Dritter Band

Hans Hoffmann ▣ Otto Ernst

Max Eyth ▣ Helene Böhlau

[Illustration]

6. bis 10.

Tausend

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1904

Inhaltsverzeichnis zum 1. Bande der »Deutschen Humoristen«

(Hausbücherei Band 3).

Vorwort.

_Vischer_, _Friedr. Theodor_: Humor. Gedicht.

_Rosegger_, _Peter_: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.

_Rosegger_, _Peter_: Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten.

_Raabe_, _Wilhelm_: Der Marsch nach Hause.

_Reuter_, _Fritz_: Woans ick tau 'ne Fru kamm.

_Roderich_, _Albert_: Nemesis.

Inhaltsverzeichnis zum 2. Bande der »Deutschen Humoristen«

(Hausbücherei Band 4).

Vorwort.

_Brentano_, _Clemens_: Die mehreren Wehmüller oder ungarische

Nationalgesichter.

_Hoffmann_, _E. Th. A._: Die Königsbraut. Ein nach der Natur

entworfenes Märchen.

_Zschokke_, _Heinrich_: Die Nacht in Brczwezmcisl.

Inhaltsverzeichnis zum 3. Bande der »Deutschen Humoristen«.

_Hoffmann_, _Hans_: Eistrug 9--40

_Ernst_, _Otto_: Die Gemeinschaft der Brüder

vom geruhigen Leben 41--78

_Eyth_, _Max_: Der blinde Passagier 79--142

_Böhlau_, _Helene_ (Madame al Raschid

Bey): Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe 143--196

[Illustration]

Hans Hoffmann:

Eistrug.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt

aus dem Buche »Von Frühling zu Frühling« (Berlin: Verlag von Gebrüder

Paetel, 3. Auflage 1898).

Eistrug.

»Das ist wahr,« sagte Kapitän Kannenberg -- Robert Kannenberg, der

die »Pomerania« führte -- »etwas anhängen bleibt einem immer von

solcher jugendlichen Liebschaft, wenn auch sonst gar nichts dabei

herausgekommen ist; und es passiert auch, wenn man sie längst vergessen

hat oder bildet sich das doch ein, dann muckert sie hinterher noch 'mal

nach, daß einem Hören und Sehen vergeht: und dafür bin ich selbst ein

lebendiges Beispiel gewesen.

Also, ich war schon ein paar Jahre auf See und dachte gewiß und

wahrhaftig nicht mehr viel an meine Jugendflamme, die hübsche Hersilie,

kümmerte mich auch nicht drum, was aus ihr geworden wäre. Nun kam ich

aus der Südsee zurück mitten im Februar. In den Hafen konnt' ich bequem

einlaufen, den hielten die Dampfer offen, aber weiter 'rauf übers Haff

ging's nicht mehr, das war fest zugefroren. Es war lange Tauwetter

gewesen und dann auf einmal noch spät im Januar scharfer Frost.

Nun ist das eine komische Sache, wenn man von 'ner großen Fahrt

zurückkommt und es riecht einem dann plötzlich alles so heimatlich,

und wenn's auch bloß Teergeruch ist; es schlägt einem doch aufs Gemüt.

Und hier war noch das Besondere, daß die ganze Gegend da herum so viel

Ähnliches hatte mit der bei uns zu Hause, nämlich die Werften und die

Schiffe und das Bollwerk und der Strom und besser hin die großen Wiesen

zu beiden Seiten, die jetzt überschwemmt und mit blankem Eis bedeckt

waren. Diese Erinnerung schlug mir erst recht aufs Gemüt, und ich mußte

immer wieder an unser altes Nest denken, und daß doch immer noch die

Gräber meiner Eltern da auf dem Kirchhof waren, wenn ich auch sonst

nichts mehr da zu suchen hatte. Und so dämmerte ich schon tagelang in

einer kuriosen Verfassung umher. Wenn ich aber sagen sollt', daß ich

jetzt schon nach der hübschen Hersilie 'ne Extrasehnsucht gehabt hätte,

müßte ich lügen. Wenn ich sie hier am Platz ohne Umstände hätte sehen

können, wär's mir so wahrhaftig eine große Freude gewesen und hätt'

mich auch inwendig aufgeregt; aber große Geschichten drum zu machen

fiel mir nicht ein.

Da wollte aber der Teufel oder sonst wer, daß ich an einem Morgen bei

unserem alten Radmann zu tun hatte, der sich jetzt hier niedergelassen

hatte und reich geworden war, und daß er mich dann natürlich gleich

zu Mittag da behielt. Das war ja so weit sehr schön von ihm; und der

Hasenbraten war gut, und der Rotspohn war sehr gut: sie haben da so

ihre stillen Quellen für diese Ware.

Und nachdem wir in Frieden vielerlei Geschäftliches gesprochen hatten,

sagte Radmann so beiher:

»Merkwürdig ist's doch, wie sich das manchmal so zusammentrifft: heute

sind Sie bei mir, und gerade gestern früh treffe ich Ihren alten Freund

Heinz Wichards, Pastors ihren, den Sie ja nun auch wohl seit Jahren

nicht gesehen haben.«

»I wo Donner,« rief ich ganz aufgeregt, »hier doch nicht?« Denn

natürlich hatte ich ihn jahrelang nicht gesehen.

