Bum -- bam -- bum -- bam --

Und nun klang es langsam, feierlich aus und wurde ganz still, ganz

still.

Und an der schauerlichen Stille merkte ich erst sicher, daß die

wunderbaren Glockentöne doch kein Hirngespinst, sondern irgend etwas

Wirkliches gewesen waren.

Ich hielt es nicht mehr aus in der dumpfen Kajüte, stand auf und ging

aus der Tür ins Freie.

Da war es schon Morgen, ein trüber und regnerischer Morgen, aber

Tageslicht.

Da tat ich einen lauten Schrei, aber wahrhaftig, zuerst nur vor Schreck

und nicht vor Freude.

Dicht neben mir lag noch ein zweiter langer Haffkahn, ebenso

eingefroren -- und weiterhin ein anderer Küstenfahrer -- und da eine

holländische Kuff -- und da ein abgetakelter Schoner -- alle dicht

nebeneinander, als ob das so sein müßte mitten auf dem Haff.

Und wieder besserhin -- allmächtiger Vater -- da lag ein großer

Schiffsrumpf, aber nicht im Eis, sondern auf dem Stapel, halbfertig --

und fünfzig Schritt von mir ist Land -- Häuser -- ein Kirchturm -- ein

altes Schloß -- ganz offenkundig und reinlich unser altes pommersches

Herzogsschloß -- --

Und nun faßte ich noch einmal an meinen Kopf und dacht', ich wäre

wahnsinnig geworden vor Angst und Verzweiflung.

Aber ganz und gar nicht. Ich war klar und vernünftig wie nie.

Na nu kam's alles 'raus. Da hatte ich Unglückswurm also die ganze Nacht

in meinem Elend gesessen, fünfzig Schritt weit von meinem Ziel. Und

wäre gestern ganz bequem noch zur rechten Zeit gekommen, wenn ich's nur

gewußt hätte. Aber welcher Mensch sollte auch auf den Gedanken kommen,

daß er vom Haff, ohne es zu merken, auf die überschwemmten Wiesen

geraten kann!

Na, Gott sei gelobt und gepriesen, daß ich's nicht gewußt habe! Das

bißchen Angst habe ich redlich verdient, und alles Übrige war in

schönster Ordnung.

Aber eine tolle Sache war's doch. Solchen Augenblick wie den erlebt man

nicht zweimal im Leben.

Ich hätte jetzt aber wer weiß was drum gegeben, wenn die Glocken noch

einmal geläutet hätten. Aber das taten sie nicht, sondern blieben in

ihrem Schweigen.

Da packte mich die Sehnsucht nach einem Menschengesicht, und am meisten

nach meinem alten Heinz. -- Und eine Viertelstunde später hatte ich

meinen Heinz und konnte ihm nach Herzenslust um den Hals fallen und

ihm eine Kleinigkeit abbitten. Und ich habe ihm, weiß Gott, nichts

vorgelogen. Von der Stunde an sind wir die alten Freunde geblieben wie

in unserer Kindheit, soweit seine jetzige Gelehrsamkeit das zuläßt.

Mit der schönen Hersilie aber gab es zuletzt noch eine neue

Überraschung.

Der Heinz nämlich lachte so recht gemütlich und sagte:

»O lieber Junge, unsere Hersilie ist schon seit dem Sommer -- lange

ehe ihr Vater starb -- heimlich verlobt mit einem jungen Leutnant;

nur daß sie leider vorläufig noch nicht ans Heiraten denken können,

weil sie beide zu arm sind. Aber auch ohne das wäre es mir gar nicht

eingefallen, noch an die alte Flamme zu denken -- weißt du, ich habe

inzwischen schon eine neue Jugendliebe verschmerzt -- sondern ich bin

wirklich nur um die antiken Fragmente hergekommen. Mit den Dingern

bin ich freilich auch angeführt, ich habe sie gestern Abend noch

besichtigt; sie sind rein gar nichts wert, nicht einmal der Frauentorso

in der Hausnische, höchst mittelmäßige Arbeit aus spätrömischer Zeit,

wie sie in Italien und Griechenland an jeder Landstraße zu finden sind.

Wunderlich genug, daß der Alte sich mit dem Kram geschleppt hat; er muß

doch nicht viel davon verstanden haben.

Übrigens ein merkwürdiges Beispiel, wie einem die jugendliche

Illusion mitspielt oder die idealisierende Kraft der Erinnerung: ich

hätte darauf geschworen, der Torso wäre ein gutes Stück und eines

guten Preises wert. -- Mit Hersilien ist's anders: die ist ein nett

Mädchen und nicht häßlicher geworden, und nicht dumm. Ob sie aber zur

Gelehrtenfrau gepaßt hätte, ist mir doch fraglich, und zur Seemannsfrau

vielleicht erst recht nicht. Darüber können wir uns beruhigen. Aber ein

nett Mädchen ist sie.«

So urteilte mein Heinz, und er ist wirklich ein Kenner, für Marmor

sowohl wie für Frauenzimmer.

[Illustration]

Otto Ernst:

Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt

aus dem Buche »Vom geruhigen Leben. Humoristische Plaudereien über groß

und kleine Kinder« (Leipzig: Verlag von L. Staackmann, 1903).

Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

Wer je in seinem Leben den vortrefflichen Roman »Auch Einer« des noch

vortrefflicheren Humoristen Friedrich Theodor Vischer gelesen hat,

der wird sich auch in späteren Jahren noch mit Behagen erinnern, daß

der Dichter ein Erkleckliches und Erquickliches zu reden weiß von

der »Tücke des Objekts«. Man wird sich desgleichen erinnern, daß der

Dichter unter solcher »Tücke des Objekts« die große Summe der kleinen

Hindernisse versteht, die uns von äußeren und zufälligen Umständen

gerade bei unseren wichtigsten und erhabensten Handlungen in den Weg

geworfen werden. Eine große Tat vollbringen, ist keine Kunst, wenn man

im entscheidenden Augenblicke nicht durch Niesen oder durch das Platzen

einer Naht an ihrer Vollbringung gehindert wird. Das ist der Sinn der

Vischerschen »Tücke des Objekts«.

Hat nun der mehrfach benannte Poet aus Württemberg die Vermessenheit

besessen, den Humor des hirnzerschlitzenden Nasen-Rachenkatarrhs und

der unzeitig geplatzten Hosennähte recht ausführlich zu kultivieren,

solcher Dinge also, die eines großen Hintergrundes durchaus entbehren

und die geradezu dem schlimmen Verdachte Raum geben, der Autor habe

ehrenhafte deutsche Mitbürger mit Bewußtsein zum Lachen gereizt:

so geht der ganz unwürdige Verfasser dieser Plauderei in seinem

Unterfangen gar so weit, der reinen Vernunft jenes Spaßmachers noch

seine vermeintlich praktische Vernunft hinzuzufügen. Der ganz unwürdige

Schreiber dieser Zeilen ist nämlich nicht nur davon überzeugt, daß so

etwas wie die Tücke des Objekts in Wahrheit vorhanden sei, sondern er

lebt auch des Glaubens, daß es eine Weise gebe, ihr erfolgreich zu

begegnen.

