und fortzuweisen.
Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend
stiegen wir zusammen hinauf.
In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle
warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten
Eindringling zu stören, ging ich allein höher.
Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem
Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer
bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer
zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen
Menschen gehalten haben.
Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und
vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein
Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie
erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.
Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen,
daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen
durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen,
wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen
Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen
Augenblick bei ihr einzutreten.
Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes
Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich,
daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen
verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.
Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die
ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die
an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu
und half ihr.
Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf
einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar
seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen
zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein
paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze
Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank
geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie
die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den
leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.
Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung
sagte sie:
»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf
gestohlen.«
Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte,
sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott
der Idioten ausgeliefert habe.
Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem
großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu
bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem
Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher
liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen
machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen
konnte.
Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und
ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu
verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame
bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und
warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs
Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich
in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.
Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre
Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende
Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben,
das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel
Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu
überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten.
Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der
Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.
Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer
seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die
Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer,
denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht
einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit
erinnert wurde. --
Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den
Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich
hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an
meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.
Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr
zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo
immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.
Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen
Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er
schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem
Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den
Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand
hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und
ihm denselben vertraulich an die Brust warf.
Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an
denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den
beiden Tieren: »Lauft!«
Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu
ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich
niedersetzte.
Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie
glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.
Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst
die Hunde an die Luft angebunden haben.«
Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so
respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich
mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht
zum Lachen.
Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen.
Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.
Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein
Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten
irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die
Zweige der Tanne an.
Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich
getäuscht haben müsse.
»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.
»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast
gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.
»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt
immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern
wieder passiert ist!«
Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit
hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze
saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit
nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der
Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr
Begleiter sich neben sie setzte.
»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben,
und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit
keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um
alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich
in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam
ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten
Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche,
Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und
betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut
und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich
hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über
die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen,
denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor
Schrecken und rannte davon.
In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das
Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner
Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn
geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich
hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis
zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war
ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in
meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und
zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa
gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«
Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte
wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter
saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich
klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein.
Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch
meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:
»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn
heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«
»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand
auf.
Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill
neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem
Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:
»Ich habe den Kometen gefunden!«
Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe
auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so
schnell, wie er einmal kam.«
Das Iguanodon
In einem überheißen August kam ich über die Alpen durch Tirol an den
Gardasee.
Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt hat der Zug hinter Mori ein
ungeheueres, von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes Gesteintal
durchklettert, darin ein grüner sterbender Seetümpel liegt. Dort an den
zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel liegen und zu Tausenden das
Tal füllen, lebt auch noch im Sonnenschweigen vor deinem inneren Ohr
das Gekrach und Gedröhn jener furchtbaren Minuten auf, als hier einst
in grauester Vergangenheit ein Berg den anderen erschlagen wollte. Man
glaubt, ein wahnwitziger Fluch sei damals ausgestoßen worden und habe
rundum die Steine und die Bergwände in Bewegung gesetzt.
Die Legende erzählt, daß sich Dante hier den Eingang zur Hölle
vorgestellt hätte, den er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie
ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein himmelragender steinerner
Dornenkranz starrt das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken
umraucht, im Norden des Gardasees in den Himmel. Es sieht aus, als
wären höllische Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister dieser
Bergungetüme gewesen.
Während im Süden der Gardasee sich in breiter sonniger Fläche dem
heiteren Himmel Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt,
ragen im Norden die kahlen Alpenketten wie Ambosse der Götter in den
Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare Schicksale geschmiedet.
Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu wohnen, wo viele Österreicher
im Sommer baden, und wo am See ein lustiges Leben herrscht. Andere
hatten mir das stillere Malcesine empfohlen, das am Fuß einer Burg bei
schönen Gärten liegt.
Ich kannte den Gardasee noch nicht, und nachdem ich mir die beiden Orte
angesehen, war mir der eine zu lebhaft, der andere zu langweilig schön.
Und eines Morgens ließ ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche
segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser zu überlegen und Entschlüsse
zu fassen, wo ich bleiben wollte.
