Als Sabine eine mehr als zehnjährige Ehe hinter sich hatte -- sie

stand nun in der Mitte der Dreißig, trat ein Ereignis ein, welches mir

Gelegenheit gab, Sabinens Wesen und Entwicklung aus ihrem eigenen

Munde kennen zu lernen, zugleich auch mein dunkles Gefühl zum klaren

Verständnis ihrer Art auszubilden. Das Ereignis war ein solches, das die

ganze Stadt, Beteiligte und Unbeteiligte, heftig erschütterte und selbst

in den seichtesten Seelen eine Ahnung weckte von der Sturmgewalt der

Elemente, die in Tiefen toben können. Einer der jungen Rechtsgelehrten,

die dem in unserem Städtchen tagenden Gerichtshofe beigegeben waren, ein

Sohn guter Eltern, aus begüterten Kreisen stammend, aus einer größeren

Stadt zugezogen -- ein Jüngling von äußerst einnehmendem und

freundlichem Wesen, der sich großer Beliebtheit unter den besten Menschen

des Landes erfreute: wurde eines Morgens mit durchschossener Schläfe tot

in seinem Bette gefunden. Ein hinterlassener Zettel kündigte Selbstmord

aus verschmähter Liebe an, aber in so rührender Art, so schlicht zum

Herzen sprechenden Ausdrücken, daß auch der böseste Skeptiker nicht zu

lächeln gewagt hätte. Der Name des Weibes, das den armen Knaben in den

Tod getrieben, war begreiflicherweise nicht genannt; aber der Instinkt der

Menge, der in solchen Dingen fast immer richtig geht, bezeichnete Sabine

Ricchiari als die Urheberin der Tat. So wie der Vorfall sich darstellte,

schien diese Annahme allerdings glaublich: Sabine war in der Tat reizbegabt

genug, um eine verheerende und alle Fesseln sprengende Leidenschaft

zu entflammen; kein Mann wäre zu verdammen gewesen, der für dieses

Götterbild das Letzte gewagt hätte; und andererseits machte Sabinens

anerkannte Tugend jeden Wunsch von vornherein zu einem hoffnungslosen.

Das war die Erläuterung, die die öffentliche Meinung gab: entgegen ihrer

sonstigen Gewohnheit schienen alle Lästerzungen geneigt, die edelsten

Beweggründe auf beiden Seiten anzunehmen. Fama drapierte sich romantisch.

Und wenn etwas imstande war, Sabine Ricchiaris Ansehen und Beliebtheit in

der Stadt noch zu steigern, so war es dieser Vorfall, die letzten Worte

eines Todbereiten, die ihre ehrenfeste Unbesiegbarkeit mit solch tragischem

Nachdruck verkündeten.

Die öffentliche Meinung sieht meistens richtig, aber niemals tief;

Tatsachen bleiben ihr selten verborgen, Beweggründe immer: das Ereignis

war genau so vor sich gegangen, wie der Stadtklatsch annahm -- und doch,

wie anders! wie furchtbar anders! --

Man hatte die Verwandten des Jünglings von dem Selbstmorde benachrichtigt,

doch gab es keine Möglichkeit ihres Eintreffens vor dem späten

Nachmittage. Weil ich das verblendete Kind lieb gehabt hatte und weil mir

das Herz blutete um sein Schicksal, so übernahm ich es, bei ihm zu bleiben

und seinen letzten Schlummer zu hüten, bis das Gebet seiner Mutter das

meinige ablösen würde. Ich ließ den Leichnam auf reinem Bette aufbahren,

setzte mich neben ihn und blickte unverwandt in das sanfte, stille Gesicht,

als könne es mir noch Antwort geben auf die bittere Frage, die mich, der

ich weniger hurtig schloß als die Menge, unablässig quälte: »Wie hat

es so weit kommen können?« Ich hatte den Jüngling als einen stäten und

tüchtigen gekannt, ohne Überspanntheit und ohne Pose. Was hatte er

leiden müssen, was erkennen, bis er diesen letzten Verzweiflungsschritt

unternommen hatte? In mir zitterte alles vor Mitleid und Schmerz, ich

fühlte die Tränen über meine Wangen rinnen, und mehr als einmal beugte

ich mich über den Toten und küßte seinen kalten Mund in einer traurigen

Hoffnung, es möchte die Seele, die diesem Leib entflohen, noch irgendwo

in der Nähe weilen, mein Leid und meine Liebe mit ansehen und als

Trost empfinden. Da geschah es, daß ich plötzlich, den Kopf von meiner

schmerzlichen Liebkosung erhebend, Sabine Ricchiari im Zimmer stehen sah.

