E. HÆCKEL.

Mit zahlreichen Holzschnitten.

[Illustration]

Leipzig.

Ernst Günther’s Verlag.

1878.

Alle Rechte vorbehalten.

Für das tiefere Verständniss unserer heutigen Entwicklungslehre und

der darauf gegründeten einheitlichen Weltanschauung dürften wenige

Zweige der Naturwissenschaft von so fundamentaler Bedeutung sein,

wie die Naturgeschichte der niedersten Lebewesen, der sogenannten

~Protisten~. Denn die urwüchsige Einfachheit im Körperbau und in

den Lebens-Erscheinungen dieser unvollkommnen »Urwesen« öffnet uns

erst den wahren Weg für das Verständniss der viel entwickelteren und

schwierigeren Erscheinungen, welche uns die Anatomie und Physiologie

der höheren und vollkommneren Organismen, der echten Thiere und

Pflanzen darbietet. Dennoch ist die Bekanntschaft mit den Protisten

bisher fast nur auf die gelehrten Fachkreise beschränkt geblieben

und erst sehr wenig in weitere Kreise eingedrungen. Das ist auch

leicht erklärlich. Denn die grosse Mehrzahl jener einfachsten

Lebensformen, die wir im »Protistenreich« zusammenfassen, ist dem

unbewaffneten Auge völlig verborgen. Erst durch das Mikroskop können

wir sie erkennen, und meistens erst mit Hülfe starker Vergrösserungen

ihre Form-Verhältnisse genau erforschen. Aber auch dann ist diese

Erforschung noch mit vielen Schwierigkeiten und Hindernissen verknüpft.

Denn die allgemeinen Anschauungen vom lebendigen Organismus, die

gewöhnlichen Begriffe von den Organen und Functionen der Lebewesen,

welche wir aus der alltäglichen Anschauung des höheren Thier- und

Pflanzen-Lebens uns gebildet haben, passen nur wenig oder gar nicht auf

jene niedersten Lebensformen. Ausserdem ist aber auch die gründliche

wissenschaftliche Forschung der letzteren kaum vierzig Jahre alt; und

erst die sehr ausgedehnten und sorgfältigen Untersuchungen der letzten

zwanzig Jahre haben ihre Kenntniss auf eine solche Höhe gebracht,

dass wir gegenwärtig wenigstens eine befriedigende Vorstellung von

der Eigenthümlichkeit und eine klare Einsicht in die Bedeutung des

Protisten-Reiches gewonnen haben.

Wenn wir nun hier den Versuch wagen, in allgemein-verständlicher Form

eine kurze Uebersicht über das ganze grosse Protistenreich zu geben,

und seine hohe Bedeutung für die Entwicklungslehre dem Verständniss der

gebildeten Kreise näher zu bringen, so sind wir uns der grossen damit

verknüpften Schwierigkeiten wohl bewusst. Wir glauben aber denselben

am besten zu begegnen, wenn wir uns auf die gedrungene Zusammenfassung

des Wichtigsten beschränken, und die Bekanntschaft mit dem höchst

mannigfaltigen und interessanten Detail dieses unendlich reichen

Forschungs-Gebietes dem Studium der Special-Werke überantworten.

Zunächst wird sicher für unsere moderne Entwicklungslehre und weiterhin

auch für unsere damit verknüpfte monistische Weltauffassung schon viel

gewonnen sein, wenn eine allgemeine Anschauung von dem weiten Umfang

des mikroskopischen Lebensreiches, von der Einfachheit und elementaren

Bedeutung des »kleinsten Lebens« sich einen Platz im Bewusstsein

unserer gebildeten Kreise erobert hat.

Die niedersten Lebewesen, die wir hier als ~Protisten~, d. h.

»~Erstlinge~« oder »~Urwesen~« zusammenfassen, werden in weiteren

Kreisen auch heute noch sehr oft mit den unpassenden Namen Infusorien

oder ~Infusionsthierchen~ (im weiteren Sinne!) bezeichnet. In

den systematischen Lehrbüchern der Naturgeschichte werden sie

meistens als ~Urthiere~ (oder »~Protozoa~«) aufgeführt. Die beste

deutsche Bezeichnung für die ganze grosse Gruppe wäre vielleicht:

~Zellinge~ oder Zellwesen; denn es würde dadurch die wesentlichste

Eigenthümlichkeit ihrer Organisation, die autonome Selbständigkeit und

permanente Individualität ihres einfachen Zellen-Leibes in präcisester

Weise ausgedrückt.

Obgleich Viele von der Existenz der meisten mikroskopischen Protisten

keine Ahnung haben, so kommt dennoch jeder Mensch unendlich oft

mit ihnen in Berührung. Jeder hat beim Wassertrinken, beim Essen

von Früchten, Austern und anderen rohen Speisen schon Tausende und

Millionen von lebenden Protisten verschluckt, ohne sich dessen bewusst

geworden zu sein. Denn obgleich diese merkwürdigen Geschöpfe von dem

unbewaffneten Auge des Menschen zum grössten Theile gar nicht erkannt

oder höchstens als ganz kleine Pünktchen wahrgenommen werden, sind sie

dennoch in zahllosen, höchst mannigfaltigen und interessanten Formen

allenthalben über unseren Erdball verbreitet. Unsere Mikroskope weisen

uns dieselben überall im süssen und salzigen Wasser nach. Alle Bäche

und Flüsse, alle Teiche und Seen, alle Tümpel und Gräben enthalten

solche Urthierchen, oft in unglaublicher Masse. Man kann keinen Stein,

keine Pflanze aus dem Wasser heben, ohne in dem daran haftenden

schleimigen Ueberzug wenigstens einzelne Infusorien zu finden. Ebenso

ist das Meer überall von ihnen belebt. Der weiche Schlamm, der den

Meeresgrund bedeckt, besteht zum grossen Theil aus dergleichen

Protozoen. Der feine schlammige Ueberzug, der bei ruhigem Wetter

den klaren Meeresspiegel überzieht, ist aus Milliarden schwimmender

Infusorien zusammengesetzt. Aber auch der Staub unserer Strassen, der

Sand unserer Dachrinnen, die Humus-Erde unserer Felder und Wälder,

enthält Millionen kleinster Infusorien-Keime, sowie eingetrocknete,

aber noch lebensfähige Körper derselben. Wir brauchen bloss diesen

Staub und Sand in einem Glase mit etwas Wasser zu übergiessen und

diesen Aufguss einige Zeit in der Sonne stehen zu lassen, um durch

unser Mikroskop Massen von beweglichen Infusorien wahrzunehmen;

theils haben sie sich in kürzester Zeit aus jenen Keimen entwickelt,

theils sind sie unter dem belebenden Einflusse des Wassers aus ihrem

Trockenschlafe zu neuem Leben erwacht. Ist es ja doch gerade diese

Erscheinung, die zu der Benennung: ~Infusoria~ oder Infusionsthierchen,

d. h. »~Aufgussthierchen~« Veranlassung gab.

Es sind jetzt kaum zweihundert Jahre verflossen, seitdem die

mikroskopischen Infusorien durch den holländischen Naturforscher ~Anton

van Leeuwenhoek~ zuerst in einem Topfe voll stehenden Regenwassers

entdeckt wurden. Die Holländer haben die zweihundertjährige Jubelfeier

dieser Entdeckung, die damals das grösste Aufsehen erregte, vor wenigen

Jahren (1875) feierlichst begangen; und sie thaten Recht daran. Denn

die wissenschaftliche Tragweite derselben ist in der That unermesslich,

und je mehr wir mit unseren vervollkommneten Mikroskopen in die

tiefsten Geheimnisse des Lebens eindringen, desto mehr werden wir uns

ihrer Bedeutung bewusst.

Unsere ganze Anschauung vom Wesen des ~Lebens~ und von der

~Entwicklung~ der organischen Gestalten ist durch die genauere

Erkenntniss dieser Urthierchen oder Infusionsthierchen unendlich

erweitert und gefördert worden. Anatomie und Physiologie,

Entwickelungsgeschichte und Systematik verdanken ihr die wichtigsten

Aufschlüsse. Selbst für die Geologie haben sie eine ausserordentliche

Bedeutung erlangt. Denn diese kleinsten Lebensformen haben keinen

geringeren Einfluss auf die Bildung der mächtigsten Gebirgsmassen

und auf die ganze Gestaltung unserer Erdrinde ausgeübt, als alle die

zahlreichen grossen Thiere und Pflanzen, die unsern Planeten seit

Millionen von Jahren belebt haben. Die mikroskopischen Kalkschalen

und Kieselgehäuse, welche sich die meisten Urthiere bilden, bleiben

nach dem Tode ihrer Bewohner unverändert übrig. Sie häufen sich

auf dem Grunde der Gewässer massenhaft an, bilden hier mächtige

Schlammschichten und werden im Laufe der Jahrtausende zu festem

Gesteine verdichtet. So sind z. B. die Kreide-Gebirge von England und

von der Insel Rügen, sowie die über der Kreideformation abgelagerten

eocänen Tertiärschichten zum grössten Theile, oft fast ausschliesslich,

aus den zierlichen Kalkschalen der Polythalamien zusammengesetzt.

