schon etwa zwei Jahre nach ihrer Vermählung ein und waren so subtil, daß
sie kaum Gabrielen selbst zum Bewußtsein kamen. Nur eine flackernde
Unruhe war's, etwas wie Unlust am Schaffen, etwas wie Sehnsucht, sich einem
bestimmten Gedanken einmal ganz und ungestört hingeben zu können. Was
für ein Gedanke das sein mochte, darüber nachzudenken fand Gabriele nicht
Zeit noch Muße. Unaufhaltsam drängte das geschäftige Leben mit seinen
tausend Forderungen. Aber während sie treu und emsig ihr Linnen maß,
ihre Brote zählte, ihren Haspel füllte, ihre nähenden, spinnenden und
kochenden Dienerinnen beriet, glitt es schemenhaft vor ihr her wie ein
luftiges Etwas, das sie gerne festgehalten hätte und nicht greifen konnte.
Wie ein ferner, süßer, vertrauter Ton, der leise, leise heranschwebte,
und den der Lärm der Gegenwart verschlang. Wenn sie sich eine
Viertelstunde Muße erhetzt hatte, siehe, dann war alles leer und tot in
ihr, und sie fragte sich erstaunt, wozu sie nun so geeilt hatte. Meist
freilich kam es nicht zur ersehnten Ruhepause; meist, wenn sie mit
dem letzten Griff ihres Tagewerkes das eiserne Gewand ewig gespannter
Aufmerksamkeit glaubte hinwerfen zu können, kam ein Gast, ein
Notleidender, eines ihrer Geschwister, ihr Gatte. Sagen, daß Gabriele sich
nicht gefreut hätte, daß ihr Herz und ihre Arme sich nicht in Liebe dem
Kommenden geöffnet hätten, wäre Wahnwitz; aber das geheimnisvolle Etwas,
dem sie einen Schritt näher gewesen zu sein meinte, huschte wieder vor ihr
her. Sie konnte nicht anders, als ihm nachblicken -- nachsinnen -- einen
Augenblick wenigstens! Und ihr erster Gruß klang zerstreut.
Selbstvorwürfe vollendeten, was die nagende Unruhe begonnen hatte:
Gabrielens Äußeres zeigte die Spuren ihrer inneren Zerrissenheit. Ihr
Auge haftete nicht mehr klar und freundlich im Auge des Gatten, es irrte
suchend umher und senkte sich oft. Von ihrer Stirn wollte eine kleine böse
Falte fast nie mehr weichen. Ihre Wangen verblaßten, ihr Körper magerte
ab. Da bemerkte der Ratsherr die Veränderung, erschrak aufs tiefste und
beschwor sie, ihm zu sagen, was ihr denn fehle.
Gabrielen traten die Tränen in die Augen, als sie ihn so ergriffen sah.
Sie legte die Arme um seinen Hals, hob ihr Antlitz zu ihm auf und sagte
ernsthaft: »Ich schwöre dir bei Gott, daß ich nicht weiß, was es ist.
Wüßte ich es, ich würde es dir längst gesagt haben, würde längst auf
Abhilfe gesonnen haben. Denn es ist mir, als brenne ein Feuer unter meinen
Füßen, das mich dahin und dorthin treibt und mich keinen Bissen Brot in
Ruhe essen läßt. Ich möchte glauben, daß ich behext bin.«
»Gabriele,« flüsterte der Mann, indem er sie fester an sich zog,
»Gabriele, bist du nicht glücklich?«
»O Liebster,« rief sie weinend, »ich liebe dich wie an dem Tage, da Gott
unsre Hände ineinanderfügte. Ich liebe dich noch tiefer, inniger. Jede
Stunde meines Lebens war mir eine neue Offenbarung des seligsten Wunders.
Du bist mir alles!«
»Dann verstehe ich nicht, was dich grämt,« sagte der Ratsherr. Und nach
einer Weile fragte er wieder: »Hast du Sorgen um die Kinder?«
»Sie blühen wie die Rosen im Hag,« rief Gabriele, und ihr Gesicht
leuchtete unter ihren Tränen. »Täglich danke ich Gott, daß er mir
solche Kinder geschenkt hat!«
»Dann verstehe ich nicht, was dich anficht,« sagte der Ratsherr noch
einmal. Er suchte hin und her in seiner Angst und verfiel auf dieses und
jenes. »Hat dich irgendeiner meiner Sippe gekränkt? Ist von den Deinen
jemand in Not oder krank? Sind die Knechte aufsässig oder die Mägde faul?
