Tor am Ausgang des Zoologischen Gartens trennten und der Abend schon
über den Straßenschachten dunkelnd lag, die elektrischen Lampen in
den Straßenfluchten aufleuchteten, ging ich einsam heim. Der Himmel
wurde immer nachtdunkler, und als ich in den nachtschwarzen Äther sah,
der noch sternlos über den Dächern der Häuser stand, erkannte ich in
dem schwarzen Himmelsabgrund, den Eulenaugen und Claudias Augen eine
Einheit. In der Nacht und in jenen Augen war kein Blick mehr, den man
hätte fühlen können. Sie schienen alles innere Leben hergegeben zu
haben. Und nur ein Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer
Macht den Untergang der Lebenden, auf die sie herabsahen, zu erwarten.
Nächtliche Schaufenster
Wenn ich spät nach Mitternacht in der Potsdamerstraße nach Hause
ging, eilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir
erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern
über Flüsse und Seen herkam und über Berlin hinschritt. Und während
ich von einer Laterne zur andern ging, war die Nachtluft schon über
die Provinz Brandenburg fortgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im
Vorübergehen hatte sie mich leicht verhext und hatte mir Meilengedanken
gegeben, so daß ich darnach nicht mehr zwischen Laternen weiter ging,
sondern fort über mich selbst.
Auf einer Plakatsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf.
Darunter stand »Indien in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus
gelbem Bambusröhricht heraus und war ein praller Katzenkopf; über ihm
lag ein bleichblau gemalter Himmel.
Eine Weile schien mir dann, als ginge ich durch indische Dschungeln,
indessen ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten
wandelte, die sich als eine lange Zeile in der Mitte des Bürgersteiges
hinzogen.
Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben glitzerten
neben mir wie mondbeschienene Gewässer auf, ähnlich den heimlichen
Tränkestätten von Raubtieren, die unhörbar durch die Dschungeln
schleichen. Eine Autohuppe brüllte manchmal in einer Nebengasse. Dieser
Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und schleifte der Gummireifen eines
vorbeisausenden Autos mit surrendem Laut über den glatten Asphalt des
Fahrdammes, dann waren da in der Vorstellung galoppierende Dickhäuter,
pfauchende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln,
die vorbeifegten.
Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand
ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen
Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.
Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln
und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien
und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit
korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig allein saß eine deutsche
schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben
Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federleib
war silbrig und weiß wie Holzasche.
Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher.
Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich mußte
nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika, Australien
begangen haben mochten, daß ihre Kindeskinder hier, verbannt und
gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstraße ihre Lebenstage
verbringen mußten.
Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne sah schrecklich grell
durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen geschlossenen
Augenhäute der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe unnatürliche
Licht mußte noch den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die
brüllenden Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedröhn während der ganzen
Nacht die große Stadt durchrasten, mußten die feinen musikalischen
Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.
Vögel, die gewöhnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille
ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen
Dämmerungen der Blättergehäuse alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier
einen kaum fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber
sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser
zu sein als ihre gefangenen Wärter.
Einmal hatte ich am Tage hier an dem Schaufenster um die Mittagstunde
mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten
Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel
hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war
verwundert, wie mir schien, daß diese schönen geflügelten Geschöpfe
kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal
ihren Gesang konnten sie genießen. Denn es singen die verschiedenen
Vogelarten zu gleicher Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Weltteil
Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil Asien. Die Spitzen der
Flugfedern an Schwanz und Flügeln haben sich die Vögel an den Gittern
abgestoßen. Am Tag fallen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und nachts
reißen sie sie auf vor Schrecken und gequält von dem stechenden,
kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden
Automobilen.
Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rücken die armen Vögel immer
noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach
gehalten, um einschlafen zu können.
Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange
ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den
Glaswänden der Schaufenster entlang. Es ist da auch ein Blumenladen,
den eine Dame besitzt, die am Tage immer mit schönen frauenhaften
Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und
Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen
legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters
steht, ein Bild hinhängt, das einer beliebten Tänzerin, oder einen
alten Kupferstich, darstellend eine längst verstorbene Prinzessin.
Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden
abgeschnittene Blumen ebensoviel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind
nicht Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig,
als ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse.
