Ricchiari, ob er schon alle erdenkliche Herrschaft über sich besaß,

mußte während dieses Vorganges die Hände in den nächsten Vorhang

krallen, um nicht in Gefahr zu kommen, seine Frau zu schlagen. Ekel und

Verachtung stiegen ihm bis zum Halse, sprechen hätte er nicht können, und

er dankte Gott, daß er's nicht konnte -- denn was hätte er dieser Frau

sagen sollen? Daß er einen Fehltritt, in spontaner Leidenschaft begangen,

leichter verziehen hätte, als _diese_ Tugend? Des unglücklichen Mannes

Gehirn, von einem Wirbel häßlicher Vorstellungen ergriffen und betäubt,

vermochte in dieser Verwirrung die Anklage nicht zu formen, die sein ganzes

Selbst in rasender Empörung gegen das armselige Weib zu schreien schien.

Er fühlte nur dunkel und peinigend, daß er sie verdammen müsse, weil sie

_nicht_ schuldig geworden sei, und der Wahnwitz dieses Gedankens erfüllte

ihn mit Schrecken vor sich selbst. Er glaubte verrückt geworden zu sein,

und es dauerte mehrere Stunden, bis er soweit mit sich zurechtgekommen war,

um mit seiner Frau über den Fall zu sprechen. Er stellte ihr eindringlich

und mit wahrer Himmelsmilde die Schändlichkeit, aber auch die Gefahr eines

solchen Verhaltens vor, wie sie Sylva gegenüber an den Tag gelegt, und gab

ihr zugleich noch einmal in großmütiger Weise Freiheit, dem jungen Manne

zu folgen, wenn sie etwa Neigung für ihn empfände. »Verzeihe mir, wenn

ich dir zu nahe trete,« sagte er sanft, »aber es dünkt mich doch, der

Mann könne dir nicht ganz gleichgültig sein. Hättest du ihn solange

hingehalten und gefesselt, wenn seine Gegenwart dir nicht einen gewissen

Reiz böte? Täuscht man sich doch selbst über solche Empfindungen,

und vielleicht entspringt auch dein gedankenloses Spiel einer solchen

Selbsttäuschung, die wiederum auf deinen maßlosen Stolz gebaut ist. Ich

würde es als Segen empfangen, wenn es so wäre, wenn ich schon dabei der

Verlierende bin. Besser, es sei einer unglücklich, als drei!« Sabine

rief: »Wer sagt, daß ich unglücklich bin?« und ihr Gesicht überzog

sich mit Purpur. Ricchiari antwortete: »Mich liebst du nicht, aber ihn

liebst du vielleicht!« -- »Und wenn schon,« rief sie mit geballten

Fäusten, »so will ich doch nicht zum Kinderspott werden! Leidenschaften

treten wie Krankheiten an uns alle heran, aber ich möchte mich lieber aus

dem Fenster werfen, als so läppisch erliegen wie andere Frauen. Ich werde

mich durchkämpfen.« -- »Du bist zu klug,« sagte der Mann traurig.

»Ich weiß nicht, soll ich dich bewundern oder verachten.« Sie erwiderte

finster: »Ich dächte doch, das letztere hätte ich nicht verdient,«

worauf er voll Schmerz zurückgab: »Das ist es ja gerade, was mich

wirbelsinnig macht, daß ich das nicht weiß. Du mußt Geduld mit mir

haben.« Sie gingen auseinander, ohne daß Ricchiari um vieles klüger

geworden wäre.

Aber für Sabine war die Sache nun doch nicht so glatt abgetan. Daß sie

sich durch ihr ruhmrediges Geständnis die Möglichkeit abgeschnitten habe,

sich ferner zu den absonderlichen Stelldicheins zu begeben, das leuchtete

ihr natürlich sofort ein. Doch fiel ihr diese gezwungene Entsagung

durchaus nicht leicht, und sie bereute heftig ihre unzeitige Offenheit, die

sie nun unerbittlich vor eine endgültige Entschließung stellte: entweder

mußte sie Sylva aufgeben, oder sich vor Gott und der ganzen Welt die Seine

nennen. Und eines kostete sie soviel wie das andere. Immerhin war der

Kampf in ihr verhältnismäßig rasch entschieden. Sie setzte sich hin und

verfaßte ein Schreiben an Sylva, worin sie ihm endgültig absagte. Den

Brief hat niemand gesehen; Sylva muß ihn sofort vernichtet haben. Er ging

alsbald hin und erschoß sich.

Ricchiari war es, der zuerst an das Lager des Toten gerufen wurde und der

zuerst auch den rührenden kleinen Zettel las, den jener hinterlassen.

