Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren hören können, der aber weiter
zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein
Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer
tot dort, wo ein Flohohr noch Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin
ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Flöhin,
die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte
ein rotglühender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen
bewachte, saß ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen.
Das hatte die Flöhin, die Häcksels Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen.
Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn
hinaufgerückt, so zeigte er zwei Gesichter übereinander. Der Mann war
gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und
seine Tänzerin, die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte ihn
begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe
zum Pfandhaus getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie habe nur noch
einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den könne sie morgen noch
versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das Mädchen habe ihn betrogen,
weil sie bei einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen halte, das
sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr
zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern Tänzer suchen.
»Ich habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,« lachte
das Mädchen übermütig und sagte frech, sie werde sich nicht erst
morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht noch einen neuen Tänzer
suchen.
Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie von den Backsteinen aufflog
und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie
noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so daß Funken und
Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen.
Die Königin der Nacht öffnete rasch die Plankenzauntüre und wollte
nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als sie nahe bei
sich unter der nächsten Laterne den ohnmächtigen Häcksel liegen sah.
Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut
verständigt und verstanden.
»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« rief Zinnoberchen der andern
Flöhin, die sich »Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in der
Nacht mit dem Dickschädel zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie
man einen solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich habe nämlich
Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die
Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn schon in den Augendeckel
gebissen, aber er schlägt die Augen nicht auf.«
»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen
Ihr Mensch gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen
Sie herüber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«
»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, »ich würde den
Schwächling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl.
Aber erst muß er mich doch noch nach unserem Bergwerk zurücktragen.«
»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« wunderte sich die Stadtflöhin
laut. »Sie sind wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?«
»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, welche sich ärgerte, daß die
Rednerin kein Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen können.
Doch ihren Auftrag, Männer zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten.
Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich eben ganz nah über
Häcksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend
betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des
besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie nichts fand,
nahm sie die Stiefel, die neben Häcksel lagen, und warf den einen über
den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf.
»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß sofort den Stiefel wieder
holen,« begehrte heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen den
Stiefel zum Heimweg.«
»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.
»Er kommt schon,« antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom
Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste
Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer für einen zweiten Backstein
gehalten hatte, den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel Häcksel
auf die Stirn, so daß der Besinnungslose erwachte, als eben die
Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.
»O, o,« seufzte Häcksel und starrte auf die in schwarze Schleier
gehüllte Gestalt, an der unzählige stählerne aufgenähte
Paillettensterne im Laternenlicht bläulich glitzerten. »Wer bist du?«
fragte der Erwachte.
»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der Gasse. Ach, du betrachtest
meine Sterne am Gewand! Ja, ich stelle nämlich die Königin der Nacht
vor. So heißt man meine Maskentracht.«
Verdutzt und verblödet vor Schwäche und Staunen schüttelte Häcksel den
Kopf.
»Wenn ich nur was zu essen hätte,« murmelte er, »dann wär alles gut.«
»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit mir; ich bring dich schon wohin,
wo du bald satt wirst.«
Erschrocken fuhr Häcksel mit den Händen um seinen Leib und tastete
nach seinem Leibgurt, und er wurde kräftig, als er merkte, daß ihm die
Silbergulden nicht fehlten.
Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm die Königin der Nacht
geholfen, die Stiefel anzuziehen, wanderten beide nebeneinander weiter.
Aber vorher sah Häcksel noch etwas Schreckliches. Er erblickte durch
die offenstehende Plankentür im Erdgeschoß eines Hauses einen großen
fensterlosen Raum, dort stand ein glühender Ofen, und vor der offenen
roten Ofentüre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern im Feuer herum.
»Was tut der dort?« stotterte Häcksel erschrocken.
»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle Schwarzverschleierte, »das ist
mein Schatz gewesen, der war mit mir beim Tanzen heute. Aber ich laß
ihn laufen, weil der arme Teufel kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein
Schatz, wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!«
»Was zeigen?« fragte Häcksel.
»Geld zeigen,« schnauzte ihn die Königin der Nacht barsch an.
»Niemals,« gab der Verwirrte zurück. »Das ist mein Begräbnisgeld, das
verausgabe ich nicht fürs Tanzen. Das gäb ich auch nicht dem Teufel!«
»Was, du Aff, du blöder,« kreischte ihn das Frauenzimmer an. »Von mir
aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und da sie von fern
den Schritt eines Schutzmannes hörte, gab das Frauenzimmer dem Häcksel
eine sausende Ohrfeige und sprang in die Nacht davon.
