Garten, und da saß eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch auf dem
weiten Steinbalkon, auf dem ich mir gestern den Sonnenstich geholt
hatte. Zwei Vettern des Wirtes, die ein paar hübsche Fischerburschen
waren, hatten ein Ehepaar an einen Tisch geleitet. Sie setzten sich
soeben alle nieder. Ein älterer Mann von fünfzig Jahren und eine
dreißigjährige Frau.
Der Mann schien nicht ganz bei Verstand zu sein. Ich sah ihm zu,
wie er Dutzende von Chenilleäffchen verschiedener Größen aus einer
Handtasche auspackte und zu gleicher Zeit kleine Bändchen und Fähnchen.
Und nun begannen die Burschen, die Frau und der Mann, die Affenpuppen
mit Bändern zu schmücken, und alle vier spielten kindisch mit ihnen
und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht und am Hals mit den Äffchen.
Dabei hatte der Mann ein katholisches Traktätchen, eine gedruckte
Zeitschrift, neben sich liegen, in welcher Heilige abgebildet waren,
aus welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete vorlas.
Ich hatte bereits von Annunziata, dem Dienstmädchen, gehört, daß ein
ganz verrücktes Ehepaar erwartet würde. Das Mädchen war nicht sehr
erbaut von seiner Ankunft, denn die Frau, sagte sie, wäre verliebt
in die beiden Fischerburschen, denen sie im Winter, und überhaupt
vom Tag ihrer Abreise an bis zu ihrer Wiederkunft, fast täglich die
zärtlichsten Briefe schriebe. Aber Annunziata selbst liebte den einen
Burschen und fand es abscheulich, daß, so lange das Ehepaar im Gasthaus
wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten sollte.
Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas Widerlicheres gesehen, als
diesen mageren, bebrillten, greisenhaften, kichernden Mann und seine
schwammige, übel aufgeputzte Frau. Sie lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem
üppigen Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt war, und er grinste
über seine schmale Hakennase und über die Brillenränder zu den Burschen
hin, wenn seine Frau die Burschen mit den Chenilleäffchen hinter die
offenen Hemdkragen kitzelte.
Der eine Bursche hielt einen Leierkasten unter dem Arm, in welchen
Platten eingelegt wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald Musik
machen wollte.
Der Wirt hatte mir erzählt, das Ehepaar habe eine Seidenblumenfabrik in
Norddeutschland.
Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten spielen und die
Chenilleaffen tanzen würden, wenn die Zwerge, die Marinesoldaten,
der Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander Duelle
wünschen und die Russin wie eine Unke neues Unglück prophezeien würde,
wäre meines Bleibens hier nicht lange, und ich würde bald von diesem
Ort fortflüchten müssen. Das wäre vielleicht das einzige Unglück, das
mir passieren könnte. Denn ich hatte ein keimendes Abenteuer im Herzen,
von dem ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als bis es erlebt war.
Das Haus, in welchem sich der Gasthof befand, war halbiert. Der vorige
Besitzer hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen müssen. In der
Mitte waren durch das Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen
worden. Dahinter in der zweiten Hälfte hauste jetzt der einzige
Briefträger des Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf dem Balkon aber
hielt seine älteste Tochter, eine bleiche Italienerin, jeden Morgen
Nähstunden ab für ihre jüngeren Geschwister und ihre Freundinnen. Im
Saal, neben meinem Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich kein
einziges Möbelstück befand als ein alter Flügel, ließ der Briefträger
den ganzen Tag seine Hände galoppieren und braute Melodien, zu denen
die Geister aller Komponisten Europas zitiert wurden.
Niemals war mir vorher ein so entsetzlich musikalischer Briefträger
begegnet. Er hatte nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe kamen,
Post auszutragen, und diese Botengänge waren nur kurz; da die Gassen
des kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier nur wenig mit der
Außenwelt in Verbindung standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden
Spiel.
Die Frau des Briefträgers war bei der Geburt des letzten Kindes
gestorben, und die zwanzigjährige Tochter mußte die zwölf jüngeren
Geschwister erziehen. Der Vater aber wies, so sagte man, jedem Freier,
der, angelockt von der Madonnenschönheit der Zwanzigjährigen, sich über
die Schwelle wagen wollte, brüsk die Tür.