Andere Gesteine, wie z. B. die tertiären Felsmassen von Barbados

und von den Nikobaren-Inseln, zeigen sich zum grössten Theile aus

den reizenden Kieselpanzern der Radiolarien gebildet. Viele von den

Gesteinen, welche solchen Urthierchen ihre Entstehung verdanken,

liefern ein vorzügliches Baumaterial; und manche unserer grössten

Städte sind vorzugsweise aus dergleichen Steinen erbaut, so z. B. Wien

und Paris.

* * * * *

Die berühmten Tiefsee-Forschungen der neuesten Zeit, zu denen die

erste Legung des atlantischen Telegraphen-Kabels den Anstoss gab,

haben jene felsbildende Macht des kleinsten Lebens in das hellste

Licht gestellt. Sie haben uns gezeigt, wie noch heute in den

tiefsten Abgründen des Meeres unaufhörlich kreideartiges Gestein

aus feinstem Meeresschlamm entsteht, und wie dieser Schlamm fast

ausschliesslich aus den Kalkschalen und Kieselpanzern unglaublicher

Massen von Urthierchen gebildet wird. Vor Allem sind es hier die

unvergleichlichen Entdeckungen der bewunderungswürdigen britischen

~Challenger~-Expedition, welche uns mit einer Fülle neuer und

überraschender Anschauungen über die »~Mikrogeologie~«, über das

reiche, räthselvolle, mikroskopische Leben der Tiefsee-Thäler

bereichert haben.

Wie nun die eifrigen Forschungen des letzten halben Jahrhunderts unsere

Kenntniss vom Leben und Weben der Urthiere, von ihrer Gestaltung

und Entwickelung ungemein gefördert haben, so haben sie auch unsere

Ansichten von ihrer Stellung in der Natur und von ihrer systematischen

Gruppirung sehr wesentlich verändert. Das System der organischen Formen

ist ja immer mehr oder weniger der Ausdruck der Anschauungen, welche

wir von ihrer natürlichen Verwandtschaft besitzen, und so zeigen uns

denn auch die grossen Veränderungen, welche das System der Urthiere im

Verlauf der letzten Jahrzehnte erlitten hat, am klarsten den gewaltigen

Umschwung unserer bezüglichen Vorstellungen. Nachdem vor neunzig

Jahren (1786) ~Otto Friedrich Müller~ den ersten umfassenden Entwurf

eines Systems der Infusionsthierchen gegeben hatte, erschien vor

vierzig Jahren das grosse Prachtwerk des berühmten (1876 verstorbenen)

Naturforschers ~Ehrenberg~: »Die Infusionsthierchen als vollkommene

Organismen. Ein Blick in das tiefere organische Leben der Natur.«

Das war im Jahre 1838, in demselben für die Naturwissenschaft Epoche

machenden Jahre, in welchem der geniale Botaniker ~Schleiden~ in Jena

zuerst den Grund zu der höchst fruchtbaren ~Zellen-Theorie~ legte. In

der That ein merkwürdiger Zufall; eine seltsame Ironie des Schicksals.

Denn ~Ehrenberg~ war in seinem grossen Hauptwerke vor Allem bemüht,

das ihm eigene »~Princip überall gleich vollendeter Entwicklung~«

zur Geltung zu bringen. Er suchte bei den Infusorien eine eben so

vollkommene Organisation nachzuweisen, wie bei den höheren Thieren

und beim Menschen. Er glaubte überall Nerven und Muskeln, Darm und

Blutgefässe, männliche und weibliche Organe unterscheiden zu können.

Gerade dieses Prinzip war ~grundfalsch~; vielmehr sind die Infusorien

höchst einfache Organismen: die meisten haben nur die Bedeutung und den

Werth einer einzigen einfachen Zelle; und ihr wahres Verständniss wird

uns erst durch die Zellentheorie gegeben.

Der alte Name »Infusionsthierchen« wird heute nur noch auf einen

kleinen Theil der mikroskopischen Wesen angewendet, welche ~Ehrenberg~

in seinem grossen Werke als solche beschrieb. Nur die Wimperthierchen

oder ~Ciliaten~ und die Borstenthierchen oder ~Acineten~, oft

auch die Geisselschwärmer oder ~Flagellaten~ werden heute noch in

wissenschaftlichen Werken »Infusorien« genannt; die formenreichen

Kieselzellen oder ~Diatomeen~ werden dagegen meist von den Botanikern

zu den Algen gerechnet. Die Räderthierchen (_Rotatoria_), die für

~Ehrenberg~ gerade den Typus der Infusoria bildeten, sind Würmer,

also Thiere von viel höherer Organisation. Dagegen bilden die Amoeben

und ihre Verwandten heute eine besondere wichtige Protisten-Classe,

die wir Lappenthierchen oder ~Lobosa~ nennen. Neben diesen aber hat

die fortgeschrittene mikroskopische Forschung uns andere Classen von

Urthierchen kennen gelehrt, die viel zahlreichere, merkwürdigere und

mannigfaltigere Formen enthalten, als jene älteren Infusionsthierchen:

vor allen die wunderbare Classe der Wurzelfüssler oder ~Rhizopoden~;

die Sonnenthierchen oder ~Heliozoen~, die kalkschaligen ~Thalamophoren~

und kieselschaligen ~Radiolarien~. Diesen schliessen sich eng die

sonderbaren Schleimpilze oder ~Myxomyceten~ an, welche die Botaniker

früher zu den echten ~Pilzen~ (_Fungi_) stellten. Aber auch die

Stellung dieser letzteren im Pflanzenreiche ist ganz zweifelhaft

geworden und es bestehen gewichtige Gründe dafür, sie aus letzterem

in das Protistenreich zu versetzen. Als eine besondere, interessante,

wenn auch nur sehr kleine Protisten-Classe dürfen wir die ~Catallacten~

betrachten. Endlich finden wir unten auf der tiefsten Stufe jener

höchst einfachen, wunderbaren Wesen, mit denen das organische Leben in

denkbar einfachster Gestalt beginnt, die ~Moneren~.

Schon beim ersten Blick auf die wunderbare Formenwelt, welche uns hier

das Mikroskop entschleiert, wird sich jedem Unbefangenen zunächst

die Frage aufdrängen: »Sind denn diese sogenannten Urthiere oder

Infusionsthiere wirkliche, echte ~Thiere~ und warum werden sie von

den Naturforschern in das Thierreich gestellt?« Diese Frage ist

vollständig berechtigt; sie gehört zu jenen schwierigen Grundfragen

der allgemeinen Biologie, deren Lösung durch unsere fortschreitende

Kenntniss eher erschwert als erleichert wird. Wenn wir nämlich

althergebrachter Maassen die ganze organische Natur in die beiden

grossen Hälften: Thierreich und Pflanzenreich eintheilen, und wenn wir

damit glauben den natürlichen Gegensatz zwischen zwei völlig getrennten

Hauptgebieten auszusprechen, so ist diese Unterscheidung zwar durch

die festgewurzelte Anschauung und den Sprachgebrauch von Jahrtausenden

geheiligt; aber logisch begründbar und wirklich naturgemäss ist sie

nicht. Vielmehr lehren uns gerade unsere Urthierchen das Gegentheil.

Je genauer wir deren Formen und Lebenserscheinungen studiert haben,

je vollständiger uns ihre ganze Entwicklungsgeschichte bekannt

geworden ist, desto klarer hat sich herausgestellt, dass sie eine

ununterbrochene Verbindungsbrücke zwischen den tiefsten Stufen des

Thierreichs und des Pflanzenreichs herstellen. So leicht und sicher

wir die höheren und vollkommneren Stufen der beiden grossen Reiche

von einander unterscheiden können, so schwer, ja so unmöglich wird

diese Trennung auf den niedrigsten und unvollkommensten Stufen. Denn

hier sind beide Reiche durch eine zusammenhängende Kette von einfachen

Uebergangsformen untrennbar verbunden.

Die Erkenntniss dieser wichtigen Thatsache, welche heute unzweifelhaft

festgestellt ist, hat zu den lebhaftesten Streitigkeiten über die

Grenze zwischen Thierreich und Pflanzenreich Veranlassung gegeben.

Sie hat zugleich die abweichendsten Anschauungen über das Wesen der

zweifelhaften Infusorien hervorgerufen, die mitten zwischen den beiden

grossen Reichen der organischen Natur ein neutrales Grenzgebiet für

sich in Anspruch nehmen.

