nicht ins Haftzimmer, sondern nur in die Polizeiwachtstube geführt.
Dort fand die Flöhin gar nicht, was sie wollte.
Man gab Häcksel seinen Gurt zwar nicht zurück, aber man zeigte ihm
denselben, und er erkannte ihn als den seinen.
Dann wurde ein Polizist beauftragt, Häcksel in sein Heimatdorf zu
begleiten und dort in Erfahrung zu bringen, wie Häcksel zu dem
Silbergeld gekommen sei.
Häcksel behauptete immer noch, er habe es geerbt. So kam Häcksel auf
Polizeikosten zurück in sein Heimatdorf. Nach langem Fragen glaubte
man endlich Häcksel, und man ließ ihn wieder seine Bergwerkarbeit
antreten.
Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. Es waren Flohkinder, von
ihm, der damals in der Nacht über den Plankenzaun in den Hühnerstall
geflüchtet war. Die Flohmänner waren ihr unterwegs alle wieder abhanden
gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit vielen Kindern beschenkt mit
Häcksel ins Bergwerk zurück.
Häcksel aber bekam zwar jenen Geldgurt zurück, doch fand sich kein
einziger Silbergulden mehr in dem Gurt. Die letzten waren auf der
Polizei herausgerollt, und niemand wußte wohin.
Als Häcksel den leeren Gurt umschnallte, wurde er schwermütig. Er
fieberte täglich heftiger und heftiger und wollte doch nicht sterben,
da ihn kein Begräbnis erster Klasse erwartete.
Häcksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall anstellen lassen und kam
gar nicht mehr an die Erdoberfläche. Davon, daß er überhaupt nicht
mehr die Luft wechselte und immer in der durchwärmten Schachtluft
wohlbeschützt dahinlebte, heilte seine Lunge aus, und er genas von
seiner Schwindsucht und dem Fieber.
Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als er sich eben bückte, mit dem
Hinterfuß vor den Kopf, da Häcksels Leibfloh das Pferd unsanfter als
sonst in die Weichen gebissen hatte.
Eine ganze Nacht lag Häcksel in seinem Blut unter dem Pferd. Niemand
war da, und nur die Flöhe sahen von allen Pferderücken herunter
neugierig zu, wie so ein Menschenvieh endlich einmal stirbt. Sie
lachten und kicherten, bissen in die Pferdeweichen und hatten es
wunderschön, indessen Häcksel nochmals die Nacht durchlebte, da er
alles Geld verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern setzte sich
auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, wo der rote Laternenschein
den Stall schwach aufhellte, und von der Decke über dem Heu, wo die
Spinnweben dick festhingen, löste sich die Königin der Nacht los
und krallte eine Hand in Häcksels Kopfwunde, die ihm der Pferdehuf
geschlagen hatte.
»Laß mich, laß mich,« krächzte der Verwundete und wälzte sich zum
Vergnügen der jungen Flöhe hin und her. Und er sah dann, wie der
schwarzbärtige Andreas Hofer mit der Königin der Nacht zu ringen
begann. Es wurde im Stall heller, weil die Nacht von Andreas Hofer
besiegt wurde.
Dann nahte der vergißmeinnichtbekränzte Schutzengel und fragte Häcksel
streng, ob er noch etwas zu gestehen hätte, er solle sich das Herz
durch ein Geständnis erleichtern.
Die Flöhe verfolgten von den Pferderücken herunter dieses Theater im
fiebernden Hirn des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie ihr Lebenlang
mit dem Menschenblut des Häcksels aufgefüttert waren, verstanden sie
dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, was der Sterbende zu sehen
vermeinte.
»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte der Jüngste der Flohbrut.
»Gesteh nichts, sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,« rief
er mit Eifer zu Häcksel herunter.
»Nein, sage es nur! Er weiß es ja schon selber, daß du die Silbergulden
aus dem blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der Chor der andern
frech und lustig.
Häcksel schwieg und ächzte. Er schwieg auch, als alle Toten aus dem
blinden Schacht mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vorüberzogen.
Da winkte der Teufel in der Ecke des Stalles, und herein sprang der
Höllenhund und stand wie ein großer Löwe mitten im Stall und schüttelte
sich knurrend.
Aber zugleich kam auch ein Greis herein -- das war Petrus -- und faßte
den Höllenhund an der Mähne, so daß er sich nicht auf Häcksel stürzen
konnte.