Sie war geräuschlos eingetreten und zwischen dem Bette und dem Fenster

stehen geblieben, so daß sich nur ihr großer schwarzer Schattenriß in

unheimlicher Starrheit vor mir erhob. Ich fuhr auf mit einer Regung des

Hasses gegen sie; denn mein Gefühl, das nie unbedingt zu ihren Gunsten

gesprochen hatte, schrie in diesem Augenblicke blindlings, jede Reflexion

niederdonnernd, ein »Schuldig!« über sie. Meine Augen mußten deutlich

sprechen, was ich empfand, denn sie trat einen Schritt zurück und senkte

das Haupt langsam tiefer und tiefer. Dann hörte ich, daß sie weinte;

und weil mich das bei ihr, die ich keiner redlichen Träne für fähig

gehalten, überraschte und ergriff, wie es mich noch bei keiner Frau

ergriffen hat, so fühlte ich schnell meine Stimmung gegen sie sich

erweichen und näherte mich ihr, um ihr die Hand zu reichen. Dabei sah ich

ihr Gesicht -- und jetzt umschloß mein Mitleid sie ganz! Sie aber ergriff

meine Hand nicht, sondern meine versöhnliche Geste für ein Zeichen der

Verzeihung nehmend, das ihr freien Zutritt zu dem Toten gewährte, eilte

sie an mir vorüber nach dem Bette, über welches sie sich mit dem ganzen

Leibe warf, ihre Lippen auf die des Verblichenen pressend und mit den Armen

seine Schultern und seinen Kopf umklammernd. Es lag eine Heftigkeit der

Leidenschaft in dieser Bewegung, die grauenhaft gewirkt hätte einem

Lebenden gegenüber; an dieser fühllosen Masse, die schlaff und kalt

in ihrer Umarmung hing, stellte sich der Anblick ihrer Raserei geradezu

haarsträubend dar. Besonders entsetzlich war die Art, wie der bleiche

Kopf, den sie wiederholt emporriß, immer wieder über ihren Arm zurück

und zur Seite sank, als wolle er sich den allzuspäten Liebkosungen jetzt

verachtungsvoll abwehrend entziehen; so schien es Sabine auch zu nehmen,

denn ihre Gesten wurden wilder, ihr Weinen lauter bei jeder derartigen

Bewegung. Ich stand sprachlos dabei, fühlte Schauer um Schauer über

meinen Rücken rinnen und vermochte nicht, dem Tun der Frau zu wehren. Sie

aber, nachdem sie das Gesicht des Toten und seine Brust mit solchen

Küssen bedeckt hatte, und unter solchen Ausrufen und Seufzern, wie die

Verzweiflung fruchtloser Reue sie lehrt, erhob sich endlich rasch und

wollte aus dem Zimmer huschen, wie sie hereingekommen war. Da ereilte

ich sie an der Tür und verstellte ihr den Ausgang, denn ich dachte nicht

anders, als daß auch sie jetzt in den Tod zu rennen beabsichtige. Sie

kehrte um, setzte sich auf den nächsten Stuhl und suchte augenscheinlich

in schwerem Kampfe ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Ich erinnere

mich nicht, ob ich ihr zugesprochen habe; mit meinem Herzen tat ich es

gewiß, aber in mir schrien so viele Stimmen durcheinander, daß ich nicht

weiß, ob ich wirklich zu Worte gelangt bin oder ob ich die Laute nur

geträumt habe, die meine bebenden Lippen zu formen suchten. Immerhin

beruhigte die entrückte Frau sich endlich und kehrte zur Wirklichkeit

zurück; ihre Augen begegneten wieder und hafteten diesmal an den meinen,

in denen sie wohl das heißeste Erbarmen lesen mußte. Dann setzte sie sich

neben das Bett, das sie nun mit einem rührenden Ausdrucke mütterlicher

Geschäftigkeit in Ordnung brachte, und schließlich begann sie in

schauerlich ruhigem Tone den Hergang der Sache zu erzählen.