»Nein,« sagt er, »ich bin gestern erst mit der Post von Stettin

gekommen; da hab' ich ihn getroffen.«

»Was zum Kuckuck hat der in Stettin zu tun?« rief ich. »Ich denke, der

sitzt in Berlin bei seinen Museums und Gipspuppen.«

»Tut er auch,« sagte Radmann, »und sie wollen ihn da nun bald zum

Professor machen. Aber jetzt ist er auf dem Wege nach Ellermünde,

nämlich wegen dem alten Küper; Sie wissen doch, daß der tot ist?«

Ich wußte natürlich nichts davon, und es fuhr mir ordentlich in die

Glieder. Es war doch immer Hersiliens Vater, wenn er mich auch sonst

nicht viel anging. Und ich muß sagen, im stillen wurd' ich ganz rot vor

Schreck; zu sehen war aber wohl nichts davon, weil ich so schon rot

genug im Gesicht war, denn wir standen bei der fünften Flasche, und

der leichteste war der Chateau nicht.

»Aber was hat der Heinz Wichards damit zu tun?« fragte ich ganz

schüchtern.

»Der will sich die alten Marmorscharteken ansehen, die der Küper

hinterläßt -- Sie wissen doch, das Zeug, das er aus Griechenland

eingeschleppt hat -- vielleicht, daß er sie für sein Museum kaufen

kann. So hat er mir gesagt. Möglich ist ja aber auch, daß er das

lebendige Marmorpüppchen, die hübsche Hersilie, mal wieder unter die

Lupe nehmen will; man hat so Exempel von Beispielen. Anzumerken war's

ihm schon, wie nahe es ihm ging, daß die arme Person jetzt so verwaist

dastände. Und verdächtig sind diese Art Mitgefühle immer, wenn solche

arme Person so verteufelt hübsch ist wie die kleine Hersilie und noch

obendrein eine alte Jugendflamme. Man hat Exempel von Beispielen.«

So redete er ganz ruhig und hatte keine Ahnung, daß mir dabei etwas in

den Kopf gefahren war wie ein Wirbelwind. Ich sage nicht, daß nicht

auch der Rotspohn sein Teil daran gehabt hat, denn es kam zu plötzlich

und zu toll. Und wenn ich ehrlich sein soll, es war eine richtige

Gemeinheit und nicht um ein Haar was Besseres, was mich da gepackt

hatte; nämlich der niederträchtige, giftige Neid und Eifersucht auf den

alten Freund und friedlichen Nebenbuhler, daß der nun doch zu guter

Letzt bei unserer gemeinsamen ehemaligen Flamme sollte zum Ziele kommen

können.

Und mit einem Schlage war die ganze alte Leidenschaft in mir wieder da,

toller als je, und ich hätte in diesem Augenblick einen Finger darum

gegeben, wenn ich der süßen Hersilie nur die Hand hätte küssen können.

Wie das so auf einmal möglich war nach all den ruhigen Jahren, verstehe

ich noch heute nicht; es kam über mich wie ein Gewitter. Schwere Angst!

Und wenn ich mir nun vorstellte, daß der Heinz das Mädchen vielleicht

zu dieser Stunde schon in den Armen hielt als seine Braut! Und ich

hätte das ebensogut haben können, wenn ich eher daran gedacht hätte!

»Wann wollte er denn fahren?« fragte ich so gleichgültig als möglich,

denn von Stund' an war ich heimtückisch und hinterhaltig geworden.

»Heute mit der Post,« sagte Radmann.

»Wann kommt die an?« fuhr ich hastiger dazwischen, als ich wollte.

»So gegen Abend. Um sechs herum, denk' ich. Natürlich mit der üblichen

Verspätung.«

Ich sah nach der Uhr. Ein sonderbarer Gedanke zischte in mir auf. Ich

dachte an das zugefrorene Haff.

Währenddem sah mich der alte Sünder, der Radmann, mit einem verdammten

Grinsen an. Da wurde ich wirklich noch um einen Strich röter im

Gesicht, denn ich glaubte, er müßte all meine nichtsnutzigen Gedanken

in mir gelesen haben. Doch er sagte nur ganz gemütlich:

»Wissen Sie, Kannenberg, was ich anfange zu merken?«

»Na?« grunzte ich halb wütend, halb verlegen.

»Daß Sie keinen Bordeaux vertragen können, Sie haben ja eine tolle

Fahne aufgezogen nach den paar Buddeln.«

Dieser infame Verdacht hätte mich sonst ganz aus dem Häuschen gebracht;

jetzt aber kam er mir recht zupaß, und ich log flott darauf los:

»Ja, wissen Sie, Radmann, ich hab' heute schon ein bißchen viel

Sherry hinter mir; wissen Sie, bei Eggebrecht ist es immer so schwer,

'rauszukriegen, ob der Sherry oder der Portwein besser ist, und da

wird es leicht etwas viel mit dem Proben, bis man es mit Halb und Halb

versucht und endlich zur Ruhe kommt: ich glaub' selbst, ich hab' einen

kleinen Hieb weg; der Kopf ist mir merkwürdig benommen.«

»Na,« sagt' er in seiner Gutmütigkeit »das kommt vielleicht auch von

dem Wetterumschlag; es liegt was von Schnee oder Tauwetter in der Luft;

ich spür' das allemal in der Hüfte; mancher spürt's wieder im großen

Zeh' und mancher in der Lunge und mancher sogar im Gemüt.«

»Das muß denn wohl mein Fall sein, das mit dem Gemüt,« dacht' ich im

stillen. Ich sagte aber ganz was andres.

