II. Zur Geschichte des Bathybius.

Das hohe Interesse, das die Moneren in morphologischer sowohl, als

physiologischer Beziehung darbieten, wurde noch gesteigert, als

1868 der erste Zoologe Englands, der berühmte ~Thomas Huxley~, eine

neue, ganz eigenartige Moneren-Gattung unter dem Namen ~Bathybius

Haeckelii~ beschrieb (Journal of microscop. science, Vol. VIII, N.

S. p. 1, Pl. IV). Abweichend von den übrigen Moneren sollte dieser

~Bathybius~ eigenthümlich geformte mikroskopische Kalkkörperchen

einschliessen: ~Coccosphaeren~ und ~Coccolithen~ (~Discolithen~ und

~Cyatholiten~); die formlosen Protoplasma-Klumpen desselben aber, von

sehr verschiedener Grösse, sollten in ungeheuren Massen die tiefsten

Abgründe des Meeres bedecken, unterhalb 5000 Fuss bis zu 25000 Fuss

hinab. Mit diesem formlosen Ur-Organismus einfachster Art, der zu

Milliarden vereinigt den Meeresboden mit einer lebendigen Schleimdecke

überzieht, schien ein neues Licht auf eine der schwierigsten und

dunkelsten Fragen der Schöpfungsgeschichte zu fallen, auf die Frage

von der ~Urzeugung~, von der ersten Entstehung des Lebens auf unserer

Erde. Mit dem ~Bathybius~ schien der berüchtigte »~Urschleim~« gefunden

zu sein, von dem ~Oken~ vor einem halben Jahrhundert prophetisch

behauptet hatte, dass alles Organische aus ihm hervorgegangen, und dass

er im Verfolge der Planeten-Entwickelung aus anorganischer Materie im

Meeresgrunde entstanden sei.

Der Tiefseeschlamm, welcher die ~Bathybius~-Massen enthält, wurde

zuerst bei Gelegenheit der grossartigen Tiefgrund-Untersuchungen

entdeckt, die seit dem Jahre 1857 behufs Legung des transatlantischen

Telegraphen-Kabels angestellt wurden. Man fand schon damals das

»atlantische Telegraphen-Plateau«, jene mächtige Tiefsee-Ebene, welche

sich in einer durchschnittlichen Tiefe von 12,000 Fuss von Irland bis

Neufundland erstreckt, allenthalben mit einem eigenthümlichen, grauen,

äusserst feinpulverigen Schlamme bedeckt: Derselbe zeichnete sich

durch zähe, klebrige Beschaffenheit aus und zeigte bei mikroskopischer

Untersuchung Massen von kleinen kalkschaligen Rhizopoden, insbesondere

Globigerinen, und ferner, als Hauptbestandtheile, die sehr kleinen,

als Coccolithen bezeichneten Kalkkörperchen. Aber erst elf Jahre

später, als ~Huxley~ 1868 mittelst eines sehr scharfen Mikroskopes

eine erneute genaue Untersuchung desselben Schlammes, auch in

chemischer Beziehung, vornahm, entdeckte er darin die nackten,

freien, formlosen Protoplasma-Klumpen, welche neben den genannten

Theilen die Hauptmasse des Schlammes bilden. »Diese Klumpen sind von

allen Grössen, von Stücken, die mit blossem Auge sichtbar sind bis

zu äusserst kleinen Partikelchen. Wenn man sie der mikroskopischen

Analyse unterwirft, zeigen sie — eingebettet in eine durchsichtige,

farblose und strukturlose ~Matrix~ — Körnchen, Coccolithen und zufällig

hineingerathene fremde Körper.«

~Lebender Bathybius~ wurde zuerst 1868 von Sir ~Wyville Thomson~

und Professor ~William Carpenter~, zwei ebenso erfahrenen

als scharfsichtigen Zoologen, während ihrer nordatlantischen

Tiefsee-Expedition auf dem Kriegsschiffe »Porcupine« beobachtet. Sie

berichten über den frisch heraufgeholten lebendigen Tiefsee-Schlamm:

