IV. Zur Kritik der Moneren.

Wir glauben in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die »Nicht-Existenz

des Bathybius nicht erwiesen« ist. Vielmehr bleibt es sehr

wahrscheinlich, dass die Beobachtungen von ~Wyville Thomson~,

~Carpenter~ und ~Emil Bessels~ über die Bewegungen des lebenden

Bathybius richtig sind. Wir wollen nun aber einmal das Gegentheil

annehmen und wollen zugeben, dass Bathybius kein Moner und überhaupt

kein Organismus sei. Folgt daraus, — wie jetzt sehr oft gefolgert

wird, — dass auch die ~Moneren überhaupt nicht existiren~? Oder dürfen

wir daraus, dass die bekannte Riesen-Seeschlange der Fabel nicht

existirt, den Schluss ziehen, dass es überhaupt keine Seeschlangen

giebt? Bekanntlich giebt es deren eine Menge, die Familie der lebendig

gebärenden, sehr giftigen Hydrophiden (Hydrophis, Platurus, Aepysurus

etc.), welche meistens im indischen Ocean und Sunda-Archipel leben,

aber keine beträchtliche Grösse erreichen.

Es würde unnütz sein, hier nochmals darauf hinzuweisen, dass meine

eigenen, viele Jahre speciell auf diesen Gegenstand gerichteten und

möglichst sorgfältigen Untersuchungen die Existenz von mehr als einem

Dutzend verschiedener Moneren-Arten theils im Süsswasser, theils

im Meere nachgewiesen haben. Um so mehr will ich aber hervorheben,

dass diese Beobachtungen seitdem von einer Anzahl bewährter

Forscher wiederholt und bestätigt worden sind. Einige von diesen

Moneren scheinen sogar im süssen Wasser sehr verbreitet zu sein,

so namentlich die Gattungen Protamoeba und Vampyrella. _P. agilis_

und _V. spirogyrae_ kommen in Jena fast jeden Sommer gelegentlich

zur Beobachtung. _P. primitiva_ und _V. vorax_ sind von mehreren

verschiedenen Beobachtern in sehr entlegenen Gegenden gesehen worden.

Andere neue Moneren-Formen sind erst ganz neuerdings von ~Cienkowski~

und ~Oskar Grimm~ beobachtet. Wenn erst die allgemeine Aufmerksamkeit

der Mikroskopiker sich mehr diesen höchst einfachen Organismen

zuwendet, steht zu erwarten, dass unsere Kenntniss derselben sich noch

beträchtlich erweitern und vertiefen wird.

Ganz abgesehen also davon, ob Bathybius ein echtes Moner ist oder

nicht, kennen wir jetzt bereits mit Sicherheit eine Anzahl ~echter

Moneren~, deren fundamentale Bedeutung von ersteren ganz unabhängig

ist. Wir wissen, dass noch heute eine Anzahl von niedrigsten

Lebensformen in den Gewässern unseres Planeten existiren, welche

nicht nur die einfachsten unter allen wirklich beobachteten

Organismen, sondern überhaupt die ~denkbar einfachsten~ lebenden

Wesen sind. Ihr ganzer Körper besteht in vollkommen entwickeltem

und fortpflanzungsfähigem Zustande aus nichts weiter als aus

einem strukturlosen Protoplasma-Klümpchen, dessen wechselnde,

formveränderliche Fortsätze alle Lebensthätigkeiten gleichzeitig

besorgen, Bewegung und Empfindung, Stoffwechsel und Ernährung,

Wachsthum und Fortpflanzung. Morphologisch betrachtet ist der

Körper eines solchen Moners so einfach wie derjenige irgend eines

anorganischen Krystalles. Verschiedene Theilchen sind darin überhaupt

nicht zu unterscheiden; vielmehr ist jedes Theilchen dem andern

gleichwerthig. Diese wichtigen Thatsachen und die daraus sich

ergebenden weitreichenden Folgerungen gelten für ~alle Moneren~ ohne

Ausnahme — mit oder ohne Bathybius; — und es ist daher für die Theorie

ganz gleichgültig, ob der Bathybius existirt oder nicht.

Wenn wir diese Moneren als »absolut einfache Organismen« bezeichnen,

so ist damit nur ihre ~morphologische Einfachheit~, der Mangel

jeder Zusammensetzung aus verschiedenen Organen, ausgesprochen.

