stille Grauen in mir nahm so überhand, daß es mich forttrieb aus dem
Kreise der grimassenreißenden Baumstämme, die umherstanden, gespalten
und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig, mehr Tieren als Bäumen
ähnlich.
Ich wollte lieber zu den krüppligen Menschen des Ortes zurückkehren,
als hier länger bei den hölzernen Urvätern der Krüppel zu weilen, die
trocken und herzlos wie halbtote Greise, in sich versunken und in sich
gekrümmt, den Weg begleiteten, der Schar aller Mühseligkeiten ähnlich,
die einem lang Lebenden begegnen können.
Zurückgekommen zum eisernen Gitter des Gasthausgartens sah ich
gegenüber unter der trüben Petroleumlaterne, die als Straßenbeleuchtung
an einer Hausecke hing, in einem kahlen Ladengelaß wieder einen
Zwerg mit einem Stock stehen. Der Stock war ein Stück größer als
der Zwerg, und es war doch nur ein gewöhnlicher Spazierstock. Mit
diesem Stock deutete der Krüppel wichtig und sich höflich verneigend
auf einen Tisch, an den er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte.
Dort lagen, sorgfältig nebeneinander gereiht, einzelne Birnen, große
dicke Kochbirnen, die wir in Deutschland Katzenköpfe nennen. An
der Tischkante stand eine brennende, flackernde Kerze, die in einem
Zinnleuchter stak.
Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim Fortgehen vor einer Stunde
diesen Fruchtverkäufer noch nicht bemerkt. Es schien mir, als habe
er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet, vielleicht weil er
gehört hatte, daß ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war, was ihn
unternehmungslustig gemacht haben mochte.
Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher kauerte jener Zwerg, der
vorhin die Weiber geküßt hatte; er glotzte in die beleuchtete Glaskugel
des Schusters, bei deren grellem Blendlicht der Meister und seine
Gesellen, auf dem Straßenpflaster hockend, arbeiteten.
Die Gassen hinter den beleuchteten Köpfen verschwanden in Gewinkel und
Finsternis, manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen, die aus Türen
oder Fensterluken auf das Pflaster fielen.
Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses hockten zwei
andere Zwerge, die mich schweigend und argwöhnisch, wie zwei
aneinanderhängende Affen, von der Mauerhöhe herunter beobachteten.
Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten und auch ermüdet
von den neuen Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging und
nur mit einem Kopfnicken die lauten feierlichen Grüße der Krüppel
beantwortete.
Als ich dann in den Garten eingetreten war und mich zum Abendessen
unter den Mispelbaum setzen wollte, unter eine wenig leuchtende
Petroleumlampe, die in den Zweigen des Baumes hing, kam der Wirt zu
mir und sagte mir, morgen würde das Zimmer neben dem meinigen besetzt.
Er habe eben mit dem Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin
erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst hier verbracht hatte. Die
Dame habe zugleich geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs
gestohlen worden sei, und der Wirt hatte ihr noch mit dem selben
Nachtschiff Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten wollte.
Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn einer wohlhabenden
Russin konnte es wohl kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest
aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; aber später hörte ich,
daß die Dame die Gattin eines Generals war.
Am nächsten Tag saß ich gegen Mittag auf dem Steinbalkon, der gegen den
Garten hin vor dem Eßzimmer lag, unter dem sich die Küchenhalle befand.
Ich schrieb Briefe und saß ohne Hut, und die Mittagssonne brannte auf
meinem Kopf.
Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen Decke mit bunten
mittelalterlichen Malereien, Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch
setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den Korridor führte, eine
kleine ältere Dame stehen, die, während sie einen Schleier um ihren
Kopf band, zwischen den Vorhängen an der Glasscheibe hindurchblinzelte.
Dann trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte sie als die
russische Dame vor.
Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas belustigt zwinkernde Augen
und machte viele kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend Kindliches
gaben. Als sie sich vor ihren Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich
mit mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte vom Comosee, von dem
sie eben kam, und vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie dort in
seiner Villa besucht hatte.
Sie forderte blindlings Interesse von mir, weil sie sich für Fogazzaro
und den Comosee interessierte. Aber mein Kopf schmerzte mich. Er
wurde schwer, als wollte er anschwellen wie ein Zwergenkopf, und ich
fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen in der Mittagsonne einen
Sonnenstich bekommen hatte.
Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, und das ganze Zimmer mit der
buntbemalten Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte um mich,
als wäre es eine russische Schaukel.
Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich fühlte, daß ich umfallen
würde. Während die Russin immer weiter sprach und mir nichts anmerkte,
wartete ich still ab, bis ich mich wieder so stark fühlen würde, daß
ich mein Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich sagte dann der Dame
im Fortgehen, daß ich glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl
geworden.
Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir Eis bringen. Mir war bei
jeder Bewegung sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges Fieber zu
schütteln.
Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, und die Russin brachte mir
ein großes Senfpflaster, das sollte ich auf meinen Rücken legen.
Während sie noch im Zimmer war, klopfte es wieder, und ich hörte die
Stimme einer jungen Dame, die draußen mit dem Dienstmädchen sprach.
Sie sagte, sie hätte im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen Namen
gelesen, und es war ihr gesagt worden, daß ich nach Limone gezogen sei.
Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, die ich seit einem
Jahre nicht gesehen hatte. Die Neuangekommene wollte, daß ich ihr
Limone zeigen sollte.
Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben läge, und sie möchte
entweder meinen Tod oder meine Genesung abwarten.
Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß sie einige Tage im gleichen
Gasthaus in Limone wohnen bliebe.
Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster auf dem Rücken, einen
Eisumschlag auf der Stirn und einen Herzchock in der Brust,
hervorgebracht durch das bevorstehende Wiedersehen mit einem seltsamen,
reizend schönen Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte,
-- so lag ich auf meinem Bett und mußte mich gedulden, bis die
Sonne untergegangen war und in der kühleren Abendluft, bei den weit
geöffneten Fenstern, der Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, und
ich mich allmählich wieder gesund werden fühlte.
Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich besuchte, war Studentin
der Chemie, und ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. Sie war
eine jener schönen rothaarigen Frauen, die jetzt in Deutschland so
selten werden. Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit leichtem rosa
Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte unter blauem Himmel leuchtet.
Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von diesem schönen Geschöpf
aus. Das leuchtende Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens neben
dem dumpfroten Haar war von einer leuchtenden Lüsternheit verklärt.
Man hätte das junge Mädchen nie unverschleiert gehen lassen dürfen, da
ihre Reize so stark waren, daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken
beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen.
Im Mittelalter wurden solche verwirrend schöne Frauen den
Folterknechten als Hexen hingegeben, und die Männerfäuste schlugen mit
Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende Frauenfleisch.
So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte in jener Luft, in der
ich seit Stunden das Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke
vorausgefühlt hatte.
»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal in meinem Herzen,
während meine Tür geschlossen war und ich den Besuch noch nicht gesehen
hatte. Und Ulrikes Geist antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. Ich
suche, wenn es nicht Glück sein kann, Unglück, Vernichtung, wie du, wie
ihr alle.«
Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft eingeschlafen war, weckten
mich Mandolinenmusik und italienischer Gesang aus dem Garten.
Ich stand auf. Es war Nacht geworden. Es mußte neun oder zehn Uhr
sein. Ich fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem See suchte der
Scheinwerfer des Wachbootes die Berge ab und schoß ab und zu in den
Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen die Bäume, und mir war,
als müßte es jedesmal einen schrillen Laut in den Blättern geben,
wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub schoß, das dann wie
Metallschlacken hell und dunkel aufglänzte.
Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den ganzen Ort zu Freunden. Während
der paar Stunden, in denen ich schlief, und in denen die Russin, die
fließend italienisch sprach, sie spazieren führte, hatte sie, das
wußte ich gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der da ruckweise vom
See in den Garten fegte, schon alle Männer des Ortes geblendet.
Als ich im großen steinernen Treppenhause von meinem Zimmer in den
unteren Stock hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme entgegen.
Sie hielt einen Vortrag über Politik, über die Notwendigkeit, daß
Italien zu Deutschland aufschaue, da es von Deutschland viel zu lernen
hätte.
Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen Art, daß die Italiener
lügen, betrügen, daß sie falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle
diese ungerechten Aussprüche, die unwissende Deutsche immer schnell
bereit haben, wenn über Italien geredet wird.
Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden Männeraugen
begegnete, alles das in die Luft zu schreien, was man bei einigem
Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber wahrscheinlich reizte es
sie, daß alle Männer Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte
Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht Süße austeilte, wollte ihre
Seele Bitternisse in die Seelen der anderen träufeln, damit nicht das
Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.
Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und beobachtete durch die
offenstehende Haustüre die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten,
die dort an einem länglichen Tisch unter dem Mispelbaum saß, mit der
Hängelampe über den Köpfen und vom weißen Tischtuch beleuchtet.
An der Spitze des Tisches saß wie eine immer bewegte, surrende, graue
Spindel die silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals und Reisedecken
eingemummt; und nur ihr kleines, blasses Gesicht mit dem einen
geschlossenen Auge und mit dem andern zwinkernden Auge sah belustigt
und mit sich selbst vergnügt von einem zum andern.
Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, den sie hintüber hin und
her bewegte, schaukelte mit übereinandergeschlagenen Beinen Ulrike und
hielt sich dabei mit der einen Hand an der Lehne des Stuhles der Russin
fest.
An derselben Längsseite des Tisches, nicht weit von ihr, saßen zwei
junge Männer. Der eine war ein blasser italienischer Student, auf
seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war aber eine jener altmodisch
schmachtenden Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen Heiligen
auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern des zwölften und
dreizehnten Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, von
einem schwärmerischen Geist wie von einer blauen Flamme durchwallt.
An ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht straffen
Jungemännerschönheit, die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen,
altchristlichen Schönheitstypus verdrängt.
Es war rührend zu sehen, wie der junge, schwarzgekleidete, schmale
Mensch jetzt eben ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen
italienischen Gassenhauer, den er sicher noch nie in anständiger
Gesellschaft gesungen hatte, und den er mit einer einfältigen Andacht
vortrug, als handele es sich um eine Heldensage. Und dies alles nur
deshalb, weil Ulrike den jungen Mann bereits entgeistert hatte. In
seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied festlicher Liebesanbetung
vor ihr. Davon trug sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber sein
Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, weil die ungeduldige Ulrike nur
Straßenkunst hören wollte.
Neben dem jetzt singenden Studenten spielte ein anderer junger Mann
eine Mandoline, die er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief
gebückt saß, und deren Saiten er so innig zärtlich zupfte, als wären
sie aus dem verführerischen roten Haar der jungen Deutschen gesponnen.
Denn Ulrike machte sein alltägliches, reizloses Gesicht blutrot
aufleuchten, wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu ihr hinübersah.
Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber in einem Drogenladen
im Ort, der ihm gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte und
Farbstoffe auf einer Wagschale wog, wovon seine Nägelränder noch
bläulich, rötlich und gelblich schimmerten. Er schlug trotz aller
Innigkeit grob und derb die Saiten. Er war nicht viel älter als der
Student, aber er tat laut erzählend sich etwas darauf zugut, bereister
zu sein als jener, und er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes
auffallendes verführerisches Frauenfleisch, sich mit einer Grobheit zu
panzern, die ihn kaltblütig erscheinen lassen sollte.
Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe das Lied anhob, Ulrike ins
Gesicht gesagt hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab an,
daß jene die Eigenschaften hätten, die die Deutschen den Italienern
zuschieben.
Ulrike war keine Österreicherin. Darum hörte sie auf seinen Haß gar
nicht hin, sondern forderte ein neues Lied. Sie wußte wahrscheinlich
auch, daß ihre weiße Hand, die sich an die Stuhllehne der Russin hielt,
aufmerksam, ebenso wie ihr Nacken, von einem Zolloffizier beobachtet
wurde, der hinter ihr an einem kleinen, runden gedeckten Tisch saß, wo
er zu Abend gespeist hatte, und wo er jetzt seinen Kaffee trank, mit
einer Zeitung rasselte und seine Zigarette rauchte.
Vor dem Offizier brannte ein Windlicht auf dem Tisch, sein Lichtkreis
traf noch Ulrikes roten Haarknoten und ihren weißen Nacken, dessen
Biegung sich dem Offizier hinhielt, als wollte dieser Nacken
gestreichelt und geküßt werden.
Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der junge Wirt mit seinem langen,
schmalen Tiergesicht. Seine Augen schienen ganz verblödet zu sein vom
langen Hinstieren auf Ulrike. Er stand dort ziemlich unbemerkt im
Schatten und war nur von den Knien abwärts beleuchtet.
Über ihm im weiten Geäst des schlangenartig geformten Baumes kauerten
die Hauskatzen. Es hockten dort drei, vier Katzen und Kater wie
buckelige Auswüchse auf den glatten, ausgestreckten Ästen, und
manchmal jagte ein Tier das andere, und sie flohen höher in die dunkle
Laubkrone. Dann sah Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen die
Katzen still und kauerten sich nieder, denn der Katzenlaut, den das
junge Mädchen rief, war verblüffend naturgetreu.
Von meinem erhöhten Standpunkt im Hausflur sah ich auch ein Stück vom
Gittertor neben der Gartenmauer, und dort kauerten, aufgereiht wie
Kürbisse zum Trocknen, die mumienhaften, großgesichtigen Köpfe jener
Zwerge, denen ich vorher auf der Straße begegnet war.
Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der Scheinwerfer vom See für
Augenblicke seinen Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf.
