Riesenstämme, größtentheils sechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade
emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten
Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehört, und
eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch
das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes,
oder das heisere Krächzen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ sich
auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen
zwischen den zahlreichen Bächen und dem überschwemmten Boden der
Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und
Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt
ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert
wie auf einer geebneten Landstraße darauf fort, denn der Schnee hinderte
mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln
trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, sah mich jedoch
nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geschossen haben,
selbst wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr
zusammen halten mußte. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht
wieder ersetzen kann, geht man gewiß haushälterisch damit um; ich
verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirschwildpret und zog an ein
paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei diese ebenfalls sehr wenig
Notiz von mir zu nehmen schienen.
Nach einigen Stunden vorsichtigen Pürschens jedoch, wobei ich immer noch
nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen,
der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu
eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz,
wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten.
Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büsche ringsumher
abgenagt und die Fährten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst
der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären.
Das war Alles, was ich wollte -- Büffel -- und welche Fährten fand ich?
ein alter Bull besonders mußte ein unmenschlich starker Bursche sein.
Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit
konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim Äsen zu erwischen, und
schnell, aber so geräuschlos als möglich, folgte ich den breit
ausgetretenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder,
westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz,
den »=Cash=-« Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte
sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt
und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile.
Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklären, fand aber
bald die Auflösung in einer Masse Wolfsfährten, die wahrscheinlich die
Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut
hatten, obgleich sich der Büffel sonst nicht besonders vor dem Wolf
fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beschwerlicherer Marsch an,
denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir
selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weise war
ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher
erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Bärenjäger
hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrüche, in die sich
besonders der Bär augenblicklich flüchtet und nur zu oft dadurch
gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich
unmöglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist
hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark,
und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, steht auch in dem fruchtbaren
und sumpfigen Thalland so dicht, daß man sich kaum dazwischen
hindurchdrängen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber
nur zu häufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem
festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmöglich gemacht, wenn
der Jäger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser,
Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestürzten Baum
(und die umgestürzten Bäume liegen nicht etwa selten darin), so ist an
ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume,
Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man
sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen.
Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich
ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu
einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas
besser, die Büffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und
mit dem Messer nachhelfend folgte ich erträglich rasch. Der Tag war
aber auch jetzt sehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung
überraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende
nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur
in der Nacht hätte folgen wollen, so wäre dies schon wegen des dicken
Rohres nicht möglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend,
die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in
Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem
Kopfe stoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des
Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen
Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet.
Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mitten im Schilf, so daß ich
gegen den kalten Nordwind ziemlich geschützt war; der Platz hatte aber
das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewähren, nicht
zwei Schritte weit konnte ich sehen und fühlte mich durch die Nähe des
Dickichts, von dem ich förmlich umschlossen lag, beengt; die Sache ließ
sich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fühlte ich
mich zu ermüdet, Wirthshäuser waren auch nicht in der Nähe, also machte
ich gute Miene zum bösen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer
als um das Dickicht.
Weil ich doch noch nicht recht schläfrig war, holte ich, nachdem ich
mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compaß vor, und denselben
gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite stellend, vertrieb ich
mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die
Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von diesem Punkt
aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder
in die Wüste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Diesem
Gedanken gesellten sich andere zu -- was sie jetzt wohl zu Hause
machten, ob sie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge
-- so daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte.
-- Da krachte ein kleiner Zweig -- dicht neben mir; -- zwar war der Laut
gedämpft -- der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es
aber deutlich gehört und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen
Raum, in dem ich lag, übersehen zu können; auch war ich in der Richtung
noch ungewiß, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide
gezogen.
Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens
hören -- da krachte es wieder, ganz nahe; -- was es auch immer sein
mochte, es konnte sich keine zwölf Fuß von mir befinden; deutlich
vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap
-- trap -- trap -- trap -- mich langsam umschlich. O wie ich mir damals
einen Hund wünschte.
Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hörte ich es wieder in
der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren
aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete
ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen,
aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnüffeln zu sehen. In
dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchse
aufgezogen, aber auch diesmal starb das Geräusch hinweg und das frühere,
lautlose Schweigen herrschte.
Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren
vermuthen, daß mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu
aufgeregt, um gleich einschlafen zu können und blieb noch lange wachend
liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete,
der ein gar eigenthümliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer
Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen
umgeben, seiner Äste und Zweige beraubt, wie eine riesenmäßige
Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite
Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre
grünen Blätter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn
dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr
zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule steht wie ein Denkmal
vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die
jetzt nur sein Grab umschließt. -- Ich schlief bald darauf ein und der
Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder.
Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Besuch
gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei
Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr
befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager
selten gern naht; -- später übrigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil
erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche
Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den
schweißigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch
damit aufgebrochen.
Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten
Fährten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der
Bahn lockte, eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch spähte,
immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken,
hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Ast, oder ein
aufgescheuchter Hirsch ihre Nähe hoffen, stets sah ich mich aber
getäuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder
blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als
am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die
Büffel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern
würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der
Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein
solch unglückseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte sich der
Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen »beizulegen.«
Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgestürzten Stamm
gegen den kalten Luftzug geschützt, bei einem herrlichen Feuer, an dem
ein ansehnliches Stück Hirschwildpret schmorte, hätte ich mich sehr wohl
fühlen können, aber -- aber -- die aufsteigenden Wolken machten mich
besorgt, dazu wurde es merklich wärmer, und mir bangte vor Thauwetter.
Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit fast
nur auf Eis marschirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn
diese Schneemasse jetzt flüssig werden sollte. Doch was konnte ich thun?
ich mußte es abwarten, hüllte mich also in meine Decke und schlief bald
ein. Die Sonne mochte aber schon lange aufgegangen sein, als ich endlich
erwachte und zu meinem Entsetzen das, was für mich das Schrecklichste
war, bestätigt fand -- es regnete und die Luft war mild und warm wie im
Mai -- o wie ich mich jetzt nach einem tüchtigen Nord-Ostwind sehnte.
Mit welchen Gefühlen ich übrigens meine nasse Decke zusammenrollte und
mich marschfertig machte, läßt sich denken; dabei kamen mir bedeutend
starke Gedanken an Umkehren und Büffel Büffel sein lassen; die Fährten
sahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, sie einholen
zu können, ja sogar die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, daß sie bei
solchem Wetter nicht weiter ziehen, sondern ruhig äsen würden; fest
entschlossen also, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger
nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fährten und trotzte dem Himmel,
der mir eine Wolke voll Wassers nach der andern auf den Pelz goß. Die
Büffel schienen auch ganz in der Nähe zu sein; in den Fährten stand das
schlammige Wasser, das ihre Tritte aufgerührt hatten, Losung sogar,
die ich fand, war noch warm -- ich mußte sie finden; -- da kam es mir
plötzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleußen dort
oben herausgezogen habe -- es regnete nicht mehr, es wasserfallte und
der Erdboden glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und
Citronen.
Es ist jedoch ein eigenes Ding um das Menschenherz; vor kleinen
Beschwerden und Gefahren bebt es zurück, stürmt aber alles wild und toll
darauf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verstockt
und störrisch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und stürmt
blindlings gegen Jedes an, was sich ihm in den Weg stellt.
Etwas besser macht ich's doch, die Bäume umging ich, aber so erbittert
hatte mich dieser, für mich wahrhaft fürchterliche Witterungswechsel
gemacht, daß ich das Äußerste zu wagen beschloß. Der ganze Wald stand
unter Wasser, d. h. unter geschmolzenem Schnee, und ich mußte jetzt
schon auf das höhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachsene Land, da
sich erstlich die Büffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen
auf dem Eis fast zur Unmöglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee
geschmolzen, wenigstens weich geworden war und beim zweiten oder dritten
Schritte stets einbrach. Noch konnte ich die Fährten erkennen und
folgte, oft bis an den Gürtel im Wasser, dem Wild -- ich war gegen Alles
gleichgültig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch -- Büffel --
ich wollte Büffel sehen -- ich wollte einen schießen und wäre dann mit
dem größtmöglichen Vergnügen gestorben, um nur nicht wieder den ganzen
Weg, den ich gekommen war, zurück machen zu müssen.
