Sabine wies die Neckereien der Freundinnen anscheinend mit Ernst und Würde

zurück, dabei aber verfehlte sie nicht, mit feiner Wahl des Ausdruckes

soviel Teilnahme für den stillen Anbeter zu verraten, als eine anständige

Frau ohne Furcht vor Mißdeutungen an den Tag legen darf. Noch eine Nuance

mehr Interesse, so gab sie, dessen war sie sich wohl bewußt, falschen

Vermutungen Raum. Und dennoch -- so unglaublich es scheint! -- überschritt

sie diese Linie, überschritt sie, während ihr selbst die Erkenntnis

dessen, was sie tat, kalte Schauer über den Rücken jagte. Warum sie

es tat -- Gott weiß es! Sie wollte eben wieder einmal ihre Tugend zu

allgemeiner Betrachtung aushängen. Sie arbeitete ihre Komödie mit

gewohntem Raffinement aus, und die Freundinnen gingen mit der Gewißheit

hinweg: »Sabine Ricchiari liebt den jungen Sylva. Aber mit eiserner Hand

wird sie ihre Wünsche ersticken. Ihre Tugend ist über jede Versuchung

erhaben.«

Alles dieses wäre noch kein Verhängnis gewesen. Aber nun gingen die

schwatzenden Elstern hin und bearbeiteten den Jüngling. Sylva hatte

das Unglück, jene sanfte und weiche Schönheit zu besitzen, auf welche

ältliche Weiber besonders toll sind. Jede einzelne der müßigen

Redespinnerinnen suchte aus der eben gemachten Entdeckung einen Vorwand

zu konstruieren, um sich dem jungen Manne zu nähern, sein Vertrauen zu

gewinnen, als sympathetische Seele seinen Schmerz zu teilen und -- aber

dieser Gedanke lauerte nur ganz verborgen im Hintergrunde! -- womöglich zu

heilen. Sylva, jung und nicht übermäßig erfahren, war schnell umgarnt.

Bald hatte er drei oder vier »mütterliche Freundinnen«, die sich darin

überboten, ihm zu sagen, was er zu hören brannte. Und bald war auch er

von der Überzeugung durchdrungen, daß Sabine ihn im stillen liebe. Jetzt

erst stiegen seine Hoffnungen zu äußerster Kühnheit empor, und jetzt

erst lag sein Herz zu tiefst im Staube vor dieser Frau, die er unglücklich

glaubte und doch von siegreicher Reinheit in ihrem Unglücke. Hatte er sie

vorher schon mit heißester Glut begehrt, so betete er jetzt geradezu

die Spur ihrer Füße im Sande an, überwältigt von ihrer unantastbaren

Tugend.

Und seine Trösterinnen sorgten dafür, daß ihm der Mut nicht sank. Jedes

Wort Sabinens wurde ihm hinterbracht; und da es die Frau in entsetzlicher

Verblendung nicht lassen konnte, ihre Rolle weiter und weiter zu verfeinern

und auszugestalten, so gab es bald ordentlich was zu hinterbringen. Die

Phantasie der Zwischenträgerinnen tat das ihre.

Sylva schien zu glauben, daß dieser Frau gegenüber, die es verschmähte,

sich um ihr Glück zu wehren, gewaltsamere Schritte erlaubt wären. Er

suchte eine Zusammenkunft mit ihr, und die Trösterinnen rangen um den

Vorzug, sie ihm zu verschaffen. Diejenige, der in dieser edlen Konkurrenz

der Sieg zufiel, besaß einen schattigen und abgelegenen Garten, dahin lud

sie Sabinen zu einem Plauderstündchen, und Sylva erschien wie zufällig.

Nun verschwand die hilfsbereite Freundin, und das Paar stand sich

gegenüber.

