schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher
Feueratem, der ihn entfachen wollte.
Aber den Brief, den er hätte schreiben müssen, schrieb er nicht.
Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen
und dachte, jenes Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle
stehen, gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten
Herzens.
Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau
zu ihm zu Besuch.
Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch
nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in
sein Zimmer führte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er
angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hände zusammen
und vergaß, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf
einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und ließ die
zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schönen
gebundenen aufgereihten Bücher auf dem Bord, den Porzellanteller mit
Kuchen, die Kristallschale mit Früchten, die vielen romantischen Bilder
an den Wänden. Und als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke auf
dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerührt die Augen über, und
sie umarmte ihren Gatten und bedankte sich, daß er so zärtlich alles
für ihren Empfang hergerichtet hatte.
Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn während er diese
Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte,
hatte er auch da nie mit Bewußtheit und Offenheit sich eingestanden,
daß er dies nicht für seine Frau, sondern für das junge Mädchen tat.
Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer
inneren Lust, sein Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen Wachen und
Träumen. Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und
vor der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte,
schien es ihm wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, daß er für
sie und sich zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so
sorgsam und festlich geschmückt hatte.
Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort
tranken sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von
Glühwein und Bowle erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig und
ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte.
Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« empfangen worden war, sehnte
sich die Frau aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort und dachte an
das schön geschmückte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann
mit soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit
gleicher Zärtlichkeit zu danken wünschte.
Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der schien an gar kein
Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden
zu und ließ sich zutrinken und bestellte neuen Wein.
Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen
wünschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen
auf und setzten ihre Hüte auf und zogen ihre Mäntel an und traten
dann angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden
Männer und baten sie, heimgeführt zu werden.
Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Südfrüchtenhändler
wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der saß auf seinem Stuhl fest und
behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da
gingen Gespenster bei ihm um.
»Was für Gespenster?« fragten ihn alle.
»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es dem etwas Angetrunkenen.
Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen
aber trieben beharrlich zum Aufbruch an.
Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei der Rede ihres Mannes
plötzlich blaß und zitternd geworden, und auf der Straße zog sie ihren
Gatten auf die Seite:
»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Mäusen und jungen
Mädchen, die bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen du das Zimmer so
festlich geschmückt hast! Jedenfalls nicht für mich.«
»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was habe ich von jungen Mädchen
gesagt?« und er hielt seinen Hut in der Hand und ließ die eisige
Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. »Du glaubst wohl gar, daß ich
junge Mädchen nachts bei mir empfange?«
»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« wimmerte die weinende Frau und
drückte ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja selbst vorhin vor allen
Freunden gesagt, daß zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir umgehen.«
»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen,« verteidigte sich der
Mann. »Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß betreten als der
deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und
täglich die Stube reinigt.«
»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers und sah ihren
Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte.
»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern
starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehäufter
goldener Früchte glänzten.
Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, daß sie so schnell
Übles gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu
gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zärtlich zu
ihm zu sein, da er nun doch das Zimmer nur für sie so schön geschmückt
hatte.
Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem
er nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbücher griff und es vom
Bücherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er
seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las für sich.
Die Frau entkleidete sich inzwischen und kämmte ihr Haar am Spiegel
aus, schlüpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt
sich eine Weile mäuschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen
hatte.
Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus
einer bisher ungeöffneten Zigarrenschachtel eine große Zigarre holte
und diese anzündete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte
sie bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er
auch zu meinem Empfang gekauft.
Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung
dar.
Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie eigentlich noch gern einen Schluck
schwarzen Kaffee getrunken hätte. Und da fragte sie ihn:
»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen Kaffee zu deiner guten Zigarre?«
Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine
neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte
sie auf den runden Tisch unter die Ampel und goß Spiritus in den
Brenner, nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an,
den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen.
Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Händen nach, und plötzlich
schienen ihr die Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten,
die gespensterhaften Hände eines Traumwandlers zu sein. Und sie
fühlte mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der
da umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestürzt
und ratlos und fühlte, daß Gespenster umgingen hier im Zimmer zur
Stunde der Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte.
Zugleich wußte sie auch, daß ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und
sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmückten Zimmers, wo sie
den, den sie liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst saß er
dort auf dem Sofa. Auch sein Rauchen war unnatürlich und gezwungen.
Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel
leise sauste, und dabei schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen.
Seine Ohren schienen auf die summende Kaffeemaschine zu lauschen und
schienen doch noch anderes zu hören. Seine eine Hand aber streichelte
unausgesetzt und wie abwesend den Deckel des Buches, das vor ihm lag.
Und mit eifersüchtigem Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche
angezogen. Und als das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine
trat, um den Kaffee in die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus
dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie
blätterte darin und erkannte sofort, daß es Balladen waren, die jene
junge Verwandte, die sie daheim hatte, immer las und vortrug.
Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang plötzlich, wer das Gespenst
war, wer das junge Mädchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer
ihres Mannes umging.
Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und
sie wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da
er das Mädchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon
betrogen.
Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies
sie den Kaffee zurück, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach
in Schluchzen aus. Und auf seine Fragen stürzten ihr Vorwürfe über
die Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein Wort und nichts
zwischen ihm und jenem Mädchen ausgetauscht worden war, was seine Treue
hätte in Frage stellen können.
»Es muß aber doch etwas zwischen euch gewesen sein,« fuhr die Frau
hartnäckig fort, »denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz plötzlich
deine Aufsicht über die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage
mir, was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht?«
»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich verheiratet bin,«
erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken.
Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht zu ihm auf und sagte: »Ich
glaube dir's. Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst ist, das
nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, daß du
alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur
für mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben
dir hast sitzen sehen?«
Da sagte er einfach und langsam: »Wenn ich jetzt um diese Stunde an das
Mädchen erinnert werde, wird es mir klar, daß ich alles, was du hier
siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen
andern Stunden wußte ich nichts davon.«
Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte
und die seidene Decke über sie legte, stieß sie die Decke heftig
zurück. Und ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem
Mädchen gestoßen, das er neben ihr heimlich liebte.
Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich
in eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden
Händen.
Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden Milchwagen und der
ersten Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die
Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat,
brach sie wieder in Weinen aus.
»Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich
werde mich nie diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken an sie werden
mit der Zeit erkalten müssen. Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde
ich sie vergessen können.«
Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen würde, dem Mädchen,
das so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und über
alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wußte,
was sie versprochen habe, würde sie auch halten.
Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild
nach dem andern von den Wänden herab und rückte die Vasen in eine Ecke
eines hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene
Decke zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbücher nahm er
vom Brett und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. Denn seit
jener Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mädchens, der
sonst um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwül umgegangen war,
von ihm ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann
allmählich ab. Der Händler ging eifrig seinen Geschäften nach, vermied
es, die Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf
und schien allmählich vollständig zu genesen von dem Liebesalp, der ihn
so lange heimlich bedrückt hatte.
Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat,
schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein
schweres Unglück zugestoßen wäre.
Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht
in den Händen hielt. Dann aber machte er sich kühl und hart gegen alte
auflodernde Gefühle und reiste mit dem nächsten Zug nach Hause.
Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals
und sagte ihm, daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen Unfall
getötet worden war. Dabei aber stotterte sie:
»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwöre dir,
ich bin unschuldig.«
Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglück sich ereignet habe, und
hörte dann von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen durch einen
unvorsichtigen Schritt in die geöffnete Falltür, die sich im Fußboden
des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache
antreten wollte, in den tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit
Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche mit gebrochenem
Rückgrat tot aufgefunden hatte.
»Aber wer hat denn die Tür in den Keller aufstehen lassen?« fragte der
Südfrüchtenhändler entsetzt.
Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem:
»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich
habe ihn nicht absichtlich verschuldet.«
Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung
seiner Frau zurück.
Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: »Als es
mir plötzlich einfiel, daß ich die Kellertür offen gelassen hatte,
bin ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestürzt und habe ihr
nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu dem
Keller offen wäre. Im selben Augenblick aber hörte ich schon einen
Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Körpers im tiefen
Gewölbe.«
Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden
Hände. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer.
Sie glaubte, der Mann wäre auf den Kirchhof in die Leichenhalle
gegangen, um das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne
Abschied zu nehmen, in sein Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist
und ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es nicht glauben konnte,
sie habe die Falltür ohne Absicht offenstehen lassen.
Gleich nach der Beerdigung des Mädchens reiste sie zu ihm und erklärte
ihm noch einmal, daß sie unschuldig wäre. Er aber ging wieder aus dem
Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen.
Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, verzweifelt darüber, daß
sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.
Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen
Mannes gefoltert, wurde sie immer schwächer und erkrankte zuletzt an
einem Gehirnfieber.
Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler einen Eilbrief von einem
Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau
noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wären gezählt.
Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte,
er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß sie kurz
vor dem Sterben zum Bewußtsein kommen und ihn erkennen würde.
Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, in denen sie immer wieder
die Worte wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber er konnte es doch
nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst.
Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren
Mann.
»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief sie erleichtert aus.
Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mußte er glauben,
daß sie unschuldig war am Tod der andern.
Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende
soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er
in seinem Schweigen.
Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem
innersten Wunsch.
»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und
wollen glücklich und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu der Kranken,
deren Kopf erschöpft auf die Seite sank, während ihre Augen ihn
halbverklärt betrachteten.
»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glücklich
sein wie früher,« sagte die Frau mit schwacher Stimme.
Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann
zwölf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hände
in seinen Händen.
Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und
als sie sein Gesicht neben sich sah, lächelte sie.
»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie schloß wieder die Augen und
schlief noch einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten
Stunde saß der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände
fest wie in der ersten Stunde.
Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich
sah, war sie glücklich und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben
zurückkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit der Hand über die Augen
ihres Mannes. Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief
ein, und sie schliefen beide noch einmal zwölf Stunden.
Dann erwachte sie gesund und gestärkt. Und seit dieser Stunde war bei
ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab
glücklich wie in den ersten Jahren ihrer Ehe.
Die Kurzsichtige und der Komet
Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher
unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach
Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte,
später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.
In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit
Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin
sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des
neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend
wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen
der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden
im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in
den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach
Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.
Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich
zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern
und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße
gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten
des Nachthimmels.
Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach
dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den
Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu
können.
Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte
ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien
gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich
zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den
Parkwegen hügelaufwärts und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es
war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt.
Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee
lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare,
eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und
schimmerte zwischen den finstern Bäumen.
Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen
künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen
mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die
Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber,
und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die
jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher
zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu
beleuchten.
Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald
oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten
Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin
wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne
untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte.
Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle
aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen
wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da
ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den
Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen.
Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde.
Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen
hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich
anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem
Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel,
auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie
eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.
Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half
sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die
Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich
im Lustwandeln am Nachtfirmament.
Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und
Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.
Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten,
und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.
Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren
Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben
ihre Weisheit dazu.
Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge
mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von
der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein
gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins
Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen
schien.
Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des
Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm
eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.
Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur
der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.
Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht
und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit
entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten
der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine
Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der
Ewigkeit in uns und um uns...
Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht
beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere
schienen in Bäume zu verschwinden.
Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse,
schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der
Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und
über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.
Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden
unendliches Gefühl ohne Wissen...
Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig
vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen,
und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen
Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse
hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an
Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen,
in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen.
Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!
Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich
bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und
sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann
aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der
Hand hielt.