durch welche sie alle anderen Protisten übertreffen, ist der hohe
Grad von ~Empfindlichkeit~ und von ~Willens-Energie~, den sie bei
ihren lebhaften Bewegungen kundgeben. Wer lange und eingehend Ciliaten
beobachtet hat, kann nicht zweifeln, dass sie eine ~Seele~ so gut
wie die höheren Thiere besitzen. Denn die ~Seelenthätigkeiten~ der
Empfindung und der willkürlichen Bewegung üben sie eben so aus, wie
die höheren Thiere; und an diesen Thätigkeiten allein ist ja die
~Seele~ zu erkennen. Da nun der ganze Leib der Ciliaten bloss eine
einfache Zelle ist, so gewinnen sie die höchste Bedeutung für die
Theorie von der ~Zellseele~, für die Annahme, dass jede organische
Zelle ihre eigene individuelle »Seele« besitzt — oder vielmehr,
richtiger ausgedrückt: dass ~Seelenleben eine Thätigkeit aller Zellen
ist~.
[Illustration: Fig. 16. Eine ~Acineta~, auf einem kurzen Stiele (unten)
befestigt. p Saugröhren der Zelle. v Contractile Blasen im Protoplasma.
e eine Spore. n Zellkern.]
An die formenreiche Klasse der Wimperthierchen schliesst sich die
kleine Gruppe der naheverwandten Starrthierchen oder ~Acineten~ an
(Fig. 16, 17). Im Gegensatze zu ersteren zeigen diese letzteren nur
sehr wenig Beweglichkeit; sie sitzen meistens zeitlebens auf einem
Stiele fest. Statt der Wimperhärchen treten aus ihrem starren,
von einer Hülle umschlossenen Zellenkörper zahlreiche feine, oft
büschelförmig gruppirte Fortsätze hervor (Fig. 16 p). Dies sind sehr
feine Saugröhrchen, die am Ende mit einem Saugknöpfchen versehen
sind. Wenn ein schwimmendes Wimperthierchen unvorsichtig in die Nähe
einer solchen Acinete geräth, wird sie von den steif ausgestreckten
Saugröhren der letzteren festgehalten und ausgesaugt (Fig. 17). Das
Protoplasma des gefangenen Ciliaten (a) wandert langsam durch die
Saugröhren (f’’) in das Innere der Acinete hinein. Dass auch sie nur
eine einfache Zelle ist, beweist ihr Zellkern (n); im Protoplasma sind,
wie bei den Ciliaten, oft eine oder mehrere »contractile Blasen« oder
Vacuolen sichtbar, wassererfüllte kugelige Hohlräume, die sich langsam
zusammenziehen und wieder ausdehnen (Fig. 16v, Fig. 17x).
[Illustration: Fig. 17. Eine ~Acineta~, welche mit ihren Saugröhren (f)
ein Wimperthierchen (Euchelys a) ergriffen hat und dasselbe aussaugt.
x, v Contractile Blasen. n Zellkern.]
Die anhaltende Beobachtung der Acineten gewährt ebenso wie diejenige
der Ciliaten das höchste Interesse. An diesen Infusionsthierchen zeigt
uns die organische Zelle deutlich, wie weit sie es in ihrem idealen
Streben nach thierischer Vollkommenheit für sich allein bringen kann.
Wir können sagen: Die Wimperthierchen sind der gelungenste Versuch der
einzelnen ~Zelle~, sich zu einem wirklichen ~Thiere~ zu entwickeln.
Aber zu einem echten Thiere gehören ja mindestens zwei Keimblätter,
deren jedes aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt ist. Also können wir
doch die Ciliaten und Acineten nicht als wirkliche Thiere gelten lassen.
Unter allen Protistenklassen die formenreichste und in geologischer
Beziehung die wichtigste ist die wunderbare Klasse der ~Wurzelfüssler~
oder ~Rhizopoden~. Ausser mehreren kleineren Gruppen gehören dahin
die kalkschaligen Thalamophoren und die kieselschaligen Radiolarien.
Beide Abtheilungen sind in zahllosen, höchst phantastisch geformten
Arten in allen Meeren verbreitet. Die Thalamophoren leben zum grössten
Theile kriechend auf dem Grunde des Meeres, besonders auf Seetang;
die Radiolarien hingegen schwimmen in dichtgedrängten Schaaren an der
glatten Oberfläche des Meeres oder schweben in verschiedenen Tiefen
desselben. Die bekanntesten und geologisch wichtigsten Rhizopoden sind
die ~Thalamophoren~, ~Kammerlinge~ oder Kammerthierchen; ausgezeichnet
durch eine feste, meistens kalkige Schale, in welche sich diese
Urthierchen, wie die Schnecke in ihr Haus, zurückziehen können. Bald
enthält diese Kalkschale nur eine einzige Kammer (~Einkammerige~,
_Monothalamia_, _Monostegia_); bald mehrere, durch Thüren mit einander
verbundene Kammern (~Vielkammerige~, _Polythalamia_, _Polystegia_).
Solche zierlich geformte, oft einem Schneckenhaus ähnliche Kalkschalen
haben sich seit vielen Millionen Jahren in ungeheuren Massen auf
dem Meeresboden angehäuft und an der Gebirgsbildung unserer Erde
den wichtigsten Antheil genommen. Schon die ältesten, aus dem Meere
abgesetzten Flötzgesteine, die laurentischen, cambrischen und
silurischen Schichten, enthalten dergleichen Polythalamien-Schalen
und sind wahrscheinlich zum grossen Theile aus ihnen gebildet. Das
älteste von Allen ist das berühmte _Eozoon canadense_ aus den unteren
laurentischen Schichten, dessen Polythalamien-Natur mit Unrecht in
Zweifel gezogen wurde. Die mächtigste Entwickelung erreichen diese
Rhizopoden jedoch erst viel später, während der Kreide-Periode und
der älteren Tertiär-Periode. Jedes kleinste Körnchen unserer weissen
Schreibkreide lässt uns unter dem Mikroskope zahlreiche solcher
zierlichen Kalkschalen erkennen. Der Grobkalk von Paris, aus dem viele
Paläste dieser Weltstadt erbaut sind, besteht ebenfalls zum grössten
Theile aus solchen Kammerschalen. Ein Kubikcentimeter des Kalkes aus
den Steinbrüchen von Gentilly enthält ungefähr 20,000, ein Kubikmeter
demnach gegen 20 Millionen Schalen. Die grössten Polythalamien aber
lebten während der ältesten Tertiärzeit, während der Eocaen-Periode.
Unter ihnen sind die Riesen des Protisten-Reiches, die gigantischen
~Nummuliten~ (Fig. 18), deren scheibenförmige Kalkschalen die
Grösse eines Zweithalerstückes erreichen. Der von ihnen erzeugte
Nummuliten-Kalk, aus dem unter Anderen die egyptischen Pyramiden gebaut
sind, bildet die ungeheuren Gebirgsmassen des Nummulitensystems.
Dies ist eins der gewaltigsten Gebirgssysteme unserer Erde, das von
Spanien und Marokko bis nach Indien und China hinüberreicht, und an der
Bildung der Pyrenäen und Alpen, des Libanon und Kaukasus, des Altai und
Himalaya den bedeutendsten Antheil nimmt.
[Illustration: Fig. 18. ~Nummulites~ (reticulatus). a, b, c in
natürlicher Grösse; d, e, f schwach vergrössert. Die linsenförmige
Scheibe ist in a vom Rande aus gesehen, in b und e von der Fläche, c
und d im Längsschnitt (Dickenschnitt).]
In welchen ungeheuren Massen die Polythalamien auch gegenwärtig
noch unsere Meere bevölkern, geht daraus hervor, dass z. B. der
Sand der Mittelmeerküsten an vielen Stellen zur grösseren Hälfte
aus den Schalen lebender Polythalamien-Arten besteht. Schon einer
ihrer ersten Beobachter, ~Bianchi~, zählte im Jahre 1739 in einem
einzigen Esslöffel Seesand von Rimini 6000 Individuen; und derjenige
Naturforscher, dem wir die genauesten Untersuchungen über ihre
Naturgeschichte verdanken, der berühmte Anatom ~Max Schultze~,
berechnete ihre Menge in einem Esslöffel Seesand von Gaeta auf mehr als
Hunderttausend.