Sabinens Augen funkelten. Sie begriff sofort das Beabsichtigte der

Situation, und neben einem kleinen Ärger über die niedrige Kuppelsucht

ihrer Vertrauten, die ihr jetzt klar zum Bewußtsein kam, regte sich sofort

und übermächtig auch die Freude darüber, daß endlich für sie der

Augenblick gekommen sei, ihre sittliche Größe ganz zu zeigen. Sie

bedauerte nur die Abwesenheit der Freundin, die ihr eine willkommene Zeugin

gewesen wäre. Daß diese Freundin in sicherem Verstecke die ganze Szene

belauschte, konnte sie freilich nicht ahnen.

Der Jüngling, ehrlich und geradeaus in seiner Liebe, ergriff alsbald das

Wort und erklärte freimütig, daß er keineswegs zufällig gekommen sei,

sondern in der bestimmten Hoffnung, Sabine allein zu sehen und zu sprechen.

Sie habe ihm diese Möglichkeit bisher versagt, obgleich sie wissen müsse,

was er für sie empfinde; doch sei er sich seines Unwertes vor ihr bewußt,

wie seiner Vermessenheit, vor sie zu treten. Dies habe er nun gewagt, weil

er den Zustand der Dinge unmöglich länger ertragen könne und lieber

ein verdammendes Urteil für alle Zeit auf sich nehmen wolle, als fürder

zwischen Hoffen und Verzweiflung zu schweben. »Und warum Hoffen?«

unterbrach ihn Sabine voll Hochmut. »Habe ich Ihnen je ein Recht dazu

gegeben?« -- »Nicht Sie,« antwortete Sylva in einiger Verwirrung, »aber

die schlimmen Verhältnisse, in denen Sie leben, und die, verzeihen Sie

mir! leider genugsam bekannt sind.« Sabinens Antlitz flammte auf, und

jetzt stand sie im Begriffe, das Lügengespinst zu zerreißen. »Was sagen

Sie?« rief sie in echter Entrüstung. »Welche Verhältnisse? Ich bitte,

sich deutlicher zu erklären!« Sie rang, von Scham eine Sekunde lang

überwältigt, nach Worten, den verhängnisvollen Irrtum zu heben, wußte

nicht, wo beginnen, wurde aufgeregt und ängstlich. Unterdessen sprach

Sylva, der ihren Zorn nach seiner Art deutete, auf sie ein, schilderte mit

Farben, die er aus der Tiefe seines gläubigen Herzens holte, ihr Bild, wie

es ihm erschien, in all der Heiligkeit entsagungsvoller Treue, in all der

Größe, Reinheit und süßen Trauer, die er ihr andichtete, und bemerkte

beglückt, daß sie ruhiger wurde und endlich in augenscheinlicher

Ergriffenheit ihm zuhörte. Wirklich dämmerte ihr etwas von dem bitteren

Ernste der Lage. War bei ihrer plötzlichen Besänftigung auch vielleicht

in erster Linie wieder das kindische Wohlgefallen an sich selbst im Spiele

gewesen, das Sylvas Worte so angenehm streichelten, so möchte ich doch

annehmen, daß der Anblick der unschuldigen, heiß flehenden Augen, die

köstlich reine Verehrung des armen Jungen etwas von ihren weiblichen

Empfindungen wachriefen und vibrieren machten. Denn von hier an kann ich

Sabinens Verhalten nicht mehr ganz als Pose auffassen.

»Der Anblick Ihres Jammers«, so sprach Sabine, »zerreißt mir das Herz.

