

Das ich mein Eh hab brochen nie,

Weil ich das glüend Eyssen hie

Getragen hab gantz vngebrent.

Das WEIB spricht:

Ey, las mich vor schawen dein Hendt!

Der MANN spricht:

Se hin! Da schaw mein rechte hand, 115

Das sie ist glat vnd vnverprant!

Die FRAW schawt die hand, spricht:

Nun, du hast recht; das merck ich eben.

Man muss dir dein Kü wider geben.[33]

Der MANN spricht:

Du must mir vnschuldigen Man

Vor meinr gfattern ein widrspruch than. 120

Die FRAW spricht:

Nun, du bist fromb, vnd schweig nur stil!

Nichts mehr ich dir zusachen wil.

Der MANN spricht:

Weil du nun gnug hast an der prob,

Wil ich nun auch probieren, ob

Du dein Eh biss her habst nit prochen 125

Von anfang, weilt[34] mir warst versprochen.

Mein Gfattern, thut darzu ewr stewr!

Legt das Eyssn wider in das Fewr,

Das es erfewr vnd glüend wer!

Darnach so bringt mirs wider her, 130

Auff das es auch mein Fraw trag mir,

Darmit jr frömbkeit ich probier!

Die GEFATTER spricht:

Ey, was wolt jr ewr Frawen zeyhen?

Thut sie des heissen Eyssens freyen!

Der MANN spricht:

Ach, liebe Gfattr, was ziech sie mich? 135

Die FRAW spricht:

Mein hertz lieber Mann, wiss, das ich

Das hab auss lauter einfalt than!

Der MANN spricht:

Gfatter, legt bald das Eyssen an!

Darfür hilfft weder fleh noch bit.

(_Die Gefatterin geht hin mit dem Eyssen._)

Die FRAW spricht:

Mein lieber Mann, weistu dann nit, 140

Ich hab dich lieb im hertzen grundt.

Der MANN spricht:

Dein that laut anders, denn dein mundt,

Da ich das heiss Eyssen must tragen.

Die FRAW spricht:

Ach, mein Mann, thu nicht weyter fragen,

Sonder mir glauben vnd vertrawen 145

Als einer auss den frömbsten Frawen!

Lass mich das heiss Eyssen nicht tragen!

Der MANN spricht:

Was darffst dich lang weren vnd klagen?

Bist vnschuldig, so ists schon fried,

So prent dich das heiss Eyssen nit 150

Vnd hast probiert dein Weiblich Ehr.

Derhalb schweig nur vnd bitt nicht mehr!

Die GFATTER

bringt das glüent eysen, legts auff den stul im kreiss, spricht:

Gfattern, da liegt das glüend Eyssen,

Ewer vnschuld mit zu beweisen.

Der MANN spricht:

Nun geh zum Eyssen! greiff es an! ...[35] 155

Die GEFATTER spricht:

Mein Gfatter, lasts best bey euch liegen!

Wölt meiner Gfattern vergeben das!

Wer ist der, der sich nie vergass?

Kompt! wir wöllen dran giessn ein Wein!

Der MANN spricht:

Nun, es sol jr verziehen sein! 160

Mein Fraw bricht Häfn,[36] so brich ich Krüg,

Vnd wo ich anderst redt, ich lüg.

Doch, Gfatter, wenn jr bürg wolt werden,

Dieweil mein Weib lebet auff Erden,

Das sie solches gar nimmer thu. 165

Die GEFATTER spricht:

Ey ja, glück zu, Gfatter! glück zu!

Ich wil euch gleich das glait[37] heimgeben.

Vnd wöllen heint in freuden leben

Vnd auff ein newes[38] Hochzeit halten

Vnd gar vrlaub geben der alten. 170

Das kein vnrat weyter drauss wachs

Durch das heiss Eyssen, wünscht Hans Sachs.

[Notes:

21: _Fassnacht_. The usual modern form is _Fastnacht_, as if from

_Faste_, and meaning ‘eve of the Lenten fast.’ So the Grimm

Dictionary explains it. But in early texts we find _vasnacht,

fasnacht, fasenacht, fassnacht_, which Kluge in his Etymological

Dictionary derives from _faseln_ in the sense of _Unsinn treiben_.

22: _Aussdroschen_, ‘gone bankrupt, ’failed’.

23: _West geren_ = _wüsste gern_.

24: _Ein Mensch ... thet_, ‘accused a person of anything.’

25: _Es ist mir um das Herz_, ‘I am concerned,’ ‘it is my wish.’

26: _Lappen_; a foolish or ‘soft’ person.

27: _Sey denn sach_, ‘unless,’ ‘except.’

28: _Zicht_ = _Beschuldigung_.

29: _Mucken_ = _Grillen_.

30: _Zepfft ... stucken_, ‘bothers me with this business.’

31: _Hoschen_ = _huschen_.

32: _Vergwiest_ = _vergewissert_.

33: _Die Kuh wiedergeben_ seems to be a peasant phrase for

acknowledging that one has been in the wrong.

34: _Weilt_ = _weil du_.

35: At this point nearly a hundred lines are omitted. The wife

confesses several transgressions and pleads to be let off, but the

husband insists that she handle the iron. When at last she does so

it burns her badly. The husband chides her in strong language,

whereupon +Gefatter+ intervenes as a peacemaker.

36: _Häfn_ = _Töpfe_.

37: _Glait_ = _Geleit_.

38: _Auff ein newes_ = _aufs neue_.]

+XLV. FOLKSONGS OF THE SIXTEENTH CENTURY+

While the 16th century brought forth no great German lyrist, it is

exceptionally rich in good songs, mostly anonymous, that express the

joys and sorrows of the general lot. Not all of them were the work of

unlettered poets, but all were made to be sung; for lyric poetry as a

branch of ‘mere literature’ had not yet come into being. The selections

are from Tittmann’s _Liederbuch aus dem 16. Jahrhundert_, Leipzig, 1881,

which gives full information as to the source of the various texts. The

titles have been supplied by the editor.

+1+

+Lob der Geliebten.+

Mein einigs herz, mein höchste zier,

Wie we ist mir allzeit nach dir,

Wie leuchten deine äuglein klar,

Wie schön ist dein goldgelbes har,

Dein mündlein rot, dein wänglein weiss!

Für allen bleibt dir doch der preis.

In deinem dienst, sag[1] sicherlich,

Bleib ich allzeit und ewiglich.

[Notes:

1: _Sag_, i.e. _sage ich_.]

+2+

+Begegnung im Walde.+

Ich gieng einmal spazieren

Durch einen grünen walt,

Da hört ich lieblich singen

Ein freulein wol gestalt.

Sie sang so gar ein schönen gsang,

Dass[2] in dem grünen wald erklang.

Ich tet mich zu ir nahen,

Schön tet sie mich empfahen.

Sie hat ein schönen grünen rock

Und war so gar ein hübsche dock;

Sie tet mir wol gefallen

Und liebet[3] mir ob allen.

Solt ich ein andre werben,

Vil lieber wolt ich sterben!

[Notes:

2: _Dass_ = _dass es_.

3: _Liebet_ = _gefiel_.]

+3+

+Liebesbitte.+

Ich kam für liebes[4] fensterlein

An einem abend spate;

Ich sprach zur allerliebsten mein:

Ich fürcht, ich kum zu drate.[5]

Erzeig mir doch die treue dein,

Die ich von dir bin gwarten[6];

Sieh, liebe, lass mich ein!

Bei meiner treu ich dir versprich,

Ich wil dich nit verkeren,[7]

Mein treu ich doch an dir nit brich,

Tust du mich nun geweren.

Kum, glück, und schlag mit haufen drein,

Dass sie mich tu geweren,[8]

Sieh, liebe, lass mich ein!

[Notes:

4: _Liebes_, a neuter noun = _der Geliebten_.

5: _Drate_ = _früh_.

6: _Bin gwarten_ = _erwarte_ (_gwarten_ for _gewartend_).

7: _Verkeren_ = _verführen_.

8: _Geweren_, ‘gratify.’]

+4+

+Herzog Ulrichs Jagdlied.+[9]

Ich schell mein horn ins jamertal,

Mein freud ist mir verschwunden,

Ich hab gejagt, muss abelan,[10]

Das wild lauft vor den hunden.

Ein edel tier in diesem feld 5

Het ich mir auserkoren,

Das schieht[11] ab mir, als ich wol spir,[12]

Mein jagen ist verloren.

Far hin, gewild, in waldes lust!

Ich wil dich nimmer schrecken 10

Mit jagen dein schneeweisse brust[13];

Ein ander muss dich wecken

Mit jägers gschrei und hundes biss,

Dass du nicht magst entrinnen.

Halt dich in hut, mein tierle gut! 15

Mit leid scheid ich von hinnen.

Kein hochgewild ich fahen kann,

Das muss ich oft entgelten,

Noch halt ich stät auf jägers ban,

Wiewol mir glück komt selten. 20

Mag mir nit gbirn[14] ein hochgwild schon,

So lass ich mich beniegen[15]

An hasenfleisch, nit mer ich heisch,

Das mag mich nit betriegen.

[Notes:

9: Duke Ulrich of Würtemberg (1487-1550) was a passionate lover

of the chase. To please the emperor he married an unamiable

Bavarian princess, though he was in love with Elizabeth of

Brandenburg.

10: _Abelan_ = _ablassen_, ‘cease.’

11: _Schieht ab_, ‘shies away.’

12: _Spir_ = _spüre_.

13: _Brust_; probably to be taken as object of _jagen_, rather

than as a loose appositive to _dich_.

14: _Gbirn_ = _gebühren_.

15: _Beniegen_ = _begnügen_.]

+5+

+Verlorene Liebesmühe.+

Ein meidlein zu dem brunnen gieng,

Und das was seuberlichen;

Begegnet im ein stolzer knab,

Der grüsst sie herziglichen.

Sie setzt das krüglein neben sich 5

Und fraget, wer er were.

Er kusts an iren roten mund:

Ir seit mir nit unmere,[16]

Tret here!

Das meidlein tregt pantoffel an, 10

Darin tuts einher schnappen.

Wer ir nicht recht zusprechen kan,

Dem schneidt sie bald ein kappen[17];

Kein tuch daran nit wirt gespart,

Kan einen höflich zwagen,[18] 15

Spricht, sie woll nit mer unser sein,

Sie hab ein andren knaben,

Lat traben!

[Notes:

16: _Unmere_ = _gleichgültig_.

17: _Kappen_ = _Narrenkappen_.

18: _Zwagen_ = _waschen_ in the sense of ‘reject,’ ‘refuse.’]

+6+

+Hüt du dich.+

Ich weiss ein meidlein hübsch und fein,

Hüt du dich!

Sie kan gar falsch und freundlich sein,

Hüt du dich, vertrau ir nicht!

Sie narret dich. 5

Sie hat zwei euglein, die sind braun,

Hüt du dich!

Sie sech[19] dich nicht an durch ein zaun,

Hüt du dich, vertrau ir nicht!

Sie narret dich. 10

Sie gibt dir ein krenzlein wol gemacht,

Hüt du dich!

Für einen narren wirstu geacht,

Hüt du dich, vertrau ir nicht!

Sie narret dich. 15

[Notes:

19: _Sech_ = _sähe_.]

+7+

+Insbruck, ich muss dich lassen.+

Insbruck, ich muss dich lassen,

Ich far dahin mein strassen,

In fremde land dohin;

Mein freud ist mir genomen,

Die ich nit weiss bekommen,[20] 5

Wo ich im ellend[21] bin.

Gross leid muss ich jetzt tragen,

Das ich allein tu klagen

Dem liebsten bulen mein.

Ach lieb, nun lass mich armen 10

Im herzen dein erbarmen,

Dass ich muss von dannen sein.

Mine trost ob allen weiben,

Dein tu ich ewig bleiben,

Stet, treu, der eren frum.[22] 15

Nun muss dich Got bewaren,

In aller tugent sparen,

Biss dass ich wider kum.

[Notes:

20: _Bekommen_, ‘get back,’ ‘recover.’

21: _Im ellend_ = _in der Fremde_.

22: _Der eren frum_ = _der Ehre treu_.]

+8+

+Sorgenfrei.+

Zwischen berg und tiefe tal

Do lit ein frie strasse,

Wer seinen bulen nit haben mag,

Der sol in faren lassen.