2.

Sabine war ein Kind von unvergleichlicher Anmut gewesen, und da war es

denn nur zu begreiflich, daß sie in Aller Mienen der Wirkung ihrer eigenen

Zauberhaftigkeit nachspürte und es zur Aufgabe ihres kleinen

Lebens machte, diese Wirkung nach Möglichkeit zu verstärken. Dabei

experimentierte sie förmlich mit der Tragfähigkeit dieses Magnets: denn

sie trug Farben und Gewandformen, die an anderen Mädchen gewagt erschienen

wären, und triumphierte innerlich, wenn ihre Schönheit das Unmöglichste

und Heterogenste zu einem gefälligen Eindrucke verband. Auch gelang es ihr

öfters, selbst die Mode zu beeinflussen, indem sie durch die Macht ihrer

Erscheinung die Augen ihrer Geschlechtsgenossinnen blendete, so daß jene

das Kleid von der Trägerin nicht mehr zu unterscheiden vermochten und

sich für schön hielten, wenn sie trugen, was an Sabine Ricchiari schön

erschien So sicher aber diese ihrer äußeren Vorzüge war und so viel sie

darauf wagen konnte, so genügte ihr dies doch keineswegs; sie hätte nun

auch gerne durch Gaben des Geistes und der Seele allen anderen Frauen den

Rang abgelaufen und empfand es höchst schmerzlich, daß ihr hervorragende

Talente versagt waren, die ihren Namen durch die Lande trügen. Deshalb

aber nicht eingeschüchtert, warf sich Sabine auf das »Fach«, in welchem

Lukretia und andere hohe Frauen der Geschichte sich mit Glück betätigt

hatten: auf die Tugend. Und sie faßte diesen Begriff in seinem weitesten

Sinne.

Als Kind hatte Sabine Ricchiari nicht gerne gelernt. Da sie heranwuchs,

beobachtete sie, daß jedermann einen gewissen Grad von Albernheit und

Denkfaulheit als Vorrecht ausnehmend schöner Personen für zulässig zu

halten schien Das erbitterte sie sofort aufs höchste als eine Beleidigung,

die ihr mehr galt als tausend anderen, minder reizenden Frauen. Und hier

sprang nun der gefährliche Zug ihres Wesens mit einer ganz wohltuenden

Wirkung ein: denn, beharrlich und energisch, wo es ihrer Eitelkeit galt,

zwang Sabine ihren flattersüchtigen jungen Geist in eine Zucht, die alle

Welt in Erstaunen setzte. Bald erlebte sie die Freude, daß man laut und

leise ihren Fleiß und ihr ernsthaftes Streben noch höher als ihre Anmut

pries, und ehe sie achtzehn Jahre alt war, konnte sie schon mit vollem

Rechte das kühne Wort sprechen: »Müssen denn alle tüchtigen Frauen

häßlich sein und nur häßliche tüchtig? Ich denke zu beweisen, daß

man körperliche und geistige Bildung vereinigen kann!« Dabei fiel ihr das

Studium vieler Wissenszweige durchaus nicht leicht, und nur der maßlose

Ehrgeiz, ein Frauenbild von nie dagewesener Vollkommenheit darzustellen,

hielt sie in Stunden tiefer geistiger Erschöpfung aufrecht. Bei solchen

Beschäftigungen mußte sich ihr notgedrungen die Zeit kürzen, die andre

junge Mädchen ihres Kreises auf Tanz und Flirt verwendeten; jedoch empfand

Sabine dies durchaus nicht als Verlust, da ihr Siege auf diesem Felde allzu

sicher waren, und wenn sie sich unter die Spiele der Geselligen mischte, so

war's nur, um durch verspätetes Erscheinen und frühen Abgang die Leute

zu erinnern, daß sie Besseres zu tun hatte. So albern nun dies Tun an

sich erscheinen mag, so trug es doch für Sabine bessere Früchte, als sie

eigentlich verdient hätte. Denn darin ist die Wissenschaft, die Göttin,

dem sterblichen Weibe gleich, daß sie ihre Bewerber nicht leicht auf

die Redlichkeit ihrer Gesinnung prüft und auch den mit Segenshänden

beschenkt, der nur mit ihr tändelt. Was Sabine Gutes, Klares,

Großzügiges in ihrem Charakter hatte, war ihr als unverdiente und

ungewollte Beute aus der Zeit dieser Raubzüge in das reine Land des

Gedankens geblieben.

