in den Garten herein die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten, und
viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge des Tieres flüchtete. Ich
fühlte aber, daß ich mich mit den Fußspitzen und meinen Armen in dem
Maschennetz der Hängematte verwickelt hatte, so daß ich mich nicht
zur Flucht aufrichten konnte. Nur meinen Kopf konnte ich hin und her
bewegen.
Ich sah, wie auf den Lärm im Garten der Wirt, die russische Generalin,
das heute morgen angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben,
letztere mit den Chenilleaffen und der Drehorgel bepackt, aus dem Hause
kamen und nach der Kellertür strömten, die der Wirt öffnete, und wohin
alles, was im Garten war, dem Wirt nachdrängte, der dann, als alle in
den Keller geflohen waren, behutsam die Kellertür von innen schloß. Ich
hörte, wie der Wirt zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle
durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos still wurde und sie
alle zu horchen schienen. Jetzt war die Zunge des Tieres, glänzend weiß
wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und pfeifend über die Krone des
Baumes, unter dem ich in der Hängematte gefesselt lag, auf das Gasthaus
zugeschossen und hatte die Glastür im Speisesaal eingedrückt, deren
Scherben laut klingend auf den steingepflasterten Fußboden fielen.
Alle Leute im Keller waren in Sicherheit. Auch die Tochter des
Briefträgers war vorhin mit den Menschen dort hinuntergeflüchtet, und
ich staunte nachträglich noch, wie furchtlos sie eigentlich gewesen
war. Das junge Ding schien nur vom Strom der Flüchtlinge mitgerissen
worden zu sein. Denn sie nähte, während sie in den Keller stieg, ruhig
an ihrer Arbeit weiter.
Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus fliehen sehen. Aber ich wußte
doch, daß sie in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt. Plötzlich zog
sich die Tierzunge, die dünne, tastende und saugende Zungenspitze des
Iguanodons, vom Hause zurück und schnellte wie eine zurückgeworfene
Leimrute hoch in die Luft, gleichsam, als sei das vorsündflutliche Tier
draußen im See tief erschreckt worden.
Mich schüttelten Frost und Kälte. Wie leicht konnte die Zunge jetzt
pfeilschnell durch das Geäst des Baumes wieder zurückschießen und mich
aus der Hängematte ziehen!
Da aber hörte ich, daß sich ein Fenster im Zimmer Ulrikes öffnete,
und ich wollte dem schönen Mädchen zurufen, sie solle fliehen und
sich verbergen, als ich sah, wie ein eben solcher Tierkopf, nur viel
kleiner als der des Ungeheuers auf dem See draußen, sich aus dem
Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand wie eine lange ungeheure
Fahnenstange aus der Fensteröffnung. Seine Zunge schoß aus dem Rachen
und züngelte lebhaft. Aber statt der Warzen hatte dieses neue Tier
rote lockige Haarbüschel an seinem Giraffenhals, Haare, so rot wie
Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich, daß die Zunge, die dieses Tier
ausstreckte, keine lange Saugröhre war, sondern daß elektrische
Flammen, elektrische Strahlenbündel, die viel schneller und viel
gewaltiger waren als die Zunge des anderen Tieres, weit auf den See
hinaussprühten und furchtbare Schläge ins Wasser austeilten. Und wo
dieses Tieres Elektrizität hinschlug, schien der See bis in die Tiefe
zu kochen.
Das Iguanodon draußen in der Seemitte hatte seine Zunge eingezogen,
legte seinen Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm aufs
Wasser, und es schien mir, als überlege es, ob es den Kampf mit der
Nebenbuhlerin am Ufer aufnehmen, oder ob es wieder versinken sollte in
sein jahrtausendealtes Wassergrab.
Plötzlich aber dröhnte die Erde. Der Baum, an dem meine Hängematte
hing, zitterte und schüttelte sich, als wenn ihn ein Schauder
durchführe. Zwischen den hohen vorweltlichen Baumstümpfen, die die
Höhe des Monte Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener Drachen auf.
Die hatten mächtige Fledermausflügel aus roten Häuten. Der Himmel
verfinsterte sich blutrot. Und die Drachen zeigten gelbe Bäuche und
grünliche Brüste, hinter denen ich einen dunkelblauen Herzwulst pochen
sah.
Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon unter. Auch das Tier im Hause
hörte auf, Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals in das Fenster
zurück und verschwand. Die roten Drachen aber füllten die ganze Luft
und wurden zu Millionen Drachen.
Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, der die vielen ausgespannten
Drachenflügel rot durchleuchtete. Und von dieser Röte wurde auch der
Baumstamm, unter dem ich lag, rot beschienen und ebenso Äste und
Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige Gurgelröhre aus, die man
einem mächtigen Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann zu sprechen,
und seine Äste begannen sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie
wuchsen und schlugen an die verschlossene Kellertüre, dahinter sich die
Menschen des Hauses geflüchtet hatten. Und der Baum schrie zuletzt
auf, und ich verstand jedes Wort, und mich schauderte, als er mich in
der Hängematte hin und her schleuderte. Des Baumes Stimme aber rief:
»So lange ihr Menschengezücht euch höher dünkt und gewaltiger als das
Höhenreich und das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden haben,
da ihr keinen Frieden geben wollt. Ihr sollt nicht sicher sein in euren
Häusern, nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter uns Bäumen.
Wir werden immer wieder zu euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich
und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr erloschen glaubt. Und ihr
werdet kämpfen müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten Drachen, sie
werden über euch geschickt, sie werden euch immer wieder besiegen, auch
wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. Die roten Drachen, die aus
dem Urblut aufstiegen, aus dem auch ihr gezeugt wurdet, sie sind es,
die euch züchtigen sollen.«
Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen hatte, wurde es still. Die
rote Dunkelheit, die die Landschaft und alles um mich entrückt hatte,
wich allmählich, und es wurde hell wie vorher. Der erhitzte Garten im
Nachmittagslicht, voll blühender roter Nelken und roter Geranien,
lag am See, trocken und scharf beleuchtet. Niemand sprach. Nichts
Ungewöhnliches war zu sehen. Im Hause schien noch alles zu schlafen.
Gerade vor mir an der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne,
tierähnliche Kakteenstauden. Auf den fleischigen, gepanzerten Pflanzen
sonnten sich grünschillernde Fliegen, und neben ihnen züngelte eine
kleine Eidechse.
Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte verwickelt. Ich konnte
aber doch leicht aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in einen
Strohsessel im Schatten des Hauses und dachte über das sonderbare
vorsündflutliche Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und Träumen eben
erlebt hatte.
Später kamen die Damen zur Kaffeestunde aus ihren Zimmern in den
Garten, und wie wir da zusammen unter dem Mispelbaum saßen, wollte ich
ihnen mein Traumgesicht beschreiben. Aber als ich den Mund zum Sprechen
öffnen wollte, tauchten mir ganz andere Bilder auf. Ein innerer Wille
zwang mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, die ich hätte sagen
wollen. Es war von jenem Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir
geblieben, die mir ergab, daß ich neuen Schrecken, der sich hier
entwickeln konnte, dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß ich die
Zukunft den Damen so schilderte, als wäre sie bereits Ereignis gewesen.
Und ich erzählte:
»Vorhin war es Nacht hier im Garten und draußen auf dem See. Die Lampe
unterm Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl hier saßen Sie, gnädige
Frau« -- und ich verneigte mich leicht gegen die russische Dame.
»Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des Hauses, graue und schwarze
nebeneinander, scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen in die
Dunkelheit horchend. Um den Tisch herum saßen alle Zwerge des Ortes.
Der eine Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich liegen, der andere
Zwerg seine Kappe voll Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter
Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben Ihnen saßen, hatten leere
Kappen, aber sie warteten, so schien es mir, jeder einen unbewachten
Augenblick ab, um aus den drei gefüllten Kappen etwas zu stehlen.
Aber die drei Zwerge mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen
und den Katzen gegen den See hin, wo eben nach dem Abendläuten das
Scheinwerferboot tutete, das dann das kleine Hafenbassin von Limone
verließ und seine Nachtwache an dem Ufer entlang antrat.«
Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt horchen, da tief im
Hause, in einem der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt wurde.
Der am Morgen angekommene alte Herr spielte das kreischende Instrument,
während seine Frau mit den beiden Fischerbuben schlurchend über den
Steinboden tanzte.
»Ich selbst befand mich auf dem See in einem Nachen und ruderte. Am
Ende des Bootes saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie hatte den
neuen Vollmond vor sich auf dem Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug.
Der Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit einer großen goldenen
Nadel seine Risse zusammen.
Alles Unnatürliche in meinem Traum war so selbstverständlich, wie wir
jetzt hiersitzen und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu gleicher
Zeit sein, im Garten, im Haus, im Kahn und auf dem Scheinwerferboot«,
erzählte ich weiter.
»Auf dem Zollboot, das wie ein langer schmaler Walfisch aus Eisen,
nur wenig erhöht, über die Wasserfläche hinschoß, sah ich, umgeben
von Zolloffizieren und Matrosen, Ulrike stehen. Es unterhielt sie
besonders, einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer handhabte.