Schwerer als auf anderen Zeiten der schwarze Tod, lastet auf unserem

Zeitalter die Seuche des grellen Lebens. Es ist die ansteckende,

hartnäckige, tragikomische Krankheit, die man Nervosität nennt. Sie

ist tragikomisch von einer schlimmen Art: wer von ihr befallen ist,

dem ist sie sehr tragisch -- den anderen aber meist komisch. Oder sie

halten sie für eine Lumperei, von der man kein Wesens machen sollte.

Ich finde, man soll viel, viel Wesens von ihr machen. Denn obwohl sie

dem einzelnen meistens das Leben läßt, ist sie eine tödliche Krankheit.

Manchen tötet sie 24mal an einem Tage; was aber mehr bedeutet: sie

tötet Völker und Generationen.

Sehr wahrscheinlich, daß sie eine Ansteckungskrankheit ist wie

Chauvinismus und Grippe, Bigotterie und schwarze Pocken und ihr

spezifisches Kontagium hat, das zu allen Zeiten auftreten kann.

Gewiß ist aber, daß sie in unserer Zeit eine besondere »Disposition«

vorfindet. Kein Märchen von »guter, alter Zeit« ist es, daß unsere

Väter zu allen ihren Taten wundervoll viel Zeit hatten. Sie waren

gewiß so lebendig und fleißig wie wir; aber wenn der Blitz ihr Haus

in Brand steckte, so rauchten sie, bevor sie hinausgingen, noch

eine lange Pfeife. Wollt ihr noch die Abendröte jenes Zeitalters

genießen, so geht in eine Kleinstadt; dort wächst noch alte Zeit

zwischen den Pflastersteinen. Du verabredest dich mit deinem Freund

in der Kleinstadt für Punkt zwei Uhr zu einem gemeinsamen Gange.

Naiv, wie du als Großstädter bist, erscheinst du Punkt zwei Uhr

oder auch eine Minute früher auf dem Posten. Dein Freund empfängt

dich mit einer leichten Überraschung im Blick, erklärt aber, er

werde gleich bereit sein und habe nur noch einen Blick in den Stall

zu tun. Nach dreiviertel Stunden kommt dein Freund aus dem Stalle,

unschuldig wie ein Schaf, und tut gar nicht, als ob irgend jemand

sich zu entschuldigen hätte. Er ist überzeugt, daß du dich mit seinem

Großvater, der dir von sämtlichen Fleisch- und Gemüsesorten die Preise

zu Anfang und zu Ende des vorigen Jahrhunderts vorgerechnet hat,

vortrefflich unterhalten habest. Ihr wollt gerade gehen, als die Gattin

bemerkt, daß ihr Mann mit dem Hut unmöglich auf die Straße gehen könne,

und daß der andere Hut beim Hutmacher sei.

»Ach, dann schick' eben die Anna zum Hutmacher und laß ihn holen, ja?

Mein Freund nimmt noch 'n Augenblick Platz, nicht wahr?«

Aber natürlich. Warum nicht? ~Time is money.~ Man muß es einmal

ansehen, mit welcher Nervenruhe diese Leutchen auf Anna und den Hut

warten. Sie sind noch nicht wieder zurück, als Verwandtenbesuch aus

dem benachbarten Dorfe erscheint. Bis dieser Besuch ordnungsmäßig

empfangen ist und sich auf mehreren Stühlen in Linie entfaltet hat,

vergeht eine Viertelstunde. Der Besuch erzählt, daß Onkel Thomsen sich

eine Ziege gekauft und der kleine Franz sich die Finger verbrannt

hat. Es ist ganz selbstverständlich, daß du mit anhörst, wie Onkel

Thomsen sich eine Ziege kaufte und der kleine Franz sich die Finger

verbrannte. Inzwischen empfindet die Hausfrau, daß es Zeit zum

Kaffeetrinken sei, und meint, eine gute Tasse Kaffee würdest du »im

Fluge« gewiß noch mitnehmen. Freilich, freilich. Dir ist jetzt schon

alles egal. Die Zeit ist dir nur noch eine leere, nichtssagende Form

der Vorstellung. Du kannst von hier aus ja gleich zum jüngsten Gericht

gehen, wenn die Zeit knapp werden sollte. Nachdem der Kaffee mit allen

Vorsichtsmaßregeln aufgetragen und er sowohl wie zahlreiche Butterbrote

in einem sehr gedeihlichen Tempo genossen worden sind, erklärt dein

Freund ohne jede Anwandlung von Schwäche, daß es jetzt, um halb fünf

Uhr, doch zu spät für den verabredeten Gang sei, aber man könne ihn ja

ebensogut morgen um zwei Uhr unternehmen.

Leben sie nicht, diese guten Leute, wie in einem Schlaraffenlande, wo

Milch, Zeit und Honig in vollen Bächen fließt, und wo man, wenn das

Leben ausgetrunken ist, wieder einschenkt? Wo man selbst den Tod so

lange bei Wein und Politik hinhält, bis er gemütlich die Sense in den

Winkel lehnt und sagt: »Auf ein paar Jahre kommt mir's nicht an?« Und

derweilen sich diese Leute in Zeit wälzen wie Ferkel in der Kleie,

lebst du in der Großstadt -- nicht nach einem Stundenplan, o nein --

nach einem Halbeminutenplan. »4 Uhr 15 ist der Vortrag zu Ende; 4 Uhr

17½ Minuten ist die grüne Straßenbahn an der Ecke der Pfälzerstraße,

in 2½ Minuten kann ich sie erreichen: in 15 Minuten, also 4 Uhr 32½

ist sie am Moltkeplatz; _wenn ich Glück habe_, erwische ich dort die

rote Bahn und fahre mit dieser in 14½ Minuten nach der Domgasse; wenn

ich die Beine nachziehe, kann ich in 13 Minuten an der Esplanade sein

und komme dann eben rechtzeitig um 5 Uhr zur Konferenz.« Hast du aber

_kein_ Glück -- und mit Straßenbahnen hat man nie Glück -- dann fällt

deine ganze Tagesordnung über den Haufen wie ein Kartenhaus, das auf

den großen Zeiger einer Turmuhr gebaut wurde; über den ganzen Rest

des Tages fällt der Schatten der versäumten 10 Minuten; alles ist

verschoben, alles verdreht und verspätet; die Galle tritt ins Blut, und

in jener halben Minute, die du zu spät zur roten Bahn erschienst, hast

du einen Tag verloren.