Wollte Gott, ich dürfte milder sein, denn Strenge wird mir schwer, wo ich

an ein echtes Gefühl glauben muß. Nicht oft im Leben ist mir ein solches

begegnet, und ich wünschte, ich müßte nicht zurückweisen, was manche

andere Frau mit Stolz und Freude annehmen würde. Aber bedenken Sie, daß

diese Liebe, die Sie mir entgegenbringen und die in ihrer hohen und edlen

Natur das Wertvollste ist, was eine Frau auf ihrem Lebenspfade finden kann,

zugleich eine erniedrigende Zumutung an mich enthält. Nein, erschrecken

Sie nicht -- ich zürne nicht, denn ich weiß, was Sie leiden! Dennoch

haben Sie es sich allzu leicht vorgestellt, das Pflichtbewußtsein

einer Frau zu überwinden. Vergaßen Sie, daß ich Kinder habe? Wenn ich

unterliege, so trifft mich kein Verlust, den eine Liebe wie die Ihre mir

nicht ersetzen könnte; aber die ganze Härte der Konsequenzen fällt auf

die unschuldigsten Häupter, die somit mein und Ihr Vergehen zu büßen

haben werden. Welches Glück könnte auf solchem Grunde aufgebaut

werden? Lassen Sie mich, um Ihrer selbst willen, an Ihr besseres Selbst

appellieren! Sie werden überwinden, Sie können es! Es gibt unfehlbare

Tröster: die Arbeit, die Kunst -- zu diesen flüchten Sie! Erhalten Sie

Ihr Leben rein, bessere Menschen als ich bin haben noch Rechte an Ihre

Zukunft. Diese erhalten Sie unbefleckt, diese opfern Sie nicht einer

vielleicht flüchtigen Leidenschaft! Seien Sie stark -- Sie sind ein Mann:

muß ich es doch sein, die ich nur ein schwaches Weib bin!«

Sylva hatte von Sabinens Rede nichts gehört, als daß sie an seine Liebe

glaubte, und das war mehr, als er geträumt hatte. Zitternd vor Seligkeit

warf er sich vor ihr nieder, mächtig hinströmend ergoß sich sein

Gefühl, so daß es der erschrockenen Frau wohl scheinen mochte, als wankte

der Boden und die alten Stämme gewaltiger Bäume rings um sie vor

dem Anprall einer Flut, die sich rauschend und klingend durch das All

verbreitete. Wieder, wie schon einmal im Leben, stand sie dem Elemente

gegenüber und hatte die Kraft nicht, sich darüber zu erheben. Wieder

ließ sie sich hinreißen. Über solche Wellen hatte der flache Kiel

ihres Seelenschiffleins keine Gewalt. Es trieb, es schwankte und wäre

zerschellt, wenn nicht Sylva selbst in seiner Redlichkeit den Sturm

gemeistert hätte. Mehr auf die Geliebte als auf sich selbst bedacht, kam

es ihm durchaus nicht zu Sinn, ihre Verwirrung zu nützen, und bereits

hatte seine fromme Phantasie Mittel und Wege einer rechtlichen Verbindung

zwischen ihm und der angebeteten Frau gefunden. »Kein Unrecht!« so rief

er aus, »keine Schmach auf dir, du einzig Geliebte! Ich trete vor deinen

Gatten, ich stelle ihm deine Entsagung, deinen Opfermut vor, ich zeige ihm,

wie du um deiner Pflicht willen dein Herz ersticken wolltest! Ist etwas

Menschliches in ihm, so muß er dich freigeben!«

Ernüchtert und entsetzt riß Sabine sich los. Ihr Verstand, der einige

Minuten lang geschwärmt hatte, stand plötzlich wieder auf festen Füßen,

und sie überblickte nun mit ziemlichem Schrecken den Schaden, den

sie angerichtet. Nichts konnte dieser Frau, deren Abgott das »=Qu'en

dira-t-on?=« war, unwillkommener sein, als die Aussicht, daß Sylva in

seinem Eifer bis zur ernsthaften Forderung einer Scheidung gehen könnte.

Hunderte von Fällen ähnlicher Art, an denen ja heutzutage Wirklichkeit

und Dichtung so Artiges liefern, fielen ihr ein: immer und unter allen

Umständen haftete der Frau, die einen gesicherten und geachteten Hausstand

preisgab, um sich der abenteuerlichen Liebe eines weit jüngeren Mannes

anzuvertrauen, mindestens Lächerlichkeit an. Und was fürchtete Sabine

mehr als Lächerlichkeit? Und allen Grund hatte sie, diese zu fürchten,

denn gerade _sie_ fiel furchtbar, wenn sie fiel. »_Das_ war die Tugend

Sabinens?« schallte ihr's im Ohr, hundert lachende Stimmen, hämisch,

triumphierend, fröhlich und harmlos spottend, aber _alle lachend_ schienen

aus allen Ecken des Gartens den lustig erstaunten Ruf zurückzugeben.

