Sie hätte gern das Wundersame und Unbegreifliche des ganzen Vorganges

verstehen mögen, und es drängte sie oft, zu ihrem Gatten zu eilen und

ihm ihr Gefühl zu äußern, ihn zu fragen, ob er eine Erklärung oder

ein Beispiel dafür kenne. Es tat ihr weh, dies Unverstandene mit sich

herumzutragen, ohne es mit ihm zu teilen, der es vielleicht verstanden

hätte. Aber sie fürchtete zu sehr das Geständnis ihres Betruges. Wenn

sie bedachte, mit welch rührender Treue er immer dafür gesorgt hatte,

daß in jenen ihrer Ruhe geweihten zwei Stunden kein Schritt ihrer Türe

sich nahe, so fand sie es unmöglich, ihm zu sagen, daß diese Sorgfalt

verschwendet, seine liebende Aufmerksamkeit mißbraucht worden war. »Wenn

er hört, daß ich ihn monatelang betrogen habe,« so dachte Gabriele oft

mit leisem Kummer, »so wird seine Liebe zu mir verlöschen. Er ist

die Wahrhaftigkeit selbst!« Und sie schwur sich zu, daß er nie um das

Geheimnis wissen sollte.

Der Ratsherr küßte seiner alten Freundin die Hände und nannte sie

gerührt die gütige Vorsehung seines Lebens. Die gute Matrone freute sich

des Erfolges, den ihre einfache Verordnung gehabt, und Gabriele, wenn sie

es hörte, lächelte beklommen und dachte bei sich: »Auch diese darf

nie erfahren, daß ihr Rat unbefolgt geblieben ist. Wie würde sie sich

kränken!« Und ebenso schwieg sie dem Arzte gegenüber, mit weiblicher

Feinheit daran bedacht, ihm das Gefühl der Lächerlichkeit zu ersparen.

Je weiter die Arbeit fortschritt, je köstlicher und reicher die zarte

Kunstfertigkeit der neugeübten Finger sich kundtat, desto stiller und

seliger wurde Gabriele. Alles Irdische erschien ihr klein. Denn wahre

schöpferische Kunstliebe ist nicht anders als wahrer Gottesglaube, sie

leiht der Seele schöne lichte Flügel, mit denen sie über die Erde

schwebt.

Zwei Stunden täglich sind eine knappe Zeit, um ein großes und

allerfeinstes Werk zu Ende zu führen, und Gabriele arbeitete weit

über ein Jahr an ihrer Spitze. Es kamen natürlich auch Wochen der

Unterbrechung, sei es, daß ein Kind erkrankt war, sei es, daß unruhige

Zeiten in Stadt und Land jede Ordnung auflösten. Dann unterwarf sich

Gabriele ohne einen Schatten von Verstimmung der Entbehrung.

Endlich war das Werk vollendet. Und wie es nun so dalag, die feste

und zarte Gestaltung des schönen Traumbildes, da ging die Freude, die

Gabrielens ganzes Wesen verklärt hatte, in einen Sturm neuer Empfindungen

auf. Mit einem heftigen Erschrecken kam es Gabrielen zum Bewußtsein, daß

es jetzt um ihr Geheimnis geschehen sei: diese Arbeit ließ sich

nicht verbergen! Wie ein Hammer pochte die Angst vor dem schmählichen

Geständnis einer monatelang durchgeführten Unredlichkeit in Gabrielens

Herzen; aber Schlag um Schlag traf einen Gegenschlag. Wie Gabriele als

Mädchen gelechzt hatte nach dem verstehenden Worte, das ihrer Arbeit

die Krone aufsetze, so brannte sie jetzt töricht und wild auf eine

Möglichkeit der Verwendung ihres Geschaffenen. Sie versuchte die Spitze

zu vergessen, aber es war ihr, als habe sie ein Kind lebendig begraben. Sie

haderte mit ihrer Natur, die sie erst zu Heimlichkeiten trieb und dann zum

Geständnis zwang; sie begriff nicht, welche Dämonen in ihr tätig sein

konnten, hielt sich vor, daß ihr Lebensglück auf dem Spiel stehe, und

gewann es über sich, vierundzwanzig Stunden nicht an die Spitze zu denken.