Ich hatte an diesem Morgen zuerst den Ponalewasserfall besucht, der
unweit Riva, zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe gegen
den See niederstürzt. Da kam mir der Gedanke, daß ich auf dem Weg
nach Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag vorher, einen Ort
hatte liegen gesehen, am Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir dort
die schönen Reihen der weißen Pfeiler von Zitronengärten von weitem
aufgefallen waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die marmornen
Tasten einer riesigen Orgel, und eine weihevolle Festlichkeit lag
über diesen Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig gereiht, die
Felsenabhänge schmückten. Eine hübsche Kirche mit freistehendem
Glockenstuhl und eine Schar dichtgedrängter hellgelber und rosenroter
Häuser um einen kleinen Hafen, in welchem winzige italienische
Motorboote lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. Den Ort selbst
hatte ich von meinen Bekannten nie nennen hören, und ich hatte ihn auch
im Reisehandbuch übersehen. Ich bedeutete nun den Fischer, mich dorthin
zu fahren.
Jeder, der in Riva einmal übernachtet hat oder in Torbole am Gardasee,
weiß, daß ihn dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen, ein
seltsames Blitzlicht in Erstaunen setzte, das wie ein Wetterleuchten
weit draußen mitten in der Seefläche auftaucht und bis in die Fenster
des Hotels hereinleuchtet und auch kalkweiß über die Gesichter derer
hinstreicht, die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg machen.
Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an den beiden Seiten der
Felsenwände hoch, die den See einschließen, und zeichnet für Sekunden
scharf jeden Olivenbaum, jeden Ziegel der einsamsten Hütte am
Felsengehäng und haut, wie ein weißes Schwert zertrennend, einen
weißen Keil in die Finsternis. Ich mußte immer an das Flammenschwert
denken, das den Eingang zum Paradies bewacht, wenn dieser Lichtstrahl
unermüdlich Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden der Nacht.
Ich erfuhr dann, daß jenes spukhafte Licht von den Scheinwerfern der
kleinen italienischen Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze von
Italien quer über den See geht, in jeder Nacht hin und her fuhren, die
Bergscheide und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten. Denn Tabak
und Zucker wurden gern zur Nachtzeit von Österreich nach Italien über
die Grenze geschleppt.
Die Station dieser Nachtboote befand sich in jenem kleinen Ort, zu dem
ich wollte, den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt um den See
berühren, den nur manchmal einige Segelboote von Riva aus besuchen,
und in dem sich noch kein Fremdengetriebe breit machte. Hart bei jenem
Ort, ehe man um einen Felsenabhang segelte, zog sich, an Zitronengärten
vorbei, die italienische Grenze hin.
Dieses berichtete mir der Schiffer während der Segelfahrt und nannte
mir den Namen des Ortes, der Limone heißt, dahin er mich jetzt bringen
sollte.
In der Seemitte packte plötzlich einer jener Sturmwinde unser Boot,
die dort jählings ohne Vorboten einsetzen und den Segelnden gefährlich
werden können.
Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem Stoßwind her, und der See begann
zu knirschen; schäumende Wasserwalzen rollten schneller, als das Boot
fliehen konnte, an uns vorbei; Seile und Segel ächzten und schienen
zerreißen zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich. Seine Wellen schienen
eine wandernde Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob, und
alle Wellentiere schienen nach einer Richtung fortzustürzen.
Knapp, ehe der Sturm seine Höhe erreichte, jagten wir mit dem Boot in
das kleine Hafenviereck von Limone ein.
Der Wind klirrte und fegte draußen über das Wasser. Aber hier in der
Bucht war es windstill, schwül und dunstig. Die Riesenmauern des
Berghintergrundes hielten jeden Windatem ab, und die Zitronen konnten
hier gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das dachte ich, als ich
den Fuß ans Land setzte.
Land kann man zu dem Erdstreifchen dort nicht gut sagen, denn es ist
nur spärlich Raum zwischen dem Felsengetürm eines ungeschlachten Berges
und der Seefläche. Die einzige größere Gasse, die der Ort hat, ist so
eng, daß sich die Leute von Haus zu Haus die Hände reichen können.
Es war Mittag, und ich begegnete nur einigen Marinesoldaten der
Zollflottille. Die Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen, unter
ihren Türen. Ein Esel schrie an einer Straßenecke, und die hohe
Bergwand drückte beengend die Luft in den Gassen zusammen, in denen es
nach Fischen und Olivenöl roch.