Vom Boot war über dem Wasser nichts zu sehen als nur ein kleiner
Schornstein, der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein dünnes
Eisengeländer, das um das längliche Verdeck lief. In der Form einer
Zigarre, und einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf der
Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von Ufer zu Ufer. Die Offiziere
rauchten Zigaretten und freuten sich über Ulrike und über ihr
rotleuchtendes Haar, das in der Nacht noch stark mit seiner Feuerfarbe
lockte.
Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. Ein Offizier neben dem
Scheinwerfermann gab leise Befehle, und alle andern Offiziere drängten
sich zu ihm heran, und jeder sah durch ein neben dem Scheinwerfer
angebrachtes Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans Ufer.
Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber wußte, da ich auch zugleich
oben auf dem Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten
Gestalten im weißen Lichtstrahl des Scheinwerfers dort oben
keine Schmuggler waren, sondern der Student und der Drogist, die
der Aufforderung Ulrikes nachgekommen waren und die Schmuggler
spielten, nur um die Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot
unterhaltender zu machen.
Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie Schmuggler entdeckt
hätten. Einer bot ihr den Arm und führte sie auf den Wink der andern
in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, in welchem man nicht
sich, sondern sein vorsündflutliches Urbild sehen konnte. Ulrike lachte
herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas als eine Art Iguanodon
erkannte.
Im selben Augenblick hörte Ulrike ein Tuten, und es wurden Befehle
durch ein Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den Schmugglern gerufen:
›Stillgestanden! Oder wir geben Feuer!‹
Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und zeigte dem Offizier ihr schönes
Mädchengesicht und sagte:
›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten und auf den Drogisten
schießen, die nur zum Spaß die Schmuggler machen?‹
Im selben Augenblick krachten aber fünf Schüsse knapp hintereinander
aus einem Maschinengewehr, das am Kiel des Bootes angeschraubt war.
Vom Berg hörte man ein Niederrasseln von Steinen. Nach ein paar
Augenblicken rauschte das Seewasser vom Fall zweier Körper schäumend
auf.
›Ihr habt zwei Menschen getötet,‹ schrie Ulrike.
Die Schüsse aber in der Nacht wurden zu hundert Echos in den Bergen.
Und in den Häusern von Limone erhellten sich viele Fenster. Viele Leute
kamen aufgestört mit Lichtern und Laternen an den Strand, und viele
Frauen warfen sich am Wasser händeringend auf den Boden und riefen:
›Man hat uns unsere Männer getötet!‹ Denn diese waren Schmuggler und
befanden sich in dieser Nacht auf den Paßwegen mit Waren beladen, die
sie im Finstern über die Grenze schleppen sollten.
Zugleich rannte der Briefträger kreischend am Ufer entlang und schrie:
›Meine Tochter ist verschwunden! Mit diesen meinen Händen werde ich den
erwürgen, der sie entführt hat.‹
In der allgemeinen Aufregung gellte noch die Stimme Annunziatas, des
Dienstmädchens im Gasthause. Die rief einem alten Herrn, der sie
schüttelte, ins Gesicht:
›Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet, weil sie immer mit
meinem Geliebten tanzt und nicht genug an einem Mann und einem
Geliebten hat, sondern einen Mann und zwei Geliebte haben will.‹
Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte sich in einen Esel, stand an
einer Straßenecke auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in die
Nacht.
Im Garten starrte die Generalin, die bei den Katzen und den Zwergen
saß, wie entgeistert nach der Haustüre des Gasthofes, wo der alte Mann
herauswankte, der den Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen Frau
tot war. In ihm erkannte die Generalin plötzlich ihren vor Jahren
ins Meer gestürzten Gemahl, dem damals im Schreck, als sein Sohn
ertrank, das Erinnerungsvermögen geschwunden war, der sich aus dem
Meer gerettet hatte, aber nicht mehr wußte, wer er war, und der damals
nach Deutschland gereist war, eine künstliche Blumenfabrik gekauft und
wieder geheiratet hatte.
Jetzt stürzte dieser Mann wie die andern nach dem Strand, wo ein
allgemeines Geschrei und Gerufe durch die Nacht hallte.
Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck einen Schlaganfall. Sie sank
einseitig gelähmt vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle in den
offenen Keller, und auch die Zwerge erschraken und liefen hinter den
Katzen in das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um die Birnen, die
Trauben und die toten Vögel.