Dann kam der Augenblick der Mittagsruhe, des Alleinseins -- und da

saß sie, hielt die Spitze in der Hand, saugte sich mit Blick und Geist

ordentlich in jede Masche fest und fühlte, daß die Arbeit nicht fertig

sei, solange sie hier in der Verborgenheit begraben liege. Und nach einigen

Tagen aufreibenden Kampfes gab Gabriele ihn auf und sann nun nur noch auf

die erträglichste Form, ihr Schuldgeständnis darzulegen.

Sie holte aus einem Schrank, der Abgelegtes und Ungebrauchtes barg, das

Kleid hervor, das sie in den letzten Jahren ihrer Mädchenzeit getragen,

das Kleid, in dem sie ihre Liebe und ihr Glück gefunden, das schlichte,

dünne, ärmliche braune Kleid mit dem zierlichen Halstuch und dem reinlich

gefältelten Häubchen. Sie hatte es nie übers Herz gebracht, sich von

diesem Kleide zu trennen, hatte es oft mit heimlicher Rührung betrachtet,

es sauber gehalten und vor dem Verfall bewahrt. Jetzt probierte sie es an

und änderte flugs mit geschickten, leichten Stichen Sitz und Weite. Sie

lachte ein bißchen, als sie es anzog, und freute sich, daß sie ihrem

früheren Selbst darinnen gar nicht so unähnlich sah, wie man es nach

sechsjähriger Ehe hätte meinen sollen. Ein schwarzer Sammetfleck fand

sich auch, den spannte sie fein über ein Kissen, nadelte ihre Spitze

recht anschaulich und kokett darauf und betrat, so gerüstet, ihres Mannes

Zimmer.

An der Türe packte sie noch einmal die Angst, daß sie fast wieder

umgekehrt wäre. Sie wagte kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen; es

schien ihr, als müsse der Boden vor ihr nachgeben und sie hinuntergleiten

lassen in höllische Schlünde. Und so, in ihrer Zaghaftigkeit, mit den

gesenkten Wimpern und den von brennender Scham geröteten Wangen, glich sie

so sehr der demütigen kleinen Arbeiterin von einst, daß dem Ratsherrn,

der zuerst mit ungeduldigem Staunen auf die Verkleidung geblickt hatte, das

Herz weit wurde. »Gabriele,« rief er zwischen Rührung und Lachen, »was

soll diese Schelmerei? Willst du mir damit sagen, daß ich meine alte

Gabriele wiederhabe, die ich mir aus dem Winkelgäßchen geholt?« Sie aber

antwortete nicht, sondern kam langsam auf ihn zu, ohne ihn anzusehen und

immer das Kissen mit der Spitze ein wenig vor sich herstreckend, als solle

das Kunstwerk ihr Fürbitter sein. So mußte der Ratsherr es ins Auge

fassen, und als er es tat, stutzte er und erkannte sofort, daß es eine

neue und selten schöne Arbeit war; zugleich aber mußte er auch den

verworrenen und gequälten Ausdruck im Gesichte seiner Frau bemerken, und

es dämmerte ihm, daß da ein Geheimnis sich enthüllen sollte. »Hast du

diese Spitze gemacht, Gabriele?« fragte er sanft. »Du große Künstlerin,

es ist deine schönste! Aber wann und wo hast du diese Riesenarbeit

schaffen können?«

Gabriele rang eine Weile mit ihrer erstickenden Angst, dann brachte sie

fast tonlos die Antwort hervor: »In den zwei Stunden, in denen ihr alle

dachtet, daß ich schliefe!« Dann legte sie ihr Kissen auf den nächsten

Tisch, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen. Sie

dachte: jetzt kommt der Wetterstrahl, der all dein Glück zerschlägt!