Der Schiffer führte mich zum einzigen Gasthaus, das ein schmuckes altes
Herrenhaus war und in einem Blumengarten gegen den See hin lag.
In der Weltverlorenheit dieses italienischen Nestes fühlte ich mich
wohl. Es war nichts banal Schönes hier. Aber etwas Geheimnisvolles,
das mich schon aus der Ferne an diesen Ort gelockt hatte, tat mir
auch jetzt wohl. Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht
ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem süßem Aufatmen.
Jedenfalls spürte ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln an diesem
totenstillen Flecken, wo keine Fremdenschwärme, keine Gasthäuser das
Dasein kindisch machten.
Es war mir zumute, wie wenn man nach langen eintönigen heißen Tagen
ein Gewitter nahen fühlt, das mit seiner großen elektrischen Spannung
die Welt auf den Kopf stellen, Totes lebendig machen und Leben in Tod
verwandeln kann.
Ich lese gern in der feurigen Schrift der Blitze. Wenn sie ihre großen
Aussprüche auf das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben, so ist
mir, als läse ich in den Augen alter Propheten, und Schrecken und
Erschütterungen, die sie über der Alltagswelt verbreiten, machen mich
fruchtbar. Gewitter stärken mein Herz.
Und unsichtbare Seelengewitter schienen hier in dem stillbrütenden,
der Welt unbekannten kleinen Ort auf den Fremden zu lauern. Vom
Augenblick an, da ich mich entschloß, durch den Schiffer, der mich
hergesegelt, meinen Koffer aus Torbole holen zu lassen und hier in
Limone zu bleiben, kam ich mir wie ein gewaltiger Unglücksucher vor.
Wie einer, der in eine unterirdische Tropfsteinhöhle eingedrungen ist,
die nur wenige vor ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches
Labyrinth lockt.
Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die mich bestimmten, in Limone zu
bleiben. Das erste war meine Vorliebe für den Duft von Zitronen und
Zitronenblüten, das zweite meine Sehnsucht nach brütender Wärme.
Von diesen beiden Genüssen wurde ich reichlich hier gesättigt. Aber ich
erwartete mehr als nur Gefühlsbefriedigungen. Ich weiß, daß aus Hitze
und Duft Gebilde im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen
Elektrizitäten zweier Wolken die Blitze.
Auch war es mir wunderbar, jetzt an dem Ort zu sein, von dem nachts das
große flammende Schwert des Scheinwerfers auf den See hinausgesendet
wurde. Hier im Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die die Seewache
hatten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und ich fühlte mich
wohl dabei, daß ich mich nicht mehr zu dem Lichtschein, der mich in
Torbole nachts immer aufschauen gemacht und in die Ferne gelockt hatte,
hinsehnen mußte. Ich war jetzt dort, wo das nächtliche Feuer geboren
wurde.
Der Wirt des Gasthauses, der zugleich Bürgermeister war, hatte ein
langes Tiergesicht, und sein Körper war so sonderbar gebaut, daß er,
wenn er vor mir stand, aussah, als stünde er bis zu den Knien im
Erdboden.
Er war noch jung, einige dreißig Jahre alt, sah aber müde aus wie
jene grauen nickenden Esel, die lange schweigen und plötzlich
ohrenbetäubende Schreie ausstoßen können. Dieser Mann war aber sonst
ein angenehmer, höflicher und sorgsamer Wirt und arbeitete tagsüber
in seinem gutgepflegten Garten, in welchem Oleanderbäume, Bambus,
Geranienbüsche, Rosen und Myrten zu Seiten eines langen beschatteten
Weinlaubenweges standen. In diesem grün überwölbten Weg hingen dicke
dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor der weißen Steinschwelle und
den weißen Steinpfosten der Gartentür das blaue Wasser des Sees wie ein
abgrundtiefer Himmel.
An der einen Seite des Gartens war eine überlaubte Spielbahn, wo
nachmittags die italienischen Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner,
Genuesen, schwarzhaarige und braunhäutige Kerle, zwischen Vesper und
Abendläuten mit viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten.
Die Küche des Gasthauses war bescheiden, der Wein gut und feurig.