Far hin, far hin, du hast die wal,

Ich kan mich din wol massen[23];

Im jar sind noch viel langer tag,

Glück ist in allen gassen.

[Notes:

23: _Sich massen_, with genitive = _entbehren_.]

+9+

+Der Muskateller.+[24]

Den liebsten bulen,[25] den ich han,

Der leit beim wirt im keller;

Er hat ein hölzens röcklein an,

Er heisst der muscateller.

Er hat mich nechten[26] trunken gmacht

Und frölich heut den ganzen tag,

Got geb im heint ein gute nacht!

Von disem bulen, den ich mein,

Wil ich dir bald eins bringen;

Es ist der allerbeste wein,

Macht mich lustig zu singen,

Frischt mir das blut, gibt freien mut,

Alls durch sein kraft und eigenschaft;

Nu grüss dich Got, mein rebensaft!

[Notes:

24: _Muskateller_, ‘muscatel’; a rich, sweetish wine from the

muscat grape.

25: _Bulen_; object of _han_, the following _den_ being

demonstrative.

26: _Nechten_, ‘last night’.]

+10+

+Der Schwartenhals.+[27]

Ich gieng für einer frau wirtin haus,

Man fragt mich, wer ich wäre;

Ich bin ein armer schwartenhals,

Ich ess und trinke geren.

Man fürt mich in die Stuben ein, 5

Da bot man mir zu trinken;

Mein äuglein liess ich umbher gan,

Den becher liess ich sinken.

Man satzt mich oben an den tisch,

Als ob ich ein kaufman were, 10

Und da es an ein zalen gieng,

Mein seckel der war lere.

Und da man nu solt schlafen gan,

Man wies mich wol in die scheure;

Da stund ich armer schwartenhals, 15

Mein lachen ward mir teure.

Und da ich in die scheure kam,

Da fieng ich an zu nisten;

Da stachen mich die hagedorn,

Darzu die rauhen distel. 20

Da ich des morgens frü aufstund,

Der reif lag auf dem dache;

Da must ich armer schwartenhals

Meins unglücks selber lachen.

Ich nam mein schwert wol in die hand, 25

Ich gürts wol an die seiten;

Da ich kein geld im seckel het,

Zu fussen must ich reiten.

Ich macht mich auf, ich gieng darvon,

Ich macht mich wol auf die strassen; 30

Da begegnet mir ein kaufman gut,

Sein tasch must er mir lassen.

[Notes:

27: _Schwartenhals_ = _armer Teufel_, ‘vagabond.’]

+XLVI. THE CHAPBOOKS+

The so-called _Volksbücher_ of the 16th century were published in cheap

and careless form, and designed to meet the popular demand for

entertaining and edifying literature--a demand which increased rapidly

with the cheapening of paper and the invention of printing. They vary

greatly in content and have no common character except a certain

artlessness, which is sometimes pleasing but often runs into extreme

vulgarity. Special favor was enjoyed by certain collections of

anecdotes, specimens of which are given in the first three numbers. The

text of Nos. 1, 4, and 5 follows Braune’s _Neudrucke_ (Nos. 55-6. 34-5,

7-8); that of Nos. 2 and 3 the _Bibliothek des literarischen Vereins in

Stuttgart_ (Vols. 85 and 229).

1

_From ‘Eulenspiegel,’ the 14th story: Eulenspiegel[1] gathers a crowd to

see him fly._

Die xiiii history sagt wie Ulenspiegel vss gab, das er zu Megdburg von

der lauben[2] fliegen wolt, vnd die zuseher mit schimpffred ab wise.

Bald nach diser zeit als vlenspiegel ein sigrist wz gesein,[3] Da kame

er geen Megdburg, vnd treib vil anschleg, vnd sein nom ward da von erst

bekant, das man von Vlenspiegel wusst zesagen, da ward er angefochten

von den besten der burger von der stat dz er solt etwz abenthür treiben,

da sagt er, er wolt es thůn, vnd wolt vff dz rathuss, vnd von der lauben

fliegen, da ward ein geschrei in der stat, dz sich iung und alt samlete

vff dem marckt, vnd wolten es sehen. Also stunde Vlenspiegel vff der

lauben von dem rathuss, vnd bewegt sich mit den armen, vnd gebar eben

als ob er fliegen wolt. Die lüt stůnden theten augen vnd müler vff, vnd

meinten er wolt fliegen. Da lacht vlenspiegel vnd sprach, Ich meinte es

wer kein thor oder nar mer in der welt dan ich. So sih ich wol, dz hie

schier die gantz stat vol thoren ist, und wann ir mir alle sagtẽ dz ir

fliegen woltẽ ich glaubt es nit, vnd ir glouben mir als einem toren. Wie

solt ich fligen kunde, ich bin doch weder ganss noch fogel, so hon ich

kein fettich, vnd on fettich oder federn kan nieman fliegen. Nun sehẽ ir

offenbar, dz es erlogen ist, vnd lieff da von der lauben, vnd liess dz

volck eins teils fluchende, das ander teil lachende vnd sprachen, Das

ist ein schalckssnarr noch, dann so hat er war gesagt.

[Notes:

1: Till Eulenspiegel, the hero of the tales, is a waggish

vagabond who goes about the country,--originally Brunswick, it

would seem,--working at this and that and playing pranks on

people. The earliest extant edition of the Eulenspiegel

stories--that here followed--was printed at Strassburg in 1515.

2: _Lauben_, ‘loggia,’ ‘balcony’ (of the town hall).

3: _Wz gesein_ = _war gewesen_. The preceding story tells how he

had taken the rôle of sacristan at an Easter play.]

2

_From Pauli’s ‘Jest and Earnest,’[4] the 47th story: The clever fool._

Es kan auch etwan ein nar ein Vrteil finden, das ein weisser nit finden

kan. Es kam vff ein mal ein armer man ein betler in eins wirtzhauss, da

was ein groser braten an dem spiss. Der arm man het ein stück brotz das

hůb er zwischen den braten vnd das feur, das der geschmack[5] von dem

braten in das brot gieng, da ass er dan das brot, das thet der arm man

biss das er kein brot me het, da wolt er hinweg gon. Der würt hiesch im

die ürten.[6] Der arm man sprach, ir haben mir doch nichtz zů essen noch

zů trincken geben, was sol ich bezalen. Der wirt sprach du hast dich

gesettigt von dem meinen, von dem geschmack des bratens, das soltu mir

bezalen. Sie kamen mit einander an das gerüht, da ward die sach vff

geschlagen, biss vff ein andern gerichtztag, da was der gerichtz herren

einer der het ein narren da heim, vnd ob dem tisch da ward man der sach

zůred. Da sprach der nar, er sol den wirt bezalen mit dem klang des

geltz, wie der arm man ersettiget ist worden von dem geschmack des

bratens. Da nun der gerichtztag kam da bleib es bei dem vrteil, das

vrteil fand der nar.

[Notes:

4: The first edition was published at Strassburg in 1522.

5: _Geschmack_ = _Geruch_.

6: _Ürten_ = _Zeche_ (cost of food and drink).]

3

_From Wickram’s ‘Coaching Booklet’[7]: An accommodating parson._

Ein armer ungelerter pfaff stalt nach[8] einer gůten reichen pfarr; dann

er hort, wie sy so vil inkommens bette, derhalb sy im so wol gefiel; es

war im nit umb das schäfflinweiden zů thůn, sunder er verhofft, vil

gelts darauff zu überkommen. Und alss er nun vil und offt darumb

gebetten unnd geloffen hette, warde er von den bauren auff ein sontag

bescheiden, so wolten sy mit im handlen und auff die pfarr annemmen.

Do nun derselbig sontag kame, erschein der pfaff vor dem schultheyss und

gantzen gericht in beysein des amptmans, und alss nun alle ding was

bestelt,[9] was er solt zů lon haben, alss behausung, den kleinen

zehenden[10] und ettlich viertel früchten, als rocken, weissen, gersten,

habern, wein unnd gelt, dess der pfaff seer wol zůfriden was, abgeredt

und beschlossen war, name in der schultheiss auff ein ort[11] und sagt

im in einer geheimne: Lieber herr pfarrer, nachdem ir bissher im

bapstumb euch hand gehalten, solt ir wüssen, das es in disem dorff ein

andere gestalt hatt; dann wir sindt hie gůt eigenwillisch. Darumb müsst

ir uns das sacrament in zweierley gestalt reichen, nemlich im brot und

wein. Der gůt pfarrer forcht, wo er sich des widert, die bauren geben im

wider urlaub; derhalben war er gůtwillig unnd sprach zů dem schultheiss:

Das will ich gern thůn. Damit ir solt sehen, das ichs treuwlich und gůt

mit euch meine, so will ichs euch in dreyerley gestalt geben, als

nemblich im brot und wein und dem käss darzů. Das gefiel dem

schultheissen fast wol und sagt, er wolt es an seine buren hinder sich

bringen, ob sy sich damit wolten lassen beniegen.

[Notes:

7: _Rollwagenbüchlein_, a collection of tales to while away the

tedium of travel; first published in 1555.

8: _Stalt nach_, ‘wanted to secure.’

9: _Bestelt_, ‘ordered,’ ‘arranged.’

10: _Zehenden_, ‘tithes’ (the dative in apposition to _lon_).

11: _Auff ein ort_, ‘aside.’]

4

_From ‘Grobianus’_[12]_: How to behave at table._

Will jemandt mit zu taffel sitzen,

Zum besten ort solt du dich spitzen,[13]

Dass du allzeit sitzst oben an,

Vnd zelt[14] werdst für ein weisen man.

Acht niemands adels oder stands, 5

Wesens, reichthumb, kunst, oder lands.

Sitz nider, biss ein gůt gesell,

Ein jeder sitz dann wo er wöll.

Vnd ob er schon ein Prior wer,

Sprich hie sind noch vil sessel ler. 10

Sagt jemands, gsell sitz vnden an,

So sprich, was hast du mangels dran?

Gedenck so man dich nidrer[15] mächt,

Was schand es deinen ehren brächt.

Sprich, lieber gsell hie ist mein sitz, 15

Vnd gäb nit vmb den Papst ein schnitz[16]:

Warumb solt ich eim andern weichen,

So er doch eben ist meins gleichen?

Wir sind von einem vatter gleich,

Ob wir schon arm sind oder reich, 20

Vnd sind gemacht auss staub vnd erdt,

Ist ein gůt gsell des andern werdt.

Drumb lasst vns bey einander bleiben,

Ich will auch ewer kein vertreiben.

Doch ob du auch zu spat werst komen, 25

Vnd einer het dein sitz eingnomen,

So steh nicht lang vorm disch zu gaffen,

Du hast bessers darbey zu schaffen:

Gedenck dass sitzen besser thů

Dann stehn, so gschicht dir liebs darzů. 30

Sprich, auff lantzman, setz dich hiehar,

Geh auss meim ort, dann ich ghör dar.

Ist er dir nicht an krefften gleich,

So seis jm gůt dass er bald weich:

Will er da sitzen lang zu mausen,[17] 35

So greiff jm bald nach der kartausen,[18]

Vnd wirff jn vbern nechsten banck,

Das ist ein guter taffel schwanck.

Dann Cato hat geleret wol,

Dass man dem grössern weichen sol. 40

Vnd setz dich dann an seine stat,

Sorg nit wo er zu fressen hat.

Vnd rhüm die that mit grossen freiden.

Vnd zeuch dein messer auss der scheiden,

Das stumpff, schärtig, vnd rostig sey, 45

Dass steht vor erbarn leuten frey:

Hengt dann noch gestrig brot daran,

So heb ein lüstigs wetzen an.

Dein groben paurenschůch zeuch ab,

Den selben für ein wetzstein hab, 50

Ker jn fein vmb, vnd spey darauff,

Vnd wetz das schinder messer drauff,

So wirt es dann gar hell erglitzen,

Vnd blenden all die bey dir sitzen.

Will andern das gefallen nit, 55

So sprich, hörah, das ist mein sitt.

[Notes:

12: The German _Grobianus_ (1551), by Casper Scheit, is a

translation of a Latin satire by Dedekind (1549) which tells how

to attain perfection in bad manners--how to become a perfect boor.

‘Grobian’ is the polar opposite of ‘gentleman.’

13: _Spitzen; sich spitzen_ (with _zu_) means to ‘set one’s heart

on,’ here perhaps ‘go for.’