Aber der Ratsherr stand selber da, wie vom Wetter getroffen. Ein so

schneller, klarer Denker er auch sein mochte -- _diese_ Offenbarung nach

allem Vorhergegangenen verwirrte ihn. Daß Gabriele an der Überlast eines

großen Haushaltes, einer stets belebten Kinderstube und vielen neuen

Kenntnissen, in die sie erst hineinwachsen mußte, erkrankt war, hatte

er begriffen; daß ein täglicher, regelmäßiger Schlaf sie geheilt, war

natürlich. Aber jetzt --? Da sie nicht geschlafen hatte und doch geheilt

war, stand das Rätsel ihrer früheren Krankheit wieder ungelöst da,

vermehrt um ein neues, noch verwirrenderes! Es bedurfte der ganzen

weiblich-schönen Herzensgüte und auch der ganzen Selbstbeherrschung des

Mannes, um hier nicht, was er für eine äußerst verworrene und dunkle

Sache hielt, durch ein hartes Wort für immer um seine Aufklärung zu

bringen. Er wagte fürs erste überhaupt nicht zu sprechen, sondern

betrachtete nur immer mit neuem Staunen die wunderbare Spitze. Aber

die Frau, als sie nach einer langen Weile es endlich wagte, zu ihm

aufzublicken, konnte unschwer erkennen, daß er keineswegs zürnte, sondern

bloß sehr angestrengt nachdachte. Da trat sie an ihn heran, legte leise

die Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Ich glaube es wohl, daß ich dir

verrückt erscheinen muß!«

Er nahm ihre Hand und sagte lächelnd: »Ich will nicht leugnen, daß

ich dich nicht ganz begreife. Wie kamst du darauf, eine solche Arbeit zu

beginnen, da du doch sonst genug zu tragen hattest?« Da erzählte ihm

Gabriele, so gut sie es eben verstand, von der zwingenden Lust, die

sie dazu getrieben, und wie sie mit schlechtem Gewissen, aber doch mit

Seligkeit an dem Werke geschafft hätte und es nicht hätte lassen können.

