»Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach, der ist bald allein!«
sagt Goethe, wie immer, mit Recht; aber nicht alle Lehmanns sind
Menschen, und man kann sehr wohl mit einem Menschen in demselben Ozean
gebadet haben, ohne deshalb »gesellschaftliche Verpflichtungen« gegen
ihn zu fühlen. Eine Dame der Plutokratie erzählte unserm Bruder Tibull
mit jenem seltsamen Lachen, dessen Geheimnis in Elend und Morphium
besteht: »Mein Mann und ich sind kaum drei Abende im Winter zu Hause.
Sehr oft haben wir drei Einladungen an einem Tage: eine um drei, eine
um sechs und eine nach dem Theater.« Die gute Frau wies überzeugend
nach, daß das so sein müsse. Je wohlhabender ein Mensch, je angesehener
seine Stellung, desto mehr Diners muß er geben und einnehmen: das ergab
sich aus den Reden der Dame wie ein ehernes Lohngesetz. Wenn Meyers
sich nämlich zurückhalten, so heißt es: »Meyers sind ~pauvre~« oder
»Meyers sind geizig« oder »Meyers sind eingebildet« oder »Meyers sind
ungebildet; sie wissen nicht, was sich gehört.« Weil Meyers nämlich
wissen, daß der _Mensch_ sich gehört. Und dabei können Meyers die ganz
merkwürdige Beobachtung machen, daß die Leute, die anfangs klatschten,
bald mit einer unverkennbaren Hochachtung klatschen, und schließlich
von allem nur die Hochachtung übrig bleibt, und Meyers um so höher im
Preise steigen, je seltener sie zu haben sind!
Menschheit, verachte deinen Klatsch! Kennst du die Geschichte
von unserm Timotheus? Ein neidgeplagter, armer Teufel hatte seine
Künstlerschaft mit so geschickter Verlogenheit verunglimpft, daß
auch auf den Charakter unseres Bruders ein Schatten fiel und der
Verleumder doch nicht zu fassen war. Timotheus aß nicht, trank nicht
und schlief nicht. Da geschah es, daß sein Söhnchen krank wurde,
totkrank. Wochenlang schwebte das Bübchen zwischen Tod und Leben. Und
mitten in der flackernden Qual seines Herzens fiel ihm unvermittelt
die Verleumdung seines Feindes ein. Und mitten in den tiefsten Ängsten
der Nacht mußte er lächeln, und wohl zehnmal sagte er zu sich selbst:
du Narr -- du Narr -- du Narr! -- Der Knabe wurde wieder gesund, und
als Timotheus eines Tages wieder an die Lügen des Neidharts dachte,
da lagen sie nur noch wie ein ganz, ganz schmaler, schmutziggelber
Streifen am Horizont, weit hinter Stallupönen, und die Abonnenten
des Verleumders glaubten längst an andere Lügen. In jenen Tagen fand
Timotheus eines der Grundgesetze unserer Gemeinschaft, das Gesetz:
Gewinne die große Distanz zu den Dingen! Denn wenn der Mensch nach
acht Wochen oder nach drei Jahren über ein Ärgernis lachen kann, dann
ist der Mensch ein Esel, wenn er nicht schon heute lacht! Mit diesem
Gesetz zwingt ein Bruder vom geruhigen Leben den Schlaf auf seine
Lider, wenn die Niedertracht der Welt ihn wach zu halten droht. Er
legt sich auf sein sanftes Ruhekissen und nimmt die erste Dosis seines
Schlafmittels, die lautet: »Durch Schlaflosigkeit schwächst du nur
deine Kraft.« Hilft das nicht, so stellt er sich deutlich vor, wie er
in Zukunft einmal über die Widerwärtigkeiten dieser Tage lächeln wird,
und mit dem vorgestellten Lächeln auf den Lippen entschlummert er. Nur
in besonderen Fällen wendet er die dritte Dosis an, die da lautet: »Wie
würden sich deine Feinde freuen, wenn du um ihretwillen wachtest.« In
der nächsten Minute schnarcht er.
Bleib Herr über deinen Schlaf und gib das Scepter auch um jenes
höheren Klatsches willen, den man fälschlich »Ruhm« nennt, nicht aus
den Händen. Bruder Tarquinius ist ein dramatischer Dichter; aber der
Arzt hat ihm Vorsicht mit seinem Herzen geboten. Er hat einen simplen
Gedanken ein für allemal zum Amulett erhoben, und diesen Gedanken zieht
er vor jeder Première hervor und küßt ihn; er lautet: Herz ist besser
als Ruhm. Freilich denkt er dabei an jenen Ruhm, der darin besteht,
daß Hans genau dasselbe meint, was Peter meint, weil Peter meint, was
August meint, der sich für seine Meinung auf jenen Hans berufen kann.
Der wahre Ruhm ist freilich was ganz anderes.
Der wahre Ruhm wächst nicht aus den Mäulern der Menge, sondern aus
den Herzen der Werke. Hast du Anwartschaft auf solchen Ruhm, so sei
versichert, daß er in deinen Werken durchaus mündelsicher angelegt ist.
Kein anderer kann an dies Vermögen herankommen, und es wird wachsen
durch Zins und Zinseszinsen, langsam aber sicher. Vielleicht kommt ein
richtiger Ruhm erst nach deinem Tode heraus. Aber Nachruhm ist gerade
der beste. Denn dann ist man nicht mehr dabei.
Und hat doch sein fernes Kommen in einsamen Zeiten wie einen
erdefremden Duft gefühlt.
* * * * *
Hier schließt die Vorlesung aus den Protokollen der Brüderschaft.
Niemand wird die Gemeinschaft der Brüder für eine Bier- und Ruhebank
halten, die Faulenzern und Feiglingen Gelegenheit gibt, stumpfzusinnen.
Die geruhigen Brüder haben ein Verständnis dafür, daß es Invaliden
des Lebens gibt, die sich darauf zurückziehen, täglich an derselben
Stelle dasselbe Glas bis zur bestimmten Höhe gefüllt vorzufinden, es
in der immer gleichen Zeit zu leeren und dabei auf dieselbe allgemeine
Schnupftabaksdose in der Mitte der Tafel zu starren und in der sanften
Betäubung dieses stillen Zirkeltanzes das bißchen Lebensrest zu
verdämmern -- die Brüder vom geruhigen Leben respektieren die Haken,
die für die Hüte dieser Invaliden ein für allemal reserviert sind --
aber sie haben nichts mit ihnen gemein. Die Brüder vom geruhigen Leben
sind Kämpfer. Nur wollen sie den Kampf nicht dort führen, wo er sich
nicht lohnt, wollen sie das Leben nicht dort schon tragisch nehmen, wo
die Tragödie noch gar nicht beginnt, wollen sie ihre Eingeweide nicht
schon opfern in den Vorhöfen des Lebens, wollen sie nicht wie die
törichten Jungfrauen ihr Öl verbrennen, bevor der Bräutigam kommt. Sie
wollen in dem verdammten »Objekt« keinen Machtkitzel erwecken, indem
sie seine kleinen und gemeinen, niedrigen und widrigen, schäbigen und
klebigen Nücken und Tücken mit nervösem Ernst behandeln, und wollen
ihre Kraft sparen, um das Große zu verteidigen und das Größte, das
Schicksal, mit Würde zu tragen. Denn das ist der allerhöchste und
allerheiligste Grundsatz unserer Brüderschaft:
»Ein Leben in Wacht und in Waffen wider die Großmächte der Finsternis
ist eines Erdenpilgers tiefste Ruhe.«
Max Eyth:
Der blinde Passagier.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt
aus dem 1. Bande des Buches »Hinter Pflug und Schraubstock. Skizzen
aus dem Taschenbuch eines Ingenieurs« (Stuttgart und Leipzig: Deutsche
Verlagsanstalt, 5. Auflage 1902).
Der blinde Passagier.
Es war kein Hotel erster Klasse, auch keins der zweiten. Für beides
hatte ich meine Gründe. Ein erfahrenerer Weltreisender als ich es
damals war, hätte behaupten können, der Schwarze Anker zu Antwerpen
grenze bedenklich nahe an eine anständige Matrosenkneipe. Aber seine
Lage behagte mir, seine Preislage hatte selbst für mich nichts
Erschreckendes, wenigstens im zweiten und letzten Stock. Seit zwei
Tagen bewohnte ich dort ein Stübchen von holländischer Größe und
Sauberkeit. So lange blieben die Gäste im Schwarzen Anker selten;
die runde, vlämische Kellnerin zeigte bereits die ersten Spuren
mütterlicher Zuneigung, wenn sie mir ein frisches, schneeweißes
Handtuch brachte, fast so groß wie ein Taschentuch. Alles schien für
die niedlichste Zwergwirtschaft eingerichtet zu sein, in welcher
gute, pausbackige Menschen hausten, groß wie Riesen; namentlich in
der Breitenrichtung. Man konnte kaum begreifen, wie sie ein und aus
gingen. Mein Fensterchen sah nach der Schelde auf eins der großen
Wassertore des Kontinents, die in die weite Welt hinausführen. Als
ich vorgestern zum erstenmal die glänzende Fläche im Licht der
untergehenden Sonne schimmern sah, mit ihren Masten und Segeln, ihren
behaglich rauchenden Dampfschiffen, den plätschernden, hin und her
schießenden Schleppbooten, die in der größten Eile schienen, heute noch
fortzukommen, und immer wieder da waren, klopfte mir das Herz fühlbar.
Ich selbst -- soll ich oder soll ich nicht?
Etwas müde und nicht so hoffnungsfroh wie gestern und vorgestern war
ich nach Hause zurückgekehrt. Das Wetter hatte sich geändert. Ein
schwerer Aprilhimmel hing in schwarzen Wolkenfetzen über der Stadt.
Bleigrau starrte die Schelde zu ihm empor. Von Zeit zu Zeit fegte ein
Windstoß über den Strom und kräuselte ein silbernes Band in die tote
Fläche. Die Masten der Schiffe wackelten nachdenklich hin und her,
scheinbar ohne Ursache; doch schien es ihnen mit jeder Viertelstunde
unbehaglicher zu werden. Jetzt, als ich eintrat, klatschten sogar
schwere Regentropfen an die Fensterscheiben. In einer solchen Nacht
hinaus in die weite, nasse, fremde Welt? Keines der Schiffe entlang dem
dämmerigen Staden, das nicht den Kopf schüttelte!
Ein höflicher, unermüdlich schwatzhafter, kleiner Zeichner aus Lüttich
hatte mir den ganzen Nachmittag lang die Werften gezeigt, welche
die große Fabrik von Seraing hier im Betrieb hält. Es war die erste
Schiffswerfte, die ich als rassenreine schwäbische Landratte zu sehen
bekam. Sie war im Jahr 1861 nicht sehr groß; aber für den Maßstab,
mit dem ich mich auf die Wanderschaft gemacht hatte, doch gewaltig
genug. Ein halbes Dutzend großer Schleppkähne für die Wolga und ein
kleiner Küstendampfer waren im Bau begriffen. Vor einer Woche hatte man
angefangen, den Kiel für ein Dampfschiff von 800 Pferdekraft zu legen.
Alles rohe Arbeit, wie mir schien. Und niederdrückend war es, daß es so
viel rohe Arbeit in der Welt gab, von der man nichts verstand, trotz
eines Bildungsganges, an dem die alten Griechen und Römer nicht ohne
Anstrengung mitgeholfen hatten. Diese Werfte zu sehen war der eine,
unwesentlichere Zweck meines Hierherkommens gewesen, auf einen Brief
zu warten der andre. Der Brief sollte mein Schicksal für die nächste
Zeit entscheiden. Ich hatte in den letzten Wochen mehrmals ähnlichen
Schreiben entgegengesehen, in Köln, in Essen, in Brüssel, und fing an,
mich an die Spannung zu gewöhnen, die einer milden Neugier -- wie es
wohl weiter gehen werde? -- Platz gemacht hatte. Doch heute handelte es
sich um das letzte Wort aus Belgien. Klang es wie alle andern, so stand
ich ziemlich ratlos vor einer ernsten Lebensfrage.
In der Mauer von Schiffen, welche dem Staden entlang lagen, war die
helle Lücke, die quer über der Straße gestern einen herrlichen Blick
auf den munteren Strom gestattet hatte, plötzlich verschwunden. Ein
schwarzes Ungetüm von Dampfer füllte sie aus, stieß träge Wolken Rauchs
in die tiefhängenden Regenwolken und rasselte an vier Stellen zugleich
mit Ketten und Dampfwinden, von denen jede ihre eigne schnarrende
Tonart aufdringlich zur Geltung brachte. Unten im feuchten Halbdunkel
verwirrte sich ein Dutzend Wagen und Karren, welche Waren aller Art
herbeischleppten. Fässer, Kisten und Ballen flogen zuckend in die Luft,
um mit einem behaglichen Grunzen im Bauch des Schiffs zu versinken.