Da wurde der Wald plötzlich licht und nach wenigen hundert Schritten
dehnte sich eine weite, öde Fläche vor mir aus -- es war ein See --
wenigstens jetzt, er konnte aber nicht gefroren gewesen sein, denn es
lag nur eine dünne Decke geschmolzenen Schnees auf der Oberfläche, und
hier -- hier waren die Büffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen,
dunkeln Streifen, die sich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen;
vergebens aber spähte ich nach den Thieren selbst -- eine räthselhafte
Wanderlust trieb sie vorwärts und ich unglückseliges Menschenkind hatte
gerade diesen Zeitpunkt wählen müssen, um Jagd auf sie zu machen; doch
das Überlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck
band ich alle meine Habseligkeiten in die Decke zusammen, nahm diese auf
die Schulter und -- folgte den Fährten.
Noch jetzt, wenn ich an diese Jagd zurückdenke, kann ich nicht anders
glauben, als daß ich damals einen gelinden Anfall von Wahnsinn haben
mußte, denn wenn ich die Büffel wirklich überholte, so konnte
ich höchstens ein paar Pfund Fleisch und vielleicht ein Horn, als
Siegestrophäe, mitnehmen; ich fühlte aber jetzt nur den einen Trieb in
mir, hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich sehr bald bis unter
die Arme im Schneewasser, mitten im See. Als mir das Wasser über die
Brust stieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glücklicherweise
fest, nicht schlammig, wie ich im Anfang gefürchtet hatte, und ich
erreichte das andere Ufer, -- oder, besser gesagt, das höhere Land, denn
von Ufer war keine Rede, -- ohne unterwegs erstarrt zu sein. Hier fand
ich das Wasser doch wenigstens nur knietief und athmete etwas freier.
Zu meiner großen Verwunderung schien es aber Abend zu werden, und kaum
konnte es, wie ich wenigstens glaubte, Mittagszeit sein. Sollten wir
eine Sonnenfinsterniß haben? dacht' ich einmal -- das war möglich, aber
immer dunkler wurde es, immer stiller im Wald -- in der Ferne ließ sich
ein einzelner Wolf hören -- es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach
schon wieder herein, und noch ist es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit
an jenem Tage verschwunden sein konnte.
Der Regen, der am Nachmittag etwas nachgelassen hatte, fing wieder von
frischem an zu gießen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen
Gefühlen, nach einem Platz zum Lager umsah, regnete es, wie man sagt,
Bindfaden; trotzdem gab ich die Fährten nicht auf -- an Feuermachen war
jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockensten Platz, den ich finden
konnte, stand das Wasser anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird
eingestehen müssen, daß das immer noch _feucht_ war; ich kauerte mich
daher unter einem halbumgestürzten, schräg liegenden Baumstamm, der
wenigstens die fürchterlichsten Regengüsse von mir abhielt, nieder,
obgleich ich auch schon bessere Dächer, als er war, gesehen habe, und
versuchte zu schlafen. -- Zu schlafen? ja, wenn ich das einen Versuch
nennen will, daß ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches
Schlafen war aber natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu denken;
zwar trug ich noch ein Stück gebratenes Hirschwildpret bei mir, fühlte
aber nicht den mindesten Appetit, es zu verzehren, und erwartete sehnend
und vor Frost schüttelnd den anbrechenden Morgen.