Sie beschrieb auch ein wenig, wie ihr jede Arbeit verklärt und verschönt

erschienen sei im Freudenschimmer eines schöpferischen Siegbewußtseins,

und auch von ihrer Angst erzählte sie und wie sie schließlich gegen ihren

Willen, gleichsam durch die Macht ihres Geschaffenen selbst zum

Bekenntnis gezwungen worden sei. Es war alles ein wenig verworren und

unzusammenhängend, denn es war das erste- und wohl auch das letztemal im

Leben, daß Gabriele über sich selbst zu sprechen hatte, und es fiel ihr

gewaltig schwer. Aber der Ratsherr schien doch etwas davon zu verstehen,

wenigstens ging es wie Wechselspiel von allerlei Lichtern über sein

Gesicht. Dann fragte er sehr ernst und sehr eindringlich: »Nun sage mir

eines, Gabriele, was mir wichtiger zu wissen ist als alles übrige: bist du

mir nun tatsächlich genesen, oder ist das nur ein frommer Betrug vor dir

selbst, der deinen Ungehorsam rechtfertigen sollte, und fühlst du dich am

Ende noch kränker, als du es zeigen willst?«

Da mußte Gabriele lachen in all ihrer Bangigkeit. »Siehst du mir das

nicht an, Liebster? Mußt du nicht glauben, daß das Rot meiner Wangen echt

ist, da es diesen Tränen widerstanden hat?«

»Man sollte es meinen,« sagte er mit humorvoller Grimmigkeit. »Aber ihr

Weiber würdet den Teufel zum Narren machen mit eurer Verschlagenheit.«

Dann nahm er sein Weib in den Arm, liebkoste es innig und fuhr fort: »Es

war gut, daß du dieses Kleid angezogen hast, du Dreimalkluge! Denn dieses

Kleid hat mir die Augen geöffnet, wer du eigentlich bist, und jetzt weiß

ich auch, woran du erkrankt warst und wodurch du genesen bist. Nun sollst

du mir auch nicht mehr darben.« Und er küßte sie nur noch herzlicher, so

daß sie beglückt seine Güte und sein volles Verstehen empfand. --

Der Ratsherr hielt Wort. Wie er mit eiserner Strenge dafür zu sorgen

gewußt hatte, daß inmitten all der unberechenbaren Zufälligkeiten eines

großen Haushaltes der Schlaf seines Weibes nie ohne zwingende Not gestört

wurde, so sorgte er jetzt dafür, daß Gabriele die einmal eingeführte

Ruhestunde festhielt und sich ganz ihrer stillen Lust darin ergab. Gabriele

selbst hatte sich anfangs dagegen gewehrt, aber die einmal aufgedämmerte

Erkenntnis brach von Tag zu Tag zu neuer Klarheit durch, und bald war

Gabriele dem Gatten dankbar. Und weder er selbst, noch der Haushalt, noch

Kinder, noch Gäste kamen zu kurz durch diese Erweiterung von Gabrielens

Tätigkeit. Wie ein Gebet oder ein frommes altes Lied labte und reinigte

diese Stunde ihre Seele, stärkte sie zu neuem Lebenskampfe, machte sie

hellsehend und gütig. Alles Schwere, was an sie herantrat -- und es wurde

dessen mehr, wie die Kinder heranwuchsen und eigene Wege suchten -- löste

sich in sanfte Harmonie, sobald der leise Tanzschritt der Klöppelelfen

erklang. Die guten Gedanken tauchten aus den lichten Gebilden empor,

die Gabrielens Hand entwarf: nicht einzeln kamen sie, sondern in langen

freundlichen Reihen, und sie umschlossen Gabrielens ganzes Leben und ihr

ganzes Haus.

Die Tugend der Sabine Ricchiari

1.

Ich war, als ich Sabine Ricchiari verstehen lernte -- _gekannt_ hatte ich

sie schon seit zehn oder zwölf Jahren! -- Seelsorger in einer kleinen

süddeutschen Stadt, hatte die Fünfzig überschritten und war also in eine

Lebensperiode getreten, wo man keinen mehr um seiner Sünde willen haßt,

keinen um seiner Tugend willen preist, sondern alle liebt, weil man alle

bedauert. Ist man einmal so weit, so fliegt einem das Vertrauen von selbst

entgegen, man darf dann nur den scheuen Vogel nicht durch eine hastige

Bewegung schrecken. Ich hörte manche Lebensgeschichte, dazu bedurfte ich

keines Beichtstuhles. Über die nun folgende habe ich heißer gegrübelt

als über sonst eine.

Sabine Ricchiari brachte durch ihre Erscheinung schon Aufruhr in unsere

kleine Stadt. Sie war die Gattin eines Arztes, dessen Familie aus dem

Veltlin stammte, die aber, seit mehreren Generationen in Deutschland

ansässig, jede Erbschaft ihrer stolzen Abkunft verloren hatte, bis auf

den klingenden Namen. Dessen gegenwärtiger Träger nun war ein so

bescheidener, schlicht und nüchtern aussehender Mann, daß auch dieses

karge Erbe an ihm noch wie Verschwendung erschien; denn der schöne Name

wollte zu dem unscheinbaren Wesen übel passen. Er lebte einige Jahre in

einer größeren Stadt, lernte dort Sabine kennen und führte sie uns

zu, als er eine neue Praxis unter uns eröffnete. Nun, da ich die Frau

erblickte, freute ich mich, und zwar um ihretwillen, daß der Mann nicht

Schulze hieß. Denn Sabine saß der Name wie angeschaffen; sie trug das

trompetenhelle Wort vor sich her, wie eine kriegerische Jungfrau eine

silberne Tuba trägt; und wenn man ihre hohe Schönheit betrachtete, so

genoß man es doppelt, daß man dies seltsame und bedeutende Geschöpf

nicht mit einem gewöhnlichen oder gar übellautenden Worte benennen

mußte.

