Wir glauben in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die »Nicht-Existenz
des Bathybius nicht erwiesen« ist. Vielmehr bleibt es sehr
wahrscheinlich, dass die Beobachtungen von ~Wyville Thomson~,
~Carpenter~ und ~Emil Bessels~ über die Bewegungen des lebenden
Bathybius richtig sind. Wir wollen nun aber einmal das Gegentheil
annehmen und wollen zugeben, dass Bathybius kein Moner und überhaupt
kein Organismus sei. Folgt daraus, — wie jetzt sehr oft gefolgert
wird, — dass auch die ~Moneren überhaupt nicht existiren~? Oder dürfen
wir daraus, dass die bekannte Riesen-Seeschlange der Fabel nicht
existirt, den Schluss ziehen, dass es überhaupt keine Seeschlangen
giebt? Bekanntlich giebt es deren eine Menge, die Familie der lebendig
gebärenden, sehr giftigen Hydrophiden (Hydrophis, Platurus, Aepysurus
etc.), welche meistens im indischen Ocean und Sunda-Archipel leben,
aber keine beträchtliche Grösse erreichen.
Es würde unnütz sein, hier nochmals darauf hinzuweisen, dass meine
eigenen, viele Jahre speciell auf diesen Gegenstand gerichteten und
möglichst sorgfältigen Untersuchungen die Existenz von mehr als einem
Dutzend verschiedener Moneren-Arten theils im Süsswasser, theils
im Meere nachgewiesen haben. Um so mehr will ich aber hervorheben,
dass diese Beobachtungen seitdem von einer Anzahl bewährter
Forscher wiederholt und bestätigt worden sind. Einige von diesen
Moneren scheinen sogar im süssen Wasser sehr verbreitet zu sein,
so namentlich die Gattungen Protamoeba und Vampyrella. _P. agilis_
und _V. spirogyrae_ kommen in Jena fast jeden Sommer gelegentlich
zur Beobachtung. _P. primitiva_ und _V. vorax_ sind von mehreren
verschiedenen Beobachtern in sehr entlegenen Gegenden gesehen worden.
Andere neue Moneren-Formen sind erst ganz neuerdings von ~Cienkowski~
und ~Oskar Grimm~ beobachtet. Wenn erst die allgemeine Aufmerksamkeit
der Mikroskopiker sich mehr diesen höchst einfachen Organismen
zuwendet, steht zu erwarten, dass unsere Kenntniss derselben sich noch
beträchtlich erweitern und vertiefen wird.
Ganz abgesehen also davon, ob Bathybius ein echtes Moner ist oder
nicht, kennen wir jetzt bereits mit Sicherheit eine Anzahl ~echter
Moneren~, deren fundamentale Bedeutung von ersteren ganz unabhängig
ist. Wir wissen, dass noch heute eine Anzahl von niedrigsten
Lebensformen in den Gewässern unseres Planeten existiren, welche
nicht nur die einfachsten unter allen wirklich beobachteten
Organismen, sondern überhaupt die ~denkbar einfachsten~ lebenden
Wesen sind. Ihr ganzer Körper besteht in vollkommen entwickeltem
und fortpflanzungsfähigem Zustande aus nichts weiter als aus
einem strukturlosen Protoplasma-Klümpchen, dessen wechselnde,
formveränderliche Fortsätze alle Lebensthätigkeiten gleichzeitig
besorgen, Bewegung und Empfindung, Stoffwechsel und Ernährung,
Wachsthum und Fortpflanzung. Morphologisch betrachtet ist der
Körper eines solchen Moners so einfach wie derjenige irgend eines
anorganischen Krystalles. Verschiedene Theilchen sind darin überhaupt
nicht zu unterscheiden; vielmehr ist jedes Theilchen dem andern
gleichwerthig. Diese wichtigen Thatsachen und die daraus sich
ergebenden weitreichenden Folgerungen gelten für ~alle Moneren~ ohne
Ausnahme — mit oder ohne Bathybius; — und es ist daher für die Theorie
ganz gleichgültig, ob der Bathybius existirt oder nicht.
Wenn wir diese Moneren als »absolut einfache Organismen« bezeichnen,
so ist damit nur ihre ~morphologische Einfachheit~, der Mangel
jeder Zusammensetzung aus verschiedenen Organen, ausgesprochen.