14: _Zelt_ = _gezählt_.

15: _Nidrer_, ‘further down.’

16: _Schnitz_, the worthless part of fruit or vegetable, that

which is ‘cut off’ and thrown away

17: _Mausen_: the Grimm Dictionary explains it as denoting here

_ein verstärktes dasitzen, warten, nicht vom flecke gehen_.

18: _Kartausen_ = _Kragen_.]

5

_From the original Faustbook of 1587: Faust’s compact with the Devil._

Abendts oder vmb Vesperzeit, zwischen drey vnd vier Vhren, erschien der

fliegende Geist dem Fausto wider, der erbotte sich jhm in allem

Vnterthänig vnd gehorsam zu seyn, dieweil jm von seinem Obersten Gewalt

gegeben war, vnnd sagt zu D. Fausto: Die Antwort bring ich dir, vnnd

Antwort mustu mir geben. Doch wil ich zu vor hören, was dein Beger sey,

dieweil du mir aufferleget hast, auff diese Zeit zu erscheinen. Dem gab

D. Faustus Antwort, jedoch zweiffelhafftig vnd seiner Seelen schädlich,

denn sein Datum[19] stunde anders nit, dann dass er kein Mensch möchte

seyn, sondern ein Leibhafftiger Teuffel, oder ein Glied darvon, vnd

begert vom Geist wie folgt:

Erstlich, dass er auch ein Geschickligkeit, Form vnnd Gestalt eines

Geistes möchte an sich haben vnd bekommen.

Zum andern, dass der Geist alles das thun solte, was er begert, vnd von

jhm haben wolt.

Zum dritten, dass er jm gefliessen,[20] vnterthänig vnd gehorsam seyn

wolte, als ein Diener.

Zum vierdten, dass er sich allezeit, so offt er jn forderte vnd

beruffte, in seinem Hauss solte finden lassen.

Zum fünfften, dass er in seinem Hause wölle vnsichtbar regiern, vnd sich

sonsten von niemandt, als von jm sehen lassen, es were denn sein Will

vnd Geheiss.

Vnd letzlich, dass er jhm, so offt er jhn forderte, vnnd in der Gestalt,

wie er jhm aufferlegen wurde, erscheinen solt.

Auff diese sechs Puncten antwort der Geist dem Fausto, dass er jhm in

allem wolt willfahren vnd gehorsamen, so ferrn dass er jm dagegen auch

etlich fürgehaltene Artickel wölle leisten, vnd wo er solches thue, sol

es weiter kein noht haben, vnd seind diss darunter dess Geistes etliche

Artickel gewesen:

Erstlich, dass er, Faustus, verspreche vnd schwere, dass er sein, dess

Geistes, eygen seyn wolte.

Zum andern, dass er solches zu mehrer Bekräfftigung, mit seinem eygen

Blut wölle bezeugen, und sich darmit also gegen jm verschreiben.

Zum dritten, dass er allen Christgläubigen Menschen wölle feind seyn.

Zum vierdten, dass er den Christlichen Glauben wölle verläugnen.

Zum fünfften, dass er sich nicht wölle verführen lassen, so jhne etliche

wöllen bekehren.

Hingegen wölle der Geist jhme, Fausto, etliche Jahr zum Ziel setzen,

wann solche verloffen, soll er von jhme geholt werden, Vnd so er solche

Puncten halten würde, soll er alles das haben, was sein Hertz belüste

vnd begerte, vnnd soll er alsbaldt spüren, dass er eines Geistes

gestallt vnnd weise haben würde. D. Faustus war in seinem Stoltz vnnd

Hochmut so verwegen, ob er sich gleich ein weil besunne, dass er doch

seiner Seelen Seligkeit nicht bedencken wolte, sondern dem bösen Geist

solches darschluge, vnnd alle Artickel zuhalten verhiesse. Er meynet der

Teuffel wer nit so schwartz, als man jhn mahlet, noch die Hell so heiss,

wie mann davon sagte.

[Notes:

19: _Sein Datum stunde (stand)_, ‘his purpose was.’

20: _Gefliessen_, ‘assiduous.’]

+XLVII. JOHANN FISCHART+

1550-1590. Fischart was an Alsatian humorist of satiric bent, great

learning, and little originality. His prose--especially in _Gargantua_,

his most important work, which is an amplified and Germanized version of

the first book of Rabelais--is hard to read on account of its recondite

allusions, far-fetched puns, and generally eccentric diction. As a poet

he is at his best in the _Lucky Boat of Zürich_, a narrative poem which

describes, with much patriotic warmth, the notable feat of a Swiss

boat-crew in rowing from Zürich to Strassburg in a single day (June 21,

1576) to attend a _Schützenfest_. The selection follows Kürschner’s

_Nationalliteratur_, Vol. 18, page 141.

_From the ‘Lucky Boat of Zürich,’ lines 259-366._

Da frewten sich die Reysgeferten,

Als sie den Rein[1] da rauschen hörten, 260

Vnd wünschten auff ein newes Glück,

Das Glücklich sie der Rein fortschick,

Vnd grüssten jhn da mit Trommeten:

“Nun han wir deiner hilff von nöten,

O Rein, mit deynem hellen fluss 265

Dien du vns nun zur fürdernuss[2];

Las vns geniesen deyner Gunst,

Dieweil du doch entspringst bey vns

Am Vogelberg bey den Luchtmannen,[3]

Im Rheintzierland,[4] von alten anen, 270

Vnd wir dein Thal, dadurch du rinnst,

Mit bawfeld zirn, dem schönsten dienst.

Schalt[5] diss Wagschiflein nach begeren,

Wir wöllen dir es doch verehren.

Leyt[6] es gen Strassburg, deine zird, 275

Darfür[7] du gern lauffst mit begird,

Weyl es dein strom ziert vnd ergetzt,

Gleich wie ein Gstein im Ring versetzt.”

Der Rein mocht dis kaum hören auss,

Da wund er vmb das schiff sich kraus, 280

Macht vmb die Růder ein weit Rad,

Vnd schlůg mit freuden anss gestad,

Vnd liess ein rauschen Stimm da hören,

Drauss man mocht dise wort erklären:

“Frisch dran, jr liebe Eydgenossen,” 285

Sprach er, “frisch dran, seit vnuerdrossen;

Also folgt eweren Vorfaren,

Die diss thaten vor hundert jaren.[8]

Also můss man hie Rhům erjagen,

Wann man den Alten will nachschlagen. 290

Von ewerer Vorfaren wegen

Seit jr mir wilkumm hier zugegen.

Jr sůcht die alt Gerechtigkeit,

Die ewer Alten han bereit[9];

Dieselbig will ich euch gern gonnen, 295

Wie es die Alten han gewonnen.

Ich weiss, ich werd noch offtmals sehen

Solchs von ewern nachkommen gschehen.

So erhält man nachbarschafft,

Dann je der Schweitzer eygenschafft 300

Ist Nachbaurliche freuntlichkeit

Vnd inn der Not standhafftigkeit.

Ich hab vil ehrlich leut vnd Schützen,

Die auf mich inn Schiff thäten sitzen,

Geleit gen Strassburg auff das schiessen, 305

Dafür mit freuden ich thu flisen;

Aber keyne hab ich geleit

Noch heut des tags[10] mit solcher freud.

Fahr fort, fahr fort, lasst euch nichts schrecken,

Vnd thůt die lenden daran strecken. 310

Die Arbeit trägt darvon den Sig,

Vnd macht, das man hoch daher flig

Mit Fama, die Růmgöttin herlich,

Dan was gschicht schwärlich, das würd ehrlich.

Mit solchen leuten solt man schiffen 315

Durch die Mörwirbeln vnd Mördifen,

Mit solchen forcht man kein Meerwunder

Und kein wetter, wie sehr es tunder[11];

Mit solchen dörfft man sich vermessen,

Das einen fremde fisch nicht fressen, 320

Dann dise alles vberstreitten

Durch jr vnuerdrossen arbeyten.

Mit disen Knaben solte einer

Werden des Jasons Schiffartgmeyner[12]

Inn die Jnsul zum Gulden Wjder[13], 325

Da wüsst er, das er käm herwider.

Weren dise am Meer gesessen,

So lang wer vnersůcht nicht gwesen

America, die newe Welt,

Dan jr Lobgir het dahin gstellt.[14] 330

Lasst euch nicht hindern an dem thun,

Das auff die haut euch sticht die Sunn,

Sie will euch manen nur dadurch,

Das jr schneid dapfer durch die furch,

Dann sie seh[15] gern, das jr die gschicht 335

Vollbrächten bey jrm Schein vnd liecht,

Damit sie auch Rhům davon drag,

Gleich wie ich mich des Rümen mag.

Die Blatern[16], die sie euch nun brennt,

Vnd die jr schaffet inn der hend, 340

Werden euch dienen noch zu Rhům,

Wie zwischen Tornen eyne plům.

Jr dörft euch nicht nach wind vmbsehen,

Jr seht, der windt will euch nachwähen;

Gleych wie euch nun diss wetter libt, 345

Also binn ich auch vnbetrübt.

Jr sehet je mein wasser klar

Gleich wie ein Spiegel offenbar.

So lang man würd den Rein abfaren,

Würd keyner ewer lob nicht sparen, 350

Sonder wünschen, das sein Schiff lieff

Wie von Zürch das Glückhaffte Schiff.

Wolan, frisch dran, jr habt mein gleyt

Vmb ewer standhafft frewdigkeyt.

Die strass auff Strassburg sei euch offen, 355

Jr werd erlangen, was jr hoffen;

Was jr euch heut frü namen vor,

Das würd den abent euch noch wor,[17]

Heut werd jr die Statt Strassburg sehen,

So war ich selbs herzů werd nähen. 360

Heut werd jr als wolkommen gäst

Zů Strassburg noch ankommen resch.[18]

Nun, liebs Wagschiflin, lauff behend,

Heut würst ein Glückschiff noch genent,

Vnd durch dich werd ich auch geprisen, 365

Weil ich solch trew dir hab bewisen.”

[Notes:

1: _Rein_; the preceding lines have described the start early in

the morning, and the pull on the Limmat and the Aar to the Rhine.

2: _Fürdernuss_ = _Fördernis, Fortkommen_.

3: _Luchtmannen_; the Vorderrhein rises on the heights of

Lukmanier Pass, a few miles east of the summit of St. Gotthard.

4: _Rheintzierland_; a flattering pun on _Rhätierland_.

5: _Schalt_ = _bringe vorwärts, befördere_.

6: _Leyt_ = _geleite_.

7: _Darfür_ = _worüber_.

8: _Vor hundert jaren_; the feat of rowing from Zürich to

Strassburg in a single day had been performed by a band of Zürich

oarsmen in 1456.

9: _Bereit_ = _bereitet_, in the sense of _erworben_.

10: _Noch heut des tags_ = _bis heute_.

11: _Tunder_ = _donnre_.

12: _Schiffartgmeyner_ = _Schiffahrtgenosse_.

13: _Wjder_ = _Widder_ (the Golden Fleece).

14: _Gestellt_ = _getrachtet_.

15: _Seh_ = _sähe_.

16: _Blatern_, ‘blisters.’

17: _Wor_ = _wahr_.

18: Resch = _rasch_, or perhaps _frisch_.]

+XLVIII. JAKOB AYRER+

A prolific Nürnberg dramatist (died in 1605), wno might be styled a

lesser Hans Sachs. He wrote some sixty-nine plays which show, more

especially in the prominence of the clown, the influence of the English

actors who began to visit Germany toward the end of the 16th century.

Among his shrovetide plays are several of a new species, called by him

_Singtspiele_, in which the parts, instead of being spoken, were sung to

a preëxisting tune. A selection from one of these musical comedies is

given below, the text according to the _Bibliothek des literarischen

Vereins in Stuttgart_, Vol. 80. The meter is an eight-line stanza called

the _Roland’s Ton_.

_The ‘English clown’ as stupid servingman._

ROLANDT

geht mit Willanda, seinem Weib, in Baurs-Kleidern und singt:

Ach soll ich dir nit sagen

Von Janen, vnserm Sohn?

Der thut sich so hart klagen

Vnd will kurtzumb davon.

Er will nicht bey uns bleiben, 5

Sonder verdingen sich;

Will lernen lesen und schreiben:

Liebs Weib, wie düncket dich?