»Gesteh, daß du das Silbergeld nicht geerbt hast,« drohte der
glatzköpfige Petrus und griff nach der Stallaterne und drohte,
daß er das Lebenslicht in der Laterne, das dem Häcksel gehörte,
ausblasen würde, so daß der Halsstarrige dann vom finstern Höllenhund
verschlungen werden müßte.
»Bravo,« lachten die Flöhe und höhnten, »siehst du, jetzt hast du dein
erstklassiges Begräbnis im Bauch des Höllenhundes.«
»Ich habe das Geld -- das gar kein Geld war, von dem ich gar nichts
ausgegeben habe, von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier bezahlt
habe, -- im Stollen ausgegraben und nicht geerbt,« schrie Häcksel.
»Hier hast du ein Stück Holzkohle aus dem Feuerbecken des Teufels. Mit
diesem schreibe dein Geständnis an die Kalkwand des Stalles, damit die
Leute dein Geständnis schwarz auf weiß haben.«
Dann, als Häcksel geschrieben hatte, sagte Petrus und hob den
Zeigefinger drohend:
»Siehst du, mein lieber Häcksel, du hast es erleben sollen, daß
unehrlich angeeignetes Gut nicht den kleinsten Genuß bereitet. Und daß
Diebstahl einem mehr Mühe, Schweiß und Ärger bereitet als die härteste
ehrliche Arbeit, das weißt du jetzt.
Da du aber im Leben bereits deine Tat gebüßt hast, will ich dir nun
doch ein Begräbnis erster Klasse auf himmlische Staatskosten bereiten.
Komm und steige in die Himmelskutsche, die vor der Stalltüre steht. Mit
dir wird aber auch Zinnoberchen den Himmel und das Begräbnis erster
Klasse teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten,
als er dich traf.«
Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer Mutter. Und nun duckten sie
sich alle vor Schrecken. Und das Pferdeblut und das Menschenblut in
ihren Leibern wurde ganz blaß, und sie sprangen für diese Nacht weit
fort in das Bergwerk und kehrten erst nach Tagen in den Stall zurück,
als man Häcksels Leichnam an die Erdoberfläche gebracht und dort wieder
in die Erde gebettet hatte.
Dieses ist die Geschichte von Häcksel und den Bergwerkflöhen. Und wenn
die Flöhe inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben sind, so leben
sie heute noch dort, so frech wie damals.
Zwei Reiter am Meer
Einige Gäste erhoben sich und verabschiedeten sich von der in Trauer
gekleideten Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden durch
die Diele zum Vorzimmer begleitete.
Ein Herr und ich waren allein die Letzten in dem großen
Bibliothekzimmer, wo wir nach dem Abendessen, zu dem wir geladen
gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch beim Licht einer
grünverschleierten elektrischen Hängelampe plaudernd gesessen hatten.
Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel am Gespräch beteiligen
können. Die weitgeöffneten Türen in die erleuchteten Nebenräume, in das
Musikzimmer, in den Speisesaal und in das Teezimmer, in denen überall
sanftes Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, hatten meine
Gedanken immer weiter von mir fortgezogen, und es war mir, als stünde
mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer eines vornehmen Landhauses
draußen im Waldhäuserviertel am Rande einer Weltstadt, sondern am
Rande eines Weltteils stand ich und sah auf ein Weltmeer, auf einen
grauen Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu Himmelswolken wurde,
zu Nebelbrodem; und nur in weiten Abständen warf manches Mal eine
langgezogene Strandwelle eine weiße Sprühschaumwolke in die Luft. Nur
diese eine große Wellenzuckung zeigte Leben auf jenem Wasserweltteil.
Sonst waren Himmel und Wasserfläche atemlos ausgebreitet und
verschwanden weit draußen im Nichts der Unendlichkeit.
Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im Dünensande, lebte das rassige
Gliederspiel zweier vorüberschreitender Reitpferde, die von zwei
Menschen geritten wurden, die ich aber nicht näher beachtete, weil
vorerst nur die beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche
Weltalleben von Meer und Himmel meine Aufmerksamkeit anzogen.
Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten Tiere und hie und da der
Glanz im Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen angeregt
auf- und abzuckte, machten Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden,
zu Schattentänzern vor dem weiten Luft- und Wasserraum.
Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den Beinen und Fesseln der
spielend und tänzelnd auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein
Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tönespiel in der adligen
Beweglichkeit der Tiere, als müßten das Meer und der Himmel zu einem
riesigen Instrument werden, auf dem Melodien geboren wurden beim
rhythmischen Vorwärtsschreiten beider Reitpferde.
Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß der lautlose Dünensand alle
Geräusche verschlucken könnte. Auch der Sand, schien mir, wurde zu
rieselnden Tönen unter der Berührung der zierlichen und rassigen
Glieder der Pferde.
Das Weltall um die Reitenden tönte bald gedämpft jauchzend auf, bald
klang es schneidend weh zu mir her wie die Geräusche der langen
schneidenden Linien der flachen Strandwellen.
Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild der zwei Reiter am Meer,
hing im nächsten Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen über dem
Flügel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer aus nicht mehr sehen, aber
das Bild kam immer wieder zu mir.
Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem Abendessen aus dem Speisesaal
kamen, auf das Bild, das ihm das Lieblingsgemälde seines Hauses war,
aufmerksam gemacht. Und ich hatte mich einen Augenblick auf eine
Sessellehne gestützt und hatte meinen Körper am Sessel verlassen und
war mit meinem Geist durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, aus dem
Land weit fort gegangen und an den Meerrand getreten. Als wir dann
später im Bibliothekzimmer um den runden Tisch saßen, war es, wie
ich es eben beschrieb. Das Bild kam immer wieder zu mir. Es hob die
Wände der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten Nebensäle wurde zur
Ruhe des Weltmeeres, das gedämpfte Licht in den Räumen zur Ruhe des
Himmelslichtes über den Urwassern.
So wußte ich, als ich mechanisch aufgestanden war und der Hausherr mit
einigen Gästen das Zimmer verließ, bald nicht mehr, was Wirklichkeit
und was Unwirklichkeit war.
Es stand eine weite gedämpfte Festlichkeit um mich, von der ich mich
halb nicht trennen konnte, und halb wieder getrennt fühlte, da diese
Festlichkeit nicht mir gehörte. Denn es war die Festlichkeit der
Schmerz und Freude ausgleichenden Todesstunde, die aus den Zimmern
dieses Hauses noch nicht gewichen war, die den Alltagsräumen eine
höhere Verklärung hatte geben können, als es sonst hier laute Feste
vermocht hatten.
Ich war in demselben Hause vor Jahren zu einem großen Abendfest
gewesen, aber die erlesen geschmückten Frauen und geistesgewandten
Männer hatten bei Tanzschritten, Witz und Fröhlichkeit, bei Wein und
Musik keine ähnliche Größe der Festlichkeit schaffen können, keine
ähnliche Erhöhung des Hauses, wie es jetzt ein einziger Mensch getan,
ein junger Mensch, der einzige Sohn, der durch seinen Todesschritt das
Haus an den Rand der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem war es
nur dem Künstler gelungen, das Haus fortzuheben, ihm, der jenes Gemälde
geschaffen, das nicht bloß über dem Flügel im Nebenzimmer hing, sondern
das die Kraft hatte, Haus und Beschauer an das Erdende zu entrücken,
dorthin, wo das Reich der fliehenden Wasser, das menschenleere Reich
der Ozeane beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger Gast sein, aber
nicht Fuß fassen kann, wo ihn Tiefe und Weite verschlängen, wenn er die
Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts überschreiten würde.
Ich stand noch unschlüssig, überlegend, ob ich den Gästen, die gegangen
waren, folgen sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, die
in diesen Räumen lag und mich anzog, verweilen durfte.
Der Gestorbene war ein junger Musiker gewesen. Drüben am Flügel
hatten Mutter und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie sang, was
der junge Mann erdacht; wenn er ihr vorspielte, was die Stimme
seiner Jünglingsgefühle, seines Jünglingsernstes und seiner
Jünglingseinsamkeit auftönen lassen mußte.
Damals waren beider Herzen, das der Mutter und das des Sohnes, wie die
zwei Reiter am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen Takt schritten,
und die melodisch vor der Unendlichkeit des Himmels und des Meeres, vor
der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen.
Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte und zierliche, tief getroffene
Mutter stand noch fassungslos vor dem unfaßbaren Schmerz. Die Melodie
der Einheit war abgebrochen. Das Leben gab keinen Klang mehr als den
des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in den Träumen, Schluchzen
morgens beim Erwachen, Schluchzen am Tage beim Schreiten durch die
lautlosen Räume des Hauses und durch den noch lautloseren Raum des
eigenen Herzens.