»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem Pathos zu,
»Pflichten gegen ihren Vater und ihre zwölf Schwestern, und ich erwürge
den mit meinen zehn Fingern, der es wagen sollte, meine Tochter diesen
ihren Pflichten abspenstig zu machen.«
Er selbst aber schien keine anderen Pflichten für seine Familie zu
fühlen als die, das mutterlose leere Haus mit seinem Klaviergetöse
anzufüllen. Er kam sich gewiß wie ein Ritter der Musik vor. Die adligen
Räume, die er zufällig, mit seiner ganzen Ärmlichkeit, bewohnen mußte,
schienen es ihm angetan zu haben. Die altitalienischen Wappen an den
Decken, die griechischen Götter, die dort auf abendroten Wolken saßen,
grell hingemalt in Perspektiven an den Deckenkalk, so daß der arme
Briefträger kein ruhiges Dach über seinem Schädel hatte, der gemalte
Regenbogen über seinem Kopf, auf dem die neun Musen samt Apollo saßen
und ihre wohlgeformten nackten Beine über den alten Klavierkasten
herunterhängen ließen, -- das alles schien den Mann in Ekstasen zu
versetzen, die ihn fähig machten, stundenlang bei Trillern und Läufen
am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen stieß er gegen seine Kinder
Flüche und Drohungen aus, die von Blut und Mordgedanken trieften.
Ich hörte täglich den Musiklärm und seine fluchende Stimme nah
wie durch eine Papierwand. Im Treppenhaus war eine verriegelte
Verbindungstür zwischen den zwei Haushälften. Diese stand einmal
zufällig offen, und ich hatte einen Augenblick im Vorübergehen den
schrecklich bunten Apollosaal für einige Sekunden bewundern können.
Die Tochter des Musikgespenstes grüßte öfters mit einem leisen Lächeln
im Gesicht zu mir herüber, wenn ich ans Fenster trat, indessen ihr
Vater drinnen fluchte oder musizierte. Dieser Gruß war, als wollte sie
um Vergebung bitten für den unaufhörlichen Lärm, an dem sie sich doch
schuldlos fühlte.
Ich hatte mir den Spaß gemacht und manchmal den Kindern drüben in
Stanniol gewickelte Schokoladestückchen zugeworfen. Nun kannten sie
mich alle und sahen erwartungsvoll nach mir, wie kleine Vögel, die man
vom Fenster aus füttert.
Am letzten Nachmittag war ich der ältesten Tochter begegnet, am
Seeufer, das hart vor dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern,
die dort am Wasser knieten und wuschen, und sie hatte einige ihrer
Geschwister um sich und nähte wie immer, -- sie nähte auch, während
sie spazieren ging. Aber mit den Weibern am Ufer Wäsche waschen, das
durfte sie nicht. Das wäre zu erniedrigend gewesen für die Tochter des
wichtigen Staatsbeamten, für den sich der Briefträger hielt.
Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke gekommen, das schöne Geschöpf
zu fragen, ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine kleine Kahnfahrt
auf dem See machen wollte. Aber der Wind rauschte in den großen
Silberpappeln am Ufer, und ich hätte laut schreien müssen, um diese
Frage zu stellen, und die waschenden Weiber hätten dann ihre Köpfe
gewendet und große Augen gemacht. Darum unterdrückte ich den Wunsch,
der auch nicht heftig genug war, um sich gegen alle Widerstände
durchzusetzen.
Aber heute abend, wenn Ulrike auf das Scheinwerferboot gehen würde, vom
Zolloffizier eingeladen und vom singenden Studenten und dem die Gitarre
spielenden Drogisten begleitet, dann wollte ich, dem Briefträger zum
Trotz, das schöne Mädchen zu einer Nacht- und Nebelfahrt auffordern.
Während ich noch dieses träumte, erschien unten im Garten Ulrikes
roter Kopf und stand gegen den blauen See wie eine große dunkelrote
Geranienblüte. Sie beschattete mit den immer lebendigen Fingern ihre
Augen, sah zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig angekleidet,
um mit mir in jenen Weingarten der Italiener zu gehen, wo die Leimruten
für den Vogelfang aufgestellt wären.
Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht mehr wie der Brennpunkt alles
Lebenden zu sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten, aber ihr
helles Gesicht und ihre Hände blitzten kühl und blank wie die Seewellen
draußen. Und es fiel mir auf, daß ihre Schönheit, beim starken
Tageslicht besehen, beim frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm
unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei dem die mächtigen Berge
wie alte tausendjährige Propheten saßen, eigentlich nicht mehr Kraft
ausstrahlte als die silberne Flaumfeder einer Seemöwe, die zwischen ihr
und mir jetzt eben in der Gartenluft vorüberschwebte.
Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung des nächtlichen Gartens,
wo die Welt rundum schwarz ausgelöscht war, lebte ihr weißes Fleisch
magnetisch im Kreis der Männer. Und heute Abend, das wußte ich, würde
es wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung ausstrahlen. Der Tag aber
wollte Gegenwart, lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist wie von
Vergangenheit ausgefüllt, und alle Dinge wachsen dann in Jahrtausende
zurück, machen eine Rückentwickelung durch, vergrößern sich im Finstern
und nehmen Gestalten der Urzeit an, Gestalten vorsündflutlicher,
ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als würden dann in der Finsternis
jene Formen wieder lebendig, von denen wir Menschen nur Ahnungen aus
den Gesteinschichten bekommen, wenn wir die Abdrücke versunkener
Riesengeschlechter, gigantischer Farren und gigantischer Amphibien
finden, -- Gestalten, von denen wir kaum feststellen können, ob sie
dem Luft-, dem Erd- oder dem Wasserreich angehörten.
Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern schien mir der Garten
gestern Abend angefüllt gewesen zu sein. Jeder war da im Dunkeln
über sich hinausgewachsen, die Menschen, die Zwerge, die Musik, die
Lampe, der Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer ruckweise
belichtete Seelandschaft.
Harmlos war das alles jetzt am Morgen, und der Morgen selbst unschuldig
wie ein Ei, das eine Henne ins Stroh fallen ließ, unschuldig wie die
Milch der Kühe, unschuldig klar wie frisches Wasser in einem Glas, und
ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen Morgen die Schrecken, die
ich gestern Nacht gefürchtet, leicht von mir, wie man den Rauch einer
Zigarette rasch von sich bläst.
Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen, keine fünf Minuten vom
Gasthaus durch die höckerige Straße, die dort anstieg und sich hinaus
in den Olivenhain verlor. Dort hinter den Mauern, die am Ende der
Häuser noch eine Weile den Weg einengten, lagen alte Weingärten.
Hier und da war eine Pforte oder eine Nische mit einem verstaubten
Madonnenbild in den Mauern; und an den Mauerflächen huschten graublaue
winzige Eidechsen hin. Verschlungene Feigenbäume streckten ihre
Fünffingerblätter aus und ließen schwarzblaue Früchte reifen. Niemand
begegnete uns als spielende Kinder und ein paar meckernde Ziegen, und
weißer wirbelnder Staub flog am Wege hinter uns her.
Auch hier waren am Morgen keine Gespenster mehr am Wege, und als uns
einer der orangutangähnlichen Zwerge einholte, der für uns den Klöppel
am Gartentor anschlug, in das wir eintreten sollten, da sah auch der
arme verwachsene Kerl dürftig und unschädlich aus wie ein humpelnder
Hase, schreckhaft und ängstlich.
Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges unter dem Vogelfang vor.
Sie dachte, man fängt die Vögel mit der Hand wie Schmetterlinge von
den Blumen. Und sie dachte, es müßte ein so hübsches Geschäft sein wie
Gärtnerei oder Mandolinenspiel.
Drinnen aber im Weingarten stockte uns beiden der Atem. Mit etwas
bleichen, übernächtigen Gesichtern fanden wir dort den Studenten und
den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit.
Am Ende des Gartens, der zum See abfiel, lag eine Wiese, und dort
in einem Mauerwinkel, auf einer breiten Böschung, saß der Student,
nur mit Hose und Hemd bekleidet wie ein Cowboy. Die Andacht und
der Schmelz, mit dem er gestern Abend gesungen, waren aus seinem
Gesicht wie fortgeblasen. Er war nur voll Eifer beim mörderischen
Vogelfang, durchdrungen vom Ernst eines Sachkenners. Man durfte nicht
laut sprechen, man durfte nicht laut auftreten. Man mußte wie bei
Wegelagerern im Hinterhalt lauern.
Zwischen den nächsten Büschen waren lange, dünne Ruten gesteckt. Die
waren mit klebrigem Leim bestrichen, der nicht trocknete.