Der weiche lebendige Körper der Kammerthierchen, welcher diese
wunderbaren Schalen- und Panzer-Bildungen erzeugt, ist stets von
höchst einfacher Bildung: ein Stück formloses Protoplasma, das
zahlreiche Zellenkerne einschliesst. Von der Oberfläche des weichen
Protoplasma-Leibes strahlen hunderte, oft tausende von äusserst feinen
Fäden aus. Diese Schleimfädchen, die den Namen ~Scheinfüsschen~ oder
~Pseudopodien~ führen, sind sehr empfindlich und beweglich. Sie können
sich verästeln, mit einander verschmelzen, Netze bilden und wieder in
die gemeinsame Centralmasse des Körpers zurückgezogen werden. Durch
die Zusammenziehungen dieser Fäden bewirken die Wurzelfüssler ihre
kriechende oder schwimmende Ortsbewegung. Wenn ein anderer Protist,
z. B. ein Wimperthierchen oder eine Bacillarie, in den Bereich dieser
Fäden gelangt, so wird es von ihnen erfasst, umschlungen und in das
Innere des Protoplasmakörpers hineingezogen, wo es einer höchst
einfachen Verdauung unterliegt. Wie bei den Amoeben kann jede Stelle
der Körperoberfläche dergestalt die Aufgabe eines Mundes und Magens
übernehmen. Auch die Vermehrung der Wurzelfüssler ist höchst einfach.
Der weiche Protoplasma-Leib des Kammerthierchens zerfällt in zahlreiche
kleine Stückchen. Jedes Stückchen erhält einen Zellkern, bildet also
eine echte Zelle, und diese nackte Zelle schwitzt alsbald wieder eine
Kalkschale aus.
Die vielgestaltige Schale des Acyttarien-Körpers besteht meistens
aus kohlensaurem Kalk, seltener aus einer erhärteten organischen
Substanz, die mit Sandkörnchen u. dergl. verkittet ist. Bald
besitzt die Schale nur eine grössere Mündung, ist aber übrigens
undurchlöchert (_Imperforata_); bald ist die Schale überall von sehr
zahlreichen kleinen Löchern durchbrochen (_Foraminifera_). Mit Bezug
auf die Schalenform unterscheidet man bei den zwei Hauptgruppen:
Einkammerige und Vielkammerige. Die ~Einkammerigen~ (_Monothalamia_)
sind verhältnissmässig wenig formenreich. Einer ihrer bekanntesten,
häufigsten und grössten Vertreter ist die ~Gromia~ (Fig. 19). Sie
besitzt eine eiförmige Schale, mit dunkelbraunem Protoplasma erfüllt,
und erreicht die Grösse eines Stecknadelknopfes. Die Netze der
Scheinfüsschen, welche davon ausstrahlen, kann man schon mit blossem
Auge deutlich erkennen.
[Illustration: Fig. 19. ~Gromia~ (oviformis). Die Hauptmasse des
eiförmigen einzelligen Körpers ist von einer biegsamen Schale
eingeschlossen. Durch die Oeffnung derselben tritt (unten) fliessendes
Protoplasma heraus, welches die ganze Schale umhüllt und von dem nach
allen Richtungen bewegliche Fäden ausstrahlen.]
Die ~Vielkammerigen~ (_Polythalamia_) bilden die Hauptmasse der
Acyttarien. Die einzelnen Kammern, welche ihre Schale zusammensetzen,
sind durch unvollständige Scheidewände getrennt, oft sehr zahlreich.
Meistens sind dieselben mehr oder weniger in Spiralen geordnet. So
entstehen Gehäuse, welche die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen
gewisser Mollusken, namentlich Cephalopoden, besitzen (Fig. 20). Daher
wurden diese Rhizopoden von ihren ersten Entdeckern wirklich für
echte, mikroskopische Cephalopoden gehalten und auch später noch ihre
Organisation als solche beschrieben.
Erst vor 40 Jahren lernte man, zuerst durch ~Dujardin~, ihre wahre
Natur kennen, und überzeugte sich, dass ganz ähnlich geformte Schalen
das eine Mal von einem höchst vollkommen organisirten Weichthiere
(_Nautilus_), das andere Mal von einem höchst einfach gebauten
Wurzelfüssler (_Polystomella_) gebildet werden.
[Illustration: Fig. 20. ~Polystomella~ (venusta), ein Polythalam,
dessen Kammern in einer Spirale aufgerollt sind, ganz ähnlich wie bei
Nautilus. Aus den feinen Löchern der Schale treten überall bewegliche
fadenförmige Scheinfüsschen hervor.]
[Illustration: Fig. 21. ~Alveolina~ (Quoyi). Mehrere Reihen von Kammern
laufen in einer Spirale neben einander hin. Die durchschnittenen Wände
der Kammern sind weiss gezeichnet; die Verbindungsöffnungen mit den
darüber liegenden schwarz.]
Bei manchen Polythalamien laufen mehrere Spiralen neben einander
im Gehäuse hin, indem innerhalb der Kammern sich wieder parallele
Scheidewände bilden (Fig. 21). Bei den grossen Orbituliten und
Nummuliten liegen solche Kammerreihen sogar in mehreren Stockwerken
übereinander. Die Kammerreihen sind hier bald in zusammenhängenden
Spirallinien, wie bei den Nummuliten (Fig. 18) geordnet, bald in
concentrischen Ringen, wie bei dem gigantischen _Cycloclypeus_ (Fig.
22).
Die Gehäuse dieser letzteren sind runde Scheiben, welche sich am besten
mit einem Palaste vergleichen lassen, dessen Umfassungsmauern nach dem
Plane eines römischen Amphitheaters gebaut sind.
[Illustration: Fig. 22. ~Cycloclypeus~, ein colossales Polythalam von 3
Centimeter Durchmesser, in grossen Tiefen des Sunda-Meeres lebend. Man
sieht die eine Hälfte der in der Mitte durchschnittenen Schale, von der
links noch ein Stück der oberen Schicht abgeschnitten ist, um in die
Kammern hineinzublicken.]
[Illustration: Fig. 23. ~Parkeria~, ein colossales Polythalam von
3 Centimeter Durchmesser. Man sieht blos ein Stück der eiförmigen
Schale, so durchschnitten, dass man nach allen Richtungen hin die
Zusammensetzung des Gehäuses aus zahllosen kleinen Kammern erkennen
kann.]
Mehrere Stockwerke liegen übereinander, in jedem eine centrale
Hauptkammer, umgeben von vielen ringförmigen Corridoren, und jeder
Corridor durch viele Scheidewände in Kammern getheilt: alle diese
zahlreichen Stockwerke, Corridore und Kammern stehen durch Thüren mit
einander in Verbindung und kleine Fenster in der äusseren Schalenfläche
vermitteln die Verbindung mit der Aussenwelt, indem sie die feinen
Schwimmfüsschen durchtreten lassen.
Zu den grössten und am meisten zusammengesetzten Polythalamien
gehören die Parkerien, deren Gehäuse grösstentheils aus Sandkörnchen
zusammengesetzt sind (Fig. 23).
Während die grosse Mehrzahl der Thalamophoren auf dem Meeresboden
kriechend lebt, giebt es auch einige Arten, die an der Oberfläche des
Meeres schwimmen, und zwar oft in grossen Massen, mit Radiolarien
gemischt. Dahin gehören auch die merkwürdigen Pulvinulinen,
Globigerinen und Hastigerinen, letztere durch ihre sehr langen
borstenförmigen Kalkstacheln ausgezeichnet (Fig. 24).
Wenn schon bei diesen merkwürdigen Polythalamien die formbildende Kunst
des formlosen Protoplasma unsere höchste Bewunderung erregt, so wird
dieselbe noch gesteigert, wenn wir die nahe verwandten ~Radiolarien~,
die »Gitterthiere« oder Strahlinge betrachten. Bei diesen höchst
interessanten Wurzelfüsslern treffen wir die grösste Mannigfaltigkeit
von zierlichen und sonderbaren Formen an, die überhaupt in der
organischen Welt zu finden ist. Ja, alle möglichen Grundformen, welche
man nur in einem promorphologischen Systeme aufstellen kann, finden
sich hier wirklich verkörpert vor. Das Material aber, aus welchem das
formlose Protoplasma hier die unendlich mannigfaltigen Skelettheile
bildet, ist nicht Kalkerde, wie bei den Polythalamien, sondern
Kieselerde.
Der weiche lebendige Leib der Radiolarien ist übrigens etwas höher
organisirt, als derjenige der Polythalamien. Denn im Innern des
formlosen weichen Protoplasma-Körpers findet sich hier eine besondere
Kapsel, welche von einer festen Membran umschlossen ist, die
~Centralkapsel~ (Fig. 25).
In dieser bilden sich Massen von kleinen Zellen, welche eine bewegliche
Geissel erhalten, später die Kapsel durchbrechen und ausschwärmen.
[Illustration: Fig. 24. ~Hastigerina Murrayi.~ Ein Polythalam, dessen
Kalkschalen überall mit haarfeinen, sehr langen Kalkstacheln bewaffnet
ist.]
Da der ganze Inhalt der Centralkapsel zur Bildung dieser Keime,
welche gleich Flagellaten umherschwimmen und sich dann zu Radiolarien
entwickeln, verwendet wird, so kann man die Centralkapsel auch als
Sporenbehälter (~Sporangium~) der Radiolarien betrachten.
