Ranges. Dieser Mann war städtischer Domorganist, war ein wirklicher
Künstler, war weder häßlich noch arm, dafür aber blind. Sabine
hätschelte ihr eigenes törichtes Heldentum mehr denn je, als sie diesem
Manne nahetrat, mit welchem sie aber glücklicherweise kein Verlöbnis
einging. Denn -- um es kurz zu machen -- sie mußte bereits nach einiger
Zeit zur Überzeugung kommen, daß andere Frauen an derselben Wut
der Selbstaufopferung krankten wie sie, und daß der blinde Mann die
Äußerungen dieser edlen Regungen, denen er sich übrigens kaum hätte
entziehen können, rückhaltlos und recht dankbar annahm. Es gab keinen
tolleren Don Juan im Lande als ihn, und er prahlte, sein eigener Leporello,
vergnügt mit seinem Sündenregister. Das widerte die im Grunde keusche
Sabine an, und sie zog sich zurück, ehe ein bindendes Wort gesprochen
war. So war sie noch einmal mit heiler Haut davongekommen, als sie dem
Mann begegnete, der ihr Verhängnis werden sollte, ihre Strafe und -- nach
schweren Irrungen -- ihre Rettung. Dieser Mann war Ricchiari.
3.
Sabine war damals vierundzwanzig Jahre alt, und ihre Schönheit hatte
den Gipfelpunkt der Entfaltung erreicht. Sie war eine so hervorragende
Erscheinung, daß die Schar ihrer Bewerber und Bewunderer sich trotz all
ihrer Torheiten nicht wesentlich vermindert hatte, und sie hätte immer
noch eine Ehe eingehen können, wie sie ihrer höchst verfeinerten und
verwöhnten Natur angemessen war. Aber _einer_ war abgefallen, von dem
sie wußte, daß er sie früher gern gesehen hatte, und dieser eine
beschäftigte nun die widerspruchsvolle Dame mehr als der ganze übrige
Hofstaat. Auch Ricchiari war kein glänzender Mann. Er war, wie bereits
erwähnt, von unansehnlicher, wiewohl durchaus nicht unangenehmer
Erscheinung, dabei trocken und knapp in seiner Rede, schlicht in seinem
Auftreten und nicht immer liebenswürdig in Frauengesellschaft. Als Arzt
war er mäßig beliebt und gerade genug beschäftigt, um eine kleine
Familie ohne Sorgen ernähren zu können, aber was man so eine Zukunft
nennt, das traute ihm niemand zu. Auch war es diesem Manne, der die Welt
kannte und wußte, nach welchen Werten ein Mensch geschätzt wird, nie zu
Sinn gekommen, um die vielbegehrte Schöne zu werben; doch war auch er
am Ende ein Wesen von Fleisch und Blut, und kein solches konnte Sabinens
unvergleichliche Anmut sehen, ohne sich an ihr zu entflammen. So ging es
auch dem armen Doktor, obgleich er sich redlich Mühe gab, seine Gefühle
zu verbergen. Sabine, deren Augen auf dergleichen Vorgänge geübt
waren, bemerkte nun wohl seine Leidenschaft; aber sie bemerkte auch seine
Zurückhaltung, und sie schätzte ihn darob; möglicherweise würde sie ihn
auch ermutigt haben, wenn der Beginn ihrer Bekanntschaft nicht gerade in
eine Zeit gefallen wäre, wo eines der früher erwähnten Opfer Sabinens
ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Nun war aber auch der Doktor ein Mann von äußerst scharfen Blicken,
und er beobachtete mit innerlicher Empörung Sabinens Verhalten. Das
komplizierte und etwas krankhafte Spiel ihrer Seelenregungen lag ihm
längst offen, und was von guten Gefühlen in diesem wunderlichen Gemüte
vorhanden war, unterschätzte er keineswegs. Daß Sabine im Verhältnis zum
Manne die Gebende sein wollte, lieber als die Empfangende, das gefiel ihm
sogar; und die Beharrlichkeit, mit welcher sie alle Folgen dieses Anspruchs
auf sich nahm und ertrug, setzte ihn in Bewunderung. Aber daß sie im
allerletzten Grunde dabei um den Beifall der Menge buhlte, daß sie etwas
sein wollte, nur um es auch zu scheinen, das verdroß den Doktor, der in
allen Dingen gerade nach der entgegengesetzten Seite hinstrebte und sich
unbeachtet am wohlsten fühlte. Schmerzlich geteilt zwischen stiller,
heißer Leidenschaft und einer gewissen Verachtung lebte der Mann kein
vergnügtes Leben unter den Sonnenaugen der begehrten Frau, und kein
Wunder, daß er die Verachtung etwas schroffer zur Schau trug, als er
eigentlich wollte, da er sie wie einen schützenden Mantel um sein Herz und
seine Liebe ziehen mußte.