In chemisch-physikalischer Beziehung können dieselben noch sehr
zusammengesetzt sein; ja wir werden ihnen sogar auf alle Fälle eine
~sehr verwickelte Molecular-Structur~ zuschreiben müssen, wie allen
eiweissartigen Körpern überhaupt. Viele betrachten den schleimartigen
Eiweisskörper der Moneren als eine einzige chemische Eiweissverbindung,
Andere als ein Gemenge von mehreren solcher Verbindungen, noch Andere
als eine Emulsion oder ein feinstes Gemenge von eiweissartigen und
fettartigen Theilchen. Diese Frage ist für unsere Auffassung und für
die allgemeine biologische Bedeutung der Moneren von untergeordneter
Bedeutung. Denn auf alle Fälle — mag diese oder jene Ansicht richtig
sein — bleiben die Moneren in ~anatomischer~ Hinsicht ~vollkommen
einfach~: Organismen ohne Organe. Sie beweisen unwiderleglich,
dass das Leben nicht an eine bestimmte anatomische Zusammensetzung
des lebendigen Körpers, nicht an ein Zusammenwirken verschiedener
Organe, sondern an eine gewisse chemisch-physikalische Beschaffenheit
der formlosen Materie gebunden ist, an die eiweissartige Substanz,
welche wir Sarcode oder Protoplasma nennen, eine ~stickstoffhaltige
Kohlenstoffverbindung in fest-flüssigem Aggregatzustande~.
~Das Leben ist also nicht Folge der Organisation, sondern umgekehrt.~
Das formlose Protoplasma bildet die organisirten Formen. Da ich
die ausserordentlich hohe Bedeutung, welche die Moneren in dieser
Beziehung, wie in vielen andern Beziehungen besitzen, bereits in den
früher angeführten Schriften ausführlich erörtert habe, kann ich hier
einfach darauf verweisen. Nur die fundamentale Bedeutung, welche die
Moneren für die hochwichtige Frage von der ~Urzeugung~ behaupten, sei
hier nochmals ausdrücklich hervorgehoben. ~Die ältesten Organismen,
welche durch Urzeugung aus anorganischer Materie entstanden, konnten
nur Moneren sein.~
Gerade diese allgemeine Bedeutung der Moneren für die Lösung
der grössten biologischen Räthsel ist es, welche sie zu einem
besonderen Steine des Anstosses und Aergernisses für die Gegner
der Entwickelungslehre macht. Natürlich benutzen die Letzteren jede
Gelegenheit, ihre Existenz zu bestreiten, ähnlich wie es auch mit
dem berühmten ~Eozoon canadense~ geschah, jener vielbestrittenen
ältesten Versteinerung der laurentischen Formation. Die erfahrensten
und urtheilsfähigsten Kenner der Rhizopoden-Classe, an ihrer Spitze
Professor ~Carpenter~ in London und der verstorbene berühmte Anatom
~Max Schultze~ in Bonn, haben übereinstimmend die feste Ueberzeugung
gewonnen, dass das echte nordamerikanische ~Eozoon~ (aus den
laurentischen Schichten in Canada) ein wirklicher ~Rhizopode~ und
zwar ein dem ~Polytrema~ nächstverwandtes ~Polythalamium~ ist. Ich
selbst habe mich viele Jahre hindurch ganz speciell mit dem Studium
der Rhizopoden beschäftigt. Ich habe die zahlreichen, schönen
Eozoon-Präparate von ~Carpenter~ und von ~Max Schultze~ selbst genau
untersucht und hege danach nicht den mindesten Zweifel mehr, dass
dasselbe wirklich ein echtes Polythalamium und kein Mineral ist.
Aber gerade wegen der ausserordentlichen principiellen Bedeutung des
Eozoon, weil dadurch die Zeitdauer der organischen Erdgeschichte um
viele Millionen Jahre hinauf gerückt, die uralte silurische Formation
als verhältnissmässig junge erkannt und so der Entwickelungslehre ein
grosser Dienst geleistet wird, gerade deshalb fahren die Gegner der
letzteren fort, unbeirrt zu behaupten, dass das Eozoon kein organischer
Rest, sondern ein Mineral sei. Wie aber die hohe Bedeutung des Eozoon
durch diese fruchtlosen Angriffe unkundiger Gegner erst recht in ihr
volles Licht gesetzt worden ist, so gilt dasselbe auch von den Moneren
— mit oder ohne Bathybius! Die echten Moneren bleiben ein fester
Grundstein der Entwickelungslehre!
[Illustration]
Anhang.
System der Protisten.
Erste Classe des Protistenreiches.