In seinem Mauerwinkel lugte der Student durch eine Art Schießscharte
nach seinen Ruten und pfiff ab und zu auf einer kleinen silbernen
Vogelpfeife. Die gab einen leisen zwitschernden Laut. Der Lockruf wurde
manchesmal von einem Baum oder aus den Büschen beantwortet.
An einigen Rutenspitzen waren auch ein paar winzige Vögelchen
angebunden. Die flatterten und versuchten vergeblich, sich loszumachen.
Die in der Luft vorüberziehenden Vögel glaubten, von jenen käme das
Gezwitscher, und ab und zu kam ein Vöglein vom nächsten Baum oder aus
der Luft herbei und setzte sich auf eine der Leimruten, um zu erfragen,
warum die Flatternden nicht fortfliegen wollten, und warum sie riefen.
Bald aber mußte der Neugierige dann seine Freiheit lassen. Sein
Brustflaum klebte an der Rute fest, ebenso seine feinen Krallen.
Allmählich hafteten auch seine Flügel, mit denen er um sich schlug, an
dem Klebstoff der Rute. Und wie eine Fliege im Sirup, so quälte sich
der kleine Vogel vergebens loszukommen. Andere flogen dann auf das
jammernde Gepieps der Kameraden herbei. Auch sie blieben haften. Und
die Ruten schaukelten unter dem Gezappel der jämmerlich verstörten und
zu Tode geängstigten Tierchen heftig in der Luft hin und her. Und immer
neue kamen neugierig und hilfsbereit und umflatterten mitleidig die
piepsenden Gefangenen, die sich trotz aller Anstrengung nicht von den
Leimruten befreien konnten.
Das gestern so andächtige Auge des schmächtigen Studenten glitzerte
jetzt wie ein Wieselauge, und auch sein Rücken bewegte sich unruhig und
lauernd, wenn er durch die Mauerscharte spähte. Ab und zu flüsterte er
uns die sich steigernde Zahl der an den Leimruten zappelnden Opfer zu.
»Vier, sieben, zehn, hui, -- vierzehn!« stieß er begierig hervor.
Dann sprang er plötzlich aus seinem Versteck, war mit drei, vier
Sätzen bei den Ruten, griff mit langen Armen und großen Händen in
die Luft über die Büsche und pflückte die Vögel von den Ruten ab. Er
stopfte die Vögel in seine Tasche, wo sie, vom Leim besudelt, alle
aneinanderklebten und bald nur noch ermattet zuckten. Dann stellte der
junge Mann schleunigst mit frischem Leim angestrichene Ruten in die
Büsche. Es geschah geschäftig und blitzartig, als wäre jede Minute
seiner Handlung kostbar für die Weltgeschichte.
Nachdem er wieder zu uns in das Versteck zurückgekehrt war, holte
er Stück um Stück der Vögel aus seiner Tasche und zerdrückte jedem
zappelnden Tierchen zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger das
Köpfchen. Dann warf er den blutenden Vogelbalg zu dem Beutehaufen
ins Gras, wo bereits dreißig bis fünfzig Stück, die er in diesen
Morgenstunden gefangen, als tote Klumpen beieinander lagen.
Ulrike wurde blaß und wendete sich ab. Aber der Student grinste und
sagte achselzuckend: »Das ist Jagd.« Aber es war mir, wie er grinste,
als wäre sein Gesicht schwarz wie das eines menschenfressenden Negers
geworden. Schwarz vor Schuld, Scham und Verlegenheit, -- so sah ich ihn
für einen Augenblick vor meinem inneren Auge.
Über unseren Köpfen waren hier bei der Mauer Stangen auf
Backsteinpfeiler gelegt. Sie trugen ein Rebengewirr, durch dessen Laub
die Sonne grün leuchtete. Und große Trauben, goldgelbe und dunkelblaue,
hingen darin zum Greifen nah.
Trotzdem der italienische Student die Verstimmung deutlich merkte, die
sein grauenhafter Jagdsport in unseren deutschen Gemütern anrichtete,
bewahrte er seine südlich lässige Höflichkeit und lud uns ein, von
den Trauben zu pflücken. Und der Zwerg, der dabei stand, kletterte
behend an einem Pfeiler hoch und riß ein paar Trauben ab, die er uns
hinreichte.