Sabine bemerkte alsobald die Veränderung in Ricchiaris Betragen, und da
sie nicht ahnen konnte, wie klar der Mann sie durchschaute, und daß er
mehr von den Vorgängen in ihrer Seele wußte, als sie selbst, so störte
seine plötzliche Kälte sie und gab ihr zu denken. Sie nahm sich vor, ihn
zu erobern; und da er auch sonst ihren -- negativen Anforderungen genügte
und sie die _Illusion_, zu ihm herabgestiegen zu sein, vor sich und
anderen aufrechterhalten konnte, so gab sie ihm Zeichen ihrer Huld, die er
verstehen mußte, und bot alles auf, um ihn in ihren Bannkreis zu ziehen.
Aber mit dem Doktor ging das nicht so leicht, wie es mit den anderen
gegangen war. Je liebenswürdiger Sabine ihm entgegenkam, desto unnahbarer
zeigte er sich und ließ sie endlich in unzweideutiger und fast unartiger
Weise fühlen, daß er nichts von ihr wollte. Hätte Sabine in sein Herz
blicken können, so hätte sie erkennen müssen, daß er unter dem
Zustand der Dinge fast schwerer litt als sie, denn er konnte dem schönen
Frauenbild lange nicht so ernstlich gram sein, wie er es zu sein wünschte.
Da sie das nicht wußte, so war sie von seinem Verhalten nur aufs tiefste
gekränkt und so unglücklich, wie ein Weltkind überhaupt sein kann. So
heftig war sie von Zorn und verletzter Eitelkeit beherrscht, daß sie
aller Weiblichkeit vergaß und den Doktor bei erster Gelegenheit zur Rede
stellte. Es geschah dies auf einem einsamen Wege vor der Stadt, der
durch Gärten und Gemüsepflanzungen weiter hinaus nach einer kleinen
Privatheilanstalt führte, die Ricchiari regelmäßig besuchte. Sabine
hatte ihm aufgelauert wie ein Schulmädchen, und sein spöttisches und
abweisendes Gesicht, als er sie erblickte, brachte schnell genug zur
Entladung, was sich an Lava, Schwefel und Pech in ihrem Gemüte gesammelt
hatte. Es knallte ganz artig, als die erbitterte Heldin den Mund auftat.
In dieser Stunde redete Sabine nicht eben klug und auch nicht ganz sittsam;
aber sie redete zum ersten Male, seit er sie kannte, _nicht_ mit der
Absicht, ihrem Publikum zu imponieren. Deshalb empfand er ihren Ärger fast
als etwas Wohltuendes und vernahm ihre wirren Vorwürfe lieber, als er je
zuvor ihre wohlberechneten Sentenzen gehört hatte. Endlich versagte
ihr die Stimme, und sie lehnte sich halb weinend, ratlos und atemlos
vor Erregung an den Gartenzaun, an welchem sie gerade entlang wandelten.
Ricchiari blieb vor ihr stehen und betrachtete sie nachdenklich. Sie stand,
schön wie immer, vor der hohen grünen Sträucherhecke, in deren Zweige
sie, mit rückwärts emporgreifenden Armen, die Hände verschlungen hatte,
als wolle sie sich daran aufrechterhalten. Sonnenlicht und Schatten der
windbewegten Blätter spielten rieselnd auf ihrem Antlitz und auf ihrem
weißen Kleide, so daß ein Schleier goldener Wellchen die Erregung ihrer
Mienen und das Zittern ihrer Glieder verhüllte und ihre ganze Gestalt so
in wogendes Funkeln auflöste, daß sie, aus geringer Entfernung gesehen,
fast wie etwas Überirdisches erscheinen mußte, etwa wie eine Dryade, die
sich schemenhaft leuchtend aus dem frühlingshellen Geäste erhob.