WILLANDA singt:

Er ist nun bey sein Jaren.

Wenn er nicht bleiben will, 10

So lass den lecker[1] faren!

Er nützt dir sonst nit vil;

Dann er arbeit nit geren,

Leyrt[2] geren feurent[3] vmb.

Sein kan ich wol emperen, 15

Biss er wider herkumb.

JANN POSSET

geht ein, tregt sein Bündel an eim Spiesslein und spricht:

Hört, Vatter! ich will wandern,

Mag nicht mehr eur Knecht sein.

Darumb dingt euch ein andern!

Ich will in die Statt nein, 20

Mir schaffen einen Herren,

Der mir gibt einen lohn

Vnd mich thut etwas lehren.

Eur beeder ich gnug han.

ROLLANDT singt:

Du bist ein fauler Bengel, 25

Drumb bleib bei mir herauss!

Ich meint, du habst kein mengel

In deines Vatters hauss.

Kanst du aber nicht bleiben,

Solst du wissen von mir: 30

Ich will dir den Buckl reiben,[4]

Du solsts empfinden schir.

JANN singt:

Fürwar, alhie so bleib ich nicht,

Ir seit ein grober Baur,

Ir habt ein strenges Angesicht 35

Und secht schellig[5] vnd saur.

So ist die Mutter vngschaffen,

Zeiht gar zerlampet[6] her,

Runtzlet gleich wie die Affen

Vnd brummt als wie ein Beer. 40

WILLANDA singt:

Ach du leichtfertiger Hudler,

Wolst mich so machen auss?

Du bist ein fauler sudler,

Pack dich balt auss meim hauss!

Mit dir mag ich nicht palgen; 45

Wend[7] je nicht bleiben wilt,

So droll dich nauss an Galgen!

Deinthalb es mir gleich gilt.

(_Jann will fortgehen, sein Vater ist zornig._)

ROLAND singt:

Wart, Lecker, thu vor[8] hören!

Ich will dirs drencken ein 50

Vnd dich vor lernen ehren

Vatter und Mutter dein.

Das nimm zu einer zehrung mit!

Pack dich zum Teuffel heut!

Dann wenn du schon hie bleibest nit, 55

Hab ich dennoch gnug freundt.

(_Er schlegt jn ab vnd gehn alle ab._)

Kummt Herr EMERICH vnd sagt:

Ich bin fürwar ein alter Mann

Vnd gar vbel zu fuss.

Ein Knecht den will ich nemen an,

Der auff mich warten muss 60

Im hauss vnd auff der Gassen,

Dieweil die Haussfrau mein

Mich nicht allein will lassen

Also gehn auss vnd ein.

(_Jann Posset geht ein._)

Herr EMERICH singt:

Schau! dort kummt hergangen 65

Ein Knecht; den nimm ich an,

Will jn gehn balt empfangen.

(_Er geht zu ihm vnd sagt:_)

Was seit ir für ein Mann?

Ein Knecht den solt ich dingen,

Der thet warten auff mich. 70

Will du dich lassen zwingen,[9]

Darff ich annemen dich.

JANN singt:

So wist! ich kumm geloffen rein

Von einem Dorf drey Meil,

Von Rolanden, dem Vater mein, 75

Bey dem ich ward ein weil,

Von dem ich nichts kund lehren,

Vnd kumm her in die Stadt.

Halt jr mich nun in ehren,

So finden wir beid stat.[10] 80

Auch will ich gern sein euer Knecht,

Wenn jr mich dingen wolt,

Wils euch auch als verrichten recht;

Iedoch jr mir auch solt

Als, was ich hab zu schaffen, 85

Schreiben auff einen Brieff;

Vnd dörfft mich auch drumb straffen,

Wenn ichs nich als wol triff.

Herr EMERICH sagt:

Was soll ich dir lang schreiben?

Thu halt, was ich dich heiss! 90

So kanst du bey mir bleiben,

Wenn thu es thust mit fleiss.

Du must halt auff mich warten

Vnd all Handreichung than,

Mich führn in mein Garten 95

Vnd was ich dir zeig an.

JANN singt:

Weil ich vor nicht bin gwest alhie

Vnd gedient in der Stadt,

Den gebrauch auch erfahren nie,

Was es für Arbeit hat, 100

So last euch nicht schwer fallen für,

Zu machen mir ein Brieff,

Das ichs als hab geschribn bey mir

Vnd mich nicht vbergrieff.

Ich bin gar ein vergessner Mann; 105

Wenn man mir sagt zu vil,

Ich es fürwar nicht mercken kan.

Iedoch ich als thon will,

Was man mir wird auffschreiben.

Mein Herr, versuchts mit mir! 110

Herr EMERICH singt:

Nun so thu bey mir bleiben!

Ich will dirs schreiben für.

So geh halt in die Stuben nein

Vnd foder ein Schreibzeug!

Denselben trag zu mir herein! 115

So beschreib ich dirs gleich,

Wastu hast zu schaffen bey mir.

Kummst du demselben nach,

So bin ich zu friden mit dir

Ietzund vnd mein lebtag. 120

JANN

neigt sich vnd geht ab. Kummt bald wieder, bringt ein Feurzeug und

singt:

Alhie bring ich den Feurzeug euch,

Wie jr den habt begert.

Herr EMERICH singt:

Ey nein, ich mein ein Schreibzeug,

Du hast nicht recht gehört.

Ein Schreibzeug bring mit Dinten, 125

Dass ich kan schreiben dir!

Gehe nein (du wirst ihn finden)

Vnd bring denselben mir!

JANN

geht wider ab, zeicht den Hut ab, kummt balt wider, bringt ein Krug vnd

singt:

Ach, mein Herr, da habt jr den Krug,

Die weil jr trincken wölt, 130

Da trincket euch halt eben gnug,

So vil, als euch gefelt!

EMERICH singt:

Wie bist du so vnbesunnen?

Du hast nicht gsuchet recht,

Sonst hest gnug Dinten gfunnen. 135

(_Jann will gehen._)

EMERICH singt:

Ey, hör noch eins, mein Knecht!

Wenn du die Dinten bringenthust,

So bring sie mir herein!

Dabey du mir auch bringen must,

Ein Federn tragen rein. 140

So will ich dir auffschreiben,

Wie ich mit dir hab gredt.

JANN sagt:

Ich will nicht lang aussbleiben,

Balt kommen an der stet.

(_Er geht ab._)

EMERICH, der alt, singt:

Dass ist ein rechter Knecht für mich 145

Vnd für die Frauen mein.

Für gar frumm ich jn zwar ansich,

Dort kummt er gleich herein.

Er thut die Dinten tragen,

Drumb hort mir alle zu, 150

Was der gut gsell wird sagen,

Wenn ich jtzt schreiben thu.

JANN

geht ein, tregt ein Schreibzeug in der Hand vnd in der andern ein lange

Hannenfedern vnd singt:

Secht da, Herr, diesen Schreibzeug,

Den schicket euch die Frau.

Auch schicket sie die Federn euch. 155

EMERICH singt:

Du grober Dilldap,[11] schau!

Was soll doch diese Federn mir?

Man kan nit schreiben mit.

Der Federn bass geziemet dir.

(_Er steckt Jannen die Federn auff._)

JANN sagt:

Ach, mein Herr, zürnet nit! 160

Herr EMERICH sagt:

So geh balt wider neinwartz du

Vnd bring ein Federn mir!

So richt ich dir dein bstallung zu;

Auch hol mir ein Papir!

So kan ich darauff schreiben, 165

Was du must richten auss.

JANN geht ab vnd singt:

Ich will nicht lang aussbleiben,

Sonder balt kommen rauss.

(_Jann geht balt wider ein, bringt ein Schreibfedern vnnd ein Glass mit

Bier vnd singt:_)

Hort, Herr! jtzt kumm ich wider rein,

Bring ein Feder mit mir. 170

Eur Frau hat mir auch erst gschencket ein

Dieses frisch Glass mit Bier.

Dass solt jr von mir haben,

Wenn es euch schmecken thut,

Eur Hertz damit zu laben, 175

Vnd haben ein guten muth.

Herr EMERICH sagt:

Du must ein seltzamer Vogl sein,

Ich schick dich nach Papir,

So bringstu mir zu trincken rein.

Geh nein! heiss geben dir 180

Ein Papir, drauff zu schreiben

Vnd thu der Sachen recht!

Sonst kanst nicht bey mir bleiben,

Du Eilenspigelsknecht!

[Notes:

1: _Lecker_, ‘scamp’, ‘rascal’.

2: _Leyrt_, ‘loafs around.’

3: _Feurent_ = _feiernd_, ‘doing no work.’

4: _Dir ... reiben_, ‘tan your jacket.’

5: _Schellig_, ‘crazy’, ‘savage.’

6: _Zerlampet_, probably a mistake for _zerlumpet_.

7: _Wend_ = _wenn du_.

8: _Vor_ = _erst_.

9: _Lassen zwingen_, ‘accept the conditions.’

10: _Finden ... stat_, ‘find our account,’ ‘get along.’

11: _Dilldap_, ‘simpleton.’]

+XLIX. GEORG RODOLF WECKHERLIN+

A Swabian precursor (1584-1653) of the Opitzian era. In the service of

the Duke of Würtemberg he lived some years in France and England, where

he became familiar with the literary forms and fashions of the

Renascence. These he imitated in German, writing odes, songs (for the

reader), anacreontics, sonnets, epigrams, elegies in alexandrine verse,

and occasional poems of elaborate metrical structure. For the most part

his substance is very thin, consisting in extravagant and affected

praise, with much infusion of Roman mythology, of the high-born

personages by whose favor he prospered or hoped to prosper. The text of

the selections follows Goedeke’s edition in _Deutsche Dichter des 17.

Jahrhunderts_.

+1+

+Amor betrogen.+

Cupido einmal sehr verdrossen,

Dass er hat so vil pfeil umsunst

Auf meine Myrta los geschossen,

Die niemals achtet seiner kunst,

Erwählet, ihre zarte Schoss 5

Zu wunden, zornig ein geschoss.

Also flog er bald in den garten,

Da er dieselb zu sein gedacht,

Und nehmend war[1] von fern der zarten,

Die ihn in diese Welt gebracht, 10

“Wolan, sprach er, nu soll dein blut

Recht büssen, Myrta, deinen mut.”

Er spannet, unweis, seinen bogen

Und, zilend auf das herz ohn gnad,

Schoss er ihn plötzlich los, betrogen, 15

In seiner mutter brust gerad,

Darauf dan ein elender schmerz

Vergiftet bald der göttin herz.

“Ach weh! was magst du wol gedenken,”

Sprach sie, “undankbar böser knab? 20

Wie kanst so tödlich du bekränken

Die, welche dir das leben gab?

Und sparest gleich wol deine macht

Noch wider die, die dich verlacht.”

Die red so sehr das kind erschrecket, 25

Dass es bald seine wängelein

Mit heissen zähern überdecket

Und schrie: “Ach, liebes mütterlein,

Verzeihet mir, dan ich nam euch

Für Myrta, deren ihr gar gleich.” 30

[Notes:

1: _Nehmend war_ = _wahrnehmend_.]

+2+

+Anakreontisch: Frölich zu leben.+

Wan ich mit guter geselschaft

Frisch zechend an dem tisch gesessen,

Macht mich der süsse rebensaft

Des leids und unmuts bald vergessen!

Ich will stets springen an den danz, 5

Gekrönet mit dem ebheukranz.

Mein hirn, erhitzet durch ein glas,

Vermeinet mehr reichtum zu haben,

Dan Midas und Crösus besass;

Ja grosser fürsten gunst und gaben, 10

Dienst ämpter, glück und herrlichkeit

Tritt ich zu grund als eitelkeit.

Wolan, bring her ein volle flasch,

Die sorg aus meinem Kopf zu jagen,

Und dass ich lung und leber wasch; 15

Was hilft es, sich selbs vil zu plagen?

Ist es nicht bass, zu bet voll wein,

Dan auf der erden tod zu sein?

+3+

+Sonett. Im dem Jahr 1619.+[2]

Verfolgung, müh und leid ist allein das banier,

Darunder durch die welt sich gottes kinder schlagen;

Und der höchst general hat acht, wie man sie führ,

Und wie ein jeder sich begehr für ihn zu wagen.

