Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen kannst, wie das Feuer sich

nicht als heiß und hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als naß und

weich fühlt, -- so mußt auch du, wenn du dieses einmal über dich lesen

wirst, mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst.

Du möchtest Schauspielerin werden, und ich zittere für dich, daß du

Wege gehen mußt, die dich weglos wie einen Kometen in eine Irrwelt

werfen können.

Aber du willst, und alle wollen mit dir, was du willst. Und wenn ich

das bedenke, müßte ich eigentlich nicht mehr für dich zittern, denn

deine Wege können höchstens Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich

dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß du willst.

Du kommst und setzt dich, wenn alle Damen in deiner Mutter Teestunde

schon, eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein auf- und

abwankendes Fahrzeug machen. Du setzt dich mit deiner sechzehnjährigen

Mädchenruhe in einen leeren Diwanwinkel und hast deine Glieder, wie

nackt ohne Kleid, ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht deinen

Körper vergessen, wie viele der viel zuviel gekleideten Damen es tun.

Dein Mund redete noch nicht, auch deine Glieder reden noch nichts.

Du fühlst auch noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit vor

mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt in einfache zarte Kittel aus Seide

gekleidet. Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren Grün nichts

gemein hatte mit Pflanzen oder Metallen oder Tierfarben. Es war ein

fernweltliches Grün, weil aus dir ein Erlebnis strahlte. Du kamst aus

einer Welt her, wo eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon warst

du noch feierlich zartglänzend und lieblich leuchtend.

Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit vor mir, und ich höre

alles, was du nicht redest, lauter als rundum die glänzenden Reden der

Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, wenn es so, nichts sprechend,

mit uns allen und mit niemandem spricht. Während uns die Teetassen

in den Fingern zittern und der Witz der Nachbarn uns benachrichtigen

will von Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, bald glitzernd

von Neugier, Eitelkeit und geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda,

verschwunden und wieder erschienen. Es rief dich irgend ein göttlich

zweckloser Zweck.

Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu euch zu Besuch

kam, war es der kleine zahme Kanarienvogel, den du in der Hand

brachtest und mir auf den Ärmel setztest; und du lachtest, als ich

verwundert aufschaute.

Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel der Stadt, damit ich dich

hätte tausendmal lachen hören können! Ich sah den zahmen kleinen

Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz schmerzen, weil du nur so kurz

gelacht hattest, und weil, wenn du laut wirst wie die andern, ich

dann unendlich viel Wirklichkeit von dir erleben möchte, von deinem

unwirklichen und noch weltfernen Dasein.

Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, ein Tabakhäufchen zwischen

zwei Fingern zu einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch deines

Vaters, und du stopftest eine kleine japanische Silberpfeife, die

du dann rauchtest. Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus dem

Nebenzimmer von den andern fortgegangen war, von Tee und Musik, und

dich fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch versteckt, so kauertest

du auf der Ottomane unter dem blauen Nebel des Tabakrauches und ließest

dich nicht stören. Du lachtest einmal nur dieses kurze, gestoßene

Lachen, und wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein großes altes

Herz, weil du einmal und nicht tausendmal lachen konntest. Weil die

Lust so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst.

Warum schmerzte aber mein Herz nicht, als du ein andermal am gleichen

Schreibtisch, ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden

lachtest? Er wollte dich mit andern jungen Damen abholen und zum

Eisplatz zum Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber stand

dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke gezeichneter Schatten

und lächelte und war neckisch und sagte dir, da du um eine Antwort

am Telephon verlegen warst, daß du absagen müßtest. Der Bursche am

Telephon sei fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest kurz auf,

aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, diesmal nicht den Seufzer,

nicht den zitternden Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören.

Und wieder an einem andern Sonntag, zu einer andern

Nachmittagsteestunde, als ein Freund eures Hauses, ein beweglicher,

nicht alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und vom Theater

plauderte und du in einem Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, vor

dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken in mir. Denn der Erzähler

war ein gewandter Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig

und zielte mit seinen Augen auf dich wie ein geübter Revolverschütze

auf eine Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest du, in

den Sessel tief zurückgedrückt, an der Sessellehne, und diese deine

Stellung war jenem Mann Triumph genug. Und gleich wandte er sich an

deine Mutter und machte den Vorschlag, dich mit ihm die Probe eines

neuen Stückes besuchen zu lassen, der er beiwohnen wollte.

Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten Kopf, der wie ein

Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, und sah, wie er mit Eifer deine

Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe dir nützen würde für

deine Theaterkenntnis, die du dir aneignen möchtest.

Und es wurde verabredet, daß du an einem der nächsten Morgen um 11

Uhr in seine Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. Er hob den

Zeigefinger und sagte:

»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, denn die Regie ist streng,

und es darf eigentlich niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. Aber

im dunkeln Theaterraum und in der finsteren Loge wird niemand uns

finden, wenn wir ganz leise sind.«

Ich sah dich bereits im Geist lautlos in jener dunkeln Loge und fühlte,

wie du neben deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen wagtest aus Lust

am Theater, wie jener aber kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.

Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der Verabredung, die du, Oda, mit

dem andern hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden Nächten, die

zwischen den drei Tagen lagen, wachte ich auf und horchte. Ich hörte

zuerst nur ferne Automobile durch die todstillen Straßen surren. Ich

fühlte aber dann, wie sich die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern

und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze große Stadt steinigte meine

Brust. Ich stöhnte, und morgens erwachte ich wie zerschlagen. Und

mitten am Tage in meiner Arbeit wollte ich ans Telephon gehen. Es war

mir, als müßte ich deine Mutter rufen und weiter nichts zu ihr sagen

als: »Hilfe, Hilfe!« wie einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist.

Zufällig hörte ich dann später von deiner Mutter, du würdest doch nicht

zu jener Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es nicht. Warum glaubte

ich es nicht? Warum atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, weil du

ja doch deine Umwege oder Irrwege gehen mußt, wie wir alle sie gingen,

denn keine andern führen ins Leben.

Als ich nach Wochen wieder einmal zu deinem Vater kam, nötigte er mich,

zum Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte der Besuch sein, denn

wir hatten nur geschäftlich zu sprechen.

Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, und ihr machtet an diesem Tage

andere Besuche und wart nicht zum Essen zu Hause.

Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und geweckte Junge, sprang

mit seinem graublonden Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf und

holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel aus dem Bauer und setzte ihn

auf das Tischtuch. Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen zwischen dem

weißen Porzellan und den Kristallgläsern und um das Silbergeräte und

pickte und lugte mich mit einem Auge an.

Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich anzusehen. Ein Beinchen war

ihm gebrochen, das schleifte er nach sich. Aber der Bruch war schon

geheilt und schmerzte ihn nicht mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl.

Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und man sah, was man sonst nie

sehen konnte, die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden Seiten des

Köpfchens. Sie waren im nackten Schädel wie Löcher, durch die eine

Kugel gegangen war.

Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen Ohrlöchern? Wieviel Weh-

und Wohllaute zogen durch den kleinen Schädel in das Herz ein?

Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er hat Oda tanzen gehört und auch

gehört, wie sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, wenn er

andächtig wurde.

So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht hervor, dachte ich bei

mir. Früher oder später zieht das Herz einen geknickten Fuß nach. Oder

man verliert die Locken des Mutes.

Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick in deines Vaters

Schreibzimmer im Ledersessel saß, las und rauchte und auf deinen

Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, da tönte des gerupften

blankschädligen Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.

O, er sang, als wäre er gerührt über sich selbst. Er sang so schmelzend

und zärtlich, als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel geholt und

der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes Bild im Glase gesehen. Und

er sang, um den trauernden gerupften Vogel im Spiegel zu trösten, sein

lebenssüßestes Lied. Denn er erkannte sich selbst nicht und glaubte für

einen Fremden zu singen.

Da hätte ich gewünscht, Oda, du hättest mit meinen Ohren hören, mit

meinen Augen sehen können.

Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem Leid. In deinen

sechzehnjährigen Augen sehe ich meine eigenen Gebrechen wie in einem

Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan.

An einem der nächsten Abende, zu dem ich mich mit deinen Eltern

verabredet hatte, wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon gerufen.

Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme zu: »Ich bin es!«

»Wer?« fragte ich ahnungslos.

»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte dich, daß ich

deine Stimme nicht gleich erkannte.

Wie seltsam, daß ich deine Stimme nicht wiedererkannte!

Aber da lachtest du das kurze Stoßlachen, das immer wieder zu rasch

auslöscht.

Da erkannte ich dich wieder.

Noch oft im Leben werde ich dich nicht erkennen, wenn du sprichst, aber

ich hoffe, daß ich dich immer erkennen werde, wenn du lachst.

Zur Stunde der Maus

In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden

eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine

Falltüre hinunterführte.

Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die

Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in

Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln

und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die

jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in

der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen

Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher.

Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten

sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht

geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in

Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre

Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim

Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.

Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut

an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem

Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen

wären.

Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen.

Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es

vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt

hatten und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die

Käufer entsetzt hatte.

Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen

Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter

den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst

gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der

Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich

über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die

hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.

Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten

Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes

Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.

So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts

übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum

zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu

bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden

Mäusescharen zu verjagen.

Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit

seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die

beiden sehr.

Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade

eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die

Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.

Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal

nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht

eingeschlafen wäre.

Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich

die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe

hatte.

Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der

Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen

hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder

wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald alle auswendig

kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit

ihrer Stimme die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit

geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte

und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen

verliebt habe.

Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange

ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte,

daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu

seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß

er recht glücklich verheiratet wäre.

Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie

ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht

hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt

und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der

Händler genommen hatte.

»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich

vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden

ist, aufesse.«

Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus

dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:

»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«

Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes,

war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte.

Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung

seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten.

Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem

Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen

habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine

ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig

erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte,

wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im

mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und

den Schlaf vergessen konnte.

Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen

Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen

Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage,

wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar

nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen

Holzschachteln die plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die

in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen

Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen

Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er

deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus

hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von

afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.

Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber,

die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht

betrüben wollte.

Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge

Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen.

Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte

nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen

unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den

seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen

wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.

Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe

oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres

Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm

schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen

verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.

Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt

hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich,

daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war

und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.

Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der

nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen

mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in

jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung

und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen

eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle

absetzen könnte.

Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein.

Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen

hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann

dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den

Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte.

Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu

besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden

abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur

Silvesterfeier.

In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem

neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch

das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die

Nachtwache hatte, vermißte.

Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte,

kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der

Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten,

erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen,

seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich

der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des

Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur

Stunde der Maus.

Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und

Romanzen erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im

Kreis der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne

Inseln und zu fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen

und fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll

auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der

Südfrüchte, die von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den

kahlen Kalkwänden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer

abstachen, die man im nüchternen Tageslicht abbrennt.

Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher

gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen

mußte, gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock

hafteten, mit in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht

sein Weib, sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm

ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten.

Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit

den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen

Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er

ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch

saß und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer

Ecke schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so

bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen.

Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst

zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers

hersagte:

Ein Held, deß' Herz wie Feuer war,

Ritt durch die Wälder sieben Jahr.

Verschwiegen hat er sieben Jahr,

Daß er ein Fraß der Flammen war.

Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen

beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte

vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen.

Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau

zu sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht

immer die Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den

Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe

bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte.

Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und

am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken.

Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu

nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter

vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte,

und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.

So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb

ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen

hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend

starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der

Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in

Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den

Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den

Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn

am Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte,

die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen

Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er

jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben.

Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu

gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er

sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu

schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm

bestellen sollte.

Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur

dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die

Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine

Zeit erlaubte, in die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein Zimmer ein,

die er sonst nie für sich gekauft hätte, und die er aufstellte wie

zum Empfang für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte

Kissen für das Sofa, unnütze Vasen, in die er Blumensträuße stellte,

die er aber verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. Er kaufte

romantische Bilder, mit denen er die Wände schmückte, kaufte Balladen-

und Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett aufreihte. Er kaufte

Weingläser, eine Porzellanschale für Kuchen, eine Kristallschale für

Früchte und eine große seidene Bettdecke.

Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen Zigarren, die er täglich

rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er

nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein würde.

Geschichten aus den vier Winden · 第 8 / 14 段