Solch ein Naturwesen, mehr oder weniger als Mensch, tückisch, süß und
verführerisch zugleich, mußte der geblendete Doktor in diesem Augenblicke
doch zu sehen glauben, denn er erlag dem Zauber, und seine Wehrhaftigkeit
splitterte um ihn wie ein Panzer von Glas. Mag nun sein, daß die Stimmung
des blütenübersponnenen Sträßleins, das weit hinaus in freundliches
grünes Land zu führen schien, der weiche Maiduft des Himmels und
Frühlingsstimmen junger Vögel nah und fern die Wirkung des holden Bildes
verstärken halfen -- kurz, der Mann fühlte sich innig gerührt und zu
jedem Verzeihen geneigt, so daß er nähertrat und bereitwillig Rede
stand. Dabei konnte er es sich dennoch nicht versagen, ihr seine Meinung
ordentlich klarzulegen, und so kam ein gar wunderlicher Sermon zustande,
den ich aus mancher Andeutung Sabinens und aus später selbst miterlebten
Wiederholungen ähnlicher Szenen wohl zu rekonstruieren vermag.
»Haben Sie denn«, so etwa mochte der Doktor schmälen, »je ein edles
Gefühl um seiner selbst willen gehegt? Haben Sie nicht alles, was Sie
taten, um der Leute willen getan? Haben Sie nicht früh schon durch
Kleidung und Auftreten bewiesen, daß Sie Aufmerksamkeit zu erregen
wünschten? Haben Sie nicht ein braves und anerkennenswertes Streben der
modernen Frau, das Streben nach Bildung und Wissen, dadurch erniedrigt,
daß Sie lauen Herzens und nur deshalb an den Altar der Athene getreten
sind, weil es heute noch für ungewöhnlich gilt? Dies alles wäre noch zu
verzeihen. Auch daß Sie Almosen geben, weil es zum guten Ton gehört, will
ich Ihnen nicht zu hoch anrechnen, denn ihr kurzdenkenden Frauen könnt
das Unheil nicht übersehen, das eure Wohltätigkeit =en décolleté=
anrichtet. Aber Sie haben mit dem Dinge gespielt, das jede echte Frau als
eine Offenbarung von oben in demütigen Händen empfängt. Sie haben mit
Ihrer Liebe Parade geritten vor klatschlustigen Basen, Sie haben Männer
angezogen und abgestoßen, um von sich reden zu machen, und Sie haben den,
der mit gläubigem Herzen Ihnen entgegenkam, nicht minder geäfft als die
Menge Ihrer Zuschauer, um deren Beifall es Ihnen so sehr zu tun scheint.
Denn Sie gaben ihm ein Recht, an Liebe zu glauben, und Liebe haben Sie
nie gefühlt, nur eitle Selbstüberhebung und Hochmut, die beide Tugenden
galten, von denen Sie nur den Schein besitzen. Wie dürfen Sie nun noch
Anspruch erheben auf eines ehrlichen Mannes Gefühl? Ich für mein Teil
mag keine Schauspielerin zur Frau, und so innig lieb ich Ihr schönes Bild
leider im Herzen halten muß, so wenig werde ich mich dazu hergeben, Ihren
Partner zu spielen. Denn die Rolle, die Sie mir in Ihrer Komödie eines
romantischen Ehestandes zudenken, gefällt mir nicht -- und übrigens ist
die Sache bei mir, Gott sei's geklagt! etwas mehr als Komödie!«
So gestand der Doktor seine Liebe und verschwor sie im selben Atem, und
Sabine hing wie ein windbewegtes Blatt zwischen Himmel und Erde,
zwischen Freude und Scham, zwischen höchstem Triumphgefühl und tiefster
Erniedrigung. Tränen, halb des Zornes und halb der Rührung, traten ihr in
die Augen, und sie empfand in dieser Stunde, was auch die seichteste Frau
nicht ohne Seligkeit empfinden kann, die Herrschaft und Überlegenheit
eines starken und geradsinnigen Mannes. Wie nun auf jedes Weib diese
Erkenntnis des Untergeordnetseins viel eher beglückend als verletzend
wirkt, so ward auch für Sabine die Beschämung selbst zu einer Quelle der
Lust, und sie wünschte nichts sehnlicher, als daß der Doktor bis in alle
Ewigkeit fortfahren möchte, sie zu schelten. Er fügte auch noch ein gut
Teil bei; und sooft er aufhören wollte, sah Sabine ihn mit zwar feuchten,
aber so strahlend glücklichen Blicken an, daß er schnell wieder
einsetzte, weil ihm schien, sie sei noch lange nicht so zerknirscht und
schuldbewußt, wie sie von Rechtes wegen hätte sein müssen. Bald wurde
er dann wieder härter, als er beabsichtigt hatte, und nun faßte er ihre
Hand, um durch einen sanften Druck und etwa ein Streicheln da versöhnend
entgegenzuwirken, wo seine bitter wahren Worte zu tief verwunden mußten.