Flammen der Scham loderten ihr im Antlitz. Sie stieß den Jüngling von

sich, stammelte in höchster Ratlosigkeit ein paar Worte von Überlegung

und Zeit zum Sammeln und enteilte.

Sylva, trunken und träumerisch, mag ihr nachgeblickt haben, wie ihr helles

und in seiner Flucht anmutig bewegtes Bild in der violetten Tiefe des

abenddämmrigen Gartens unterging. Dann mag es in jedem Laubengange vor

ihm hingewandelt sein, in tausend holden Erscheinungen wechselnd, bald mit

kummervollen Augen ihn abwehrend, dann wieder lockend und verheißend mit

solchem Lächeln, wie er nun bald in Wahrheit von Sabinen zu verdienen

hoffte. Der junge Mann verweilte bis tief in die Nacht im dunklen Garten,

und ich sehe ihn heute noch in Gedanken, wie er mit Sternen und Blumen

sprach, die Zweige küßte, die das Haar der fliehenden Göttin gestreift

hatten, und aufgelöst in demütiger Seligkeit vor der Rasenbank kniete,

auf der sie gesessen. Wer von uns, der jung war, sieht ihn nicht so?

Am Tage darauf erhielt Sabine ein Briefchen, worin Sylva um eine neue

Zusammenkunft bat. Hätte die leiseste Spur von Selbstbewußtsein sich

in dem Schreiben verraten, so hätte die leichtverletzliche Schöne ohne

Zweifel eine schroffe Antwort gefunden, die alles abgeschnitten hätte.

Aber der liebende Jüngling ehrte so sehr den Kampf, den, wie er glauben

mußte, eine edle Frau zwischen Pflicht und Liebe führte, daß er kaum in

bescheidenster Weise anzudeuten wagte, zu welchen Hoffnungen ihn Sabinens

Verhalten berechtigte. Die Fassung des Briefchens rührte Sabinen, und die

Verantwortung, die diesem jungen Herzen gegenüber auf ihr lag, stellte

sich ihr drohend vor. Sie beschloß, dem Bittenden das verlangte

Wiedersehen zu gewähren, und glaubte in lauterer Absicht zu handeln:

