III. Zur Kritik des Bathybius.

Nachdem wir jetzt die historischen Angaben über den Bathybius

zusammengetragen und die wichtigsten wörtlich angeführt haben, wenden

wir uns zur Kritik desselben. Versuchen wir, aus einer unpartheiischen

Würdigung jener Angaben uns ein selbständiges unbefangenes Urtheil

über den vielverschrieenen und jetzt fast aufgegebenen Urschleim der

grössten Meerestiefen zu bilden!

Bezüglich des ~todten Bathybius~, des in Weingeist conservirten

Tiefseeschlammes aus dem nord-atlantischen Ocean, sind alle Beobachter,

die denselben genau untersucht haben, einig, dass derselbe mehr oder

minder ansehnliche Mengen von geronnenem ~Protoplasma~ enthält, welches

im morphologischen und chemisch-physikalischen Verhalten die grösste

Aehnlichkeit mit gewissen Moneren besitzt. Die Resultate, welche

~Huxley~ an seinem »Porcupine«-Material erhielt, und die ich selbst

bestätigen und ergänzen konnte, sind von allen anderen Beobachtern, die

denselben Schlamm untersuchten, als richtig anerkannt worden.

Bezüglich des ~lebenden Bathybius~ liegen ~positive~ Angaben über

die characteristischen rhizopodenartigen Bewegungen desselben von

drei bewährten Beobachtern vor, von ~Sir Wyville Thomson~, Professor

~William Carpenter~ und Dr. ~Emil Bessels~. Alle drei stellten

diese Beobachtungen an Tiefseeschlamm aus dem nord-atlantischen

Ocean an. Dagegen lieferten die Bemühungen der Challenger-Forscher,

in verschiedenen Meeren jene älteren Beobachtungen über

Bewegungs-Erscheinungen zu wiederholen und zu bestätigen, nur

~negative~ Resultate.

Was folgt nun aus allen diesen Angaben, denen wir sämmtlich dieselbe

Glaubwürdigkeit zuerkennen müssen, und die sich doch theilweise

zu widersprechen scheinen? Angenommen, dass alle diese Angaben

richtig sind, so folgt daraus einfach weiter gar nichts, als dass

der ~Bathybius-Schlamm eine beschränkte geographische Verbreitung

besitzt~, und dass es eine voreilige Verallgemeinerung war, alle

tiefen Meeres-Abgründe mit demselben zu bevölkern. Daraus aber, dass

die Challenger-Expedition den lebenden Bathybius nicht wiederfinden

konnte, ist doch wahrlich nicht zu folgern, dass die ~an anderen

Orten~ angestellten Beobachtungen der Porcupine-Expedition über

lebenden Bathybius unrichtig waren! Oder sollen wir daraus, dass die

Challenger-Expedition den merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« nur auf

einen verhältnissmässig engen Verbreitungsbezirk des pacifischen Oceans

beschränkt fand, und sonst nirgends wiederfinden konnte, den Schluss

ziehen, dass derselbe überhaupt nicht existire? Wir wissen, dass die

allermeisten Organismen-Arten einen beschränkten Verbreitungs-Bezirk

haben. Warum soll denn nicht auch die Verbreitung des Bathybius

beschränkt sein?

Ich bekenne daher, nicht zu begreifen, wie ~Huxley~ seine Ansicht über

den Bathybius so rasch und so vollständig ändern konnte. Noch viel

weniger freilich begreife ich die Art und Weise, wie auf der deutschen

Naturforscher-Versammlung in Hamburg (im September 1876) der Bathybius

öffentlich zu Grabe getragen werden konnte. Ich finde darüber in der

Berliner Nationalzeitung folgende merkwürdige Mittheilung (datirt

Hamburg 21. September), betreffend einen von Professor ~Möbius~ aus

Kiel gehaltenen trefflichen Vortrag über die marine Fauna und die

Challenger-Expedition: »Ueber diese Ebenen — Tiefsee-Ebenen von 3700

bis 4000 Meter Tiefe — sollte sich der geheimnissvolle Urschleim,

der Bathybius ausbreiten, den der berühmte ~Huxley~ zu Ehren seines

genialen Freundes in Jena ~Bathybius Haeckelii~ genannt hat. Leider

aber passirte der Naturforschung ein böses Missgeschick. Der Bathybius,

der so gut zu den modernen Anschauungen von dem Beginne des organischen

Lebens passte, erwies sich als ein Kunstproduct, als Niederschlag von

im Meere gelöstem Gyps, in Folge des den Proben zugesetzten Alkohols.