Birnen und Trauben schmatzend und tote Vögel zerkauend, kamen die
Zwerge nach einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen. Sie
zupften die umgefallene Generalin am Ohr und an der Nase und schleiften
sie, mutig geworden, weil sie sich nicht rührte, am Mantel und an den
Schalzipfeln den Garten hinunter an den See, wo sie sie unter Gekicher
von der Landungsbrücke ins Wasser stießen.
Die Tochter des Briefträgers im Kahn hatte die Risse im Mond
zusammengenäht und gab die Mondscheibe frei, die aus ihrem Schoß fort
an den Himmel hinaufschwebte, wo sie im Zenit stehen blieb, und wo sie
nun die Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verklärend beleuchtete.
Das Mädchen selbst aber sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch
gesagt hatte: ›Mein Vater ruft mich. Er darf mich nicht bei Ihnen
finden. Dann sind Sie des Todes.‹ Dann war sie leicht über das Wasser
fortgelaufen, als wäre der See eine Glasplatte, und sie kam heil an das
Ufer, wo sie ihrem Hause zueilte.
Ich aber wollte nicht mehr nach Limone zurück. Ich hatte genug von
dem abenteuerlichen Aufenthalt und wollte noch in der Nacht nach
Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff an mir vorbei, und mit
dem verzweifelten Schrei: ›Nehmen Sie mich auf!‹ sprang Ulrike vom
Boot herunter zu mir in den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskräften
und schloß die Augen und ruderte, nur von dem Gedanken der Flucht
angetrieben.
Ulrike aber hing mir an meinem Halse während ich ruderte, und die junge
Dame flehte mich an, sie zu ihrem Bräutigam nach Freiburg zu rudern, da
sie gewiß nie mehr einen anderen Mann ansehen wollte als ihn und kein
Unglück mehr suchen wollte, sondern das Glück der Ehe, soweit das einem
Iguanodon möglich sei.«
Also hatte ich gefabelt.
Ulrike, die längst ein Taschentuch vor den Mund gehalten und öfters
während meiner Erzählung wiehernd aufgelacht hatte, stöhnte jetzt:
»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute noch nach Freiburg
abreisen, um nicht all das Unglück anzustiften, das Sie mit solcher
Wollust auf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so schade, daß ich
allein reisen soll, und daß ich Sie beide in dem stimmungsvollen
Weltwinkel hier zurücklassen soll, während ich vor meiner
Iguanodonseele fliehen muß.«
»Daß Sie mich aber auf so schreckliche Weise umbringen lassen! Ich
soll im Wasser umkommen, nachdem ich meinen ertrunken geglaubten Mann
wiedergesehen habe! Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mir ein so
fürchterliches Schicksal ausdenken?« rief die Generalin, ihr Unglück
genießend, aus.
»Sie haben nichts getan, als daß Sie sich immer in Ihrem Innersten
dramatische Schicksale gewünscht haben. Sie dramatisieren mit Ihrer
Sehnsucht zum Unglück Ihr eigenes Schicksal, da Sie Angst haben, daß es
sich sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln könnte,« antwortete ich
ihr.
»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte die Russin, »einem
Aufklärungen über sich selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke
vorweg, die man das Recht hatte, zu erwarten,« fügte sie beinahe
schmollend hinzu.
»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief Ulrike jetzt, gleichfalls
schmollend. »Sie glauben, daß wir alle an Sonnenstichen leiden,
und Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür bin ich Ihnen
eigentlich doch dankbar. Sie leuchten wie ein Scheinwerfer in uns
hinein und erzählen uns dann Märchen, die Sie in uns gesehen haben, wie
ein Großpapa seinen Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende Märchen
sind das, das muß ich sagen.«
Die Russin ereiferte sich aber und meinte:
»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier zerstört. Ich bin dagegen,
daß man die Menschen von ihren Handlungen, die sie tun müßten,
durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht vom blinden
Leidenschaftsweg abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich nicht heute
Abend mit dem Offizier auf das Scheinwerferboot gehen wollen. Der
Student und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. Ich finde, der
Erzähler solcher Märchen müßte jetzt wenigstens neue Menschen und neue
Ereignisse herbeischaffen. Denn damit, daß eine erzählte Geschichte aus
ist, ist doch nicht das Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter und
wollen erleben.«
»Hier kommt schon neues Leben,« rief Ulrike.
Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei fremde Herren in den Garten
herein. Sie trugen kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns die
Herren im Vorübergehen als zwei italienische Ärzte vor, die für einige
Wochen hier bleiben sollten, und die soeben erst mit dem Dampfschiff
angekommen wären.
Wir hörten nur noch, wie die Herren zum Wirt sagten, sie wollten nur
rasch ihre Hände waschen, und dann die Wiese aufsuchen und den Platz
bezeichnen, wo die Krankenzelte aufgeschlagen werden sollten.