»Dieser ~Schlamm war wirklich lebendig; er häufte sich in Klumpen

zusammen~, als ob Eiweiss beigemischt wäre; und unter dem Mikroskope

erwies sich die klebrige Masse als ~lebende Sarcode~.« (Annals and

magaz. of nat. hist. 1869, Vol. IV, p. 151). Ferner sagt Sir ~Wyville

Thomson~ in seinem höchst interessanten Werke über die Meerestiefen

(The depths of the Sea II. Edit. 1874. p. 410): »In diesem Schlamm

(Globigerinen-Schlamm aus 2,435 Faden oder ca. 14,600 Fuss Tiefe,

aus der Bay von Biscaya), wie in den meisten anderen Schlamm-Proben

aus dem atlantischen Ocean-Bett, war eine beträchtliche Quantität

einer weichen, gallertigen, organischen Materie nachweisbar, genug,

um dem Schlamme eine gewisse Klebrigkeit zu geben. Wenn der Schlamm

mit schwachem Weingeist geschüttelt wurde, fielen feine Flocken

nieder, wie von geronnenem Schleime; und wenn ein wenig von demjenigen

Schlamme, an welchem die klebrige Beschaffenheit am deutlichsten

hervortritt, in einem Tropfen Seewasser unter das Mikroskop gebracht

wird, können wir gewöhnlich nach einiger Zeit ein unregelmässiges

Netzwerk von eiweissartiger Materie sehen, unterscheidbar durch seine

bestimmten Umrisse und nicht mit Wasser mischbar. Man kann sehen, wie

dieses Netzwerk seine Form allmählig ändert und die eingeschlossenen

Körnchen und fremden Körper ihre relative Lage darin verändern. ~Die

Gallert-Substanz ist daher eines gewissen Grades von Bewegung fähig,

und es kann kein Zweifel sein, dass sie die Erscheinungen einer sehr

einfachen Lebensform zeigt.~« So wörtlich Sir ~Wyville Thomson~ (a. a.

O. S. 411).

Meine eigenen Untersuchungen des ~Bathybius~-Schlammes betrafen,

ebenso wie diejenigen von ~Huxley~, nur todtes, in Weingeist

conservirtes Material. Das Fläschchen, in welchem ich denselben von

den Far-Oer-Inseln zugesandt erhielt, trug die Aufschrift »Dredged

of Professor Thomson und Dr. Carpenter with the Steamer Porcupine

on 2435 fathoms. 22. July 1869. Lat. 47° 38'. Long. 12° 4'.« Es war

also dieser ~Bathybius~-Schlamm derselbe, an welchem die genannten

Forscher ihre Beobachtungen über amoeboide Bewegungen angestellt

hatten. Die Resultate meiner Untersuchung habe ich ausführlich in

meinen »~Beiträgen zur Plastiden-Theorie~« mitgetheilt (2. Bathybius

und das freie Protoplasma der Meerestiefen. Jen. Zeitschr. für Naturw.

1870. Bd. V. S. 499. Taf. XVII.) Die 80 Figuren, welche ich daselbst

(auf Taf. XVII) von den verschiedenen formlosen Protoplasma-Stücken

des Bathybius und den geformten Kalkkörperchen, die er einschliesst,

gegeben habe, sind bei sehr starker Vergrösserung mit Hülfe der Camera

lucida ganz genau gezeichnet. Einige dieser Figuren sind auch in den

Aufsatz über »das Leben in den grössten Meerestiefen« übergegangen,

welchen ich 1870 in Virchow-Holzendorff’s Sammlung publicirt habe. (Nr.

110).

Indem ich diesen, in starkem Alkohol sehr gut conservirten

Bathybius-Schlamm mit Hülfe der neuesten Methoden möglichst genau

untersuchte, und namentlich die vortheilhafte (von ~Huxley~ früher

nicht angewandte) Methode der Färbung mit Carmin und Jod übte,

suchte ich vor Allem die Quantität und Qualität der formlosen

Protoplasma-Stücke näher zu bestimmen, die überall in Masse zwischen

den geformten Kalktheilchen sich vorfanden. Diese eiweissartigen,

durch Carmin roth gefärbten Stücke waren sehr gleichmässig durch den

ganzen Schlamm verbreitet und schienen in den meisten untersuchten

Proben mindestens ein Zehntel bis ein Fünftel des gesammten Volums

zu betragen, in manchen Präparaten selbst die grössere Hälfte.

Dieselben Massen, welche durch Carmin sich mehr oder minder intensiv

roth färbten, nahmen durch Jod — und ebenso durch Salpetersäure —

eine gelbe Färbung an und zeigten auch im Verhalten gegen andere

chemische Reagentien ganz dieselben Eigenschaften, wie das gewöhnliche

Protoplasma der Thier- und Pflanzenzellen. Die Form der meisten

Stückchen war unregelmässig, rundlich oder mit stumpfen Fortsätzen,

einer Amoebe ähnlich; andere Stückchen bildeten unregelmässige, kleine

und grössere Sarcode-Netze, ähnlich denen der Myxomyceten.