Aber nun kam Sabine in das Alter, wo die höchsten Lebensfragen an ein

Weib herantreten, und leider machte sich auch hier wieder die Sucht, das

Ungewöhnlichste, das völlig Unerwartete zu tun, zu ihrem Schaden geltend.

Sie war -- schön, gebildet und überaus sittsam, wie sie sich stets

gezeigt hatte -- von zahlreichen Bewerbern umschwärmt und hätte unter den

Männern ihres Kreises den Besten und Begehrtesten zu ihren Füßen sehen

können. Aber Sabine bildete ihr Urteil über Männer nach eigener Art. Die

naive Siegessicherheit, mit welcher heutzutage ein Mann, der seinen Wert

kennt, ein Weib zu nehmen pflegt, erbitterte und beleidigte sie, die

sich selbst als etwas Einziges und Unvergleichliches geschätzt zu sehen

wünschte, nicht wenig. Sabine wollte Werber im Minnesängerstil. Dafür

war sie auf der anderen Seite höchst anspruchslos, denn kein äußerer

Vorzug des Mannes sollte ihre Wahl bestimmen; freie, reine Neigung beider

Herzen allein sollte den Ausschlag geben und -- Bedingung =sine qua non!=

-- das _Publikum_ vor allem sollte von dieser reinen Neigung überzeugt

sein. So, damit auch ja nicht der leiseste Vorwurf einer Bestechlichkeit

erhoben werden konnte, wandte das törichte Fräulein sich sofort und

demonstrativ von allen glänzenden, angesehenen und vielbegehrten Männern

hinweg und solchen zu, die von Frauen übel behandelt, von Kritikern

verkannt, von Vorgesetzten übersehen und von rassestolzen Aristokraten

geächtet wurden. Und man konnte hinfort auf allen Festen das sonderbare

Schauspiel genießen, das schönste Mädchen der Stadt mit einem Gefolge

zweifelhafter Gestalten einherwandeln zu sehen, an denen sie eifrig und

ernsthaft ein Werk der Veredlung zu betreiben suchte, das indes sehr selten

mit einem Gelingen lohnte. Denn Männer pflegen es sehr übel aufzunehmen,

wenn ein Weib sie »zu sich emporziehen« will -- und ich weiß nicht, ob

ich ihnen darin nicht recht geben muß.