Mir aber saß noch das Herz im Hals von der Vogelmetzelei, die ich hier
gesehen hatte, hier im harmlosen blauen Morgen, den die Wiesenblumen
und das Vogelgezirp schmücken sollten, und wo man unter den laubigen
Traubengängen keine Verräter und Mörder der Morgenunschuld vermuten
konnte.
Ich mochte keine Traube anrühren, und auch Ulrike legte die ihr
zugereichte Traube, ganz beklommen dankend, neben sich ins Gras.
Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der Student verstand es und
sagte, er wolle uns noch in den Weingarten führen, wo sein Freund viele
Netze aufgespannt hätte und die Vögel in einer anderen Weise einfinge
als er.
Im Garten droben nahm uns dann der Drogist in Empfang. Er führte uns
durch die dichten Laubengänge, in denen hohe Rebenstöcke standen, die
an Drähten ausgebreitet wuchsen und hohe Korridore bildeten. In diesen
Gängen, an den Traubenwänden entlang, waren große haardünne Netze
aufgespannt. In ihnen verfingen sich die kleinen Vögel im Durchfliegen.
Sie zappelten hier in den Maschen wie die anderen vorhin an den
Leimruten. Aber das Erschütterndste hier waren nicht die Netze, es war
nicht die Fangart, sondern die Lockweise. Es waren da eine Reihe Käfige
an der Wand. In denen hielt sich der Drogist geblendete Nachtigallen.
Den Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er die Augen
ausgestochen, damit sie in ewiger Finsternis besser singen sollten.
Die armen Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt geängstigt, und
ihre Klagen wurden doppelt schmelzend, doppelt sehnsüchtig.
»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen, aber zugleich blieb
sie wie erstarrt vor einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte es
noch gar nicht begreifen, daß es schändliche Wirklichkeit war, was
sie sah. Und der Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame Art,
über die Köpfe der Menschen fortzusprechen. Was er nicht hören wollte,
übersprach er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu Kopf stieg, zeigte, daß
er gehört hatte.
Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten, der da am See hinter
hohen Mauern eingeschlossen wie eine große Mördergrube lag. Von außen
hätte man der harmlosen Mauer nicht ansehen können, daß dahinter die
freiesten Geschöpfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen so
wohlgefälligen Nachtigallen und andere Singvögel, lebenslängliche
Folterqualen und Tausende von ihnen einen gräßlichen Tod erleiden
mußten.
Also dieses war das Grauen, dachte ich, als ich mit Ulrike den Garten
verlassen hatte, das ich durch die Mauern gefühlt habe, als ich am
ersten Abend durch den kleinen, brütend schwülen Ort hinaus zu den
grimassenschneidenden Olivenhainen am Bergabhang gewandert war.
»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden hören und kein Lied«,
sagte Ulrike ganz erschüttert. »Pfui! Wenn ich das gestern abend gewußt
hätte, daß die beiden solche Scheusale sind!«
»Sie werden aber heute abend doch mit den jungen Leuten auf das
Scheinwerferboot gehen und über den See kreuzen, wozu Sie gestern abend
der Offizier eingeladen hat.«
»Nein, nein,« rief sie heftig. »Ich habe den beiden eben gesagt,
sie sollten lieber elende Schmuggler werden. Denn besser als die
Vogeltöterei ist dann doch das Schmuggeln. Sie haben natürlich
verstanden, daß ich sie nicht mehr sehen will, und wurden beide blaß
und rot.«
Im Gasthaus mußte ich ein kräftiges Glas Wein trinken, um die Übelkeit
herunterzuspülen und das Grauen, das mich befiel, wenn ich an die
Vogelfänger zurückdachte.
Ulrike, in ihrer lebhaften Art, sagte, sie hätte am liebsten beiden die
Augen eigenhändig ausgestochen und die Frevler lebenslänglich mit den
Leimruten gepeitscht.
Der Tag wurde dann sehr heiß. Die Russin, Ulrike und ich saßen im
Garten umher oder im kühlen Speisesaal, lesend oder schreibend. Nach
dem Mittagessen war die Glut aufs höchste gestiegen, und der See
draußen leuchtete mit seinen Lichtflammen brennend in die Zimmer
herein. Nirgends war Schutz vor der Hitze.