Gehen Gerüchte über mich in der Stadt umher?«
Da mußte Gabriele lächeln in all ihrer Bangigkeit. »Glaube mir, Lieber,
wenn die Dinge, die du da genannt hast, imstande wären, so monatelang an
meiner Ruhe zu nagen, dann müßte ich eine schlechte und törichte Frau
sein. Ich wäre ehrlich zu dir gekommen, wenn ich in Sorge um die Meinen
oder in Not mit dem Gesinde gewesen wäre. Deine Sippe ist voll Güte zu
mir, und was die Neider im Lande betrifft, so weißt du, daß ich mir ihre
Meinung nur zu Herzen nehme, wo ich weiß, daß du Nutzen draus ziehen
kannst. Nein -- das alles ist nicht, was mich quält.«
»Vielleicht«, sagte der Ratsherr, »liegt zu vieles auf deinen
Schultern. Du bist so gewissenhaft, und ich sah noch nie, daß du dir Ruhe
gönntest.«
»Meine Schwestern arbeiten bis in die tiefe Nacht um ihr Brot,« rief
Gabriele ein wenig erzürnt ob der Zumutung, »und ich soll das nicht
leisten können, was nur Freude und Spiel für mich ist? Nie hat mich die
Not getrieben, länger zu arbeiten, als ich es gerne tat; nie hat mir die
Arbeit den Schlaf gekürzt. Es gibt Mütter, die mehr Kinder und weniger
Gesinde haben. Ich würde mich schämen, das Wort Übermüdung nur zu
nennen.«
»Dann,« sagte der Ratsherr in tiefer Besorgnis, »dann sehe ich nur noch
eines: dann bist du krank! Und das ist wohl das Schlimmste von allem. Denn
es zwingt uns, Hilfe außer uns zu suchen.«
Gabriele erschrak und wehrte sich lange, denn sie empfand, so unerfahren
sie in ärztlichen Dingen auch sein mochte, dunkel die Gefahr
der Irreleitung für den Arzt, dem sie keine Krankheit, nur einen
unbeschreiblichen Seelenzustand vorführen konnte. Sie sah voraus, daß sie
nutzlos mancherlei Qualen würde ertragen müssen, und sie fürchtete sich
sehr. Denn in jener Zeit gingen Ärzte mit grausamen Mitteln ihren Kranken
zu Leibe, und alles, was wie Geistesverwirrung aussehen konnte, wurde mit
Härte ausgetrieben, als ob man die rebellische Vernunft durch strenge
Maßregeln hätte zwingen können. Gabriele bat daher ihren Gatten
flehentlich, noch ein Weilchen zu warten, ob das Übel nicht etwa von
selbst weichen wolle; und er, dem das Herz blutete bei dem Gedanken, die
liebste Frau von den Händen fühlloser Quacksalber mißhandelt zu sehen,
willigte nur zu gerne ein.
Aber das kleine graue Schemen blieb da und rollte wie ein gespenstisches
Garnknäuel, das sich hemmend und verwirrend in tausend listigen Schlingen
abwickelt, vor Gabrielens Füßen her. Sie machte jede Anstrengung, deren
ihr sonst so starker Wille fähig war, die sonderbare Verstimmung ihres
Gemütes zu vergessen. Sie log eine gesteigerte Heiterkeit, sie suchte neue
Zerstreuung, sie berauschte sich in Festen und schmückte sich, wie sie
es vorher nie getan. Es waren traurig gewaltsame Versuche, die nach kurzer
Zeit traurig endeten. Die quälende Unruhe in ihrem Innern brannte weiter
und zehrte an ihr wie ein Fieber.