wollte sie ihm doch nur zur Vernunft reden! Und sie antwortete in

freundlich gewährendem Sinne. --

In der Stunde freilich, wo Sabine in grausiger Selbstanklage gerade diesen

Teil ihrer Geschichte über das Haupt ihres toten Richters hinschrie, in

der Beichte am Bette des Geopferten, gab sie anderen Motiven schuld an

diesem letzten törichten Schritte. In Selbstzerfleischung und Reue so

maßlos, wie sonst in Selbstüberhebung und Eitelkeit, suchte sie hervor,

was sie verdammen konnte, und verschmähte, was irgend zu ihren Gunsten

sprechen mochte. »Nichts wollte ich,« so rief sie in ihrer Verzweiflung,

»als den Weihrauch atmen, den er mir streute! Nichts, als ihn wiederholen

hören, was, wie ich wußte, die Fama ihm zugeflüstert, wie groß und gut

ich sei. Um das zu hören, habe ich in der zitternden Seele vor mir alle

Stadien der Glut zu erregen gesucht und mich, ohne eigenes Verlangen, am

Gefühle der Meisterschaft berauscht, mit welcher ich das Element dämpfte

und wieder schürte: denn jedes neue Emporlodern der Flamme stellte eine

neue Verherrlichung meines Selbst dar, und immer schöner und erhabener

schien er mich zu sehen, je mehr ich ihn quälte. Sein armes, von

sehnsuchtsvoll durchwachten Nächten blasser und blasser werdendes Gesicht

war das Reklamebild meiner Tugend, und im letzten Grunde, wenn ich's recht

bedenke, habe ich ihn auch in den Tod getrieben, damit nur einmal meine

Unbesiegbarkeit durch einen öffentlichen Akt dargelegt werden

möchte.« Es liegt mir fern, der unglücklichen Frau in dieser traurigen

Übertreibung zu folgen. Vielmehr glaube ich, daß, ihr selber unbewußt,

ein neuer Trieb sie beherrscht habe, der zwar nicht minder sträflich, aber

weitaus natürlicher und menschlicher war; und diesem möchte ich gern alle

weiteren Torheiten der Armen zuschreiben. Freilich denke ich nicht an ein

solches Gefühl, das dem Sylvas auch nur im entferntesten die Wage halten

konnte: dessen war Sabine nicht fähig. Aber ein leiser Widerhall davon

muß doch vorhanden gewesen sein. Keine Frau kann eine solche Liebe sehen,

dieses Himmelsfeuer von Gottes eigenstem Altare, ohne einen Schimmer davon

mit sich herumzutragen, wie Marienkind, als es die innerste Himmelskammer

geöffnet und die heilige Dreieinigkeit im Goldglanze erblickt hatte. Und

dieser Abglanz, wenn schon nicht mehr, mußte in Sabinens Seele gefallen

sein, ein erstes, wahrscheinlich unverstandenes Regen zarter Neigung, das

sich nur noch nicht zum Erscheinen durchgekämpft hatte. Diesen Schluß zu

ziehen, berechtigt mich Sabinens Gebaren an der Leiche Sylvas, das sonst

unbegreiflich gewesen wäre. --

Und so geschah alles, wie es geschehen mußte. Wieder lag dämmriger

Abendschein über Lauben und Büschen des stillen Gartens. Die Allee schien

ein goldenes Gewölbe, wie schimmernde Schätze lag rötliches Laub über

den Boden gestreut. Ein scharfes gelbes Licht, von Westen her geworfen,

prallte an den Stämmen der schönen alten Bäume ab und zeichnete ihre

Schatten quer über den flimmernden Grund, daß es aussah, als hemmten

schwarze Balken das Wandeln über die kostbaren Fliesen. Mit jeder Elle,

die Sabine im frühherbstlichen Blätterfall vorwärtseilte, überschritt

sie eine dieser dunklen Schicksalsschwellen, mit jedem solchen

Überschreiten stand sie tiefer in ihrem Verhängnisse. Am Ende des Ganges

lag die Laube, wo Sylva sie erwartete.

Als die Nacht sank und die Frau durch die Allee zurückhuschte, waren die

finsteren Schattenschwellen verschwunden. Auf den Weg zur Sünde hin hatte

das Schicksal ihr die warnenden Zeichen gelegt; jetzt war alles bleiches

Grau; den Weg zurück wies keine Hand von oben. --

Sabine glaubte einen Teil ihres Selbst zu retten, als sie in ihre wilde

Beichte die scheue Bemerkung einschob, Ehebruch im landläufigen Sinne des

Wortes habe sie immerhin nicht begangen. Mein Gott, das glaubte ich ihr nur

zu sehr! Wollte ich doch, um des armen Jungen willen, diese Armseligkeit

wäre weniger glaubhaft gewesen! Wie mag sie ihn hingehalten haben, wie

seine Sehnsucht gefoppt! Das sehe ich, ohne daß sie es zu schildern

brauchte, das sehe ich, wie sie spärliche Liebkosungen sich mühsam

abringen ließ, als wäre es königliche Gunst, ihre kalten Fingerspitzen

zu berühren; wie sie den äußersten Rand ihres Kleidersaumes erst nach

tausend Bitten preisgab, eine welke Blume für hundert treue und gute

Worte, und einen lauen Kuß auf die Stirne erst dann, wenn sie fürchten

mußte, den allzu Geduldigen für immer zu entmutigen. Ich sehe sie! Und

ich hätte nicht selbst einmal ein armer junger Narr sein müssen, hätte

es mich wundern sollen, daß diese Kargheit, die den Schein der Ehre für

sich hatte, den gläubigen Knaben nur fester an seine Göttin band.

