Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren

Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der

Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen

hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie

bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte

über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach

dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im

nächsten Leben versprach.

Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen

Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den

großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien

so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen

der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in

unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll

Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der

Bergbahn drohten.

Häcksel und die Bergwerkflöhe

Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht

gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann

im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und

Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war

ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter

jener Bergmänner.

Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann,

und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.

Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter

der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der

Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu

sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht

und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille

und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war,

immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht

allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel

verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben

auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt

haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine

liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war,

und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern

herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu

kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld

ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten

Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt.

Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den

Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb

beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also

wildsüß, gezeugt worden war.

Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur

Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund

im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein

die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als

eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust.

Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit

ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch

schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh

von Häcksel geliefert.

Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten

Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, -- nachdem aus den

Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk

bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander

gelebt und sich fortgezeugt hatten, -- zur Zeit, da Häcksel

fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war.

Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes

nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so

lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze

vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken

ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht

mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie

versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war.

Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und

auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich

Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit

er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft

hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr.

Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig

geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr

fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß,

und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die

so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete,

wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf

der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das

Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte,

wo sie gerade saß.

Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um

die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede

Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu

Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert

in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den

Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß

unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der

Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals

die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der

Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten

die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die

Feierabendstunde nahte.

»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er

Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja

ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden

fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.

Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine

Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem

Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge

vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen

Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er

dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil

anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder

zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen,

die ihm und der Welt zur Last fallen würden.

Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden,

um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der

Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts

erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner

Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein

Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte

Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er

in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des

Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch

als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem

Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.

Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen

hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem

blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den

Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit

umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die

mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.

Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem

Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das

Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein

zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze

voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.

Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte,

seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell

und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.

Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den

Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den

Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in

seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte,

nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und

das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte

sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld

ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden.

Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich

immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er

vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden

Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel.

Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und

gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes

und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte

sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu

begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel,

Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann

der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen

hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das

Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es

für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde,

das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte,

wohl gleich sein.

An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die

kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben

lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in

der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter

das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem

Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen.

Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger

verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall

gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß

er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer

blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still

im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise

springen.

»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluß gehört!

Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten?

Zinnoberchen will mit nach München.«

»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf

der Mütze kund.

In der Nacht noch band sich Häcksel die alte Geldtasche voll

Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine

Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, die, wenn man sie in Töne

umgesetzt hätte, Juchzer gewesen wären.

Der Bursch ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war

Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes

abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am nächsten Tag

wollte Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen.

Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei

Tage im Walde verirrt und verlaufen.

Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich

hinter Häcksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen

und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte Häcksel, daß alle

Gedanken, die er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen eingegeben

waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So

schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel

über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues

Vorfrühlingswetter herrschte.

»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,«

sagte Zinnoberchen zum linken Ohre Häcksels.

»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin,« meinte das rechte Ohr zum

linken Ohr, »weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.«

Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte an

diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.

Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher Gedanke durch das

rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so daß er heftig

und schmerzhaft husten mußte.

Die Flöhin sprang bei der Erschütterung aus dem Haar fort und rasch

hinter Häcksels Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, und

hing sich wieder fest an das Schläfenhaar und schaukelte weiter.

Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel kreuz und quer und rief:

»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans

Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Unglück gibt. Denn

man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn

sie schlagende Wetter vorauswittern.«

Dieses wußte Häcksel aus dem Munde seines seligen, außerehelichen

Vaters.

»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete aber darauf das linke Ohr,

das von Zinnoberchen beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit,

warum ich das Bergwerk heute verließ.«

»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es in Häcksel erstaunt.

»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels Kopf von links. »Daß ich

heute reise, geschieht aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich bin eine

Abgesandte. Ich muß Flohmänner ins Bergwerk herbeiholen, frische

kräftige gesunde starke Flohkerle.«

»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug

gewesen,« fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin.

»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so reizend ist, daß seinetwegen

andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muß schon eine Flöhin kommen,

wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.«

»Und da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach München

geschickt?«

»Ach was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von

mir und uns allen ausersehen worden, mich nach München zu bringen,«

behauptete die Abgesandte hinter Häcksels Ohr.

»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in

Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten

gehe ich nach München,« meinte Häcksel störrisch, als eben das

Morgenlicht aus den Waldbäumen grell auf seine Nase schien. »Licht und

Lärm kommen immer zusammen,« fügte er mürrisch und gereizt hinzu.

»Wenn ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was dann?«

»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu

erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben

ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges

Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir

lieber, nur noch an einem Fädchen hängt.«

»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel plötzlich aufgeräumt. »Ich

sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten

Gulden umwechseln will, um Geld zu einem schönen Begräbnis bereit zu

haben.«

»Den Glauben will ich dir gern lassen,« meinte die Flöhin zweideutig.