[Illustration: Fig. 25. ~Heliosphaera~ (inermis). Ein Radiolar, dessen
kugelige Gitterschale aus sechseckigen Maschen zusammengesetzt ist.
Im Innern schwebt eine kugelige Centralkapsel, welche einen dunkeln
Kern einschliesst, umgeben von kleinen gelben Zellen. Zahlreiche
fadenförmige Scheinfüsschen strahlen allenthalben aus, halten sich an
der Gitterschale fest und treten durch deren Löcher aus.]
Sie ist umschlossen von einer Schicht Protoplasma, von welchem nach
allen Richtungen zahllose, äusserst feine Scheinfüsschen ausstrahlen.
Diese verhalten sich im Uebrigen ebenso wie bei den Polythalamien.
Gewöhnlich finden sich im Protoplasma der Radiolarien ausserhalb der
Centralkapsel noch zahlreiche gelbe Zellen von unbekannter Bedeutung;
sie enthalten Stärkemehl.
Ausserdem bilden sich bei einigen Radiolarien rings um die
Centralkapsel grosse helle Wasser-Blasen aus (Vacuolen), welche von
einer sehr dünnen Gallerte umschlossen sind, so namentlich bei den
erbsengrossen Thalassicollen (Fig. 26).
[Illustration: Fig. 26. ~Thalassicolla~ (pelagica). Ein grosses nacktes
Radiolar (ohne Schale). Die innere kugelige Centralkapsel ist von
einem Mantel grosser Wasserblasen umgeben. An der Oberfläche strahlen
tausende von feinen Schleimfäden aus.]
Es giebt auch zusammengesetzte Radiolarien (Polycyttarien). Diese
bilden grössere Gallertklumpen von cylindrischer oder kugeliger Form,
von 1 bis 3 Centimeter Durchmesser. Die Gallerte besteht grösstentheils
aus solchen Wasserblasen, und in der Oberfläche sind ältere, im Innern
dagegen jüngere Centralkapseln vertheilt (Fig. 27; s. folg. S.). Jede
der letzteren ist oft von einer gegitterten Kieselschale umschlossen
(Fig. 28).
[Illustration: Fig. 28. Eine einzelne Kieselschale (stachelige
Gitterkugel) von ~Collosphaera~ (spinosa).]
Bei sehr vielen Radiolarien ist die Kieselschale eine Gitterkugel (Fig.
25, 28, 29, 31); oft gehen lange, regelmässig vertheilte Stacheln
davon ab (Fig. 29). Bei den Ommatiden (Fig. 30, 31) finden wir mehrere
solcher Gitterkugeln concentrisch in einander geschachtelt und durch
radiale Stäbe verbunden, ganz ähnlich dem bekannten zierlichen
Spielzeug, das die Chinesen aus Elfenbein anfertigen.
[Illustration: Fig. 27. ~Collosphaera~ (Huxleyi). Ein zusammengesetztes
Radiolar mit vielen Centralkapseln; die inneren kleineren ohne, die
äusseren grösseren mit Kieselschale. Zwischen den ausstrahlenden
Fäden sind zahlreiche kleine gelbe Zellen zerstreut. Im Centrum
der Colonie ist eine grosse Wasserblase sichtbar umgeben von einem
Protoplasma-Netz.]
Es giebt solche Gitterkugeln, die aus zwanzig im Centrum in einander
gestemmten Stacheln zusammengesetzt sind; verästelte Querfortsätze
der Stacheln, die in gleichem Abstande vom Centrum abgehen, setzen
die Gitterschale zusammen (_Dorataspis_, Fig. 32). Den letzteren nahe
verwandt sind die merkwürdigen ~Acanthometren~ (Fig. 33), ebenfalls
mit 20 Stacheln, die nach einem bestimmten mathematischen Gesetze
regelmässig vertheilt sind.
[Illustration: Fig. 29. ~Heliosphaera~ (actinota). Von der Gitterkugel
strahlen zwischen den Pseudopodien zahlreiche Kieselstacheln aus; im
Innern der Schale die Centralkapsel.]
[Illustration: Fig. 30. ~Actinomma~ (asteracanthion). Die Kieselschale
besteht aus drei concentrischen Gitterkugeln, welche durch sechs
radiale Stäbe mit einander verbunden sind. Die äusseren Enden der
letzteren bilden starke dreikantige Stacheln, und dazwischen stehen auf
der Oberfläche zahlreiche, sehr feine borstenförmige Kieselstacheln.]
[Illustration: Fig. 31. ~Haliomma~ (Wyvillei). Die Kieselschale
besteht aus zwei concentrischen Gitterkugeln, die durch zahlreiche
radiale Stacheln verbunden sind. Zwischen beiden Schalen findet sich
die Membran der Centralkapsel, so dass die eine innerhalb, die andere
ausserhalb der letzteren liegt.]
[Illustration: Fig. 32. ~Dorataspis~ (bipennis). Die Kieselschale
wird durch die gabelförmigen Querfortsätze von zwanzig, regelmässig
vertheilten Stacheln zusammengesetzt.]
[Illustration: Fig. 33. ~Xiphacantha~ (Murrayana). Eine Acanthometra,
deren 20 Stacheln kreuzförmige Querfortsätze tragen. Die Stacheln
bilden 5 parallele Zonen von je 4 Stacheln, die gleichweit von einander
abstehen.]
Bei noch andern Radiolarien ist die centrale Gitterkugel von einem
lockern Kiesel-Schwammwerke umhüllt und mächtige dreikantige Stacheln
mit spiralig gedrehten Kanten ragen daraus hervor (_Spongosphaera_,
Fig. 34).
Eine andere, äusserst formenreiche Gruppe von Radiolarien, die
~Cyrtiden~ oder Helm-Radiolarien, bilden Kieselschalen von der
Form eines Helmes (Fig. 35), einer Haube oder eines Körbchens, mit
siebförmig durchlöcherter Wand (_Podocyrtis_, Fig. 36). Noch Andere
gleichen einem Ordensstern (_Astromma_, Fig. 37), einer Sanduhr
(_Diploconus_, Fig. 38), einem dreiseitigen Prisma (_Prismatium_, Fig.
39) u. s. w.
In der grossen Abtheilung der ~Acanthometren~ wird das Skelet stets aus
zwanzig Kieselstacheln gebildet, welche im Centrum in einander gestemmt
und nach einem sehr merkwürdigen mathematischen Gesetze vertheilt
sind; dies entdeckte zuerst der grosse ~Johannes Müller~, dem wir
überhaupt die ersten genaueren Kenntnisse der Radiolarien verdanken.
Welche Bedeutung diese höchst mannigfaltigen, zierlichen und seltsamen
Formen besitzen; wie das formlose Protoplasma der Radiolarien dazu
kommt, sie zu bilden, — davon haben wir heute noch keine Ahnung.
[Illustration: Fig. 34. ~Spongosphaera~ (streptacantha). Neun
dreikantige Stacheln ragen aus der kugeligen Centralkapsel hervor,
welche von kieseligem Schwammgeflecht umhüllt ist und eine centrale
Gitterschale einschliesst.]
Neben den Thalamophoren und Radiolarien wird noch eine grosse Anzahl
von andern Protisten zur Klasse der Wurzelfüssler gerechnet. Viele
davon leben auch im süssen Wasser. Eines der häufigsten ist das
niedliche sogenannte »~Sonnenthierchen~«, welches vor nun hundert
Jahren (1776) vom Pastor ~Eichhorn~ in Danzig entdeckt und als
»lebendiger Stern« beschrieben wurde (_Actinosphaerium Eichhornii_,
Fig. 40).
[Illustration: Fig. 35. ~Dictyophimus~ (Challengeri). Helmförmige
Gitterschale mit drei Füsschen und Gipfelstachel.]
[Illustration: Fig. 36. ~Podocyrtis~ (Schomburgki). Die helmförmige
Gitterschale steht auf drei Füsschen und trägt auf dem Gipfel einen
Stachel; das Gitterwerk der drei Abtheilungen ist sehr verschieden.]
[Illustration: Fig. 37. ~Astromma~ (Aristotelis). Die schwammige
Kieselschale hat die Form eines Ordenskreuzes.]
[Illustration: Fig. 38. ~Diploconus~ (fasces). Die Kieselschale gleicht
einer Sanduhr, in deren Axe ein starker, an beiden Enden zugespitzter
Stab steht.]
[Illustration: Fig. 39. ~Acanthodesmia~ (prismatium). Neun Kieselstäbe
sind so verbunden, dass sie die Kanten eines dreiseitigen Prisma
bilden. Im Centrum schwebt eine kugelige Centralkapsel, von gelben
Zellen umgeben.]