Peitschenknallen und Fluchen kam stoßweise zu mir herüber. Immer neue
Karren kamen angerumpelt. Das Ungeheuer fraß mit Appetit, schwarz und
schweigend. Frißt es wohl auch Menschen?
Ich fragte die runde Kellnerin, die in diesem Augenblick eintrat. Erst
morgen nachmittag, gegen vier Uhr, antwortete sie in ihrem pausbackigen
Vlämisch und hielt mir Briefe entgegen, die ich ihr mit befremdender
Lebhaftigkeit entriß. Nicht bloß den einen, den ich erwartete; es
waren drei. Mein zwei Wochen altes Vlämisch sprudelte stürmisch über
meine Lippen. Kein Sprachlehrer der besten deutschen Gymnasien hat je
ähnliche Erfolge erzielt. In zwei Minuten stand ein Petroleumlämpchen
auf dem runden Tisch, ein Stühlchen war unter mir zusammengebrochen,
ich saß auf dem krachenden Sofa und riß meine Briefe auf.
Der erste war in der Tat von Seraing, im höflichsten Französisch.
»Mein Herr! Wir bedauern aufs lebhafteste, daß die gegenwärtige
Besetzung unsers Zeichenbureaus uns der Möglichkeit beraubt, von Ihren
Talenten Gebrauch zu machen, für die uns ebensosehr Ihre vortrefflichen
Zeugnisse (die wir dankend beilegen) als die Empfehlung unseres sehr
verehrten Mitglieds des Verwaltungsrats, ~Dr.~ Orban, bürgen. Wir
sind überzeugt, daß andre Etablissements, namentlich in Ihrem eignen
Vaterlande, mit Ungeduld den Augenblick erwarten, in dem sie von
Ihren vielseitigen Fähigkeiten Gebrauch zu machen Gelegenheit finden
werden, und wünschen denselben Glück zu den ihnen hieraus erwachsenden
außerordentlichen Vorteilen. Genehmigen Sie den Ausdruck unsrer sehr
distinguierten Hochachtung. Die Administration der ~Socicété anonyme de
Seraing~,« würdig vertreten von zwei unlesbaren Namen, von denen der
eine in Keilschrift ausgeführt war, der andre die Anfänge der später
beliebt gewordenen Spritzmalerei andeutete.
Es bleibt etwas Schönes um Stil und Höflichkeit. Ich faltete das
Schreiben liebevoll zusammen und legte es auf ein Häuflein zumeist
minder gut stilisierter Briefe, die sich in den letzten Wochen
angesammelt hatten und fast als Tagebuch einer Forschungsreise von
Mainz bis Antwerpen dienen konnten, mit Kreuz- und Querzügen in allen
Seitentälern des Rheins und der Maas, in denen Gott Eisen wachsen ließ.
Vorgestern noch hatte mich ein Schreiben aus dem Ruhrgebiet erreicht,
das mir von Stadt zu Stadt, von Gasthof zu Gasthof nachgelaufen war.
Ein alter Spartaner schien es mit Streichhölzchen, mit denen er
noch nicht umzugehen wußte, angefertigt zu haben. Mühsam entziffert
lautete es: »Unser Bureau ist besetzt. Wir können Sie nicht brauchen.
Hochachtend R. R.« -- Selbst _nützlich_ kann Stil und Höflichkeit
manchmal sein. Dieser Brief mußte sich eine geringschätzige, ja grobe
Behandlung gefallen lassen.
Mit Belgien also war es auch aus. Seraing war meine letzte Hoffnung
gewesen. Die kleineren Fabriken hatte ich schon von Brüssel aus
durchgekostet. Verzweiflung gibt Mut. Ich hatte als letzte Möglichkeit
die größte, die ersehnteste versucht: die weltberühmten Werke von
Cockerill. Nun sah ich durch die trüben Scheiben in die Dämmerung
hinaus. Das Schiffsungetüm fraß noch immer an seinem Abendbrot; etwas
langsamer, mit widerwärtigem Räuspern. Eben schien ein besonders fetter
Bissen an die Reihe zu kommen: ein Riesensarkophag dem Aussehen nach,
in Wirklichkeit ein Eisenbahnwagen. Er hing schwarz und viereckig gegen
den schmutzigroten Abendhimmel und drehte sich langsam an der Kette
des Schiffskranes in der Luft. Dann versank er plötzlich mit wütendem
Gerassel in dem nicht zu füllenden Bauch. Der dicke, kurze Schornstein
machte eine ganz kleine, behagliche Bewegung. Diesmal hatte es dem
Ungetüm sichtlich geschmeckt. Und morgen, um vier Uhr, frißt es auch
Menschen!
Ich wandte mich meinem Tischchen zu. Die beiden andern Briefe waren
mir von meinem Brüsseler Gasthof nachgesandt worden. Der eine kam von
England, von einem Freund und Schulkameraden, der schon ein halbes
Jahr vor mir den Sprung in die weite Welt gewagt hatte. »Lieber Eyth,«
schrieb er unter manchem andern, das nicht hierher und kaum in seinen
Brief gehörte; »wenn Dich meine Epistel noch in Berg trifft und Dir
Dein Leben lieb ist, namentlich Dein Seelenleben, so bleibe dort. Ein
Waldhornminele findest Du hier nie und Dein tägliches Brot in den
ersten sechs Monaten schwerlich. Solltest Du jedoch inkurabel verrückt
und dies Deinem Fortkommen in Belgien und am Rhein hinderlich gewesen
sein, so komme immerhin. Ich habe seit vier Wochen zwanzig Schilling
die Woche und ein Reißbrett in der ersten Fabrik der Welt. Ein
Hundeloch und Hundelöcher ringsumher. Whitworth. Aber es soll jetzt
alles neu gebaut werden, und geleistet wird Gewaltiges, und interessant
ist es, daß man beinahe den Mangel des Kneipens verschmerzt. Es ist
noch ein Deutscher hier, oder vielmehr ein Schweizer, dem dies saurer
fällt als mir. Wir zwei pausen zu Hause die ganze Nacht Bohrmaschinen
und Drehbänke, Hobel- und Fräsmaschinen, mit dem Schwert des Damokles
über unsern Köpfen. Den Tag über wird für unsern Herrn und Meister
-- ein famoser Kerl voll trockener Energie -- redlich gearbeitet;
nachts wird er bestohlen. Und dabei erfreuen wir uns des Gefühls
tugendhafter Pflichterfüllung und eines wachsenden Haufens der
wertvollsten Werkzeugmaschinenzeichnungen. Findest Du sonst nichts,
so stellen wir Dich als Mitpauser an. Werden wir ertappt, so haben
wir wenigstens jemand, den man hängen kann. Man muß übrigens auch dem
Teufel Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie halten hier nicht jeden
alten Bolzen für ein Fabrikgeheimnis, wie bei uns. Und mein Schweizer
Associé meint, so oft er allzu durstig wird: in fünf Jahren können wir
uns mit all unsern Pausen keine Maß Bier kaufen. Er wird wohl recht
haben. Insofern ist die Sache auch vom streng ethischen Standpunkte aus
harmlos. Also nochmals: bleibe zu Hause und nähre Dich redlich. Dein
alter Gutbrod.«
Ich trat wieder ans Fenster; diesmal erregter. Das war die Gattung
von Briefen, bei denen ich nicht mehr auf einem Stuhl sitzen bleiben
konnte. Es war jetzt völlig Nacht geworden, man hatte aber ein paar
Pechfackeln um das Ungetüm herum angezündet. Es fraß noch immer,
es ging sogar wieder rascher: kleine Bissen, die ihm leicht durch
die Zähne schlüpften, immer drei Fässer auf einmal. Ich hatte sie
schon nachmittags bereit liegen sehen und wußte, daß es dreitausend
westfälische Schinken waren. Alles für England; und da sollte es
wirklich so hungrig zugehen, wie dieser Gutbrod mir weismachen will.
Unsinn! Wenn man mit dreitausend westfälischen Schinken ankommt, kann
es einem nicht allzu schlecht ergehen. -- Nun aber zum dritten Brief.
Er kam aus der Heimat, von meinem lieben Zeichen- und Leidensgenossen
Braun, der jetzt, an meinem Tisch, das alte Leben fortsetzte.
»Lieber Eyth! Zwei Dinge rate ich Dir, von denen Du das eine tun,
das andre bleiben lassen sollst, und zwar so bald als möglich. Komme
ohne Verzug wieder zurück. Dein alter Zeichentisch ist mir um drei
Centimeter zu hoch, und Dein Reißbrett hat zwei Astlöcher, die mir das
Leben zur Last machen. Oder, zum zweiten, mache, daß Du so schnell
und so weit als möglich fortkommst; denn der Alte -- (in dieser
vertraulichen Weise sprachen wir von unserm hochgeachteten Herrn und
Meister hinter seinem Rücken) -- ist noch immer wütend über Deine
Desertion: ›Da erzieht man die jungen Leute, die völlig unbrauchbar
aus ihren polytechnischen Kindergärten kommen, zahlt ihnen noch
glänzende 36 Kreuzer täglich dafür, und kaum sind sie im stande, sich
einigermaßen nützlich zu machen, so laufen sie einem davon, der Kuckuck
weiß, weshalb und wohin; bloß um zu laufen.‹ Er ist in der tiefsten
Seele, soweit er eine solche hat, überzeugt, daß Du ein Scheusal von
Undankbarkeit bist, und läßt es uns fühlen. Wir suchen uns dadurch
einigermaßen schadlos zu halten, daß, wenn irgend etwas unten in den
Werkstätten schief geht, eine Welle zu kurz oder zu lang, ein Zapfen
zu dick oder zu dünn geraten ist, wir einstimmig versichern: das hat
Herr Eyth noch gemacht. Die Bemerkung ist ein Sprichwort geworden, das
uns vielfach tröstet; auch über Deinen Abgang, welchen ich anfänglich
für ein Unglück hielt, denn wir waren in der ersten Woche wirklich
verdrießlich. Jetzt geht es schon wieder. -- Daß Du am Rhein nichts
gefunden hast, freut uns. Hoffentlich geht Dir's in Belgien ebenso
gut. Dann wirst Du wohl an die Heimkehr denken und an die Fleischtöpfe
im Waldhorn, und wir werden vielleicht wieder zu Ehren kommen. Mit
Blechmusik sollst Du empfangen werden. Der Alte wird Dir sicher auch
etwas blasen, glaube ich. Aber er wird Dich wieder aufnehmen wie den
verlorenen Sohn, wenn auch ohne eine Kalbschlächterei zu veranstalten;
darauf darfst Du bauen. Der Herr sei mit Dir, wenn Du schon bei den
Trebern angelangt sein solltest. Dein getreuer Braun.«
Nachschrift: »Das Waldhornminele läuft mit roten Augen herum. Dies
dauert zu lange. Ich will ihr morgen Bleiwasser verordnen, und dann,
wenn's besser wird, sehen, was sich machen läßt. Du kannst meinethalben
noch ein Jahr fortbleiben. D. O.«
Dazu klatschte jetzt der Regen ans Fenster, und ein kalter Aprilwind
fing ordentlich zu blasen an. Man hörte draußen Rahen und Stangen
ächzend aneinanderschlagen, und das Kettengerassel der Dampfwinden
hörte trotz allem immer noch nicht auf. Die drei Briefe waren gelesen;
zweifelnd, schwankend starrte ich in die dunkle Zukunft. Wenn je einem
Menschen zu Mut war wie dem ungarischen Bauernjungen in Lenaus Werbung,
so war ich jetzt der Mann. Mein alter Freund Braun hatte die richtige
Saite angeschlagen, ohne es zu wissen.
»Und er sieht das Hüttlein trauern,
Das ihn hegte mit den Seinen,
Hört davor die Linde schauern
Und den Bach vorüber weinen.«
Den Nesenbach; den damals noch nicht einmal überwölbten Nesenbach.
Man glaubt es kaum, wie die Entfernung selbst ein solches Gewässer
vergeistigt.
In der Tat, warum sollte ich nicht umkehren? Alle vernünftigen Leute
schienen dieser Ansicht zu sein, gleichgültige und teilnehmende.
Leer käme ich ja nicht nach Hause. Ich hatte seit zwei Monaten alles
mögliche gesehen und einiges gelernt. Meine Notizbücher strotzten von
halbfertigen Skizzen. Warum sollte ich nicht einen Strich unter meine
Studienreise machen, wenn man mir die Tinte dazu förmlich nachspritzt.
Es kostet wohl einige Überwindung, nach den hoffnungsvollen Plänen, mit
denen ich auszog; aber man muß sich auch überwinden können. Die größten
Geister fanden dies am schwierigsten und achtbarsten. Und zur Stärkung
und Belohnung meines heldenhaften Entschlusses der Selbstüberwindung
muß etwas geschehen. Ich werde in dieser wilden Welt mit ihrem ewigen
Kettengerassel, wenn irgend möglich, zum Abend- und Abschiedsmahl eine
gute, deutsche Schützenwurst bestellen! Marie!!