Oftmal erlaubet er, dass ihr feind triumfier,

Doch lässet er sein volk gänzlich niemal verzagen;

Sondern damit sein feind nicht gar zu vil stolzier,

Verkehret mächtig er sein jauchzen bald in klagen.

Darum ihr, deren will, des teufels willen gleich,

Und deren lust allein ist, gottes volk zu schaden,

Wie euer zorn, grim, wut, sein wort, sein volk, das reich,

Mit schmach, mit qual, mit schand, verbrant, verbaut, beladen:

Also in euerm blut zu steter schand soll euch

Noch zwingen mein marggrav Georg Friderich zu Baden.

[Notes:

2: Georg Friedrich, Margrave of Baden, was a partisan of the

Calvinistic Friedrich V, Elector Palatine, who was chosen King of

Bohemia in 1619, and is known as the “Winter King.” As the sonnet

shows, the defeated Protestants set high hopes on the Margrave of

Baden, who commanded an army of 20,000 men; but he was soon

defeated by the imperial forces and died in exile (1638).]

+L. MARTIN OPITZ+

A Silesian scholar (1597-1639) who won great renown as a poet and a

literary lawgiver. In a pioneer treatise on poetics (1624, in which year

his _Teutsche Poemata_ also appeared), he came to the defense of the

German language, pleaded for a purer diction, and defined the principal

_genres_ current abroad, illustrating them with verses of his own. His

theory recognized but two feet, the iamb and the trochee, which he

defined in terms of accent. He prescribed a more regular alternation of

accented and unaccented syllables and recommended the use of the

alexandrine verse. Under his influence German poetry became more regular

and artistic, but lost touch with the general life, being more and more

regarded as a refined diversion of the scholar class. The text of

selections 1-4 follows Braune’s _Neudrucke_, No. 1 and Nos. 189-192; for

No. 5 see Tittmann’s edition in _Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts_.

1

_From the ‘Buch von der deutschen Poeterey.’_

Wiewol ich mir von der Deutschen Poeterey, auff ersuchung vornemer

Leute, vnd dann zue besserer fortpflantzung[1] vnserer sprachen, etwas

auff zue setzen vorgenommen, bin ich doch solcher gedancken keines

weges, das ich vermeine, man könne iemanden durch gewisse regeln vnd

gesetze zu einem Poeten machen....

Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen, vnd verse zue

schreiben ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er

muss εὐφαντασιωτός [Greek: euphantasiôtos],[2] von sinnreichen einfällen

vnd erfindungen sein, muss ein grosses vnverzagtes gemüte haben, muss

hohe sachen bey sich erdencken können, soll anders[3] seine rede eine

art kriegen, vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem

gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen, welche mit jhrem

vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern.

Es wird kein buch, keine hochzeit, kein begräbnüss ohn vns gemacht; vnd

gleichsam als niemand köndte alleine sterben, gehen vnsere gedichte

zuegleich mit jhnen vnter. Mann wil vns auff allen Schüsseln vnd kannen

haben, wir stehen an wänden vnd steinen,[4] vnd wann einer ein Hauss ich

weiss nicht wie an sich gebracht hat, so sollen wir es mit vnsern Versen

wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied auff eines andern Weib,

jenem hat von des nachbaren Magdt getrewrnet, einen andern hat die

vermeinte Bulschafft ein mal freundtlich angelacht, oder, wie dieser

Leute gebrauch ist, viel mehr aussgelacht; ja des närrischen ansuchens

ist kein ende. Müssen wir also entweder durch abschlagen jhre

feindschafft erwarten, oder durch willfahren den würden der Poesie einen

mercklichen abbruch thun. Denn ein Poete kan nicht schreiben wenn er

will, sondern wenn er kann, vnd jhn die regung des Geistes, welchen

Ovidius vnnd andere vom Himmel her zue kommen vermeinen, treibet....

Vnd muss ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses errinnern,

das ich es für eine verlorene arbeit halte, im fall sich jemand an

vnsere deutsche Poeterey machen wolte, der, nebenst dem das er ein Poete

von natur sein muss, in den griechischen vnd Lateinischen büchern nicht

wol durchtrieben ist, vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat; das

auch alle die lehren, welche sonsten zue der Poesie erfodert werden, vnd

ich jetzund kürzlich berühren wil, bey jhm nichts verfangen können....

Nachmals ist auch ein jeder verss entweder ein _iambicus_ oder

_trochaicus_; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner

eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir

aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche

niedrig gesetzt werden soll. Ein Jambus ist dieser: _Erhalt vns Herr bey

deinem Wort_; der folgende ein Trocheus: _Mitten wir im leben sind_.

Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die

dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan; in dem anderen verse die

erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch, u.s.w.

aussgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch

vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es

doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die

Lateiner nach den _quantitatibus_ oder grössen der sylben jhre verse

richten vnd reguliren.

[Notes:

1: _Fortpflantzung_ = _Verbesserung_.

2: Εὐφαντασιωτός [Greek: Euphantasiôtos], ‘very fanciful’; see

Quintilian vi. 2, 30.

3: _Anders_, ‘anywise.’

4: _Steinen_ = _Türsteinen_.]

+2+

+Ode.+[5]

Ich empfinde fast ein grawen,

Das ich, Plato, für vnd für

Bin gesessen vber dir;

Es ist zeit hienauss zue schawen,

Vnd sich bey den frischen quellen 5

In dem grünen zue ergehen,

Wo die schönen Blumen stehen,

Vnd die Fischer netze stellen.

Worzue dienet das studieren,

Als zue lauter vngemach? 10

Vnter dessen laufft die Bach

Vnsers lebens das wir führen,

Ehe wir es innen werden,

Auff jhr letztes ende hin;

Dann kompt ohne geist vnd sinn 15

Dieses alles in die erden.

Hola, Junger, geh’ vnd frage

Wo der beste trunck mag sein;

Nim den Krug, vnd fülle Wein.

Alles trawren leidt vnd klage, 20

Wie wir Menschen täglich haben,

Eh vns Clotho fortgerafft,

Wil ich in den süssen safft

Den die traube giebt vergraben.

Kauffe gleichfalls auch Melonen,[6] 25

Vnd vergiss des Zuckers nicht;

Schawe nur das nichts gebricht.

Jener mag der heller schonen,

Der bey seinem Gold vnd Schätzen

Tolle sich zue krencken pflegt 30

Vnd nicht satt zue bette legt;

Ich wil weil ich kan mich letzen.

Bitte meine guete Brüder

Auff[7] die music vnd ein glass;

Nichts schickt, dünckt mich, nicht sich bass 35

Als guet tranck vad guete Lieder.

Lass ich gleich nicht viel zue erben,

Ey, so hab’ ich edlen Wein;

Wil mit andern lustig sein,

Muss ich gleich alleine sterben. 40

[Notes:

5: From the _Poeterey_, Ch. 5, where it is offered in elucidation

of lyric poetry. It is a free rendering of Ronsard, II, 18.

6: _Melonen_; the point is: Do not mind the expense. The muskmelon

(_cucumis melo_) came from Italy and Southern France, and (with

sugar!) was a luxury.

7: _Auff_, with _bitten_, in the sense of ‘invite to.’]

+3+

+Chansonnette.+

Mit Liebes Brunst behafftet sein,

Ist warlich eine schwere Pein;

Es ist kein Schmerz auff dieser Erdt,

Der recht mit jhm verglichen werdt:

Drumb will ich mich gantz embsiglich 5

Von dem Leyden allzeit scheiden,

Vnd die süsse Gifft vermeiden.

Auff dass nun nicht die schnöde Brunst

Mich lasse zu ihr tragen Gunst,

Soll Venus mich nicht treffen an 10

Auff jergendt einer Liebes Bahn;

Der Tugendt Weg ist ein schön Steg,

Darauff eben ich will schweben,

Vnd jhr gantz verpflichtet leben.

Recht vnd gar wol auch Pallas blieb 15

Allzeit befreyet von der Lieb,

Sie gab dem Fewer niemals raum,

Vnd hielte sich in stätem Zaum,

Auff grüner Heyd sie allezeit

Mit dem Hetzen sich thet letzen 20

Vnd frey aller Sorg ergetzen.

Ich will ins künfftig fleissig auch

Nachfolgen dieser Göttin Brauch,

Denn Venus ist die gröste Last,

Cupido ist ein schädlich Gast. 25

Wen er einmal nur bringt zu fall,

Muss verderben, offt auch sterben,

Vnd für Frewden schmertz ererben.

Also belohnt er alle doch,

Die sich ergeben seinem Joch; 30

Vnd diss bedenck ich offt vnd viel,

Es mag lieb haben wer da will,

Ich bleibe meine Zeit allein.

Offt nach schertzen kommen schmertzen,

Wohl dem der das thut beherzen. 35

+4+

+Sonnet an die Bienen.+

Ihr Honigvögelein, die jhr von den Violen

Und Rosen abgemeit den wundersüssen Safft,

Die jhr dem grünen Klee entzogen seine Krafft,

Die jhr das schöne Feldt so offt vnd viel bestohlen,

Ihr Feldteinwohnerin, was wollet jhr doch holen

Das, so euch noch zur Zeit hat wenig nutz geschafft,

Weil jhr mit Dienstbarkeit dess Menschen seit behafft,

Vnd jhnen mehrentheils das Honig müsset Zollen?

Kompt, kompt zu meinem Lieb, auff jhren Rosenmundt,

Der mir mein kranckes Herz gantz inniglich verwundt,

Da sollt jhr Himmelspeiss vnd vberflüssig brechen.

Wann aber jemandt ja sich vnderstehen kundt

Ihr vbel anzuthun, dem sollet jhr zur stundt

Für Honig Galle sein, vnd jhn zu tode stechen.

5

_The horrors of the Thirty Years’ War: From the ‘Trostgedichte in

Widerwertigkeit des Krieges.’_

Wie manche schöne Stadt,

Die sonst das ganze Land durch Pracht gezieret hat,

Ist jetzund Asch und Staub! Die Mauren sind verheeret,

Die Kirchen hingelegt, die Häuser umgekehret.

Wie wann ein starker Fluss, der unversehens kömt, 5

Die frische Saate stürzt, die Äcker mit sich nimt,

Die Wälder niederreisst, läuft ausser seinen Wegen,

So hat man auch den Plitz und schwefelichte Regen

Durch der Geschütze Schlund mit grimmiger Gewalt,

Dass alles Land umher erzittert und erschallt, 10

Gesehen mit der Luft hin in die Städte fliegen.

Des Rauches Wolken sind den Wolken gleich gestiegen,

Der Feuer-Flocken See hat alles überdeckt

Und auch den wilden Feind im Läger selbst erschreckt.

Das harte Pflaster hat geglühet und gehitzet, 15

Die Thürme selbst gewankt, das Erz darauf geschwitzet;

Viel Menschen, die der Schar der Kugeln sind entrant,

Sind mitten in die Glut gerathen und verbrant,

Sind durch den Dampf erstickt, verfallen durch die Wände

Was übrig blieben ist, ist kommen in die Hände 20

Der argsten Wütherei, so, seit die Welt erbaut

Von Gott gestanden ist, die Sonne hat geschaut.

Der Alten graues Haar, der jungen Leute Weinen,

Das Klagen, Ach und Weh der Grossen und der Kleinen,

Das Schreien in gemein von Reich und Arm geführt, 25

Hat diese Bestien im minsten nicht gerührt.

Hier half kein Adel nicht, hier ward kein Stand geachtet,

Sie musten alle fort, sie wurden hingeschlachtet,

Wie wann ein grimmer Wolf, der in den Schafstall reisst,

Ohn allen Unterschied die Lämmer niederbeisst. 30

Der Mann hat müssen sehn sein Ehebette schwächen,

Der Töchter Ehrenblüt’ in seinen Augen brechen,

Und sie, wann die Begier nicht weiter ist entbrant,

Unmenschlich untergehn durch ihres Schänders Hand.

+LI. PAUL FLEMING+

1609-1640. Fleming was a gifted lyric poet of the Opitzian era. A Saxon

by birth, he studied medicine at Leipzig, where he learned to admire

Opitz. Five years of his short life were spent in connection with an

embassy of the Duke of Holstein to Russia and Persia. His best work is

found in the poems, more especially the sonnets, which he wrote during

this long absence from the fatherland. The selections follow Tittmann’s

edition in _Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts_.

