I. Zur Geschichte der Moneren.

Im Frühling des Jahres 1864 beobachtete ich im Mittelmeere bei

Villafranca unweit Nizza schwimmende, winzige Schleimkügelchen von

ungefähr einem Millimeter oder einer halben Linie Durchmesser, die mein

höchstes Interesse erregten. Vorsichtig unter das Mikroskop gebracht,

erschien nämlich jedes dieser Kügelchen wie ein kleiner Stern, dessen

Mitte aus einem viel kleineren structurlosen Kügelchen bestand,

während von der Oberfläche ringsum mehrere Tausend äusserst feine

Fäden ausstrahlten. Die genaue Untersuchung bei starker Vergrösserung

lehrte, dass der ganze Körper des sternförmigen Wesens aus einfacher

eiweissartiger Zellsubstanz, aus ~Sarcode~ oder ~Protoplasma~

bestehe, und dass die Fäden, welche allenthalben von der Oberfläche

ausstrahlten, keine beständigen Organe seien, sondern ihre Zahl, Grösse

und Gestalt beständig änderten. Sie erwiesen sich als ebenso wechselnde

und unbeständige Fortsätze des centralen Protoplasma-Körpers, wie

die längst bekannten »Scheinfüsschen oder Pseudopodien«, welche die

einzigen Organe der Wurzelfüssler oder ~Rhizopoden~ darstellen. Während

aber bei diesen Letzteren Zellkerne im Protoplasma zerstreut sind

und ihr Körper somit den Formwerth von einer oder mehreren Zellen

besitzt, ist das bei jenen in Nizza beobachteten Protoplasma-Kügelchen

nicht der Fall. Im Uebrigen war kein Unterschied hier und dort zu

finden bezüglich der Bewegungsform der fliessenden Schleimfäden und

der Art und Weise, in welcher dieselben als Tastorgane zum Empfinden,

als Contractionsorgane zum Kriechen, und als Ernährungsorgane zur

Nahrungsaufnahme benutzt wurden. Um die Naturgeschichte des kleinen

Protaplasmakügelchens von Nizza, das ich auf das Genaueste untersuchte,

zu vervollständigen, fehlte es nur noch an der Beobachtung seiner

Fortpflanzung. Auch diese glückte schliesslich. Nach einiger Zeit

zerfiel das kleine Wesen durch einfache Theilung in zwei Hälften, von

denen jede ihr eignes Leben in derselben Weise weiterführte, wie

das erstere. Ich hatte somit den vollständigen Lebenscyclus eines

denkbar einfachsten Organismus erkannt, und nannte denselben in

Anerkennung seiner fundamentalen Bedeutung _Protogenes primordialis_,

den »Erstgebornen der Urzeit«. Seine genaue Beschreibung gab ich im

XV. Bande der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie (S. 360, Taf.

XXVI., Fig. 1, 2).

Schon im folgenden Jahre wurden zwei verschiedene, dem Protogenes

sehr ähnliche, höchst einfache Organismen von dem ausgezeichneten

Mikroskopiker ~Cienkowski~ beschrieben. Im ersten Bande des Archivs

für mikroskopische Anatomie (S. 203, Taf. XII.-XIV.) veröffentlichte

derselbe sehr interessante »Beiträge zur Kenntniss der Monaden.«

Unter den verschiedenen Protisten, die ~Cienkowski~ hier unter dem

alten, vieldeutigen und daher sehr unsicheren Begriffe der »Monaden«

zusammenfasst, befinden sich zwei mikroskopische Bewohner des süssen

Wassers, welche in der vollkommen einfachen und structurlosen

Beschaffenheit ihres kernlosen, strahlenden Protoplasma-Körpers dem

Protogenes gleichen, die Gattungen ~Protomonas~ (_Monas amyli_) und

~Vampyrella~ (letztere mit drei verschiedenen Arten). Sie unterscheiden

sich aber von dem ersteren durch die Art und Weise ihrer Fortpflanzung.

Während der Protogenes, nachdem er durch Wachsthum ein gewisses

Grössenmaass erreicht hat, dieses nicht weiter überschreitet, sondern

ohne Weiteres in zwei Stücke zerfällt, ziehen Protomonas und Vampyrella

ihre Strahlen ein und gehen in einen Ruhestand über, in welchem sich

die kleine Protoplasmakugel einkapselt oder encystirt, mit einer

Hülle (»Cyste«) umgiebt. Innerhalb dieser kleinen Hülle zerfällt die

Protomonas in sehr zahlreiche Kügelchen, die Vampyrella in vier Stücke

(Tetrasporen). Alle diese Theilstücke werden später frei und entwickeln

sich durch einfaches Wachsthum zu der reifen Form.

Inzwischen hatte ich selbst eine vierte ähnliche Gattung von höchst

einfachen Organismen im süssen Wasser bei Jena beobachtet, welche einer

gewöhnlichen Amoebe ganz gleich sich verhält, aber von dieser letzteren

durch den Mangel eines Zellkerns und einer contractilen Blase sich

unterscheidet. Ich nannte sie daher _Protamoeba primitiva_. Während

bei den drei ersterwähnten Schleimkügelchen (Protogenes, Protomonas,

Vampyrella) überall zahlreiche Fäden aus der Oberfläche des centralen

Protoplasma-Körpers ausstrahlen, sehen wir statt deren bei Protamoeba

— ganz wie bei der gewöhnlichen Amoeba — wenige kurze, fingerförmige

Fortsätze sich ausstrecken, welche ihre Gestalt beständig ändern; sie

werden eingezogen und an einer andern Stelle wieder vorgestreckt.