Durch die engen und gewundenen Gassen unseres Städtchens, in denen damals

noch Handwerker- und Markttreiben sich stieß und drängte wie vor hundert

Jahren, war noch nicht zweimal Sabine Ricchiaris hohe Gestalt gewandelt,

als schon Neugier und Tadelsucht sich an ihre Fersen hefteten. Der stille

stolze Gang, womit sie die übelgepflasterten und bergigen Gäßchen

beschritt, als wären es Treppen einer Königshalle und mit den weichsten

Purpurteppichen belegt; der freie, klare Blick, den sie die Häuserreihen

hinabgleiten ließ bis an das altersgraue Stadttor, über welches Berg

und Himmel hold hereinlugten; die kecke Haltung des wohlgeformten Hauptes;

nicht zuletzt auch das helle Kleid, das alles Licht der Sonne, welches die

graue Umgebung so mürrisch hinweg wies, in sich allein gesammelt zu haben

schien -- ja, der Klang ihrer zuversichtlichen, frischen und lauten Stimme

selbst irritierte dies trippelnde, kichernde, hustende und knicksende

Geschlecht bis zum Haß. Sabine wirkte verfassungstörend. Die Frau mit

den Großstadtsitten machte die Kleinstadtgehirne toll. Alles Überkommene

drohte zu stürzen. Frauen, die dreißig Jahre lang unangefochten und

sorglos den Pantoffel geschwungen hatten, wurden plötzlich eifersüchtig

und -- aus Eifersucht -- zahm; Männer, die dreißig Jahre lang geduldig

ihr Joch getragen hatten, wurden plötzlich rebellisch. Putzmacherinnen

wurden erfinderisch und phantasiekühn. Ladendiener und Schreiberlein

salbten ihr Haar und trugen Nelken im Knopfloch. Offiziere a. D., die

längst in Biertischgemütlichkeit versunken waren, hielten plötzlich

wieder auf Taille, und Referendare wurden stumpf gegen die Reize zierlicher

Krawattenverkäuferinnen. Und weil Sabinens Schönheit es war, die also

demoralisierend wirkte, so wurde mit promptem Schlusse die Schönheit

selbst für unmoralisch erklärt, so wurde, wie auch sonst wohl

geschieht, das Unnachahmliche und Unerreichbare als nicht nachahmenswert

beiseitegeschoben. Sabine war ein Jahr lang oder zwei höchst unpopulär.

Dennoch war sie Gegenstand der Gespräche in Gasse und Kemenate: denn

männiglich wartete auf den Augenblick, wo die lästerlich schöne Fremde

zu Fall kommen würde, und sieben- bis achthundert Paar Nächstenaugen

paßten haßgeschärft auf die Vorzeichen eines solchen Falles. Aber sie

paßten umsonst. Klar wie ein Wiesenbach floß Sabinens schlichtes Leben

dahin. Stets an der Seite ihres Gatten, immer im Kreise ihrer Kinder, sah

man sie laute Vergnügungen meiden und keinen anderen Umgang pflegen, als

den so tugendhafter Frauen, wie nur kleine Städte sie aufweisen können.

Die Huldigungen der Männer wies sie lächelnd, aber nachdrucksvoll in

solche Grenzen, daß auch die bitterste Eifersucht ihr keinen Vorwurf

allzuschneller Geneigtheit machen konnte. Erregte sie Aufmerksamkeit durch

Gewandung und Erscheinung, so schien es doch, als beabsichtige sie nur,

diese Aufmerksamkeit, einmal gefesselt, auf ihr musterhaftes Betragen zu

ziehen: man sollte sie sehen, um zu sehen, daß es nichts zu sehen gäbe.

Keine kokette Gebärde, kein noch so leises Augenspiel war ihr nachzusagen.