Sabinens Kunst, diese Sprödigkeit, die zum Teile in ihrem hochfahrenden

Charakter begründet lag, für das Ergebnis schwerer Seelenkämpfe, für

einen Sieg ihres Entsagungsmutes auszugeben, muß indes bis zur höchsten

Vollendung gewaltet haben. Denn nicht nur das gute fromme Kind war betrogen

-- auch der Klatsch, der alles zu entstellen geneigt ist, der Klatsch im

Kaffeekranz und der weitaus schlimmere am Biertisch -- der Klatsch,

der natürlich in den treulichen Berichten der emsig lauschenden

Gartenbesitzerin seine Quelle hatte -- auch der nahm die Sache ohne

weiteres von derselben Seite. Alle Sympathien galten der Frau, den

Jüngling bedauerte man kaum, Ricchiari hätte mancher vielleicht eine

Schlappe vergönnt. Ich glaube fest, daß es Wetten gab um den Ausgang der

Sache; war dem so, so setzte die Mehrheit auf Sabine Ricchiaris Tugend.

Der einzige Mensch, der nicht betrogen war, war Ricchiari selbst. Ihm,

dem Menschenkundigen, mußte vor allen Dingen die sonderbare Erregung

auffallen, in welcher er seine Frau jetzt öfters sah, ihre heimlichen

Gänge, ein häufiges Kommen und Gehen von Freundinnen, die stets

über Gebühr zärtlich Abschied zu nehmen pflegten -- und dergleichen

wohlbekannte Anzeichen mehr. Und da er ein Mann am Platze war, so

beherrschte er die eigene Unruhe, forschte gewandt umher, spähte,

folgerte, kombinierte -- und erriet endlich, was zu erraten war. Noch immer

freilich kannte er die ganze Hohlheit des Wesens nicht, auf das er einst

so viel gebaut; doch überraschte ihn an Sabinen, daß sie heimlicher

Leidenschaft sollte fähig sein. Er grübelte unter heftigen Schmerzen

über diese neue Wendung der Dinge nach, versuchte seine Frau bald durch

Laune, bald durch Zärtlichkeit, fand sie aber in ihrem Verhalten gegen ihn

unverändert; er wurde irrer und wirrer an ihr, als er je gewesen, und

das Rätselhafte der Erscheinung quälte ihn fast mehr, als seine

immerhin nicht geringe Eifersucht. Endlich verfiel er auf eine List von

so lächerlicher Art, daß er sich fast schämte, sie anzuwenden, eine

Niedrigkeit, die nur seinem äußerst gereizten Zustande zugute gehalten

werden muß: und siehe, da fing er die Törin! Er brachte nämlich mehrfach

das Gespräch, und zwar in Gegenwart möglichst zahlreicher Zeugen, auf das

Recht freier Liebe und auf einzelne Beispiele hypermoderner Ansichten über

diesen Punkt, wie jede Gesellschaft sie liefert; und zwar vertrat er listig

herausfordernd die Sache der frevelhaftesten Ungebundenheit. Wie er es

erwartet, so nahm Sabine höchst eifrig die Partei der strengsten Ehemoral

und rasselte förmlich mit Tugendsprüchen. Ricchiari redete von Tag zu Tag

ketzerhafter, schien sich in die Sache zu verbeißen, nannte die Ehe ein

Kulturübel und wollte jeden vernunftbegabten Menschen sich über die

erniedrigende Fessel erheben sehen; seine Zuhörer saßen ordentlich

entgeistert, denn in diesem Tone hatte man im Städtchen bislang noch nicht

reden hören, wenigstens keinen Familienvater; das aber schien den Doktor

nicht anzufechten, oder auch: er mochte wissen, daß er in der Achtung

seiner Mitbürger ohnedies als Mensch nicht mehr viel zu verlieren hatte.