Wie gerne möchte ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich
neulich. Die müßte aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen, sondern
der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung
aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen.
Fliegen würde ich die Vögel nicht lassen. Sie würden sonst verhungern
und erfrieren. Ich würde aber die Tür auch des Blumenladens aufbrechen,
und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel
zwischen die Schalen der Anemonenvasen stellen, zwischen die Körbe voll
Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, darin
die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der
Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und
bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würde ich die
fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien es sich wohl sein
lassen.
Einige Häuser weiter von dieser Blumenhandlung ist, ehe ich zu meiner
Haustüre komme, noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen
im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen
weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.
Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tage so von Leuten aller
Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muß, wenn ich
aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem
Mammosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Mammosett
heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke
immer, der Name müßte von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter
Empfindsamkeit ist. »Wird sehr zahm« steht auch daneben. Das glaube
ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben
sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, daß es von der
Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich eben ans Hungern
gewöhnt hatte.
Mammosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem
es in diesen Tagen Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen, um
Mammosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist »das
kleinste Äffchen der Welt«, -- das steht auch auf dem Zettel am
Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Mammosett nicht in einen
Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt
Bewegung und Freiheit. In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie
irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den
Nebenkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir
immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rund herum rennen,
damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des
Lebens befreit sind.
Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Mammosett kostet. Aber ich
hörte am selben Tag von einer Dame, daß diese Äffchen, wenn sie zahm
werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das
weiß, möchte ich auch hier beim Mammosettäffchen Einbrecher werden und
Mammosett befreien. Und ich hab mir schon eine Geschichte ausgedacht,
wie dieses Mammosettäffchen, frei gelassen, alle seine Mitgefangenen,
die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den
Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler
müßte das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein
Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der
Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb.
Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger
geworden, »zahm« würde der Tierhändler sagen. Ich sage »todesmatt«.
Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem
Kuchenstück und zittert den ganzen Tag.
Auf der Stange des Käfigs, darauf eigentlich ein Kanarienvogel sitzen
sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es
fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen
wollte, müßte es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse
und müßte irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist,
so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben.
Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und
stirbt langsam ab.
Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen
mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes als steinerne Käfige
zum Zahmwerden und zum Absterben.
An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um
zwei, drei, vier Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine
Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes
Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber
atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie _wartete_ nicht
auf jemanden, aber sie _horchte_ nach jemandem hin. Sie horchte
nach der Richtung einer Haustüre hin. Sie war eine vertrocknete,
abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst
machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte,
sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme.
Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging, oder wenn ich allein aus
Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem
Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie
nach jener Haustüre hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der
einzelnen Villa.
Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort
zur Blumenhandlung und von dort zum Mammosettäffchen gewandert war, kam
eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustores. Sie schien mir
wie von der Nachtluft aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf die
Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon längst beobachtet und
hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen
und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen.
»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?« Und
ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. »Würden
Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu
fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort
hingestellt hat zum Aufpassen?«
»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig, es zu wissen.«
»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob
und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus
ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft.
Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtbar Geängstigten,
trieb mich zur Eile an.
Ich ging und zwang meine Schritte, daß sie möglichst gleichgültig
schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem
horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an.
Dann wendete ich wieder einige Schritte um und ging langsam denselben
Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah
mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht.
Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel
zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen platten Haar elend
und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig
Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und
der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen
Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend,
sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer
Kiste heraussteht, und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider
zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in
die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt
seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und
änderte ihren Standplatz nie.
Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich
anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer
weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber
an, daß sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand,
denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.
»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine
Sekunde im Gehen stehen, »warum um Gottes willen warten Sie Nacht um
Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. --
Dürfen Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte
mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls
belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach
einer andern Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der
fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht.
»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte ich gedehnt und wartete, um
ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und
rührte sich nicht.
»Wenn Sie nichts sagen dürfen --,« lachte ich und ging langsam und
nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von neuem zu fragen.
Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich.
Sie mußte ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg
und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die
Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den
Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher
Gefangenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? --
Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück.
Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustores, auch stand
ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war.