Und so zwischen Grausamkeit und Liebe schwankend, nahm er Sabinen endlich
an sein Herz und bedeckte sie mit Küssen, dazwischen hoch und teuer
schwörend, daß er sie nun und nimmer zur Frau haben wolle. Sie aber, von
einem neuen Gefühle ganz verwirrt und betäubt, ließ alles über sich
ergehen und fragte in diesem Augenblicke sogar nicht einmal, was die Leute
dazu sagen würden, die ab und zu durch das grüne Sträßlein spazierten
und mit Lachen dem wunderlichen Paare nachblickten.
Es versteht sich von selbst, daß Ricchiari trotz all seiner grimmen
Vorsätze um Sabinens Hand warb und daß er sie erhielt. Der brave Mann
stellte sich entschieden und tapfer auf die Seite der Liebe, besiegte das
Widerstreitende in seiner Brust und verzieh dem holden Frauenbilde nicht
nur alle früheren Torheiten, er bemühte sich sogar, in noch bestehende
und fortwirkende sich zu finden oder sie wenigstens mit Anstand zu
ertragen. Ricchiari sah seine Frau hundertmal des Tages an und fühlte,
daß er sie bei jedem Blicke heißer liebte als zuvor. Er führte sie bald
darauf hinweg nach der kleineren Stadt und hoffte sie dort in der Stille
und Zurückgezogenheit in kurzer Zeit zu größerer Sinnesschlichtheit
umzubilden und das Lautere ihres Wesens, woran er nun einmal glaubte, von
anhaftendem Flitter zu reinigen.
Leider mußte er nur zu bald erkennen, daß er sich hierin vergriffen
hatte. Die in der großen Stadt eine Rolle gespielt hatte, glaubte sich in
der kleinen noch viel mehr berechtigt, alle Augen auf sich zu ziehen. Die
Feindseligkeit und das Mißtrauen, die ihr allenthalben entgegentraten,
reizten sie nur zu neuen Künsten. Und da sie bald herausgefunden hatte,
daß dem beschränkten Geiste ihrer Mitbürger nur durch eine einzige
Eigenschaft zu imponieren war, nämlich durch Tugendhaftigkeit, so warf sie
sich mit ihrem ganzen virtuosen Anpassungsvermögen nach jener Seite hin
und stellte alle Penelopen und Kornelien der Welt durch ihre Leistungen in
Schatten. Zugleich aber begann jetzt für Sabine wie für ihren Gatten ein
Martyrium schlimmster Art; es fing damit an, daß Sabinens Gefühl für den
Doktor mit seiner Neuheit dahinging. Wohl hatte die Macht von Ricchiaris
ehrlicher Gesinnung, seine Offenheit, sein Zorn, kurz, die Äußerung
seiner Männlichkeit so überwältigend auf das Wesen mit den verschrobenen
Neigungen gewirkt, wie eben das Wahre und Gewaltige dem Gekünstelten
gegenüber wirken muß. Einer wirklichen Liebe war Sabine Ricchiari nicht
fähig, und von der angenehmen Verwirrung ihrer Sinne war nichts geblieben
als eine Empfindung höchsten Unbehagens dem Manne gegenüber, der so
scharf in jeden Winkel ihrer Seele zu leuchten wußte; denn Sabine ahnte
wohl, daß es keine wertvollen Funde in diesem Inneren aufzudecken gab. Das
Unbehagen steigerte sich nicht selten zur Angst. Und diese Angst war es,
die sie verhinderte, ihre Schauspielkunst, die sie gegen Fernerstehende
so glänzend behauptete, auch da zu versuchen, wo es am meisten gelohnt
hätte: Sabine konnte ihren Gatten nicht glauben machen, daß sie ihn
liebte.