Während nämlich viele Infusorien von den Zoologen für Thiere,

von den Botanikern dagegen für Pflanzen erklärt, und demnach von

Beiden annectirt wurden, hatten Andere gerade das entgegengesetzte

Schicksal: sie wurden von Beiden verschmäht; bei einer dritten

Gruppe von Infusorien schien sogar nur die Annahme übrig zu bleiben,

dass sie abwechselnd als Thiere und Pflanzen lebten. Der daraus

entspringende Streit über ihre wahre Natur scheint am einfachsten

dadurch entschieden zu werden, dass man den ~Begriff~ von ~Thier~ und

~Pflanze~ scharf umschreibt, und diese unzweideutige Begriffsbestimmung

auf jene zweifelhaften Mittelwesen anwendet. Aber diese gesuchte

Begriffsbestimmung selbst ist ein unlösbares Problem; je mehr Mühe

man darauf verwendet hat, desto klarer hat sich herausgestellt, dass

es überhaupt auf einer falschen Fragestellung beruht, und dass die

Begriffe von Thier und Pflanze nicht in der Natur begründet sind.

Um nun den so entstandenen Schwierigkeiten zu entgehen, und um zu einer

vernünftigen Classification der organischen Wesen zu gelangen, ist

schliesslich nur ein Ausweg übrig geblieben: nämlich die Aufstellung

eines dritten, selbständigen Reiches von elementaren Organismen:

Das ist unser Reich der ~Protisten~ oder ~Zellinge~, das Reich der

neutralen Urwesen. Wir fassen demnach die ganze organische Natur, die

Gesammtheit aller lebenden Wesen unsers Erdballs, als ein grosses

einheitliches Ganze auf; und dieses umfassende Universalreich theilen

wir in drei Reiche: das Thierreich einerseits, das Pflanzenreich

andrerseits, mitten zwischen Beiden das neutrale Reich der Protisten.

* * * * *

Um nun die Aufstellung unseres ~Protistenreich~ zu rechtfertigen,

wollen wir einen flüchtigen Blick auf die verschiedenen

Character-Seiten des Thier- und Pflanzenreichs werfen. Es wird sich

dabei von selbst ergeben, dass unsere Protisten weder dem einen, noch

dem anderen vollständig entsprechen. Verweilen wir zunächst einen

Augenblick bei der äusseren Gesammterscheinung. So characteristisch

uns da einerseits das höhere Thier mit der Gliederung seines Leibes

und seiner Gliedmaassen, anderseits die höhere Pflanze mit ihrem

Stengel und ihren Blättern entgegentritt, so wenig reicht diese

äussere Gliederung hin, um die niederen Formen beider Reiche zu

unterscheiden. Viele unzweifelhafte Thiere, wie z. B. die Korallen, die

Schwämme, ahmen so vollkommen die Gestalt echter Pflanzen nach, dass

man sie früher allgemein für solche gehalten hat. Umgekehrt giebt es

viele unzweifelhafte Pflanzen, wie z. B. viele Orchideen und andere

Schmarotzer, welche die Gestalt echter Thiere nachahmen. Und was sollen

wir nun vollends zu den unendlich mannigfaltigen Figuren unserer

Protisten sagen? Da treffen wir allein schon in der einen Classe der

kieselschaligen Radiolarien alle möglichen Grundformen verkörpert an,

die überhaupt in der Natur vorkommen können; und in welcher zierlichen

und wundervollen Ausführung! Da finden wir in einem einzigen Tropfen

Meerwasser nebeneinander Kugeln, Kreuze, Körbchen, Schrauben, Sterne,

Schachfiguren, Hörner, Hauben, Helme, u. s. w.; kurz eine Fülle der

mannigfaltigsten und merkwürdigsten Gestalten. Gewiss wird Jedermann,

der diese Formen zum ersten Male sieht, sie für Kunstproducte halten,

oder vielleicht für abgelöste Theile von grösseren Organismen. Und

doch sind es vollkommen entwickelte und selbständige Lebewesen! Aber

Niemand wird geneigt sein, sie für echte Thiere oder echte Pflanzen

zu erklären. Ebenso wenig können wir aus der äusseren Körperform der

meisten anderen Protisten einen sicheren Schluss auf ihre wahre Natur

ziehen. Sehr Viele bewahren zeitlebens die einfache Kugelgestalt.

Andere zeigen beständig die einfache Form eines Cylinders, einer

Scheibe, eines Kegels, einer Pyramide u. s. w. Noch Andere endlich

haben überhaupt gar keine bestimmte Gestalt, so namentlich die Moneren

und die Amoeben. Der ganze Körper dieser höchst einfachen Urwesen

besteht aus einem lebenden mikroskopischen Schleimklümpchen, das in

unablässigem Wechsel seine Gestalt beständig ändert: daher der passende

Name »Aenderling«, den ~Oken~ diesen Amoeben beilegte.

Doch verlassen wir die äussere Körperform! Denn dass diese ganz

unzureichend ist, um den Unterschied zwischen Thier und Pflanze zu

begründen, das ist längst allgemein anerkannt. Fragen wir uns lieber,

was denn eigentlich in der naiven Anschauung des täglichen Lebens

diese Unterscheidung begründet, und was dieselbe seit Jahrtausenden

in der Sprache und im Begriffsleben der Menschheit gerechtfertigt

hat. Unzweifelhaft sind es die Lebenserscheinungen der ~Empfindung~

und ~Bewegung~, welche uns hier zunächst entgegentreten. Empfindung

und Bewegung sind es, welche in der allgemeinen Anschauung das

Thier gegenüber der Pflanze auszeichnen, und aus denen wir auf ein

»~Seelenleben~« des Thieres schliessen, ein Seelenleben, das wir

der Pflanze absprechen. Wie verschieden auch die psychologischen

Vorstellungen sind, und wie weit auch die Ansichten über das

eigentliche Wesen der Seele aus einander gehen, darüber sind wir doch

Alle einig, dass mindestens den höheren Thieren eine Art Seelenleben

zukommt. Denn die Hausthiere, die wir täglich um uns sehen, bewegen

sich zweifellos ebenso willkürlich, wie wir selbst. Sie empfinden

die Eindrücke der Lust und Unlust, der Freude und des Schmerzes

zweifellos ähnlich, wie wir selbst. Auch lehrt uns ja sofort jede

anatomisch-physiologische Untersuchung, dass das Nervensystem, das

Organ dieser Seelenthätigkeiten, bei den höheren Wirbelthieren im

Wesentlichen eine ähnliche Einrichtung besitzt, wie bei uns selbst.

Von diesen augenfälligen Seelenthätigkeiten der höheren Thiere

ausgehend, schliessen nun die Zoologen, dass dieselben auch

allen anderen Thieren zukommen, und demgemäss werden seit alter

Zeit Empfindung und willkürliche Bewegung als charakteristische

Eigenschaften des Thieres betrachtet. Schon ~Linné~ sagt: »Die Pflanzen

leben, die Thiere leben und empfinden.« Und doch ist gerade diese,

allgemein angenommene Unterscheidung völlig unhaltbar. Wir brauchen nur

an den gewöhnlichen Badeschwamm zu denken, um uns davon zu überzeugen.

Dieser Badeschwamm, mit dem sich der Kulturmensch täglich zu waschen

pflegt, ist das todte Skelet, das innere Gerüst eines unzweifelhaften

Thieres. Im Leben stellt dieses Thier einen fleischigen, schwarzen,

formlosen Klumpen dar, der unbeweglich auf dem Meeresboden

festgewachsen ist. Aehnliche Seegewächse aus der Klasse der Schwämme

oder Spongien sitzen massenhaft auf dem Boden aller Meere, hunderte von

verschiedenen Arten. Die meisten zeigen keine Spur von Bewegung und

Empfindung; sie galten daher auch früher allgemein für Pflanzen. Erst

die genauesten Untersuchungen über ihre Entwickelungsgeschichte haben

uns in den letzten Jahren darüber belehrt, dass wir sie als echte,

unzweifelhafte Thiere betrachten müssen.

Aehnliche echte Thiere, welche in vollkommen reifem und ausgebildetem

Zustande der Empfindung und Bewegung entbehren, kennen wir jetzt

in Menge. Die meisten leben festgewachsen auf dem tiefen Grunde

des Meeres. Sie gehören sehr verschiedenen Classen an: Würmern,

Ascidien, Mollusken u. s. w. Viele von ihnen werden auf italienischen

Fischmärkten unter den Namen »Seefrüchte« (_Frutti di mare_) feil

geboten, und sowohl der Fischer, der sie verkauft, wie der Fremde, der

sie mit Appetit verspeist, hält sie für die Früchte von Seegewächsen.

Sogar unter den höheren Thierklassen, z. B. unter den Schnecken und

Krebsen, giebt es einzelne Arten, die in vollkommen reifem Zustande

einen formlosen runden Klumpen, ohne jede Spur von Bewegung und von

Empfindung, darstellen. In diesen Fällen ist es die schmarotzende

Lebensweise, durch welche das Thier seine »Seele« verloren hat. Das

gilt z. B. von der berühmten Wunderschnecke (_Entoconcha mirabilis_)

und von dem merkwürdigen Säckchenkrebse (_Sacculina_). Erstere lebt

als Parasit im Innern von Seegurken oder Holothurien: letzterer sitzt

schmarotzend auf andern Krebsen fest. Beide Thiere haben die Gestalt

eines einachen länglichen, runden Schlauches: und dieser Schlauch

enthält nichts weiter als Eier. Keine Spur von einem Kopfe und von

Sinnesorganen: keine Spur von Fühlhörnern und Beinen: keine Spur von

Empfindung und willkürlicher Bewegung. Gewiss würde kein Mensch in

diesen beiden seelenlosen Eierschläuchen wahre Thiere vermuthen, und

doch stellt die Entwickelungsgeschichte unzweifelhaft fest, dass das

eine eine Schnecke und das andere ein Krebs ist.