Aber Gabriele lebte in einer Zeit, wo dem Menschen die Fähigkeit der
Reflexion, der Selbstbespiegelung in beschränkterem Maße verliehen
war, als dies heute der Fall ist. Sogar die Sprache jener Zeit ist arm
an Ausdrücken, die für solche inneren Zustände Maß und Wage geboten
hätten. Und selbst gesetzt den Fall, es hätte ein Wissender Gabrielen die
Augen öffnen können und ihr einen Einblick geben in das feine Uhrwerk
der Natur, die in jedes Würzelchen den Trieb lichtsuchenden Schaffens, in
jeden Nerv den Drang zur Tätigkeit gelegt hat, und die sich durch grimme
Unregelmäßigkeit rächt, wenn irgendwo ein Kleinstes verkümmert --
Gabriele würde ihm nicht geglaubt haben. Ein Dasein, das vor Not und
Fährde geborgen war; ein Gatte, der sie liebte, und holde, blühende
Kinder: sie würde jeden einen Frevler genannt haben, der mehr vom
Schicksal gefordert hätte. Daß ein Organ in ihr krankte und siechte, sie
ahnte es nicht.
Eine böse und wirre Zeit begann für Gabriele. Denn endlich mußte sie
doch in ihrer Hilflosigkeit den Rat des Arztes suchen, und, da natürlich
der eine Rat nicht das Richtige traf, einen langen Leidensweg voll
unnützer und schädlicher Versuche durchlaufen. Von den Blutegeln und
spanischen Fliegen, von den Pflastern, Salben, Tränklein, Bädern, Pillen
und Aderlassen will ich erst gar nicht anfangen zu berichten. Gabriele
hatte bei aller Zartheit einen gesunden Körper und trug keinen dauernden
Schaden davon. Aber was ihr schadete und ihren Zustand verschlimmerte, war
die anhaltend auf ihr Leiden gerichtete Aufmerksamkeit. Gabriele empfand es
als höchst lästig, über viele Dinge Auskunft geben zu müssen, auf
die sie bisher keinen Gedanken verwandt hatte; teils empörte sich
ihre Keuschheit, teils ihr gesunder Verstand, der ihr die künstlich
ausgedachten Zusammenhänge zwischen dem und jenem lächerlich erscheinen
ließ. Und es bemächtigte sich ihrer ein Gefühl hilflosen Zornes, eine
böse Ungläubigkeit, die bei jedem neuen Ratschlag sich in heftigen Launen
äußerte und die ihr ganzes Wesen in Reizbarkeit und Unfreundlichkeit
wandelte.
Es mochten vier Jahre vergangen sein, seit diese Veränderung ihres ganzen
Selbst in Gabrielen am Werk war. Auch für den Ratsherrn war dieser Weg ein
Leidensweg gewesen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihm manches
vorenthielt, worauf er durch süße Gewohnheit ein Recht zu haben glaubte.
Nicht mehr in beschaulicher Betrachtung des Lebens konnten die Gatten Hand
in Hand einherschreiten. Gabriele war auch hierin verändert, daß
sie schwärzer sah als vorher, sich vor Aufregungen ängstigte, daß
Mißerfolge sie schreckten, Unfreundlichkeiten sie kränkten. Auch
mußte der Ratsherr so manches für sich behalten, was er sonst
selbstverständlich auf ihre Schultern geladen hatte, weil er fürchtete,
ihrer Schwäche neue Lasten aufzubürden. Freilich entging der Frau diese
Änderung seiner Gewohnheiten nicht, und sie war klug genug, sie auf die
richtigen Ursachen zurückzuführen. Und diese Erkenntnis ward eine Quelle
der tiefsten Verzweiflung. Sie sah, daß _alles_ auf dem Spiele stand, daß
sie nur um einer unbegreiflichen Verstimmung willen, über die sie nicht
Herr werden konnte, das Beste zu verlieren im Begriffe stand. In solchen
Augenblicken schien es ihr, als müsse sie das Fürchterlichste auf sich
nehmen, um nur die einstige Gesundheit wiederzugewinnen; sie unterwarf sich
jeder Vorschrift der Ärzte, sie ward eine zahme, gewissenhafte Patientin
-- bis das Stadium der Entmutigung, der Hoffnungslosigkeit, der Rebellion
wieder eintrat.
Und so wäre Gabriele mit der Zeit wohl dem Schicksal so mancher Frau
verfallen, jener krankhaft gesteigerten Reizbarkeit und dem unfruchtbaren
Getändel mit Heilmethoden aller Art. Und es wäre ja wohl auch ihr
Eheglück schließlich dem unfaßbaren Verhängnis zum Opfer gefallen.