Den ganzen Tag wandelte sie in stumpfer Gleichgültigkeit umher. Daß
sie die Großstadt und ihren Vasallenkreis vermißte, daß Haushalt und
Kinderstube sie langweilten, daß sie hungerte nach rauschenden Festen,
wo ihre Schönheit Siege gefeiert hätte, daß der schlichte, stäte und
zuverlässige Gatte ihrem phantasievollen Köpfchen nichts zu denken gab
-- Ricchiari mußte es täglich aus kalten Mienen und lässigem Gebaren
erkennen. Da er die Frau liebte, tat das ihm weh. Aber man vergegenwärtige
sich das Leiden, das für ihn anhub, sobald ein fremder Fuß das Gemach
betrat: wie durch Zauberschlag verwandelt, huschte die plötzlich
erblühende Frau als rühriges Hausmütterchen durch alle Räume;
Heiterkeit strahlte ihr von rosigen Wangen, Liebe aus leuchtenden
Augen; sie herzte ihre Kinder, sie nickte dem Gatten zu; sie redete
wirtschaftlich, prahlte mit kleinen häuslichen Kenntnissen, pries
die pastoralen Freuden ihres bescheidenen Lebens, scherzte anmutig und
überlegen über leicht verschmerzte Entbehrungen -- kurz: zeigte sich
so ganz als das, was sie nicht war und doch hätte sein sollen, daß die
Klügsten betrogen hinweggingen. Laut und leise pries alle Welt Ricchiari
als den glücklichsten Gatten; und der Doktor hörte es mit finsterem
Gesichte und verbiß seine Martern: wußte er doch aus wiederholter
Erfahrung, daß Licht und Lächeln in den Augen seiner Frau erlöschen
würden mit den letzten Lampen des Mahles, bei dem sie durch horazische
Tugenden eine Anzahl leichtgläubiger Gäste berückt hatte.
Diese sichere und stets eintreffende Voraussicht machte, daß Ricchiari
in Gesellschaft nicht eben leidenschaftlich auf die Liebenswürdigkeiten
seiner Frau einging; dazu war er eine zu gerade Natur. Ja, er begegnete in
der Regel ihren holden Koketterien mit abweisenden Blicken und erreichte
dadurch, was er eben hatte vermeiden wollen, daß alle Leute die herrliche
Frau, die an solch einen Bären gebunden war, erst recht bewunderten und
bedauerten. Dieses Bedauern, das der unglückliche Mann in allen Mienen
lesen mußte, war seine schärfste Qual. Es war ihm unmöglich, auf die
unedle Pose einzugehen, die Sabine vor der Welt aufrechterhielt und mit
welcher sie ihm seine tiefe und wahrhafte Liebe so übel vergalt.
Jeder Versuch aber, die Komödie zu durchbrechen, prallte an Sabinens
unerschöpflicher Sanftmut und Holdheit ab, und immer blieb das gewandte
Weib im Vorteil, immer mehr vergab sich der von Leidenschaft gepeinigte
Mann in den Augen der Kurzsichtigen, die nach dem Schein urteilten. Bald
war Sabine nah und fern als eine neue Griseldis gerühmt, der Doktor als
ein Tyrann verschrien; und das ruchlose Geschöpf war wirklich erbärmlich
genug, sich an dieser Rolle zu ergötzen. Die Art und Weise, wie sie
Mitleid von sich wies und ihren Gatten zu entschuldigen suchte, war mit
Feinheit so berechnet, daß auch wieder niemand als sie selbst dabei
gewann: denn nun prunkte sie noch mit einem Edelmute, der ihr sehr ferne
lag, da sie genau wußte, daß in Wirklichkeit ihr Gatte der still Duldende
und Vergebende war. Daß ich selbst von diesem Spiele fast gefangen worden
wäre, habe ich wohl schon angedeutet. Sabinens Geständnisse am Bette
des Selbstmörders ließen mich klar in dies fürchterliche Verhältnis
blicken. Die Unselige erzählte mir selbst, daß ihr Mann sie einmal mit
Tränen in den Augen gebeten habe, ihm in Gegenwart von Leuten nicht mehr
so zärtlich zuzunicken, da sie es doch in Stunden des Alleinseins mit ihm
nicht wolle oder nicht könne. Dies habe ihr ins Herz geschnitten, und
sie habe eine Zeitlang wieder ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden
geglaubt, ein solches auch mit ängstlicher Deutlichkeit an den Tag gelegt.