Mitternacht mochte es sein, als ich, seit der Dämmerung, die ersten
Wölfe wieder hörte -- sie schienen ganz in der Nähe zu sein und heulten
jämmerlich; die armen Bestien mochten wohl auch nasse Füße haben; so
gleichgültig war ich aber gegen ihre Nachbarschaft, so abgestumpft gegen
jede, nur erdenkliche Gefahr geworden, daß ich es nicht einmal der Mühe
werth hielt, das Messer aus der Scheide zu ziehen, sondern ruhig sitzen
blieb und abwartete, was sie thun würden, denn schon der Gedanke, mich
zu bewegen, war mir gräßlich. Es mochten sechs oder sieben Wölfe sein --
so viel verschiedene Solosänger konnte ich wenigstens unterscheiden und
ich erinnere mich sogar noch recht deutlich, daß ich einmal _gelacht_
habe, als ein junger Wolf, mit einer besonders dünnen Stimme, so gar
klägliche Töne ausstieß. Immer näher kamen sie, aber, und da es nicht
anders möglich sein konnte, als daß sie mich wittern mußten, denn der
Wolf wittert, wie bekannt, ungemein scharf, so begreife ich eigentlich
jetzt noch nicht, was sie, wenn es nicht ihre grenzenlose Feigheit war,
abhielt, über mich herzufallen, da ich ihre dunklen Gestalten deutlich
erkennen konnte, wie sie im Wasser hin und her wateten.
Weil mir ihre Nähe aber doch jetzt fast etwas zu freundschaftlich wurde,
beschloß ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Büchse
an den Backen, zielte auf den größten Körper und drückte ab. -- Ja ich
hatte gut drücken -- es war Alles naß geworden; da blieb mir denn weiter
nichts übrig, ich lehnte die Büchse neben mich, und schloß die Augen;
die ganze Sache um mich her kam mir so ekelhaft und fatal vor, daß ich
sie gar nicht mehr sehen mochte.
Endlich brach der so heiß ersehnte Morgen an -- aber wie -- grau und
feucht; der Regen hatte freilich nachgelassen, doch schien das Wetter
noch viel wärmer geworden zu sein -- der Schnee war jetzt vollkommen
geschmolzen und der ganze Wald eine flüssige Masse, in der jede Fußspur
zusammenlief -- Büffelfährten existirten nur noch in der Erinnerung. Da
stand ich nun, mit meiner Büffeljagd -- Gott weiß, wie viele Meilen von
irgend einer menschlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem sich
ein Frosch hätte erkälten müssen, mit einem Stückchen kalten, gebratenen
Hirschfleisch und einer Büchse, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte
jedoch vor allen Dingen das erstere, wobei ich Pulver statt Salz
gebrauchen mußte, und stand dann auf, um meine Marschroute für diesen
Tag zu beschließen.
Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, ist mir jetzt noch ein
Räthsel; naß zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewasser, gekrümmt
unter einem Baumstamm gesessen, von Wölfen umheult, fühlte ich mich
jetzt so wohl und kräftig, als ob ich in einem warmen Bette geschlafen
hätte, nur waren mir die Kniegelenke etwas steif.
Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein so eifriger Jäger gewesen
bin, als sich selten findet, so hatte meine Jagdlust durch die letzten
Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Stoß erhalten, ich sehnte mich
nach Menschen -- nach Brod, nach Bergen -- denn ohne Berge konnte ich
mir gar keine Erlösung aus dieser Wasserwüste denken: schnell faßte ich
daher meinen Entschluß. -- Ich hatte mein Möglichstes gethan, hatte
bis auf den letzten Augenblick ausgeharrt, und brauchte mir nichts
vorzuwerfen; den Büffeln sagte ich also, mit einem halb traurigen,
halb ärgerlichen Blick nach Südwesten Lebewohl, und schlug die gerade
Richtung nach Nordost ein, um an den S. Francis-Fluß, an die breite
Fahrstraße, zu kommen und von dort den Mississippi zu erreichen, auf dem
ich in den Ohio und auf diesem nach Cincinnati zurückkehren wollte.
Meiner Lust nach dem Urwald war für eine Zeit lang genügt, und ich
kann mit gutem Gewissen fragen, _wer_ hätte den Wald, unter solchen
Umständen, nicht satt bekommen? Das »Sattbekommen« allein half mir aber
noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfüllte mich mit Grausen
und Schauder. -- Tagelang mußte ich noch in dem kalten Wasser fortwaten
und eine einzige Nacht Frost konnte meinen Untergang herbeiführen, denn
wenn sich jetzt auf dem Wasser eine dünne, scharfe Eisrinde sammelte, so
wär' ich verloren gewesen; glücklicher Weise blieb es aber warm und ich
trat meinen Marsch, wenn auch nicht mit Singen und Jubeln, aber doch
mit dem festen Entschluß an, Alles, auch das Schlimmste, ohne Murren, zu
ertragen.