Da kam Rettung in Gestalt jener treuen alten Freundin, die für Gabriele
seit den ersten Tagen ihrer Ehe wie eine Mutter gefühlt hatte. Sie hatte
die junge Frau in alle ihre Pflichten hineinwachsen sehen. Sie hatte,
vielleicht wachsameren Auges als der Ratsherr selbst, die ersten Zeichen
jener seltsamen Müdigkeit und Zerstreutheit beobachtet, die stets
wachsende Hast und Unruhe, schließlich die unbezwingliche Übellaunigkeit.
Auch sie gehörte zu den Menschen, die gern die nächste und einfachste
Ursache der Dinge annehmen, und sie hatte sich ihren Vers gemacht, lange
ehe die Ärzte mit ihren Versuchen begannen. Aber bedächtig, wie sie war,
hielt sie mit ihrem Wissen zurück, ließ sich indessen gern von Gabrielen
jede neue Erfahrung und jede neue Behandlung erzählen, freute sich
ihrer Nutzlosigkeit und gewann endlich Gabrielens Vertrauen zu einer
erschöpfenden Beichte. Und als sie die phantastische Geschichte all dieser
gestaltlosen Leiden, das wirre Bekenntnis der Willenlosigkeit und all
die Befürchtungen und Reuequalen des armen Weibes vernommen hatte, da
erwiderte sie nur mit der einfachen Frage, ob denn Gabriele nicht des Guten
zu viel tue, wenn sie so rastlos tätig sei. Wie vorher ihrem Gatten, so
antwortete Gabriele nun auch der Freundin mit Entrüstung, sie wisse nichts
von Ermüdung.
»Man kann auch am Genuß Schaden nehmen, wenn man zu viel tut,« erwiderte
die weise Freundin. »Und du kannst nicht leugnen, daß dein Gesicht sich
verdunkelt, wenn Gäste oder Hilfeheischende kommen. Ich sage dir, sogar
gegen Mann und Kinder habe ich dich oft lässig gesehen, als ob ein
heimlicher Gedanke in dir hämmerte, daß du unausgesetzt auf ihn
horchen mußt. Ich habe auch ein großes Haus geführt, habe viele Kinder
großgezogen und meinem Gatten manche Sorge ferngehalten. Es ist mir nie zu
viel geworden, aber müde war ich oft, zum Sterben müde. Und dann, dünkt
mich, mag eine Stumpfheit, wie deine jetzt, auch mich besessen haben.«
Sie redete lange auf Gabriele ein. »Wir sind ehrgeiziger, als wir scheinen
mögen,« sagte sie unter anderem; »meinst du, ich weiß nicht, was es
kostet, ein Haus so schmuck zu halten? Ich entsinne mich noch gut, was
du sagtest, als du diesen Teufelskram von Weltwundern und
Jahrmarktsseltenheiten, den die Mannsbilder so närrisch lieben, zum ersten
Male sahst: nicht zur Scheuermagd hieltest du dich gut genug! Und jetzt
sieh her, was du gelernt hast, was du leistest! Zähle die Schritte, die
du vom Morgen bis zum Abend vom Brotspeicher im Dach bis zum Fischbecken
im Keller tust! Das zehrt an deiner Kraft, mein Kind, und wenn du es
auch nicht wahrhaben willst, dein Leiden ist nichts als Müdigkeit und
Schwäche!«
Das klang alles so einfach, daß Gabriele nicht zu widersprechen wagte; sie
konnte nicht leugnen, daß jede neue Forderung an ihre Zeit sie mit einem
Unlustgefühl erfüllte, das sie nur schwer bekämpfen konnte. Sie duldete
es, daß die alte Dame den Ratsherrn und den vertrautesten Arzt des Hauses
zur Stelle rufen ließ, und daß schließlich ein feierliches Konsilium
abgehalten wurde, wie man der eigensinnigen Gabriele, die von Ruhe
nichts wissen wollte, wieder zu Kräften helfen könne. Der Arzt, der der
Vernünftigen einer war, wußte Rat: »Wann schläft Euer jüngstes Kind?«
fragte er die Patientin. »Zwei Stunden um die Mitte des Tages? Nun wohl,
um diese Zeit seid Ihr entbehrlich, denn die größeren Kinder werden wohl
bei einer Schaffnerin versorgt werden können. Ihr legt Euch also still
zu dem Kleinen und schlaft, solange er schläft! Nehmt dies als eine
Verschreibung und handelt gewissenhaft danach!«
Gabriele empörte der Gedanke, daß sie um die Mitte des Tages schlafen
solle wie eine Greisin; sie wandte auch gleich ein, daß sie gerade
diese zwei Stunden, wo das Kind ihrer entraten könne, für mancherlei
Hausgeschäfte dringend brauche. Aber der Arzt wiederholte seinen Befehl in
strengem Tone, die Freundin bestürmte sie und der Gatte bat leise, mit dem
alten Liebesblick in ihre Augen, um seiner Ruhe willen das kleine Opfer zu
bringen. Da mußte sie nachgeben und versprach, das sonderbare Mittel eine
Woche lang zu versuchen.