»Wissen Sie was, Radmann?« sagt' ich gemütlich, »können Sie mir ein

Paar Schlittschuhe borgen? Ich möcht' ein Stündchen über die Wiesen

laufen, das tut mir immer am besten, wenn ich im Kopfe Nebelwetter

habe. Es ist eine gesunde Bewegung.«

»Da haben Sie wieder recht, Kannenberg,« sagt' er, »das ist es. Die

allergesundeste Bewegung. Da kommt kein Turnen und kein Reiten gegen.

Bloß jung sein muß man wie Sie und nicht zu dick; für mich ist's aus.

Die Schlittschuhe sollen Sie haben, passen werden sie ja. Und mit

dem Wiederbringen hat's keine Eile. Brauchen Sie die Dinger getrost,

solange das Eis hält.«

»Hält's denn überall?« fragte ich so nebenher.

»O ja,« sagte er, »auf den Wiesen laufen sie ja überall, und auf dem

Strom geht's auch.«

»Und das Haff?«

Er sah mich groß an. »Na nu, Sie wollen doch nicht aufs Haff? Was haben

Sie da zu suchen? Das lassen Sie lieber bleiben; es ist auch schon zu

spät am Tage.«

»Das wär' nicht schlimm,« meinte ich, »und sicher muß es doch sein;

übrigens war es nur so 'ne Idee.«

»Gott, ja,« sagte er, »am Ufer lang soll ja gute Bahn sein; aber

weiter 'rein ist's faul; es ist zu viel Sturm gewesen, daß es nicht

richtig hat zugehen können; es haben welche 'rüberlaufen wollen, sind

aber wieder umgekehrt, weil es zu ungemütlich war und überall knackte.«

Da schwieg ich still; und er kramte richtig ein Paar angerostete

Holländer heraus, aber sonst leidlich im Stande und von guter Bauart.

Und ich dank' ihm und mach' mich auf den Weg.

Was ich wollte, wußt' ich. Quer über's Haff nach Ellermünde. Wenn ich

mich dran hielt, konnt' ich drüben sein vor Dunkelwerden und vor der

Stettiner Post. Hätt' ich Extrapost ums Haff herum nehmen wollen, ich

hätte mindestens die vierfache Zeit gebraucht -- und morgen früh kam

ich zu spät, daran war also nicht zu denken.

So ging's denn auf die Reise. Wie ein Donnerwetter den Strom hinauf

und nachher über die Wiesen. Das Eis war wie ein Spiegel und so klar,

daß man jeden Grashalm darunter sehen konnte. Es liefen ziemlich viel

Leute, Fischer und andere, und ich hätt' noch manchen nach dem Haffeis

fragen können, tat's aber nicht; ich hatte heimlich Angst, sie könnten

die Köpfe schütteln und mir's ausreden wollen. Ich wollt' nun mal

nichts sehen und nichts hören, ich ging drauf los wie der Bulle auf den

roten Flicken.

Die Luft war schön und still wie in der Stube, der Himmel ganz blau:

heißt das, im Südwest stand es grau und dick. Ach, Unsinn, dacht' ich,

bei der Windstille kommt das nicht 'rauf, am wenigsten in zwei Stunden,

und bis dahin bin ich drüben.

Also immer drauf los über die Wiesen weg. Und eh' ich mich's versehe,

ist das Eis unter mir schwarz, keine Spur mehr von Gras und Kraut, und

auch kein Mensch rundum; ich bin also auf dem Haff. Siehst du wohl, und

es geht wunderschön. Kerneis durch und durch; das hält wie Balken. Also

immer stramm weiter.

Und ein helles Vergnügen ist's und bleibt's doch, so dahin zu jagen,

ganz allein; wie ein Adler kommt man sich vor, es ist gar nicht, als ob

man den Boden berührt. Man fühlt sich so sicher; das Eis kann ja gar

nicht brechen, weil man doch bloß so lose darüber streift. Ebensogut

könnt' ein Vogel stolpern und ein Fisch sinken. Und immer vorwärts,

immer vorwärts. Ja, das ist erst das Wahre, über solche Fläche zu

schießen, die kein Ende hat und keine Unterbrechung; blankes, schwarzes

Eis vor sich und hinter sich und rechts und links, und weiter nichts.

Kein Mensch und kein Tier und kein Strauch und kein Pfahl und kein

Halm. Und auch kein Ton; bloß die Schlittschuhe schurren leise, als ob

das Eis singt, und die Luft streicht sachte an den Ohren vorbei. Es

geht nichts darüber, sag' ich bloß.

Und dabei zu wissen und zu fühlen: mit jeder Minute kommst du ein

langes Stück näher dahin, wohin du kommen willst! Und wenn es einen nun

so gewaltsam dahin drängt, und jede Minute kostbar ist! -- Wie ich so

geradeaus vor mich hinsah, wo nun bald das Land aufsteigen mußte, da

dacht' ich: Da drüben fährt er jetzt auch auf seinem Postwagen und hat

auch solche Eile wie du und brennt auch inwendig lichterloh, aber er

hat bloß Pferdebeine und kann nichts dazu tun, um schneller vorwärts

zu kommen; wie muß ihn das prickeln in allen Gliedern, wenn der dumme

Postillon 'mal Halt macht und trödelt und trödelt bei seinem Schnaps,

und die Gäule haben auch ihren Eimer noch immer nicht ausgesoffen; und

du hast deine eigene Kraft und hast Flügel an deinen eigenen Füßen und

fliegst herrlich vorwärts, immer vorwärts! Ja, das war eine Freude. Und

ich war nun ganz sicher, daß ich ihn überholen würde -- um eine, um

zwei Stunden -- und versteht sich: wer zuerst kommt, mahlt zuerst, na,

und die Augen, die er machen wird, wenn er die schöne Hersilie hübsch

warm in meinen Armen findet, und er muß mit 'ner kalten Marmorpuppe

ohne Kopf und Arme abziehen! Ja, das war ein Spaß, sich so was

auszudenken und dabei zu fliegen, immer zu fliegen.