Dazu war ihr Haushalt tadellos geführt mit geringen Mitteln; ihre Kinder

blühten. Gegen Arme war sie äußerst freigebig, sonst jedoch sparsam,

wenn auch stets auf vornehmes Auftreten bedacht. Und kurz und gut: Sabine

Ricchiari erwies sich als ein solcher Ausbund trefflicher weiblicher

Eigenschaften, daß langsam die neidischen Gemüter ihrer Mitbürger

und Mitbürgerinnen sich wandten, zur Duldung erst, dann zur Achtung,

schließlich aber zu grenzenloser und unbedingter Bewunderung. Im dritten

Jahre ihres Aufenthaltes war Sabine der Liebling unseres Städtchens, wie

sie in ihrer Heimat der Stolz des Kreises gewesen war, in welchem sie sich

bewegt hatte. Man sprach von ihrer Tugend als von etwas Heiligem, von ihrer

Treue gegen den wenig bestechenden und meist mürrischen Gatten als

von einem Wunder. Um diese Zeit geschah es nun, daß eine zufällige

Gesprächswendung mich darauf führte, Sabinen in Gegenwart ihres Gatten

von dieser verblüffenden Wandlung der öffentlichen Meinung zu reden und

ein kleines und -- wie ich glaubte -- wohlverdientes Kompliment daran zu

knüpfen. Alsobald erschrak ich jedoch über die Miene des Doktors, die

sich noch mehr als gewöhnlich verfinsterte. Von ihm hinweg zu Sabinen mich

wendend, erstaunte ich noch mehr über den Ausdruck höchsten Triumphes in

ihren Zügen. Mitten im Zimmer stehend, von der Lampe über ihrem Haupte in

einen Mantel von Licht gehüllt, strahlte ihr hochgehobenes Antlitz wie das

einer Fürstin, der man eben eine Krone zu Füßen gelegt hätte. Arglos

wie ich war, verwunderte ich mich nur darüber, daß eine so kluge Frau

so hohen Wert auf das Urteil der Menge legen mochte, denn offenbar war

sie über die Maßen geschmeichelt und erfreut. Indes mochte ich ihr diese

Schwäche wohl verzeihen; mußte aber, sechs oder acht Jahre später, mit

Schmerz an diese stumme Szene denken, deren Bedeutung ich im Augenblicke

nur halb verstanden hatte.

Es sei hier nun gleich betont, daß ich kein so unbedingter Bewunderer der

tugendhaften Sabine Ricchiari war, wie der Chor der Basen und Nachbarinnen;

wie ich denn auch anfangs kein Verdammer ihrer Anmut gewesen war. Ich hatte

zwar -- leider hatten mich schlimme Erfahrungen dazu berechtigt -- die

auffallende Ungleichheit zwischen Mann und Frau nicht ohne Unruhe sehen

können. Denn war auch der Doktor tüchtig in seiner Kunst, pflichttreu,

redlich und von beherrschtem, würdigem Wesen, so habe ich es doch nie

erlebt, daß Frauen vor solchen Eigenschaften sonderlichen Respekt haben;

und die, denen ein Weib gerne erliegt, besaß Ricchiari nicht. Aber ich

hatte doch das gesetzte Wesen der Frau erkannt, das leidenschaftliche

Verirrungen ausschloß. Dieselbe Eigenschaft der Sabine aber, die mich ihr

zu Anfang nichts Schlechtes zutrauen ließ, hinderte mich nun daran, ihr

nur Gutes zuzutrauen: denn ganz ohne Zweifel war Sabine eine kalte

Natur, und ihre Vortrefflichkeit baute sich mehr auf Überlegung als auf

irgendwelche Herzenseigenschaften. Und wenn ich nun auch um so mehr eine

mit Ausdauer geübte Willensbeherrschung in dieser Frau bewundern mußte,

so konnte mir doch diese ganze starr festgehaltene Unfehlbarkeit im Grunde

nicht recht gefallen. Man wird mir zugeben, daß wir Männer in diesem

Punkte unlogisch sind; aber ich wette, man wird mir nachfühlen: lieben

wir es schon, daß Frauen, die wir verehren sollen, rein und stark in

ihrer Tugend seien, so lieben wir es doch auch, sie gegebenenfalls einer

Schwäche mindestens _fähig_ zu wissen. Und eben diese Fähigkeit schien

Sabinen zu fehlen. Ich hatte Gelegenheit, sie ziemlich genau zu beobachten;

war ich doch, dank meines Priesteramtes und dank der -- Korrektheit, die

Sabinens Verkehrswahl bedingte, ein vertrauter Gast im Hause des Doktors.