[Illustration: Fig. 40. Das vielzellige grosse Sonnenthierchen
(~Actinosphaerium~ Eichhornii). Die innere dunkle Markmasse (c)
enthält, viele Zellkerne und einige Nahrungsbissen (d). Von der hellen,
schaumigen Rindenschicht (b), welche eben einen neuen Nahrungsbissen
(a) aufnimmt, strahlen zahlreiche Scheinfüsschen (e) aus.]
[Illustration: Fig. 41. Das einzellige kleine Sonnenthierchen
(~Actinophrys~ sol). Im Innern der strahlenden Protoplasma-Kugel liegt
nur ein Zellkern (n). Eine contractile Blase tritt an der Oberfläche
des Protoplasma vor (v).]
Es ist ein weiches, mit blossem Auge deutlich sichtbares, weiches
Schleimkügelchen, von der Grösse eines kleinen Stecknadelknopfes, oft
in Menge auf dem schlammigen Boden unserer Teiche und Gräben zu finden.
In der Mitte des schleimigen und blasigen Protoplasma-Kügelchens
liegen mehrere Zellkerne. Von der Oberfläche strahlen zahlreiche
empfindliche und bewegliche Fäden oder Pseudopodien aus. Durch diese
wird, wie bei den übrigen Wurzelfüsslern, die Nahrung aufgenommen.
Die Vermehrung ist erst kürzlich entdeckt worden. Das Sonnenthierchen
zieht dabei seine Fäden ein, umgiebt seinen kugeligen Körper mit einer
Gallerthülle und zerfällt in viele einzelne Kugeln. Jede von diesen
enthält einen Kern und schwitzt eine Kieselhülle aus, und jede dieser
kieselschaligen Zellen wird später zu einem neuen Sonnenthierchen. Man
kann dieselben aber auch künstlich vermehren. Man kann sie in mehrere
Stücke zerschneiden und aus jedem Stückchen wird alsbald wieder ein
selbständiges Wesen. Dasselbe gilt auch von vielen andern Protisten.
Während das grosse Sonnenthierchen oder Strahlenkügelchen
(_Actinosphaerium_) einen nackten Rhizopoden darstellt, der viele
Zellkerne enthält, also aus vielen vereinigten Zellen zusammengesetzt
ist, zeigt uns dagegen ein anderer, sehr häufiger Süsswasserbewohner,
das ~kleine Sonnenthierchen~ (_Actinophris sol_) den Organismus der
Wurzelfüssler in seiner allereinfachsten Gestalt (Fig. 41), nämlich als
eine nackte einfache Zelle mit einem einzigen Kern; von der Oberfläche
desselben strahlen viele feine Fäden aus, und indem das Protoplasma
an gewissen Stellen Wasser aufnimmt und wieder abgiebt, bildet es
»contractile Blasen oder Vacuolen.«
Eine der merkwürdigsten Protistenklassen, die ebenfalls oft zu den
Wurzelfüsslern gerechnet wird, sind die so genannten ~Schleimpilze~
oder ~Myxomyceten~, von Anderen auch ~Pilzthiere~ oder ~Mycetozoen~
genannt. Schon dieser doppelte Name bezeichnet ihre zweifelhafte
Protisten-Natur. Sie leben in zahlreichen verschiedenen Arten an
feuchten Orten, im abgefallenen Laube der Wälder, zwischen Moos, auf
faulendem Holze und dergl. Früher galten sie allgemein für Pflanzen,
und zwar für Pilze, weil ihr reifer Fruchtkörper täuschend dem
blasenförmigen Fruchtkörper der Gastromyceten oder Blasenpilze ähnlich
ist (Fig. 43B). Dieser Fruchtkörper bildet kugelige oder länglich
runde, oft auf einem Stiel festsitzende Blasen, meist von der Grösse
eines Stecknadelknopfes oder eines Hanfkorns, bisweilen aber auch von
mehreren Zoll Durchmesser. Die derbe äussere Hülle der Fruchtblasen
umschliesst ein feines Mehl, das aus Tausenden von mikroskopischen
Zellen besteht. Dies sind die Fortpflanzungszellen oder ~Sporen~.
[Illustration: Fig. 42. ~Keimung einer Myxomycete~ (~Physarum album~).
1. Eine Keimzelle oder Spore. 2. Aus der dunkeln Hülle der Spore tritt
die nackte Zelle hervor (3). Diese verwandelt sich in eine Geisselzelle
(4, 5) und darauf in eine Amoebe (6, 7). Mehrere Amoeben fliessen
zusammen (8, 9, 10, 11) und bilden so ein Plasmodium (12).]
Während aber bei den Blasenpilzen, wie bei allen anderen echten Pilzen,
sich aus diesen Sporen die characteristischen Pilzfäden oder Hyphen,
lange dünne Fadenschläuche entwickeln, entstehen daraus bei den
Myxomyceten ganz andere Keime. Aus der festen Zellmembran einer jeden
Spore schlüpft nämlich, sobald diese ins Wasser gelangt, eine nackte,
lebhaft bewegliche Zelle aus. (Fig. 42, 1–3). Anfangs schwimmt diese
Zelle mittelst eines langen Geisselfadens, den sie peitschenförmig nach
Art der Geisselschwärmer hin und her schwingt, frei im Wasser umher
(Fig. 42, 4, 5). Später sinkt sie zu Boden und nimmt die Form einer
Amoebe an (Fig. 42, 6, 7). Ganz gleich einer echten Amoebe kriecht
sie umher, indem sie veränderliche Fortsätze ausstreckt und wieder
einzieht. Auch nimmt sie nach Art der Amoeben ihre Nahrung auf.
Viele solcher amoeboiden Zellen können nun späterhin zusammenfliessen
und mit einander verwachsen (Fig. 42, 8–11). Dadurch entstehen grosse
Protoplasma-Netze mit vielen Kernen (~Syncytien~, Fig. 42, 12). Indem
ihre Kerne sich auflösen, werden sie zu kernlosen ~Plasmodien~ (Fig.
43A). Solche grosse Plasmodien, oft ganz colossale Protoplasma-Netze,
kriechen gleich einem riesigen Rhizopoden langsam umher und ändern
beständig ihre unbestimmte Gestalt.
[Illustration: Fig. 43. ~Myxomyceten.~ A. Ein grösseres Plasmodium (von
~Didymium leucopus~). B. Eine reife Frucht (von ~Arcyria incarnata~).
C. Dieselbe, nachdem die Wand (p) geplatzt und das Haarfaden-Geflecht
(Capillitium, cp) hervorgetreten ist.]
Zu den grössten Plasmodien gehören die glänzend gelben (oft mehrere
Fuss grossen) Protoplasma-Geflechte von _Aethalium_, welche die
Lohbeete der Gerbereien durchziehen und unter dem Namen »~Lohblüthe~«
allen Gerbern bekannt sind. Haben die Plasmodien durch Wachsthum und
Nahrungsaufnahme eine gewisse Grösse erreicht, so ziehen sie sich auf
einen kugeligen, birnförmigen oder kuchenförmigen Haufen zusammen,
umgeben sich mit einer Hülle und das ganze Protoplasma zerfällt
in zahllose kleine Sporen, zwischen welchen sich meistens (jedoch
nicht immer) ein Geflecht von äusserst feinen Haarfäden ausbreitet
(_Capillitium_, Fig. 43cp). Wenn diese Fruchtkörper (Fig. 43B) ganz
reif sind, platzt die äussere Hülle (Fig. 43C); das Capillitium wird
vorgetrieben und das feine Sporen-Pulver zerstreut.
Obgleich nun diese blasenförmigen Fruchtkörper mit ihrem Sporenpulver
und Capillitium die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen von gewissen
echten Pilzen besitzen, haben sie doch mit diesen letzteren keine Spur
von Verwandtschaft, wie ihre gänzlich verschiedene Entwickelung zeigt.
Will man überhaupt die Myxomyceten in nähere Beziehung zu irgend einer
anderen Organismen-Gruppe bringen, so bleiben nur die ~Rhizopoden~
übrig. In der That gleichen die kriechenden netzförmigen Plasmodien der
Myxomyceten so sehr gewissen nackten Wurzelfüsslern (_Lieberkühnia_),
dass man sie gar nicht unterscheiden kann. Es giebt kein passenderes
Object, um sich die merkwürdigen Strömungen in dem kriechenden nackten
Protoplasma unmittelbar vor Augen zu führen, als die Plasmodien der
gemeinen Lohblüthe, die im Frühjahr auf den Lohbeeten der Gerbereien
sehr leicht zu haben ist und die Lohe in Form von gelben, rahmähnlichen
Schleimnetzen durchzieht. Bringt man ein wenig von diesem gelben
Protoplasma in einer feuchten Kammer auf ein Glasplättchen, so ist
letzteres schon nach 10–20 Stunden von einem feinen Faden-Netz
übersponnen, in dessen Fäden man unter dem Mikroskope die lebhafte
Protoplasma-Strömung prächtig verfolgen kann.