Als Gegenstück zu diesen »~seelenlosen Thieren~« treffen wir auf der

anderen Seite »~seelenvolle Pflanzen~«, die uns noch mehr überraschen.

Wir betreten einen tropischen Urwald und wollen uns ein zierlich

gefiedertes Mimosenblatt abpflücken. Aber kaum berühren wir den zarten

Zweig der schamhaften Sinnpflanze (_Mimosa pudica_), so klappen alle

Blätter ihre zierlichen Fieder-Reihen zusammen und die Blattstiele

sinken wie gelähmt herab. Ja manche dieser akazienartigen Bäume sind so

reizbar, so empfindlich, dass schon die Erschütterung des Bodens durch

den Tritt des herannahenden Wanderers hinreicht, sämmtliche Blätter

zum Schliessen zu bringen. Nicht minder empfindlich sind neben vielen

Anderen die durch ~Darwin~ berühmt gewordenen »insektenfressenden

Pflanzen«. Sobald eine unvorsichtige Fliege sich auf das Blatt einer

»Fliegenfalle« (_Dionaea_) setzt, klappt das reizbare Blatt zusammen,

und die mörderische Pflanze verzehrt das erfasste Insect mit offenbarem

Wohlbehagen. Wollten wir diesen hochorganisirten Pflanzen eine Seele

absprechen, so müssten wir sie ganz ebenso auch bei den empfindlichen,

aber festgewachsenen, pflanzenähnlichen Korallen leugnen; denn diese

geben keine anderen Aeusserungen ihres Seelenlebens.

Aber nicht allein solche hohe Empfindlichkeit, solche lebhafte

Beweglichkeit einzelner Körpertheile treffen wir vielfach bei echten

Pflanzen an. Nein, auch selbständige, freie Ortsbewegung, auch die

Willensthätigkeit, auf die wir aus der scheinbar willkürlichen Bewegung

schliessen, findet sich bei unzweifelhaften Pflanzen vor. Viele Algen,

z. B. viele von unsern einheimischen grünen Wasserfäden oder Conferven,

schwimmen in ihrer Jugend frei und lebhaft im Wasser umher. Die

jungen Pflänzchen bewegen sich dabei, ebenso wie viele junge Thiere,

durch zarte, haarförmige, schwingende Fäden, Geisseln oder Wimpern.

Bei dieser Schwimmbewegung äussern sie eben so viel Lebhaftigkeit,

eben so viel Ausdauer, eben so viel scheinbaren Willen, wie die ganz

ähnlichen, flimmernden Jugendformen vieler Thiere, z. B. die Gastrula.

Auf den Wiener Botaniker ~Unger~, der zuerst vor 35 Jahren (im Jahre

1843) diese frei beweglichen Jugendformen von Algen entdeckte,

machten dieselben einen so tiefen Eindruck, dass er seine bezügliche

Mittheilung betitelte: »Die Pflanze im Momente der Thierwerdung.«

Schon aus diesen wenigen Thatsachen, die wir noch durch Aufzählung

vieler ähnlicher Erscheinungen beträchtlich vermehren könnten,

geht unzweifelhaft hervor, dass die höheren Seelenthätigkeiten

der bewussten Empfindung und der willkürlichen Bewegung weder

allen Thieren eigenthümlich sind, noch allen Pflanzen fehlen. Sie

können daher nicht mehr in der üblichen Weise zur Unterscheidung

von Thier- und Pflanzenreich benutzt werden; und ebenso wenig sind

sie von systematischer Bedeutung für unser Protistenreich. Für die

Beurtheilung dieses letzteren ist es gleichgültig, ob sich die

Protisten sehr lebhaft bewegen und sehr fein empfinden, wie die meisten

Wimper-Infusorien; oder ob sie nur stumpfe Empfindung und träge

Bewegung besitzen, wie die meisten Wurzelfüssler. Viele Protisten

treten uns in zwei abwechselnden und ganz verschiedenen Zuständen

entgegen: einem unbeweglichen und unempfindlichen Ruhezustande, in

welchem sie uns als Pflanzen erscheinen; und einem frei beweglichen

und sehr empfindlichen Zustande, in welchem sie Thieren gleichen.

Wir dürfen von diesen merkwürdigen Urwesen geradezu sagen: sie

sind abwechselnd Thier und Pflanze. Und so sind sie auch wirklich

früher beurtheilt worden. So sind z. B. von manchen Flagellaten und

Myxomyceten die vegetativen Ruhezustände als Pflanzen, die animalen

Bewegungszustände als Thiere beschrieben worden, und erst viel später

wurde entdeckt, dass Beide nur verschiedene Lebens-Zustände eines und

desselben Protisten sind.

Wollen wir nun aber vom Standpunkte der vergleichenden Psychologie zu

einem Schlusse über das Seelenleben aller dieser Geschöpfe kommen, so

kann dieser Schluss nur lauten: »~Alle lebenden Wesen sind beseelt~,

die Pflanzen so gut wie die Thiere, und die Protisten so gut wie

die Pflanzen.« Innere Bewegungs-Erscheinungen, die scheinbar ohne

äussere Ursachen entstehen und auf Ortsveränderungen kleinster Theile

beruhen, insbesondere Protoplasma-Störungen, sind allen Organismen

gemeinsam, und insofern ist jedes lebende Wesen beseelt, jedes ist

zugleich reizbar, im gewissen Sinne empfindlich. Stufenweise erhebt

sich die Seelenthätigkeit, von den unscheinbarsten und niedrigsten

Anfängen ausgehend, zu immer höheren und vollkommneren Leistungen.

Während die niedrigsten Thiere sich in dieser Beziehung nicht von den

meisten Pflanzen und Protisten unterscheiden, steigt das Seelenleben

der höheren Thiere, das Wollen und Empfinden, Vorstellen und Denken, zu

einer ähnlichen Stufe wie beim Menschen empor.

Gleich der Seelenthätigkeit haben sich auch alle anderen Eigenschaften,

durch welche man Thiere und Pflanzen hat unterscheiden wollen,

als unzureichende Merkmale erwiesen. Unzweifelhaft der wichtigste

Unterschied zwischen Beiden beruht auf den entgegengesetzten

physiologisch-chemischen Verhältnissen ihrer Ernährung. Der gesammte

~Stoffwechsel~ in beiden Reichen, im Grossen und Ganzen betrachtet,

ist grundverschieden. Die Pflanzen allein besitzen das Vermögen, aus

den einfachen chemischen Verbindungen der leblosen anorganischen

Natur, aus Wasser, Kohlensäure und Ammoniak, jene verwickelten und

höchst zusammengesetzten, eiweissartigen Kohlenstoff-Verbindungen

herzustellen, welche als die wahren Träger aller eigentlichen

Lebens-Erscheinungen gelten, vor allen das ~Protoplasma~ oder den

Bildungsstoff (»_Plasson_«). Das können die Thiere nicht. Sie nehmen

die Eiweisskörper, die sie beständig verbrauchen und zersetzen, direct

oder indirect aus dem Pflanzenreich auf. Zur Aufnahme und Verdauung

ihrer Nahrung bedürfen sie einer Magenhöhle und einer Mundöffnung; und

das sind die am meisten characteristischen Organe des Thierkörpers,

welche dem Pflanzenorganismus stets fehlen.

Mit diesem fundamentalen Gegensatze in der Ernährung hängen auch noch

andere wichtige Unterschiede beider Reiche zusammen. Die Pflanzen

athmen für gewöhnlich Kohlensäure ein und hauchen Sauerstoff aus; die

Thiere gerade umgekehrt. Die meisten Pflanzen bilden massenhaft jenen

eigenthümlichen grünen Farbstoff, das Chlorophyll oder Blattgrün, dem

unsere Erde den grünen Schmuck ihrer Vegetationsdecke verdankt. Die

meisten Thiere hingegen bilden kein Chlorophyll. Ebenso erzeugen die

meisten Pflanzen Massen von Stärkemehl (Amylum) und von Cellulose; von

jener wichtigen stickstofflosen Verbindung, welche die Grundlage des

Holzes bildet. Die meisten Thiere produciren kein Amylum und keine

Cellulose. Und so könnten wir noch eine ganze Anzahl anderer chemischer

Verbindungen anführen, welche den Gegensatz im Stoffwechsel des Thier-

und Pflanzenreichs bezeichnen.