Dieser Backenstreich hatte das Gute, daß er den Burschen wärmer machte,
als wenn er einen Kognak bekommen hätte. Und ganz wach geworden, begann
auch er zu laufen, so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der dunklen
Neubautenstraße der Nachthimmel heller leuchtete, und wo ihm Leben zu
sein schien, das ihn lockte.
»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem Vielliebchen noch nachgerufen,
als sie spürte, wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. Sie
hatte, während Häcksel sich mit Hilfe des Mädchens aufgerafft hatte,
allerhand Ratschläge von der Flöhin erhalten, besonders nachdem
sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck war. »Sie müssen Ihren
Kerl in ein Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtflöhin noch
zuletzt geraten. »Dort wimmelt es von allerhand Möglichkeiten,
Flohmännerbekanntschaften zu schließen.« Dann hatte sie ihrem
Menschenvieh ins Ohr geschrien: »Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was
auch geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall Vielliebchens, war
Häcksel stark und unternehmend ins Leben zurückgekehrt und fühlte
sein Blut besonders auf der linken Gesichtshälfte, wo der Schlag
hingefallen, angenehm warm kreisen.
Man ist doch in der Hauptstadt gleich mitten im Leben, dachte heiß
der Geohrfeigte. Die Königin der Nacht und der Teufel sind mir schon
begegnet. In unserem Bergwerk daheim werden die Flöhe staunen, wenn sie
davon hören.
Und er überzeugte sich, mit dem Zeigefinger hinter sein Ohr tastend,
daß er die Flöhin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, und war
zufrieden darüber.
Dann fand Häcksel endlich eine lebhaftere Straße, und da funkelte
Licht, und erleuchtete Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten
vorüber. Und in der nächsten Straße war so viel Licht, als wenn Häcksel
einen Schlag mit der Faust ins Auge bekommen hätte und Feuerfunken
tanzen sehen könnte. Menschen, Männer und Frauen, Arm in Arm, sich
wiegend und lachend und kreischend, kamen herangezogen. Manche hatten
weiße, andere rote, andere schwarze Gesichter, und einige hatten
besonders große Nasen vom Gesicht abstehen, aber alle grinsten
vergnügt. Häcksel hatte niemals ähnliche Menschen gesehen und wurde
scheu und ängstlich. Und wie er an ein besonders hellerleuchtetes
Haus kam, dachte er, das müsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein
leuchtendes Schild davor, das glänzte auf und verschwand, und der Wirt,
der das Gasthaus besaß, hieß »Kino«.
Der Mann stand in einem langen grünen Rock vor der hellerleuchteten
Türe, und viele goldene Knöpfe glänzten an ihm und goldene Tressen.
»Ach, Herr Wirt,« grüßte Häcksel den Türwächter des Kinotheaters, das
er für ein Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier trinken.«
»Natürlich,« nickte der, »Bier gibt es auch in den Zwischenpausen.«
Dann mußte Häcksel an einer Kasse einen Platz für das Biertrinken
bezahlen und kam in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht sparte.
Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln Saal war nur eine helle Wand, durch
die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.
Häcksel dachte: Die Leute sitzen hier wie in der Kirche, und die
Dunkelheit ist gruselig, vielleicht ist das das Jüngste Gericht. Denn
alle Anwesenden waren totenstill und alle sahen auf Schattenmenschen,
die auf einer Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl
vorüberliefen, lautlos und ohne Stimme, und dazu ertönte von
unsichtbaren Musikanten eine Musik. Aber Häcksel nahm sich vor,
lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, als sich dem totstillen
Jüngsten Gericht auszuliefern und einzugestehen, daß er einen Gurt voll
unrechtmäßig erworbener Silbergulden bei sich habe.
Er drehte sich rasch entschlossen auf dem Absatz um und lief wieder
auf die Straße hinaus.
Da kam ein erleuchteter langer Straßenbahnwagen gefahren, und Häcksel
sah, daß viele Leute dort in den Wagen einstiegen. Und allen Leuten
glitzerten bunte Kleider unter den Mänteln, und alle trugen bunte
Mützen, und die Frauen hatten Kapuzen überm Kopf, und alle kicherten
und lachten und kreischten, und sie waren so vergnügt, als ob sie in
den Himmel führen.
