nicht beschreiben konnte, allen anderen Augen voran, von denen keine
mit so schicksalstiefen Blicken, unheimlichen Flötenlauten ähnlich,
anziehen konnten wie Claudias Augen. Mir schien, wir andern wären
plötzlich alle schwarz wie Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder
von den düsteren Eulen sprach. Eulen waren ihr die liebsten Tiere des
ganzen Gartens und die schönsten Vögel der Welt. Und ich konnte mich
bald nicht mehr des Wunsches erwehren, zu keinen anderen Tieren zu
gehen als zu den Eulen. So ging es schließlich allen, die um Claudia
waren. Die Eulen wurden für jeden der Mittelpunkt des Gartens. Und
während die Stimme der schwarzäugigen Frau die Eulen pries, wie ich es
noch nie von jemandem gehört hatte, und während einer nach dem andern
seine eigenen Wünsche fallen ließ, sah ich auf dem Fünfminutenweg hin
zu den Eulenkäfigen Claudias Leben, das sich rasend vor mir abspielte.
Man sagt, daß einem von einem Turm oder Berg Stürzenden innerhalb
der Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern vor den Augen
vorüberrase. So geschah es mir mit Claudias Leben auf dem Weg zu den
Eulenkäfigen.
Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang gesehen. Nie hatte sie
selbst mir viel erzählt. Nur Andeutungen, nur Sätze und nur kurze
Geschehnisse, erzählt von gemeinsamen Freunden über sie, lagen
zerstreut in mir.
Nun aber schossen mir alle diese Eindrücke, wie von einem Magneten
angezogen, auf dem Weg zu den Eulen zu einem so tragischen
Lebensbilde zusammen, daß mich jeder Schritt marterte, den ich neben
Claudia weitergehen mußte. Und doch lockte mich die Erhabenheit
eines verfinsterten Menschenlebens, so wie schmerzliche Flötenlaute
bestricken und uns fortführen können in ein Dickicht, durch Stacheln
und Dornen.
Claudia war einst eine starke, mutige, das Leben herausfordernde,
tapfere, junge Studentin gewesen. Der Mann, den sie heute noch liebt,
trotzdem er ihr Grauen einflößt, trotzdem er täglich Mühlsteine an
ihre Seele hängt, war damals ein hoher schlanker Student. Claudia
hatte ihm den Namen Dagon gegeben; Dagon, der biamesische Gott des
Ungeheuerlichen, der Gott des Verschlingens ohne Ende, der Gott der
Lebensunsicherheit, zu dem alle Sterblichen beten, und der ihnen nichts
für ihr Gebet gibt, keine andere Gewißheit als den Tod. Dagon, der
Gott des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, der die Menschheit
zermalmt, dem niemand Widerstand leisten kann, der Gott, für den die
Blumen welken, die Vögel tot aus dem Himmel fallen, vor dem aus Furcht
die Erde zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser ihrer Meere
gehüllt steht, während nur ein Drittel der Erde Dagon die Stirnen der
Berge als Widerstand hinstellt.
Claudia hatte diesen Namen wie in einer Vorahnung ihres Schicksals dem
jungen Studenten gegeben, damals noch nicht wissend, wie tief erkennend
sie dabei war. Denn wie stark der Gott allmächtiger Willkür in dem
Geliebten verkörpert war, das erfuhr sie erst im Laufe der Zeit.
Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, die Claudia den Namen Dagon
und damit die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die Augen führte,
wenn sie den jungen Mann und zukünftigen Lebensgefährten beobachtete.
Es belustigte sie, den Geliebten auf Widersprüchen zu ertappen, aus
denen er sich lächelnd und kühl überlegend oder mit einem gewandten
Geistessprung ins Blaue ihren starken schwarzen Augen entrückte. Damals
merkte sie zuerst, daß jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension
lebte, die sie nicht an anderen Menschen kannte, die Dimension des
Fabelhaften, die Dimension, in der die Wirklichkeit und der Schein,
die Wahrheit und die Lüge nebelhaft ineinander gleiten. Eine Welt
war in ihm, wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und Unwirklichkeit
wird, ähnlich wie Häuser am Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des
Wassers mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar auf einer anderen
Weltseite leben, einer Welt, die tief scheinen will, unergründlich
aussehen will, die aber nichts ist als ein auf den Kopf gestelltes
Zerrbild der Wirklichkeit.