Ob die kleinen geformten Kalktheilchen, die Coccolithen und

Coccosphären, welche in so grossen Massen im Bathybius-Schlamme

vorkommen, — und zwar ebenso wohl zwischen den Protoplasma-Stückchen,

als innerhalb derselben, von ihnen umschlossen, — wirklich zu

ihnen gehören, oder nicht, diese Frage musste ich um so mehr offen

lassen, als ich schon vorher ganz ähnliche Kalkkörperchen in dem

Körper mehrerer pelagischen, an der Oberfläche des canarischen

Meeres schwimmenden Radiolarien gefunden hatte (»_Myxobracchia_ von

Lanzerote«). Diese sonderbaren Kalkkörperchen, welche bald die Gestalt

einer einfachen, concentrisch geschichteten Scheibe, bald eines

Hemdknöpfchens, bald einer aus vielen Scheibchen zusammengesetzten

Kugel u. s. w. hatten, konnten ebensowohl Ausscheidungen der

Bathybius-Sarcode sein, als fremde Körper, die zufällig (oder bei der

Nahrungsaufnahme) in das Protoplasma hinein gelangt waren. In neuester

Zeit hat sich die grössere Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der letzteren

Annahme herausgestellt und die meisten Biologen nehmen jetzt an, dass

alle diese Körperchen mikroskopische ~Kalk-Algen~ seien, verkalkte

einzellige Pflanzen.

Durch diese Untersuchungen, die von mehreren anderen Forschern

bestätigt wurden, schien festgestellt, dass auf dem Boden des

nordatlantischen Oceans, und zwar in Tiefen zwischen 5000 und 25000

Fuss, ein feinpulveriger Schlamm sich findet, welcher u. A. grosse

Mengen einer eigenthümlichen, noch kaum individualisirten Moneren-Art

enthält. Der Fehler, den wir nun begingen, bestand darin, dass

wir die Resultate dieser nordatlantischen Tiefsee-Untersuchungen

allzurasch generalisirten und überall den Boden des tiefen Oceans mit

ähnlichen Moneren bedeckt zu sehen erwarteten. Diese Erwartung wurde

vollständig getäuscht. Die sehr genaue und umfassende Untersuchung der

grossartigen ~Challenger~-Expedition, welche in 3½ Jahren die Erde

umkreiste und in den Tiefen der verschiedenen Oceane sorgfältig nach

dem Bathybius suchte, hat ihn nirgends wiedergefunden und erzielte

nur negative Resultate. Wir haben keinen Grund, in die Sorgfalt und

Genauigkeit der ausgezeichneten Naturforscher der bewunderungswürdigen

Challenger-Expedition irgend einen Zweifel zu setzen, um so weniger,

als ja der vorzügliche Director derselben, ~Sir Wyville Thomson~ selbst

zuerst die Bewegungen am lebenden Bathybius wahrgenommen hatte. Wir

müssen also wohl annehmen, dass an den vom Challenger untersuchten

Stellen des tiefen Meeresbodens die Bathybius-Moneren wirklich fehlten.

Folgt aber daraus, dass alle jene früheren Beobachtungen und Schlüsse

unrichtig waren?

Wie es sehr häufig in solchen Fällen zu gehen pflegt, so ging

auch jetzt plötzlich die einseitig übertriebene Ansicht in das

entgegengesetzte Extrem über. Vorher hatte man gehofft, ~überall~ im

Schlamme des tiefen Meeresbodens die Protoplasma-Klumpen des Bathybius

in Masse zu finden; jetzt wollte man sie mit einem Male ~nirgends~

mehr anerkennen. Insbesondere glaubte man sich zu der Annahme

berechtigt, der früher in Weingeist untersuchte Bathybius-Schlamm

sei weiter nichts, als ein feiner Gypsniederschlag, wie er überall

bei der Mischung von Weingeist mit Seewasser entsteht. Diese Ansicht

wurde zuerst von einigen Naturforschern der Challenger-Expedition

ausgesprochen und daraufhin widerrief Professor ~Huxley~ — wie mir

scheint, zu frühzeitig — seine frühere Ansicht vom Bathybius. In der

»~Nature~« (vom 19. Aug. 1875) und im »Quarterly Journal of microscop.