Ricchiaris trauriges Lächeln habe sie wohl belehrt, daß sie ihn nicht
täuschen könne, und diese Erkenntnis habe sie selbst mit Bitterkeit
erfüllt. Nach kaum einer Woche sei ihr machtloser Wille wieder erlahmt,
Leben und Umgebung hätte sie gelangweilt, das tägliche Einerlei von
Kleinem und Kleinstem die alte Verstimmung wieder wachgerufen. Vor Zeugen
aber habe sie nach wie vor ihr äußeres Scheinleben weiterführen
müssen und sich dabei selbst wie behext gefühlt; denn sie sei sich
ihrer Falschheit wohl bewußt gewesen, ohne sich ihrer jedoch erwehren zu
können.
Ich fragte Sabinen, ob sie sich über die Empfindungen Rechenschaft geben
könne, die sie beherrschten, während sie dies verräterische und für
ihren Gatten so grausame Spiel trieb. Sie gestand mir nach einigem Sinnen,
daß sie sich immer durch das Verhalten der Leute selbst gleichsam dazu
gereizt gefühlt habe. Denn wie ein offenes Buch habe jedes Herz vor ihr
sich aufgetan, und was sie da zu lesen geglaubt, war eben die Erwartung
dessen, was mittlerweile wirklich schon eingetreten war. Jeder Blick schien
sie zu fragen: hast du die übereilte Verbindung noch nicht bereut? hält
die Romantik dem wirklichen Leben stand? sehnst du dich nicht zurück nach
dem Kreise, für den du geboren bist? Bereits glaubte sie zu hören, wie
triumphierend Nachbarin zu Nachbarin flüsterte: wir haben es vorausgesagt!
Bereits war ihr, als spitze sich jeder Beau, der huldigend ihre Hand
küßte, schon im stillen darauf, der Hausfreund der schönen Doktorsfrau
zu werden. Daß aller Augen auf ihren Fall warteten, hatte sie richtig
erraten, und sie hätte sich, wie sie sagte, lieber in Stücke reißen
lassen, als dem Volke die Freude des Rechthabens zu gönnen.
Die Spannung zwischen den Gatten kam endlich so weit, daß Ricchiari die
Scheidung vorschlug. Ihm schien es leichter, sich der begehrten Frau
ganz und gar zu entwöhnen, als fürder unter ihren Lieblosigkeiten zu
schmachten. Dennoch mußte ihn der Vorschlag schwere Überwindung gekostet
haben, und Sabine, die es verstand, war von seinem Leiden einigermaßen
erschüttert. Aber als sie dies Anerbieten zurückwies, tat sie es dennoch
erst in _zweiter_ Linie aus Mitleid mit dem Manne; ihr erster Gedanke
war auch hier wieder: »wie würden die Leute sich freuen!« und deshalb
willigte sie nicht in die Scheidung.
Ricchiari, der mit weißen Lippen seinen Antrag gestellt hatte, errötete
ein wenig, als sie rasch und heftig »Nein!« sprach. »Darf ich hoffen,«
fragte er mit unsicherer Stimme, »daß es dir doch ein wenig leid tun
würde, mich zu entbehren?« Sie schaute ihn an und hätte Welten darum
gegeben, hätte sie jetzt ihr Verstellungstalent zur Hand gehabt, das ihr
vor Fremden doch nie versagte. Aber vor den ehrlichen Augen dieses Mannes
war sie gelähmt, sie fand das falsche Lächeln nicht, oder vielmehr, sie
wußte, daß es ihn nicht würde betrügen können. Sie sah zur Seite,
zitterte und stammelte endlich: »Um der Kinder willen laß uns beisammen
bleiben!« und das war das einzige, was sie antworten konnte ohne direkte
Unwahrheit. Wirklich war das ein Grund, dem Ricchiari sich beugen mußte;
und wenn es für ihn irgendeinen Trost gab, so mußte es der Gedanke
sein, daß Sabine in diesem einen Punkte wenigstens durch ein braves und
natürliches Gefühl geleitet worden sei.