Unzweifelhaft ist dieser Gegensatz von der grössten Bedeutung. Denn

auf ihm beruht das beständige Gleichgewicht in der Oekonomie der

organischen Natur. Was das eine der beiden grossen Lebensreiche

ausgiebt, das nimmt das andere wieder ein. Was das eine als unbrauchbar

ausscheidet, das verzehrt das andere. Aber so bedeutungsvoll auch

diese Wechselwirkung jedenfalls ist, so wenig ist der damit verknüpfte

Gegensatz durchgreifend und zu einer beständigen Grenzmarke geeignet.

Denn zahlreiche ~Ausnahmen~ finden sich in jeglicher Beziehung.

Als solche wichtige Ausnahmen sind vor allen die zahlreichen

Schmarotzerpflanzen zu nennen: z. B. viele Orchideen, Orobanchen,

Lathraeen u. s. w. Diese Parasiten, deren nahe Verwandtschaft zu

echten hochentwickelten Pflanzen feststeht, haben durch ~Anpassung~ an

schmarotzende Lebensweise ihren Stoffwechsel gänzlich geändert. Statt

gleich anderen Pflanzen mühsam Eiweisskörper zu produciren, finden

sie es bequemer, gleich den Thieren diese wichtigsten Lebenstoffe aus

anderen Pflanzen aufzunehmen. Damit ändert sich aber ihre gesammte

Ernährung. Sie bilden kein Blattgrün mehr, sie athmen Sauerstoff

ein und Kohlensäure aus; sie bilden Verbindungen, die sonst nur im

Thierkörper erzeugt werden.

Umgekehrt finden wir nun wieder im Thierreiche merkwürdige Schmarotzer,

welche gleichfalls durch ~Anpassung~ an parasitische Lebensweise ihre

ganze Ernährung völlig geändert haben. Ausser den schon angeführten

Wunderschnecken und Säckchenkrebsen sind da besonders jene Würmer

(Bandwürmer, Kratzwürmer u. s. w.) hervorzuheben, welche im Innern

anderer Thiere leben und deren Säfte durch ihre Haut aufsaugen.

Mund und Magen sind dadurch überflüssig geworden und im Laufe der

Jahrtausende allmählich verloren gegangen. Die nächsten Verwandten

dieser darmlosen Parasiten besitzen einen wohl entwickelten Mund und

Darmkanal. Aber auch andere echte Thiere bieten in ihrem Stoffwechsel

beträchtliche Abweichungen dar, und einige produciren Verbindungen,

die sonst nur die Pflanzen erzeugen. So bilden sich z. B. die Ascidien

einen Mantel aus Cellulose; die grünen Süsswasserpolypen und einige

grüne Würmer erzeugen in ihrer Haut echtes Blattgrün oder Chlorophyll

u. s. w.

Angesichts dieser zahlreichen Ausnahmen kann uns denn auch der

Stoffwechsel unserer Protisten keinen Aufschluss über ihre wahre Natur

geben. Wenn viele von ihnen Chlorophyll, Cellulose und Stärkemehl

erzeugen, so beweist das ebensowenig für ihre Pflanzen-Natur, als

die Bildung von Kalkschalen bei vielen Anderen für ihre Thier-Natur

Zeugniss ablegt. Vielmehr sprechen auch die Verhältnisse der Ernährung

und des Stoffwechsels, im Grossen und Ganzen betrachtet, für die

~neutrale~ Natur der Protisten. Allerdings wissen wir von den

physiologisch-chemischen Vorgängen ihres Stoffwechsels im Ganzen noch

sehr wenig. Aber dies Wenige reicht doch hin, um uns auch hierin ganz

eigenthümliche Verhältnisse erkennen zu lassen. So nehmen z. B. die

formlosen Amoeben und die formenreichen Wurzelfüssler zwar ihre Nahrung

ähnlich den Thieren auf, aber ohne Mund und Magen. An jeder Stelle der

nackten Körperoberfläche können die Nahrungsbissen in’s Innere dringen.

Auch die thierähnlichsten Protisten, die Wimperthierchen, besitzen

keinen wahren Darm, keinen wahren Mund und Magen. Dieser fehlt vielmehr

allen Protisten.

* * * * *

Wir sehen also, dass keine der verschiedenen Lebenserscheinungen

genügt, um uns über das Verhältniss der Protisten zu den Thieren und

Pflanzen vollkommen aufzuklären. Da nun auch die äussere Gestaltung uns

darüber keinerlei Aufschluss giebt, so bleiben uns nur noch diejenigen

Verhältnisse übrig, welche uns das Mikroskop im feineren Bau und in

der Entwicklungsgeschichte enthüllt. Ohne die genaueste Kenntniss

dieser Verhältnisse können wir uns ja überhaupt kein vollständiges Bild

von der Natur der Organismen machen. Alles nun, was wir bisher davon

erkannt haben, findet seinen umfassendsten Ausdruck in der berühmten

~Zellentheorie~, die seit 40 Jahren das wichtigste Fundament aller

biologischen Forschungen geworden ist.

Bekanntlich lehrt uns diese Zellentheorie, dass alle die tausendfach

verschiedenen Formbestandtheile, die wir im Körper sämmtlicher Thiere

und Pflanzen mittelst des Mikroskopes unterscheiden, lediglich

verschiedene Abarten und Umbildungen eines einzigen Grundorganes,

eines einzigen ursprünglichen Form-Elementes sind. Dieses Form-Element

ist die ~Zelle~, ein kleines, für das blosse Auge meist unsichtbares

Körperchen, welches bis zu einem gewissen Grade ein selbständiges

Leben führt. So unendlich mannigfaltig die Form der Zelle auch

ist, so ist sie doch immer aus zwei verschiedenen Bestandtheilen

zusammengesetzt: aus einem Stückchen weicher, eiweissartiger Substanz,

dem Bildungsstoff oder ~Protoplasma~, und aus einem festeren, davon

umschlossenen Körperchen, dem Kern oder ~Nucleus~. Die ursprüngliche

Selbständigkeit der Zelle ist so vollkommen, dass man sie mit Recht

als den ~Elementar-Organismus~, als das Individuum erster Ordnung

bezeichnet hat. Da die Zellen jede organische Form bilden, können wir

sie auch die »Bildnerinnen« oder ~Plastiden~ nennen. Der ganze Körper

der meisten Thiere und Pflanzen ist aus Milliarden solcher Zellen

zusammengesetzt: und was dieses Thier, was diese Pflanze leistet, das

ist in Wahrheit die Leistung ihrer zahllosen Zellen. Auch unser eigener

menschlicher Leib besteht aus Milliarden derartiger Zellen, und alle

unsere Lebensverrichtungen sind das höchst verwickelte Resultat aus

der Thätigkeit dieser mikroskopischen Wesen. Jedes Härchen besteht

aus vielen Millionen Zellen. Ein kleinstes Blutströpfchen von einem

Cubik-Millimeter Rauminhalt umschliesst schon fünf Millionen Blutzellen.

Für die richtige Auffassung der Zellentheorie, von der das ganze

Verständniss des Lebens abhängt, ist Nichts lehrreicher, als der

oft angewendete Vergleich des vielzelligen Organismus mit einem

wohlorganisirten menschlichen Staate. Die Existenz jeder geordneten

staatlichen Organisation, gleichviel ob wir Monarchie oder

Republik betrachten, beruht bekanntlich darauf, dass die einzelnen

Staatsbürger einen Theil ihrer persönlichen Freiheit aufgeben, sich

den Gesetzen des Staats unterwerfen und in die Arbeit des Lebens

theilen. Ebenso geniessen auch die Zellen in jedem vielzelligen

Organismus zwar bis zu einem gewissen Grade ihr selbständiges Leben;

aber sie sind doch zugleich den Gesetzen des Ganzen untergeordnet

und durch die Arbeitstheilung von einander abhängig. Wir können

diesen politischen Vergleich auch noch weiter ausdehnen, indem

wir den ~Pflanzen~-Organismus als eine Zellen-~Republik~, den

~Thier~-Organismus dagegen als eine Zellen-~Monarchie~ betrachten.

Denn die Pflanzenzellen sind durchweg selbständiger, gleichartiger,

unabhängiger von einander und vom Ganzen. Die Thierzellen hingegen sind

in Folge der vorgeschrittenen Arbeitstheilung ungleichartiger, mehr von

einander abhängig und zugleich in Folge der stärkeren Centralisation

der »Staatsidee« in höherem Maasse unterworfen.

Nun lehrt uns aber ferner die Entwickelungsgeschichte, dass jedes

Thier und jede Pflanze im Beginne der individuellen Existenz eine

einzige einfache Zelle ist. Das Ei, aus dem sich jedes Thier wie

jede Pflanze entwickelt, ist weiter nichts als eine Zelle. Das ist

eine der bedeutungsvollsten Thatsachen. Denn das ganze Problem der

individuellen Entwickelung löst sich demnach in die Frage auf: Wie

kann der vielzellige Organismus mit allen seinen verschiedenen Organen

aus einer einzigen Zelle entstehen? Und die Antwort hierauf lautet

höchst einfach: Durch wiederholte Theilung entsteht aus der einfachen

Zelle eine Zell-Gemeinde oder ~Association~, eine Gesellschaft von

zahlreichen gleichartigen Zellen; diese werden durch ~Arbeitstheilung~

ungleichartig und ordnen sich nach den Gesetzen der ~Vererbung~ und

~Anpassung~ zu einer centralisirten Einheit.