Die Zimmerglocken im zweiten Stock des Schwarzen Ankers waren nämlich
nicht immer in Tätigkeit zu sehen. Man war deshalb gezwungen, dem
Zimmermädchen bei jeder wichtigeren Veranlassung menschlich näher zu
treten. Freilich nicht immer mit Erfolg. Sie ließ mir auch diesmal
Zeit, meinen halblauten Monolog fortzusetzen, den die wachsende
Erregung wohl entschuldigt. Man hat nicht alle Tage einen Entschluß zu
fassen, der das ganze Leben in eine neue Bahn drängt.
Eins aber will ich nicht unterlassen, fuhr ich, noch immer auf
meine Belohnung bedacht, eifrig fort: so nahe an England, für das
ich seit Jahren als Mensch und Techniker eine stille, beklommene
Verehrung pflegte, will ich wenigstens etwas von seinem insularen
und weltumspannenden Leben kennen lernen, ehe ich ihm den Rücken
kehre! Eine Flasche britisches Ale zu meiner schwäbischen Wurst!
Vielleicht sauge ich in dieser Weise kurzerhand die Quintessenz
englischer Lebenskraft in mich ein. Ale hatte ich bis heute nur dem
Namen nach kennen gelernt. Das wenigstens muß anders werden. Ich kann
dann jedenfalls die erste Frage, die Braun, wenn wir uns in Bälde
wiedersehen, an mich richten wird, prompt beantworten. Eine Flasche Ale
unter dem Herzen und den fernen Salzgeruch der See in der Nase, wie ihn
in einer solchen Sturmnacht jeder Windstoß bringt: wozu braucht man
eigentlich dann noch nach England zu gehen? Marie! --
Sie geruhte zu erscheinen; ohne Übereilung, mit jener vlämischen,
gemessenen Würde, die dem Süddeutschen Achtung einflößt und
gelegentlich ein Donnerwetter auspreßt. Nicht ohne kleine sprachliche
Schwierigkeiten erklärten wir uns: »Schützenwurst?« -- »Nein!«
-- »Wurst im allgemeinen?« -- »Ja!« -- »Das englische Gebräu?«--
»Jawohl, Mynheer!« -- Nach zehn Minuten erschien alles auf einem
Puppenstubenkaffeebrettchen; nur die große, wohlversiegelte Flasche
machte eine imponierende Ausnahme. Man mag sagen, was man will,
es ist doch etwas an den Engländern; ein großer Zug in allem, was
sie berührt', dachte ich und streckte mich auf dem kleinen Sofa
aus, den Kopf auf der einen, die Beine auf der andern Lehne, um
wenigstens eine Stunde lang die englischen Illusionen möglichst
aufrecht zu erhalten. Draußen heulte der Sturm. Segel und Rahen
klatschten; das Kettengerassel dagegen hatte endlich aufgehört. Und
mein Petroleumlämpchen brannte traulich und zutunlich. Ein schweres,
goldgelbes Naß winkte mir aus dem Gläschen entgegen, das schlecht zur
Flasche paßte. Ich begann; nicht ohne Wehmut.
So wäre denn mein Wanderleben zu Ende! Warum auch nicht? »Das Hüttlein«
wird bald wieder vergnügt sein, alter Lenau! Das alte Leben hatte doch
wahrhaftig auch sein Schönes, wenn man es im rechten Lichte besah;
namentlich im Abendsonnenschein oder noch besser: in der Dämmerung.
Die Kinderzeit in dem Waldkloster, in dem ich aufgewachsen bin, mit
ihrer unverstandenen Sehnsucht nach der großen Welt, welche zwei
Stunden hinter dem Wald mit einem Eisenhammer anfing. Und nun hatte
ich mir die große Welt schon ziemlich gründlich angesehen; was war
sie anders? Tatsächlich Eisenhämmer, einer hinter dem andern! Sind
sie all die Sehnsucht des kleinen, klopfenden Herzens wert gewesen?
-- Dann die lustige Schulzeit mit ihren Freundschaften für eine
vierjährige Ewigkeit und der ungeduldigen Ahnung von all dem Großen
und Schönen, das der nächste Schritt im Leben unfehlbar bringen mußte,
wenn man endlich den Staub und Moder der fürchterlichen Klassiker
abschütteln durfte. Darauf die Kneip- und Arbeitsfreudigkeit des
jungen Polytechnikers, der mit ganzem Herzen bei der Sache ist,
durchdrungen von der Weisheit seiner verehrten Lehrer und der Höhe
seines eignen Wissens und jederzeit bereit, mit einer liebenden Gattin
von fünfzehn Jahren die Rosenpfade des Daseins zu durchwandeln. Nun
aber plötzlich aus all diesen Herrlichkeiten der zermalmende Sturz in
das Werkstättenleben, die Vernichtung aller Träume, die zerklopften
Finger, die schwarze Nase. Und die ersten selbstverdienten Groschen,
die ersten, mit selbstverdientem Geld gekauften Stiefel, in denen
man mit bisher ungekannter Vorsicht auftritt. Und dann, trotzig
und halb gebrochen, aus der Tiefe der Vernichtung langsam wieder
emporsteigend. --
Übrigens ist dieses Ale ein wunderbares Getränk! Süffig wie das
kostbarste Olivenöl -- darüber habe ich keinen Zweifel mehr; stark wie
zwei Männer -- aber kaum bitter genug -- so ganz anders als ehrliches
schwäbisches Bier!
Ja -- man ist an dem Sturz in die unerwarteten Tiefen des praktischen
Lebens allerdings nicht gestorben, wenn auch beinahe. Mir wurde es
vielleicht doppelt sauer, denn in der alten Klosterzeit hatte ich im
Träumen eine ganz besondere Fertigkeit erlangt und öfter versucht,
die etwas dunstigen Luftgebilde in Reimen festzunageln, so daß ich
jetzt noch, sobald es mir wieder etwas besser ging, anhub, meinen
Schraubstock zu besingen, und den Fabrikschornstein in Verse brachte.
Es schadete niemand; sogar mir selbst nur einmal. Doch das harte
Jahr ging vorüber. Aus meiner ersten Fabrik hatte man mich zwar zu
meiner unaussprechlichen Verblüffung hinausgeworfen; sechs Wochen,
nachdem mir von meiner technischen ~Alma mater~ der erste Preis in
höherer Mathematik und praktischem Maschinenzeichnen zugesprochen
worden war. In der zweiten stieg ich jedoch aus den tiefsten Tiefen
mit zusammengebissenen Zähnen, und verschmierter als der schmierigste
Lehrjunge, langsam empor und wurde 36 Kreuzer, 48, ja schließlich einen
Gulden täglich wert. Dann holte mich ein Engel vom Himmel -- er hieß
Wolf und war Bureauchef und erster Konstrukteur -- ins Zeichenbureau.
Die Wurst war nicht schlecht, wenn auch himmelweit entfernt von den
Idealen, die meine teure schwäbische Heimat erzeugt. Es fehlte ihr die
schlichte Treuherzigkeit, die man am Neckar auch in einer Knackwurst
findet. Aber das Ale -- wie man ein solches Getränke Bier nennen kann!
~C'est magnifique, mais ce n'est pas la guerre!~ -- und stark! -- es
lebe ~old England!~
Das Pausen macht nicht überglücklich, aber man war wieder gewaschen wie
ein Mensch und ahnte die kommenden Freuden, wenn man nach Tisch in dem
noch leeren Zeichensaal neugierig an den Reißbrettern der gewiegteren
Herren Zeichner vorüberschlich: ernster, bärtiger Männer, denen man
die harmlosen Dummheiten nicht ansah, deren sie nach längerem, tiefem
Nachdenken oder schneidigem Winkel- und Reißschienengeklapper fähig
waren. Welch erhebendes Gefühl, den ersten, selbstkonstruierten
Lagerbock aus dem Nichts entstehen zu sehen; zu wissen, daß auch ich in
der Zuckerfabrik zu Böblingen in der Form eines Holzgestells für zehn
Zentrifugen weiter leben werde. Von den Sonnenblicken, welche Liebe
und Freundschaft wieder auf meinen Lebenspfad zu werfen begannen, will
ich gar nicht reden. Es war wie ein zweiter Frühling in sprossendem
Ackerfeld nach dem ersten im kindlichen Heidekraut, der schon weit
hinter mir lag. -- Ein tüchtiger Schluck von solchem Bier war damals
nicht nötig, um mir den Lebensmut zu heben, und dies war ein weiteres
Glück. Denn das Bier im Waldhorn war um ein beträchtliches schwächer.
Die Tage folgten sich und glichen sich nicht mehr. Schritt für Schritt
gings höher hinauf. Es kamen die kleinen Geschäftsreischen: hier
die Aufnahme einer alten Sägemühle, dort der Besuch eines verkehrt
aufgebauten Fundaments. Man hatte das fröhliche Gefühl des Entchens,
das zum erstenmal halb verwundert, halb selbstbewußt in seiner Pfütze
plätschert. Man fühlte die Bedeutung des neunzehnten Jahrhunderts, und
daß man am Webstuhl einer großen Zeit das eigne Schiffchen hin und her
warf. Abends am Wirtstische predigte man dem Pfarrer des Städtchens
und wurde vom Bürgermeister den Gemeinderäten als der Herr Ingenieur
aus Stuttgart vorgestellt, welcher uns alles über die Gasfabrik
mitzuteilen in der Lage sei, deren Anlage möglicherweise doch in
nicht allzu ferner Zeit in Erwägung zu ziehen wäre. Wenn es dann gar
gelang, die Bestellung eines unerwarteten Seifenkessels nach Hause zu
bringen, zu der sich der Herr Gemeinderat Angele in plötzlich erwachtem
Vertrauen entschlossen hatte! Aber auch Lieblicheres als Seifenkessel
sproßte frühlingsartig in allen Ecken und Enden des Ländchens, kleine
Blumenbeete der Freundschaft und Liebe in buntwechselnder Farbenpracht.
~Fiducit~, du alte Jugendzeit! Prosit, ihr fernen Herzensbrüder;
desgleichen ihr Schwestern! In einem besseren Nektar habe ich euch noch
nie meine Grüße zugewinkt!
Und das alles wollte ich verlassen? Ist es nicht schnöder Undank,
um von positiver Schlechtigkeit in einem oder zwei Fällen nur mit
gebührender Zurückhaltung zu sprechen? Ist das Neckartal nicht ein
halbes Paradies und das Waldhornminele eine kleine Eva, ohne Falsch,
wie die meisten Schwabenmädchen, an denen wahrhaftig kein Mangel war?
Der erste Versuch, all diesen teuern Banden zu entschlüpfen, hatte
verdientermaßen kläglich geendet. Zu Immendingen, im Schwarzwald, war
die Stelle eines Zeichenbureauchefs ausgeschrieben. Wer nichts wagt,
gewinnt nichts! Ich meldete mich, trotz des Jammers meiner guten
Mutter: Immendingen sei gar so weit entfernt! Wenn es wenigstens nicht
im Ausland läge! Es ist nämlich badisch, und wir schrieben 1859. Und
wahrscheinlich hätte ich die Stelle bekommen, wenn mein wackerer
Vater, stets auf mein Wohl bedacht, mich nicht unterstützt hätte. Er
war ein Mann des Fortschritts, trotz der hervorragenden philologischen
Stellung, die er in seiner Welt einnahm. Um meine Bewerbung zu fördern
und um mich zugleich später freudig zu überraschen, schickte er hinter
meinem Rücken an die Direktion von Immendingen eine Abschrift meiner
sechs besten »Lieder am Schraubstock«, überzeugt, wie er beifügte,
daß die in den kurzen Gedichten hervortretende ideale Auffassung
des praktischen Lebens und die nicht unbeträchtliche sprachliche
Gewandtheit, welche sich namentlich in dem fünften Gedicht, »Der
Schornstein«, zeigte, einige Berücksichtigung finden dürfte. Erst
zwei Jahre später erfuhr ich von der Sache durch einen Schreiber, der
den »Schornstein« und die andern fünf Lieder aus dem direktorialen
Papierkorb gerettet hatte. Denn der junge Herr war zufällig beim
Empfang des Schreibens im Zimmer anwesend gewesen. »Sehen Sie mal!«
hatte der Direktor zu seinem Prokuristen gesagt, der ihm gegenüber saß,
»solches Zeug schickt mir ein alter Professor! Glaubt der Mann, wir
machen Gedichte in Immendingen! Muß eine intelligente Familie sein,
das!«
Prosit, prosit, liebevollster und besorgtester aller Väter! Ich
weiß, du hast es herzlich gut gemeint, wenn wir auch in diesem Falle
hineinfielen. Es tat nicht allzu weh; der Papierkorb war geräumig genug
für uns beide. -- Übrigens ist dieses Bier das Bier aller Biere! Wenn
bei den Engländern alles so ist wie ihr Ale -- wer weiß, ob es nicht
doch meine Pflicht wäre, diesem Volke näher zu treten. Nur zu stark,
wirklich zu stark! Ich glaube, drei Flaschen könnte ich beim besten
Willen nicht auf mich nehmen. Das hat auch seine Nachteile.