+1+

+An einen guten Freund.+

Lass der Zeit nur ihren Willen

Und vergönn’ ihr ihren Lauf;

Sie wird sich selbst müssen stillen,

Wenn wir nichts nicht geben drauf.

Meistes Elend wird verschmerzet, 5

Wenn mans nicht zu sehr beherzet.

Ist es heute trübes Wetter,

Morgen wird es heiter sein;

Stimmen doch die grossen Götter

Stets an Lust nicht überein. 10

Und wer weiss, wie lang er bleibet,

Der uns itzo so vertreibet.[1]

Ob die Sonne gehet nieder

Und den Erdkreiss traurig macht,

Doch so kömt sie fröhlich wieder 15

Nach der überstandnen Nacht.

Herrschen itzund Frost und Winde,

Balde wird es sein gelinde.

Unterdessen sei der Deine,

Brich nicht ab der ersten Kost[2]; 20

Labe dich mit altem Weine

Und versuch den jungen Most.

Lass uns einen Rausch noch kaufen,

Ehe denn wir müssen laufen.

[Notes:

1: Lines 11-12 allude, probably, to the occupation of Leipzig by

imperial troops in 1632.

2: _Der ersten Kost_, ‘your previous fare.’ _Abbrechen_ with

dative = _Abbruch tun, verkürzen, vermindern_.]

+2+

+An Basilenen[3]: Nachdem er von ihr gereiset war.+

Ist mein Glücke gleich gesonnen,

Mich zu führen weit von dir,

O du Sonne meiner Wonnen,

So verbleibst du doch in mir.

Du in mir und ich in dir 5

Sind beisammen für und für.

Künftig werd’ ich ganz nicht scheuen,

Kaspis, deine fremde Flut,

Und die öden Wüsteneien,

Da man nichts als fürchten thut. 10

Auch das Wilde macht mir zahm,

Liebste, dein gelobter Nam’.

Überstehe diese Stunden,

Schwester, und sei unverwant.

Ich verbleibe dir verbunden, 15

Und du bist mein festes Band.

Meines Herzens Trost bist du,

Und mein Herze selbst darzu.

Ihr, ihr Träume, solt indessen,

Unter uns das Beste thun. 20

Kein Schlaf, der sol ihr vergessen,

Ohne mich sol sie nicht ruhn,

Dass die süsse Nacht ersetzt,

Was der trübe Tag verletzt.

Lebe, meines Lebens Leben, 25

Stirb nicht, meines Todes Tod,

Dass wir uns uns wiedergeben,

Abgethan von aller Noth.

Sei gegrüsst, bald Trost, itzt Qual,

Tausend, tausend, tausendmal! 30

[Notes:

3: While sojourning in Reval, on his way to Asia, Fleming fell in

love with Elsabe Niehusen, but later transferred his affections

to her sister Anna. Basilene is one of several poetic names for

Elsabe.]

+3+

+Inter Brachia Salvatoris.+[4]

Des Donners wilder Plitz schlug von sich manchen Stoss,

Das feige Volk stund blass, das scheuche Wild erzittert’

Vom Schmettern dieses Knalls. Die Erde ward erschüttert.

Mein Fuss sank unter sich, der Grund war bodenlos.

Die Gruft, die fiel ihr nach,[5] schlung mich in ihren Schoss.

Ich gab mich in die See, in der es grausam wittert’

Der Sturm flog klippenhoch. Mein Schiff, das ward gesplittert,

Ward leck, ward Anker[6] quit, ward Mast[6] und Segel[6] bloss.

Vor, um und hinter mir war nichts als eine Noth;

Von oben Untergang, von unten auf der Tod,

Es war kein Muttermensch, der mit mir hatt’ Erbarmen.

Ich aber war mir gleich, zum Leben frisch und froh,

Zum Sterben auch nicht faul auf[7] wenn und wie und wo,

Denn mein Erlöser trug mich allzeit auf den Armen.

[Notes:

4: The sonnet is reminiscent of a shipwreck in the Caspian Sea,

November 15, 1636; the title from St. Augustine’s _inter brachia

salvatoris mei et vivere volo et mori cupio_.

5: _Fiel ihr nach_, ‘gave way’ (_ihr_ reflexive).

6: _Anker, Mast, Segel_; all genitive.

7: _Faul auf_, ‘hesitating over.’]

+4+

+Über Herrn Martin Opitzen auf Boberfeld sein Ableben.+

So zeuch auch du denn hin in dein Elyserfeld,

Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten,

Und untermenge dich mit diesen grossen Leuten,

Die ganz in deinen Geist sich hatten hier verstellt.

Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held,

Der itzt nichts Gleiches hat, du Herzog deutscher Seiten,

O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten,

O ewiglicher Schatz und auch Verlust der Welt!

Germanie ist tod, die herrliche, die freie,

Ein Grab verdecket sie und ihre ganze Treue.

Die Mutter, die ist hin, hier liegt nun auch ihr Sohn,

Ihr Recher und sein Arm. Lasst, lasst nur alles bleiben,

Ihr, die ihr übrig seid, und macht euch nur davon,

Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdigs zu beschreiben.

+LII. FRIEDRICH VON LOGAU+

An eminent writer of reflective, critical, and epigrammatic verse

(1604-1655). He was born in Silesia and spent the most of his life at

Brieg, where he was sometime ducal councillor. In 1654 he published

_Salomon von Golaws deutscher Sinngetichte drei Tausend_, the name Golaw

being a disguise of Logau. They vary in length from a couplet to a

hundred lines or more, and disclose in the aggregate a virile and

interesting personality. The text follows Eitner’s edition in _Deutsche

Dichter des 17. Jahrhunderts_.

+1+

+Das Beste der Welt.+

Weistu, was in dieser Welt

Mir am meisten wolgefällt?

Dass die Zeit sich selbst verzehret,

Und die Welt nicht ewig währet.

+2+

+Die unartige Zeit.+

Die Alten konnten fröhlich singen

Von tapfern deutschen Heldensdingen,

Die ihre Väter ausgeübet:

Wo Gott noch uns ja Kinder gibet,

Die werden unsser Zeit Beginnen 5

Beheulen, nicht besingen können.

+3+

+Geduld.+

Leichter träget, was er träget,

Wer Geduld zur Bürde leget.

+4+

+Adel.+

Hoher Stamm und alte Väter

Machen wohl ein gross Geschrei;

Moses aber ist Verräther,

Dass dein Ursprung Erde sei.

+5+

+Gunst für Recht.+

Kein _Corpus juris_ darf[1] man nicht,

Wo Gunst und Ungunst Urtel spricht.

[Notes:

1: _darf_ = _bedarf_.]

+6+

+Theure Ruh.+[2]

Deutschland gab fünf Millionen,

Schweden reichlich zu belohnen,

Dass sie uns zu Bettlern machten,

Weil sie hoch dies Mühen achten.

Nun sie sich zur Ruh gegeben

Und von Unsrem dennoch leben,

Muss man doch bei vielen Malen

Höher noch die Ruh bezahlen.

[Notes:

2: The Treaty of Westfalia gave the Swedes a war indemnity of

5,000,000 talers, but they afterwards demanded and received

200,000 more.]

+7+

+Der Glaubensstreit.+

Luthrisch, Päbstisch und Calvinisch--diese Glauben alle drei

Sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum dann sei.

+8+

+Ein unruhig Gemüthe.+

Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben;

Wo beides nicht zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.

+9+

+Weiberverheiss.+

Wer einen Aal beim Schwanz und Weiber fasst bei Worten,

Wie feste der gleich hält, hat nichts an beiden Orten.

+10+

+Zweifüssige Esel.+

Dass ein Esel hat gespracht, warum wundert man sich doch?

Geh aufs Dorf, geh auf den Markt: o sie reden heute noch.

+11+

+Die deutsche Sprache.+

Deutsche mühen sich jetzt hoch, deutsch zu reden fein und rein;

Wer von Herzen redet deutsch, wird der beste Deutsche sein.

+12+

+Göttliche Rache.+

Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein;

Ob aus Langmuth er sich säumet, bringt mit Schärf’ er alles ein.

+13+

+Franzosenfolge.+

Narrenkappen sam[3] den Schellen, wenn ich ein Franzose wär’,

Wollt’ ich tragen; denn die Deutschen gingen stracks wie ich so her.

[Notes:

3: _Sam_ = _zusammen mit_.]

+14+

+Dreierlei Glauben.+

Der Papst der will durch _Thun_, Calvin wil durch _Verstehn_,

In den Himmel aber wil durch _Glauben_ Luther gehn.

+15+

+Drei Fakultäten.+

Juristen, Ärzte, Prediger sind alle drei beflissen,

Die Leute zu purgieren[4] wol am Säckel, Leib, Gewissen.

[Notes:

4: _Purgieren_, ‘purge,’ ‘clean out.’]

+16+

+Verwandelung.+

Dass aus Menschen werden Wölfe,[5]

bringt zu glauben nicht Beschwerden;

Siht man nicht, dass aus den Deutschen

dieser Zeit Franzosen werden?

[Notes:

5: _Wölfe_, in allusion to the superstition of the man-wolf

(_werewolf, lycanthropus_).]

+17+

+Das Hausleben.+

Ist Glücke wo und was, so halt’ ich mir für Glücke,

Wann ich mein eigen bin, dass ich kein dienstbar Ohr

Um weg verkaufte Pflicht[6] darf recken hoch empor

Und horchen auf Befehl. Dass mich der Neid berücke,

Da bin ich sorgenlos. Die schmale Stürzebrücke,[7]

Darauf nach Gunst man zeucht, die bringt mir nicht Gefahr;

Ich stehe, wo ich steh’, und bleibe, wo ich war.

Der Ehre scheinlich[8] Gift, des Hofes Meisterstücke,

Was gehen die mich an? Gut, dass mir das Vergnügen

Für grosse Würde gilt; mir ist ja noch so wol,

Als dem der Wanst zerschwillt,[9] die weil er Hoffahrt voll.

Wer biegen sich nicht kan, bleibt, wann er fället, liegen.

Nach Purpur tracht’ ich nicht; ich nehme weit dafür,[10]

Wann Gott ich leben kan, dem Nächsten und auch mir.

[Notes:

6: _Um ... Pflicht_, ‘in venal service.’

7: _Stürzebrücke_ = _Fallbrücke_.

8: _Scheinlich_, ‘glittering.’

9: _Zerschwillt_ = _schwellend zerplatzt_.

10: _Nehme dafür_ = _ziehe vor_.]

+18+

+An mein väterlich Gut, so ich drei Jahr nicht gesehen.+

Glück zu, du ödes Feld; Glück zu, ihr wüsten Auen!

Die ich, wann ich euch seh’, mit Thränen muss bethauen,

Weil ihr nicht mehr seid ihr; so gar hat euren Stand

Der freche Mord-Gott Mars grundaus herumgewandt.

Seid aber doch gegrüsst; seid dennoch fürgesetzet 5

Dem allen, was die Stadt für schön und köstlich schätzet.

Ihr wart mir lieb, ihr seid, ihr bleibt mir lieb und werth;

Ich bin, ob ihr verkehrt,[11] noch dennoch nicht verkehrt.

Ich bin, der ich war vor. Ob ihr seid sehr vernichtet,

So bleib’ ich dennoch euch zu voller Gunst verpflichtet, 10

So lang ich ich kan sein; wann dann mein Sein vergeht,

Kans sein, dass Musa wo an meiner Stelle steht.[12]

Gehab dich wol, o Stadt! die du in deinen Zinnen

Hast meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen.

Gehab dich wol! mein Leib ist nun vom Kerker los; 15

Ich darf nun nicht mehr sein, wo mich zu sein verdross.

Ich habe dich, du mich, du süsse Vatererde!

Mein Feuer glänzt nun mehr auf meinem eignen Herde.

Ich geh’, ich steh’, ich sitz’,

ich schlaf’, ich wach’ umbsunst.[13]

Was theuer mir dort war, das hab’ ich hier aus Gunst 20

Des Herrens der Natur, um “Habe-Dank” zu niessen

Und um gesunden Schweiss; darf nichts hingegen wissen

Von Vortel und Betrug, von Hinterlist und Neid,

Und wo man sonst sich durch schickt etwan in die Zeit.