Daß hier ein Unglück wucherte und in irgendeiner Gestalt aufstehen
würde, fühlte ich an der seltsamen Gruppierung der Menschen, der Tiere
und der Dinge, die alle von dem magnetischen Wesen Ulrikes angezogen
waren. Die Spannung und die Unsicherheit, die diese junge Dame um sich
verbreitete, machte, daß alles, was im Garten anwesend war, wie auf
einer dünnen Eisfläche lebte, die jeden Augenblick irgendwo einbrechen
und irgendeinem der Anwesenden tödlich verhängnisvoll werden konnte.
Aber sie schienen alle das Unglück begierig zu suchen.
Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die Treppe, die zum Garten
hinunterführte. Bei meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an.
Aber sie schien sich nicht klarmachen zu können, von welcher Seite
das Geräusch der Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillkürlich
nach dem Gartentor und der Gartenmauer. Im selben Augenblick erhellte
ein neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die Köpfe der ungeheuerlichen
Mißgestalten der Zwerge, die dort lauschten.
Ulrike schnellt empor, läuft von ihrem Stuhl fort und schlägt unter der
Mauer ein fröhliches und fast kindliches Gelächter auf, aber wendet
den Kopf nach mir, und nachdem sie den Zwergen ein spöttisches »Guten
Abend« zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begrüßt mich in ihrer
sprudelnden Sprechweise.
»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie da aufgesucht!« rief sie mir
zu. »Welch ein Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu entdecken!«
Und mit einer Geste, mit einer stummen, aber höhnenden Geste, deutet
sie über den andächtig singenden Studenten, über den Baum, in dem die
Katzen sprangen, und nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im Dunkel
beieinander hockten, und auf den Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel
den Monte Alto grell aufhellte.
Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer wie Kirchenlieder,
während Katzen in den Bäumen buhlten, Zwergköpfe auf der Mauer wuchsen
und dazu ein irrsinnig wandernder Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge vom
Himmel fallen ließ.
An diesem Abend geschah nichts weiter, er war nur der Auftakt für die
nächsten Ereignisse. Der Student lud, als er und sein Freund, der
Drogenhändler, aufbrachen, Ulrike und mich zum nächsten Morgen in
den Weingarten seines Freundes ein, wo beide täglich mit Leimruten
Singvögel einfingen, da die Zeit des Durchzuges der nordischen
Singvögel war. Aber auch der Zolloffizier ließ uns durch den Wirt
sagen, wenn wir das Scheinwerferboot nachts besuchen wollten, sollten
wir es ihn wissen lassen.
Die Zwerge aber stießen kreischende Pfiffe aus und riefen zur
Verabschiedung Ulrike ein geheultes »Guten Abend« zu.
Ulrike war müde und zog sich schon bald auf ihr Zimmer zurück, nachdem
wir nur noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb bei der Russin
sitzen, die aus ihren Schals und Mänteln wie aus einer gepolsterten
Loge hervorsah, von der aus sie den Anfang eines Dramas gespannt
verfolgte.
»Sie ist für die Männer, was der Baldrian für die Katzen ist«, sagte
die Russin, als Ulrike gegangen war. Sie wiegte sich in ihren Decken.
»Welch eine Sippe hat sich hier zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist
aber auch immer etwas Unheimliches los. So war es immer, so lange ich
lebe. Zwar brechen durch mich nicht Ereignisse herein. Aber ich habe
eine im Blut liegende Witterung für aufregende Zeiten, Menschen und
Gegenden, und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen von Zuständen,
bei denen eine gewisse Spannung in der Luft liegt.
Als Sie heute bei Tisch so blaß wurden und den Sonnenstich fühlten,
dachte ich bei mir: Da bist du ja gerade recht gekommen, um gleich
ein Unglück vorzufinden und helfen zu können. In den meisten Fällen
aber kann ich nicht helfen. Da muß ich nur Zuschauer sein und muß froh
sein, wenn ich nicht selbst dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie,
einen leichten Schlaganfall habe ich schon einmal gehabt. Den erhielt
ich infolge eines Schreckens, als ich Mann, Kind und Vermögen in einem
Augenblick verlor.«
Und dann erzählte die russische Dame mir ihr Leben. Sie stammte von
deutschen Eltern, war aber in Rußland geboren und hatte einen Russen
geheiratet. Ihr Mann war Leutnant, als sie Hochzeit machten. Aber sie
waren nur wenige Wochen vermählt gewesen, da brach der Krimkrieg aus,
und die junge Frau wußte, daß ihr Mann fort von ihrer Seite in den
Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mußte.
Sie machte sich auf, besuchte seinen General und bat ihn, daß sie als
Krankenschwester dem Regiment ihres Mannes folgen dürfte. Das wurde ihr
gewährt.
Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah sie natürlich nur selten,
und wenn sie mit den anderen Rotekreuzschwestern nach den Kämpfen die
Verwundeten in den Feldern aufsuchte, dann zitterte ihr Herz jedesmal,
wenn sie einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete und das Gesicht zu
sehen suchte, denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu finden.
Und eines Tages wurde sie auch zu ihm gerufen. Er lag verwundet in
einem Schanzgraben. Nur sein Bursche war bei ihm. Die junge Frau
brachte wochenlang in dem Schanzloch zu und hütete und pflegte ihren
Mann.
Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut, Grausen und Ängsten auf
schmerzdurchkreischten Schlachtfeldern durchgemacht hatte, war ihr ein
schwaches Herz geblieben.
Nach vielen Jahren, als sie schon einen großen Sohn, einen
hübschen Knaben hatte, traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als
jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe wurde am Meer von einer
Dampferlandungsbrücke durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen, und
ihr Mann sprang rasch entschlossen hinter seinem Kinde her, um es zu
retten. Aber das Meer gab sie nicht mehr zurück. Beide ertranken.
Außerdem hatte der General gerade an diesem Tage seine Wertpapiere,
die er auf eine Bank bringen sollte, in der Brusttasche. So waren der
Russin in einer Sekunde Mann, Sohn und Vermögen entrissen worden.
Seit jener Zeit beobachtete sie, daß sie einen Instinkt für Unglück
hatte.
Als sie zum erstenmal zum italienischen Schriftsteller Fogazzaro kam,
war diesem eben sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum erstenmal
an den Gardasee kam, geschah dort das größte Unglück, das der See je
erlebt hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines Vergnügungsdampfers
verloren Hunderte von Menschen ihr Leben. Und so wußte sie noch viele
Fälle zu berichten. Und sie war gar nicht verwundert, als ich heute den
Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze Hausapotheke bei sich,
da sie ja die Begleiterin hundertfacher Unglücke gewesen war.
»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike bald wieder abreist. Der
junge Student ist schon ganz blaß verliebt in sie und sieht krank aus,
als ob er in ihrer Nähe ein betäubendes Gas eingeatmet hätte. Und
die andern, der Offizier und der Drogist, stolpern über ihre eigenen
Beine vor Verwirrtheit, wenn sie sich vor der schönen Ulrike verbeugen
sollen. Sie wird auch noch die Zwerge und die Katzen in sich vernarrt
machen, die Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu kommen, und der
See wird wandern wollen, um ihr nachzulaufen.«
»Daran ist nichts zu ändern,« sagte die Russin. »Es kann sogar sein,
daß wir auch Schaden nehmen dabei. Denn wo ein Unglückswirbel einsetzt,
reißt er auch Fernstehende um. Heute, als Sie schliefen und oben in
Ihrem Zimmer krank lagen, spielte Ulrike Boccia hier im Garten mit den
italienischen Zollsoldaten. Die Männer bekamen fast eine Schlägerei,
denn jeder wollte ihr zuerst den Ball zureichen dürfen. Und auf der
Straße, als Ulrike einem Zwerg eine Zigarette schenkte, entriß der
andere Zwerg dem ersten das Geschenk und verbarg die Zigarette an
seinem Herzen. Der Beraubte zog dann sein Taschenmesser und wollte auf
den Rivalen losstechen. Der aber zog auch ein Messer und stach wieder
zurück. Und wenn die Soldaten die beiden Krüppel nicht getrennt hätten,
würden sie sich in Stücke zerschnitten haben. Ich bin gespannt, wie es
morgen wird«, setzte die Russin hinzu. »Der Wirt, der Bürgermeister,
hat mir heute schon gesagt, er wolle sich eine deutsche Grammatik
anschaffen, damit er Fräulein Ulrike schreiben könne, wenn sie wieder
in Deutschland sein würde. Und im Winter wollte er dann eine Reise
nach Deutschland machen. Alle sind in Ulrike vernarrt wie die Fliegen
in ein Stück Zucker. Sie hat wie ein roter Blitz hier in den Ort
eingeschlagen.«
* * * * *
Am nächsten Morgen früh, als die Wiesen am See und ihre gelben
Dotterblumen noch taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz nachdem
das erste Dampfschiff getutet hatte. Da hörte ich, daß im Garten unten
Neuangekommene nach Zimmern fragten. Es war jetzt Anfang September, und
der Wirt hier hatte im September doch einige immer wiederkehrende Gäste
in seinem Hause, denn der Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder
entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschwärmern aufgesucht wird.