»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. »Werde ich am Ende doch nicht

bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begräbnis

verwenden dürfen?«

»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir

Flöhe eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als

Mensch in unserer Flohgewalt bist, mußt du gehorchen.«

»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich blaurot vor Eifer. »Ich bin in

niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der

Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage

herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte

mehr.«

»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen und ließ das schaukelnde

Schläfenhaar los, sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel in das

linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, groß wie der dickste Floh,

dem Burschen aus der Haut quoll.

Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh biß, teils um seiner

Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit

Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war.

Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und

frühstückte lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche unter den

kahlen Waldbäumen ging, manchmal von Husten geschüttelt und von Hunger

gekrümmt.

Als die Flöhin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal

»danke«, sondern kroch unter dem Mützenrand unten durch auf Häcksels

Kopf, wo die Luft zwischen Haar und Mützenfutter gemütlich warm war.

Dort machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren

Beißwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte

sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem

Verdauungsschläfchen aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an den

Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenuß. Sie murmelte

im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergnügen ein wenig

auf den Haarboden trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist

der Stärkere! Du, der mir doch zum Frühstück dienen muß!« Dann schlief

die altadlige Flöhin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein,

indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und

hungernd und hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes erreichte.

Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegrübelt,

wie er unauffällig mit dem nächsten Zug nach München kommen könnte.

Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm

eingefallen, daß immer ein langer Kohlengüterzug um diese Morgenstunde

nach München fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses

schien ihm gefährlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um

seine Silbergulden ungestört umwechseln zu können. Er beschloß, sich

unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach

München fahren zu lassen.

Der Kohlenzug kam immer langsam und gemächlich daher und hielt einen

Augenblick draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und

er dann ebenso gemächlich weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel

früher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich

unter den Wagen an den Ketten dort anhängen. Der Platz war schrecklich

unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der Güterzug würde erst in

der Nacht in München ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der

so dringend ein reiches Begräbnis erster Klasse haben wollte. Für die

Ehren, die seinen Leichnam später dann einmal erwarten würden, hätte er

gern noch Schlimmeres ertragen.

Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen

Rädern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte

und der furchtbare Eisenlärm, das Schütteln und Rasseln und Stampfen

des Wagens, unter dem er schweißtriefend angeklammert war, ihn zu

betäuben drohte, schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen köstlich,

und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an Häcksels Nacken entlang

und suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines Rückens oder seiner

Brust aus, biß herzhaft zu und sog das süße heiße Menschenblut in sich

ein.

So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. Der Mensch geplagt,

geängstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, gesättigt

und verliebt in Blut und Leben.

Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam in den Bahngeleisen von

München ein. Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende sich

unter dem Wagen los und schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen

über Schienen, über einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd

davon.

Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in nächster Nähe

standen einfache schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen

brannten einsame Laternen. Häcksel wollte einen Gasthof aufsuchen und

am nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln und dann mit

der Bahn gemächlich auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf einer

Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So würde dann

die Reise unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur als Waldverirrter

in die Kohlengrube zurückgekehrt und hätte ohne viel Worte seine Arbeit

im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack

versteckt und eingenäht worden wäre.

Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere Mächte mitbeteiligt, und

niemand führt einen Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken,

ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein

scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend

Mithandelnden verknüpft.

So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß nach der langen Fahrt unter

dem Kohlenwagen sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, sein Herz

schreckhaft und gedankenlos sein würde, wie es nicht am Morgen, da er

frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war.

Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag war. Der

Fastnachttrubel in der Großstadt München war ihm ganz unbekannt.

Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben

versunken, so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen.

Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wußte er von Faschingstagen,

nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder

erlebt hatte.

So ging er, in München angekommen, mit schwankenden müden Knien unter

den dunkeln Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken

und ihren vielen dunkeln Fenstern einschüchterten. Als seine Schritte

in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde

ihm schwindlig vor Hunger, Schwäche und Aufregung. Und ängstlich

gemacht, weil er glaubte, die stillen Häuserbewohner wecken zu können,

zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter.

Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren Häusern, die meistens

Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an

den unbewohnten frischweißen Häusern stumm und behutsam und lautlos

wie ein Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie ein ertappter Dieb

aussah.

Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war längst wach und aufmerksam

und witterte mit Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, die

tausend Flöhe der Stadt München, die jetzt in der Nacht alle auf

waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne

am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die Häuser hier unbewohnt

waren, witterte die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch aus den

nächsten bewohnten Stadtteilen, und Häcksels Beine gingen ihr viel zu

langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in großen Sprüngen über die

nächsten Dächer dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt.

Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte

und fiel, von Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos

neben der Laterne nieder.

Geschichten aus den vier Winden · 第 3 / 14 段