Das erstemal, als Gabriele sich hinlegte, lag sie mit weit starrenden Augen
und dachte an alles, was jetzt im Hause vorgehen mochte ohne ihr Dabeisein.
Sie lauschte auf jedes Geräusch, das gedämpft in ihr geschlossenes Gemach
drang. Sie hörte die Haustüre fallen und wußte, daß jetzt die Bäuerin
vom Gutshofe gekommen war, um Eier abzuliefern, und war ärgerlich, daß
sie nicht dabei sein konnte, sie Stück um Stück durch die hohle Hand
zu prüfen. Sie hörte gelle Schreie der Kinder und wußte nicht, ob sie
Freude oder Schmerz bedeuteten. Sie wurde aufgeregter, erhob sich nach kaum
einer Viertelstunde und eilte zu ihrem Gatten, um ihn zu bitten, sie von
ihrem Versprechen zu entbinden. Diese Art von Ruhe sei keine Erholung,
hundertmal wohler wäre ihr, wenn sie wüßte, was vorginge, und nachher
nicht Fehler gutzumachen hätte, die während ihrer Abwesenheit begangen
worden seien.
Der Ratsherr sah erst etwas böse drein, indes ein Blick in das zuckende
Gesicht seiner Frau machte ihn mitleidig. Er legte den Arm um ihre
Schultern und führte sie sanft, aber stark in das Schlafzimmer zurück,
indem er ihr voll Innigkeit und Liebe ins Gewissen redete.
»Gabriele,« sagte er, »hast du die Zeit vergessen, wo wir die
glücklichsten Menschen auf Erden waren? Wo du heiter und weise warst, mein
Sonnenschein und mein Vertrauter, mein Ratgeber, mein besseres Selbst? Das
alles ist mir verloren, seit du krank bist; ich trage meine Sorgen allein
mit mir herum und wage nicht, sie mit dir zu teilen. Und du willst nichts
tun, um mir das Glück zurückzugewinnen? Was kann denn in diesen zwei
Stunden Schlimmes im Hause vor sich gehen, was nicht mit Geld gutzumachen
wäre? Und würde ich nicht alles Geld und Gut der Erde hingeben, um dich
wieder gesund zu sehen? Komm, tu mir's zuliebe! Leg dich hierher neben das
Kind! Sieh, wie süß es schläft!«
Er drückte die Widerstrebende, aber schon halb Beschämte in die Kissen
nieder, legte vorsichtig das schlafende Kind neben sie, nahm ihre Hand,
ihren Zeigefinger und drückte ihn sacht in die Fläche des kleinen rosigen
Pfötchens, das sich im Augenblick der Lageveränderung ein wenig geöffnet
hatte. Augenblicklich schlossen sich die Fingerchen des Kindes um den
vertrauten Gegenstand mit jenem festen, weichen Drucke, den Mütter wohl
kennen. Gabriele mußte lächeln, so nah ihr sonst die Tränen gewesen sein
mochten. Sie ließ das Haupt mit einer Gebärde der Ergebung in die Kissen
sinken, küßte ihres Gatten liebevolle Hand und schloß die Augen.
Da sie aber wirklich nicht schläfrig war, öffnete sie sie bald wieder und
lauschte weiter. Aber erstens durfte sie das schlafende Kind nicht wecken,
das immer noch ihren Zeigefinger festhielt, und dann lagen ihr auch die
weichen Worte ihres Gatten im Sinne, und sie dachte, daß sie es ihm
schuldig sei, jedes Mittel der Heilung zu versuchen. Deshalb bezwang
sie sich, lag still und betrachtete das liebliche Gesichtchen ihres
schlummernden Kindes.