Diesen zu eskamotieren, dazu fühlte sich der Arzt indes zu sehr

beobachtet, bereits lief das verräterische Dokument durch die Hände

hilfeleistender Frauen. In begreiflicher Erregung kehrte Ricchiari heim,

und schonungslos, kopflos, zitternd und hastig teilte er Sabinen das

Grauenhafte mit. Sie blickte ihn anfangs geringschätzig an, mit einem

Schürzen der Oberlippe, als spräche er von dem Fremdesten der Fremden.

Nach drei Sekunden etwa wurde ihr Gesicht weiß und ihr Auge starr. Sie

fragte heiser: »Was sagtest du?« und als er schreiend wiederholte:

»Sylva hat sich erschossen!« schritt sie langsam, wie geistesabwesend,

durch das Gemach und begann mit nervösen Fingern ein Wollknäuel

abzurollen. Nach einer weiteren Minute drehte sie sich rasch um, faßte

nach der Lehne eines Stuhles, setzte sich hin und legte das Gesicht auf die

Arme. Der Mann sah ihren Körper schauern, vernahm jedoch kein Schluchzen.

Er wagte, da er nun sah, daß sie äußerst erschüttert war, kein Wort

weiter zu sagen, und nach einer Weile zog er sich still zurück. Eine

Stunde später trat Sabine, sehr blaß, aber anscheinend wieder ruhig, in

sein Zimmer und fragte kurz und hart: »Weiß man, warum er es tat?« Der

Doktor, da er sie gefaßt sah, erwiderte ebenso kurz: »Er hat einen Brief

hinterlassen.« -- »So? und was steht darin?« -- Ricchiari, von ihrem

Blicke, der wie Feuer brannte, gemeistert, sagte mechanisch die ersten zwei

Zeilen des Zettels her, die er im Gedächtnis behalten hatte. Sie zog dabei

die Schultern hoch, als ob Schläge darauffielen, und bewegte sich mit

gesenktem Haupte gegen die Türe, durch welche sie verschwand, ohne

das Ende des Berichtes abzuwarten. Gleich darauf stand sie in Sylvas

Totenzimmer. --

Es wurde nun dem Doktor an Sabinens Seite besser denn je. Wenn ein

Menschenkind allen Halt und allen Glauben an sich selbst verloren hat,

so streckt es naturgemäß die Hände dem entgegen, der sich in Güte

und Verzeihung seiner annimmt. Dazu war nun kein Mann so geschaffen, wie

Ricchiari, der jeden Winkel im Herzen der Frau mit seinem stillen Erbarmen

durchleuchtete und nichts als Friedensworte für sie hatte, selbst da, wo

er zu strafen berechtigt war. Sein Mitleid für sie war grenzenlos, und

nicht geringer war allerdings das meine. Weit entfernt, die unglückliche

Frau noch tiefer zu beugen, tat Ricchiari, und ich mit ihm, das Äußerste,

um ihr wieder einen Teil ihres Lebensmutes zurückzugeben. Sie nahm, wie

ein krankes Kind, was der unermüdliche Gatte für sie tat; dabei war sie

klug genug, das Unverdiente seiner Großmut ganz zu empfinden, und eine

innige Dankbarkeit ihrerseits mußte naturgemäß dieser Erkenntnis folgen.

Bald stellte sich zwischen den Gatten ein ganz erträgliches Verhältnis

her, und Sabine lernte ihre unerhörte Meisterschaft über sich selbst nun

in einer würdigeren Sache anwenden. Daß sie eine Natur war, die alles

konnte, was sie ernstlich erstrebte, hatte sie bewiesen, und jetzt ging

ihr Wollen dahin, ihren Gatten für manche erlittene Kränkung, die sie

reuevoll einsah, zu entschädigen. In gewissem Maße gelang ihr auch das;

wenigstens erfuhr Ricchiari nichts mehr als Liebes und Gutes von ihr, und

war schlau genug, nicht ergründen zu wollen, ob dieses Liebe und Gute

einem spontanen Herzenstriebe entsprang oder ob eiserne Willenskraft es aus

dem Bewußtsein einer nie gutzumachenden Schuld erzeugt hatte. Er begnügte

sich mit der Wirkung, und daran tat er wohl. Denn wer nach Ursachen

forscht, wird irre an Gott und Welt. Die _Menschenseele_ ist das

verschleierte Bild von Sais -- und vielleicht ist uns wohler, solange

keiner kommt, den geheimnisvollen Flor zu heben.

Druck von F. E. Haag, Melle i. H.

[Illustration: Emblem]

Curt Hamel'sche Druckerei u. Verlagsanstalt, Charlottenburg,

Spreestr. 43/44

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.

Der Schmutztitel wurde entfernt. Ein Verlagshinweis zu Sonderexemplaren

auf Büttenpapier wurde von der Versoseite des Schmutztitels an das

Ende der Titelei verschoben. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des

Buchtextes an den Beginn des Buchtextes verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten. ]

Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen · 第 7 / 7 段