Aber meine Ruh' war hin. Der Blick über den Schwarzwald hinaus hatte
den Zauber der Heimat vernichtet. Eine geheime Sehnsucht nagte an
meinem Herzen. Dazu kam eine kurze Geschäftsreise nach Paris, mit
dem Auftrage, Lenoirs Gasmotoren zu studieren und den Franzosen nach
Möglichkeit zu bestehlen, von wo ich verwirrten Kopfes nach Hause kam.
Meine angeborene deutsche Ehrlichkeit bewährte sich schon bei dieser
Gelegenheit. Aber ich ahnte mehr und mehr, wie weit die Welt ist,
wie sich's draußen regt, wie die Zeit, _unsre_ Zeit, an ihrem großen
Webstuhl die Schiffchen hin und her wirft. Liebe und Freundschaft
und die komplizierteste Schiebersteuerung, an der ich viel und emsig
herumklügelte, wollten mir den Seelenfrieden nicht wiedergeben. Ich
mußte hinaus.
Es lebe der Fortschritt; es lebe die Freiheit! Unbedenklich kann man
das Ale das Bier der Befreiung, den Trank der Freiheit nennen; wie ja
schon unserm wackern Schiller England als das gelobte Land der Freiheit
erschien, weil und obgleich er der beste Deutsche war. Daher wird wohl
auch der Unterschied im Geschmack rühren. Man muß sich an das Beste
gewöhnen. Es lebe die Freiheit!
Ich hatte mir ein paar hundert Gulden erspart und besaß eine
Großmutter, die mir fünfhundert lieh. Dann -- Ehre, dem Ehre gebührt --
gibt die württembergische Zentralstelle für Handel und Gewerbe ihren
hoffnungsvolleren jungen Schwaben gelegentlich ein paar hundert auf den
Weg, für Studienzwecke, oder um sie mit Ehren los zu werden. Das machte
zusammen etwas über tausend Gulden; damit kann man bequem eine Strecke
gleich der Erdbahn durchreisen! Und als sich die ersten Spuren des
Frühlings von 1861 zeigten, zog ich den Neckar hinunter in die weite
Welt hinaus.
Es lebe die Freiheit! Und nun sollte ich wieder umkehren, weil die
Rheinländer nicht merkten, wer vor ihren Türen stand, und die Belgier
-- konnte man's ihnen verargen? -- ebenso blind sind? Unsinn! Ich gehe
nach England! Natürlich gehe ich nach England. Vor der Quelle eines
solchen Nektars darf eine deutsche Studienreise nicht Halt machen.
Ich könnte mir's wahrhaftig in meinen alten Tagen nie verzeihen. Soll
ich beschämt vor meinen Enkeln stehen, wenn sie die Jugendgeschichten
ihres Großvaters ausgraben? Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben.
Ich begreife nicht, wie ich, noch mit sechshundert Gulden in der
Tasche, auch nur einen Augenblick daran zweifeln konnte. Es war eine
schmähliche Schwäche. Alles, was mich zu Hause liebt, soll leben. Aber
ich gehe. Mit jedem Augenblick fühle ich einen neuen Zuwachs von Kraft
und Mut in mir lebendig werden. Lebendige Kraft von der harten Art, mit
der etwas zu machen ist.
Lebe wohl, Kinderzeit! Ernst muß es werden, und das Ungetüm draußen mag
mich verschlingen, sobald es Lust hat. Es soll mich als Mann wieder
ausspeien an dem fremden Strande. Das ist beschlossene Sache, die deine
roten Augen, Waldhornminele, nicht mehr ändern können. Der Mann will
hinaus! -- Jetzt aber zum letztenmal -- und ganz gewiß zum letztenmal!
Ich riß ein Blatt aus meinem Notizbuch und schrieb auf die Rückseite
einer Kesselschmiede zu Aachen Abschiedsverse an meine armen,
zurückgebliebenen Freunde, an Mina, an Minas zahlreiche Freundinnen und
an meine ganze Jugendzeit, die ich unbarmherzig im Meer versenkte. Dann
folgten etliche trotzige Strophen an die Stürme der Zukunft und ein
fragwürdiges Schiff, das ich mit großer Zuversicht um brandungumtoste
Klippen zu steuern vorgab. Die Reime flogen mir zu. Dagegen weiß ich
heute noch nicht genau, wie ich in den Wandschrank kam, in dem sich
nach holländischer Weise mein Bett befand. Es ging alles in schönster
Ordnung. Aber ein gütiger Himmel mußte mich auch damals geleitet
haben, wie später mannigfach, wenn ich, in Freud' und Leid, das Steuer
nicht mehr allzufest in der Hand hielt.
Ein sonniger Morgen weckte mich aus wogenden Träumen. Draußen rasselten
die Dampfwinden mit einer Lebenslust und Arbeitswut, die fast wehe tat.
Mein schwarzer Freund mit seinem unerschöpflichen Appetit war schon
am ersten Frühstück. Er verspeiste soeben zehntausend Bretter. Dazu
Geschrei und Peitschenknallen, Pfeifen und zischendes Abblasen von
Dampf in allen Richtungen.
Auf meinem Tischchen lag mein Gedicht und die Flasche von gestern.
Etwas beschämt wendete ich mich von beidem nach dem Bilde lebendiger
Arbeit, das draußen in der Sonne schimmerte. Wie die Wellen der
Schelde im frischen Morgenwind den Strom heraufjagten! Und mir war
fast ebenso wohl. Es war trotz allem ein in jeder Beziehung famoses
Getränke, dieses merkwürdige Ale, nur ein wenig zu stark. Es dichtet
und bringt unentschlossene Menschen zur Vernunft, zwei Eigenschaften,
die man selten in einer Flasche beisammen findet. Denn mein Entschluß
stand fest. Ein kleines Schwanken ging mir nur noch zwei- oder
dreimal durch den Sinn, wie das Nachzittern einer großen stürmischen
Bewegung; aber es hatte keine Gefahr mehr, selbst wenn ich mich mit
zusammengebissenen Zähnen für immer vom Liebsten hätte losreißen
müssen, das ein junger Mensch auf dieser Erde besitzen -- möchte. Mein
letzter Tag auf dem alten Kontinent war angebrochen. Ich rief stürmisch
nach Marie und meinem Kaffee.
Diesen letzten Tag aber wollte ich noch in vollen Zügen und nach
deutscher Art genießen. Bis Marie mit ihrer vlämischen Gewandtheit sich
aufgeschwungen hatte, mit dem Kaffee zu erscheinen, durfte ich wohl
nachsehen, was ich eigentlich gestern besungen hatte. Das sollte in
Zukunft ja auch aufhören; das vor allem andern! Ich las:
Leb wohl, du sonnige Jugendzeit,
Ihr Berge und Burgen am Rheine!
Mir ist so wohl, mir ist so weit,
Leb wohl für immer, du Eine!
Es reimt sich zwar ganz hübsch; aber wer -- wer ist die Eine?
Ihr habt mich umsponnen, doch nicht gebannt
Mit eurem lieblichen Scheine:
Leb wohl, mein schlummerndes Heimatland,
Leb wohl für immer, du Eine!
Das Gedicht war sehr viel länger; aber die folgenden -- schätzungsweise
-- sieben Verse konnte kein sterbliches Auge mehr entziffern. Der
Gott, wie die alten Griechen es nannten, hatte mir in einer Weise
die Hand geführt, daß seine geheiligten Hieroglyphen mit menschlichen
Schriftzügen nicht mehr verwechselt werden konnten. Auch schien mir,
was irgend noch zu entziffern war, gestern unverhältnismäßig tiefer
und wärmer gelautet zu haben. Etwas verdrießlich warf ich das Blatt
unter den Tisch; hob es aber wieder auf, als sich im Fluge auf seiner
Rückseite die Aachener Kesselschmiede zeigte, die ich nicht verlieren
wollte. Es konnte nichts schaden, das alles mußte ja aufhören. Nach
acht Stunden; dann, um vier Uhr, wird ein neues Leben angefangen.
Ich hatte in den letzten zwei Tagen nur Werkstätten und Werften der
geschäftigen Seestadt Belgiens gesehen. Nun wollte ich zum Schluß
das alte, niederländische Antwerpen durchpilgern und mir's sechs
Stunden lang in einem andern Jahrhundert wohl sein lassen. Es war
ein Genuß, den ich heute nicht mehr wiederzugeben vermöchte, selbst
wenn ich den alten Bädeker von 1861 zu Hilfe nähme: die Kathedrale
mit ihrem wundervollen Spitzenwerk aus Stein, die unsterblichen
Niederländer im Museum, die alten Häuser aus der Zeit der Hansa und
der ganze versteinerte Reichtum eines stolzen freien Bürgertums, das
uns die Spanier halb zertreten haben, und das wir selbst mitzertraten
in unserm dreißigjährigen Ringen um eine Gewißheit, die noch heute
niemand besitzt. Als ich im Halbdunkel einer der abgelegensten Kirchen
der Stadt nach der Uhr sah, war es halb vier -- höchste Zeit, mein
deutsches Leben und Träumen abzuschließen.
Im Sturmschritt verirrte ich mich zweimal; im Galopp langte ich im
Schwarzen Anker an. -- Der »~Northern Whale~« -- der »Nordische
Walfisch« pfiff schon zum erstenmal, während ich in mein Zimmer trat,
und spie Dampf und Wasser aus, als ob er es keinen Augenblick länger in
der Schelde aushalten könne. Mein kleiner Koffer wurde in wilder Eile
gepackt. Marie und das ganze Haus arbeiteten an meiner noch kleineren
Rechnung, die ich unter der niedern Gasthoftüre mit Zurücklassung
mehrerer Franken bezahlte, da der Herr Oberkellner vergeblich das
erforderliche Kleingeld in den Mansarden des Hotels suchte. »Wo bekommt
man die Fahrkarten für den Dampfer?« fragte ich im letzten Augenblick,
schon auf dem Weg nach dem Schiff. Marie, deren vlämische Ruhe durch
meine damals noch ungebändigte süddeutsche Hast aus der Fassung
gebracht worden war, schrie laut, um mir dadurch ihre Muttersprache
etwas verständlicher zu machen, jedoch völlig ohne Erfolg. Ich glaubte,
noch etwas von der nächsten Straßenecke zu hören, als der Walfisch zum
zweitenmal einen heulenden Pfiff ausstieß. Es müßte doch des Kuckucks
sein, dachte ich, wenn sie mein gutes Geld nicht auch an Bord nehmen
wollten, wie auf dem Bodensee! »Adieu, Marie! Meine Londoner Adresse
liegt auf dem Tisch in Nummer fünf, wenn Briefe kommen sollten! Adieu,
Schwabenland! Anders geht es jetzt nicht mehr. Adieu!«
Es war allerdings nur ein paar Schritte; aber die mächtigen Räder des
Walfisches drehten sich schon, schläfrig, ein wenig vorwärts, ein wenig
rückwärts, wie wenn das Ungetüm am Erwachen wäre und sich gähnend
besänne, was vorn und was hinten sei.
Ein jäher Schreck durchfuhr meine Glieder. Wenn es sich plötzlich
aufmachte, ohne mich. Ich war die steile Landungstreppe hinauf wie der
Blitz, trotz Koffer, Reisetasche, Plaid und Schirm. Ein Matrose, der
am obern Ende stand, vermutlich der Kontrolleur der heraufkommenden
Reisenden, erhielt von meinem Koffer einen unabsichtlichen schweren
Stoß in die Magengegend und sah mir mit einem »~Damn these Germans!~«
ärgerlich nach. Es mußte ihm genügend deutlich geworden sein, daß ich
mitfahren wolle. Und damit war ich auf englischem Boden und hatte den
ersten englischen Gruß gehört.
Ich hätte mich nicht so sehr zu beeilen gebraucht. Eine halbe Stunde
später wurde die Verbindungsbrücke eingezogen, gerade, als auf dem
ruhiger gewordenen Staden in feierlichem Zuge ein wuchtiger Engländer
mit fünf flachsblonden Töchtern sich dem Schiffe näherte, ohne sich im
geringsten zu überstürzen. Man schob die Landungsbrücke wieder hinaus.