Wie verhalten sich nun unsere kleinen Protisten zu diesen höchst

wichtigen Thatsachen und zu der darauf gegründeten Zellentheorie?

Ist auch ihr winziger Leib aus vielen und ungleichartig entwickelten

Zellen zusammengesetzt? Findet sich auch in ihrem Organismus jene

Arbeitstheilung der associirten Zellen, durch welche die verschiedenen

~Gewebe~ und ~Organe~ entstehen? Das Mikroskop antwortet uns: ~Nein!~

Vielmehr ist bei den meisten Protisten der ganze Körper zeitlebens

~nur eine einzige Zelle~. Aber auch bei jenen Protisten, welche in

entwickeltem Zustande vielzellig sind, finden wir niemals wahre Gewebe

und Organe, niemals jene eigenthümliche Arbeitstheilung und Anordnung

der Zellen, welche den wahren Thierkörper und den wahren Pflanzenkörper

auszeichnet. Denn hier beherrscht immer die Gesammtform des Körpers

die ganze Anordnung und Bildung der Zellen, ihre Verbindung zu

den Geweben und Organen, aus denen er zusammengesetzt ist. Bei den

vielzelligen Protisten hingegen bewahren die gesellig verbunden Zellen

stets mehr oder weniger ihre Selbständigkeit; sie bilden immer nur

sehr lockere Gesellschaften, sociale Verbände ohne Arbeitstheilung,

die nicht als centralisirte Staaten anerkannt werden können. Wenn wir

vorher den einzelnen Organismus des Thieres wie der Pflanze einem

wohlorganisirten ~Culturstaate~ verglichen, so können wir dagegen die

lockeren Zellenhaufen der vielzelligen Protisten höchstens mit den

rohen Horden der uncultivirten ~Naturvölker~ vergleichen. Die meisten

Protisten bringen es aber, wie gesagt, nicht einmal zur Bildung solcher

~Zellen-Horden~, zu dieser niedersten Stufe der Association; sie ziehen

es vor, als Einsiedler für sich zu leben und ihre volle Selbständigkeit

in jeder Beziehung zu bewahren. Die meisten Protisten bleiben

zeitlebens einfache, isolirte Zellen, sie leben als ~Zellen-Einsiedler~.

* * * * *

Wenn man die hohe Bedeutung der Protisten für die monistische

Entwicklungslehre richtig verstehen will, wenn man sich von der

selbständigen Stellung des Protistenreichs zwischen dem Thierreiche

einerseits und dem Pflanzenreiche anderseits überzeugen will, so

muss man vor Allem den autonomen, ~unabhängigen Zellen-Charakter~

ihres Organismus gehörig würdigen. Bei allen ~einzelligen~ Protisten,

die ihr ganzes Leben als »Zellen-Einsiedler« zubringen, versteht

sich das von selbst. Aber auch bei den vielzelligen Protisten, bei

den »Zellenhorden« finden wir immer die Individualität der locker

verbundenen Zellen gewahrt und vermissen jene Abhängigkeit derselben

von einander und vom Ganzen, welche wir in dem wohlorganisirten

Zellenstaate des Thier- und Pflanzenorganismus antreffen.

In dieser Auffassung des Protisten-Organismus liegt nach unserer

Ansicht der Schwerpunkt seines Verständnisses. Es wird daher zunächst

erforderlich sein, den ~Begriff~ der organischen ~Zelle~ überhaupt

festzustellen. Dieser Begriff hat seit der Begründung der Zellentheorie

mancherlei Wandlungen erfahren. Gegenwärtig nimmt man fast allgemein

an, dass zum Begriff der Zelle zwei verschiedene Bestandtheile gehören.

Erstens: der eigentliche ~Zellenleib~, ein lebendiges Stückchen von

weichem, eiweissartigen Bildungsstoff oder ~Protoplasma~; und zweitens

ein davon umschlossener ~Zellkern~ oder ~Nucleus~; ein kleinerer,

meist festerer Körper, der ebenfalls aus einer eiweissartigen, aber

vom Protoplasma etwas verschiedenen Materie besteht. Als dritter

Hauptbestandtheil kommt dazu bei vielen Zellen noch eine äussere

Umhüllungshaut oder Schale, die ~Zellhaut~ oder ~Membran~. Die meisten

Pflanzenzellen sind von einer solchen Kapsel oder Membran umschlossen:

~Schlauchzellen~. Hingegen sind die meisten Thierzellen hautlos und

nackt: ~Urzellen~. Die meisten Protisten zeichnen sich durch die

Bildung ganz eigenthümlicher Kapseln oder Schalen aus, welche ihrem

Zellenleibe eine sehr characteristische und mannigfaltige Gestalt geben.

* * * * *

[Illustration: Fig. 1. Eine gewöhnliche ~Amoebe~ (~Amoeba vulgaris~)

in zwei aufeinander folgenden Zuständen der Bewegung dargestellt; in A

sind mehrere kurze, in B mehrere längere Fortsätze oder Lappenfüsschen

vorgestreckt. Im ~Protoplasma~ der nackten Zelle liegt der ~Kern~ (n)

und ausserdem einige fremde, als Nahrung aufgenommene Körperchen (i).]

Wenn wir nun zunächst unter unsern Protisten diejenige Gattung

aufsuchen, welche uns auf der Höhe ihrer Entwickelung die einfachste

Form eines solchen einzelligen Organismus, gewissermassen das ~Ideal

der Zelle~, darstellt, so treten uns vor allen Andern die berühmten

~Amoeben~ entgegen. (Fig. 1). Weit verbreitet in unsern süssen und

salzigen Gewässern, sind dieselben wegen ihrer höchst einfachen Bildung

und ihrer bedeutsamen Beziehungen zu anderen Zellen von ganz besonderer

Wichtigkeit. Die Amoeben sind nackte Zellen ohne Hülle und ohne

bestimmte Form. Ihr weicher Körper, der nur einen einfachen Zellkern

enthält, bewegt sich langsam kriechend im Wasser umher. Dies geschieht

dadurch, dass eine wechselnde Anzahl von veränderlichen, lappenförmigen

oder fingerförmigen Fortsätzen aus beliebigen Stellen der Oberfläche

vorgestreckt und wieder eingezogen werden. So ändern die kriechenden

Amoeben immerfort ihre unbestimmte Gestalt. Kommen sie zufällig mit

kleinen Körperchen in Berührung, die zur Nahrung dienen können, so

drücken sie dieselben mittelst der Bewegungen ihrer Fortsätze an einer

beliebigen Stelle ihrer Körper-Oberfläche in diesen hinein. Auch

kleinste Wassertröpfchen werden so verschluckt. Die einzellige Amoebe

kann also essen und trinken, ohne dass sie Mund und Magen besässe.

Nachdem die Amoebe durch fortdauerndes Wachsthum eine gewisse Grösse

erreicht hat, zerfällt ihr einfacher Zellenleib durch Theilung in zwei

Zellen. Zuerst theilt sich dabei der Kern, darauf das Protoplasma.

Auf dieselbe Weise vermehren sich auch die Zellen, die unsern eigenen

Körper zusammensetzen, und von denen viele beständig verbraucht und

durch neue Zellen ersetzt werden. Die grösste Aehnlichkeit mit den

Amoeben haben die farblosen Blutzellen, die milliardenweise in unserem

Blute kreisen. Auch diese bewegen sich nach Amoeben-Art, indem sie

ihre unbestimmte Form ändern. Auch diese können fremde Körperchen in

ihr Inneres aufnehmen; wir können sie unter dem Mikroskop z. B. mit

Carminkörnchen füttern, mit denen sie sich in kurzer Zeit anfüllen.

(Fig. 2).

[Illustration: Fig. 2. ~Fressende~, Amoeben ähnliche, farblose

~Blutzellen~ aus dem Blute einer nackten Seeschnecke (~Thetis

leporina~). Die Blutzellen führen in der Blutflüssigkeit lebhafte

Bewegungen, gleich echten Amoeben aus; und gleich Letzteren verzehren

sie feste Farbstoffkörnchen.]

Von besonderer Wichtigkeit für die Entwickelungsgeschichte ist die

interessante Thatsache, dass auch die ~Eier~ der Thiere in ihrer

frühesten Jugend nackte, formlose Zellen sind, welche Amoeben zum

Verwechseln ähnlich sehen und gleich diesen langsame, unbestimmte

Bewegungen ausführen, wobei sie ihre Form beliebig verändern (Fig. 3).

Bei den Schwämmen oder Spongien unternehmen diese amoebenähnlichen

Eizellen, langsam fortkriechend, oft weite Wanderungen durch den

Körper des Schwammes und sind daher früher als »parasitische Amoeben«

beschrieben worden, welche als fremde Eindringlinge im Schwammkörper

schmarotzend leben sollten (Fig. 4).