Oder du sitzest in deinem Bureau oder Kontor und prüfst eine Statistik,

die morgen abgeliefert werden muß. Ha, denkst du, die Eingabe des

Herrn X. muß ja noch heute erledigt werden! Und dann das Attest, das

Frau Y. erbeten -- --! Ja, richtig, der Z. wartet schon drei Tage auf

die Empfangsbestätigung für seine Sendung -- und dann muß der Bericht

an die Behörde angefangen werden; es sind nur noch acht Tage bis zum

Einlieferungstermin -- -- I, sollte nicht heute eine Sitzung des

Wohlfahrtsausschusses sein? (Du suchst längere Zeit nach einem Papier.)

Richtig: Sitzung am 3. Juni morgens 11 Uhr -- es ist jetzt ¾ 12 -- also

versäumt! Hm -- dem Dr. N. hab' ich noch gar nicht auf seine Einladung

zum Diner geantwortet; es hat, glaub' ich, vor 14 Tagen stattgefunden

-- halt! Hab' ich eigentlich schon meine Feuerversicherung erneuert?

Nein -- nein! Und dabei gewittert's jetzt alle Tage, und überall

schlägt's ein! Zum Augenarzt komm' ich auch nicht mit meinem

Bindehautkatarrh -- ach ja, das Buch über Lungenheilstätten von Dr.

M. sollt' ich ja lesen, das liegt schon seit Weihnachten hier -- hab'

ich eigentlich schon dem Fräulein O. geantwortet? Ah, da muß ich doch

aber gleich -- nein, erst muß P. Bescheid haben, daß ich -- oder nein,

noch eiliger ist der Brief an Q.; die andern kann ich heute Abend --

Donnerwetter, heute Abend ist ja der Vortrag von Professor R.; wenn ich

da nicht hinkomme, wird er mir sein Lebtag nicht wieder -- ja, was ist

denn das, heut' Abend hab' ich ja Gesellschaft im eigenen Hause --

Du bist längst aufgesprungen und rennst wie eine vergiftete Ratte an

allen vier Wänden der Zeit hinauf, um ein Loch zu finden. Da tritt

dein Diener ein und sagt: Herr Soundso (wie du nun eben heißt), es

ist höchste Zeit, aufs Gericht zu gehen, sonst wird Ihre Klage als

zurückgezogen betrachtet! Du greifst nach deinen Stiefeln, und indem du

natürlich den linken Stiefel auf den rechten Fuß zu ziehen versuchst,

fallen dir fünf notwendige Besuche, sieben wichtige Sitzungen und

neunzehn dringliche Briefe ein; du stürzest davon, kehrst aber in der

Tür wieder um und rufst dem Diener zu: »Lieber Meyer, mir fällt ein,

ich habe auf 1 Uhr dem Porträtmaler eine Sitzung versprochen; sagen

Sie, ich wäre plötzlich abgerufen worden, und dann gehen Sie sofort hin

und bezahlen Sie die Einkommensteuer, die hab' ich total vergessen; der

Gerichtsvollzieher ist schon dagewesen und hat Zettel angeklebt ...«

Und so kommst du vor tausend Arbeiten zu keiner einzigen und erleidest

das graueste Elend, das diese Welt gewährt: der Katzenjammer nach einer

übervollen Nacht ist Himmelsfreude gegen den Kater nach einem leeren

Tage!

Armer, verstörter Geist, ruheloses Herz, gequälter Zeitgenosse und

Mitmensch, komm' zu uns und empfange Frieden in den Armen der

Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

Siehe, wir nennen uns nicht die »Brüder vom _ruhigen_ Leben«, sondern

»Brüder vom _geruhigen_ Leben«, woraus du ersehen mögest, daß wir Zeit

haben. Nachdem du so vielen Vereinen und Ausschüssen beigetreten bist,

tritt endlich diesem bei, den ich mit anderen weisen Männern gegründet

habe und der dich alle anderen Vereine ertragen lehrt. Du hast bereits

dein Eintrittsgeld in der Hand -- ~festina lente~ -- höre und erwäge

wohl, bevor du handelst.

Ich seh' es dir an: du wähnst, ich lüde dich zu einem Klub der

Wurschtigkeit, in welchem man lebt nach dem Grundsatze: »Nachher ist

alles eins; in der Nacht des Todes sind alle Katzen grau, und obendrein

sieht, wer tot ist, kein Grau und keine Katze.« Irre dich nicht. Unsere

Brüderschaft lebt das Leben mit eifriger Aufmerksamkeit und reger Kraft.

Oder glaubst du, wir schraubten uns und unsere Welt zurück in die

Zeiten der Väter, die sich an dem Blitz, der ihr Haus entzündete, eine

lange Pfeife entbrannten? O nein, mein Freund, unsere Brüdergemeinde

weiß, daß Leben nicht zurück kann; Leben kann immer nur vorwärts.

Unsere Gemeinschaft weiß, daß Reize und Sorgen den Menschen von heute

zehnfach so stark bestürmen wie seine Vorfahren. Es ist wahr: der

Ernst des Lebens und die Lust des Lebens reißen sich um die moderne

Menschenseele mit einem Ungestüm, das ehemals unerhört war. Wir

Kinder dieses goldenen Zeitalters der Technik und der Wissenschaft

sind ein Geschlecht von Parvenus, und unter diesen Parvenus sind wir

Deutschen noch ein besonderes Stück emporgekommen. Wer aber so jählings

emporkommt, dem wird schwindelig. Das ist das Schicksal der Parvenus.

Arbeit und Genuß tanzen uns vor den Augen, daß uns wirblig wird und

alles sich mit uns im Kreise dreht. Wir haben den Überblick verloren;

wir haben noch nicht gelernt, über die neue, unerwartete Fülle zu

disponieren. Ruhig gesehen ist über die Hälfte geschafft. Wir werden

hineinwachsen in unsere Aufgabe; wir werden sie bewältigen, wie jedes

vorhergegangene tapfere Geschlecht. Aber noch flimmert's uns vor den

Augen. Die einfachsten, banalsten Gebote der Ordnung, der Beschränkung

und Überlegung sind uns abhanden gekommen, und bei wem du eintrittst,

suchst du vergebens nach der philosophischen Hausapotheke.