In chemisch-physikalischer Beziehung können dieselben noch sehr

zusammengesetzt sein; ja wir werden ihnen sogar auf alle Fälle eine

~sehr verwickelte Molecular-Structur~ zuschreiben müssen, wie allen

eiweissartigen Körpern überhaupt. Viele betrachten den schleimartigen

Eiweisskörper der Moneren als eine einzige chemische Eiweissverbindung,

Andere als ein Gemenge von mehreren solcher Verbindungen, noch Andere

als eine Emulsion oder ein feinstes Gemenge von eiweissartigen und

fettartigen Theilchen. Diese Frage ist für unsere Auffassung und für

die allgemeine biologische Bedeutung der Moneren von untergeordneter

Bedeutung. Denn auf alle Fälle — mag diese oder jene Ansicht richtig

sein — bleiben die Moneren in ~anatomischer~ Hinsicht ~vollkommen

einfach~: Organismen ohne Organe. Sie beweisen unwiderleglich,

dass das Leben nicht an eine bestimmte anatomische Zusammensetzung

des lebendigen Körpers, nicht an ein Zusammenwirken verschiedener

Organe, sondern an eine gewisse chemisch-physikalische Beschaffenheit

der formlosen Materie gebunden ist, an die eiweissartige Substanz,

welche wir Sarcode oder Protoplasma nennen, eine ~stickstoffhaltige

Kohlenstoffverbindung in fest-flüssigem Aggregatzustande~.

~Das Leben ist also nicht Folge der Organisation, sondern umgekehrt.~

Das formlose Protoplasma bildet die organisirten Formen. Da ich

die ausserordentlich hohe Bedeutung, welche die Moneren in dieser

Beziehung, wie in vielen andern Beziehungen besitzen, bereits in den

früher angeführten Schriften ausführlich erörtert habe, kann ich hier

einfach darauf verweisen. Nur die fundamentale Bedeutung, welche die

Moneren für die hochwichtige Frage von der ~Urzeugung~ behaupten, sei

hier nochmals ausdrücklich hervorgehoben. ~Die ältesten Organismen,

welche durch Urzeugung aus anorganischer Materie entstanden, konnten

nur Moneren sein.~

Gerade diese allgemeine Bedeutung der Moneren für die Lösung

der grössten biologischen Räthsel ist es, welche sie zu einem

besonderen Steine des Anstosses und Aergernisses für die Gegner

der Entwickelungslehre macht. Natürlich benutzen die Letzteren jede

Gelegenheit, ihre Existenz zu bestreiten, ähnlich wie es auch mit

dem berühmten ~Eozoon canadense~ geschah, jener vielbestrittenen

ältesten Versteinerung der laurentischen Formation. Die erfahrensten

und urtheilsfähigsten Kenner der Rhizopoden-Classe, an ihrer Spitze

Professor ~Carpenter~ in London und der verstorbene berühmte Anatom

~Max Schultze~ in Bonn, haben übereinstimmend die feste Ueberzeugung

gewonnen, dass das echte nordamerikanische ~Eozoon~ (aus den

laurentischen Schichten in Canada) ein wirklicher ~Rhizopode~ und

zwar ein dem ~Polytrema~ nächstverwandtes ~Polythalamium~ ist. Ich

selbst habe mich viele Jahre hindurch ganz speciell mit dem Studium

der Rhizopoden beschäftigt. Ich habe die zahlreichen, schönen

Eozoon-Präparate von ~Carpenter~ und von ~Max Schultze~ selbst genau

untersucht und hege danach nicht den mindesten Zweifel mehr, dass

dasselbe wirklich ein echtes Polythalamium und kein Mineral ist.

Aber gerade wegen der ausserordentlichen principiellen Bedeutung des

Eozoon, weil dadurch die Zeitdauer der organischen Erdgeschichte um

viele Millionen Jahre hinauf gerückt, die uralte silurische Formation

als verhältnissmässig junge erkannt und so der Entwickelungslehre ein

grosser Dienst geleistet wird, gerade deshalb fahren die Gegner der

letzteren fort, unbeirrt zu behaupten, dass das Eozoon kein organischer

Rest, sondern ein Mineral sei. Wie aber die hohe Bedeutung des Eozoon

durch diese fruchtlosen Angriffe unkundiger Gegner erst recht in ihr

volles Licht gesetzt worden ist, so gilt dasselbe auch von den Moneren

— mit oder ohne Bathybius! Die echten Moneren bleiben ein fester

Grundstein der Entwickelungslehre!

[Illustration]

Anhang.

System der Protisten.

Erste Classe des Protistenreiches.

Das Protistenreich · 第 10 / 24 题