Und Häcksel drängte auch mit in den Wagen, und als das Gefährt sich
bewegte, begann er zu schwanken und fiel auf den Schoß eines Mannes,
der hatte einen pechschwarzen Backenbart um ein rosiges Gesicht
hängen. Und er hatte einen breiten Leibgurt und war in tiroler Tracht
gekleidet, und auf dem Gurt stand mit silbernen Fäden gestickt:
»Andreas Hofer«.
Daß das der Andreas Hofer selbst war, glaubte Häcksel nicht. Er müßte
höchstens dann von den Toten auferstanden sein. Aber es war vielleicht
ein Verwandter von Andreas Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der
Bergmann. Und wie er noch ganz verblüfft dem Andreas Hofer im Schoß
saß, schien ihm der Mann so anziehend, als wenn er gar kein Mann,
sondern eine Frau wäre. Und er blieb ruhig sitzen, wo er warm und weich
saß, weil gar kein Platz im Wagen war als auf dem Schoß von Andreas
Hofer.
Inzwischen flüsterte ihm dieser heimlich ins Ohr: »Ich heiße Ida
Fliegenhitzer. Willst mit? Dann bist gern eingeladen!«
Der Häcksel war zwar ein schwachbrüstiger, sonst aber ein ganz
schmucker Bursch. Wenn er nicht die Schwindsucht gehabt hätte, wäre er
eine Männerschönheit gewesen. Es fehlte ihm nichts als rote Backen und
ein Brustkasten.
Eine wunderschöne Stadt, diese Stadt München! Die Männer verwandeln
sich in Weiber, sogar wenn sie vorher Andreas Hofer geheißen haben und
einen schwarzen Backenbart besitzen.
Also ging Häcksel mit der Ida Fliegenhitzer in ein Bräu, nachdem sie
ihm vorher gezeigt hatte, daß ihr Bart nicht angewachsen war. In dem
Brauhaus war es noch erstaunlicher als auf der Straße.
Im Gedräng erschien dort plötzlich ein Mann mit goldener Krone auf dem
Kopf, das war der König, und er hatte auch einen roten Mantel und ein
goldenes Zepter. Der nahm augenblicklich dem Häcksel die Andreas Hofer
vor der Nase weg und hob sie auf seine Schulter und trug sie davon.
Der Häcksel staunte schon bald über gar nichts mehr, auch nicht, als
er sich ein Glas Bier bestellte und es ihm von einem vorübertanzenden
Neger mitgenommen und ausgetrunken wurde.
In der Straßenbahn war der Bergmann im Gedräng mitgefahren, ohne zu
bezahlen; im Kino hatte er das einzige Zehnmarkstück, das er bei
sich hatte, aus der Hand verloren oder hatte es dem Andreas Hofer in
den Schoß fallen lassen; er wußte es nicht mehr genau. Er wußte nur,
daß er plötzlich kein Geld hatte als die ungewechselten altmodischen
Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken wurde, bezahlte er es
nicht, sondern drückte sich heimlich auf die Straße zurück.
Dabei fühlte Häcksel plötzlich, daß ihm viel Leben in die Kleider
gekommen war. Denn die Bergwerkflöhin hatte überall im Gedräng
Flohgenossen gewittert und diese laut zu sich eingeladen, und die
Neuangekommenen untersuchten nun das Vieh, das die Flöhin ritt, um
sich zu entscheiden, ob diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie
einwilligen wollten, die Reise nach dem Bergwerk mitanzutreten.
Das Zinnoberchen lobte Häcksels Blut über alle Maßen. Es wäre besonders
süß, sagte sie, da der Bursch immer Fieber habe, und deshalb sei sein
Blut immer um einiges wärmer, als Menschenblut sonst ist.
Die Flöhe aber waren alle zimperliche verwöhnte Stadtherren und fanden
gar keinen Gefallen an Häcksel. Sie nahmen sich vor, einer nach dem
andern wieder im Gedränge abzuspringen und die Bergwerkflöhin mit ihrem
Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden sein Blut matt und
abgestanden. Trotz der Ohrfeige, die, wie die Flöhin ihnen versicherte,
das Vieh eben bekommen habe, fanden sie das Bergmannblut nicht süß,
sondern säuerlich. Ein älterer Flohherr gab der Bergwerkflöhin noch
rasch einen guten Rat, ehe er zum Absprung ansetzte. Sie müsse den
Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort wäre manchmal eine Zufuhr
von frischen Arbeiter- und Kroatenflöhen vorrätig. Diese könnten dem
Bergwerk gut zur Auffrischung der Lebenslust dienen.