Im Anschluss an die Myxomyceten müssen wir hier auch auf die echten
~Pilze~ (_Fungi_) einen Blick werfen, mit welchen man die ersteren
früher irrthümlich vereinigt hat. Die echten Pilze, welche in so
zahlreichen, ansehnlichen und mannigfaltigen Formen in unsern Wäldern
und Feldern, auf Pflanzen- und Thierkörpern schmarotzend leben, werden
oft auch als ~Schwämme~ bezeichnet. Sie haben aber mit den echten
Schwämmen oder Spongien gar nichts zu thun; denn diese letzteren, wozu
der gewöhnliche Badeschwamm gehört, und welche sämmtlich — mit einziger
Ausnahme des Süsswasser-Schwammes, _Spongilla_, — im Meere leben, sind
echte ~Thiere~ und besitzen ein Darmrohr mit Mundöffnung u. s. w. Die
Pilze dagegen bilden eine gänzlich verschiedene und sehr eigenthümliche
Classe von niederen Organismen. Zwar gelten sie heute noch allgemein
als echte ~Pflanzen~. Allein in den wichtigsten anatomischen und
physiologischen Beziehungen weichen sie so sehr von allen übrigen
Pflanzen ab, dass es wohl richtiger ist, sie als eine selbständige
Classe von ~Protisten~ zu betrachten. Ernährung und Stoffwechel der
Pilze ist thierisch, nicht pflanzlich. Sie bilden kein Protoplasma,
kein Chlorophyll, kein Stärkemehl, keine Cellulose, wie die echten
Pflanzen. Vielmehr bedürfen sie, wie die Thiere, zu ihrer Existenz und
Ernährung vorgebildetes Protoplasma, welches sie aus dem Körper anderer
Organismen, lebender oder todter Thiere, Pflanzen und Protisten,
entnehmen.
Die Fortpflanzung der Pilze ist meistens ungeschlechtlich, und
auch da, wo sie geschlechtlich erscheint, ganz eigenthümlich. Das
Form-Element, aus dem sich der Körper aller Pilze aufbaut, ist nicht
eine echte, kernhaltige ~Zelle~, wie bei allen Thieren und Pflanzen,
sondern eine fadenförmige, kernlose ~Cytode~, die sogenannte ~Hyphe~
oder der »Pilzfaden.« Durch seitliche Sprossung und fortgesetzte
Theilung in einer ~Axe~, bilden sie verzweigte gegliederte Fäden, und
zahllose solche Pilzfäden, in langen Ketten an einander gereiht, sich
verästelnd und netzartig verbindend, setzen alle Organe der Pilze
zusammen. Der bekannte gestielte »Hut« oder Schirm unserer grossen
Hutpilze, z. B. vom ~Champignon~ (Fig. 44) ist blos der ~Fruchtkörper~,
welcher sich zur Zeit der Reife aus einem unscheinbaren Fadengeflechte
entwickelt, dem Mycelium (Fig. 44, I m); die strahligen, blattförmigen
Rippen, welche sich an der Unterseite des regenschirmähnlichen Hutes
bilden, sind von der Fruchthaut (_Hymenium_) überzogen, in welcher
sich ungeschlechtlich die Fortpflanzungs-Cytoden (»Sporen«) bilden.
Je genauer man die eigenthümliche Anatomie und Keimungsgeschichte
der Pilze verfolgt, je unbefangener man sie vergleicht, desto mehr
überzeugt man sich, dass diese merkwürdigen Organismen keine echten
Pflanzen sind, sondern eine ganz selbständige Classe von neutralen
Protisten darstellen.
Dasselbe gilt von der formenreichen Classe der ~Kieselzellen~
(_Diatomeae_ oder ~Bacillariae~), die auch gewöhnlich zu den Pflanzen
gerechnet werden. Diese zierlichen kleinen Organismen bevölkern in
ungeheuren Massen die süssen und salzigen Gewässer unseres Erdballs.
In grossen Mengen angehäuft, bilden sie gewöhnlich einen gelben oder
gelbbraunen Schleim, der Steine, Wasserpflanzen u. s. w. überzieht.
Bald sind die Diatomeen einzeln lebende Einsiedlerzellen, bald Colonien
oder Gesellschaften (Coenobien), welche aus vielen gleichartigen,
locker verbundenen Zellen zusammengesetzt erscheinen.
[Illustration: Fig. 44. Ein ~Champignon~, aus der Ordnung der
~Hutpilze~ (~Hymenomycetes~). A. Das Fadengeflecht (~Mycelium~), aus
verästelten und netzförmig verbundenen Reihen von Pilzfäden (~Hyphen~)
gebildet (m). Aus dem Mycelium sprossen solide birnförmige Fruchtkörper
hervor (I), in welchen sich ein ringförmiger Luftraum bildet (II,
III, l). Unterhalb sondert sich der Stiel (IV, st), oberhalb der
Schirm des Hutes (h), von welchem die Hymenium-Rippen in den Luftraum
hineinwachsen (V, l): der untere Boden des Luftraums platzt später und
hängt als Schleier (Velum) vom Rande des Hutes herab.]
Viele Diatomeen sitzen fest; die meisten aber bewegen sich in ganz
eigenthümlicher Weise, langsam schwimmend oder fortrutschend, im
Wasser umher. Die Organe dieser Ortsbewegung sind noch gänzlich
unbekannt, vielleicht feinste Wimperreihen.
Das Characteristische an dem Zellenkörper der Diatomeen ist die
eigenthümliche ~Kieselschale~, in welcher ihr Zellenleib eingeschlossen
ist. Diese Schale ist aus zwei Hälften zusammengesetzt, welche sich zu
einander genau so verhalten, wie eine ~Schachtel~ zu ihrem ~Deckel~
(Fig. 45). Die kernhaltige Zelle, welche in dieser Schachtel lebt,
theilt sich in zwei Hälften, und jede Hälfte bildet sich zu ihrem
Schachteldeckel eine neue Schachtel. Dieser Process wiederholt sich
mehrfach, wobei natürlich jede folgende Generation kleiner wird.
Schliesslich aber entsteht eine Generation, welche beide Schalenhälften
abwirft, wieder bis zur Grösse der ersten, grössten Generation
heranwächst, und sich nun mit einer neuen Kieselschachtel erster Grösse
umgiebt. Wegen der unendlich mannigfaltigen und zierlichen Gestalt
dieser Kieselschale, sowie wegen ihrer äusserst feinen Sculptur, sind
die Diatomeen sehr beliebte Unterhaltungs-Objecte für mikroskopischen
Formgenuss. Wenn sich die Kieselschalen der todten Diatomeen massenhaft
auf dem Grunde der Gewässer ansammeln und zu Stein verkitten, können
sie ganze Gebirgsschichten zusammensetzen, so z. B. den Polirschiefer,
das Bergmehl u. s. w.
[Illustration: Fig. 45. Eine Diatomee oder ~Bacillarie~ (~Surirella~
dentata). Die Schachtelzelle ist vom Rande gesehen, so dass man sieht,
wie die beiden Schalenklappen (s u. d) übereinander greifen, gleich
einer Schachtel (s) und ihrem Deckel (d). In der Mitte der Kern (n). p
Protoplasma.]
* * * * *
Während die meisten, bisher von uns betrachteten Protisten-Gruppen
grosse und formenreiche Classen darstellen, giebt es nun noch eine
Anzahl von kleineren, isolirten, bisweilen nur durch eine oder wenige
Formen repräsentirten Protisten, deren Einreihung in das System sehr
schwierig ist. Dies gilt z. B. von den sonderbaren ~Labyrinthuleen~.
Gesellschaften von locker verbundenen, einfachen, spindelförmigen,
gelben Zellen, die in einer eigenthümlichen Fadenbahn umherrutschen.
Eine andere Gruppe, interessant wegen ihrer Mittelstellung
zwischen verschiedenen Protisten-Classen, bilden die ~Catallacten~,
durch die Gattungen _Synura_ und _Magosphaera_ repräsentirt. Sie
bilden schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus einer Anzahl
birnförmiger gleichartiger Zellen, welche mit ihren spitzen inneren
Enden im Centrum der Gallertkugel vereinigt sind. Später lösen sich
diese Zell-Gesellschaften oder Coenobien auf. Die einzelnen isolirten
Zellen schwimmen noch eine Zeit lang selbständig umher und können
jetzt mit Ciliaten verwechselt werden. Dann aber sinken sie auf den
Meeresboden nieder und verwandeln sich in Amoeben-ähnliche Zellen.
Gleich echten Amoeben kriechen diese umher, fressen, wachsen und
kapseln sich schliesslich ein; der Zellenkörper zieht sich kugelig
zusammen und umgiebt sich mit einer Gallerthülle. Innerhalb derselben
theilt sieh die Zelle später wiederholt, in 2, 4, 8, 16, 32 Zellen
u. s. w. Diese werden birnförmig, erhalten bewegliche Wimpern und
verbinden sich wieder zu einer Flimmerkugel. Nun dreht sich die
Kugel rotirend um ihren Mittelpunkt, sprengt ihre Hülle und schwimmt
wieder frei in der Form umher, von welcher wir ausgegangen sind (Fig.