Mein steingepflastertes Zimmer, sauber und geräumig, sah nach dem See
und dem Berg Monte Alto. Die Tageszeiten in Limone wurden nicht bloß
durch das viele Läuten der Kirche eingeteilt, sondern auch von dem
dreimaligen Vorüberfahren der großen Passagierdampfer, die täglich die
Rundreise um den See machten.
Unter einem großen japanischen Mispelbaum im Garten bei der Haustreppe
nahm ich meine Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch die Szenen
jenes inneren Gewitters ab, das ich beim Betreten jenes schwülen, scheu
versteckten Ortes vorausgeahnt hatte.
Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft, nachdem ich auf meinem
neuen Zimmer ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abenddämmerung
durch den Ort. Als ich aus dem Garten auf die Straße trete, höre ich
ein Gekicher, und an meiner Seite vorüber läuft ein zwergartiger
Mann mit gewaltigen langen Armen, großem, höckerigem Kopf, wie ein
Orangutang anzusehen, in eine Seitengasse hinein.
Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haustüre auf niedrigen Hockern
kauerten, rieben sich mit der Handfläche Mund und Wangen ab und
deuteten mir mit ihren Augen an, daß der Zwergmensch sie beide
unversehens eben umarmt und geküßt hatte. Die eine, die Ältere, drohte
hinter ihm her mit ihrem Holzpantoffel, die andere hatte noch seine
Mütze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich vom Kopf gerissen hatte,
und sie schleuderte die Kappe dem Fortstürmenden mit einem kreischenden
Zuruf nach.
Ich war verblüfft über die Häßlichkeit des Zwerggeschöpfes, das sich so
männlich und so kindlich zu gleicher Zeit gebärden konnte, und das sich
jetzt aus der Ferne umschaute, seine Mütze an sich riß und den Frauen
die Zunge herausstreckte.
Ein wenig weiter fort begegnete ich einem kleinen verwachsenen Weib,
das einen melonengroßen Kopf hatte. Die Frau reichte mir nicht bis zur
Hüfte. Einen Krug trug sie in der Hand, den sie kaum schleppen konnte.
Überall sah ich ähnliche Wesen. Neben den gut gewachsenen Gestalten
unter den Ladentüren und in den Werkstätten stand oder saß oder
schabernakte ein koboldartiges Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede
Familie mit solch einem Geschenk der Hölle belastet.
Ich war bei meinem Weg durch die Gasse an alten eisernen kleinen Türen
vorübergekommen. Die waren nur eine rostige Masse. Das verwitterte
Eisen schälte sich wie die Rinde von Bäumen. Über die Türschlösser und
Angeln und über das Gitter des Guckloches hingen verfilzte Spinnweben.
Ganze Familien von großen Kreuzspinnen hausten da seit Jahrhunderten
ungestört. Auch waren da ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern
versehene, alte, erblindete Fenstervierecke. An die grauen Mauern dort
waren mit Rötelstift und Kohle unflätige, brünstige Bilder mit ein
paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie sie nur in den Hirnen dieser
ungebändigten und verwilderten Krüppelgestalten entstehen konnten.
Als ich in der Abenddämmerung vor den Ort hinaus unter alte Olivenbäume
kam, die dort in verrenkten Stellungen, verkrümmt und verwachsen, in
Scharen mit ihrem graunebeligen dünnen Laubwerk in den Bergfeldern
stehen, war mir, als seien die Zwerggeschöpfe der Stadt aus jenen
ungestalten gespenstigen Olivenstämmen geboren worden.
Als in der Dämmerung ein Esel, auf dem ein Weib und ein Knabe saßen,
mit humpelndem Gang in dem unheimlichen Olivenhain, darin sich
kein Blatt rührte, auftauchte, schauderte mich, weil ich in diesem
zusammengepackten Tier- und Menschenhaufen wieder neue Verkrüppelungen
zu sehen glaubte.
Unter dem schleierartigen dünnen Laubgewebe der Oliven, deren Zweige
sich nicht wiegen, durch die der blasse Abendhimmel fein zerkritzelt
zur Erde sieht, hatte ich das Gefühl, als ob ein Netz von unheimlichen
Erregungen -- das mich hier in Limone bald umgeben sollte -- schon nah
über mir hing.