Es giebt auch Amoeben, welche ihren nackten Zellenleib theilweise

mit einer schützenden Schale umgeben, und diese bilden die Gruppe

der ~Arcellinen~ oder Thekolobosen. Bald schwitzen diese gepanzerten

Amoeben eine schleimige Masse aus, welche sofort erhärtet und mit

Sandkörnchen und anderen fremden Körperchen zu einer festen Kruste

zusammenbackt (_Difflugia_, Fig. 5). Bald wird die ganze Masse der

erhärteten Hülle blos von ausgeschwitzter organischer Substanz

gebildet, und diese zeigt oft eine sehr zierliche Structur, indem sie

aus sechseckigen oder viereckigen Täfelchen zusammengesetzt erscheint

(_Arcella_, _Quadrula_, Fig. 6).

[Illustration: Fig. 3. Jugendliche ~Eizellen~ verschiedener Thiere,

amoebenähnliche nackte] Zellen, welche unter langsamer Formveränderung,

gleich echten Amoeben, Bewegungen ausführen. In dem dunkeln

feinkörnigen Protoplasma liegt ein heller, bläschenförmiger Kern,

und in diesem ein dunkles Kernkörperchen. — A 1–4. Eizelle eines

Kalkschwammes (Leucon) in vier verschiedenen, auf einander folgenden

Bewegungs-Zuständen. — B 1–8. Eizelle eines Schmarotzerkrebses

(Chondracanthus) in acht verschiedenen, auf einander folgenden

Bewegungs-Zuständen. — C 1–5. Eizellen der Katze, in verschiedenen

Bewegungs-Zuständen. — D. Junge Eizelle der Forelle. — E. Junge

Eizelle des Huhnes. — F. Junge Eizelle des Menschen. Alle diese

amoebenähnlichen Eizellen befinden sich noch in der ersten Jugend:

später nehmen sie sehr verschiedene Beschaffenheit an.]

[Illustration: Fig. 4. Amoebenähnliche ~Eizelle~ eines Kalkschwammes

(Olynthus), weite Strecken im Körper des Letzteren fortkriechend.]

[Illustration: Fig. 5. ~Difflugia~ (oblonga), eine gepanzerte Amoebe,

welche ihre länglich-eiförmige Schale (a) aus feinsten Sandkörnchen

zusammenklebt. Aus der einfachen Mündung des Gehäuses (oder der

incrustirten Zellmembran) tritt der vordere Theil des weichen

Zellenleibes (b) mit seinen wechselnden Lappenfüsschen vor (c).

Im hinteren Theile ist ein heller kugeliger Kern mit zahlreichen

Kernkörperchen sichtbar (d).]

[Illustration: Fig. 6. ~Quadrula~ (symmetrica). Eine gepanzerte Amoebe,

deren Schale aus quadratischen Plättchen zierlich zusammengesetzt ist.

Oben liegt ein kugeliger Zellkern (n) im Protoplasma, unten treten

mehrere Lappenfüsschen vor (l).]

[Illustration: Fig. 7. ~Monocystis~ (agilis), eine schmarotzende

~Gregarine~ aus der Leibeshöhle des Regenwurmes. Der langgestreckte,

wurmförmig sich bewegende Körper ist eine einfache Zelle mit fester

Haut (a), Protoplasma (b) und Kern (c).]

Alle diese amoebenartigen Wesen, die echten, nackten Amoeben und

die gepanzerten zierlichen Arcellinen, können wir als besondere

Classe unter dem Namen Lappinge oder ~Lappenfüssler~ (_Lobosa_)

zusammenfassen, weil der auszeichnende Character dieser einzelligen

Urthiere die Bildung lappenförmiger Wechselfüsschen ist. An sie

schliessen sich aber ganz eng die sonderbaren Wesen an, welche die

besondere Gruppe der ~Gregarinen~ bilden. Alle Gregarinen leben

als Schmarotzer oder Parasiten im Innern anderer Thiere und sind

gewissen niederen Würmern so ähnlich, dass man sie früher selbst als

Eingeweide-Würmer beschrieben hat; auch stimmen die wurmförmigen

Bewegungen ihres kriechenden Körpers ganz mit denjenigen gewisser

Würmer überein. Trotzdem ist ihr ganzer, ziemlich grosser, oft mehrere

Millimeter langer Körper nichts Anderes, als eine einfache Zelle. Der

trübe, mit feinen Körnchen erfüllte Protoplasma-Leib (b) umschliesst

einen Zellkern (c) und ist von einer festen, homogenen, structurlosen

Hülle umgeben (a). Die flüssige Nahrung schwitzt aus den umgebenden

Säften des bewohnten Thieres durch diese Hülle oder Zellmembran

hindurch und dringt so in die Gregarine ein. Man kann die Gregarinen

als Amoeben betrachten, welche in das Innere von anderen Thieren

eingedrungen sind, sich hier an parasitische Lebensweise gewöhnt und

durch Anpassung mit einer schützenden Hülle umgeben haben.

Eine ganz andere Bewegungsform, als die langsam kriechenden Amoeben und

Gregarinen, zeigen uns die schwimmenden ~Flagellaten~, die ~Geissler~

oder Geisselschwärmer. Diese interessanten Protisten haben bis auf den

heutigen Tag unter einem ganz eigenthümlichen Schicksal zu leiden.

Wenn sie nämlich das Glück haben, grün gefärbt zu sein, werden sie von

vielen Naturforschern unbedenklich als echte Pflanzen betrachtet. Wenn

sie dagegen unglücklicherweise eine gelbe oder braune Farbe tragen, so

werden sie für echte Thiere erklärt; gewiss ein schlagendes Beispiel

von der Willkür der üblichen Classification. Zahlreiche Formen dieser

Geissler, die auch oft mit dem vieldeutigen Namen der ~Monaden~ belegt

werden, bevölkern das Süsswasser, wie das Meer, oft in unglaublichen

Massen. Wenn im Frühjahr zuweilen plötzlich unsere Teiche sich mit

einer grünen Schleimdecke überziehen, so beruht das gewöhnlich auf

der Entstehung zahlloser grüner Euglenen. Ebenso ist die seltener

auftretende blutrothe Färbung der Gewässer, die zur Sage vom Blutregen,

sowie zu vielen abergläubischen Vorstellungen und Hexen-Processen

Veranlassung gegeben hat, durch Milliarden rother Euglenen bedingt.

Durch verwandte rothe Protococcus-Formen wird auch der rothe Schnee

gebildet, der die Eisberge sowohl in den Polarmeeren, wie auf unseren

Alpenhöhen bisweilen in weiter Ausdehnung blutroth färbt.

[Illustration: Fig. 8. ~Phacus~ (longicauda). Ein Geisselschwärmer mit

einer langen schwingenden Geissel am vorderen, einem fadenförmigen

Anhang am hinteren Ende; hinter ersterem ein rother Augenfleck.]

[Illustration: Fig. 9. ~Peridinium~ (tripus). Ein Wimpergeissler,

dessen dreihörnige Kieselschale aus zwei Hälften zusammengesetzt ist.]

Diese Protococcen und Euglenen sind Einsiedler-Zellen, während andere

Flagellaten sich zu kleinen Gesellschaften zusammenthun. Sie schwimmen

im Wasser umher mittelst eines feinen fadenförmigen Fortsatzes, der

wie eine Geissel oder Peitsche hin und her geschwungen wird (Fig. 8).

Manche setzen sich auch fest auf dünnen Stielen. Ausser der Geissel,

ihrem Haupt-Bewegungsorgan, besitzen manche Geisselschwärmer noch einen

Kranz von feinen Wimpern mitten um den Zellenleib; diese heissen

~Wimpergeissler~ (_Peridinia_, Fig. 9). Von letzteren bilden sich

viele eine Kieselschale, die aus zwei ungleichen Hälften besteht;

die grössere Hälfte trägt zwei lange Hörner, die kleinere ein Horn;

zwischen beiden Hälften tritt der Wimperkranz und die Geissel hervor.

Durch die Schwingungen der Geissel werden kleine Nahrungskörnchen

dem Zellenleibe der Flagellaten zugeführt und an deren Basis durch

eine Art Zellenmund aufgenommen. Ihre Vermehrung geschieht meistens

durch einfache Theilung. Bei vielen finden wir abwechselnd einen frei

beweglichen und einen Ruhezustand. Während des letzteren kapseln sie

sich ein und zerfallen innerhalb der Hülle in vier oder acht Zellen.

Diese treten später aus der Kapsel aus und schwimmen frei umher.

[Illustration: Fig. 10. Ein Kugelthierchen (~Volvox globator~). Die

netzförmige Zeichnung an der Oberfläche der Gallertkugel entsteht

dadurch, dass die kleinen grünen, in den Knotenpunkten des Netzes

befindlichen Geisselzellen sich durch feine Fortsätze unter einander

verbinden. Im Innern der Kugel sind 6 Tochterkugeln (junge Colonien)

sichtbar.]