46). Das Interesse dieser merkwürdigen Protisten liegt also weniger
in besonderen Eigenthümlichkeiten, als vielmehr in der neutralen
Mittelstellung, welche sie zwischen Amoeben, Infusorien und Volvocinen
einnehmen, und wodurch sie diese verschiedenen Protisten-Classen
verknüpfen. Wir nennen sie daher »Mittlinge oder ~Vermittler~«
(_Catallacta_).
[Illustration: Fig. 46. ~Magosphaera~ (planula), eine schwimmende
Flimmerkugel von der norwegischen Küste. A von der Oberfläche, B im
Durchschnitt.]
* * * * *
Werfen wir einen vergleichenden Rückblick auf alle bisher betrachteten
Protisten-Classen, so sehen wir, dass darin die organische Zelle bald
ganz selbständig auftritt, und als ~Einsiedler-Zelle~ (_Monocyta_)
den ganzen Organismus repräsentirt, bald mit ihresgleichen sich zu
lockeren Gesellschaften verbindet und einfache ~Zellen-Gemeinden~ oder
Zellen-Horden (_Coenobia_) darstellt. Nun ist aber hiermit keineswegs
die tiefste Stufe der Organisation erschöpft, welche uns die organische
Welt darbietet. Vielmehr treffen wir noch unterhalb dieser einzelligen
Protisten jene niedrigste und unvollkommenste Classe von Organismen an,
die wir als ~Moneren~ bezeichnen. (Fig. 47, 48).
[Illustration: Fig 47. ~Protamoeba~ (primitiva), ein Moner mit
lappenförmigen Pseudopodien, gleich einer Amoebe. a kriechend, b in
Theilung begriffen, c in zwei Hälften getheilt.]
Da wir diese in dem nachstehenden Anhange (S. 68–85) zum Gegenstande
einer besonderen Besprechung machen werden, wollen wir hier nur ganz
kurz die wichtigsten Punkte hervorheben, welche den Moneren ihre hohe
Bedeutung für die Entwicklungslehre verleihen.
Die ~Moneren~ sind wahre »Organismen ohne Organe«. Ihr ganzer
lebendiger Leib besteht in völlig entwickeltem Zustande nur aus einem
ganz einfachen Protoplasma-Stückchen, welchem selbst der Kern, der
Character der echten Zelle, noch fehlt. Bezüglich ihrer Bewegungen
gleichen diese denkbar einfachsten Organismen bald den Amoeben (Fig.
47), bald den Wurzelfüsslern (Fig. 48), bald den Geisselschwärmern.
(Fig. 50). Sie vermehren sich in einfachster Weise durch Theilung. Von
der grössten theoretischen Bedeutung sind sie für die dunkle Frage von
der ersten Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Denn nur Moneren
können im Beginn des organischen Lebens auf unserm Planeten durch
Urzeugung entstanden sein; nur Moneren können die ältesten Stammältern
aller übrigen Organismen sein. Gerade in dieser Beziehung sind die
Moneren des Tiefseegrundes, und vor Allen der berühmte ~Bathybius~
(Fig. 49) vom höchsten Interesse.
[Illustration: Fig. 48. ~Protomyxa aurantiaca~, ein Moner mit
wurzelförmig verästelten fadenartigen Pseudopodien, gleich einem
Rhizopoden.]
[Illustration: Fig. 49. ~Bathybius~ (Haeckelii). Ein Plasmodium aus
den Tiefen des Oceans. Die verästelten Plasson-Ströme, durch deren
Verbindung das Netz entsteht, ändern sich beständig.]
[Illustration: Fig. 50. ~Zitterlinge~ (~Bacteria~), sehr stark
vergrössert. 1. ~Sarcine~, eine einfachste Cytode, im menschlichen
Magen schmarotzend, welche sich durch kreuzförmige Theilung vermehrt.
2. ~Bacillus~, gerade Stäbchen. 3. ~Vibrio~, korkzieherartig gewundene
Stäbchen. 4. ~Spirillum~, eben solche Spiralstäbchen, die aber an
beiden Enden eine äusserst feine, schwingende Geissel tragen.]
Eine sehr wichtige und interessante Monerengruppe bilden die
~Zitterlinge~ (_Vibriones_ oder _Bacteria_, Fig. 50). Obgleich diese
winzigen Körperchen, die zu den allerkleinsten Organismen gehören,
meistens von den Botanikern zu den Pflanzen gerechnet und als
»~Spaltpilze~ (_Schizomycetes_)« den echten Pilzen angereiht werden,
geschieht das doch ohne jeden genügenden Grund. Mindestens haben
diejenigen Zoologen, welche sie als einfachste Thiere betrachten,
ebensoviel Recht dazu. Die ~Bacterien~ sind eben echte ~Protisten~, und
zwar kleinste ~Moneren~, deren höchst einfache Organisation und ganz
neutraler Character sie weder dem Thierreich, noch dem Pflanzenreich
anzuschliessen gestattet.
Die Bacterien sind meistens stabförmige Körperchen, die sich lebhaft im
Wasser bewegen. Als Organ der Bewegung ist bei einigen grösseren Formen
eine äusserst feine, schwingende Geissel erkannt, die an beiden Enden
des Stäbchens vortritt, so bei _Spirillum_ (Fig. 50, 4). Wahrscheinlich
ist eine solche auch bei den kleineren Vibrionen vorhanden und nur
wegen ihrer ausserordentlichen Zartheit nicht wahrzunehmen. Die
Bewegung der Bacterien ist meistens sehr lebhaft, zitternd oder
wimmelnd, viele sind korkzieherartig gedreht und schrauben sich im
Wasser fort (Fig. 50, 3). In einem einzigen Wassertröpfchen können
Millionen solcher kleinsten Organismen vereinigt sein. Irgend
welche Organisations-Verhältnisse, namentlich ein Zellkern, sind an
denselben nicht nachzuweisen; sie sind daher auch nicht wirkliche
~Zellen~, sondern kernlose ~Cytoden~, gleich den anderen Moneren.
Ihre Fortpflanzung geschieht in einfachster Weise durch Theilung. Oft
zerfällt jedes Stäbchen in eine grosse Anzahl hinter einander gelegener
Stückchen.
Die grosse Bedeutung der Bacterien besteht darin, dass sie die
Zersetzung und Fäulniss der organischen Flüssigkeiten bewirken, in
welchen sie sich aufhalten. Sie ernähren sich von den organischen
Substanzen (namentlich eiweissartigen Körpern), die in solchen
Flüssigkeiten aufgelöst sind. Wahrscheinlich sind sie die Ursache
vieler der wichtigsten, ansteckenden und epidemischen Krankheiten.
So ist es neuerdings namentlich vom Milzbrand und den Blattern
festgestellt, dass nur die Bacterien, die im Blute der milzbrandkranken
und blatternkranken Thiere leben, die Uebertragung dieser tödtlichen
Krankheiten bewirken.
* * * * *
Ueberblickt man unbefangen prüfend und vergleichend die Masse von
verschiedenartigen Urwesen, die wir in unserem Protistenreiche
vereinigt haben, so scheint die Selbständigkeit dieses letzteren
keines weiteren Beweises zu bedürfen. Denn es existirt noch heute eine
ungeheuere Menge von formenreichen, mikroskopischen Wesen, die wir
ohne willkürlichen Zwang weder zum Thierreich noch zum Pflanzenreich
rechnen können. Aber das natürliche Verhältniss dieser beiden grossen
Lebensreiche zu jenem ~neutralen~, zwischen Beiden mitten inne
stehenden ~Protistenreiche~ wird noch vielfacher Durchforschung und
Klärung bedürfen. Insbesondere wird die ~Entwickelungsgeschichte~
der Protisten noch viel genauer und umfassender zu erforschen sein.
Denn vor allen die Entwickelungsgeschichte wird hier, wie überall, der
»wahre Lichtträger« für das Verständnis der biologischen Erscheinungen
sein.
Uebrigens scheint gegen das Thierreich hin eine feste und klare
Abgrenzung des Protistenreichs schon jetzt sicher gewonnen zu sein.
Denn bei allen echten Thieren entwickelt sich der Leib aus zwei
ursprünglichen Zellenschichten, die unter dem Namen der ~Keimblätter~
bekannt sind.
[Illustration: Fig. 51. ~Gastrula~ (Darmlarve) eines Kalkschwammes,
~Olynthus~. A von der Oberfläche. B im Längsschnitt. e äusseres
Keimblatt (Hautblatt oder Exoderm). i Inneres Keimblatt (Darmblatt oder
Entoderm). o Urmund. g Urdarmhöhle.]