Gerade aber, wie dies Vergnügen am allergrößten war, kriegt es auf

einmal einen Knacks. Erst nur einen kleinen. Ich merke nämlich erstens,

daß die graue Wand im Südwesten -- Gott's ein Donner ja, wie ist das

möglich, daß die so schnell hoch gestiegen ist? Sie steht ja wohl

längst nicht mehr im Südwesten, sondern gerade über meinem Kopf.

Und das zweite, was ich merkte: daß es mit dem Laufen nicht mehr so

glatt vorwärts gehen will wie vorher. Warum? Weil die Luft so ganz

allmählich stärker gegen mich an ging und eigentlich schon eine recht

handliche Brise geworden war. Und natürlich, gerade wenn das Eis so

schön glatt ist, wie es hier war, da merkt man jeden Hauch, der einen

von vorn her anpustet. Und ich fing nun so wahrhaftig schon an zu

schwitzen und zu keuchen.

Jetzt lief mir doch sachte was Ungemütliches übern Rücken. Sapperment,

dacht' ich, auf die Weise kannst du ja wohl vor Nacht kaum drüben sein,

und dann ist's 'ne faule Sache, überhaupt die Mündung zu finden, denn

den Leuchtturm stecken sie doch nicht an bei Eiszeit. Und wenn dann

noch Schnee dazu kommt von der verdammten Wolke da oben, oder das Eis

fängt doch wo an zu knacken?

Ein bißchen schummrig wurd' es nämlich schon -- mehr von der Wolke

als von der Abendstunde -- und vor mir war noch keine Spur von Land

zu sehen und rechts und links auch nicht. Und wenn ich nach unten

sah, kam mir das Eis auch so dünn vor, als müßt' es jeden Augenblick

unter mir zerspringen. Eigentlich sah ich gar nicht, wie dick es war

oder wie dünn, sondern bloß wie in einen leeren, schwarzen Abgrund; so

durchsichtig war es.

Ob's nicht doch am Ende besser ist, umzukehren? fing ich an zu

überlegen. Aber wie meine Schlittschuhe so über das Eis bullerten,

mußt' ich an den verdammten Postwagen denken und den Heinz Wichards

darin, und dann sah ich ihn vor mir, wie er die Hersilie im Arm hielt

und sie tröstete, und ihre Tränen fingen an schon sachte zu fließen,

bloß noch so, als wenn nach dem Regen das Wasser von den Blättern

abtröpfelt. -- Zum Donnerwetter, nein, dacht' ich, wenn ich das

zuließe, müßt' ich all mein Lebtag vor mir selbst als dummer Junge

dastehen!

Und weiter dacht' ich: I was, zurück kommst du immer noch. Mit dem

Wind, der jetzt geht, bist du in der halben Zeit zurück, als in der du

gekommen bist, und hast die sichere Bahn hinter dir!

So kriegt' ich wieder Mut; denn man hat immer Mut, sowie man den Rücken

gedeckt hat; und lief stramm weiter, obgleich es immer weniger flecken

wollte gegen den Wind.

Aber kaum hatte ich noch ein paar Minuten hinter mir, da kam etwas ganz

Ekelhaftes. Erst so ein greulicher Ton von unten her, laut, lang,

dumpf, genau als wenn jemand unter dem Eise jämmerlich schluchzte oder

auch gurgelte wie beim Ersticken. Und der Ton lief dann immer weiter

und weiter hin, als wenn da jemand mit fürchterlicher Schnelligkeit

unten an dem Eise entlang führe und einen Ausweg suchte und dabei immer

trostloser schluchzte und zuletzt in weiter Ferne erstickte.

Eigentlich wußt' ich ja ganz gut, was es war, bloß das eingesperrte

Wasser, das gluckst, ich hatte das schon oft genug gehört; aber es ist

noch etwas anderes, solche Töne ganz allein mitten auf dem Haff in der

Einsamkeit zu hören, wo sonst alles still und leer ist wie das Grab.

Und wenn der Mensch graulich werden soll, dann wird er graulich und

kann sich nicht wehren dagegen.

Aber das war noch nicht das Schlimmste. Gleich darauf glitt etwas

Weißes unter meinen Füßen hin, wie eine große weiße Gestalt. Wenn mich

jetzt einer fragt, was es gewesen sein wird, so sag' ich: vielleicht

ein toter Stör oder sonst ein großes Vieh oder meinethalben auch ein

Stück Segeltuch, oder was weiß ich? -- Aber damals schüttelte ich

mich ordentlich vor Schauder und hätte darauf geschworen, es wär'

ein Mädchen gewesen mit weißen Kleidern, und ich muß sagen, ich sah

ganz genau Hersiliens weißes Gesicht vor mir, wie wir sie einmal halb

ertrunken aus dem Wasser gezogen hatten. Und gleich darauf kam noch

einmal das scheußliche Schluchzen unter dem Eise, gerade als wenn es

von der armen Gestalt selbst ausginge. Und wenn mich einer auslacht,

ich sag's doch: mir kamen die Tränen in die Augen vor reiner Angst.