Nahe Verwandte dieser einzelligen Flagellaten sind auch die grünen

sogenannten ~Kugelthierchen~ oder ~Volvocinen~ (Fig. 10); grüne

Gallertkügelchen, welche die Grösse eines Stecknadelknopfes erreichen.

In jedem Kügelchen sind zahlreiche grüne einzellige Flagellaten zu

einer Gesellschaft vereinigt; und durch die gemeinsamen Schwingungen

ihrer Geisseln wird die ganze Kugel umherbewegt. Im Innern der

Gallertkugeln entstehen neue Tochterkugeln. Ausserdem vermehren sich

die Volvocinen aber auch geschlechtlich, wie durch ~Cohns’~ sorgfältige

Untersuchungen dargethan worden ist; ihre Befruchtung geschieht in

ähnlicher Weise wie bei vielen Algen; sie schliessen sich dadurch schon

enger an das Pflanzenreich an.

Eine sehr eigenthümliche Protistengruppe, die man auch noch zu den

Flagellaten rechnet, sind die grossen blasenförmigen ~Noctiluken~

oder ~Meerleuchten~. (Fig. 11). Sie bedecken oft die Meeresoberfläche

in unglaublichen Massen, strahlen im Dunkeln ein helles Licht aus

und spielen eine Hauptrolle bei dem wundervollen Phänomen des

Meerleuchtens. Die gewöhnlichen Noctiluken sind colossale rundliche

Zellen, welche ½-1 Millimeter Durchmesser erreichen und die Gestalt

einer Pfirsiche besitzen (Fig. 11). Der Hohlraum der blasenförmigen

Zelle ist mit wässeriger Flüssigkeit erfüllt, in welcher sich

verästelte Stromfäden (g) des Protoplasma bewegen, ausgehend von der

Wandschicht des letztern, welche innen an der Zellhaut anliegt. Der

Kern ist eiförmig (b). An einer Stelle ist die Zellhaut von einer

Oeffnung, einem ~Zellmund~ (_Cystostoma_), durchbrochen, und hier wird

Nahrung direct in das Innere aufgenommen. Hier befindet sich auch neben

der zarten Geissel ein grosser peitschenförmiger quergestreifter Anhang

(a), sowie ein zahnförmiger Fortsatz (d). Die Fortpflanzung erfolgt

theils durch einfache Theilung, theils durch eine eigenthümliche Form

der Sporenbildung.

[Illustration: Fig. 11. Eine Meerleuchte (~Noctiluca miliaris~).

1. Die ganze Geisselzelle von oben. 2. Im optischen Durchschnitt:

a Peitschenförmiger Anhang, b Kern, c Furche der Oberfläche, d

zahnförmiger Fortsatz, daneben die zarte Geissel; e, f grössere

Protoplasma-Ansammlung um den Kern herum; g, g verzweigte Stromfäden

des Protoplasma.]

Neuerdings ist eine Noctiluken-Form entdeckt worden, welche zum

Verwechseln einer kleinen schirmförmigen Meduse ähnlich ist, und gleich

einer solchen sich durch Zusammenklappen des zarten concaven Schirmes

schwimmend bewegt (_Leptodiscus medusoides_).

Während über die einzellige Natur der Geisselschwärmer und der Amoeben

heutzutage kein Zweifel mehr besteht, so ist diese dagegen bis vor

Kurzem streitig gewesen bei denjenigen Protisten, die man heute

vielfach als ~Infusionsthierchen~ im ~engeren~ Sinne bezeichnet. Dazu

gehören die beiden Klassen der Wimperthierchen oder ~Ciliaten~ (Fig.

12–15) und der Starrthierchen oder ~Acineten~ (Fig. 16, 17). Massenhaft

bevölkern sie alle stehenden und fliessenden Gewässer und sind auch in

allen Infusionen zu finden.

[Illustration: Fig. 12. Ein Trompetenthierchen (~Stentor~ polymorphus).

Oben ist der grosse, den Mund umgebende Wimperkranz sichtbar,

links darunter der lange, rosenkranzförmige Kern. Rechts neben dem

Stentor sind zwei kleine, bewimperte Zellen sichtbar, die aus dem

Innern desselben ausgeschwärmt sind, entweder Junge oder Parasiten

(Acineten-Schwärmer).]

[Illustration: Fig. 13. Ein Maiglocken-Thierchen (~Vorticella~

microstoma). Der einzellige Leib ist auf einem dünnen Stiele befestigt,

der sich korkzieherartig zusammenziehen kann. a Wimperkranz um den

Mund: v contractile Blase: n Zellkern; k, p, zwei Knospen, die sich

ablösen.]

Besonders die Ciliaten, die ~Wimperlinge~ oder ~Wimperthierchen~,

erscheinen in einer Fülle von niedlichen Formen; und durch die

Anmuth ihrer lebhaften Bewegungen fesseln sie uns stundenlang an

das Mikroskop. Nur einzelne Ciliaten sind schon mit blossem Auge

sichtbar, so z. B. das grosse Trompetenthierchen (_Stentor_, Fig. 12);

die meisten sind erst durch das Mikroskop erkennbar. Zahlreiche kurze

Wimperhärchen sind über den Körper zerstreut und werden willkürlich

schlagend bewegt. Wie die Geisseln der Flagellaten, so sind auch diese

Wimpern der Ciliaten directe Fortsätze vom Protoplasma des einzelligen

Körpers. Die meisten Wimperthierchen bewegen sich frei schwimmend oder

laufend mittelst dieser Wimpern umher. Es giebt aber auch festsitzende

Ciliaten, wozu die niedlichen Vorticellen (Fig. 13) und Freia (Fig. 14)

gehören.

[Illustration: Fig. 14. Ein Lappenthierchen. (~Freia elegans~). Der

einzellige Körper ist in eine ovale, auf Wasserpflanzen (unten)

befestigte Hülle eingeschlossen, aus deren Oeffnung der Vordertheil der

Zelle mit der Mundöffnung und zwei grossen Wimperlappen vortritt.]

[Illustration: Fig. 15. Ein Reusenthierchen (~Prorodon teres~). a

Mundöffnung (mit fischreusenähnlichem Schlundtrichter). b Contractile

Blase. c Verschluckte Nahrungsballen. d Zellkern (mit Kernkörperchen).]

Bei diesen Ciliaten dient der durch die Wimpern erzeugte Strudel dazu,

frisches Wasser und Nahrung der Zelle zuzuführen.

Das Protoplasma des Ciliaten-Körpers ist in eine festere

~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine weichere Markschicht

(_Endoplasma_), gesondert. In der ersteren befindet sich eine

beständige Oeffnung, eine Art ~Zellenmund~ (_Cytostoma_), durch welchen

sowohl feste Bissen als Wassertropfen verschluckt und in die weichere

Markmasse hineingedrückt werden. Bisweilen ist diese Mundöffnung zu

einem besonderen gefalteten Schlundtrichter erweitert, so z. B. bei

dem Fischreusen-Thierchen (Fig. 15 a). In dem weichen Protoplasma des

Inneren ballt sich die verschluckte Nahrung in Bissen (Fig. 15 c),

welche allmählig verdaut und aufgelöst werden; ~Ehrenberg~ beschrieb

diese Nahrungsballen als besondere Magensäcke und benannte deshalb

die Ciliaten »Vielmagenthierchen« (_Polygastrica_). Unsere magenlosen

Wimperthierchen können also essen und trinken, obwohl sie einfache

Zellen sind. Was aber noch mehr überrascht, das ist die Munterkeit

und die offenbare Willkür ihrer Bewegungen, der zarte und seelenvolle

Character ihrer Empfindungen. Gerade wegen dieser Eigenschaften werden

sie gewöhnlich als echte Thiere betrachtet. Dass sie das nicht sind,

geht aus ihrem feineren Bau und ihrer Entwickelung deutlich hervor.

Zeitlebens umschliesst ihr einfacher Zellenleib nur einen einzigen

Kern. Bald ist dieser ~Nucleus~ rundlich (Fig. 15 d), bald wurstförmig

(Fig. 13 n), bald langgestreckt, stabförmig oder rosenkranzförmig (Fig.

12). Die Ciliaten sind also wirklich ~einzellig~, wie zuerst der um die

Kenntniss der Protisten hochverdiente Zoologe ~Siebold~ dargethan hat.

Die Vermehrung der Ciliaten geschieht durch einfache Theilung; und wie

bei jeder gewöhnlichen Zellentheilung zerfällt zuerst der Kern, und

darauf das Protoplasma in zwei gleiche Hälften. Aber auch Fortpflanzung

durch Knospenbildung ist bei vielen Ciliaten zu finden, so z. B. bei

den Vorticellen (Fig. 13). Ausserdem scheinen sich Viele durch ~Sporen~

zu vermehren, d. h. durch junge Zellen, welche sich im Inneren der

Mutterzelle bilden und wobei der Kern betheiligt ist (Fig. 12).

Das Protistenreich · 第 5 / 24 题