So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit scheinbaren
Unergründlichkeiten verblüffend, die Ufer des Lebens wieder, indem
es das Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, es für
unergründlich ausgab.
Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, war ein anderer Mann
ihrem schwarzen Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich von
ihrer Anziehungskraft nicht losmachen konnte, trotzdem er von Claudia
nichts zu hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar kurzlockig
geschnitten und, nach Knabenart, in der Mitte gescheitelt. Sie rauchte
auch, als es noch nicht allgemein war, daß Frauen Zigaretten rauchten.
Sie wäre vielleicht auch am liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr
immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote frische trotzige Lippen, und
alles Verwegene, Herausfordernde, menschlich Kühne erregte sie, da ihr
eigener junger Körper der Welt knabenhaft verwegen und widerspruchsvoll
gegenübertrat.
Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte sie eines Tages in ihrem
Studentenzimmer auf und bat sie, sich doch zu entscheiden, ob sie
nicht die Frau seines Freundes werden wollte. Als sie »nein« sagte,
schlug der Abgesandte, der ein ernster und zielbewußter Mensch war,
in ehrlichem Zorn mit der Hand auf den Tisch und fragte Claudia, was
sie veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen Mannes mit einem Nein
abzuweisen.
Die Gefragte sagte ganz einfach, daß sie bereits gewählt habe, und
nannte den Namen Dagons.
»Dann prophezeie ich Ihnen, daß sie niemals glücklich werden,« entfuhr
es dem heftig Erregten, der seinen Freund verdrängt sah von einem, der
ihm Widerwillen einflößte. »Aber sagen Sie mir, ehe ich gehe,« fügte er
hinzu, »was haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?«
»Daß er adelig ist,« antwortete ihm frei und stolz die junge Studentin,
»ist der Grund, der immer bleiben würde, wenn ich nicht bereits einen
andern vor ihm gewählt hätte. Ich will nicht, daß man in seiner Familie
auf mich als auf eine Bürgerliche herabschaut.«
Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern. Nur einmal, als ich sie
tief unglücklich antraf und ganz natürlich fragte: »Wie sind Sie denn
mit diesem Mann zusammengekommen, der Ihnen jetzt so viel Qualen
bereitet?«, da erzählte sie diese kleine Verlobungsperiode, und sie
schloß: »Gerade weil mich der Freund jenes Adeligen vor Dagon warnte
und mir Unheil prophezeite, gerade das war es, was mich herausforderte,
Dagon erst recht zu wählen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten
Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft Verwandlungsfähige seiner
Seele reizte die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe in
mir. Mir war, als könnte Dagon alles Feste in Wolken auflösen. Mir
war, als sähe ich einem Zauberer zu, wenn er mich leise und lächelnd
schon in der ersten Zeit unseres Bekanntwerdens belügen konnte. Dann
drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir war, als müßte ich das
Lügen aus ihm ausbrennen. Er lächelte wieder und log hilflos weiter und
tat, als hätte ich wirklich das leichte Lügen an der feinsten Wurzel
in ihm abgetötet. Aber ich ahnte ja nicht, daß er immer wieder neue
Fäden der Lüge hinter sich herziehen konnte, wie die Spinne ihre Fäden,
daran sie tanzt, daran sie sich über Abgründe schwingt. Während ich
aber glaubte, in Dagon die Lüge abzutöten, wurde ich langsam von ihm
abgetötet, entkräftet. Denn Unheil ist sein Schaffen, und nur Unheil
war er für mein ganzes Leben.«
Und Claudia erzählte weiter:
»Am ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen als Verlobte feiern
wollten, reiste ich zum erstenmal in meinem Leben zum Fest nicht nach
Hause, trotz der Bitten meiner Eltern und Geschwister und obwohl
ich wußte, daß mein Vater alt und krank war. Aber am Nachmittag des
Weihnachtsabends, auf den ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich
ein Telegramm, das mir den Tod meines Vaters anzeigte. Ich saß eine
Stunde später im Eisenbahnzug und durfte den Abend weder bei dem
geliebten Mann, noch in meiner geliebten Familie verbringen, sondern
war in einer Hölle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen hin und her
schwankend, zwischen dem Ziel des Lebens und dem Ziel des Todes.