Und es war auch in Wahrheit schlimm für mich; nicht von sich selbst,

aber weil mich jetzt keine Macht der Erde mehr dahin gebracht hätte,

umzukehren und noch einmal über die weiße Gestalt hinweg zu laufen.

Sondern ich arbeitete vorwärts mit allen Kräften wie ein Wahnsinniger.

Und ich tröstete mich und dachte: wenn's jetzt nicht bricht, bist du

durch, denn du mußt jetzt ja wohl gleich über die Mitte weg sein,

und nach dem Ufer zu ist's wieder ganz sicher: und da kommen auch

wohl wieder Menschen! -- Denn wahrhaftig, ich fing an, eine grausame

Sehnsucht nach lebendigen Menschen zu kriegen.

Aber das Vergnügen war noch lange nicht zu Ende, sondern der kleine

Schreck war bloß ein Vorspiel gewesen, bloß so zum langsamen

Drangewöhnen. Jetzt kam erst das Reelle.

Nämlich auf einmal fällt mir etwas Naßkaltes ins Gesicht und dann etwas

Weißes auf den Ärmel, und dann noch etwas und immer noch mehr, hier

eine Flocke und da eine Flocke, und es tanzte immer lustiger vor meinen

Augen, immer hübsch weiß, immer hübsch weiß; na ja, da haben wir die

Bescherung!

Es braucht nämlich kein Mensch zu denken, daß es sich leichter auf

Schlittschuhen läuft, wenn man mit dem Eisen durch den Schnee fegen

muß, und die Decke alle Minuten höher und höher wird, und man alle

Augenblicke in einen dick zusammengewehten Haufen gerät und fast

stecken bleibt. Und dann noch einen steifen Südwest gegen sich! Und

es braucht auch keiner zu denken, daß es sehr gemütlich ist, wenn man

in solcher Einsamkeit nichts mehr um sich her sieht als Flocken und

Flocken und Schnee und Schnee und Schnee und keine Spur mehr von dem

festen Eis -- von Land schon gar nicht zu reden.

Aber da kam's, das Allerschlimmste. Es war zwar bloß so ein ganz

feines, schleichendes Knistern unter mir: aber verdammt, das kannt'

ich! Weiter war es auch nichts gewesen damals, als ich auf unserem

Wiesengraben einbrach: damals hatte ich nicht darauf geachtet, bis ich

drin lag. Nur bis an den Bauch damals -- aber jetzt! Na, es wird keiner

denken, daß ich auch jetzt nicht darauf geachtet hätte! Und ob ich die

Beine rührte! Aber das Knistern lief immer sachte hinter mir her, immer

dicht mir auf den Hacken, wie so ein vermaledeiter Köter, der knurrt

und knurrt und jeden Augenblick zubeißen kann. Und dabei war mir's, als

käm' ich nicht von der Stelle, sondern säße da festgenagelt, wo das

Eis am dünnsten war.

Und nun also gerade mitten auf dem Haff. Himmeldonnerwetter!

Und dann der Gedanke: mit dem Umkehren ist's jetzt vorbei, über das

knackende Eis hinter dir läufst du ungestraft nicht zum zweitenmal.

Dahinaus ist die Welt mit Brettern vernagelt!

Na, schön war's nicht: aber wenn einer eben vom hohen Gerichtshof zum

Tode verurteilt wird, das soll ja auch nicht schön sein.

Also ich lief und lief wie besessen; und das Knistern lief immer sachte

hinter mir her.

Aber das Eis hielt immer noch trotz alledem, und es wollte mir schon

ein ganz klein bißchen besser zu Mut werden.

Ich laufe und laufe -- da, bums, krach, da liege ich lang ausgestreckt,

oder vielmehr, ich liege nicht, sondern fliege im Kreise herum, und

der Schädel brummt mir so, daß ich eine schöne Zeit brauche, bis ich

ordentlich zur Besinnung komme. Erst denke ich natürlich, ich bin

eingebrochen und alles ist aus; und weiß Gott, einen Augenblick war

ich ganz zufrieden, daß die Höllenangst ein Ende hatte, und ich das

verfluchte Knistern nur nicht mehr hörte.

Allmählich aber merkt' ich denn doch, daß ich nicht unter dem Eise,

sondern auf dem Eise lag, und daß ich bloß über einen losgegangenen

Riemen gestolpert war.

Und da hatt' ich nun zuerst eine große Freude: wenn das Eis den Prall

aushält, dacht' ich, dann hat's keine Not, dann war das ganze Knistern

bloß Spiegelfechterei zum Bangemachen, und du bist hier so sicher wie

auf dem Tanzboden. Das heißt, das war hauptsächlich so eine Art von

Renommage vor mir selber, denn ich wußt' doch ganz gut, daß solches

Knistern und Knacken immer was zu bedeuten hat; ich war wohl bloß so

davongekommen, weil ich so glatt hingerutscht war und sich die Last

des Körpers im Liegen verteilte. Vielleicht war's auch aus Zufall eine

festere Stelle gewesen.

Mit der Freude war's bald zu Ende: indem ich aufstehe und wieder meine

Richtung nehmen will, ja, zum Schockschwerenot, wo ist denn meine

Richtung?

Ich war beim Fallen so rundum geschmissen, daß ich nichts mehr wußte

von Norden noch Süden, noch Osten, noch Westen.