Die Töchter erstiegen das Deck. Der Vater schien sie sorgfältig zu
zählen. Dann sprach er über fünf Minuten lang mit seinem Kommissionär,
der ihn unter lebhaften Dankesbezeigungen die Treppe hinauf zu
komplimentieren suchte. Wieder wurde sie zurückgezogen, denn auch die
Matrosen fanden die Unterredung etwas lange. Ein fünfstimmiges »Papa!
Papa!« ertönte vom Schiff. Der Engländer winkte. Die Treppe wurde
ihm abermals zugeschoben. Er stellte sich jetzt auf das untere Ende
derselben und setzte seine Unterhaltung mit dem Kommissionär fort. So
hatte er den Dampfer in seiner Gewalt, ihn sozusagen verankert, zog
seinen Murray -- den englischen Bädeker -- aus der Tasche, entfaltete
einen Stadtplan und schien sich noch über den Namen einer Kirche
aufklären zu lassen. Als auch dies bereinigt war, drehte er sich
langsam um, kam feierlich die Treppe herauf und begrüßte den Kapitän,
der ungeduldig an ihrem oberen Ende gestanden hatte, mit Händeschütteln
und einem wohlwollenden »~All right, captain!~«, als ob das alles
völlig in Ordnung wäre. Zu eignem Gebrauch zitierte ich damals zum
erstenmal Goethes inhaltsschwere Worte: »Dem Phlegma gehört die Welt.«
Wie oft ich sie in den nächsten dreißig Jahren zitiert habe, weiß ich
nicht. Es ist ein nützlicher Satz des großen, alten Herrn für jeden
kleinen, jungen, der in die weite Welt hinausstürmt, ohne zu wissen,
wohin.
Mit dem Gefühl behaglicher Geborgenheit hatte ich jetzt Zeit, mich
umzusehen. Zunächst, bescheiden, wie ich war, suchte ich nach der
zweiten Kajüte, fand ihren Geruch nicht nach meinem Geschmack, verbarg
aber trotzdem, wie ich es andre tun sah, meinen Koffer vorläufig in
einer der schmalen Bettstellen, die, zwei Stockwerke hoch, entlang den
Kajütenwänden liefen. Hierauf fragte ich ohne Erfolg nach dem Kassier.
Daß ein Schiffskassier Purser heißt, wußte ich damals noch nicht.
Auch ohne dieses Hindernis verstand man mein bestes, seit vier Jahren
wohlabgelagertes Schulenglisch sichtlich höchst mangelhaft und ließ
mich stehen. Dann lief ich natürlich nach den Maschinen und versuchte
voll Wissensdrang in den Maschinenraum hinabzuklettern. Ein mürrisches
Gebrüll veranlaßte mich zu beschleunigtem Rückzug. Aber es war auch von
oben ein erhebender Anblick: die mächtigen Kurbeln und Kurbelstangen,
die blinkenden Lager, die kurzen, trutzigen Cylinder, die wuchtigen
Gelenke der übrigens sehr unwissenschaftlichen Steuerung. Steuerungen
waren von der Schule her mein Steckenpferd; je komplizierter, um so
besser. Und als sich das alles zu regen anfing, die riesigen Massen
lautlos hin und her schaukelten, das ganze mächtige Schiff zitternd zu
leben begann und es draußen rauschte und sprudelte, da vergaß ich, daß
jetzt der Augenblick gekommen war, in dem ich dem Lande meiner Väter,
wer weiß auf wie lange, wer weiß ob für immer, den Rücken kehrte. In
der geistigen Welt, die eine große Maschine umgibt, kann man, wie in
jeder andern, versinken. Als ich wieder auftauchte, waren wir in der
Mitte der Schelde und schwammen feierlich den großen Strom hinunter dem
Meere zu.
Ich hatte keine Lust, Schiffsfreundschaften anzuknüpfen. Alles um mich
her war so neu, so interessant, daß es mich völlig gefangen nahm:
der schimmernde, sonnige Strom, der frische Nordwest, der uns von
der fernen See entgegenbläst; jetzt ein Dreimaster mit ausgespannten
Segeln, der aus Westindien kommt und zierlich wie ein Schwan an uns
vorübergleitet, ein Dampfer, schwärzer als der unsre, mit Kohlen
aus Cardiff; kleine Schoner und Fischerboote, die wir hinter uns
lassen, andre, die in gefährlicher Nähe an uns vorübersegeln. Dann
die flachen, grünen Ufer, hinter deren Dämmen die roten Hausdächer
und die Turmspitzen holländischer Städte kaum hervorragen. Auf den
Dämmen erscheint hie und da eine Herde schwarz-weißer Holländer Rinder,
die neugierig nach unserm Dampfer sehen. Über all dem spannt sich
der glänzende Himmel mit fliegenden Wölkchen, ein riesiger Dom in
diesem flachen Lande voll eignen, sonnigen Lebens, das sich in seiner
Frühlingsfreude regt und bewegt wie das plätschernde Wasser um uns her,
und die stillvergnügte Erde hinter den Dämmen. Und da draußen muß es
ja bald kommen, das große, ersehnte Meer, das ich heute zum erstenmal
sehen soll. Drum bleibt es wahr: Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt!
Doch es wollte Abend werden. Ein purpurner Sonnenuntergang spiegelte
sich in der gewaltigen Wasserfläche, deren Ufer rechts und links kaum
mehr als dünne violette Streifen erschienen, die Himmel und Erde
trennten. Ein Kellner, unempfänglich für das weltentrückende Bild
und seine einsame Pracht, eine Schüssel Irish Stew in den Händen,
benachrichtigte mich, daß das Abendessen in der Kajüte bereit stehe.
Ich dankte ihm; ich zöge es vor, den wundervollen Abend zu genießen.
Auch ein handlungsbeflissener Landsmann hatte mich entdeckt, der schon
zweimal in England gewesen war und deshalb ein unwiderstehliches
Bedürfnis empfand, seine Landsleute zu belehren. »Sagen Sie nicht
›Kellner‹; das nimmt der Mann übel,« mahnte er. »Die Kellner auf
Schiffen, selbst auf deutschen, heißen Stewards. Nicht zu verwechseln
mit der schottischen Königsfamilie, die längst verstorben ist. Man
schreibt sie auch anders.« Ich wiederholte meine Erklärung, daß mich
der Sonnenuntergang genügend sättige. Mein wackerer Lehrmeister zog
mich jedoch gewaltsam nach der Kajütentreppe. »Genießen Sie etwas.
Sie werden es wahrscheinlich heute nacht brauchen können,« sagte er
mit einem vielsagenden, nicht harmlosen Lächeln. »Übrigens sagen
Sie nicht ›Treppe‹.« Ich hatte überhaupt nichts gesagt und suchte
dies festzustellen. »Sagen Sie nicht Treppe!« fuhr mein Mentor sehr
entschieden fort. »Eine Schiffstreppe heißt Campanion. Wir blamieren
uns sonst.«
In dem niederen, düsteren Raum standen auf einer langen Tafel, die
mit einem nicht übermäßig reinen Tischtuch gedeckt war, zwei mächtige
Keulen kalten Fleisches, würdige Vertreterinnen der unübertroffenen
englischen Rinder- und Schafzucht, Brote, Salzbutter, Pickles, Senf,
alles, was ein einfaches Herz begehren konnte, in reichlicher Menge.
Jedermann griff zu, die meisten mit einer scheuen, unruhigen Hast,
wie wenn es die höchste Zeit wäre. Ein Steward schenkte den Leuten
in mächtigen Tassen Tee ein. »Trinken wir eine Flasche Ale!« rief
mein Landsmann. »Das verlangt schon die Höflichkeit; diese Bretter
sind englischer Boden! Rule Britannia!« Eine eigentümliche Bewegung
des Schiffes unterbrach ihn. Die Hängelampen neigten sich höflich
nach links zu mir herüber. Die Beefkeule machte eine kaum merkliche,
gespenstige Bewegung auf ihrer Platte. Die Teelöffel zitterten hörbar,
und der Tee in jeder Tasse kam nachdenklich an den Rand, besann sich
eines besseren, da er keine Lippen fand, und schien verstimmt sein
altes Niveau aufzusuchen. Dann war alles wieder wie zuvor; nur statt
des dumpfen Gemurmels der Gäste war eine plötzliche Stille eingetreten.
»Ich denke, wir sind draußen!« sagte endlich mein Landsmann
erbleichend. »Nehmen Sie nicht noch einen Cognac? Brandy heißt man das
an Bord-Schip.«
Das »Noch« machte einen eigentümlichen Eindruck. War es wirklich so
schlimm -- eine Art Abschied aus dem Diesseits? Nein, ich wollte keinen
Brandy. Aber ich mußte sehen, wie es aussieht, wenn man »draußen«
ist, und brauchte Luft. Die Atmosphäre in der Kajüte konnte jedes
weitere Nachtessen ersetzen. Und jetzt machte alles um uns her eine
zweite Bewegung, die Lampen, die Teetassen, selbst die Schafskeule;
alles noch voller Höflichkeit, die nur das klappernde Umfallen eines
Porzellanbeckens im dunkelsten Hintergrunde in unschicklicher Weise
unterbrach.
»Ich denke, wir sind draußen,« sagten zwei weitere Herren gleichzeitig,
wie auf einem guten Theater; »und eine glatte Überfahrt gibt's heute
nicht,« fügte der eine kleinlaut hinzu.
»Ich habe immer das Glück!« jammerte ein vierter, ohne eine Spur von
Fassung zu verraten, stand auf, kroch in die nächste Bettstelle,
drückte den Kopf in die Kissen, die er verzweiflungsvoll über die Ohren
stülpte, und zeigte der Gesellschaft rücksichtslos den breiten Rücken,
über den von Zeit zu Zeit ein sichtbares Zucken lief: ein Bild von
»Leides Ahnung«, die Schumann bekanntlich um jene Zeit so ergreifend in
Musik gesetzt hat.
Ich hatte glücklich die Kajütentreppe erreicht, ehe die Lampen ihre
nachgerade zudringlichen Höflichkeitsbezeigungen wiederholen konnten,
und arbeitete mich am Geländer hinauf in die frische Luft. Das
Klappern eines zweiten Porzellanbeckens tönte mir von unten nach,
mahnend, drohend. Aber ich war oben. Ein scharfer Wind blies mir ins
Gesicht. Die Sonne war untergegangen. Einsam und schwarz lag die weite
Meeresfläche vor uns, besät mit weißen Flöckchen: den Wellenkämmen,
die uns die dumpfbrausende Nacht rastlos entgegenjagte. An der Spitze
des Schiffes tauchte das kurze Bugspriet auf und nieder, bald über
die dunkle Horizontlinie sich in den lichteren Himmel hinaufbäumend,
bald unter derselben in tiefem Dunkel versinkend. Manchmal hörte man
von dort einen schweren, dumpfen Schlag, wenn das Schiff eine große
Welle spaltete. Dann spritzte das Wasser über die Brüstung, weiß in
lustigem Aufbrausen, als ob drunten in dem schwarzen Gischte ein grober
Triton seinen Witz mit uns treiben wollte. Zuweilen aber kam es auch
ernsthafter, wenn der Kobold ein paar Tonnen soliden Wassers über das
ächzende Geländer warf, die dann mit rasender Geschwindigkeit auf dem
Deckboden hinjagten, so daß achtbare ältere Herren erster Klasse, die
sich zu uns herübergewagt hatten, in unziemlichen Sprüngen Rettung
suchten. Doch sah das Ganze eher ernstlich und feierlich, als wild und
gefährlich aus. Wir hätten keinen Sturm -- weit entfernt! lachte ein
deutscher Matrose, bei dem ich mich erkundigte. Nur eine steife Brise,
die uns in die Zähne blies.
So also zieht man in die Welt hinaus, dachte ich und klammerte mich
an die Brüstung auf der weniger feuchten Seite des Schiffs. In Gottes
Namen! Etwas bedenklich darf es den Würmchen doch wohl vorkommen,
hoffe ich, die der Trockenheit bedürfen und fast hilflos in diesem
Urweltselement herumplätschern. Aber bange machen gilt nicht. Es sieht
schließlich nur so aus. Sind wir doch dazu da, die Erde zu beherrschen
und die Meere zu zähmen, und tun es mit leidlichem Erfolg; jeder in dem
Schiffchen, in das ihn der Herr der Welt gesetzt hat. Bin ich nicht wie
ein andrer Mann?
Und das herrliche Bild bekommen wir noch drein in den Kauf: die
blauschwarze Nacht, die grauschwarze, weißgefleckte See mit ihrem
gespenstigen Leben, das einförmige Brausen der Räder, die dumpfen
Wasserschläge am Bug, das fühlbare Zittern, das durch den Riesenleib
des Schiffes läuft in seinem rastlosen Kampf mit den Elementen. Es
war herrlich; aber es dauerte nicht allzulange. Auf und ab, auf und
ab stieg und senkte sich das brave Schiff, emsig seinen Weg durch
die entgegenstürzenden Wogen brechend, ohne sich aufzuregen, ohne zu
stocken, gleichgültig für alles, was hinter uns lag; vorwärts! Auf und
ab, auf und ab.