Sabine dagegen nahm in der sonderbaren Sache wieder nur die Gelegenheit

wahr, sich in Szene zu setzen, und genoß das unheimliche Geplänkel

ordentlich, ohne auch nur zu ahnen, daß eine Absicht dahinterstecken

konnte. Sie sagte Dinge, die so rührend und schön waren, daß man einen

Ehestandskatechismus davon zusammenstellen konnte, und deren schlagende

Wirkung sie wahrscheinlich vorher an dem armen Sylva erprobt hatte. So

setzte sie zum Beispiel auseinander, daß die wahre Liebe -- im edelsten

Sinne Liebe! -- zwischen Mann und Weib erst dann beginnen könne, wenn die

Leidenschaft dahingegangen; denn im Jugendrausch das Geliebte anzubeten,

sei keine Kunst und kein Verdienst; wohl aber sei es edler Naturen

würdig, Schwächen und Torheiten des Gefährten geduldig und verstehend zu

ertragen, und erst, wo dieses göttliche Allesverzeihen eingetreten sei,

da könne sie, Sabine Ricchiari, von Liebe reden. Sie blickte dabei ihren

Gatten in hinreißender Weise an, und das gute Publikum war natürlich

überzeugt, daß Sabine dieses schöne Dulden nach eigener täglicher

Übung geschildert habe. Wer hätte ahnen sollen, daß sich die Sache

gerade umgekehrt verhielt? Ricchiari knirschte mit den Zähnen, aber nicht

nur ob der nun zu lang gewohnten Falschheit seiner Frau. Sein feines Ohr

unterschied in ihrer Beredsamkeit etwas mehr als den gewöhnlichen Eifer

für das Wohlanständige, aber auch etwas mehr als gewöhnliche Erfahrung.

Was für Situationen wußte Sabine plötzlich zu schildern, und wie

wußte sie in die Seelenregungen einer schwer angefochtenen und tapfer

widerstehenden Frau einzugehen! »Wirklich?« fragte sich Ricchiari

erschrocken, »hat sie solche Kämpfe durchlebt?« Es schien ihm, daß hier

nicht mehr _alles_ Phrase sein konnte; und, wie ich bereits gesagt, ich

für mein Teil möchte das am liebsten glauben und bin dankbar, daß auch

der kluge Doktor etwas von der neuen Unterströmung in dem Gemüte seiner

Frau bemerkte. Immerhin, als Ricchiari so weit gekommen war, dachte er,

nun sei es genug. Und nun begann er, die Auseinandersetzung mit seiner

Frau unter vier Augen zu führen. Die ganze Behandlung bis hierher hatte

ungefähr drei Wochen gedauert, und Sabine war in eine Leidenschaftlichkeit

der Parteinahme hineingesteigert worden, die sie alle Vorsicht vergessen

ließ. Nun brauchte der Doktor nur noch eine Frage zu tun: »Willst du mich

wirklich glauben machen, daß du unter so und so gegebenen Umständen nach

deinen Worten handeln würdest?« Sabine rief entrüstet: »Zweifelst du an

meiner Festigkeit? Liebe ich dich schon nicht, so sollst du mir doch

nichts vorzuwerfen haben!« und sprudelte in höchster Erregung die ganze

Geschichte ihrer Versuchung und musterhaften Abwehr hervor. Nach dieser

Erleichterung wandelte sie mit höchst zufriedener Miene im Zimmer auf und

ab, den schönen Kopf hoch auf steifem Nacken tragend, als wolle sie jede

beliebige Kritik gegen ihr Tun herausfordern und entwaffnen. Ich glaube

wahrhaftig, sie kam sich in dieser Stunde sehr verdienstreich vor.

Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen · 第 6 / 7 段