Der Schreck war nicht schlecht! Der kalte Schweiß brach mir aus am

ganzen Leibe, und ich wäre beinahe wieder umgefallen und liegen

geblieben.

Aber natürlich faßte ich mich schnell und mußte ordentlich lachen über

meine Dummheit. Wenn man eine so schöne steife Brise zum Wegweiser hat,

braucht man wahrhaftig keinen Kompaß und keinen Leuchtturm. Immer nur

stramm gegen den Wind an, und ich mußte notwendig irgendwo bei unserem

Nest in der Nähe ans Land kommen; und dann fand ich mich schon zurecht,

auch bei Nacht und Schneegestöber.

Also los. Immer gegen den Wind und gegen den Schnee. Und der Schnee

wurde immer dicker, und der Wind immer toller, und manchmal gab's

einen Wirbel, daß mir Hören und Sehen verging: ich arbeitete wie ein

gepeitschter Gaul und merkte doch kaum, daß ich vorwärts käme. Das

Ausschreiten mit den Schlittschuhen war eine richtige Schinderei

geworden.

Und endlich war ich so weit, daß ich gegen Sturm und Schneedecke

nicht mehr aufkommen konnte; ich mußte die Eisen abschnallen und auf

Schusters unbeschlagenem Rappen weiter traben.

Doch ich tröstete mich: nach meiner Rechnung mußte ich jetzt doch ganz

nahe am Lande fein. Freilich war ich auch müde zum Umsinken, ich hatte

mich gar zu sehr abgerackert mit dem tollen Anstürmen gegen das Wetter.

Und nun Schritt vor Schritt durch den dicken Schnee zu patschen! Eine

schöne Geduldsprobe das nach dem Fliegen und Sausen im Anfang! Dazu war

es jetzt dunkle Nacht geworden, und der Schnee fiel immer ruhig weiter,

unaufhörlich, ohne Ende, als wäre es darauf abgesehen, mich bis an den

Hals einzuschneien.

Und immer noch kein Land. Das wurde nachgerade unheimlich. Ich

hatte mich denn doch schändlich verrechnet in Betracht meiner

Geschwindigkeit. Zwar in jedem Augenblick konnte das Ufer auf zehn

Schritt nahe sein; sehen konnte ich es kaum, ehe ich es unter den Füßen

fühlte. Diese Hoffnung, die sich bei jedem Schritt erneuerte, hielt

mich noch eine Zeitlang aufrecht; aber sie täuschte auch bei jedem

Schritt.

Und endlich packte mich's; siedendheiß lief es mir über den Rücken; es

war kein Zweifel mehr: ich hatte die Richtung verfehlt. Der Wind -- nun

ja, warum sollte der Wind sich nicht gedreht haben?

Ich schnappte nach Luft, mehr noch vor Entsetzen als vor Müdigkeit,

blieb stehen und witterte hinaus. Man kann es der Luft so ungefähr

doch anfühlen, woher sie bläst. Nord und Ost war's nicht, das stand

fest, dazu war sie zu feucht und zu weich -- aber Südost konnte es

sein so gut als Südwest: vielmehr es war höchstwahrscheinlich Südost,

denn er fühlte sich so sonderbar warm an, fast wie richtiger Tauwind.

Südost! Also richtig Südost! Wenn ich aber gegen Südost gegangen war,

so blieb kein Zweifel: dann steckte ich jetzt ganz genau im richtigen

geometrischen Mittelpunkt des Haffs. Also noch mindestens je zwei bis

drei Stunden Fußwanderung nach den nächsten Küstenpunkten im Norden und

Süden. Das hielt ich gar nicht mehr aus nach all' der Quälerei, selbst

wenn ich diesmal wirklich den richtigen Kurs faßte, und selbst wenn ich

überall festes Eis fand und nicht wieder auf eine knisternde Stelle

geriet.

Eine tolle Verzweiflung schüttelte mich; blind und kindisch rannte ich

im Zickzack hin und her wie eine Maus in der Falle -- da plötzlich

knackt es unter mir, weit stärker als je vorher; ich bilde mir ein, ich

fühle, wie die Eisdecke sich biegt und senkt!

Wie ein Messerschnitt ging mir der nichtswürdige Ton durch den ganzen

Leib.

Ich tue einen wilden Sprung vorwärts, und im selben Augenblick steht

etwas Schwarzes vor mir auf wie eine dunkle Mauer.

Erst krieg' ich einen mächtigen Schreck, und das war sehr dumm von mir:

denn alles, was hier nicht Schnee und Eis war, konnte für mich doch nur

etwas Gutes sein.

Und es war etwas sehr Gutes: nämlich ein rechter, echter Haffkahn, mit

Torf beladen. Der hatte also vor dem Frost noch durchzukommen versucht

und war mitten auf dem Haff eingefroren.

Ich kletterte an Bord und kroch das lange Ding entlang bis zur Kajüte.

Sie war verschlossen, und auf ein kurzes Klopfen kam keine Antwort.

Selbstverständlich, die Leute konnten doch nicht auf dem Kahn geblieben

sein, da das Eis seit Wochen stand. Also nahm ich eine tüchtige Klobe

Holz und sprengte die Tür. Es war natürlich nicht bloß stockdunkel in

dem kleinen Loch, sondern auch kalt und feucht wie im Eiskeller.

Herr des Himmels! Noch ein letzter Schreck -- ich fand meine

Streichhölzer nicht. Entsetzlich: da hatte ich nun Torf genug, um mir

jahrelang einzuheizen, und konnte bei all dem Reichtum jämmerlich

erfrieren. Und das zu guter Letzt, wo ich sonst gerettet war und

friedlich wie auf einer sicheren Insel saß!