»Das nennt man auf deutsch ›stampfen‹,« meinte mein kaufmännischer
Landsmann, der kreidebleich auf mich zukam, ein geisterhaftes Lächeln
auf den verzerrten Zügen. Sein lehrhafter Ton war völlig verschwunden,
der Menschheit ganzer Jammer hatte ihn sichtlich ergriffen, aber die
Macht der Gewohnheit ließ ihn noch nicht versinken. »Jetzt fängt das
Schiff auch an zu rollen. Wir bekommen voraussichtlich Seitenwind --
Südwest, wenn wir noch etwas weiter draußen sind. Rollen nennt man« --
er unterbrach sich selbst mit erschreckender Plötzlichkeit. »Ich -- ich
-- nehme noch einen Cognac -- gehen Sie mit?«
Die Einladung erstarb auf dem Weg. Eine heftige Bewegung des Bootes
schoß ihn in der gewünschten Richtung nach der Kajütentreppe, und
polternd, mit etwas Seewasser, die Treppe hinunter. Ich sah ihn nicht
wieder.
So, dies nennt man rollen, dachte ich mit dem Rest von Vergnügen,
dessen ich noch fähig war. Es war nicht viel. Auch ich begann die
Macht des großen Ozeans zu fühlen, der, man kann die Bemerkung kaum
unterdrücken, sich in dieser Hinsicht gegen uns etwas kleinlich
benimmt. Liegend soll der Widerstand länger möglich sein, hatte ich
wiederholt gelesen, und auch der Tapferste kann mit Ehren der Übermacht
weichen. Die nächste Sturzwelle schwemmte auch mich in die Kajüte
hinunter.
Vier Hängelampen, wild hin und her schaukelnd, erhellten mit trübem
Licht den Tartarus. Stöhnen, Schluchzen, manchmal ein Schrei nach
dem Steward, von Unglücklichen, die in großer Eile zu sein schienen,
geheimnisvolles Porzellangeklapper, Laute, wie sie sonst auf der Erde
nicht gehört werden, kamen aus dem dunstigen, säuerlichen Halbdunkel.
Dann wohl auch ein kurzes Aufseufzen der Erleichterung -- ach, wie
kurz -- und gleich darauf röchelnde Versuche, Unmögliches zu leisten.
Manchmal entrang sich wohl auch ein allgemein verständliches: »O Gott!
o Gott!« einer gepreßten Seele oder ein zorniges: »Sind Sie doch
endlich still da droben! Ich will schlafen!« und dann die Antwort:
»Sie haben gut schimpfen, mit Ihrem Rhinocerosmagen!«, und die
Fortsetzung ein unartikulierter, sachlicher Protest.
Mit der letzten Anstrengung meiner Kräfte war es mir gelungen, in
meine Koje zu kriechen und mein Handgepäck hinauszuwerfen. Dasselbe
fiel zermalmend einem dicken Herrn auf den Rücken, welcher zum Glück
nicht mehr fähig war, sich zu wehren. Dann drückte ich den Kopf in die
hinterste, finsterste Ecke meines Lagers, hielt mich krampfhaft an
einem rätselhaften eisernen Ring, der aus der Schiffswand bequem in
mein Bett hereinragte, und stemmte die Kniee gegen die Kajütendecke,
so daß ich, nach allen Seiten wohl versteift, das Auf und Ab, Auf
und Ab des wackeren Schiffes halb besinnungslos mitmachen konnte. So
konnte man das Weltende oder was sonst noch kommen mochte, mit einiger
Zuversicht erwarten.
Später fühlte ich, daß jemand murrend an mir herumzerrte. Ich
widerstand ohne Zorn, halb im Glauben, daß es nur eine neue Art von
Schiffsbewegung sei, die mich zu ergreifen versuchte. Dabei schien
das Schiff wirklich zu schimpfen, buchstäblich zu schimpfen, und noch
dazu auf englisch. Ich verstand einiges. »~These blessed Dutchmen!~«
begrüßte es mich; es sei eine Schande, mit den Stiefeln in ein so
feines Bett zu liegen! Dann machte es ungeschickte Versuche, mir die
Stiefel auszuziehen. Es ging nicht. Das hatte ich mir wohl gedacht.
Konnte es mich nicht in Ruh' lassen -- immer noch nicht? Es fragte
verdrießlich nach meiner Fahrkarte und suchte, meine Unfähigkeit
begreifend, in meinen Westentaschen. Ich ließ es machen. Es wird schon
nichts finden, dachte ich. Und so war es auch. Endlich entfernte es
sich murrend, dumpf rauschend. Vielleicht war es doch nicht das Schiff
gewesen. Das ging wieder auf und ab, auf und ab, als ob es nie etwas
andres getan hätte, und so fortmachen wollte -- auf und ab, auf und ab
-- in alle Ewigkeit.
* * * * *
Als ich zur Besinnung kam, dämmerte eine neblige, fröstelnde Helle
um mich her. Die vier Lampen hingen schein- und regungslos von der
Decke. Ein freudiger Schreck fuhr durch mein zermalmtes Inneres. Ist es
möglich? haben wir -- haben einige von uns diese Nacht überlebt?
Ruhig und gemessen rauschten draußen die Räder des Dampfers. Hier innen
herrschte tiefe, feierliche Stille. Alles schlief. Ein friedlicher
Morgen drückte seine segnende Hand auf die Schrecken der Finsternis,
die hinter uns lag. Die übriggebliebenen Menschenreste schlummerten
glücklich einem neuen Leben entgegen. Wir waren in der Themse. Die
Stewards räumten ab und deckten die Tische für das Frühstück. Einen von
außen Kommenden hätte allerdings die Atmosphäre hierzu kaum eingeladen.
Wir waren zum Glück daran gewöhnt; sie war sozusagen unser Eigentum;
und eine unendliche Leere erfüllte Herz und Magen. Stillvergnügt, mit
halbgeschlossenen Augen sah ich die Rindskeule von gestern und den
kalten Hammelsbraten aufmarschieren und die lange Reihe der Teetassen
ihre Löffelchen präsentieren. Schon damals sah man es ihnen an, daß
der Obersteward ein Preuße war: alles hübsch in Reih' und Glied. Dann
sprang ich aus dem obersten Stockwerk, in dem ich gehaust hatte, und
nahm beinahe den Kopf meines Untermanns mit, der sich eben erkundigen
wollte, ob er denn auch noch lebe.
In der Erwartung baldiger Trinkgelder fragten die Stewards aufmunternd
nach unserm Befinden und brachten den schwächeren Leidensbrüdern die
dampfenden Teetassen nach den Betten. Es war ein köstliches Getränke
unter obwaltenden Umständen. Alles lächelte. Jeder suchte damit
anzudeuten, daß die andern sich doch noch weit erbärmlicher aufgeführt
hätten und sich heute in guter Gesellschaft kaum sehen lassen könnten.
Doch schien es ein stillschweigendes Übereinkommen, gesprächsweise auf
Einzelheiten nicht einzugehen. Nachdem man sich in dieser Art auch
moralisch rehabilitiert hatte, ging es eilig aufs Deck.
Das also war England, der Hort der Freiheit, der Kern der größten
Weltmacht unsrer Zeit, das Ideal der jungen Maschinentechniker aller
Welt. Es war ein herrlicher Morgen nach englischen Begriffen, wie ich
sie später kennen lernte. Es schneite nicht, es regnete nicht, und
man sah nichts. Grau in Grau lag Wasser und Land vor uns: stahlgrau,
silbergrau, blau-, grün- und braungrau, alles merkwürdig fern und groß
und wunderbar zart, das gespenstige Bild einer kaum irdischen Welt,
über welcher eine verschwommene, rundliche Lichtquelle zu schweben
schien, an der Stelle, wo in andern Ländern zu dieser Tages- und
Jahreszeit die Sonne steht.
Glatt und munter schwammen wir mit der steigenden Flut den Strom
hinauf. Dampfer plätscherten in weiter Ferne, ehe sie aus dem Nebel
heraustraten und, selbst Nebelbilder, an uns vorbeiglitten. Himmelhohe
Segelschiffe, alle Segel ausgespannt, traten plötzlich still und
feierlich, wie Gespenster, aus dem Silbergrau heraus, schwebten lautlos
vorüber und waren verschwunden, ehe man sich zweimal umsah. Am Ufer
zeigten sich jetzt nackte Masten, wie entnadelte Tannenwälder, formlose
Wesen mit Sparren und Stangen nach allen Richtungen. Dann hörte man
ein leises, dumpfes Brausen, das langsam anschwoll und alles in
geheimnisvoller Weise durchdrang, selbst das laute Rauschen unsrer
Räder; dazwischen manchmal einen scharfen Knall, einen Pfiff, ein
lautes Gepolter, weitschallende Rufe von Schiffern aus unsichtbaren
Fischerbooten. Alles kühl und feucht und fröstelnd. Bald aber kamen
deutlichere Umrisse von Häusern, riesige, schwerfällige Vierecke,
himmelhohe Schornsteine. Das Brausen wurde lauter und schwoll zum
dumpfen, unablässigen Brüllen der erwachenden Millionenstadt. Jetzt
zeigte sich eine bekannte Form über den zackigen Umrissen unzähliger
Schornsteine, wie ein alter, guter Freund: der Tower mit seinen vier
Ecktürmchen. Den kannte und liebte ich ja schon seit meinem sechsten
Jahr, in einem übel zerrissenen ~Orbis pictus~. Und gleich darauf
sperrte uns in dem immer glänzender werdenden Nebel eine gewaltige
Geisterbrücke den Weg, welche die glasartig spiegelnde Wasserfläche
begrenzte: Londonbridge.
Unser Dampfer machte jetzt unruhige, stockende Bewegungen. Mächtige
Schiffe wimmeln um uns her, durch die er sich durcharbeiten muß.
Scharfe Kommandoworte, Pfeifen und Schreien scheint hierzu nötig zu
sein. Alles drängt sich aufs Deck; Koffer und Mantelsäcke, Kinder und
Frauen. Der Kampf ums Dasein erwacht rücksichtslos unter Menschen
und Dingen. Ein halbes Dutzend Matrosen drängt sich nach dem einen
Radkasten durch. Sie schieben die Landungsbrücke zurecht. Das dröhnende
Brausen der Riesenstadt lastet betäubend auf den Ohren. Erdrückende,
wirre Häusermassen hängen über uns herein, feindlich, drohend. Jetzt
heult unsre Dampfpfeife ein ohrenzerreißendes Geheul. Jemand, der halb
verrückt sein muß, läutet auf einem benachbarten Schiff eine Glocke,
als wollte er den jüngsten Tag einläuten. Unsre Maschine hält still.
Zischend und speiend fährt der überschüssige Dampf durch das Rohr am
Schornstein, das zitternd wie eine Orgelpfeife im tiefsten Baß in den
Lärm einstimmt. Die Landungsbrücke fällt ans Ufer. Wie Schafe, die den
Kopf verloren, drängt sich alles zwischen die Geländer des engen Stegs.
Wehe dem Regenschirm, der quer zwischen die aufgeregten Beine der sich
bildenden Seeschlange aus Menschenleibern gerät.
Ich selbst stak mitten in dem sich langsam durchtrichternden Knäuel
und riß an meinem Koffer, der zwischen den Knieen eines Herrn stak,
welcher hinter mir drei Kinder zusammenzuhalten suchte. So ging's
über die Brücke. »Aber ums Himmels willen, wo bezahlt man denn?« rief
ich in wirklicher Seelennot. »Ich habe ja noch nicht bezahlt!« Die
Leute starrten mich an, große Fragezeichen in den Gesichtern. Zum
Glück verstand mich niemand. Ich spürte jetzt festen Boden unter den
Füßen. Alles rannte durch die finstern Gebäude und schwarzen Höfe
der Katharinendocks in die Lower-Thames-Straße hinaus, nach Fiakern
schreiend, nach Gepäckträgern, nach Gepäck, nach Weib und Kind. Einen
Augenblick lang lag mein Koffer auf einem Tisch, der das Zollamt
vorstellte; ich suchte nach meinen Schlüsseln. Im nächsten hatte ihn
ein Mann ergriffen, auf die Schulter geschleudert und rannte davon. Ich
sah, schon ziemlich in der Ferne, das teure, wohlbekannte gelbe Leder
über den Köpfen der Menge manchmal auftauchen. Das ging denn doch über
den Spaß: mein ganzes Hab' und Gut! Ich rannte ihm nach; natürlich.