Ich schüttelte von weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir
entgegen. »Ich wußte, daß diese Kreatur nichts verraten würde,« klagte
die Dame enttäuscht. »Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und
habe sie befragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht
nämlich die Haustüre einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich
möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute
diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht
zu bringen.« Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging
zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in
meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem
Mammosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag
wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus
meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht.
Denn daß ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der
geheimnisvollen nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in
Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht.
An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame
vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war,
wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern
und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem
Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über
beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alte Schmucksachen,
alte Familienschmuckstücke, Familiensilber, altmodische Fingerringe.
Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte
Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen.
Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns
gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen
Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders
edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten.
Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, daß die alten
Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich
trügen, und daß das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da,
herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mußten, bis sie aus dem
Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an
zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten,
aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt
erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und
festlichem Blut.
Und ich mußte bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster
voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken.
Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und im Anschluß an die
Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr
auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus
allnächtlich bewachte.
Meine Freundin wollte sofort, daß wir die Aufpasserin besuchen sollten.
Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und
gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande
eines schwarzen Kanalwassers entlang.
Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens
stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge
gefaßt hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.
Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich
zu mir: »Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!«
Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen,
die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise
eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine
Begleitung eines Instrumentes.
Ich hätte die Autos aufhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal
und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des
großen Liedes auffangen ließen.
»Eine Sängerin,« sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. »Und
zwar muß es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich.«
»Sie singt,« sagte ich, »sie singt so erschütternd und ergreifend. Es
ist, als schluchzt sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in
einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen
dürfen, solange die Quellenstimme singt.«
Wir standen lange still. Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster,
und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriß einer schöngebauten
Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war
wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der
Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war,
als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an
ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten
stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der
Haustüre fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht.
Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den andern Häuserkäfigen. Und
die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir
gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie
schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und
singende Frau dort auszuforschen. Aber sie schien dabei ebenso wenig
eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in
jener Nacht gefragt hatte.
»Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen,
verstehen Sie das?« fragte sie mich dann.
»Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie
eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird,«
mußte ich erwidern. »Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein
ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?« fragte sie mich
hartnäckig weiter.
»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr
untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte ich zu
erklären.
»Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das
erklären?«
»Das kann ich nicht erklären,« sagte ich darauf.
»Aber Sie müssen es mir erklären,« bat meine Begleiterin ängstlich.
»Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an
jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und
ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.«
Und welche Stimme, dachte ich bei mir: so singen nur die Erzengel vor
Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der
Welt.
»Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man
Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?«
»Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose
Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik
in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom
Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen
können, nie.«
An eine Sechzehnjährige
Wenn ich an Oda denke, wird mein altes Herz süß wie eine Blume, die man
sich gedankenlos zwischen die Zähne steckt und am Stiel hin und her
dreht, während man eine selbsterfundene Melodie ohne Anfang, ohne Ende,
nur einem selbst hörbar, vor sich hinsummt.
Oda ist knapp sechzehn Jahre alt.
Die Luft um Odas Augen ist ohne Licht, nicht bloß, weil Sechzehnjährige
eine Binde tragen, da sie mit dem Leben noch Blindekuh spielen, sondern
weil die Sonne, die so viele Millionen Jahre alt ist, für dieses Alter
gar nicht aufgehen mag. Denn sie hat für dieses Alter gar kein Licht,
das jung genug wäre.
In Odas Nähe reizt mich vor allem immer eine gewisse natürliche und
doch jungfräulich mystische Dunkelheit, in der Oda sich selbst Licht
spendet. Nur ein zerstreutes Licht ist um sie, nicht mehr als um ein
Küken im Ei, ehe es die Schale zerbrochen hat.
Und doch -- wie glänzen Odas mohnrote Augen! Ich behaupte, die
Jugendliche hat mohnrote Augen. Ich fühle Röte und viele Träume in
ihren Augen, Träume, wie nur ein Opiumraucher sie haben kann.
Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie finden, daß ich alles das, was
ich von ihr schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie glaubt sich
klar zu sehen wie eine Photographie. Das mag sein, ich gebe ihr recht.
Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern ihr Wirkungsbild.
Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern stets nur fühlen können.
Ich fühle sie mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, fühle sie mit dem
Blut.