Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm
anbinden.
An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr
kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele
Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen.
Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe,
und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.
Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus
den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die
beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen,
die wir aufwühlen mußten, Martern werden.
Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie
tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in
uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem
warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib,
von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir
schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso
fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut
Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann.
Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht
mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen
sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den
ewigen Teil.
Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr
ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe
meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen
und wollte einige Schritte weitergehen.
Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an
meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.
Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund
beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.
Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die
Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie
ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten,
sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er
fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.
Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie
hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem
Kometen suchten.
Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle
kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.
Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an
einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus
früheren Jahren kannte.
Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden
geboten hatte, sich niederzulegen.
Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und
ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum
stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten.
Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu,
und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie
weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm.
Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über
den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu.
Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein,
beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren
Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.
Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen
Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen
wieder abgeholt wurden.
Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche
gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das
Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu
suchen und unter den Sternen am Himmel.
Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit
auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden
wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung
gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. --
Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.
Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am
Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit.
Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen
mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten
Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern.
Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten,
eilten und schlenderten vorüber.
Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren
stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten
Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob.
Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann
eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten
wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen,
ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.
Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte
nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in
die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber
etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand
hielt, einer Blumenverkäuferin.
Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen
Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus
ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum
Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht,
wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den
Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.
Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein.
Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte
der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt
von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn
mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen
Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des
Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen
Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze
mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise
nach meinem Tisch hin.
Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin
nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen,
über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen
aufmerksam verfolgt.
Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter
dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und
säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons.
Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß
ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht
verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war
mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die
Welt, ohne die Welt genau zu sehen.
Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und
müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre
Augen verlassen.
Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der
Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber
in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem
Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben
mir meine Limonade aus meinem Glase.
Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre
Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und
als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt
an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus
ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte.
Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine
Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte
mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf
den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand
sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen
hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich
geärgert die Terrasse.
In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch
von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den
Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht
gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das
Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die
Dame kenne, die eben da gesessen.
»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier
getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in
Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer
von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt
hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und
ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkasten vorübergehen. Sie
muß hier in der Nähe wohnen.«
Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der
jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen
sollte.
Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich
die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.
Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete
durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer
Straßenecke.
Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile
vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als
ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame,
immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging.
Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah
mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.
Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich
vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz
klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das
Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich
würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen
Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen
lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten
Rosenstrauß hatte stehen lassen.
Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor:
wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich
zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in
dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich
konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres
grünseidenen Sonnenschirms.
Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an
der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich
erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch
verborgen war, umsahen.
Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah
ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige
sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen
Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie
stand.
Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu
sehen, fragte ich mich.
Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten
an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine
leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich
nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte,
mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein
wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem
Schaufenster getan hatte.
In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben,
vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit
Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.
Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil
sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien
sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche
zu sehen.
Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt
zu werden, daß die Wand leer war.
Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit
demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden
war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von
einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das
Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht
vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und
trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.
Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich
nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang
gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu
dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.
Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde,
ohne sie danach gefragt zu haben.
Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem
Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu
einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten
reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren
von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden.
Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine
Gondeln.
Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag,
vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus,
die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände
zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und
als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne
eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein
Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie
alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren
habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach
Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das
Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich
oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten,
hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.
Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir
eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich
im Café hatte liegen lassen.
»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher
verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher
zerstreut.«
Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im
Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.
Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die
gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die
Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung.
Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts
um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen,
am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte.
Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das
Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es
müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin
weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren
verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die
mich an meiner Tür erschreckt hatte.
Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans
Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie
kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand
einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche
schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten
Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten,
sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.
Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie
überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem
stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.
Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr
bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr
in die Konditorei bringen.
Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll,
scheinbar immer der Welt entrückt.
Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und
wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten in
seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich
hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den
Briefkasten gesteckt.
Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen.
Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß
ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er
mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und
abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.
In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung
sitzend.
Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und
es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch
war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber
die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch
aufgehoben hatte.
»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn
stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen
Augen hinzu.
»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr
Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.«
»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie
gequält hervor und sank auf einen Stuhl.
»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst
harmloses Gesicht zu machen.
Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine
blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche
und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte.
Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz
zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das
Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie
einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt«
sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe,
der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés
angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich
entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden.
Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre
Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.
Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik,
von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte
geworden.
Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer
Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die
zum Kaffee gereicht wurden.
Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut,
der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während
unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur
Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten
Tage.
Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide
vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.
Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie
sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte.
Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte
sich zu Hause allein zu sein.
Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam
-- es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und
Sommerabend voll Sterne und Klarheit --, da stand der Konditor unter
der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:
»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«
»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.
»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim
Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat
Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und
alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie
sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte,
von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen
könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich
hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer
Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen.
Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem
schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr
erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert
entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend
über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich,
daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden
Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.«
Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal
befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so
in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen
Schutz ich mich immer empfehle.«
»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.
»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines
Lachen, das ihr sehr gut stand.
Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem
Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen
Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie
aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war
sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den
silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.
Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend,
da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer
Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas
ereignet hätte, was sie kopflos machte.
Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als
sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu
können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte,
lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein
unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.
Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt
zu haben.
Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln
schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und
gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.
Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie
mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch
auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren
Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren.
Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen,
der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese
sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an
der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege
quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn
hinwegzusteigen.