»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« rief die Generalin, mit
ihrem einen Auge belustigt zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt aus
ihren Schals und Mänteln empor.
Die Herren waren aber schon mit dem Wirt ins Haus getreten und hatten
beim Geräusch der Schritte die Frage überhört.
Wir sahen einander verwundert an. Ich erinnerte mich, in der Zeitung
gelesen zu haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen seien. Aber
ich verschwieg es, um die Damen nicht zu erschrecken.
Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. Sie hatte am Gartentor dem
Briefträger die Post abgenommen und brachte uns Zeitungen und Briefe.
Dabei sagte sie geheimnisvoll:
»Die Dame, die heute morgen angekommen ist, ist sehr krank. Der Wirt
hat gesagt, die Krankheit könne Cholera sein.«
»Da haben wir es, das Unglück,« rief die Russin begeistert aus. »Ich
packe sofort meine Koffer.«
Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:
»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt habe. Jetzt werden alle
mit mir abreisen. Wie froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines
ereignet, und daß meine Abreise nicht allein das Tagesereignis sein
muß.«
Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung aufgeschlagen und las,
daß verschiedene Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee
gemeldet waren. Ich schlug dann den Damen vor, zusammen noch einen
letzten Abschiedsspaziergang nach den Wiesen zu machen, was die
Damen auch gerne taten. Draußen vor dem Ort, in der Nähe eines alten
Pestfriedhofes, der jetzt wie ein harmloser Rosengarten zwischen
prächtig düsteren Zypressen lag, trafen wir die beiden Ärzte, die
den Arbeitern zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes Zelt
errichteten.
Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das Haus des vorsündflutlichen
Tieres denken, das sich in meinem Traum aus dem See gereckt hatte
und mit seiner Zunge in die Häuser eingedrungen war, aus denen es die
Menschen einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. Bald
würden hier Tragbahren ankommen. Bald würden die Häuser des kleinen
Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der Cholera in dieses Zelt dem
unerbittlichen Choleragespenst hingeben müssen.
Während wir noch dastanden, wurde schon auf einer verhüllten Bahre die
erste Kranke aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, die Dame,
die mit ihrem Mann heute morgen aus Venedig angekommen war. Der Wirt
mit seinem demütigen Eselsgesicht stand neben mir und stöhnte laut und
hörbar, denn er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen und alle
Bewohner des Ortes sein Haus meiden. Und wer wußte es denn, ob nicht
er und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen Choleratod
gezeichnet waren?
Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem Ort des Schreckens zu
entfliehen. Die Dampfschiffe weigerten sich, in Limone anzulegen, und
das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, war das letzte gewesen, das
die Landungsbrücke berühren wollte.
In der Nacht, als der Mond, von einer dünnen Wolke in zwei Teile
geteilt, über dem See und dem Monte Alto hing, stießen geheimnisvoll
zwei Boote bei der Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen saß ich
und ruderte Ulrike und unsere Koffer, da wir uns keinem Bootsmann
vertrauen wollten. Im anderen Boot saßen die russische Generalin und
der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen Frau, der eine heillose
Angst hatte und nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes hatte
abwarten wollen. Dieses Boot ruderten die beiden Fischerknaben, da es
schwer und mit den großen Koffern der Generalin beladen war.
Während der ganzen Nacht ruderten die Boote lautlos Seite an Seite, und
als wir die Bucht von Limone verlassen hatten, war in der Dunkelheit
nichts mehr von diesem Ort bei uns als der säuerliche Duft der
Zitronenfrüchte, der uns aus den Säulengärten in der milden Nacht über
das Wasser noch nachkam, lockend und verführerisch, wie ein lebendes
Wesen, das auf den Wellen wandern kann, ohne zu versinken.
Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, der sonst die Nacht so unruhig
machte, war in der Mondhelle, in welcher keiner zu schmuggeln wagte,
auf der anderen Seite des Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem
weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten Bergwände ab.
Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen die Fischerknaben vom
anderen Boot mir zu:
»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. Jetzt sind wir auf
österreichischem Seegebiet.«
»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte Ulrike. Sie war im Geist
längst nicht mehr auf dem See, sondern weit über den Alpen bei ihrem
Bräutigam.
Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd entrannen, den ich vom
ersten Augenblick an, als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin
von Limone hineingefegt worden war, beim Betreten des Landes mit allen
Sinnen gewittert hatte.
Aber die Russin meinte, Abenteuerherde müsse es überall geben, denn
sonst wäre das Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig nach neuem
Unglück.
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