Und wie sie sich so recht vertiefte in den Anblick, an dem eine Mutter sich
nie satt sieht, da glitt unversehens ihr Blick über das Spitzenhäubchen
hin, das des Kindes rosiges Köpfchen umschloß. Es war einem ihrer
älteren Kinder von irgendeiner Pate geschenkt worden und mochte bei dem
ersten besten Krämer gekauft sein, denn es war von unedler, alltäglicher
Arbeit. Aber etwas in der Zeichnung der Spitze bannte Gabrielens
Aufmerksamkeit »Wie hübsch ist dieses Muster,« dachte sie, »wenn das
Ding nur besser gearbeitet wäre!« Sie begann zu sinnen, ihre Phantasie
heftete unvermerkt ihren silbernen Spinnwebfaden an dem kleinen Erlebnis
an und spann und spann, bis ein schimmerndes Netz von feinen Kunstgedanken
klar ausgearbeitet vor Gabrielens innerem Auge lag. Sie sah ein Gebilde
von tausend geduldig geknoteten Schlingen, so zart, daß ein Blumenelf
die Fingerchen gespitzt haben würde, um es anzufassen, so dicht, daß er
keinen Blütenstaub damit hätte sieben können, und so fest und straff
geädert wie ein Bienenflügel. Und als Gabrielens Auge dies sah, da fuhr
es wie ein Feuer in ihre Hand. Es war ihr, als müsse sie aufspringen
und sich an die Arbeit machen; Haussorgen und drängende Arbeit waren
vergessen.
Aber das Kind hielt sie fest. Das feine Händchen hatte solch eisernen
Griff, daß Gabriele den umklammerten Zeigefinger kalt werden fühlte. So
ergab sich denn die Mutter für dies eine Mal, arbeitete aber im stillen an
ihrem Vorsatze weiter, in der ersten freien Minute mit der Ausführung der
Spitze zu beginnen, und überlegte, wo sie ihre Geräte haben konnte. Und
als endlich ein tiefer Atemzug neben ihr und das freiwillige Losspannen
der energischen kleinen Fingerchen ihr verriet, daß ihre Gefangenschaft zu
Ende sei -- da wunderte sich Gabriele ein wenig, wie rasch ihr diese zwei
Stunden dahingegangen.
Der Ratsherr war klug genug, nicht gleich am ersten Tage nach der Wirkung
der Verordnung zu fragen. Er berührte mit keinem Wort Gabrielens Befinden,
und sie war glücklich darüber, denn es wäre ihr schwer geworden, ihm zu
sagen, daß sie nicht geschlafen habe. Einmal fiel ihr mitten in der
Arbeit ihr Spitzenmuster ein. Sie sah es vor sich mit einer gespenstischen
Deutlichkeit, weiß leuchtend wie Phosphor auf einem Grunde von
schwärzester Nacht, die jeden andern Gegenstand im Zimmer verhüllte.
»Noch habe ich es nicht vergessen,« dachte sie voll Freude. Dann seufzte
sie leise und schüttelte sich. Das Erwachen kam, das Besinnen auf die
tausend Notwendigkeiten des Tages, und ein mutloses Aufgeben: »Dazu komme
ich ja doch nie!«
Am andern Tage begleitete der Gatte sie wieder ins Schlafgemach, ließ aber
auf ihre Bitte das Kind in der Wiege liegen. Ehe er das Zimmer verließ,
flüsterte er von der Türe her noch einmal ein eindringliches »Mir
zuliebe!« zurück. Die Frau wurde flammend rot. »Ja, Liebster!« hauchte
sie kaum hörbar. Sie lag einige Minuten und kämpfte mit sich, hätte gern
getan, was sie für eine Pflicht hielt, brachte es aber nicht über sich.
Sie sprang auf, verriegelte die Türe, huschte schuldbewußt ängstlich
und auf jeden nahenden Tritt lauschend im Zimmer umher, bis sie ihre
Siebensachen beisammen hatte, und saß bald über ihr Pergamentstreifchen
gebeugt, den Klöppelbrief entwerfend.