Unmöglich wäre es jedoch, den Weg zu beschreiben, den ich zu
durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und
hielt auf dem ersten, um meine Büchse wieder in Stand zu setzen. Dann
aber durch Sumpf und Moor, durch Fluß und seegleiche Wasserstrecken
meine Bahn verfolgend, oft bis unter die Arme im Eiswasser (einige
Male mußte ich sogar schwimmen) erreichte ich gegen Abend einen hohen
indianischen Grabhügel und erquickte mich in dieser Nacht wieder bei
einem lodernden Feuer und einem am Spieß steckenden Truthahn, den
ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter
geschossen hatte.
Am nächsten Tage blieb mein Marsch nun zwar derselbe -- dieselbe öde
Wasserwüste, derselbe kalte, nasse Wald, mit seinen ungeheueren Bäumen;
doch interessirte mich an diesen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich
meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an den geraden
Stämmen, ist das Moos an der Nordseite (ein klein wenig mehr westlich
als östlich) am stärksten, und man kann ziemlich sicher darnach gehen;
ich wenigstens habe meinen Weg stets sehr gut mit der Beobachtung
desselben gefunden. Wer beschreibt aber meine freudige Überraschung, als
ich gegen Mittag Spuren eines menschlichen Wesens fand und bald darauf
einen Schuß hörte; ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie ich eilte,
um mich diesem anzuschließen; nach nicht gar langem Marsch holte ich den
Jäger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirsch aufgehangen hatte; er
war aber ebenfalls nicht wenig erstaunt, _mich_ und zwar an solchem
Ort und in solchem Aufzuge zu sehen. Wäre er nur ein Bischen mit
europäischer Civilisation bekannt gewesen, so würde er mich unbezweifelt
für einen Weinreisenden gehalten haben, so konnte ich ihm nur
versichern, daß ich ein »Pech-Reisender« sei und mich in den Sümpfen
hier zu meinem Vergnügen aufhalte; mein Aussehen mußte das auch
bestätigen.
Ich hatte jedoch nun den schlimmsten Weg überstanden und erreichte
einige Tage darauf die Ansiedelungen; es bedurfte aber langer Monate,
ehe ich diese Jagd vergessen, wenigstens verschmerzen konnte; doch
durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur _eine_ der
_vielen_ Schattenseiten kennen, die eine jede Sache haben muß, um nicht
durch Einförmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher
Zeit, daß der _Urwald_ trotz all dem Zauber, der schon allein in dem
Worte liegt, recht sehr prosaisch, ja sogar recht sehr langweilig sein
konnte. Sind daher die deutschen Jagden auch weniger gefahrvoll, also
auch weniger interessant, als die amerikanischen, so ist der Jäger hier
doch auch nicht solchen erschrecklichen Lagen ausgesetzt, als es nur zu
oft dort der Fall ist, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im
Walde Lebende schießen _muß_, wenn er nicht verhungern will, hört sie
auf Vergnügen zu sein.
Drum, -- haben wir auch hier in Deutschland keine Bären- und
Pantherjagden, so sind die Hasentreiben doch äußerst gemüthlich; und
liefern fette Bärrippen und Honig ein sehr leckeres Mahl, so schmeckt
ein gespickter Rehziemer auch nicht so übel.
Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas.
Eine reine, klare Julisonne sandte ihre glühenden Strahlen auf die
Sümpfe herab, welche die Bayou Meter am nördlichen Ufer des Arkansas
umgeben. Selbst die Frösche schwiegen, wie erdrückt von der schweren
Atmosphäre, und nur dann und wann unterbrach ein einzelner Ruf
derselben, oder das Zwitschern eines kleinen Waldvogels, die Stille, die
grabesähnlich auf der Wildniß lagerte.