science« (1875, Vol. XV. p. 392) sagt derselbe wörtlich: »Professor

~Wyville Thomson~ theilt mir mit, dass die besten Bemühungen der

Challenger-Forscher, lebenden Bathybius zu entdecken, fehlschlugen,

und dass ernstlich vermuthet wird, das Ding, dem ich diesen Namen gab,

sei wenig mehr als schwefelsaurer Kalk, in flockigem Zustande aus

dem Seewasser durch den starken Alkohol niedergeschlagen, in welchem

der Tiefseeschlamm aufbewahrt wurde. Das Sonderbare ist aber, dass

dieser unorganische Niederschlag ~kaum von einem Eiweissniederschlag

zu unterscheiden ist~, und er gleicht, vielleicht noch mehr, dem

keimführenden Häutchen an der Oberfläche fauliger Aufgüsse, das

sich unregelmässig, aber sehr stark, mit Carmin färbt, Stücke von

bestimmtem Umriss bildet und in jeder Weise sich wie ein organisches

Ding verhält. ~Professor Thomson spricht sehr vorsichtig und sieht

das Schicksal des Bathybius noch nicht als ganz entschieden an.~ Aber

da ich hauptsächlich für den eventuellen Irrthum verantwortlich bin,

diese merkwürdige Substanz in die Reihe der lebenden Wesen eingeführt

zu haben, so glaube ich richtiger zu verfahren, wenn ich seiner oben

mitgetheilten Ansicht grösseres Gewicht beilege, als er selbst.«

Dies sind die Worte des Professor ~Huxley~, welche so grosses Aufsehen

erregten, und nach weit verbreiteter Ansicht dem armen Bathybius

den Todesstoss versetzt haben. Je mehr aber hier die eigentlichen

Eltern des Bathybius sich geneigt zeigen, ihr Kind als hoffnungslos

aufzugeben, desto mehr fühle ich mich als Taufpathe verpflichtet,

seine Rechte zu wahren und womöglich sein erlöschendes Lebensfünkchen

wieder zur Geltung zu bringen. Und da finde ich denn glücklicherweise

einen werthvollen Bundesgenossen in einem vielgereisten deutschen

Naturforscher, der erst in neuerer Zeit wieder ~lebenden Bathybius~,

und zwar an der Küste von Grönland, beobachtet hat. Der bekannte

Nordpolfahrer Dr. ~Emil Bessels~ aus Heidelberg, der von dem

Schiffbruche der Polaris glücklich zurückkehrte, macht bei Gelegenheit

seiner Beschreibung der ~Haeckelina gigantea~ (eines colossalen

Rhizopoden, der vielleicht mit der früher von ~Sandahl~ beschriebenen

~Astrorhiza~ identisch ist) folgende wichtige Angaben: »Während der

letzten amerikanischen Nordpol-Expedition fand ich in 92 Faden Tiefe

in dem Smith-Sunde grosse Massen von freiem undifferenzirtem homogenem

Protoplasma, welches auch keine Spur der wohlbekannten Coccolithen

enthielt. Wegen seiner wahrhaft spartanischen Einfachheit nannte ich

diesen Organismus, den ich lebend beobachten konnte, ~Protobathybius~.

Derselbe wird in dem Reisewerk der Expedition abgebildet und

beschrieben werden. Ich will hier nur erwähnen, dass diese ~Massen

aus reinem Protoplasma~ bestanden, dem nur zufällig Kalktheilchen

beigemischt waren, aus welchen der Seeboden gebildet ist. Sie stellten

~äusserst klebrige, maschenartige Gebilde dar, die prächtige amoeboide

Bewegungen ausführten, Carminpartikelchen sowie andere Fremdkörper

aufnahmen und lebhafte Körnchenströmung zeigten~. (Jenaische Zeitschr.

f. Naturw. 1875. Bd. IX., S. 277. Vgl. auch: Annual Report of the

Secret. of the navy for 1873). An einem anderen Orte, in den von

~Packard~ publicirten »Life histories of animals« (New-York, 1876 p.

3) ist eine Abbildung der Protoplasma-Netze des ~Protobathybius~ von

Dr. ~Bessels~ publicirt. Hiernach möchte ich annehmen, dass derselbe

von unserm echten Bathybius nicht verschieden ist. Der Unterschied,

dass letzterer gewöhnlich viele geformte Kalkkörperchen (Coccolithen

etc.) umschliesst, der erstere dagegen nicht, verliert seine Bedeutung

durch die immer wachsende Wahrscheinlichkeit, dass diese Kalkkörperchen

einzellige, als Nahrung aufgenommene Kalkalgen sind.«

Das Protistenreich · 第 8 / 24 题