Erwarte daher nicht orphische Weisheit, nicht rabendunkle Urworte

aus Morgendämmerungen der Menschheit, der du eintrittst in unsere

Gemeinschaft! Es sind die gewöhnlichen Rhabarbertropfen der

Seelentherapie, die du hier findest; was aber das Eigentümlichste

ist, sie stehen nicht da in verstaubten Fläschchen sondern sie

werden angewandt. Wer in die Brüdergemeinschaft aufgenommen wird,

leistet zuvor einen heiligen Eid, daß er ihr alle seine Sünden gegen

ein geruhiges Leben beichten, sich den über ihn verhängten Bußen

unterwerfen und die Lehren der Weisen mit Ehrerbietung hören und

redlich befolgen werde.

In großen, ehrwürdigen Protokollen ist niedergeschrieben, was in den

sonnabendlichen Konventen gebeichtet, verhandelt, geurteilt und gelehrt

worden, zu denkwürdigem Zeugnis von der gewaltigen Macht und Tücke

des Kleinen und von der Überwindung solcher Macht. In diesen heiligen

Büchern mit mir zu blättern, bist du nunmehr, teuerster Leser, herzlich

gebeten.

Haare in der Feder.

Es ist verzeihlich, Mensch, daß du meinst, wenn dir ein Haar in der

Schreibfeder sitzt, es werde sich beim Schreiben von selbst wieder

daraus entfernen. Bedenke aber, daß Haar und Feder, sobald sie diese

deine Meinung merken, nur um so zärtlicher zusammenhalten. Aus

dem verschmierten Buchstaben wird ein verschmiertes Wort, aus dem

verschmierten Wort eine verschmierte Zeile; in der nächsten Zeile geht

die Schmiererei rüstig weiter und dauert so lange, bis du die Feder

auf den Tisch haust, sie zerbrichst und dir die Hand verstauchst. Daß

du die ganze Seite nun noch einmal schreiben mußt, kostet bloß Zeit.

Die verstauchte Hand kostet Zeit, Verdienst und ärztliches Honorar:

das will alles noch nichts sagen. Aber das Wutgift, das sich in dir

angesammelt, während du mit steigendem Ingrimm auf die Vernunft eines

Haares hofftest, und nun der tage-, der wochenlange, mindestens der

viertelstundenlange Ärger über all die Widerwärtigkeit: die fressen

Nerven und Hirn, und das läuft in die Papiere. Sobald du, o Mensch,

ein Haar in deiner Feder spürst, spreize die Feder und entferne das

Haar, und will dir's nicht gelingen, so wirf die Feder weg oder das

fasernde Papier, und nimm neues Material, und lächle dabei als ein

Wissender, der in aller Ruhe und Behaglichkeit ein glänzendes Geschäft

macht.

Infame Halskragenknopflöcher.

Es gehört zu den selbstverständlichsten Erscheinungen, daß die

Knopflöcher neuer, namentlich etwas enger Halskragen sich gegen

die Aufnahme größerer Knöpfe wehren. Nach dem ersten vergeblichen

Versuche pflegt der Mensch von heute »Na?!« zu rufen, nach dem zweiten

»Nanu?!!«, nach dem dritten: »Na, da soll aber doch gleich --!«, nach

dem vierten pflegt er sich bereits erschöpft auf das frischgemachte

Bett fallen zu lassen; beim fünften bricht er sich einen Fingernagel

ab; nach dem sechsten schleudert er den Kragen in die Ecke und mit dem

Kragen ein wertvolles Glas vom Waschtisch hinunter, und wenn seine

Frau mit dem heitersten und liebenswürdigsten Gesicht von der Welt

hereinkommt und ihn lächelnd etwas fragt, so antwortet er in einem

unliebenswürdigen Tone, der ihm und ihr den ganzen Abend und den

folgenden Morgen verdirbt. Der arme Unwissende und Verblendete merkt

nicht, daß die Schar der tückischen kleinen Knopf- und Kragendämonen

sich bei jedem Fluche verdoppelt, und daß ihre Gewalt und ihr Gewieher

schon nach dem dritten Versuch ins Ungeheure und Unbezwingliche

gewachsen ist.

Der Mensch nehme einen rundlichen, kegelähnlichen Gegenstand, z. B.

ein geschlossenes Scherchen, treibe ihn in das Knopfloch, und weite

es ein wenig und mit Ruhe; er trete dann vor den Spiegel, und er wird

sehen, daß der Knopf gefügig in sein Loch schlüpft, und daß der Mann

im Spiegel ihn anschaut mit der heiteren Ruhe eines Gottes, zu dessen

Füßen sich die Dämonen der Hölle krümmen. Einsatz bei diesem Spiel:

eine Minute Zeit; Gewinn: ein frischgemachtes Bett, ein Fingernagel,

ein venetianisches Glas, eine Viertelstunde Zeit, eine liebenswürdige

Frau, ein fröhlicher Abend, ein dito Morgen, mehrere Bündel Nerven und

ein gehöriges Quantum Herz- und andere Muskelkraft. Was sind dagegen

die Chancen in Monte Carlo?!

Vergessene Hosenträger.

Bei Menschen, welche sich auch während des Ankleidens mit der

Komposition von Sonaten oder Parlamentsreden befassen, ist es gar

zu leicht möglich, daß sie, in Frack, Lack, Claque und Handschuhen,

und schon im Begriff, in den Wagen zu steigen, an dem erbärmlichen

Gefühl einer Art innerer Haltlosigkeit (nicht ihrer Reden, sondern

ihres äußeren Menschen) plötzlich inne werden, daß sie die Hosenträger

anzulegen vergessen haben. Ein teurer Novize, den wir bald als

Konfrater in den Schoß unserer Gemeinschaft aufnehmen zu können hoffen,

ist in solchem Falle die Treppen wieder hinaufgestürmt, hat sich dabei

mit dem Fuß in seinen Cylinder verwickelt, hat sich unter Entwicklung

einer unglaublichen Körpertemperatur fast bis auf die Haut ausgezogen,

beim abermaligen Ankleiden seine Weste nicht wiederfinden können

und endlich infolge alles dessen die Trauung seines besten Freundes

versäumt. Und das alles um eines Unfalles willen, der für die Brüder

vom geruhigen Leben in seiner Harmlosigkeit etwas ausschließlich

Erheiterndes hat. Diese Brüderschaft pflegt nämlich vor dem Ankleiden

sämtliche Garderobenstücke in der natürlichen Ordnung vor sich

hinzulegen, so daß das Vergessen eines notwendigen Requisits nahezu

unmöglich erscheint. Kommt sie aber dennoch in die Lage unseres teuren

Novizen, so legt sie mit humorvoller Kühle Rock und Weste ab, legt

die Hosenträger an und zieht Weste und Rock wieder an: eine Sache,

die keine 5 Minuten beansprucht. Diese 5 Minuten -- das ist nun das

Bedeutungsvollste an der ganzen Sache -- hat ein Bruder vom geruhigen

Leben _immer_ übrig, weil er sich für jede Toilette vor Abfahrt der

Droschke oder Eisenbahn mindestens 10 Minuten Zeitüberschuß gestattet.