Es konnte nicht fehlen, daß Sabine in diesem Umgange ein paar schlimme

Erfahrungen machte, die ihr indes glücklicherweise nicht so zum Verderben

ausfielen, wie es wohl hätte sein können. So befand sich unter den

Unbegehrten, die sie zu beschenken glaubte, ein junger Naturforscher von

beträchtlicher Häßlichkeit, deren Wirkung noch verstärkt wurde durch

den Hochmut, mit welchem der Mann alle gefälligen Formen in Rede, Kleidung

und Auftreten verschmähte. Er war aus Arbeiterkreisen hervorgegangen,

recht im vollsten Sinne des Wortes ein geistiger Selfmademan, und

allerdings sehr bedeutend in seinem Fache. Aber er setzte einen törichten

Stolz darein, das Plebejertum, dem er angehört hatte, auf drastische Weise

darzulegen, und scheuchte feinfühlige Frauen von sich durch die Derbheit

seiner Ausdrucksweise sowohl wie durch die Gehässigkeit, die er denen

gegenüber zur Schau trug, die sich feinerer Sitten befleißigten. Auf

ihn konnte mit Recht das drollige Wort angewendet werden, er habe »zwei

Rücken«; denn bei Gastmählern, zu denen er freilich selten genug gebeten

wurde, brachte er es fertig, seinen _beiden_ Nachbarinnen _zugleich_ den

Rücken zu kehren -- und das schlimmste war: sie zogen sein unartiges

Schweigen seiner Konversation vor. Das war ein Objekt für Sabine! Mit dem

raschen Schlußvermögen, das sie auszeichnete, stellte sie fest, daß

eben diese Gehässigkeit gegen alles Glatte und Vornehme einem tiefen

Bewußtsein eigener gesellschaftlicher Unzulänglichkeit entsprungen sei,

und daß der rauhe Mann nur deshalb nicht manierlich sein _wollte_, weil

er klar empfand, daß er es nicht sein _konnte_. Sie sagte sich, daß er

wußte -- und wahrlich nicht zu seinem Behagen wußte --, an ihm müsse

Kultur zur Karikatur werden. Deshalb hegte sie Mitleid für ihn und

beschloß, die erste zu sein, die seinem hervorragenden Verstande und

seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit volle Ehre antat, ohne sich durch

seine ungeschlachte Art und böse Sitten beirren zu lassen. Und sie

erwählte ihn förmlich und feierlich zu ihrem Höflinge und war

holdseliger zu ihm, als ihr dabei eigentlich ums Herz war; denn sie mußte

sich alle mögliche Gewalt antun, um den Widerwillen zu überwinden, den

seine physische Erscheinung, seine zynische Rede und häufige lästerliche

Flüche ihr einflößten.

Aber Sabine kam übel an mit ihren Beglückungsversuchen. Denn sie mußte

einsehen, daß der erwählte Mann selbst nicht nur keine sonderliche

Dankbarkeit gegen sie empfand, sondern daß er die Bevorzugung, die

ihm widerfuhr, auf eine sehr kränkende Weise deutete. Daß seine

Häßlichkeit, über welche er sich keiner Täuschung hingab, ein so holdes

und vielbegehrtes Wesen wie Sabine anzog, erschien ihm durchaus nicht als

ein Wunder der Liebe, die ihren Gegenstand nach seinem seelischen Gehalte

schätzt -- denn so hätte Sabine es gerne gedeutet wissen wollen; vielmehr

erklärte er sich in seiner materialistischen Weltanschauung dies Wunder

einfach aus einem perversen Reiz, den Scheusale von Männern auf

Frauen auszuüben verstehen, und er schämte sich nicht, dies in wenig

verschleierten Worten anzudeuten, wobei er mit Vorliebe das Beispiel des

großen Sinnenbetörers Mirabeau zitierte. Daß Sabine seine durchaus nicht

gewählte Unterhaltung ertrug, schrieb er demselben krankhaften Gefallen am

Allzunatürlichen zu, denn er gab sich nie Mühe, in den Mienen anderer

zu lesen, und übersah deshalb den Kampf, mit welchem das wunderliche

Fräulein diese härteste Probe ihrer Gesinnungstreue zu bestehen

suchte. Daß sie endlich vor aller Welt seine Partei hielt, schien ihm

selbstverständlich, denn er wußte, daß er für eine wissenschaftliche

Größe galt und daß eine Frau an seiner Seite einer großen Zukunft

entgegenging. Und er sprach auch dies aus und verfehlte nicht, Sabine

aufmerksam zu machen, daß sie trotz ihrer Schönheit und höheren Geburt

bei einer Verbindung mit ihm der _gewinnende_ Teil wäre. Es dauerte eine

ganze Weile, bis Sabine diese seine Auffassung von der Sache ganz begriffen

hatte, denn sie hatte sich in der Rolle der Gebenden und Herablassenden zu

wohl gefallen, um leicht einer so demütigenden Erkenntnis zugänglich zu

sein. Aber der merkwürdige Galan, der seinerseits durchaus nicht geneigt

war, den Empfangenden, den Beschenkten zu spielen, versuchte endlich, ihre

Liebe, die er für höchst leidenschaftlich hielt, durch bewußte Bosheiten

auf die Probe zu stellen, bald ohne Anlaß fernbleibend, bald auch vor

Zeugen ein hämisches und tyrannisches Wesen gegen sie zur Schau tragend.

Ihre Ratlosigkeit und Verblüfftheit solchen Roheiten gegenüber hielt er

für Schmerz, und die wirklich bewunderungswürdige Geduld, mit welcher

sie verzieh, was sie einem Mangel an Besserwissen zuschrieb, deutete er als

Verliebtheit, die, selbst getreten, nicht von ihm lassen konnte.