Häcksel, dessen Magen leer und überhungert war, schwankte wieder in
das Brauhaus zurück, denn es war ihm zu seinem Hunger auch noch ein
großer Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte draußen unter einer
Laterne den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen sehen.
Eine lange weiße Gestalt mit einer Sense in der Knochenhand hatte
er gesehen, und unter einem weißen Laken grinste ihn ein Totenkopf
so schaurig an, wie nur die Totenköpfe der Verschütteten ausgesehen
hatten, die Häcksel im blinden Stollen ausgegraben, ehe er auf den
Geldgurt gestoßen war.
Rasch wendete sich Häcksel, am ganzen Leibe schlotternd, wieder in
das Brauhaus zurück und ließ sich vom Gedränge vorwärtsschieben, halb
erwürgt von Hunger, Durst, Schwäche und Angst.
Da stand ein hübsches Mädchengesicht vor ihm; das war von einem
Vergißmeinnichtkranz umrahmt, und kleine flachsblonde Locken kräuselten
sich ihr zierlich um Stirn und Nacken und verdeckten die Ohren. Vom
Kopf fiel ein bräutlicher Schleier, der war dem blonden Geschöpf unterm
Kinn zusammengebunden und hüllte auch den Körper zart und dicht ein.
Auch Silberspangen und Silbergürtel glänzten an ihr.
»Bist du mein Schutzengel?« stieß der geängstigte Häcksel hervor. Die
weiße Gestalt nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen Arm und
legte ihren weißbehandschuhten Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen,
daß sie schweigen müsse.
Der Bursche war froh, daß er nach dem Anblick des Totenkopfes jetzt von
dem vergißmeinnichtbekränzten Mädchen begleitet wurde. Er bestellte bei
der Kellnerin zwei Glas Bier und vieles Essen und entschloß sich, die
Zeche von seinem Begräbnisgeld zu bezahlen.
»Du bist ja so blaß,« wisperte der Schutzengel und schmiegte sich am
Biertisch, der dichtbesetzt war, auf Häcksels Schoß. Die Bekränzte
reichte ihm dann aus ihrem Handtäschchen einen Spiegel und einen roten
Stift. Während Häcksel in den Spiegel guckte, malte das Mädchen ihm
gesunde rote Backen und eine kräftige rote Nase in sein Gesicht.
Häcksel mußte lachen und sich wundern über das, was die Schutzengel
alles verstehen. Er, der kranke blasse Häcksel, sah nun wie das
glühende Leben aus. Mindestens so rot, als ob er zwei neue Ohrfeigen
links und rechts und einen Faustschlag auf die Nase bekommen hätte.
Während er eben erleichtert aufatmen wollte, fand er sich ums
Zwerchfell besonders leicht geworden, und er bemerkte, wie ihm sein
Schutzengel den schweren Geldgurt abgeknöpft hatte, indessen er in sein
gesundes rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der Schutzengel
wollte eben den Gurt in der Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen,
als Häcksel zugriff und den Gurt heftig an sich riß.
Dieses geschah im gleichen Augenblick, als die Kellnerin mit vielen
Tellern und Schüsseln, voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln
und Brot und mit Biergläsern beladen, sich über den Tisch beugte und
Essen und Trunk vor Häcksel niedersetzte. Die Bratendämpfe stiegen dem
schwachen Burschen wunderbar anregend in die Nase, und er vergaß den
Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier und Speisen, die vor ihm
hingerückt waren, ihn ganz mit Essensgier erfüllten.
Aber ein lautes Klingeln und Rollen von vielen Silberstücken unter
Tisch und Stühlen und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm alle
Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten ihn, und er fuhr auf.
Der helle Schutzengel, der sich noch nach einigen Silbergulden gebückt
hatte, verschwand rasch im Gedränge zwischen den nächsten Tischen.
Die Leute in nächster Nähe, die das viele Geldherumrollen hörten,
bückten sich alle zugleich und suchten nach dem Geld. Viele halfen die
Gulden aufheben. Man lachte und brachte die Gulden zurück, aber viele
Gulden blieben auch in den Händen der Suchenden und unter ihren Füßen,
die sich fest daraufstellten und nicht weiterrückten.
Häcksel bekam nicht die Hälfte der Gulden zurück, und der Gurt war viel
leichter als vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, als er dachte,
um wievieles weniger schön sein Begräbnis nun werden würde. Und Schuld
daran war sein diebischer Schutzengel.
Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller geleert und das Bier
war verschwunden, und nur ein Teller mit Brot war vor Häcksel stehen
geblieben. Er war eben dabei, ein Brot zu nehmen und den ersten
Bissen, den er an diesem Tag bekam, in den Mund zu stecken, als ihm
das Brot aus der Hand genommen wurde und der Schutzengel wieder mit
einem rothaarigen Menschen vor Häcksel stand und diesen für einen
Falschmünzer erklärte.
Die alten Gulden wären nachgemachte Gulden aus Zinn, erklärte der
Rothaarige und forderte von Häcksel, daß er ihm augenblicklich den
Ledergurt mit den Münzen ausliefere.
Häcksel sagte das, was er sich für alle Fälle vorher zurechtgelegt
hatte, er habe die Silbergulden geerbt.
»Es sind Zinnmünzen,« erklärte der Rothaarige und winkte einem
Schutzmann, der den Schutzengel und Häcksel beide zum Saal
hinausdrängte. Viel Volk begleitete sie, und draußen wurden beide in
die Droschke gepackt, aus der vorher der Tod ausgestiegen war.
Dem Häcksel schwirrte der Kopf. Der Schutzengel aber und der
Schutzmann, die mit ihm in der Droschke saßen, flüsterten miteinander.
Dann hielt der Wagen, und beide stiegen aus und hießen ihn warten.
Der Rothaarige, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, sagte,
nachdem er sich mit dem Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen
hatte, Häcksel müsse aussteigen und an einem Tor warten, bis sie
wiederkämen. Wenn er sich aber rühren würde, dann kämen die Bluthunde
hinter dem Zaun hervor und würden ihn zerreißen.
Häcksel, der kaum noch vor Hunger und Aufregung sehen und hören konnte,
setzte sich auf einen Prellstein am Tor nieder.
Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein seltsames Paar. Ein in ein Fell
eingenähter Mensch, der einen künstlichen Löwenkopf aufgestülpt hatte,
und ein kahlköpfiger Alter in grauem Kaftan, der eine Laterne in der
Hand trug, die fanden Häcksel tief eingeschlafen.
Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann
beleuchtete ihn, und dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden Seiten
neben Häcksel nieder und schliefen neben Häcksel ein. Die Laterne,
die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und
auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren
stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu
Häcksels Flöhin Zinnoberchen gehüpft waren. Die Flöhe berieten, was aus
ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der
Schutzmann und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld behalten hatten,
und sie wußten, daß diese Leute Spitzbuben gewesen waren.
»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. »Wir treffen alle
zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die
vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.«
Und ein Floh aus dem Löwenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und
tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu
wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte,
sprang er vergnügt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr
zurück. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein
Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich wohl sein bei den Flöhen der
Hühner.
Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der Löwe, der
Greis und Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie
besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf Fahrrädern mit Körben und
Säcken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen.
Einmal aber versah sich einer der Bäcker aus Erstaunen über die drei
Schläfer, so daß sein Rad an den Straßenrand stieß und sein Korb mit
Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden Häcksel an die Stirn
fiel.
Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender
frischer Brötchen war. Er griff mit beiden Händen zu, und er hatte
bereits zwei Wecken verschlungen, als der gestürzte Bäckerbursche
herbeigelaufen kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil er Häcksel
sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der Löwe
und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach
dem Brot. Als der Bäcker so sehr schrie, warf ihm der eine die
brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der Bäcker die
drei einträchtlich seine Brötchen verschlingen sah und sie genauer
betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er
war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und
erkannte plötzlich Häcksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen
hatte. Er war entschlüpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen
und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen
Vergißmeinnichtkranz, seine blonde Perrücke und sein Schleiergewand
abgelegt und war in seine Bäckerei, wo er Lehrling war, geeilt, weil
er die Wecken austragen mußte. Jetzt aber fürchtete er, von Häcksel
erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort.
In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der Löwe und der Greis
sich satt gegessen hatten, ließen sie Häcksel den Korb und sagten,
als er ihnen klagte, daß ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die
Bierbrezeln in den Wirtshäusern verkaufen, damit er Heimreisegeld
bekäme. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte
sich, und beide verschwanden am Ende der Straße im Morgennebel.
Häcksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Straßenpumpe,
wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, daß
er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken
hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch diesem Kutscher, daß man
ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon gehört.
Ein Kollege habe ihm heute morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein
Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann
einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide von
wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal geführt worden seien.
Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das hörte, und er schenkte dem
Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation zu
fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte.
Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es hörte, daß Häcksel
freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und guter Dinge
und vermißte ihren treulosen Floh aus dem Löwenfell nicht länger.