Und daß ich es nur gleich sage: nie habe ich Sabinen gereizt, nie

eigensinnig, nie vergnügungssüchtig, nie begehrlich nach Tand oder

Schmuck gesehen; aber auch nie in weicher Stimmung, nie in Tränen, nie in

überschwenglicher, voller, jugendlicher Freude. Ihr ganzes Wesen stellte

eine bis zum äußersten geglättete Fläche dar; aber, wenn ich das Bild

vollenden darf: nicht Marmor, der unter dem Schliff das köstliche Geäder,

sein inneres Leben, erst recht schön entfaltet, sondern irgendeinen

Kunstguß von Metall, der nur glänzt und seine reinliche Außenseite in

Wind und Wetter blank erhält; sonst aber nichts von eigener, in seiner

_Struktur_ begründeter Schönheit besitzt. Um Schillers hohe Forderung

gegen diesen seltsamen Frauencharakter auszuspielen: Sabine Ricchiari war

eine Natur, die eben unausgesetzt nötig hatte, »_edel zu wollen_«, weil

sie ganz und gar nicht imstande war, »_schön zu empfinden_«. Freilich

hatte sie es in der Anwendung dieses Wollens zu unerhörter Fertigkeit

gebracht -- das sollte mir später noch klar werden.

Die Eindrücke, die dies mein Urteil über Sabine Ricchiari begründen,

lagen zu der Zeit, von der ich spreche, natürlich gleichsam schlummernd

in mir; ich hätte damals nicht vermocht, sie zu irgendeinem Ausdrucke

zu gestalten, ja, ich gab mir kaum Rechenschaft darüber. Ich war mir nur

eines leicht abweisenden Gefühles gegen die vielbewunderte Dame bewußt,

welches sich gerade dann regte, wenn ich sie in schwieriger Lage mit

beängstigender Sicherheit das einzig Richtige und Wohlanständige treffen

sah, das es für sie zu tun gab. So geschah es zum Beispiel öfters, daß

der Doktor in einer Anwandlung von Laune, wie sie auch bei trefflichen

Männern wohl vorkommen mag, seine Frau vor Zeugen hart anließ; dann

benahm Sabine sich mit solch einzigem Anstande, daß man ihr Bewunderung

nicht versagen konnte. Dennoch schien mir, als täte sie es ohne

Anstrengung, als erlitte sie die Kränkung von einem Fremden, dessen

Meinung ihr nichts galt, oder als eifere ein Machtloser gegen sie, der sie

in ihrer Hoheit nicht verletzen konnte. Ich, der ich den Doktor liebte,

empfand für ihn die Geringschätzung, die in dieser Sachlichkeit lag,

womit Sabine seinen Schwächen gegenübertrat; und wohler wäre mir um

seinetwillen gewesen, hätte sie sich bei solchen Gelegenheiten manchmal

kindisch, trotzig, erregbar gezeigt. Ebenso erging es mir, als Ricchiari

einmal bedenklich erkrankte: Sabine pflegte ihn mit beispielloser

Pflichttreue und Geduld. Aber ihr Aussehen veränderte sich bei dem

schwierigen Krankendienste nicht, ich sah sie nicht verhärmt, als er dem

Tode nahe schien, sah sie nicht in jubelnder Seligkeit aufblühen, als die

Rettung gewiß war. In ähnlicher unentwegter Fassung stand sie auch ihren

Kindern gegenüber, ihren kleinen Unarten, ihren allerdings unbedeutenden

Krankheiten. Und ich kam mir damals oft selbst töricht und sogar böse

vor, weil eben diese Gleichmäßigkeit ihres Wesens mir nicht recht

zusagen wollte, während doch jedermann sonst sie darum bewunderte und

verherrlichte. Aber ich kam nicht gegen mein Empfinden auf.

Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen · 第 3 / 7 段