Das ist wohl der einzige Grund, weshalb es noch keine Schwestern vom

geruhigen Leben gibt.

Das Laster des Zeitgeizes ist von der Gemeinschaft der Brüder wegen

seines besonders nervenverheerenden Charakters von je mit besonders

hohen Bußen belegt und bei schwerem Rückfall wohl auf 500 Pfennige für

die Armen und den gleichen Betrag für die Punschbedürftigen erkannt

worden.

Geburtsscheine im Fliegenschrank, Taschenuhren unterm Sofa und

ähnliches.

Es ist für den modernen Menschen, der zum Arbeiten bestimmt ist wie

nur je ein Wesen irgend einer Periode, ein wahrer Fluch, wenn er die

Stiefel, die er braucht, erst im Kohlenkasten suchen muß, und die

Butter, deren er zum Frühstück benötigt, erst nach halbstündigem Suchen

endlich im Aktenschrank entdeckt, noch dazu unter einem ganz verkehrten

Buchstaben. Mehr als je bedarf der Mensch der Ordnung, wenn ihn die

verwirrende Fülle seiner Pflichten nicht verrückt machen soll. Ohne

Zweifel würde auch die Ordnung längst einen größeren Raum im Leben der

Menschheit gewonnen haben, wenn nicht immer unnatürlicherweise verlangt

würde, daß man die Ordnung »lieben« solle. Das ist nun einmal nicht

zu verlangen. Es ist mit der Ordnung genau wie mit dem Verräter: man

schätzt ihre Dienste, aber man hat ein Grauen vor dem, der sie leistet.

Selbst von unserm Schiller, der es über sich gebracht hat, die Ordnung

in vorzüglichen Versen anzusingen, ist uns bekannt, daß er zu ihr

keineswegs ein intimes Verhältnis unterhielt, und obwohl er so weit

gegangen ist, zu behaupten, daß die Ordnung »das Gleiche _frei_ und

_leicht_ und _freudig_ binde«, hat er doch wohlweislich die Heuchelei

nicht so weit getrieben, von »Liebe« zu sprechen. Die Leistungen

der Dame sind allerdings ganz außerordentlich, ja großartig und

bezaubernd, und so mag es ja vereinzelt vorkommen, daß jemand sie um

dieser Leistungen willen »liebt«, wie etwa ein Junggeselle schließlich

seine alte und anspruchsvolle, aber kolossal tüchtige Haushälterin

heiratet -- abnorm bleibt es aber immer. Dabei wird die Gemeinschaft

der Brüder vom geruhigen Leben es stets als eine ihrer vornehmsten

Aufgaben betrachten, die ungeheuren Verdienste der Ordnung unermüdlich

zu preisen. Tritt am Morgen in dein Zimmer, wo sie gewaltet und -- wenn

sie nicht übertrieben hat -- welch ein alles umschwebender Glanz der

Schönheit strahlt dir entgegen! Dein Arbeitstisch lockt und reizt dich

wie eine köstlich gedeckte Tafel; Papier und Schreibzeug schimmern so

sanft und licht wie Porzellan von Sèvres und altes Silber und Venediger

Glas, und die Blumen sagen dir fühlbar »Guten Morgen«, weil eine

sorgliche Hand sie gepflegt. Und wenn du dich nun zur Arbeit setzest

-- welch eine Ruhe legt sich tief auf den ganzen Grund deines Gemüts!

Das ist wohl die erhabenste Leistung der guten Frau, daß sie, die uns

durch die Milchstraße führt wie durch ein Blumengärtchen auch den

mörderischen Wirrwarr des modernen Lebens schlichtet und, wo sie ihre

kühle Hand auf eine Stirn legt, dem erhitzten Gehirn die Ruhe bringt.

Sie ist die barmherzige Schwester für Nervenkranke. Und wie du nun,

geruhig in deinem Stuhle sitzend, auf wohlüberschauten Wegen zu deiner

Arbeit fernsten Zielen schreitest, nein, springst, nein, fliegst!

Man beachte doch wohl, daß gerade die kältesten, profitfreudigsten

Geschäftsleute am eifrigsten auf Ordnung halten. Weil man eben in jede

Gleichung die Ordnung getrost als eine Pferdekraft einsetzen kann,

das sind sieben menschliche Arbeitskräfte. Mit Ordnung kannst du das

römische Reich regieren, nebenher sieben schöne und sieben ritterliche

Künste treiben und in freien Stunden dem Angelsport huldigen, während

du als unordentlicher Mensch einen ganzen Tag vergeblich aufwendest, um

eine Schusterrechnung doppelt zu bezahlen, weil du die Quittung nicht

findest, und dabei noch mit einem Gefühl durch dein Zimmer rennst, als

wenn ein Teufel dein Gehirn und die umgebende Welt mittels eines Quirls

zu einem Urbrei verrührte. Darum lautet ein vornehmstes Gebot unserer

Brüderschaft: Habe einen Menschen, der dir alle deine Sachen in Ordnung

hält, und wenn du keinen findest: tue es eher selbst, als daß du dich

der Unordnung ergibst! Die Sachen innerhalb deiner Persönlichkeit mußt

du ja doch selbst in Ordnung halten, und bei einigen Menschen ist dies

das meiste.

Ausgeschlagene große Lose und Ähnliches.