So also standen die Dinge in Ricchiaris anscheinend so tadelloser
Häuslichkeit. Eine Frau von unfehlbarer Lebensführung und wertvollen
Eigenschaften verstand die bescheidene Kunst nicht, einen schlichten Mann
glücklich zu machen; und ein Mann, der jede andere Frau durch die Fülle
und Tiefe seines Empfindens hoch beglückt hätte, mußte seine köstliche
Flamme vor einem Götzenbilde von Erz verlodern sehen, und kein Zeichen
belehrte ihn, ob sein Opfer Gnade gefunden.
4.
Sylva stammte aus guter, alter Familie. Er war wohlhabend und hatte
Ansehen. Aber er war auch brav, tüchtig, ernsthaft und seelenrein, wie
wenige Menschen in dieser verderbten Zeit und in den Kreisen, aus denen er
stammte. Er war dreiundzwanzig Jahre alt.
Sabine Ricchiari war eine zu blendende Erscheinung, um von dem neuen
Ankömmling nicht alsbald bemerkt zu werden, und entzückt erkundigte er
sich sofort nach Namen und Geschichte der schönen Frau. Der Bescheid, den
er erhielt, entsprang der falschen Meinung, die Sabinens ruchloses Spiel
in den Köpfen der Leute gezeitigt hatte. Die Frau, so hieß es, sei ein
vornehmes und mit allen holden Gaben geschmücktes Wesen, an einen Mann
gekettet, der nicht wert sei, ihr die Schuhriemen zu lösen, und der das
Gotteswunder nicht zu schätzen wisse, das mit solch einem Weibe über sein
Haus gekommen. Vielmehr behandle er sie höchst lieblos, sie aber ertrage
mit engelgleicher Geduld all seine Launen, und nie habe jemand sie ein
Wort der Klage äußern hören. Ja, selbst den Mangel all des Glanzes,
zu welchem ihre Geburt sie berechtigte, habe sie mit solcher Anmut und
Heiterkeit auf sich genommen, daß alt und jung vor einem so seltenen
Frauencharakter in Bewunderung vergehe. Niemand könne an dem herrlichen
Bilde die leiseste Trübung nachweisen, und allgemein werde nur bedauert,
daß nicht ein würdiges Eheglück ihr beschieden sei.
Solche Kunde war natürlich dazu angetan, ein Jünglingsherz zu rühren.
Sie aber ahnte nicht, welchen Quellen die scheue Verehrung entsprang, die
sie alsobald in den Augen des jungen Mannes zu lesen begann; seicht wie sie
selbst war, schloß sie nur auf seichte Leidenschaft, wie ein blühender
Frauenleib sie wohl zu wecken vermag, und wandte sich mit einem spröden
Gesichte zur Seite, so oft sie dem stillen Minnewerber begegnete. Sie
selbst gestand, daß sie damals nichts als Groll empfand, jenen alten Groll
gegen angenehme und sogenannte unwiderstehliche Männer, die jede Frau als
leichte Beute behandeln.
Es hatte nämlich bereits die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf Blicke
und Mienen des schmachtenden Jünglings gerichtet, und eine Schar von
solchen Geistern, die nie das Unheil zu bemessen verstehen, das sie
anrichten, ergriff sofort diese wahrlich ernste Sache als ein neues und
willkommenes Spielzeug. Keine der Freundinnen und Nachbarinnen konnte sich
das Vergnügen versagen, Sabinen die Beobachtungen zu hinterbringen, die
sie an Sylva gemacht hatten, und jene bekannten neckenden Bemerkungen daran
zu knüpfen, die bei solch kurz denkenden Wesen besseren Gesprächstoff
ersetzen. Und diese Gefühllosigkeit gab leider der gefühllosesten unter
den törichten Frauen den Anstoß, um aufs neue und tiefer als jemals in
ihr altes Laster des Posierens zu verfallen.