Leidend, weinend und erschüttert saß ich in der weihevollen Nacht als
einziger Reisender im leeren Zug, von Selbstvorwürfen gepeinigt, weil
ich meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht erfüllt hatte, ihn auf
seinem Krankenbett am Weihnachtsabend zu besuchen.
Ich hatte nun an diesem Abend nichts, weder den Geliebten, noch das
Heim. Ich hatte die Leere. Das war der Anfang des Verschlingens, das
von Dagon ausgeht. Aber ich hatte mir Dagon gewählt, das mußte ich mir
immer wieder sagen. Ich hätte auf dem Landgut des Adeligen vielleicht
ein ruhiges, seßhaftes Leben führen können, gepflegt von einem mich
aufrichtig Liebenden. Ich hatte es nicht gewollt. Mich hat der Kampf
mit dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wußte es damals nicht: es ist
der Kampf mit dem Nichts gewesen.«
So erzählte mir Claudia ohne Pathos, ohne große Geste, mit
schwarzblanken Augen, die glänzend zu sein schienen von den Abgründen
ihres Unglückes. Es war auch, als triumphiere in ihrem Blick das
Bewußtsein des Unentrinnbaren, als käme sich jene Frau selbst
erstaunlich vor und als ließe sie ihr Erstaunen über sich aus ihrer
Augenschwärze strahlen. Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere
klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles erleben. Sie lebt in einer
Unglücksekstase, und mir scheint, ihre Augen werden immer glänzender,
je unglücklicher sie von Jahr zu Jahr wird.
Nur einmal in jenem Winter erschrak ich. Da verflüchtigte sich das
Feuer ihres Willens zum Unglück. Ihre Augen sahen so verklärt aus, als
ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen wie eine Traumwandlerin auf den
Dächern der Welt.
Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet waren und sie sich schwanger
werden fühlte, waren sie beide nach Kanada ausgewandert. Sie wußte
nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt hatte. Sicher blieb nur, daß
es ihr Unglück war, daß er ausgeführt wurde. Sie, die schon damals
fühlte, daß sie in dem Mann so wenig Sicherheit hatte, als wenn sie
sich an seinen Schatten anklammern würde, hatte begeistert den Weg ins
freiheitliche Amerika angetreten, schwärmend für alles Großzügige,
Unbegrenzte, nie Dagewesene. Dort in dem jugendlichen Land Amerika,
wo die Frau den Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon allein
für sich zu bekommen und seine Augen, die alle Frauen wie Irrlichter
umgleiten konnten, zum festen Blick zu zwingen, der sich dann von
ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte. Denn Claudia wollte Dagons
eidechsenhaften Seelenbewegungen die schwerthafte Stärke ihrer Augen
geben.
Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte nur wie nasses Pulver,
da Dagons Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet war.
Kaum waren beide in Amerika gelandet, so erhielten sie die
Nachricht, daß Dagon seinen Vater verloren habe und wegen wichtiger
Erbschaftsangelegenheiten nach Deutschland zurückkehren müsse.
Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte eben ihr erstes Kind geboren
und lag zu Bett. Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet
hatte. Der Ozean trennte sie bald. Sie, die keine Stunde ohne ihn sein
wollte, war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum andern nachzuklagen.
Und als Dagon später Claudia nachkommen ließ und sie in Europa
erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter sich gelassen, als sie
sich wieder die Hände reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb der
erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane folgten, die sich einer an
den andern reihten. Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit der und
jener Frau betrogen, mit der und jener Freundin. Wenn sie auch immer
Geständnisse aus ihm herauslockte, das Urversprechen einer Treue, einer
männlichen Festigkeit, auf der ihre schwarzen Augen ruhen wollten,
konnte sie Dagon nie abringen.