Endlich kam aber doch der Tag der Abrechnung, und es erfolgte nun die

allerwunderlichste Auseinandersetzung, die je zwischen Liebesleuten

stattgefunden. Jeder der beiden Toren war sehr verdutzt, sich von dem

anderen nicht heißer geliebt zu sehen, jeder rechnete dem anderen sein

Gewinnen oder Verlieren mit allerliebster Offenheit vor. Bei dieser

Abschiedsszene zeigte sich schließlich der Mann noch als der

Charaktervollere von beiden, denn er war der erste, welcher der Frau mit

ihrem unerbetenen Mitleiden den Laufpaß gab, indem er erklärte, daß ihm

ein Schankmädchen, das zu ihm aufsähe, liebenswerter erscheine als eine

Königin, die sich »herablasse«. Sabine zog sich gekränkt zurück und

gewann aus der bösen Erfahrung wenigstens die Lehre, daß Mitleid vom

Weibe zum Manne vorsichtig in leisen Schuhen wandeln muß, soll nicht sein

Tritt die jungen Liebespflänzlein zermalmen. Eine Weile war sie traurig

und enttäuscht. Bald aber löste eine neue, noch sonderbarere Wahl die

Mißstimmung jenes ersten Erlebnisses. Auch dieser zweite Mann war das

Gegenteil von einem Adonis und nichts weniger als ein Gesellschaftslöwe.

Wäre er beides gewesen, so hätte er ja für Sabine keinen Reiz gehabt,

denn dann wäre es keine Kunst gewesen, ihn zu lieben; und Sabine wollte,

wie gesagt, auch hierin etwas völlig Neues leisten. Was ihre Neigung in

diesem besonderen Falle bestimmte, war hauptsächlich die bittere Armut,

in welcher der Betreffende lebte, der seines Zeichens ein unbedeutender

Musikus am Theaterorchester der Stadt war, in welcher das seltsam

wählerische Fräulein damals lebte. Sabine hatte durch Hausgenossen des

Fiedlers von seinem Elende vernommen, hatte ihn unterstützen lassen und

suchte nun seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Sie verhalf ihm zu

Unterrichtsstunden in besseren Häusern und eröffnete damit zugleich

ihm und sich selbst einen Weg, auf welchem sie sich häufig genug ohne

Anstände begegnen konnten. Dabei geschah nun, was geschehen mußte. Hatte

der Mann schon vorher gewußt, daß er ihrem Mitleid viel verdankte, so

warfen ihre strahlende Erscheinung, ihr berückendes Lächeln und die

freundlichen Worte, die sie an ihn richtete, ihn nun ohne weiteres in eine

maßlose Leidenschaft, die er auch durchaus nicht zu verbergen strebte.