Aber das war zum Glück nur ein blinder Schuß: man hat bekanntlich die

Streichholzschachtel immer in einer falschen Tasche, wenn man sie

gerade sehr eilig braucht.

Na, ich fand sie am Ende doch noch, und dann fand ich gleich die

anderen schönen Dinge, die dazu gehören: nämlich eine kleine Lampe über

dem Tisch und sogar etwas Öl drin, und einen eisernen Ofen und Torf

daneben und sogar Kienspäne, alles, als wenn's auf mich gewartet hätte.

In einer Minute schlug die Flamme auf. O du grundgütiger Himmel, wie

schön war das Feuer, wie schön, wie schön! Ich stöberte weiter umher;

und jetzt hatt' ich Glück auf Glück. Es kommt immer gehäuft, Unglück

und Glück. Erst lag in der Koje ein tüchtiger Schafpelz; merkwürdig

genug, daß der Schiffer den hatte liegen lassen. Na, ich hatte nichts

dagegen, ich zog ihn an, und mir fing an mollig zu werden. Dann in dem

Wandschapp eine Flasche Rum, nicht die feinste Sorte, aber immer Rum,

und eben erst angetrunken. Komischer Kerl, dacht' ich, der Schiffer!

So was dazulassen, wenn man den langen Weg übers Eis vor sich hat! Ein

ordentlicher Seefahrer hätt' das nie übers Herz gebracht -- aber na,

so'n Kahnfriedel!

Ich setzt' einen kleinen Topf auf den Ofen, tat Schnee hinein, und

bald war mein Grog fertig. Aber steif wie nie, Halb und Halb ist

Kindermilch dagegen. Und dann setzt' ich mich auf die Bank daneben und

taute inwendig langsam auf. Und wie wohl es einem Menschen um die Seele

'rum werden kann bei Grog und Feuer und Schafpelz, das kann bloß der

nachfühlen, der gerade so ein kleines Sommervergnügen wie ich hinter

sich hat.

Da saß ich also in meiner Gemütlichkeit, duselte vor mich hin und

dacht' an viel und dacht' an gar nichts.

Wenn jetzt einer hier vorbeikäm', dacht' ich, und säh' den fidelen

Rauch aus dem ollen eingefrorenen Torfkahn aufsteigen! Aber hat sich

was mit dem Vorbeikommen. 'Ne Landstraße ist hier gerade nicht und ein

Aussichtspunkt auch nicht. -- Und wenn der Kahnfriedel selber käm'?

Ob er wohl hauen würd'? Ich denke, nein; und wenn, dann haut' ich

wieder. -- Und was mag denn wohl jetzt die Uhr sein? -- Richtig, sieben

Uhr auf'n Knopf. Also jetzt hat sich der Schlingel, der Heinz, gerade

aufgewärmt von der Postreise und geht über die Brücke und das Bollwerk

entlang zu unserer kleinen Hersilie. Und jetzt tritt er ein, und

Hersilie, ganz in Schwarz, aber sehr schön, erschrickt und wird rot und

gibt ihm die Hand; und er küßt die Hand und wird auch rot und stammelt

etwas; und sie wird noch röter und schlägt die Augen nieder und nickt

ganz leise; und er faßt sie rundum mit aller Macht und küßt sie auf die

Stirn und den Mund, und sie weint, und er weint auch, und sie lacht,

und er lacht auch -- --

So deutlich sah ich die ganze Geschichte vor mir, richtig wie ein

lebendes Bild oder ein Schauspiel. Aber das war nun ein reines Wunder

Gottes dabei, daß ich das mit ansehen oder mir doch einbilden konnte,

ohne aus der Haut zu fahren! Wer mir das vor ein paar Stunden gesagt

hätte! Aber es war so: ganz ruhig blieb ich und gemütlich, und fiel mir

gar nicht einmal ein, daß ich doch eigentlich aus keinem anderen Grunde

hier auf dem Torfkahn saß, als weil ich eben diesem Heinz eben dieses

Mädchen abjagen wollte.

Küßt ihr euch nur! dacht' ich jetzt recht seelenvergnügt, und bildet

euch wunder was für Süßigkeiten dabei ein: meinen Schafpelz und meinen

Ofen und meinen steifen Grog habt ihr doch nicht! -- Und wenn jetzt der

Teufel selbst in Person zu mir gekommen wär' und hätt' gesagt: Nimm

du die schöne Hersilie und gib dem Heinz dafür die drei Stücke! --

»Den Teufel auch,« hätt' ich gerufen, »nicht eins von den dreien geb'

ich her! Und wie werd' ich denn meinem alten Kameraden seine Liebste

abjagen? Pfui Teufel! So ein Schuft bin ich mein Lebtag nicht gewesen.

Jedem das Seine! Ihm die Braut und mir die dreifache Heizung, das ist

christlich und kameradschaftlich geteilt.«

So war's und so blieb's. Es ist die ganz buchstäbliche Wahrheit, mag

es klingen wie es will: meine ganze Liebe und meine ganze Eifersucht

waren alle beide im Haffeis eingefroren wie ein alter Torfkahn. Und

sind auch festgefroren geblieben für Zeit meines Lebens. An die hübsche

Hersilie hab' ich nie mehr anders gedacht, als an andere nette Mädchen;

aufgeregt hat's mich nicht mehr. Von diesen Frühlingsgefühlen hat mich

die lustige Badereise kuriert: eine Pferdekur ist's gewesen, aber

geholfen hat's.