Claudia warf sich dann auf die Arbeit. Sie hatte studiert, hatte
ihr Examen gemacht. Sie wurde Ärztin und arbeitete an Dagons Seite
unentwegt und damals noch ungelähmt. Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren
Mann zu ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon hatte kein Vermögen
geerbt, wie sie beide es erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten es
vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen, seinen leichtlebigen
Sohn zu enterben, ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und dieses Geld
sollte Claudias Kindern und nicht Dagon ausgezahlt werden.
Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn sie hatten beide hohe
Lebensansprüche. Die Luft um Dagon wurde immer trüber. Er blieb halbe
Tage fort, ohne daß Claudia wußte, wo er war. Sie erfuhr immer wieder
von neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller Kreise, die Dagon
fesselten und die er ausleben mußte.
Er selbst spaßte nur darüber, als wären seine Liebeserlebnisse nicht
mehr als kleine Warzen an der Hand, die kommen und gehen und dem
Wohlergehen nicht weiter schädlich sind.
Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes hoffte Claudia, es würde das
letzte sein. In jener Zeit war es einmal, daß ihr die Geduld plötzlich
riß und sie ein Messer nach Dagon schleuderte, das in der Tür stecken
blieb. Und endlich mußte sie erkennen, daß ihres Mannes Seele, wenn
sie nach ihr griff, immer ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen
Wüstensand nicht in der Hand behalten kann; denn wenn man die Faust
zudrückt, rieselt dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte Sand durch
die Fingerritzen, und wenn man die Faust öffnet, hat man nichts in der
Hand.
So war das Herz Dagons in der Hand Claudias. Wenn sie es noch eben
festhielt, -- es war nicht mehr da, wenn sie die Hand öffnete und
nachsah.
Darüber wurde ihr eigenes Herz dürr. Es wurde von den Leiden und
Schmerzen und von der Leidenschaft versüßt wie getrocknete Datteln,
die zuckriges Fleisch um einen steinharten Kern tragen. Den Stein
in Claudias Herzen löste nichts auf. Der Stein saß im süßen Fleisch
unbeweglich, und das süße Fleisch welkte und dörrte.
Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung gepackt. Ich war damals
nicht in ihrer Nähe und hörte nur aus Briefen meiner Freunde, daß jene
Frau ihrem Mann Gleiches mit Gleichem vergolten und sich einen Freund
genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit dem sie fortgereist war,
um ihre gereizten Gefühle zu beschwichtigen. Später hörte ich, daß sie
diesen Freund wieder verlassen, ihr und Dagons Kind zu sich genommen
habe und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise. Sie hatte
nach dem Tode ihrer Mutter ein Vermögen geerbt, und da ihr die Arbeit
keine Freude mehr machte, lebte sie in dem Genuß des Müßiggangs. Die
Liebeslust und die Arbeitslust waren in ihr abgetötet. Sie lebte dem
Kinde, das sie fernhalten wollte von dem Unheilschatten jenes Mannes,
dem sie glaubte entronnen zu sein.
Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier, bald dort, in den
verschiedensten Städten, vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich
in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet.
Dann plötzlich eines Tages, als ich in jene Großstadt kam, wo
Claudia und Dagon vorher gewohnt hatten, hörte ich, daß beide wieder
zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da hingen im Korridor große welke
Kränze mit langen breiten Seidenbändern. Dagon glaubte plötzlich eine
musikalische Begabung bei sich entdeckt zu haben und hatte öffentlich
eigene Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte gegeben.
Seltsamerweise hatten alle Wohnungen, welche jene beiden Menschen
bewohnten, den gleichen hellen und lichten Reiz eines glücklichen
Heims. Niemand konnte in diesen weiten, behaglichen und lässig vornehm
eingerichteten Räumen vermuten, daß hier zwei hausten, die sich
marterten. Beider Zartfühligkeit traf sich hier und vereinigte sich im
Ausdruck von Möbeln, Spiegel und Bildern. Die innere Zartfühligkeit
Claudias gab den Räumen vornehme Ruhe, und die äußere Zartfühligkeit
Dagons gab den Räumen jene unnachahmbare lässige Vornehmheit, die den
Besucher glücklich einlullte. Erlesene Bücher, erlesene Kunstwerke
und Musikinstrumente täuschten jeden, der nicht eingeweiht war in
die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen zwei Lebenskameraden
abspielten.
Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr Kind glücklich und wußte
sich immer ihren Freunden in ihrem Äußeren reizvoll modisch in Kleid,
Haartracht und Schmuck zu zeigen.
Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie geht bürgerlich langweilige
Luft durch ihre Zimmer. Es ist Claudia ein Genuß, wenigstens äußerlich
glücklich zu wirken -- auf die nicht Eingeweihten, die nicht in ihren
schwarzen Augen zu lesen verstehen.
Lange Zeit erschien sie immer als glückliche Gattin, die, leicht die
Achsel zuckend, die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen schien. Und
viele mögen verblüfft gewesen sein, als Claudia plötzlich mit dem
Kaukasier verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr beim näheren
Hinsehen verdenken können.
Und nun zurückgekehrt, scheint sie die Rolle der Glücklichen nicht mehr
harmlos spielen zu können. Dazu ist ihr Gesicht doch zu blaß geworden,
und ihre Züge sind wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln nicht
mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht versteinert aus und steckt als Kern
in ihrem Herzen.
Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia und Dagon mit einigen
Gästen eingeladen war und jene Frau uns alle unter den brennenden
Weihnachtsbäumen ihres Salons beschenkte, da schien es für Sekunden,
als könnte doch vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals weich
werden und schmelzen. Dann aber, als es während des Abendessens
klingelte und unter den Geschenken, die von Bekannten geschickt wurden,
auch Aufmerksamkeiten von einigen Damen waren, deren Gunst Dagon in
letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie Claudia zu frieren begann.
Trotzdem die Zimmer von der Wärmeleitung und den Weihnachtskerzen
heiß waren, bat sie, daß man die Fenster schließen möchte, die eine
der eingeladenen Damen geöffnet hatte. Die Gepeinigte fror von innen
heraus. Ich glaube, sie muß ihr Herz in diesem Augenblick so schmerzend
gefühlt haben, wie man in der Winternacht das Eisen einer Türklinke
brennend kalt fühlt, wenn man die Hand darauf legt.
Dagon hat schon längst keine Geheimnisse mehr vor seiner Frau. Das
letzte Schamgefühl ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, er
will, daß Claudia nichts fühlen soll und nichts mit ihm teilen soll
als die Lust, die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die Lust an dem
Verbrechen, das er an ihrer Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit
ihm genießen.
Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, in der kein Hauch von Unglück
zu spüren ist. Die hellen weißen und himmelblauen Gemächer, mit
gelbseiden verschleierten elektrischen Lampen und voll mit Bildern und
Büchern und von zierlichen asiatischen Nippes belebt, sind wie eine
irisierende Haut über einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.
Aber die einzige tiefe Empfindung, die man in diesen hellen und
gefälligen Räumen erlebt, kommt nicht von den Büchern in den
Schränken und nicht von den Kunstwerken aus, sie geht aus von den
unglücksglänzenden schwarzen Augen Claudias; diese Augen, denen das
Weinen schon längst kein Trost und keine Erlösung mehr ist, glänzen vor
Schmerzen.
Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia bei einem Besuch wieder.
Sie stand an ihrem Teetisch und trug über dem schwarzen Seidenrock
eine goldgelbe Seidenjacke, die war von einem etwas dunkleren Goldgelb
als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien Ruhe und Wärme auszuströmen,
und ich fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? Ihre Augen
waren entkräftet und schienen außerhalb des Zimmers traumwandelnd
herumzugehen. Ich erfuhr dann, daß sie krank sei, sie hustete, sie
hatte Fieber. Es war eine rein äußerliche Krankheit, und Claudia trug
diese Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des Himmels mit sich. Sie,
die einstmals so stark war, daß sie nicht für den Tod geboren schien,
freute sich, daß ihr Fieber täglich stieg, freute sich, daß ihre Augen
erlöschen wollten. Und wenn man sagte, daß sie sich pflegen müßte,
lächelte sie nur. Sie erwartete das Sterben und freute sich.
Der Tod kam nicht. Die Schwäche ging vorüber. »Weshalb?« fragte sie
erschrocken.
Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause mit dem, mit dem sie einst
gerungen und gekämpft hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide sehen sich
täglich, aber sie sprechen sich wenig. Claudia weiß nie, wohin Dagon
geht, wenn er abends seinen Frack anzieht. Sie will es auch gar nicht
wissen.
Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater fährt, wohin sie geht. Und
das ist vielleicht noch schmerzlicher für sie zu ertragen, daß er sie
gehen läßt, wohin sie will.
Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen und sieht und versteht und
hört alles. Und das ist das Allerschmerzlichste für Claudia.
Der selbstherrliche Mann schont die beiden Frauen nicht, nicht die
Tochter und nicht die Mutter. Er lächelt über sie hinweg, plaudert zu
den beiden von seinen Erfolgen bei den Frauen, will, daß sie mit ihm
über die Scherze, die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen Herzen
treibt, lachen sollen.
Und Dagon lächelt sein allesverschlingendes Lächeln, wenn die beiden
Frauen ihm ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen, lächelt er und
verschlingt ihre Anklagen. Wenn die beiden Frauen ihn morden wollen,
lächelt er und verschlingt ihre Mordgedanken.
Er ist liebenswürdig, spaßhaft; er ist nie mürrisch. Er ist nur
launenhaft verschlossen, wo er sich fürchtet zu sprechen, weil er sich
bei aller lächelnder Offenheit nie ganz offen gibt.
Seine lächelnde Offenheit ist ein Abgrund, in den er die Offenheit
der andern hineinlockt. Und er sieht lächelnd zu, wie Menschen in
diesen stürzen, die er angelockt hat. Er lächelt und gleitet über die
Angstblicke, die er sehen müßte, hinweg.
Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen wird? Wo ist die Grenze, die
seiner Unendlichkeit im Grausamsein gesetzt ist?
Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges Leben aus den
Augen Claudias starren. Will sie sein Ende erleben, und ist sie
deshalb noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das ungeheuerliche
Ende, die ungeheuerliche Todesstunde, die in der Brust Dagons das
lächelnde Herz voll Ungeheuerlichkeiten töten wird, die ihm und sein
allesverschlingendes Lächeln aus der Welt schaffen wird, -- wartet
Claudia darauf? --
Als wir zu den Eulenkäfigen kamen, trug ich diese letzte Frage in
mir. Da saßen wie seltsame weiße und graue Federgruppen die Eulen,
diese weichen, lautlosen Nachtgeschöpfe, auf den Ästen abgestorbener
Bäume hinter den Gitterstäben. Einige konnten die Köpfe ganz rund
um den Nacken drehen. Andere spitzten die katzenartigen Ohren. Aber
alle saßen da wie ausgestopfte Federbälge. Die einen hatten wunderbar
silberweißes Gefieder, und es wirkte jeder weiße Vogel wie eine einzige
ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere graue Eulen waren wie ein
dicker Ballen Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal die Köpfe rundum
gedreht hätten, so daß das Gesicht nicht auf der Brust, sondern
plötzlich auf den Rücken stand, so hätte man in ihnen kein Leben
vermutet.
So sahen die Eulen aus, als wir von weitem an die Käfige kamen. Aber
als wir nähertraten, da verschwanden die Federkörper. Da standen nur
in der Luft über den abgestorbenen Baumästen paarweise ungeheuerliche
schwarze Augen. Augen, die so groß und rund in ihrer Schwärze starrten,
als müßten sie alles und nichts sehen; als könnten sie die Tiefe des
ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen und alle Trostlosigkeiten der
Abgründe des Lebens.
Während sich alle meine Freunde beim Näherkommen über die Federn, die
Haltung, die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten, wurden sie jetzt
stumm. Und nur Claudia, die vorher stumm gewesen war, als wir die Eulen
zuerst erblickten, wurde jetzt vor den Eulenaugen laut und begeistert.
»Haben diese Vögel nicht die schönsten Augen der Welt? Da sprechen
die Menschen immer von glotzenden Eulenaugen, und ich finde, es
sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten, geheimnisreichsten und
schicksalsschwersten Blicke, mit denen nur je ein lebendes Wesen auf
die Welt herabsehen kann. Solche Augen möchte ich haben,« setzte
Claudia hinzu. »Wie ich diese Tiere um ihre Augen beneide! Auf was
warten sie nur, diese Eulenaugen?« --