Ueberall wo man die frischen Proben an Bord untersuchte, war keine

Spur von ihm zu entdecken. Es machte einen geradezu erschütternden

Eindruck auf die Zuhörer, als Herr ~Möbius~ den Bathybius nach einem

so einfachen Recepte vor ihren Augen in einem mit Meerwasser gefüllten

Glase durch Alkohol-Zusatz erscheinen liess!«

In der That eine merkwürdige Logik! Weil Weingeist in Seewasser einen

Gyps-Niederschlag erzeugt, deshalb ist der in Weingeist conservirte

Bathybius-Schlamm nur ein Gyps-Niederschlag! Und diese Beweisführung

machte auf alle Mitglieder einer deutschen Naturforscher-Versammlung

»einen geradezu erschütternden Eindruck!« Dass starker Weingeist in

Seewasser einen dünnen flockigen Gyps-Niederschlag erzeugt, weiss

Jeder, der Seethiere in Weingeist gesammelt hat. Ebenso weiss aber

auch Jeder, der den Bathybius-Schlamm der Porcupine-Expedition gleich

~Huxley~ und mir genau untersucht hat, dass die darin massenhaft

enthaltenen moneren-artigen Eiweisskörper wirklich aus einem

~eiweissartigen~ Körper und ~nicht aus Gyps~ bestehen. Sie färben

sich in Carmin roth, in Salpetersäure und in Jod gelb, werden durch

concentrirte Schwefelsäure zerstört und geben alle übrigen Reactionen

des ~Protoplasma~, was bekanntlich beim Gyps nicht der Fall ist.

Wenn man gewisse Kreide-Arten oder kreidigen Mergel fein pulverisirt,

so erhält man ein feinkörniges, weisses Mehl, welches zum Verwechseln

dem merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« ähnlich ist, den die

Challenger-Expedition in einem beschränkten Bezirke des Pacifischen

Oceans (und ~nur hier~!) in einer Tiefe von 12,000–26,000 Fuss Tiefe

gefunden hat. Dieser »Radiolarien-Ooze«, den ich eben jetzt untersuche,

besteht fast ausschliesslich aus den zierlichsten und mannigfaltigst

geformten Kieselschalen von zahllosen Radiolarien. Mit blossem Auge

aber ist dieser getrocknete Schlamm — ein wundervolles, mikroskopisches

Radiolarien-Museum — nicht zu unterscheiden von jenem pulverisirten

Kreide-Mergel, der nicht eine einzige Radiolarien-Schale enthält. Ich

schlage nun vor, auf einer nächsten deutschen Naturforscher-Versammlung

den experimentellen Beweis zu führen, dass jene colossalen und

höchst merkwürdigen, vom Challenger entdeckten Radiolarien-Lager in

den Tiefen des Pacifischen Oceans nicht existiren. »Das Recept ist

höchst einfach.« Man zerstösst in einem Mörser vor den Augen der

versammelten Naturforscher einen von jenen Kreide-Mergeln, die keine

Radiolarien enthalten. Das so erhaltene weisse Pulver enthält kein

einziges Radiolar — also auch der pacifische (blos aus Radiolarien

bestehende) Tiefsee-Schlamm nicht — denn beide sind mit blossem Auge

nicht zu unterscheiden. Quod erat demonstrandum! Wir sind überzeugt,

das schlagende Experiment wird auf alle Zuschauer »einen geradezu

erschütternden Eindruck machen« — und der Radiolarien-Schlamm existirt

nicht mehr!

Das Protistenreich · 第 9 / 24 题