Ja, aber nu: wie ich wieder 'rausgekommen bin aus dem alten Torfkahn?

Na, das war auch man so; und 'ne besondere Sache war's.

Also, wie ich nun so viel Grog hatte, als ich ungefähr vertragen

konnte, verfiel ich in einen Schlaf; ich hatt' gerade noch Zeit, mich

in der Koje auszustrecken und den Schafpelz überzudecken, und weg war

ich. Und hab' denn auch die ganze schöne Nacht in Frieden geschlafen.

Und zuletzt hatt' ich einen Traum, daß eben das Eis unter mir bräche

und ich mit aller Gewalt ins Wasser sauste, immer tiefer, immer tiefer;

und ich hörte im Sinken das Wasser an meinen Ohren vorüber rauschen und

rauschen und immerfort rauschen -- --

Und meine Angst wurde so groß, daß ich davon aufwachte. Und ich fuhr in

die Höhe, stieß mir den Kopf und horchte. Denn es war etwas zu hören.

Wahrhaftig, es rauschte immer noch, über mir, um mich her, rauschte und

rauschte --

Himmeldonnerwetter, was sollte das sein? Nu natürlich, Regen war's,

richtiger, strammer Pladderregen.

Also mit dem Tauwind hatte es doch seine Richtigkeit gehabt. Das war

eine nette Bescherung. Da saß ich nun richtig im Gefängnis, konnte

nicht mehr ausbrechen, und kein Mensch konnte zu mir 'rankommen. Denn

wenn das Eis gestern schon so teuflisch geknistert und geknackt hatte,

wie sollte das erst heute werden nach der Regennacht? Daran war gar

nicht zu denken, wieder aufs Eis zu gehen, außer um schnell ein Ende zu

machen.

Und daran dacht' ich nun aber wirklich. Denn was hatt' ich sonst

für schöne Aussichten? Bis das verdammte Eis ganz aufging und die

Schiffahrt frei wurde, das hatte gute Weile bei allem Tauwetter, wenn

nicht etwa gleich Hundstagshitze kam. Bis dahin würd' ich gerade in

aller Gemütlichkeit verhungert sein -- denn zu essen hatte der Hallunke

von Schiffer nicht eine Brotrinde dagelassen, und der Rum würde auch

bald alle sein -- außer wenn mich vorher ein Sturm faßte und umschmiß

oder leck machte.

Da kriegt' ich's richtig mit der Verzweiflung. Mit der

niederträchtigen, gemeinen, unchristlichen Hundeverzweiflung.

Das einzige ist, dacht' ich, du machst es wie mancher Matrose, wenn das

Schiff nicht mehr zu halten ist und alles aus ist: du säufst Rum bis

zur Bewußtlosigkeit, und dann mit einem Sprung aufs Eis und durchs Eis

ins Wasser. --

Und das dacht' ich nicht bloß so wie ein Hanswurst, um mich selbst

graulich zu machen, sondern in verdammtem Ernst, und war, weiß Gott,

nicht mehr weit ab davon, die Flasche vor den Kopf zu nehmen.

Da mit einem Male -- bum -- bam -- bum -- bam -- bum -- bam -- was ist

das? Da fängt es draußen an zu dröhnen und zu summen und zu singen

und zu klingen -- bum -- bam -- bum -- bam -- richtiges, offenbares

Glockengeläut, und das so laut und fest, als ob der Kirchturm nicht ein

paar hundert Schritt von meinem Kahn ab sein könnte.

Allmächtiger Gott, dacht' ich, was sind das für Neuigkeiten? Entweder

bist du wahnsinnig geworden von der Angst, oder -- und mir kam die alte

Geschichte in den Sinn, daß in der versunkenen Stadt Vineta manchmal

die Glocken läuten sollen unter Wasser: aber wer das Läuten gehört hat,

ist ein verlorener Mann und sieht das Land nie wieder -- -- Und das

bist du jetzt, und also sind das deine Totenglocken.

Aber Vineta liegt weit draußen in der Ostsee bei Streckelberg, wie kann

man da das Läuten bis hier hören? Ja, dafür sind es Zauberglocken;

christliche Glocken läuten auch erst nach dem Tode, nicht vorher.

Indessen ging das draußen ruhig weiter -- bum -- bam -- bum -- bam --

immer schöner, immer freundlicher.

Ich machte die Augen zu, und da kam es mir vor, als ob es die

Weihnachtsglocken wären. Und ich faltete die Hände und dachte an die

Zeiten früher, wenn am heiligen Abend die Glocken gingen und dann

gleich der Baum angesteckt wurde und aufgebaut war -- mein Gott,

was alles für Herrlichkeiten! -- Und wie nachher immer mein erstes

gewesen, noch schnell am Abend zu Heinz Wichards zu laufen, seine

Sachen zu besehen und meine zu zeigen und zu teilen, was zu teilen war

-- -- ja wahrhaftig, wir hatten alles Gute damals geteilt als gute,

treue Kameraden, ohne Neid und giftige Eifersucht bis --

Und in diesem Augenblick hatte ich nur den einen Wunsch und eine recht

bitterliche Sehnsucht, meinen Heinz nur einmal noch vor meinem Ende

zu sehen, ihm um den Hals zu fallen und -- na, ihm eine Kleinigkeit

abzubitten.

Deutsche Humoristen, 3. Band (von 8) · 第 5 / 14 题