In den letzten Sommertagen war der junge Mann noch Leben und Lebenslust
gewesen. Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. Die Sprache, seine
Stimme, starb zuerst. Dann entglitt der Blick, die Augen erlöschten,
und der warme Körper, den die Mutter umschlang, entfremdete sich selbst
dem Mutterherzen und verschwand in der Kälte des Todes.
Nun waren Monate vergangen. Niemals mehr hatte die Mutter den Flügel
im Musikzimmer öffnen können. Sie hatte den Sohn immer noch begraben
müssen, den Gestorbenen immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht
die Kraft gehabt, den Sohn verklärt vor sich auferstehen zu lassen.
Aber alles Abschiednehmen muß von einem Wiederkommen abgelöst werden.
Auf die Trennung, die das Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die
Stunde der Auferstehung. Das Leben läßt sich nicht bis ins Unendliche
begraben, auch das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein Wellenschlag.
Das Land hat seine Berge und Hügel, das Meer seine Wellen und Wogen,
der Himmel seine Wolken und seine Glätte. Und auch das vergangene Leben
hat sein Gehen und Wiederkehren.
An diesem Abend war mir unbewußt klar geworden: der Tote war zu seiner
Mutter und zu seinem Vater verklärt wiedergekehrt. Er war wieder
auferstanden in den Räumen des Hauses. Der junge Mann stand neben uns
und wollte uns von seiner Übersinnlichkeit einen Ausdruck geben. Seine
Todeswelle, raumloser als die räumlichen Wellen, die wir Lebenden
fühlen, wollte sich vor uns verkörpern.
Dieser feierliche Schauder berührte mich noch, als die trauernde Frau
des Hauses zu mir sagte und auf den Gast deutete, der außer mir noch im
Zimmer geblieben war:
»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, wir wollten heute abend noch
ein wenig Musik hören. Sie wissen, es ist seit Monaten kein Ton in
diesem Hause gespielt worden.«
Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, war ein sehr feiner,
künstlerisch ernster und gewandter Klavierspieler. Er spielte uns dann
gute Werke großer Komponisten vor, verabschiedete sich aber bald.
Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine Erwartung, eine Sehnsucht
nach der Verkörperung der überirdischen Festlichkeit des Todes, die
mich in diesen Räumen nicht verließ.
Die beiden Klavierlampen brannten noch am offenstehenden Flügel. Unweit
von mir auf einem kleinen Damenschreibtisch stand die Photographie des
jungen Verstorbenen.
Draußen vor den weißverschleierten Fenstern des Hauses lehnte das
Schweigen des dunkeln Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wußte, die
Nachtlandschaft draußen war schneelos und winterlich düster. Es
war Februar, und das Grab des Toten lag fern irgendwo in einem der
mächtigen Großstadtfriedhöfe. Und jenes Grab unterschied sich in nichts
von der Wintererde und in nichts von den andern Millionen Grabhügeln,
die überall auf der Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die im Sommer
begrünt sind wie die Wälder und Wiesen und im Winter verlassen scheinen
wie die Wälder und Wiesen.
Der Geist der Toten aber lebt Sommer und Winter in einer verklärten
Jahreszeit, die wir auf Erden nicht kennen, die sich aber auf uns
herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen will. Beim Gemisch der
eisigen Wellen des Toten und der Wärmewellen unseres Herzens entsteht
jene schauersüße Stimmung, in der wir fröstelnd fühlen, der Tote ist
auferstanden und kehrt verklärt bei uns ein.
Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung die Frage an die trauernde
Mutter, ob sie nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen oder ein
Musikstück von ihm spielen möchte.
Sie lächelte schmerzlich und ging zum Flügel. Aber als wenn sie sich
selbst vom gleichen Wunsch zum Klavier hingezogen gefühlt hätte, schien
sie mir dabei freudiger im Gang, von einer verhaltenen Freude umgeben.
Allein im Hause, hätte sie es vielleicht nicht gewagt, jetzt schon vor
dem Vater des Verstorbenen Lieder und Töne aufleben zu lassen.