Sie arbeitete, daß ihre Wangen brannten. Die Zeichnung war fast fertig,
als das Kleine erwachte. Als der Gatte sie später erblickte, streichelte
er ihr lächelnd das Gesicht, in dem die Röte des inneren Feuers noch
weiterglühte, und sagte mit glücklichem Ausdrucke: »Rotgeschlafen wie
ein Kind!« Sie hätte vor Beschämung in den Boden sinken mögen -- aber
wie hätte sie die Wahrheit gestehen sollen?
Den nächsten Tag betrat Gabriele ihr Gemach mit den Gefühlen einer
Verbrecherin. Der Gatte verweilte einige Minuten, die ihr wie Stunden
erschienen, lobte zärtlich ihre Fügsamkeit und Geduld und sah die
Gebärde nicht, mit der sie sich abwandte. Kaum daß er sie verlassen,
sprang sie vom Lager, schon war das Klöppelkissen zur Stelle, und in
wenigen Handgriffen alles zur Arbeit bereit. Nun saß sie, füllte ihre
Spülchen, steckte ihre Nadeln und schrak erst beim hellen Aufschrei
des erwachenden Kindes empor, mit einem leisen Ausdruck des Bedauerns im
erregten Antlitz; sie hatte gehofft, an diesem Tage noch mit dem Klöppeln
beginnen zu können.
Von nun an freute sie sich den ganzen Morgen, was immer sonst ihre
Hände auch schaffen mochten, auf die stille heimliche Klöppelstunde
am Nachmittag. Die eichenen Türen hielten das kleine Geheimnis wohl
verborgen. Was sie an Lärm aus Haushalt und Kinderstube etwa durchließen,
das drang nicht an Gabrielens Ohr; das leise Rollen und Klappern der
Spülchen, jener alte, süße, vertraute Elfentanzschritt, sie übertönten
alles. Und jeden Tag erschrak sie ein wenig, wenn des Kindes Weckruf
ertönte.
Den Rest des Tages fühlte Gabriele sich leicht und frei. Daß sie eine
heimliche Sünderin war, bedrängte sie fürs erste gar nicht, wenn sie
auch ihrem Gatten gegenüber sich schuldig fühlte.
Als die Woche um war, an die Gabriele sich mit ihrem ersten Versprechen
gebunden hatte, wagte der Ratsherr eine Frage: ob sie denn schon eine
Veränderung in ihrem Befinden bemerke? Gabriele erschrak heftig und wußte
sich nicht anders zu helfen als mit einer Gegenfrage: ob _er_ denn eine
Veränderung in ihrem Gehaben bemerke? Der Ratsherr erwiderte: »Mich
dünkt, du bist froher und gleichmäßiger, auch scheint mir, du hast
wieder eine lachende Erwartung im Gesicht wie einst. Ich wage es aber noch
nicht zu glauben!« Da antwortete die listige Frau: »So will ich noch eine
Woche versuchen, es so zu machen, wie ich es diese letzte Woche gemacht
habe.«
Sie konnte sich indes nicht verhehlen, daß in der Tat eine
Rückveränderung zu ihrem alten Selbst mit ihr vorging. Wenn sie sich den
ganzen Morgen in der Tiefe ihres Herzens auf die kommende Stunde freute,
so freute sie sich den ganzen Abend über das, was sie in dieser Stunde
fertiggebracht hatte, und kam so einfach aus dem Freuen nicht heraus. Sie
trug es mit sich herum wie eine liebliche Melodie, die einem auf Schritt
und Tritt nachgeht. Ja, auch diese Empfindung mußte Gabriele sich
eingestehen: es glitt ihr nur so unter den Händen weg, was sie sonst mit
Unlust getan hatte; wenn ihr sonst der Tag zu kurz geschienen hatte für
alles, was er erheischte, so war er jetzt mit einem Male um vieles länger,
seit die bewußten zwei Stunden daran fehlten. Es war ihr Klarheit gekommen
über das Wesen ihrer Krankheit, als sie begriff, daß die gewohnte und
geliebte Tätigkeit ihr bisher an ihrem Glück gefehlt habe. Und wenn
sie sich auch verwunderte, wie es hatte sein können, daß eine solche
Albernheit, wie sie es nannte, ihr fast das Leben zerstört hätte, so
wußte sie doch, daß dem wirklich so war. Tief dankbar empfand sie, wie
Ruhe und Frohsinn sich täglich mehr in ihr und um sie verbreiteten, wie
ein sanftes Licht auf ihren ganzen Lebensweg fiel.