Der moderne Mensch empfängt von Zeit zu Zeit Briefe mit Lotterielosen,

die er nach der Ansicht der Absender kaufen sollte. Unsere jüngeren

Brüder pflegen ein solches Los, wenn sie es nicht behalten wollen, mit

abgewandtem Gesicht wieder zu couvertieren, damit sie, wenn es später

mit 300000 Mark gezogen wird, die Nummer gar nicht wissen. Anfängern

im geruhigen Leben ist diese Weise auch gar wohl zu empfehlen. Jene

Brüder freilich, die bereits die höheren und höchsten Weihen empfangen

haben, bedürfen solcher Vorsicht nicht mehr; ja, sie merken sich wohl

gar die Nummer, um deren Schicksal aus der Ferne mit wohlwollender

Objektivität zu verfolgen. Denn diese Weisen wissen nicht nur, sondern

sie _fühlen_ es auch, daß man nach Nichtgewinnung des großen Loses

genau so viel besitzt wie vor Nichtgewinnung des großen Loses und also

nicht der geringste Grund zur Klage vorliegt. Die Brüder vom geruhigen

Leben preisen nicht die Armut, schon deshalb nicht, weil sie ein

gutes Konzert und einen schönen ~Siran Labarde~ lieben; aber sie sind

davon durchdrungen, ja ich möchte sagen: durchtränkt, daß es bodenlos

gleichgültig ist, wieviel Einkommen andere Leute haben, wenn man selbst

so viel hat, daß man auskommen kann. Ein Bruder vom geruhigen Leben,

dem so viel geworden ist, wird kaum wissen, wieviel Gehalt seine

Kollegen beziehen, und wenn ihm ohne Gerechtigkeit einer vorgezogen

wird, so wird er sich zwar über die Ungerechtigkeit ärgern wie über

alles Unrecht in der Welt; aber er wird nicht an das entgangene Geld

denken; tut er es aber dennoch, so wird er am nächsten Samstag voll

Freudigkeit seine Strafe zahlen. Ein Bruder, der einen erheblichen

Vermögensverlust erleidet, ist für vier Wochen von der Ableistung

gewisser Freudentänze und Jubelgesänge entbunden, auch darf er

natürlich Versuche zur Wiedererlangung des Verlorenen machen. Trauert

er aber um Unwiederbringliches, oder trauert er zu lange, so verfällt

er der Strafe; denn ein Bruder vom geruhigen Leben soll wissen, daß er

dem verlorenen Reichtum das Zehnfache hinzulegt durch seinen Kummer.

Und ein Bruder, der reich gewesen, soll wenigstens das vom Reichtum

gehabt haben, daß er erkannt hat: Tägliche Austern schmecken entweder

genau so wie tägliches Rindfleisch oder -- schlechter, und der Schlaf,

»das nährendste Gericht am Tisch des Lebens«, pflegt über einer

gewissen Steuerstufe an Qualität einzubüßen. Wer aber den verlorenen

Reichtum um der Wohltätigkeit willen liebte, der bedarf keines Trostes.

Denn der Schatz zum Wohltun ist solider Reichtum und sitzt an einer

Stelle, wo Kursstürze und Zahlungseinstellungen ihre Macht verlieren.

Flöhe bei Audienzen, photographischen Sitzungen u. s. w.

Man darf in guter Gesellschaft getrost von Flöhen reden; denn

bekanntlich haben sogar Könige Flöhe und zwar große. In der Umgebung

der Könige gibt es oftmals Hunde, und Hunde pflegen Flöhe abzugeben.

Zuweilen handelt es sich auch nicht um Flöhe, sondern um ein ganz

gewöhnliches und zufälliges Hautjucken, wie es mit Vorliebe auftritt,

wenn der Photograph Stillsitzen geboten hat, oder wenn man den toten

Julius Cäsar spielen muß, oder wenn man vor einer heißgeliebten Dame

eine besonders gute Figur machen möchte, oder wenn man vor einer

sehr hohen Persönlichkeit steht und nicht gerade angeredet wird, sich

aber doch beileibe nicht kratzen darf. Sobald aber die hochgestellte

Persönlichkeit ein hochwichtiges Wort an einen richtet, sind Floh und

Jucken sofort verschwunden, und aus dieser bemerkenswerten Erscheinung

soll der Bruder vom geruhigen Leben lernen. Wie? soll er sich fragen,

was ein Staatsminister vermag, das sollte dein Wille nicht vermögen,

der, schlecht gerechnet, ein König ist? Ein Floh oder ein Großfürst

sollten stärker sein als deine Selbstbeherrschung? Kannst du den Floh

verachten, wenn dir der Kaiser eine Statthalterschaft umhängt, so

kannst du's auch, wenn du daheim sitzest als dein eigener Herr! Hier

gibt es nun Menschen, die dagegen ihr unbezähmbares Temperament und

ihre feurige Gemütsart einwenden.

»Rache! Pest! Tod! Vernichtung!

Feurig? Was für'n Gemüt? -- Mein Hauch u. Blut!

Feurig? Der feurige Herzog?«

Glaubt ihr, die Gottesgabe des Feuers sei euch ins Blut gegossen,

auf daß ihr gegen Flöhe und Hosenträger kämpft? Wahrlich, wer sein

Temperament an einen Halskragen verschwendet, der wird schlaff sein,

wenn Handschellen und Halseisen ihm drohen. Auch sei doch der Mensch so

weise, zu erkennen, daß jedes Juckteufelchen sofort erlahmt und abläßt,

wenn man es verachtet. Audienzen, in denen man etwas bekommt, dauern

nicht ewig, und der größte Floh wird einmal satt: das unterscheidet

ihn von den menschlichen Blutsaugern. Wer aber einem Kitzeln -- sagen

wir: im linken Ohrläppchen -- nur die geringste Beachtung schenkt, der

erkennt sofort die infame Zahllosigkeit und niederträchtige Solidarität

der Myriaden von Juckteufelchen, die ihn von allen Seiten wie einen

Falstaff zwicken. Wer nicht herrscht an allen Nervenenden seiner

Peripherie mit der absoluten Monarchie seines Hirns, der mag in dieser

Welt wohl zu Grunde gehen unter eingebildeten Mückenschwärmen.

Komitees in allen Gassen.

Zu den verheerendsten Irrtümern der überregen Menschheit von heute

gehört die Meinung, daß ein tätiger Mensch überall mitarbeiten müsse,

und daß der Ernst des Lebens niemals weniger von uns verlange als das

Leben. Eine der edelsten Bemühungen ist es, sich zum Schutze der Tiere

zu vereinen, und doch ist keineswegs gesagt, daß du, Cajus, dabei sein

müßtest. Steure zu allem Guten so viele Obolen bei, wie du vermagst;

aber wenn du zu allem Guten auch von deiner Kraft hergibst, so bist

du ein kopfloser Verschwender, der auf den leichtfertigen Bankerott

hinsteuert. Unser geliebter Sempronius hat Lehrgeld bezahlt. Wo es

ein Mäuslein zu schützen, einen Aussichtsturm zu errichten, ein

Blindenasyl zu gründen gab, war er mit seinem lodernden Herzen dabei.