Draußen, im Getümmel einer engen, düsteren Straße, in der das Fuhrwerk
ineinandergriff wie die Zähne eines Uhrwerks, stand mein Mann neben
einem Handsome, auf dessen Dach sich bereits mein Koffer befand, als
ob er dort zu Hause wäre. Es blieb keine Zeit, mich zu besinnen. Das
Maul eines Pferdes stieß mir an den Hinterkopf. Der Mann streckte mir
eine riesige Hand entgegen. Ich legte einen Franken hinein, in der
bangen Erwartung einer schwer durchzuführenden Diskussion über die
fremde Münze und von etwas Kleingeld englischen Geprägs. Aber ich wurde
angenehm enttäuscht. Mit einem gutmütigen Nicken, halb Herablassung,
halb Zufriedenheit andeutend, war der Mann verschwunden, ohne seine
Ruhe, ohne eine Sekunde seiner Zeit zu verlieren. Einige Augenblicke
später sah ich ihn noch einmal, unter einer riesigen schwarzen Kiste,
von zwei Damen verfolgt, die laut schreiend ihre Regenschirme in der
Luft schwangen.
Staunend nahm ich in dem ersten Handsome Platz, das ich in meinem Leben
sah. Eine wunderbare Maschine, deren sinnige Konstruktion mir erst nach
Wochen einleuchtete. Durch ein Loch in der Decke schien mein Kutscher
herunterzuschreien: wo ich hin wolle. Kaum hatte ich Zeit, in meinem
besten Gymnasialenglisch »~Middleton square, Islington~« zu rufen, als
der Deckel, mit dem das Loch geschlossen werden kann, wieder zuflog und
sich mein Pferd, scheinbar führerlos -- denn der Führer sitzt hinter
mir, in einem Kistchen auf dem Dach des Fahrzeuges -- ruhig trabend in
dem reißenden Strom von Karren und Wagen, Pferden und Menschen verlor.
Seitdem die Landungsbrücke des Dampfers ausgeworfen worden war, konnten
kaum fünf Minuten vergangen sein. Welcher Reichtum an Erlebnissen und
Eindrücken in dieser Spanne Zeit; welches Volk, mit seinem »Zeit ist
Geld!« -- Die Straßen wurden etwas freier, das Getümmel etwas weniger
betäubend. Ich war in England, mitten im Lande, dem Norden zutreibend,
als verstehe sich all das ganz von selbst.
Aber -- gütiger Himmel! Ich wollte ja meine Überfahrt erst bezahlen!
»~Cabman -- Cabman!~ Kutscher! Fiaker!« -- Ich stieß den Deckel in
meinem Dach wieder auf und begann zu explizieren. Der Mann schüttelte
seine ziegelrote Nase herein -- das einzige, was ich von ihm sehen
konnte -- und fuhr ruhig weiter nach Norden, immer nach Norden, endlose
Straßen hinter sich lassend, die nach und nach immer stiller wurden.
Es war gut, daß ich einen Kompaß bei mir hatte. Jetzt bogen wir um
die dreißigste Ecke, ungefähr. Anfänglich hatte ich im Gewirr der
unteren City die Ecken gezählt, aber auch diesen schwachen Faden bald
verloren. Eine grüne, viereckige Oase öffnete sich jetzt vor uns, mit
einer kleinen gotischen Kirche in der Mitte, ernst, still, vielleicht
etwas pedantisch, ein klein wenig langweilig dreinsehend, aber sauber
und sonnig, umgeben von vier Mauern, Häuser vorstellend, die sich
glichen wie ein Ei dem andern. Jedes hatte das gleiche eiserne Gitter,
das es vom Square trennte, die gleiche, blanke Sandsteintreppe, den
gleichen glänzenden Klopfring an der braunpolierten Haustüre. Es tat
dem Auge ordentlich weh, daß nicht auch die metallenen Hausnummern die
gleichen waren. Der Cabman sprang von seinem lustigen Sitze herunter
und schlug drei donnernde Schläge gegen ein sorgfältig verschlossenes
Tor. Keine fünf Sekunden vergingen, ehe ein liebliches blondes Wesen,
mit einem wahren Engelskopf und einem kleinen, flachen Spitzenteller
darauf, vorsichtig öffnete und mich mit einem ermutigenden Lächeln
begrüßte. Sie sah sofort, daß dies besser war, als mich in ein
englisches Zwiegespräch zu verwickeln; nahm meinen Koffer, bezahlte den
Cabman, der etwas brummte, denn er hätte sich lieber mit mir direkt
verständigt, schob mich durch die Haustüre, klappte sie scharf zu und
legte eine Kette davor.
»Missis Bitters Boardinghaus?« sagte ich endlich, mit einem
Fragezeichen. Es ging mir doch fast etwas zu sehr wie meinem Koffer in
den Katharinendocks.
»~Yes, Sir!~« sagte der Engel mit dem Spitzenteller.
Missis Bitters Adresse hatte mir mein Schwager gegeben, der vor zehn
Jahren in diesem Hause gewohnt hatte, um die kirchlichen Verhältnisse
Englands zu studieren. Er hatte seiner alten, verehrten Freundin
gleichzeitig geschrieben, daß ich möglicherweise eines Tages eintreffen
werde. Sie selbst stand jetzt unter der Salontüre, den Fremdling
freudig, wenn auch etwas gemessen begrüßend: eine würdige, muntere,
fünfzigjährige Dame, wie mir schien. Sie war zweiundsiebzig, und ich
war vorläufig geborgen.
* * * * *
Ein unbeschreiblich stiller Sonntag brachte meine erregten Nerven zur
Ruhe, wenigstens äußerlich. Im Innern brauste noch immer die See, die
Häuser im Square schwankten ein wenig, wenn ich sie nicht scharf ansah,
und ein nagender Gedanke wollte sich nicht verscheuchen lassen. Ich
hatte meine Überfahrt noch immer nicht bezahlt! Die Entfernung des
stillen Middletonsquares vom Meer, vom »Nordischen Walfisch«, von dem
tollen Treiben an der Themse schien mit jeder Stunde um hundert Meilen
zu wachsen und damit die Möglichkeit, mein schuldbeladenes Gewissen von
seinem Alp zu befreien. Wenn es mir nun recht schlecht ginge in diesem
unbegreiflichen Land, mußte ich nicht fortwährend denken: geschieht
dir ganz recht! Ein Mensch, der nicht einmal seine Überfahrt bezahlt
hat! Vielleicht war ich, wie Missis Bitter, jünger, als ich aussah;
denn ich konnte das kindische Gefühl nicht los werden. Nachmittags
ging ich sechs- bis achtmal um die gotische Kirche herum spazieren
und besah mir die vier Spitzen des trutzigen Turms von allen Seiten.
Das englische Glockengeläute, ein regelmäßiges Anschlagen von drei
glockenhellen Tönen -- Prim, Quint, Terz, Prim, Quint, Terz --, das
dreißig Minuten lang fortdauert und dann wieder von neuem beginnt, kann
den hartgesottensten Sünder mürbe machen. Es wurde gegen Abend auch
mit mir schlimmer. Ich schüttete endlich der mütterlichen Freundin
meines Schwagers das ganze Herz aus; sie schien sofort bereit, auch mir
Mutter zu werden, und richtete mich mit heiteren Trostesworten auf,
soweit ich sie verstand. Das sei ganz einfach! Ich könnte ja morgen
meinen ersten Ausflug nach der Unteren Themse-Straße machen, das Bureau
der Antwerpener Dampfer aufsuchen und alles regeln. So konnte ich mein
englisches Leben wenigstens als ehrlicher Mensch beginnen. Ich schlief
meine erste Nacht auf englischem Boden, in einem Riesenbett, getröstet,
wie ein Sack.
Als wackerer junger Deutscher kaufte ich mir am frühen Morgen
einen Stadtplan und machte mich zu Fuß auf den Weg nach den
Katharinendocks. Solange ich niemand zu fragen brauchte, ging alles
vortrefflich. Die end- und zahllosen Straßen wurden wieder enger,
der Lärm lauter, das Gedränge dichter. Gegen zehn Uhr erreichte ich
den Platz vor der »Bank«. Hier, wenn irgendwo, ist der Mittelpunkt
der Welt dieses Jahrhunderts. Man spürt es ordentlich. Staunend,
halbbetäubt betrachtete ich das wirre Bild: ein Kaleidoskop, von einer
Riesenmaschine gedreht, mit rennenden Menschen aus allen Weltteilen
statt der übereinanderstürzenden farbigen Steinchen. Und jeder schien
genau zu wissen, was er wollte, und rücksichtslos drauf loszugehen.
Aber auch ich durfte mich nicht aufhalten. Es waren wohl genug
Taschendiebe und sicher auch andere Spitzbuben in diesem brausenden
Gedränge. Ich mußte mich beeilen, wieder ein ehrlicher Mensch zu
werden. Der Weg dazu ging durch Cornhill nach Osten.
Ohne es zu ahnen, ging ich dort an einem Hause vorüber, in dem ich
später zwanzig Jahre lang den größeren Teil meiner Arbeit und ein
Stückchen meines Glücks finden sollte. Wer wohl die blinden Passagiere
alle führt, die in diesem Millionengewimmel umherirren. Auch keine
kleine Arbeit, das!
Jetzt wurde das Gedränge schmutziger. Der Themsenebel hing hier noch in
den Straßen, und die riesigen Warenhäuser mit ihren Schätzen aus Ceylon
und Cuba, aus Hongkong und Callao neigten sich schwarz und schwermütig
gegeneinander; düstere Geldprotzen, die stillbrütend der Welt Arbeit
geben und Bewegung. Wer weiß, vielleicht auch mir, dachte ich, und sah
sie etwas scheu an. Sie gefielen mir nur halb.
Nun war's mit dem Stadtplan zu Ende. Dort gähnte mir das schwarze Loch
entgegen, durch das ich gestern meinen Einzug in England gehalten
hatte. Ich mußte fragen. Ein hastig vorbei rennender Handlungsgehilfe
hatte keine Zeit, zu antworten. Ein vierschrötiger, gutartiger
Packträger rief zwei andre herbei. Zu dritt berieten sie, in welcher
Sprache ich mit ihnen zu verkehren versuche. Und es war mein bestes
Gymnasialenglisch, »~made in Germany~«, eine allerdings damals noch
nicht übliche Bezeichnung! Die Verhältnisse wurden mehr und mehr
hoffnungslos, bis uns ein deutscher Indigo-Agent mit einem riesigen
Notizbuch und prächtig blauen Fingern aus einem Kellerloch heraus
zu Hilfe kam. Es ergab sich, daß ich nur drei Häuser von dem Bureau
entfernt war, das ich suchte: dort, gegenüber der Trinkstube mit der
roten Laterne über der Türe.
Das schwarzbraune Haus, dessen blauschwarze Fenster nie einen
Lichtstrahl aufgefangen zu haben schienen, war ein Labyrinth von Gängen
und engen Treppen. Überall brannte Gas; es wäre sonst nicht bewohnbar
gewesen. Zahllose Türen und Türchen gingen auf die Gänge und waren in
alle Winkel eingebaut. Auf jeder stand auf Milchglas, in schwarzen,
schmucklosen Buchstaben, der Name einer Firma, einer Gesellschaft,
eines Unternehmens in fernen Ländern -- Nevada, Singapore, Neufundland,
Mexiko, Sidney, Kairo, Valparaiso -- alles, was die glühende Sonne
beschien, schien in dem schwarzen Loch zu hausen. In einer Ecke des
ersten Stocks fand ich meine Antwerpener Freunde. Es war mir, als fände
ich alte, liebe Bekannte. Ich trat ohne weiteres ein, da die Türe
fortwährend auf und zu ging.
Eine mit Schaltern versehene Glaswand trennte einen langen, schmalen
Streifen des niederen Saales ab und schied die Besucher von den
Beamten, die hinter den Glasscheiben hausten. Aus dem ersten offenen
Schiebfenster winkte mir jemand. Was ich wolle? Ich begann zu erklären.
Nach ein paar Worten, die ich mutig und erfolgreich zusammengestellt
hatte, unterbrach er mich. »Sie brauchen den Kassier! Dritter Schalter,
rechts!« Wie der Mensch das wissen konnte? Ich war ja noch gar nicht so
weit in meiner Erklärung. Aber er war fertig mit mir und sprach schon
mit meinem Hintermann in jenen fürchterlichen, endlosen Worten, die mir
in diesen ersten Tagen so viel Sorge machten und von denen jedes, wie
sich später herausstellte, einen ganzen Satz bedeutete. Wie soll man
aber wissen, wo ein Wort aufhört und das nächste anfängt, wenn man sie
nicht gedruckt sieht?