Aus dem äusseren oder animalen (_Exoderma_ oder ~Hautblatt~, Fig. 51 e)
entstehen die Organe der Empfindung und Bewegung; aus dem innern oder
vegetativen Keimblatte (_Entoderma_ oder ~Darmblatt~, Fig. 51 i) die
Organe der Ernährung. Das letztere umschliesst eine ernährende Höhle,
die erste Anlage des Magens, oder den ~Urdarm~ (g), und dieser öffnet
sich nach aussen durch eine einfache Mundöffnung, den ~Urmund~ (o). Die
bedeutungsvolle Keimform, welche uns den Thierleib dergestalt, blos
aus zwei Keimblättern gebildet, vor Augen führt, ist die ~Gastrula~
(Darmlarve oder Becherkeim).
[Illustration: Fig. 52–57. ~Gastrula~ von sechs verschiedenen Thieren.
Fig. 52 (B) ~Wurm~ (Sagitta). Fig. 53 (C) ~Seestern~ (Uraster). Fig. 54
(D) ~Krebs~ (Nauplius). Fig. 55 (E) ~Schnecke~ (Lymnaeus). Fig. 56 (A)
~Pflanzenthier~ (Gastrophysema). Fig. 57 (F) ~Wirbelthier~ (Amphioxus).
— Ueberall bedeutet: e Hautblatt (Exoderm), i Darmblatt (Entoderm), d
Urdarm, o Urmund.]
[Illustration: Fig. 58. ~Gastrula~ eines ~Säugethieres~ (Kaninchen).
e Hautblatt (Exoderm). i Darmblatt (Entoderm). d eine centrale
Entoderm-Zelle, welche die enge Urdarmhülle ausfüllt. o eine
Entoderm-Zelle, welche die Urmundöffnung verstopft. Ebenso wie beim
Kaninchen verhält sich wahrscheinlich auch die ~Gastrula~ beim
~Menschen~.]
Diese ~Gastrula ist das wahre Thier in einfachster~ Form. Denn
bei allen echten Thieren fängt die Entwickelung des Eies zur
verschiedenartigen Thierform mit der gleichartigen Bildung dieser
Gastrula an. Die niedersten Pflanzenthiere, die Physemarien (Fig. 56)
wie die Schwämme (Fig. 51), die niedrigsten Würmer (Fig. 52), ebenso
die Sternthiere (Fig. 53), die Gliederthiere (Fig. 54) ebenso wie die
Weichthiere (Fig. 55), ja sogar die niedrigsten Wirbelthiere (Fig.
57), durchlaufen in frühester Jugend diese ~Gastrula~-Keimform; die
anderen Thiere bilden zweiblättrige Keimformen, die nur als abgeänderte
Gastrula-Keime betrachtet werden können; so auch die Säugethiere, mit
Inbegriff des Menschen (Fig. 58); überall baut sich der echte Thierleib
ursprünglich ~aus zwei Keimblättern~ auf. Hingegen erhebt sich kein
einziges Protist zur Production von Keimblättern und zur Bildung einer
Gastrula.
* * * * *
Weniger klar und scharf lässt sich unser Protistenreich gegen das
~Pflanzenreich~ hin abgrenzen. Doch dürften auch hier die Verhältnisse
der individuellen Entwickelung und des feineren Baues die Handhabe
liefern, mit deren Hülfe wir die Grenzlinie ziehen können. Auch bei
den echten Pflanzen ordnen sich die Zellen, welche den Körper zunächst
aufbauen, in bestimmter Weise zu Zellenreihen oder ~Zellenschichten~;
und die charakteristische einfachste Pflanzenform der Art bildet
den sogenannten ~Thallus~ oder das »Zellenlager«. Bei den niederen
Pflanzen bleibt der Thallus als solcher zeitlebens bestehen, bei den
höheren sondert oder differenzirt er sich in Stengel und Blätter. Auch
vermehren sich alle echten Pflanzen auf geschlechtlichem Wege, während
dies bei den Protisten nicht der Fall ist.
Eine ~absolute~ Grenze freilich zwischen den drei organischen Reichen
können und wollen wir nicht feststellen. Denn auch die echten Pflanzen,
wie die echten Thiere, durchlaufen in ihrer frühesten Entwickelung,
als einzelliges Ei, als einfacher Zellenhaufen u. s. w. niedere
Formzustände, welche gewissen Protisten gleichen. Nach unserem
biogenetischen Grundgesetze müssen wir daraus den Schluss ziehen, dass
sämmtliche Organismen, Thiere, Protisten und Pflanzen, von höchst
einfachen einzelligen Organismen abstammen; und wenn wir diese ältesten
Stammformen heute lebend vor uns hätten, würden wir sie jedenfalls für
neutrale ~Protisten~ erklären.
Eine gute ~negative~ Charakteristik der Protisten, gegenüber den
echten Thieren und den echten Pflanzen, lässt sich darauf gründen,
dass sie weder eine ~Gastrula~ mit zwei Keimblättern bilden, wie die
ersteren, noch einen ~Thallus~ oder ein Prothallium, wie die letzteren.
Damit in Zusammenhang steht der Umstand, dass die Protisten niemals
wirkliche (aus vielen Zellen zusammengesetzte) ~Gewebe~ und ~Organe~
bilden, wie alle echten Thiere und Pflanzen. Auch ist es sicher von
grosser Bedeutung, dass die grosse Mehrzahl aller Protisten sich
ausschliesslich auf ~ungeschlechtlichem~ Wege fortpflanzt (durch
Theilung, Knospenbildung, Sporenbildung). Aber selbst bei den wenigen
Protisten, welche sich bereits zur geschlechtlichen Zeugung in
einfachster Form erheben, geht der Gegensatz zwischen männlichen und
weiblichen Theilen niemals so weit, wie es bei allen echten Thieren
und Pflanzen der Fall ist. Sie repräsentiren in jeder Beziehung jene
~niedere~ älteste Bildungsstufe, welche jedenfalls der Entwickelung
echter Thiere und echter Pflanzen vorausgegangen sein muss.
Diese Betrachtungen führen uns auf denjenigen Weg, auf welchem
allein eigentlich das Verhältniss der drei organischen Reiche zu
einander entscheidend aufgeklärt werden kann, auf den Weg der
~Stammesgeschichte~ oder ~Phylogenie~. Wenn wir ganz genau wüssten,
wie sich das organische Leben auf unserem Erdball von Anfang an
entwickelt hat, wie die Thiere, Protisten und Pflanzen ursprünglich
entstanden sind, dann würden wir auch das Verhältniss der drei Reiche
zu einander klar und unzweideutig beurtheilen können. Aber der sichere
Weg der unmittelbaren Erfahrung bleibt uns für die Erkenntniss dieses
wichtigen Verhältnisses auf ewig verschlossen. Kein lebendes Wesen
und keine Schöpfungsurkunde kann uns erzählen, wie jener älteste
Entwickelungsgang des organischen Lebens vor vielen Millionen von
Jahren begonnen und wie er sich weiterhin zunächst gestaltet hat.
Tausende von Arten und Gattungen, Millionen von Generationen sind in’s
Grab gesunken, ohne uns sichtbare Spuren ihrer Existenz hinterlassen
zu haben. Und gerade die wichtigsten von Allen, die ältesten und
einfachsten Formen, konnten wegen des Mangels harter Körpertheile
keine Versteinerungen zurücklassen.
Aber wenn uns auch der streng empirische Weg der Erkenntniss in
dieser hochwichtigen Ursprungsfrage unwiderruflich verschlossen
ist, so bleibt uns doch hier, wie überall, zur Ausfüllung unserer
Erkenntnisslücken der Weg der wissenschaftlichen Hypothese offen. Wenn
diese ~historische Hypothese~ sich in umfassender Weise auf die bisher
erkannten wissenschaftlichen Thatsachen stützt, so ist sie in der
Naturgeschichte der Lebewesen ebenso berechtigt, wie in der Geologie,
in der Archaeologie, der Culturgeschichte und anderen historischen
Wissenschaften. Und wie uns die allgemein anerkannten geologischen
Hypothesen dazu geführt haben, eine befriedigende Einsicht in den
Entwickelungsgang unsers Erdballs zu gewinnen, so werden auch die
phylogenetischen Hypothesen, die wir auf die von ~Darwin~ reformirte
Descendenz-Theorie gründen, Licht über den Entwickelungsgang des
organischen Lebens auf der Erde verbreiten.
* * * * *
Wir können hier nicht auf eine Beleuchtung und Begründung aller der
verschiedenen phylogenetischen Hypothesen eingehen, welche über
diesen Entwickelungsgang aufgestellt worden sind. Nur auf diejenige
Vorstellung wollen wir schliesslich noch einen flüchtigen Blick werfen,
welche heuzutage am meisten innere Wahrscheinlichkeit für sich hat.