Hat die Protamoeba durch Nahrungsaufnahme (die ebenfalls wie bei

Amoeba erfolgt) eine gewisse Grösse erreicht, so zerfällt sie durch

Theilung in zwei Hälften. Ich machte die erste Mittheilung darüber

in meiner »generellen Morphologie« (Bd. I. S. 133). Später habe ich

von Protamoeba primitiva Abbildungen gegeben, welche u. A. in die

»Natürliche Schöpfungsgeschichte« (VI. Aufl. S. 167) und in die

»Anthropogenie« (III. Aufl. S. 414) aufgenommen sind.

Gestützt auf diese Beobachtungen, die späterhin durch die

Untersuchungen anderer Forscher, wie durch meine eigenen noch

beträchtlich erweitert wurden, gründete ich 1866 in der »Generellen

Morphologie« für alle diese Organismen von einfachster Beschaffenheit

eine besondere Classe unter dem Namen der ~Moneren~, d. h. der

»~Einfachen~«. Im ersten Bande (S. 135) sagte ich damals:

»Um diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen, bei denen

wir weder mit dem Mikroskop, noch mit den chemischen Reagentien irgend

eine Differenzirung des homogenen Plasmakörpers nachzuweisen vermögen,

von allen übrigen, aus ungleichartigen Theilen zusammengesetzten

Organismen bestimmt zu unterscheiden, wollen wir sie ein für allemal

mit dem Namen der »Einfachen« oder »Moneren« belegen. Gewiss dürfen wir

auf diese höchst interessanten, bisher aber fast ganz vernachlässigten

Organismen besonders die Aufmerksamkeit hinlenken und auf ihre

äusserst einfache Formbeschaffenheit bei völliger Ausübung aller

wesentlichen Lebensfunctionen das grösste Gewicht legen, wenn es gilt,

~das Leben zu erklären~, es aus der fälschlich sogenannten »~todten

Materie~« abzuleiten, und die übertriebene Kluft zwischen Organismen

und Anorganen auszugleichen. Indem bei diesen homogenen belebten

Naturkörpern von differenten Formbestandtheilen, von »Organen«, noch

keine Spur zu entdecken ist, vielmehr alle Moleküle der structurlosen

Kohlenstoffverbindung, des lebendigen Eiweisses, in gleichem Maasse

fähig erscheinen, sämmtliche Lebensfunctionen zu vollziehen, liefern

sie klar den Beweis, dass der Begriff des Organismus nur dynamisch

oder physiologisch aus den Lebensbewegungen, nicht aber statisch

oder morphologisch aus der Zusammensetzung des Körpers aus »Organen«

abgeleitet werden kann.«

In den folgenden Jahren wurde der Kreis unserer Erfahrungen über

diese wunderbaren »Organismen ohne Organe« wesentlich erweitert. Auf

meiner Reise nach den canarischen Inseln (1866 und 1867) richtete

ich natürlich meine ganze Aufmerksamkeit auf dieselben und war denn

auch so glücklich, noch mehrere neue Moneren-Formen zu entdecken. Auf

den weissen Kalkschalen, eines merkwürdigen Cephalopoden (_Spirula

Peronii_), die zu Tausenden an den Küsten der canarischen Inseln

angetrieben zu finden sind, bemerkte ich zuweilen zahlreiche rothe

Pünktchen, welche sich unter der Lupe als zierliche Sternchen und

bei starker Vergrösserung als orangerothe Protoplasma-Scheiben oder

-Kugeln zu erkennen gaben, von deren Umfange zahlreiche baumförmig

verästelte Fäden ausstrahlten. Die genauere Untersuchung zeigte, dass

auch diese (verhältnissmässig colossalen) Protoplasma-Körper kernlos

und structurlos waren und sich in ähnlicher Weise wie Protomonas

fortpflanzten, nämlich dadurch, dass der kugelig zusammengezogene

und eingekapselte Körper in zahlreiche kleine Stücke zerfiel. Ich

nannte diese interessante neue Moneren-Gattung _Protomyxa aurantiaca_

und habe sie zuerst auf Taf. I. der »Natürl. Schöpfungsgeschichte«

abgebildet. Eine ähnliche stattliche Monerenform entdeckte ich sodann

in demselben Jahre (1867) im Schlamme des Hafenbeckens von Puerto

del Arrecife, der Hafenstadt der canarischen Insel Lanzarote, und

bezeichnete sie als _Myxastrum radians_. Sie ist dadurch ausgezeichnet,

dass die Theilstücke oder Sporen, in welche der kugelige Körper bei der

Fortpflanzung zerfällt, sich radial gegen den Mittelpunkt der Kugel

ordnen und spindelförmige Kieselhüllen ausschwitzen, aus denen später

das junge Moner ausschlüpft.

Gestützt auf alle diese Beobachtungen, veröffentlichte ich 1868 in

der »Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft« eine ausführliche

~Monographie der Moneren~. (Bd. IV, S. 64, Taf. II. und III). Hier sind

alle eigenen und fremden Beobachtungen ausführlich zusammengestellt

und erläutert. Es ergaben sich damals sieben verschiedene Gattungen

von Moneren. Durch spätere Beobachtungen ist die Zahl der Arten auf

16 gesteigert worden, worüber ich in den »Nachträgen zur Monographie

der Moneren« berichtet habe (Jenaische Zeitschr. für Naturw. 1877. Bd.

VI. S. 23). Die Unterschiede aller dieser Moneren beruhen nur darauf,

dass die weiche, schleimige Körpermasse in verschiedener Form sich

ausbreitet und bewegt, und dass die ungeschlechtliche Fortpflanzung

(durch Theilung, Sporenbildung u. s. w.) auf verschiedene Weise

geschieht.

Das Protistenreich · 第 7 / 24 题