Ich übersetzte bereits am dritten Schalter rechts mit Anspannung
aller Geisteskräfte und möchte gerne für den Gebrauch späterer
blinder Passagiere das Gespräch mit dem alten Kassier, der mich mit
verwirrender Aufmerksamkeit anstarrte, wörtlich wiedergeben. Allein ich
fühle mich, angesichts einer großen literarischen Schwierigkeit, fast
ratlos. Meinen deutschen Bericht mit englischen Bruchstücken -- und was
für Bruchstücken! -- zu schmücken, ist geschmacklos. Auch würden sie
auf den deutschen Leser nicht entfernt den Eindruck machen, der das
mürrische Gesicht des Kassiers nach und nach erheiterte. Am nächsten
komme ich wohl meinem Ziele, wenn ich unser beiderseitiges Englisch
möglichst wörtlich und wahrheitsgetreu in mein geliebtes Deutsch
übertrage.
»Ich komme,« begann ich, »ich tue kommen, bezahlen wollend ein Billet
Antwerpen-London, dasselbige nicht bezahlt habend für das Überfahrt
am Samstag.« Dies schien mir ziemlich gut, namentlich hatte ich das
Gefühl, gewisse charakteristische Sprachfeinheiten mit großem Erfolg
angebracht zu haben.
»Was wünschen Sie?« fragte der Kassier brüsk, wie wenn er keine Zeit
hätte, Sprachfeinheiten zu würdigen.
»Ich tue wünschen, bezahlt zu haben ein Billet Antwerpen-London,
dasselbige nicht habend gekauft zu rechter Zeit und dennoch mich
befindend in England, unbezahlt. Samstag -- Nordischer Walfisch --«
fügte ich noch erklärend bei, ohne weitere Satzbildungen zu versuchen.
Dies war doch, sollte ich meinen, deutlich. Aber, anstatt mich
zu verstehen, fing der alte Herr an, die Geduld zu verlieren.
Wahrscheinlich war er kein Engländer.
»Antwerpen-London -- Billet bezahlen!« rief ich meinerseits laut und
etwas ärgerlich. Es war unangenehm, wenn man sein möglichstes tut,
als ehrlicher Mensch zu handeln, auf solch erschwerende Hindernisse zu
stoßen.
»Aha,« rief der Kassier jetzt erfreut. »Welche Klasse?«
»Zweite Klasse!« antwortete ich, ebenfalls zur Versöhnung die Hand
bietend.
»Sechzehn Schilling, sechs Pence!« sagte er in geschäftsmäßigem
Singsang, stempelte mit einem Knall ein Billet und warf es durch den
Schalter. In großgedruckten Lettern stand auf dem roten Papierstreifen:
London nach Antwerpen. Zweite Klasse.
»Nein, nein, nein!« rief ich entsetzt. »Ich wollen nicht London nach
Antwerpen, ich wollen bezahlen Antwerpen nach London. Ich wollen nur
bezahlen, ich wollen nicht reisen; habend schon gereist vom Kontinent
nach England. Bezahlen! Antwerpen nach London. Verstehen Sie?«
»Aber der Kuckuck, Sie sind ja in London!« Er sah mich besorgt an. Es
ging ihm ein Licht auf: mit mir war es offenbar nicht ganz richtig.
»Das der Fehler, mein Herr!« sagte ich, mich innerlich zur Ruhe
ermahnend. »Ich in London, habend nichts bezahlt am andern Ende, und
wünschen zu bezahlen Passage, Überfahrt. Verstehen Sie? Antwerpen,
London!«
Er streckte jetzt den Kopf aus dem Schalter, um mich deutlicher zu
sehen. Solche Leute waren ihm noch nie vorgekommen. Er hatte sichtlich
begriffen und wurde freundlich.
»Na nu!« sagte ich fast schmeichelnd, indem ich einundzwanzig Franken
auf das Zahlbrett legte.
»Ja, lieber Freund,« sagte er nach einer langen Pause, in der er mich
vollständig eingesogen hatte, langsam und sichtlich bemüht, verstanden
zu werden. »Wir verkaufen hier keine Billette für die Fahrt von
Antwerpen nach London. Da müssen Sie wieder nach Antwerpen fahren, und
ich glaube, es wäre für Sie das beste. Oder wenn Sie mit dem Kapitän
des Schiffes sprechen wollten; vielleicht nimmt der Ihr Geld. Hier
können wir's nicht brauchen.«
»Aber der Teufel! Wo finde ich den Kapitän in dieser großen Stadt?«
rief ich erregt.
»Sie brauchen nicht zu fluchen, wackerer, junger Mann,« antwortete der
Kassier, sanft den Kopf schüttelnd; »Sie sind eine Merkwürdigkeit. Wenn
ich Zeit hätte, würde ich Ihnen suchen helfen. Jack, wo ist Kapitän
Brown?«
»Er sitzt drüben im Goldenen Drachen!« piepste eine dünne Jungenstimme
aus einer Ecke des Bureaus.
»Haben Sie's gehört? Haben Sie verstanden? Drüben über der Straße,
unmittelbar über der Straße! Im Goldenen Drachen. Brown wird Ihr Geld
schon nehmen, wenn Sie ihm zusprechen. Adieu!«
Ich dankte dem braven Herrn in unartikulierten Lauten und fand mich
erfolgreich über die Straße in die düstere Schenkstube des Goldenen
Drachens. Ein langer Schenktisch trennte auch sie in zwei Hälften.
Auf der einen Seite, deren Hintergrund, halb Keller, halb Apotheke,
mit einem phantastischen Aufbau von Fässern und Flaschen geziert war,
befanden sich sechs elegant gekleidete Damen mit großartigen Chignons,
die sich bemühten, vierundzwanzig weniger elegante Gäste auf der andern
Seite feucht zu erhalten. Auch hier brannte Gas. Alles stand, alles
schwatzte, lachte und trank; schwarze, braune und goldgelbe Biere,
wunderliche Weine, heiße und kalte gebrannte Wasser aller Art, aus
denen die Damen mit großer Behendigkeit dampfende Gemische brauten. Und
alles war für mich neu, fremd, unheimlich. Hier galt es nun, Kapitän
Brown zu finden, dessen Bild, wenn ich es je aufgefaßt hatte, mir in
den Tiefen der Seekrankheit völlig entschwunden war. Ich beobachtete
eine Zeitlang meine Umgebung und entdeckte nichts Ermutigendes; rote
Nasen, triefende Augen, scheinbar halbbetrunkene Matrosen, ein paar
ältere Damen von unzweifelhafter sozialer Stellung; aber auch einige
anständig aussehende Herren, die hereinhuschten, rasch und stumm ein
Glas leerten und wieder in den Mittagsnebel hinausstürzten. Meine
Beobachtungen führten zu keinem Ergebnis. Es mußte etwas geschehen.
Ich stellte mich an den Schenktisch, sah mich um, wie wenn ich die
ganze Gesellschaft freihalten wollte, und rief laut: »Kapitän Brown!
Kapitän Brown!«
Mein Nachbar, ein kleiner, dicker Mann mit Riesenknöpfen an seiner
Jacke, die aus dem Fell eines unbekannten wilden Tieres gemacht zu sein
schien, drehte sich langsam um.
»Ich bin Kapitän Brown. Was wollen Sie von mir?«
Viktoria! Aber jetzt galt es wieder, sprachlich zu glänzen. Die ganze
Schenke lauschte gespannt.
»Ich bezahlen wollen Billet Antwerpen-London; sechzehn Schilling, sechs
Pence!« begann ich entschlossen. »Zweite Klasse. Verstehen Sie?«
»Ich bin nicht der Purser!« sagte der kleine Mann mit düster werdender
Miene. »Da müssen Sie ins Bureau hinauf. Dort sitzt das Federvolk. Der
dritte Schalter, rechts! Fragen Sie nach Mister Whitley.«
»Aber ich tue kommen von Mister Whitley,« erklärte ich. »Ich tue
wünschen sprechen mit Sie, Kapitän Brown, nicht habend bezahlt meine
Passage.«
Nach einer Viertelstunde harter Arbeit, an der sich der größere Teil
der Gesellschaft beteiligte, verstanden wir uns; aber der Schweiß stand
mir auf der Stirn.
»~Well~,« sagte der Kapitän, »Sie sind eine Kuriosität. Wenn Sie mit
Gewalt wollen: her mit dem Geld! Man muß die Ehrlichkeit bei diesen
Ausländern ermutigen.«
Er steckte meine einundzwanzig Franken mit wohlwollendem Lachen und
unbesehen in die offene Tasche und schüttelte mir die Hand. »Was
wollen Sie nehmen? Ein Glas Ale? Einen Sherry? Hallo, Jungen!« -- Der
Kapitän schien plötzlich von Freunden umringt zu sein. -- »Was wollt
Ihr nehmen? Brandy? Whisky? Ale, Porter, Stout? Jeder nach Belieben;
ich bezahle. Wir trinken auf die Gesundheit dieses Gentleman; meines
Freundes. Mister Dingsda. Wie heißen Sie?«
Sie begrüßten mich alle freudig. Der Kapitän erzählte sechsmal
hintereinander -- eine prächtige sprachliche Übung mit kostenlosen
Repetitionen für mich -- wie er seinen neuen Freund gewonnen habe. Sie
begrüßten mich aufs neue mit allen Zeichen wohlwollender Herablassung
und erzählten sich untereinander, wie Kapitän Brown zu seinem neuen
Freunde gekommen war. Die feinste der Damen hinter dem Schenktisch
wechselte das Zwanzigfrankenstück in ehrliches englisches Geld um. Wer
beim ersten Umtrunk Bier genommen hatte, nahm beim zweiten ein Glas
Whisky und umgekehrt. Ich selbst wollte heute nicht schon wieder, und
so früh am Tag, Ale trinken. Es war mir von Antwerpen her noch zu wohl
in Erinnerung. Ich wählte Sherry. Es war ja ebenfalls ein nationales
Getränke der Engländer, und die kleinen Weingläschen, die hierfür
üblich sind, ließen ein Experiment leichter ausführen und gefahrloser
erscheinen. Der Kapitän zahlte alles aus der Tasche, in der sich mein
Überfahrtsgeld befand. Er duldete keine Einrede.
»Also nochmals und zum Schluß, meine Herren,« rief er, »auf die
Gesundheit dieses Gentleman. Ein ehrlicher, rarer Dutschman, oder was
er sonst sein mag! Hipp, hipp, hurra!«
Sie wollten mir offenbar alle Ehre antun. Wir tranken, wir schüttelten
uns die Hände; es wurde fast eine Völkerverbrüderung daraus; selbst ein
Chinese beteiligte sich schmunzelnd. Warum sollte ich mich sträuben?
Sie meinten es sichtlich alle herzlich gut. Mein Sherry hatte eine
auffallende Ähnlichkeit mit dem Ale, das mir noch von Antwerpen her
in freundlicher Erinnerung lag. Es war nicht ganz dasselbe, aber
merkwürdig ähnlich.
Dann trennten wir uns. Der Kapitän begleitete mich bis unter die Türe
und versicherte mich wiederholt seiner unbegrenzten Hochachtung. Ich
hatte in dieser Stunde einen Freund fürs Leben gewonnen, was ich erst
zwölf Jahre später an der Küste von Peru erfahren sollte.
Vergnügt steuerte ich wieder dem stillen Middletonsquare zu. Meine
erste englische Expedition war glänzend gelungen und erfüllte mich
mit freudiger Hoffnung für die Zukunft. Auch hatte ich jetzt einen
Lebensplan für die nächsten Wochen festgelegt. Ich wollte ruhig in der
grünen Oase sitzen bleiben und zunächst mein Englisch etwas mehr den
Verhältnissen anpassen, die mich hier umgaben. Drei Wochen konnten
hierbei nicht wohl nutzlos vergeudet werden. Dann aber hinaus, in
bitterem Ernst!
Als ich in mein Zimmer trat, fand ich einen soeben angekommenen Brief
auf dem Tisch. Von Belgien. Hat am Ende Cockerill in Seraing seinen
Irrtum eingesehen und will mich nun mit Gewalt zurückholen? Zu spät,
Verehrtester! ~Trop tard!~ um mich Ihnen verständlicher zu machen. Ich
erbrach den etwas schmutzigen Umschlag.
Keine kaufmännische Handschrift, wie sie die Leute von Seraing
schreiben; auch kein ganz musterhaftes Französisch. Aber leserlich und
deutlich genug. Es war ein Schreiben des Schwarzen Ankers aus Antwerpen.
»Monsieur!
Verzeihen Sie, daß wir uns beehren, Sie zu benachrichtigen. Sie haben
am 4. April 1861 eine Flasche Englisch Ale bestellt und eine Flasche
Sherry vertrunken. Vom feinsten Sherry, zu zehn Franken fünfzig
Centimes die Flasche. Unsre Marie hat eine Verwechslung gemacht, und
Sie haben den Irrtum getrunken. Dann sind Sie so schnell abgereist,
ehe wir es bemerkt haben. Da Sie nicht wollen unglücklich machen unsre
Marie, die die Flasche ersetzen muß, bitte ich den Herrn Baron, zu
schicken la différence, nämlich neun Franken, dreißig Centimes.