Ich ess’ ein selig Brot, mit Schweiss zwar eingeteiget, 25

Doch das durch Bäckers Kunst und Hefen hoch nicht steiget,

Das zwar Gesichte[14] nicht, den Magen aber füllt

Und dient mehr, dass es nährt, als dass es Heller gilt.

Mein Trinken ist nicht falsch[15]; ich darf mir nicht gedenken,

Es sei gebrauen zwier,[16] vom Bräuer und vom Schänken. 30

Mir schmeckt der klare Saft; mir schmeckt das reine Nass,

Das ohne Keller frisch, das gut bleibt ohne Fass,

Drum nicht die Nymphen erst mit Ceres dürfen kämpfen,

Wer Meister drüber sei, das nichts bedarf zum Dämpfen,[17]

Weils keinen Schwefelrauch noch sonsten Einschlag hat, 35

Das ohne Geld steht feil, das keine frevle That

Hat den jemals gelehrt, der dran ihm liess genügen.

Der Krämer fruchtbar Schwur, und ihr geniesslich[18] Lügen

Hat nimmer Ernt’ um mich. Der vielgeplagte Lein,

Der muss, der kan mir auch anstatt der Seiden sein. 40

Bewegung ist mein Arzt. Die kräuterreichen Wälde

Sind Apotheks genug; Geld, Gold wächst auch im Felde,--

Was mangelt alsdenn mehr? Wer Gott zum Freunde hat

Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stadt,

Der vortelhaften Stadt, da Nahrung zu gewinnen 45

Fast jeder muss auf List, auf Tück und Ränke sinnen.

Drum hab’ dich wol, o Stadt! wenn ich dich habe, Feld,

So hab’ ich Haus und Kost, Kleid, Ruh’, Gesundheit, Geld.

[Notes:

11: _Verkehrt_, ‘changed.’

12: _Dass ... steht_; ‘that some other muse than mine will praise

you.’

13: _Umbsunst_, ‘for nothing.’

14: The bread does not look good, but is nourishing.

15: _Falsch_, ‘diluted.’

16: _Zwier_ = _zweimal_.

17: In allusion to the process of treating wine with

sulphur--nominally to improve its taste and color.

18: _Geniesslich_, ‘profitable.’]

+LIII. ANDREAS GRYPHIUS+

1616-1664. Gryphius is the most important of the pseudo-classic

dramatists, though his plays lacked the schooling of the stage. He was

born in Glogau, Silesia, won early distinction as a scholar and poet,

resided several years in Holland, France, and Italy, and finally settled

down in his birthplace, which honored him with the office of town

syndic. He wrote five original tragedies in alexandrine verse (always

with a chorus of some kind), and several comedies, partly in verse and

partly in prose. The selections follow Tittmann’s edition in _Deutsche

Dichter des 17. Jahrhunderts_.

1

_From the fourth act of ‘Murdered Majesty, or Carolus Stuardus’; King

Charles I, about to face death on the scaffold, confers with his loyal

friends, Colonel Thomlinson and Bishop Juxton._

KARL

Fürst, aller Fürsten Fürst, den wir nun sterbend grüssen,

Vor dem wir auf dem Knie das strenge Richtbeil küssen,

Gib, was mein letzter Wunsch noch von dir bitten kan,

Und stecke Karols Geist mit heilgem Eifer an.

Entzünde diss Gemüt, das sich ergetzt, zu tragen 5

Die ehrenvolle Schmach, das sich beherzt, zu wagen

Für unterdrückte Kirch, entzweigesprengte Kron

Und hochverführtes Volk. Ihr, die von eurem Thron

Mein Mordgerüst beschaut, schaut, wie die Macht verschwinde,

Auf die ein König pocht; schaut, wie ich überwinde, 10

Indem mein Scepter bricht. Die Erden stinkt uns an,

Der Himmel ruft uns ein. Wer also scheiden kan,

Verhöhnt den blassen Tod und trotzt dem Zwang der Zeiten

Und muss der Grüfte Recht[1] grossmüthig überschreiten,

Indem ein Unterthan sein eigen Mordrecht spinnt 15

Und durch des Prinzen Fall unendlich Leid gewinnt,

Das häufig schon erwacht; wer nach uns hier wird leben,

Wird zwischen heisser Angst und Todesfurchten schweben,

Indem sich Land auf Land und Stadt auf Stadt verhetzt,

Und Rathstuhl dem Altar und Tempel widersetzt, 20

Und dieser den verdruckt, der jenen aus wil heben,[2]

Und dem, der nach ihm schlägt, den letzten Hieb wil geben;

Biss der, der wider uns den grimmen Schluss aussprach,

Der unser Regiment mit frecher Faust zubrach,

Gepresst durch heisse Reu wird diesen Tag verfluchen 25

Und meine Tropfen Blut auf seiner Seelen suchen;

Biss der, der sich erkühnt, mein sauber Herz zu schmähn,

Von Blut und Thränen nass sich nach uns um wird sehn.

Doch! wir bekränken[3] diss und bitten: Herr, verschone,

Lass nicht der Rache zu, dass sie dem Unrecht lohne, 30

Das über uns geblitzt! Ihr König schilt sie frei.[4]

Verstopf auch, Herr, dein Ohr vor ihrem Mordgeschrei.

Was sagt uns Thomlinson?

THOMLINSON

Prinz Karl, die Blum der Helden,

Wil ihrer Majestät die treue Pflichtschuld melden

Und schickt durch treue Leut’ aus Katten[5] diss Papier! 35

KARL

Mein hochbetrübter Prinz, mein Sohn, wie fern von dir!

Wie fern, wie fern von dir!

JUXTON

Der Höchste wird verbinden,

Was dieser Tag zureisst. Mein Fürst wird ewig finden,

Was Zeit und Unfall raubt.

KARL

Recht! Finden und in Gott

Und durch Gott wiedersehn, die ein betrübter Bot 40

Mit keiner Antwortschrift mehr von uns wird erquicken.

Ich muss die Trauerpost an Freund und Kinder schicken,

Dass Karl itzund vergeh. Nein! Kan der untergehn,

Der zu der Krone geht? Der feste[6] Karl wird stehn,

Wenn nun sein Körper fällt; der Glanz der Eitelkeiten, 45

Der Erden leere Pracht, die strenge Noth der Zeiten

Und diss, was sterblich heisst, wird auf den Schauplatz[7] gehn;

Was unser eigen ist, wird ewig mit uns stehn.

Was hält uns weiter auf? Geh, Thomlinson, und schicke

Dem Prinzen seinen Brief so unversehrt zurücke, 50

Als ihn die Faust empfing. Wir gehn die letzte Bahn!

Unnöthig, dass ein Brief, durch schmerzenvollen Wahn,

Durch jammerreiche Wort und neue Seelenhiebe

Uns aus geschöpfter Ruh erweck’ und mehr betrübe.

JUXTON

Gott, in dem alles ruht, vermehre diese Ruh! 55

KARL

Er thuts und spricht dem Geist mit starkem Beistand zu.

JUXTON

Sein Beistand stärkt in Angst ein unbefleckt Gewissen.

KARL

Das, der unschuldig litt, wusch durch sein Blutvergiessen.

JUXTON

Der, was uns drückt, ertrug in letzter Sterbensnoth.

KARL

Uns drückt, diss glaubt uns fest, nichts mehr als Straffords Tod. 60

THOMLINSON

Die Richter haben ihm die Halsstraf auferleget.

KARL

Sein Unschuld hat den Blitz auf unser Haupt erreget.

THOMLINSON

Der König gab den Mann durch Macht gezwungen hin.

KARL

Lernt nun, was dieser Zwang uns bringe vor Gewinn.

THOMLINSON

Der König must’ es thun, das tolle Volk zu stillen. 65

KARL

Recht so, seht wie das Volk dem König itzt zu Willen!

THOMLINSON

Als Wentworth um den Tod den König selber bat.

KARL

Seht, was der König itzt dadurch erhalten hat!

THOMLINSON

Man schloss für aller Heil auf eines Manns Verderben.

KARL

Der[8] dieses schloss, ist hin, und wer nicht hin, wird sterben. 70

THOMLINSON

Dem Urtheil fielen bei der Staats- und Kirchenrath.

KARL

Verblümt es, wie ihr wollt, es war ein arge That.

JUXTON

Der Höchste wird die That der langen Reu verzeihen.

KARL

Er wird von diesem Blut uns durch sein Blut befreien.

Auf, Geist! Die Bluttrompet, der harten Drommel Klang, 75

Der Waffen Mordgeknirsch ruft zu dem letzten Gang.

[Notes:

1: _Recht_; in the sense of ‘limit of jurisdiction,’ ‘boundary.’

2: _Ausheben_ = _aus dem Sattel heben, stürzen_.

3: _Bekränken_ = _beklagen_.

4: _Schilt ... frei_, ‘exonerates them.’

5: _Katten_ = Holland.

6: _Feste_, ‘substantial,’ ‘real.’

7: Schauplatz = _Richtplatz_.

8: _Der_; the allusion is to John Pym, under whose leadership of

the Commons the Earl of Strafford (Thomas Wentworth) was executed

in 1641. Pym himself died in 1643.]

2

_From the fifth act of ‘Horribilicribrifax’: Terrific encounter of the

two braggart captains Daradiridatumtarides and Horribilicribrifax._

HORRIB. Und wenn du mir biss in den Himmel entwichest und schon auf dem

lincken Fuss des grossen Bären sässest, so wolte ich dich doch mit dem

rechten Spornleder erwischen und mit zweien Fingern in den Berg Ætna

werfen.

DARADIR. _Gardez-vous, follâtreau!_[9] Meinest du, dass ich vor dir

gewichen? Und wenn du des grossen Carols Bruder, der grosse Roland

selbst, und mehr Thaten verrichtet hättest als Scanderbek, ja in die

Haut von Tamerlanes gekrochen werest, soltest du mir doch keine Furcht

einjagen.

HORRIB. Ich? Ich will dir keine Furcht einjagen, sondern dich in zwei

und siebentzigmal hundert tausend Stücke zersplittern, dass du in einer

See von deinem eigenen Blut ersticken sollest. _Io ho vinto l’inferno e

tutti i diavoli._[10]

DARADIR. Ich will mehr Stücker von dir hauen, als Sternen itzund an dem

Himmel stehen, und wil dich also tractiren, dass das Blut von dir

fliessen sol, biss die oberste Spitze des Kirchthurms darinnen

versunken.

HORRIB. _Per non lasciar piu altre passar questa superba arroganza_,[11]

wil ich die ganze Belägerung von Troja mit dir spielen.

DARADIR. Und ich die Zerstörung von Constantinopel.

HORRIB. _Io spiro morte e furore_,[12] doch lasse ich dir noch so viel

Zeit: befihle deine Seele Gott und bete ein Vaterunser!

DARADIR. Sprich einen englischen Gruss[13] und hiermit stirb.

HORRIB. Du wirst zum wenigsten die _reputation_ in deinem Tode haben,

dass du von dessen unüberwindlichen Faust gestorben, der den König in

Schweden niedergeschossen.

DARADIR. Tröste dich mit dem, dass du durch dessen Hand hingerichtet

wirst, der dem Tilly und Pappenheim den Rest gegeben.

HORRIB. So hab ich mein Schwerd ausgezogen in der Schlacht vor Lützen.

DARADIR. _Morbleu, me voila en colère! Mort de ma vie! je suis fâché par

ma foi._[14] So hab ich zur Wehre gegriffen in dem Treffen vor

Nördlingen.

HORRIB. Eine solche Positur machte ich in der letzten Niederlage vor

Leipzig.

DARADIR. So lief ich in den Wallgraben, als man Glogau hat einbekommen.

HORRIB. Ha! ha! ist er nicht _questo capitano_,[15] mit dem ich Kugeln

wechselte bei der Gula?

DARADIR. O! Ist er nicht derjenige Signeur, mit dem ich Brüderschaft

machte zu Schlichtigheim?

HORRIB. Ha! _mon signeur, mon frère!_[16]

DARADIR. Ha! _Fratello mio illustrissimo!_[17]

HORRIB. Behüte Gott, welch ein Unglück hätte bald geschehen sollen!

DARADIR. Welch ein Blutvergiessen, _massacre et strage_,[18] wenn wir

einander nicht erkennet hätten!

HORRIB. _Magnifici et cortesi heroi_[19] können leicht unwissend

zusammen gerathen.