Dabei war er klug genug, weder seinen persönlichen Vorzügen noch seiner

musikalischen Begabung das Verdienst dieser Eroberung beizulegen, denn

er wußte genau, daß er von letzterer nicht viel mehr besaß als von

ersteren. Aber er empfand doch künstlerisch-naiv gerade soviel als es

brauchte, um an eine ideale Liebe zu glauben, die wahllos trifft und sich

mit gleich selbstloser Erwiderung reichlich gelohnt fühlt. Eine solche

Liebe legte er in Sabine hinein; und er selbst stattete seinen Dank für

das unverdiente Gnadengeschenk in einer Anbetung ab, an der sich Diana

hätte genügen lassen können, und die unsere kühle Heldin selbst

höchlichst befriedigte, weil sie endlich zur Erfüllung brachte, was lang

geträumt und gewünscht war. Denn nun genoß Sabine die Genugtuung, daß

die Romantik dieses Verhältnisses von alt und jung gebührend geschätzt

wurde, und wandelte einher, von Mondschein und blauen Blumen gleichsam auf

Schritt und Tritt umsponnen, wie ein mittelalterliches Burgfräulein, das

sich einem fahrenden Sänger neigt. Sie redete viel, um zu beweisen, daß

echtes Gefühl auch in unseren nüchternen und bösen Zeiten noch nicht

ganz vom Erdenrund geflohen sei, und glaubte ganz ernsthaft, die schöne

Neigung, die sie darstellte, wirklich selbst zu empfinden. Allerdings

glaubte das auch jedermann sonst; und selbst die losesten Zungen fanden

keinen schlimmeren Anlaß zu sticheln als den, daß man Sabine hinfort auch

im Getöse einer Wagneroper in der ersten Reihe des Parkettes sitzen

sah, wo sie dem Bombardement wahnsinniger Pauken- und Trompetenstöße

heldenhaft standhielt, nur um Aug' in Auge mit ihrem Geigerlein und in

seiner möglichsten Nähe den Abend zu verbringen. Dem Widerstand ihrer

Verwandten gegen diese sehr unerwünschte Verbindung setzte sie eine

siegreiche Beredsamkeit entgegen, die alle Bedenken entwaffnete und die

Zweifler beschämte. Die Entdeckung, daß ihr neuer Liebhaber einige Male

ziemlich betrunken im Orchester erschien und daß er Ring und Kette, die

sie ihm gegeben, gelegentlich versetzte, ernüchterte sie zwar ein wenig,

entmutigte sie aber keineswegs. Sie löste geduldig ihre Liebespfänder

selbst wieder aus und gab sie ihm ohne ein Wort des Vorwurfes zurück. Die

Beschämung und Reue, die der arme Kerl bei solchen Anlässen an den Tag

legte, war echt; aber die sittliche Festigkeit, die er neuen Versuchungen

gegenüber bewies, war die eines Kindes; und Sabine machte hier die

schmerzliche Schule durch, die Künstlerliebchen und -frauen selten erspart

bleibt: sie mußte sehen, daß ein Mann alles Göttliche und Hohe in seinem

Busen bewegen und doch vor einem Glase Wein zum Tiere werden kann. Aber

Sabine hatte ihre Rolle zu hoch gegriffen, um ihr selbst vor derlei

Schrecknissen untreu zu werden. Auch als ihr Bräutigam wegen der

eingetretenen Unordentlichkeit seines Lebenswandels aus dem Orchester

entlassen wurde, hielt sie noch fest zu ihm. Bereits aber war sie so

weit zur Vernunft gekommen, daß sie den Argumenten ihrer Verwandten ein

willigeres Ohr lieh als zuvor; und als man ihr geschickt vorstellte, wie

gerade die Gunst, die sie dem Musikus erwies, die unerwartete Veränderung

seiner Lage verderbenbringend geworden sei für den Mann, der bisher in

seinen dürftigen Verhältnissen arbeitsam und brav gewesen war -- da

entsagte sie, obgleich schweren Herzens und nach langem Kampfe, auch diesem

Traume. Von ihrem Anbeter kaufte sie sich los, indem sie mit Einwilligung

ihrer Angehörigen ein bescheidenes Kapitälchen für ihn anlegte, das

ihn vor äußerster Not bewahren, ihm aber keinerlei Ausschreitungen

ermöglichen sollte. Es muß zur Ehre des Mannes gesagt werden, daß er

diese Abfindung erst nach langer und rasender Gegenwehr hinnahm; denn

er liebte das schöne Mädchen, wie nur ein Musikerherz lieben kann, und

drohte sie und sich selbst zu ermorden, ehe er sie aufgäbe. Erst die

Vorstellungen desselben klugen Verwandten, der Sabine herumgebracht,

vermochten ihn zu erschüttern; denn sie brachten ihn zur Einsicht, daß er

die Heißgeliebte in ein trauriges Los herunterzöge, wenn er sie an sich

fesselte, ohne durch seinen Charakter eine Gewähr für seines Zukunft

zu geben. Er trat zurück und zeigte sich beim Abschiede so ehrenhaft

und stolz, daß Sabine fast wieder ihren Sinn zu seinen Gunsten geändert

hätte; denn es war ihr bitter, daß er sie an Entsagungsmut übertraf,

und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ungleich mehr opferte als sie,

weil er ungleich leidenschaftlicher geliebt hatte. Seine Pension griff er

erst viele Jahre später an, als er, wieder zur Ordnung zurückgekehrt,

eine passende Lebensgefährtin gefunden hatte, mit welcher er dann auch

leidlich glücklich wurde. --

Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen · 第 4 / 7 段