Als die Trauernde sich zwischen die zwei hellen verschleierten Lampen
an den schwarzglänzenden Flügel setzte und ihre schwarz eingehüllten
schmalen Schultern sich von den schneeweißen Tüllvorhängen abhoben, die
senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, da war es mir noch
nicht gewiß, ob Leben aus dem Flügel erwachen würde. Ich mußte immer
noch denken, daß diese in tiefe Trauer gehüllte Mutter den Sohn immer
noch begrub. Der Flügel vor ihr wurde mir wie zum glänzend schwarzen
Sarg, an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen mußte, um zu
schluchzen, um zu weinen und zu begraben.
Ich wußte nicht, ob die Trauernde schon reif war, den Toten auferstehen
zu lassen, in jener Verklärung, in der ich als Fremder ihn bereits in
den Räumen eingetreten fühlte.
Es würde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschütterte
nach den ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die
Hände vergraben hätte.
Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. Mit einem
wunderbaren Mut, als überschritte sie selbst freudig die Schwelle vom
Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel die alten Wohllaute, die nur
ihr vertrauten einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die männlich junge
Lust und die männlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.
Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor
meinen Augen das Wunderbare: die reife schöne Frau sang sich an den
jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frühesten Jugend zurück.
Und ihr Frauengesicht wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen bar.
Mädchenhaft gläubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und
Einatmen der Musik. Die Vergrämte verklärte sich unter der Verklärung
des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich
großen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkörperung eines
Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten.
So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am
ungeheuren Meer am Rand der Welt.
Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Räumen dieser Frau
wiederbegegnen werde, sie wird für mich immer die vom Todesschmerz
mädchenhaft verklärte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben
und Tod, lebender in der Entrückung auflebt als im Irdischen.
Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen
Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach
Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen
vergleichen ließen. Es machte mich oft in ihrer Nähe unruhig, daß ich
keinen Maßstab für ihre Augen fand, und wenn ich aus der Ferne, bei
Gesprächen oder in Gedanken, das Bild Claudias vor mich hinstellte,
stotterte meine Vorstellung, möchte ich sagen, und brachte niemals
einen Vergleich zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.
Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht einfach schwarz nennen, denn
sie sind nicht schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind von einer
Dunkelheit, die ist über Schwarz hinaus, eine abgründigere Farbe,
vielleicht müßte man diese Augen Saturnschwarz nennen.
Einmal habe ich von Claudia, welche die Frau eines meiner Freunde ist,
und mit der mich nur rein freundschaftliche Beziehungen verbinden, ein
wenig ehebrecherisch geträumt.
Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht für
Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mußte am
Morgen ein kleines Gedicht darüber schreiben. Das Gedicht schilderte
ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war
vom Hals bis zum Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt,
und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene
unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in
jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich für diesen Blick,
sondern nur den ganz blöden romanhaften, daß Claudias Auge ähnlich
einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt.
Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in
einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen
Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich weiß nicht,
ob ich sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an dem sich behend
Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett
stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.
Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen
Vergleich. Aber jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr abzumühen,
mir die Augen Claudias zu erklären. Sie selbst hat es neulich getan.
Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen,
unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang
des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas verspätet aus
einer Kunstausstellung und dachte, daß alle Freunde schon gekommen
wären. Durch die großen Scheiben des Autos blickte ich unruhig der
Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei,
denn die Verspätung ärgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu
gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur
Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen
Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem
Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen
Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen.
Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, daß ich all dieses Schwarz,
in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Straße erschien,
zuerst gesehen hätte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem
mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias
Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich
aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als
dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich
weit aus dem Gesicht fortgerückt scheint. Nicht Leben, das einem
entgegenkommt. Man könnte sagen, daß man eine aufgezeichnete Landkarte
vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute,
wenn der Blick jener Frau einen traf.
Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren
Zoologischen Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde gegen den
mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias,
nur Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, Haltung und Bestimmung
zeigten, aber keine blätterrauschende Sommerfreude.
»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer den andern.
Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte
zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer
dazwischen:
»Aber zu den Eulen müssen wir auch gehen! Ihr wißt nicht, wie schön die
Eulen sind. Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. Ich sage euch,
es sind wunderschöne Vögel. Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten
fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.«
Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, ging sie in der Mitte
der kleinen Gesellschaft, von den Damen und Herren umgeben, und sie
blickte nur ab und zu nach links und rechts, und sie lächelte. Und ich
mußte an den Rattenfänger von Hameln denken, der an der Spitze einer
Kinderschar schreitet und diese mit seinen eindringlichen gleichmäßigen
Flötenlauten in einen finsteren Berg lockt, der sich bald hinter den
Ahnungslosen schließen wird.