DARADIR. _Les beaux esprits_[20] lernen einander durch dergleichen

_rencontre_[21] erkennen.

[_Dionysius[22] tritt auf._]

DIONYS. Welche Bärenhäuter rasen hier für unsern Thüren? Wisset ihr

Holunken nicht, dass man des Herren Statthalters Pallast anders zu

respectiren pfleget? Trollet euch von hier, oder ich lege euch beiden

einen frischen Prügel um die Ohren!

HORRIB. _Io rimango petrificato dalla meraviglia._[23] Sol Capitain

Horribilicribrifax diss leiden?

DARADIR. Sol Capitain von Donnerkeil sich also despectiren lassen?

HORRIB. _Io mi levo il pugnale dal lato_,[24] der Herr Bruder leide es

nicht!

DARADIR. _Me voila_,[25] der Herr Bruder greiffe zu der Wehre, ich

folge.

HORRIB. _Comminciate di gratia._[26] Ich lasse dem Herren Bruder die

Ehre des ersten Angriffs.

DARADIR. Mein Herr Bruder, ich verdiene die Ehre nicht, et gehe voran.

_C’est trop discourir. Commencez._[27]

HORRIB. Ei, der Herr Bruder fahre fort, er lasse sich nicht auffhalten.

_La necessità vuole._[28]

DIONYS. Heran, ihr Ertzberenhäuter, ich will euch die Haut sonder

Seiffen und Balsam einschmieren.

HORRIB. Ha! _Patrone mio, questa supercheria è molta ingiusta._[29]

DARADIR. O monsieur, bey dem Element, er sihet mich vor einen Unrechten

an.

HORRIB. Ei, _signore mio gratioso_,[30] ich bin Signor

Horribilicribrifax. 75

DIONYS. (_Nimmt beiden die Degen und schlägt sie darmit um die Köpfe._)

Auffschneider, Lügner, Bärenhäuter, Bengel, Baurenschinder, Erznarren,

Cujonen![31]

DARADIR. Ei, ei, monsieur, _basta questo pour istesso_,[32] es ist

genung, der Kopf blutet mir.

80

HORRIB. Ei, ei, signor, ich wuste nicht, dass der Statthalter hier

wohnete.

DIONYS. Packet euch, oder ich will euch also zurichten, dass man euch

mit Mistwagen sol von dem Platze führen.

[Notes:

9: _Gardez-vous(-en), follâtreau_ (from _folâtre_) ‘take care,

nincompoop.’

10: _Io ho ... diavoli_, ‘I have vanquished hell and all the

devils.’

11: _Per ... arroganza_, ‘to prevent this arrogant conceit from

going further.’

12: _Io ... furore_, ‘I breathe death and fury.’

13: _Sprich ... Gruss_, ‘pray an Angelus’ (angel’s greeting, Luke

i, 28), _i.e._ ‘attend to your devotions.’

14: _Morbleu ... foi_, ‘Zounds! Behold me in a rage! Death and

destruction! Faith, but I am angry.’

15: _Questo capitano_, ‘that captain.’

16: _Mon ... frère_, ‘my dear sir, my brother.’

17: _Fratello ... illustrissimo_, ‘most renowned brother.’

18: _Massacre et strage_, ‘slaughter and carnage.’

19: _Magnifici ... heroi_, ‘magnificent and gentlemanly heroes.’

20: _Les beaux esprits_, ‘fine spirits.’

21: _Rencontre_, ‘meeting(s).’

22: Dionysius is the servant of the governor, Cleander, before

whose palace the captains have been brawling.

23: _Io ... meraviglia_, ‘I am petrified with amazement.’

24: _Io ... lato_, ‘I take my sword from my side.’

25: _Me voila_, ‘here I am.’

26: _Comminciate di gratia_, ‘begin, please.’

27: _C’est ... commencez_, ‘there’s too much talking; begin!’

28: _La ... vuole_, ‘necessity commands.’

29: _Patrone ... ingiusta_, ‘my good sir, this violence is very

unjust.’

30: _Signore ... gratioso_, ‘my gracious sir.’

31: _Cujonen_, ‘scallywags.’

32: _Basta ... istesso_, ‘enough of that.’]

+LIV. SIMON DACH+

1605-1659. Dach was a Königsberg schoolmaster who won considerable

repute as a writer of religious and occasional verse. He is the earliest

Prussian poet of any importance. The second selection shows what he

thought of Opitz. His _Anke van Tharau_, though a wedding-song written

by request (like many of Dach’s productions), is so fresh and hearty

that Herder gave it a place among his folksongs. The text follows

Oesterley’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 30.

+1+

+Abendlied.+

Der Tag hat auch sein Ende,

Die Nacht ist wieder hier;

Drum heb ich Herz und Hände,

O Vater, auff zu dir

Und dancke deiner Treu, 5

Die mich gantz überschüttet,

Und für der Tiranney

Der Höllen mich behütet.

Dein Wort hat auch daneben

Mein kranckes Herz geheilt, 10

Mir reichlich Trost und Leben

In aller Noth ertheilt.

Für solche Liebesthat

Was soll ich dir erzeigen?

Was Erd und Himmel hat, 15

Das ist vorhin dein eigen.

Mein Herz sey dir geschencket,

Das richt, o Gott, dir zu,

Dass, was es nur gedencket,

Sey nichts, als einig du. 20

Entzeuch es dieser Welt,

Dass es aus diesen Tränen

In deiner Freuden Feld

Sich mög ohn Ablass sehnen.

Und da ich heut verübet, 25

Was gegen dein Geboth

Und deinen Geist betrübet,

Das sey vertilgt und todt

Durch Christi theures Blut,

Das mildiglich geflossen, 30

Als er es, mir zu guth,

Aus Liebe hat vergossen.

Und weil ich jetzt sol schlafen,

So lass mich sicher seyn

Durch deiner Aufsicht Waffen, 35

Schleuss deiner Huth mich ein!

Des Teufels Mord und List,

Der bösen Menschen Tücke

Und was sonst schädlich ist,

Treib, Herr, von mir zurücke! 40

Lass mich kein böses Ende

Betreten allermeist,

Denn ich in deine Hände

Befehle meinen Geist.

Ich bin zu aller Zeit 45

Dein Eigenthum und Erbe,

Es sey lieb oder leid,

Ich leb, Herr, oder sterbe.

+2+

+Opitz in Königsberg.+[1]

Ist es unsrer Seiten Werck’

Je einmahl so wol gelungen,

Dass wir dir, o Königsbergk,

Etwas Gutes vorgesungen,

So vernimm auch diess dabey, 5

Wer desselben Stiffter sey.

Dieser Mann, durch welchen dir

Jetzt die Ehre wiederfähret,

Dass der Deutschen Preiss und Zier

Sämptlich bey dir eingekehret, 10

Opitz, den die gantze Welt

Für der Deutschen Wunder hält.

Ach, der Aussbund und Begriff

Aller hohen Kunst und Gaben,

Die der Alten Weissheit tieff 15

Ihrem Ertz hat eingegraben,

Und der lieben Vorfahrt[2] Handt

Uns so treulich zugesandt!

Man erschricket, wenn er nun

Seiner tieff-erforschten Sachen 20

Abgrund anhebt auffzuthun,

Und sein Geist beginnt zu wachen;

Wer alsdan ihn los sieht gehn,

Der sieht Welschlandt und Athen.

Orpheus giebt schon besser Kauff,[3] 25

Hört er dieses Mannes Seiten,

Unser Maro horchet auff,

Sagt: Was sol mir das bedeuten?

Wird der Weisen Lieder-Ruhm

Nun der Deutschen Eigenthum? 30

Ja, Herr Opitz, eurer Kunst

Mages Deutschland einig dancken,

Dass der fremden Sprachen Gunst

Mercklich schon beginnt zu wancken,

Und man nunmehr ins gemein 35

Lieber deutsch begehrt zu sein.

Wer hat eurer süssen Handt

Diesen Nachdruck mitgegeben,

Dass das gantze Norden-Landt,

Wenn ihr schlagt, sich muss erheben, 40

Und so mancher edler Geist

Euch zu folgen sich befleist?

Last den stoltzen Thracer-Fluss

Nicht so trotzig sich ergiessen,

Und den edlen Mincius 45

Was bescheidentlicher fliessen:

Eures Bobers kleine Fluth

Nimmt doch allen nun den Muth.

Wol euch, Herr! Was für ein Lohn

Hat sich hie mit eingedinget, 50

Dass von hie ab euer Ton

Bis in jenes Leben dringet,

Dessen Nachklangk aller Zeit

Und Vergängnüss sich befreyt?

Hie kunt’ eure Jugend zwar 55

Schon den Lorbeer-Krantz erjagen,

Aber dort wird euer Haar

Erst der Ehren Krohne tragen,

Die euch David gern gesteht,

Weil ihr seinen Fusspfad geht. 60

Doch wird auch des Pregels Randt,

Weil er ist, von euch nicht schweigen;

Was von uns hie wird bekant,

Was wir singen oder geigen,

Unser Nahme, Lust und Ruh’ 65

Stehet euch, Herr Opitz, zu.

[Notes:

1: The full title runs: Gesang bey des edlen und hochberühmten

Herren Martin Opitzen u.s.w. hocherfreulichen Gegenwart zu

Königsberg in Preussen 1638. 29 Heumonat gesungen.

2: _Vorfahrt_ = _Vorfahren_.

3: _Giebt .... Kauff_ = _wird billiger_.]

+3+

+Anke van Tharau.+

Anke van Tharau öss, de my geföllt,

Se öss mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt.

Anke van Tharau heft wedder eer Hart

Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart.

Anke van Tharau, mihn Rihkdom, mihn Goet, 5

Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Bloet.

Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn,

Wy syn gesönnt by een anger tho stahn.

Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn

Sal unsrer Löwe Vernöttinge syn. 10

Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht,

Je mehr en Hagel on Regen anföcht,

So wardt de Löw’ ön ons mächtig on groht,

Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht.

Wördest du glihk een mahl van my getrennt, 15

Leewdest dar, wor ön dee Sönne kuhm kennt,

Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, durch Mär,

Dörch Yhss, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr.

Anke van Tharau, mihn Licht, mihne Sönn,

Mihn Lewen schluht öck ön dihnet henönn. 20

Wat öck geböde, wart van dy gedahn,

Wat öck verböde, dat lätstu my stahn.

Wat heft de Löwe däch ver een Bestand,

Wor nicht een Hart öss, een Mund, eene Hand,

Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht 25

On glihk den Hungen on Katten begeyht?

Anke van Tharau, dat war wy nich dohn,

Du böst mihn Dyhfken, mihn Schahpken, mihn Hohn.

Wat öck begehre, begehrest du ohck,

Eck laht den Rock dy, du lätst my de Brohk. 30

Dit öss dat, Anke, du söteste Ruh,

Een Lihf on Seele wart uht öck on du.

Dit mahckt dat Lewen tom hämmlischen Rihk,

Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk.

4

_The same in Herder’s High German translation._

Annchen von Tharau ist, die mir gefällt;

Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz

Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz.

Annchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 5

Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,

Wir sind gesinnt bei einander zu stahn.

Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein,

Soll unsrer Liebe Verknotigung sein. 10

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,

Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;

So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross

Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.

Würdest du gleich einmal von mir getrennt, 15

Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt;

Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,

Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.

Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn’,

Mein Leben schliess’ ich um deines herum. 20

Was ich gebiete, wird von dir gethan,

Was ich verbiete, das lässt du mir stahn.

Was hat die Liebe doch für ein Bestand,

Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand?

Wo man sich peiniget, zanket und schlägt, 25

Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?

Annchen von Tharau, das woll’n wir nicht thun;

Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.

Was ich begehre, ist lieb dir und gut;

Ich lasse den Rock dir, du lässt mir den Hut. 30

Dies ist uns, Annchen, die süsseste Ruh’,

Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.

Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,

Durch Zanken wird es der Hölle gleich.

+LV. PAUL GERHARDT+

1607-1676. Gerhardt was a Lutheran pastor who is preëminent as a writer

of hymns for worship. His psalmody has less of the militant spirit than

Luther’s, his voice being the voice of German Protestantism as chastened

by the terrible sufferings of the great war. The selections follow

Wolff’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 31.

+1+

+Befiehl dem Herrn deine Wege.+

Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt:

Der Wolken, Luft und Winden 5

Giebt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuss gehen kann.

An anthology of German literature · 第 5 / 7 章