Danach müssen wir annehmen, dass das Leben auf unserem Planeten mit
der selbständigen Entstehung der allereinfachsten ~Protisten~ aus
anorganischen Verbindungen begonnen hat. Diese ältesten Lebewesen der
Erde werden den heute noch existirenden ~Moneren~ ähnlich gewesen sein:
einfachste lebende Protoplasma-Stückchen ohne jegliche Organbildung.
Daraus werden sich zunächst durch Sonderung eines Darmes im Inneren
einzellige Protisten gebildet haben, und zwar höchst einfache, formlose
und indifferente ~Zellen~, gleich den ~Amoeben~. Indem einige von
diesen einzelligen Protisten, von geselligen Neigungen getrieben, sich
daran gewöhnten, in kleinen Gesellschaften vereinigt zu leben, werden
die ersten vielzelligen Organismen entstanden sein, und zwar zunächst
auch nur wieder einfache Zellenhorden, lockere Gesellschaften von
gleichartigen Zellen.
Nun ist es wohl wahrscheinlich, dass diese ältesten und einfachsten
Entwickelungsvorgänge des organischen Lebens sich an zahlreichen
verschiedenen Stellen des jugendlichen Erdballs gleichzeitig und
unabhängig von einander wiederholt haben. So können also verschiedene
und vielleicht zahlreiche Formen von Protisten unabhängig von einander
entstanden sein; zuerst einzellige, später vielzellige. Durch den
allgemeinen Kampf um’s Dasein, der auch unter diesen Protisten
frühzeitig sich geltend machte, werden dieselben allmählich zu höherer
Sonderung und Vervollkommnung angetrieben worden sein. Als wichtigster
Vorgang ist da sicher die gegensätzliche Sonderung von thierischen
und pflanzlichen Lebens-Processen hervorzuheben. Die einen Protisten
begannen mehr an thierische, die andere an pflanzliche Lebensweise
sich anzupassen, und mit der Lebensweise in Wechselwirkung entstand
die charakteristische Körperform. Eine dritte, conservative Gruppe von
Protisten behielt den ursprünglichen neutralen Character bei. Indem
jene Anpassungen sich im Laufe der Zeit durch Vererbung befestigten,
bildeten sich neben einander die drei grossen organischen Reiche aus.
Mit Beziehung auf den Stoffwechsel und die Ernährung würden wir
freilich sagen können, dass diese ältesten Bewohner unseres Planeten
~Pflanzen~ waren, — richtiger: Protisten mit pflanzlichem Stoffwechsel;
Protisten, welche gleich echten Pflanzen aus Wasser, Kohlensäure und
Ammoniak die wichtigste »Lebens-Basis«, das ~Plasson~, zusammensetzten,
und dieses Plasson sonderte sich später in Protoplasma und Nucleus.
Die ältesten ~Thiere~ hingegen — oder richtiger: die ältesten Protisten
mit thierischem Stoffwechsel, waren ~Parasiten~, schmarotzende
Protisten, welche es bequemer fanden, sich das von anderen Protisten
gebildete Protoplasma anzueignen, als selbst solches zu bilden.
Da eben ursprünglich viele Protisten-Stämme sich unabhängig von
einander entwickelt haben können, von verschiedenen autogonen
Moneren abstammend, so können auch diese Anpassungen sich mehrmals
(polyphyletisch) wiederholt haben.
Aber auch wenn wir diese vielstämmige (polyphyletische) Hypothese
verwerfen und wenn wir mehr zu der einstämmigen (monophyletischen)
Annahme hinneigen, dass der Ursprung aller lebenden Wesen auf eine
einzige gemeinsame Stammform zurückgeführt werden muss, auch dann
werden wir doch im Ganzen wieder zu ähnlichen Vorstellungen über das
Verhältniss der drei Reiche gelangen. Auch in diesem Falle werden
wir annehmen müssen, dass jene älteste ursprüngliche Stammform eine
einfachste Cytode, ein ~Moner~ war, und dass sich aus den Nachkommen
jenes Moners zunächst einfache ~Zellen~ entwickelten. Diese Zellen
werden sich wieder in thierische und pflanzliche gesondert haben,
und so wird sich nach einer Richtung hin das Thierreich, nach einer
anderen das Pflanzenreich ausgebildet haben, zwei gewaltigen, weit
verzweigten Stämmen vergleichbar. Aber aus der gemeinsamen Wurzel, in
der diese beiden grossen Stämme zusammenhängen, haben sich ausserdem
noch zahlreiche niedere und indifferente Wurzelschösslinge selbständig
entwickelt; und diese bilden zusammen unser Reich der ~Protisten~.
Gleichviel ob wir dieser einstämmigen oder jener vielstämmigen
Hypothese den Vorzug geben, so bleibt jedenfalls so viel sicher, dass
Thierreich und Pflanzenreich nur in ihren vollkommneren Formen sich
schroff gegenüber stehen, in ihren niederen Formen dagegen durch
das Protistenreich untrennbar zusammenhängen. Die wissenschaftliche
Begründung dieser wichtigen Anschauung ist uns erst durch die
grossartigen Fortschritte der letzten vierzig Jahre möglich geworden.
Aber mit dem Genius des Propheten hat schon vor siebzig Jahren einer
unserer tiefblickendsten Naturphilosophen, Deutschlands genialster
Dichter, dieselbe Anschauung ahnungsvoll ausgesprochen. In Jena schrieb
~Göthe~ 1806 den merkwürdigen Satz nieder: »Wenn man Pflanzen und
Thiere in ihrem unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind sie kaum
zu unterscheiden. So viel aber können wir sagen, dass die aus einer
kaum zu sondernden Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach und
nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten Seiten sich
vervollkommnen, so dass die Pflanze sich zuletzt im Baume dauernd und
starr, das Thier im Menschen zur höchsten Beweglichkeit und Freiheit
sich verherrlicht.«
Bathybius und die Moneren.
»Der vielbesprochene Bathybius existirt nicht; seine Annahme beruhte
auf Täuschungen. So werden auch die übrigen Moneren nicht existiren;
auch diese angeblichen Urorganismen werden das Erzeugniss irrthümlicher
Beobachtungen sein. Mithin ist einer der wichtigsten Grundpfeiler der
modernen Entwickelungslehre gefallen; und so werden auch ihre übrigen
Stützpfeiler auf Täuschungen und Irrthum gegründet sein. Der ganze
Darwinismus ist ein grosses Luftschloss, die Selectionstheorie eine
Seifenblase, und die Abstammungslehre ist überhaupt nicht wahr.«
So ungefähr ist der Gedankengang zahlreicher Artikel, denen wir seit
einem Jahre in den verschiedensten Zeitschriften begegnen. Einzig und
allein auf die angebliche Nichtexistenz des ~Bathybius~ gestützt,
behauptet man kurzweg, dass es überhaupt keine ~Moneren~ gebe, und
dass damit die ganze Entwickelungslehre den schwersten Stoss erhalten
habe. Am liebsten wird diese Behauptung natürlich von den Gegnern
der Entwickelungslehre vorgetragen und in den mannigfaltigsten
Tonarten variirt. Der Clerus triumphirt bereits über den völligen
Untergang der Descendenztheorie. Aber selbst bei vielen Anhängern
der Entwickelungstheorie gilt die Nichtexistenz des Bathybius als
ausgemacht und es wird daraus eine Reihe von Schlussfolgerungen
gezogen, die als mehr oder minder gewichtige Einwürfe gegen
hervorragende Hauptpunkte des Darwinismus Bedenken erregen. Diese
Umstände, sowie die Unklarheit, in welcher sich der grösste Theil
des dafür interessirten Publicums über den eigentlichen Thatbestand
befindet, bestimmt uns, hier die Moneren-Frage mit besonderer Rücksicht
auf den Bathybius zu erörtern. Ich selbst erscheine zu dieser
Erörterung insofern besonders berechtigt, ja sogar verpflichtet, als
ich das zweifelhafte Glück geniesse, bei dem »berüchtigten Urschleim
der Meerestiefen« Gevatter gestanden zu haben. Als mein Freund ~Thomas
Huxley~ 1868 ihm bei der Taufe den Namen _Bathybius Haeckelii_
beilegte, konnte er freilich nicht ahnen, dass der arme Täufling, einem
Icarus gleich, in kürzester Zeit zu einer biologischen Celebrität
werden, die Sonnenhöhe irdischer Berühmtheit erlangen und noch vor
Ablauf seines ersten Decenniums in den dunkeln Hades der Mythologie
hinabstürzen werde! Sehen wir denn zu, ob er wirklich todt ist, ob
er überhaupt nicht existirt hat. Und wenn wir wirklich seine bloss
mythologische Schein-Existenz zugeben müssten, sehen wir weiter zu, was
daraus für die Moneren folgt!