Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick

viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur,

daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete,

mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei

anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer

roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen

Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren

kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier

die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die

Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen

mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen

möchten, daß sie wieder heiraten wollen.

Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus

des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf

aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß

um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja

erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die

Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären

sie für eine Galaoper geschmückt.

Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das

Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum

Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.

Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an

der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet

war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und

verschwand durch die Hintertür des Badezimmers.

Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser

stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen

eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum

Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor

dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der

Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der

das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«

Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den

Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine

Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber

vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.

Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich

mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich

wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter

dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich

vorher gesehen hatte, war aber verschwunden.

Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine

Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden

war.

Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann

mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins

Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum,

fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den

Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.

Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.

Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als

ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.

Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der

Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr

abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon

mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen

und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese

starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche

Menschenleben dahingegangen sein.

Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von

geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.

Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe

zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede

tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen

Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster,

die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut

liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der

geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.

Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten

im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das

gelbe Tuch gewickelt hatte.

Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen,

hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht

gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette

in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so

schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern

geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie

meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich

das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir

und legte mich beruhigt zu Bett.

Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch

einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und

hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.

Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine

Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an

die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.

Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von

Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß

es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre,

die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter,

indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer

saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von

den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und

schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die

Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.

Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen.

Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige

Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe

einzustoßen.

In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und

befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an

den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen.

Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte

auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.

Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener

sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der

mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und

hereinsieht.

Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender

Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im

Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den

Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen,

solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch

das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch

hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom

zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein

Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke

zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren.

Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden

Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das

Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer

und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand

so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das

aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr

in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl,

dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten

erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank,

in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten

Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir

schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte.

Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen

Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch

wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen

öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch

Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor.

Die Hotelgäste wurden geweckt.

Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen

und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden,

verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen,

um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu

reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen

Riesen des Himalaja erwarten wollte.

Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im

halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und

sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.

Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über

die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing,

und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald

ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes

schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf

ähnlich gewesen.

Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander

schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und

Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken,

an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die

Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern

der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang

zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur

wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom

Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab.

Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese

Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther

erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen

geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben,

als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in

den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend

und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und

Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese

Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch

es vorher getan hatte.

Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich

rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte,

denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem

Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und

mich in die Abgründe ziehen.

Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der

blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des

Tigerhills.

Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer

Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr

als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen.

Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen,

umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit

mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.

Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der

Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus

Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und

zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er

die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.

Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer

Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er

die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte

ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort

»Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in

seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt

aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes

und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane

überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen

zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten.

Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine,

hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und

an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler

hatte mir erzählt:

»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem

tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines

treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde

täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig

aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf

dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den

Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier,

die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu

verarbeiten.« --

Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem

Tempel erhalten.

Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich

aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die

Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?

»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern

lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer

Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im

Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten.

Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige

Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken,

Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des

Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar

höher als der Mond im Himmel lagen.

»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.

Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote

glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und

größer und röter wurde, -- die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab

sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.

Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des

Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine

Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest?

Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die

Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau

gestern abkauftest?

Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich

dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder

in meiner Westentasche.

Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche

geschoben.

Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es

wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet

hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme

wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der

aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in

dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in

großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und

dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.

Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase

gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft

betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.

Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den

Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette

gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts

verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib

ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle

Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder

zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser

eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen,

um das Amulett zu erhalten?

Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann

wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene

Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die

Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt,

daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man

dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es

ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe

in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken,

durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene

Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben

war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«

Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den

Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die

Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich

hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene

Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben

an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner

Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett

bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.

Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln

verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht

glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.

Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause

im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.

Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem

Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo

die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen

Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick

eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen,

die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte

Millionäre und Milliardäre hingestellt hat.

Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte

dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen

und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen.

Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus

fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.

Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich

ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen.

Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich

aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau,

wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der

ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List

das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.

Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im

Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine

europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß

ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses

einzuweihen.

Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend

wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens

bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta

eintreffen sollte.

Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die

Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg

aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe

schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches

Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle

Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger

und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die

Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten

ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was

ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und

blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und

mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände

abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße

hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche

das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich.

Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett

zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er

mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten

Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen

Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz

aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge

gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch

kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz

erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein

Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er

doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen,

denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal

im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren

Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.

»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für

irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit

einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um

Opfergeld zu erlangen.«

Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen,

so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen

Amulettverlust zuteil.

Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte

»ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut

bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als

den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß

dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will,

trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett

an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe

aber dieses Amulett verliert, -- denn ein Amulett wird eine Frau nie

verkaufen, -- hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird

ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden.

Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren

gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das

kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. --

Geschichten aus den vier Winden · 第 2 / 14 段