Nach zwei Jahren war er ein müder Mann, den es kalt ließ, wenn ein

armer Gaul von rohen Fuhrleuten gepeinigt wurde, und der darum Ekel

vor sich selbst empfand. Erst in den Armen unserer Brüderschaft ist er

gesundet, hier, wo es heißt: du kannst nicht auf alle Berge des Lebens

steigen. Und brauchst es nicht. Suche _einen_ möglichst hohen Gipfel zu

erreichen; wenn du willst auch _einige_, und du wirst mit frischem Auge

verstehen, was Höhen und Tiefen des Daseins sind. Auch nicht braucht es

der Gaurisankar zu sein oder der Mont Blanc -- schon auf einem Rigi,

einem Monte Pian, einem Brocken geht dir eine ausgebreitete Welt durch

die Augen ins Herz. Auf anderen Gipfeln stehen andere und geben deinem

Feuer Antwort durch Feuer, dessen Flammen mit deiner Lohe und deinem

Herzen gemeinsam emporzucken zum alles vereinenden Himmel.

O daß die Menschheit immer in Extremen ihre Lebensbahn dahinwackelt

und meint, weil der Mensch tätig sein soll, er müsse immer tätig

sein. Künstereiche Zeit, die du eine Kunst so ganz verlernt hast: die

köstliche Kunst, zu rechter Stunde zu faulenzen! Genüsse suchendes

und findendes Geschlecht, das du _einen_ Genuß nicht wiederfinden

kannst: den Genuß des Lebens! Armer Mensch, dessen ganzes Leben die

Not frißt; ärmerer Mensch, der du Zeit zum Faulenzen hast und sie

nicht nützest: »ärmer«, weil du krank bist! Wie ein verdorbener Gaumen

die lautere Labe des klaren Wassers verschmäht, so kennen Sinn und

Herz den heiter fließenden Trank des reinen Wassers nicht mehr. Nach

schwerer Krankheit fühlen sie wohl in der Wonne der Genesung das Glück

des reinen Seins, des Lebens an sich. Aber ist es nicht ein niedriger

Sinn, der den Reichtum erst dankbar erkennt in der Armut und die Gabe

erst schätzt, wenn sie ihm wieder entrückt ward? Fühlt ihr am Morgen

nicht in den aufgespannten Augen das Glück des Wachens, das mit neuem

Übermut den bunten Mantel der Träume verschmäht vor dem weißen Linnen

der Frühe? Fühlt ihr nicht an den Lippen den morgenkühlen Becher des

neuen Tags? Fühlt ihr nicht seine bewegliche Flut durch alle Glieder

rieseln? Und tragen Muskel und Gebein nicht ihre wohlbemessene Last mit

wohliger Lust davon, und singt nicht das ruhig schlagende Herz dazu

ein bejahendes Lied? Habt ihr nie in der Glut des Mittags am Ufer des

Stromes gelegen und ohne Ziel hinaufgeblinzelt in den blauen Brunnen

der Unendlichkeit, in dem die Spenderin unserer Tage wohnt? Sind eure

Augen nicht halbe Stunden lang mit den Wellen gewandert, und hat euer

Herz nicht leichtsinnig dazu gelächelt: Zeit, fließe nur hin? Habt ihr

niemals den silbernen Sand des Ufers durch die Finger rieseln lassen

und also harmlos mit dem Stundenglas des Todes gespielt? Und habt ihr

nie die letzte Stunde des Abends dahingegeben zum Abschiedsfest mit der

Sonne und habt ihr nicht gesehen, wie sie selbst den Rest des Tages

über die Höhen ausgießt und den roten Wein verschwendet zur Feier der

Schönheit?

Zeit ist Geld, und Geld ist Zeit, und mit beiden haushalten zu müssen,

ist Menschenlos. Aber der Zeitfilz ist so klein wie der Geldfilz.

Selbst der Arme und gerade der Arme, wenn ihm Stunden der Ruhe blühen,

gönnt sich die Lust, bewegungslos auf der Welle des Lebens zu treiben

und den Tag ohne Zweck zu trinken als Licht und Luft. Und du, erhabene

Macht, die jeder mit anderen Namen nennt, mach' uns alle zu Brüdern

vom geruhigen Leben, die auch in gesunden Tagen mit Lust das Leben an

seiner Quelle trinken, die auch im ungestörten Besitz jenes Verlangen

edler Herzen fühlen, ihren Dank ins Unbekannte emporzusenden. Wessen

Seele den Gaben des Himmels offen liegt: jeder wärmende Strahl

entzündet auf dem Herd seines Herzens ein Opfer des Dankes; sein ganzes

Wesen hebt sich zum heiteren Antlitz des Tages empor, wie die Flut des

Meeres sich dem schweigenden Gestirn der Nacht entgegenhebt.

Langstielige Maler, Kellner, Versicherungsagenten u. s. w.

Im Münchener Löwenbräukeller saß einst ein Mann vor einer hohen Maß

Bier. Von Zeit zu Zeit nahm er den Krug, hob den Deckel, schaute

hinein, indem er den Krug schüttelte, und stellte ihn, ohne zu

trinken, wieder hin. Dies wiederholte sich dreimal. Ein Bruder vom

geruhigen Leben fragte ihn nach der Bedeutung solchen Tuns. Der

gefragte Münchener sprach: »Wann der Schaum mitwackelt, nacha is's

guat g'schenkt; aber er wackelt net.« Und sieh, als sich aller Schaum

verdichtet hatte, da fehlte wohl ein Sechstel am richtigen Maß.

Schweigend, aber »mit Knotenstock im Blicke«, reichte er den Krug der

Kellnerin; schweigend nahm sie ihn entgegen und brachte bald ein voll

gerüttelt und geschüttelt Maß zurück.

Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben rechnet zwar ein

Sechstel Liter Löwenbräu gewiß zu den Dingen, die ein großzügiger

Mensch verachten darf; aber im Prinzip bewundert sie den Mann mit dem

wackelnden Schaum. Denn wenn auch ein gewisses Quantum erlittenen

Unrechts zur täglichen Würze des Lebens gehört und die Menschheit zur

Beschaffung dieses Gewürzes eine Versicherung auf Gegenseitigkeit

geschlossen hat -- ein Unrecht mit Widerhaken soll man nicht

verschlucken. Solch ein Unrecht will dann monatelang, jahrelang doch

nicht hinunter, soviel man auch schluckt, und richtet mehr Schaden an,

als die ganze Duldung wert ist. Auch kommt das meiste Unrecht in der

Welt auf Rechnung derer, die Unrecht leiden. Die Brüder vom geruhigen

Leben erstreben nicht die Ruhe jener Vegetabilien, die von den Ziegen

gefressen werden. Sie sind groß genug, das Kleinliche zu verachten, und

ein paar tausend Mikroben schaden ihrem gesunden Magen nicht; aber sie

entwickeln eine sanft- und stillsinnige Kratzbürstigkeit, wo sie auf

Gewohnheit und System im Unrecht treffen. So trifft der moderne Mensch

in Hotels und Restaurants, auf Reisen und daheim immer häufiger auf

eine Art von Wesen, die dem Gaste, was sie ihm nicht entraffen, auf

jegliche Weise verekeln, und es nahezu als gewiß erscheinen lassen,

daß Homer und Hesiod bei den Harpyien an eine Art Oberkellner und

Hoteliers gedacht haben. Auch Kellnerinnen können sehr langstielig

und unangenehm sein, wenn man von ihnen Dinge verlangt, die nicht

zweifellos zur Bedienung ihres jeweiligen Studenten oder Sergeanten

gehören. Ein anderer, ebenfalls sehr ehrenwerter Stand hat Angehörige,

die, mit der Eleganz von Gesandtschaftsattachés gekleidet, unserm

Dienstboten ihre hochfeine Visitenkarte überreichen, sämtlichen

Hütern unseres Hausfriedens auf das Bestimmteste versichern, daß

sie »den Herrn selbst« in einer wichtigen Sache sprechen müßten,

endlich mit dem Anstand von Trägern diplomatischer Missionen in unser

Arbeitszimmer treten, die persönlichen Grüße hervorragender Männer

der Kunst, der Wissenschaft, der Politik überbringen, mit intimer

Kenntnis von deren Gewohnheiten plaudern und bald bei einem großen

Manne verweilen, der eine rührende Liebe und Fürsorge für seine Familie

bekunde und infolgedessen erst kürzlich bei ihm, unserm geschätzten

Besucher, sein Leben mit 100000 Mark versichert habe. Eine andere

Menschenart übernimmt die Anstreichung eines Hauses, erscheint

pünktlich am festgesetzten Tage und beginnt den Anstrich, um dann dich

und dein viertelbemaltes Haus vierzehn Tage oder auch drei Wochen lang

miteinander allein zu lassen, nach dieser Zeit abermals ein einmaliges

Gastspiel zu geben u. s. w. ~in infinitum~. Ein Bruder vom geruhigen

Leben pflegt schon nach dem ersten Ausbleiben des Malers einen andern

kommen und von diesem das Haus zu Ende malen zu lassen, so daß es bei

der Wiederkehr des ersten Mannes stets einen überraschend heiteren

Eindruck macht. Die Brüder vom geruhigen Leben kennzeichnet überhaupt

_Heiterkeit_ und _Handlung_. Sie werfen die kleinen Ärger des Tages von

sich, ohne sich zu ärgern. In all den Quisquilien des alltäglichen

Lebens befolgen sie den Grundsatz: Es geht ohne Aufregung auch, und

besser.

Dreiecke im Frack, Rußflecken auf der Nase u. dgl.

Es gibt eine Sorte von Unglücklichen, die mit erschreckender

Regelmäßigkeit, gerade wenn sie vor eine mächtige Persönlichkeit

hintreten sollen, ausgleiten und hinstürzen, und denen dabei quer

übers Knie das Beinkleid zerreißt, oder die just, wenn sie einem

allerliebsten Mädchen eine Rose überreichen, einen schwarzen Fleck auf

der Nase haben. Ein noch weit größeres Unglück aber ist die beständige

Furcht vor solchen Nasflecken und Kniefällen, und diese Furcht peinigt

oft die besten und anmutigsten Seelen. Sie genieren sich nicht nur,

sondern sie sind bange, daß sie sich genieren könnten, und sind

ceremonieller als der Ceremonienmeister, um sich nur immer tiefer in

Ungemach und Befangenheit zu verstricken. Große Seelen und liebreiche

Herzen haben um deswillen Beruf und Glück verfehlt. Niemand glaube, daß

solchen Armen mit einer Tanzmeistererziehung geholfen wäre! Die Ruhe

des Zentrums fehlt ihnen, die die Brüder vom geruhigen Leben so heiter

und glücklich macht. Der unterzeichnete Bruder Schreiber sah einst, wie

ein baumlanger Mensch, der bei einem wahrhaft anmutigen Mädchen einen

möglichst guten Eindruck zu erwecken redlich bemüht war, seiner ganzen

Länge nach vor ihr in den Sand fiel. Das Verkehrteste bei solchem

Falle ist es, sich stückweise aufzusammeln, die Kniee abzuputzen und

Entschuldigungen zu stottern, wo es nichts zu entschuldigen gibt.

Unser langer Freund lachte. Er wurde so von der Komik seiner Situation

geschüttelt, daß er liegen bleiben mußte und nichts vermochte, als den

Kopf zu erheben und zu der Angebeteten emporzulachen, und er lachte

so innerlich, so hell und strahlend, so mit der vollen, hallenden

Resonanz des Herzens, daß sie in gefährlichster Weise angesteckt

wurde, und man deutlich bemerken konnte, wie er mit seinem Fall auf

dem Wege zu ihrem Herzen einen Schritt von der ganzen Länge seiner

Persönlichkeit vorwärts getan habe. Nehmt die Dinge und euch selbst

nicht schwerer, als ihr seid, dann tragt ihr leicht, dann fallt ihr

leicht. Seid versichert, arme, gehetzte Selbstpeiniger: wenn ihr im

Vorzimmer eines Fürsten oder einer umworbenen Dame oder ähnlicher

Souveräne euch ein Dreieck in den Frack reißt, oder eure Krawatte

sich löst, oder der schädelsprengende Schnupfen des redlichen Albert

Einhart euch überfällt, und der Fürst oder die Dame euch darum abfallen

lassen, dann handelt es sich um Damen und Fürsten, mit denen ein Bruder

vom geruhigen Leben überhaupt nicht verkehren sollte. Resigniert mit

Lachen und seid gewiß, daß euch bessere Dinge aufgehoben sind.

Diners von 3--12.

Noch verbreiteter als die Meinung, überall mitwirken zu müssen, ist

unter uns armen Sterblichen die Überzeugung, daß wir überall mitessen

müßten. Nicht, daß die Brüsseler Poularde mit Kompot und Salat nicht

schließlich auf jeden ihre ermüdende Wirkung ausübte! Nein, es ist

der Glaube an die Allmacht der »Gesellschaft«, der die Menschen feige

macht und die Meinung in ihnen erweckt, sie müßten jährlich einmal bei

sämtlichen Lehmanns essen, jährlich einmal sämtliche Lehmanns bei sich

sehen, sämtlichen Lehmanns Verdauungsvisiten machen und von sämtlichen

Lehmanns dergleichen Visiten entgegennehmen, wobei noch zu bedenken

ist, daß die Lehmanns außerdem die Gewohnheit haben, sich zu verloben,

zu heiraten, sich fortzupflanzen, zu avancieren und Jubiläen zu feiern.

»Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,

Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.«

Deutsche Humoristen, 3. Band (von 8) · 第 6 / 14 题