Die Damen hatten sich zum Schlafen zurückgezogen. Ich lag in einer
Hängematte unter dem Mispelbaum, und mir schwand bald das Bewußtsein,
aber Schlaf war es nicht, denn ich wachte und erlebte Seltsames dabei.
Die Hitze betäubte meinen Verstand, aber meine Augen und Ohren wurden
unendlich wach und hatten ein Gesicht, das kein Traum war.
Ich schaute durch den Laubengang hindurch hinaus auf die
lichtüberrieselte Seefläche, und dort sah ich ein Tier aufsteigen. Das
hatte den Kopf einer Eidechse, den Hals einer Giraffe, den Bauch einer
watschelnden Ente und den langen Schweif eines Krokodils.
Mitten im See hob es sich, grüngrau, wie aus tausendjährigem Schlamm
geboren. Seine Haut hatte menschenkopfgroße Warzen.
Das Tier nickte mit seinem langen Hals wie ein Vogel Strauß. Das
glitzernde Wasser rieselte in Bächlein an ihm nieder, und Büschel von
großen Seepflanzen wuchsen dem Tier auf dem Rücken. Es sah aus, als
habe es jahrhundertelang in der Seetiefe geschlafen und richtete sich
jetzt auf, um Umschau zu halten, ehe es weiterschlief.
Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in einer lebensgroßen
Nachahmung aus Stein im Zoologischen Garten in Berlin, an der
Freitreppe zum Aquariumhaus gesehen, und wußte auch, daß auf einer
Tafel darunter »Iguanodon« stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren
auf der Erde ausgestorben«. Es war eines jener vorsündflutlichen Tiere,
an die ich gestern abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten verhexte
mit ihrer über alle menschlichen Begriffe starken Anziehungskraft, die
die Zwerge, die Katzen und alle Männer entzündete. Vor meinem inneren
Blick war Ulrike da in ein Fabelwesen verwandelt worden, für das man
keine gewohnten Maßstäbe findet. Und nun sah ich am hellen, heißen
Nachmittag ein Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre langen Schlaf
unterbrechen und mitten im See aufsteigen und Rundschau nach den Ufern
halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt mit einem ebenbürtigen
Feinde messen, der es heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert
hätte.
Und seltsam, -- ich erkannte plötzlich die Berge, die sonst Erde und
Stein waren, auf dem anderen Seeufer und über meinen Häuptern und
hinter den Hausdächern des am Berg hinaufkletternden Ortes nicht
mehr. Diese einzelnen Berge schienen die Stümpfe von Urweltbäumen zu
sein, deren jeder ein paar Meilen im Durchmesser maß. Und gegen diese
riesigen Baumstümpfe wirkte das haushohe Iguanodon wie eine winzige
Ameise. Die vorsündflutliche Welt, in der der Mensch weniger als ein
Infusionstierchen in einem Tropfen Wasser war, erschreckte mich nicht;
sie stand schrecklich schön im Sonnenschein vor mir. Und auch als das
Iguanodon eine pfeilartige weiße Zunge, wie eine lange dünne Röhre,
ausstreckte, die es langsam anwachsen ließ, erschrak ich noch nicht.
Erst als die Zunge wie ein dünner Sauger die Ufer, die Berge und
endlich die einzelnen Häuserflächen, die nach dem Wasser sahen, von der
Mitte des Sees aus abtastete, da packte mich ein panischer Schrecken.
Denn der weiße Strahl der Zunge zog sich, wenn er ein Haus berührt
hatte, wie ein langer Schneckenfühler wieder zu dem Tier zurück.
Mit einem Male hörte ich Geschrei, ein Angstgezirp, ähnlich dem, das
die zappelnden Vögel an den Leimruten im Morgen gezirpt hatten. Ich sah
mit Entsetzen, daß die Zunge des vorsündflutlichen Tieres jedesmal,
wenn sie ein Haus berührte, ein Fenster oder einen Laden eindrückte und
sich einen Menschen aus den Zimmern holte, und der Geraubte verschwand
angeklebt mit der eingezogenen Zunge im Schnabelrachen des Tieres.
Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl zwanzigmal größer als die
Abbildung, die ich einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet, in
Berlin gesehen hatte. Den Menschen, den die Riesenbestie verschluckte,
sah man im langen dünnen Tierhals nicht hinabgleiten, denn der
Hautbehang des Halses schien fest und dick zu sein wie Panzerplatten.