Ich war übrigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in

New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung

brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fünfe von ihnen, die sich

später alle zufällig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt

hatten, in verschiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht

unbeträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und

in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder

Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein

zufälliger Zeuge) zwanzig Stockschläge zuerkannt, denen er sich auch im

Gefühle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem

er vorzüglich gesündigt, seinen größern Verlust auch durch stärkere

Schläge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen

gedachte, lehnte sich dieser höchst unvorhergesehenermaßen gegen die

Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit so schlauem Griff, daß dieser

erschreckt aufschrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen

Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab,

und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten

entlassen.

Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen sich die Deutschen

nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von

Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschäft sind sie nicht

gewandt, zum zweiten nicht unverschämt genug. Diesen Handel haben also

die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzüglich die Yankees,

d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire,

Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren »Clock

pedlar« oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt sind.

Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhältnisse thun lassen und

ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehören, nur kurz

erwähnen.

Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst

aber gewöhnlich höchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der

Uhrenhändler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten

in die westlichen und süd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel

ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder

zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit

gedacht haben, je eine Summe, die für sie ein Capital ist, an die

Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden

sich plötzlich als Eigenthümer eines solchen Werkes, von dem es ihnen

fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und

so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz

desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem

groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch-

und Waschbärenfällen so ruhig und gemüthlich mit seinem stillen,

selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz

besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichst kurzer Zeit

hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig

lächelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf

der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außergewöhnlich

große Rose, in der andern einen chinesischen Fächer hält, dem wirklich

verblüfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl

zu erkennen zu geben.

Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfältig bis hoch hinauf

an die Schläfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und

grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas

schiefgezogenen Gesichtszügen, wovon jedoch größtentheils ein in der

linken Backe ruhendes entsetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt,

versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, daß er ihn erst

binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen

solle, läßt sich jedoch »um Lebens oder Sterbens willen« einen kleinen

Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nächsten Morgen in sein

kleines, grün lackirtes Wägelchen, nickt noch einmal einen freundlichen

Gruß herüber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten

Wald führenden Straße. Er hält Wort -- er selbst kommt weder in

Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei

Monaten erscheint sein »Partner« oder Compagnon, präsentirt den Wechsel

und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Frist weiß er nichts,

sein College »hat ihm nichts davon gesagt,« der Wechsel lautet auf

augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar ist, dem

Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und schafft

seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht

heimlich lachend von dannen.

Die Hinterwäldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschäft sowohl

wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Yankees aber ist es

ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren;

sie erkennen seine geistige Überlegenheit an und geben sich rettungslos

verloren. Kehrt der Händler in seine eigene Heimath zurück, so hat

er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das

vortheilhafte Vertauschen desselben gehörte mit zu seinem Geschäft.

Nur ein Beispiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der

pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen

wurde und sehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkansas, und Jackson,

ein Ansiedler, der erst kürzlich von Tenessee herübergekommen, sein

letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd,

da ihm das alte krank geworden und gestürzt war, ausgegeben hatte, saß

Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck,

Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars

vor seiner Thür hielt.

Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem

Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser ließ sich auch nicht lange bitten,

besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren

unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben

hinzuarbeiten; Jackson war aber »=an old hand=,« wie sie in Amerika

sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn

schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar

ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie

wirklich kaufen wolle, könne er sie nicht bezahlen. Dies war übrigens

eine zu alltägliche Ausflucht, als daß sich der Yankee dadurch hätte

sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen

des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschäft, und nicht eher

ruhte er, bis sämmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich

hin lächelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte

es sich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der

herrlichen Kunstwerke, sondern nur _welches_ er kaufen solle. Vergebens

erwähnte der Arkansaner, daß er arm sei und keine Uhr kaufen könne, der

Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen

auf und sagte:

»Gut -- ich nehme eine -- Ihr bekommt aber kein Geld.«

»Im ersten Jahr nicht,« lächelte der Krämer, »habt die Uhr nur einmal

ein Jahr, Ihr laßt sie nicht wieder fort.«

»So will ich diese wählen -- was ist der Preis?«

»Achtundvierzig Dollar.« (Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf

mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.)

Jacksons Frau sah ängstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber

lächelnd zu, ruhig zu sein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell

ausgestreckt, geschehen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über dem

Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehaltenen Bret befestigte und

aufzog.

»Ihr bekommt aber kein Geld dafür,« sagte er dem Yankee.

»Ich weiß es wohl,« erwiederte dieser, »aber doch Euern Wechsel, Ihr

wißt wohl, das ist so Sitte.«

»Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben,« sagte der Farmer,

und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier.

Der Pedlar zog am nächsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur

mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgefüllten Wechsel erscheinen

konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nächsten

Stadt gebracht und dort verkauft.

Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte

zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch

hierüber nichts, sondern präsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer

bedeutete ihn aber sehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig

gesagt habe, er bekäme nie sein Geld und das wäre in der That wahr, denn

er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48

Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müssen,

um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur möge ihn jetzt, wenn

er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen.

Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein

Wort zu halten, so ging er zum nächsten Friedensrichter und klagte; der

gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas -- er hatte gut klagen,

das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der

Farmer war -- nicht zahlungsfähig.

Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine

Büchse, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkansas

kann einem Farmer weder die Büchse noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe

noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen

werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen muß,

ehe das Gesetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm

der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besaß,

denn er hatte nur _ein_ Pferd und kaum die Hälfte des ihm verstatteten

Hausgeräthes, so war natürlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu

denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit

einleuchtete, versuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war

zu spät, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf

angeboten worden.

Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die

Yankees fast gänzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter

Yankee, der seine Söhne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen --

die wichtigste Schule im menschlichen Leben -- sammeln, und einmal

von den Zwiebelbeeten erlöst werden, an die sie bis zu ihrem

einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei,

ob sie Clockpedlar oder -- _Doctor_ werden wollen, und wählen sie

das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und

Ermahnungen, als bei dem ersten Geschäft, um den jungen Mediciner mit

der Wirkung seiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleisen bei

sich führt, bekannt zu machen.

Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die

Hauptcur, und macht, nebst irgend einer großnamigen Patentmedicin, den

Mittelpunkt, um den sich alles übrige dreht; sonst gebraucht er noch

etwas Opium (aufgelöst), Ricinusöl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha,

Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer

ausgebreiteten Praxis bedarf.

Schon fünf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden

Menschen begegnet, erhält er den Namen »Doctor,« und die können von

Glück sagen, die noch mit Salz oder andern unschädlichen Medicinen

abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da müssen die

Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie

das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen

gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen

gelinden Krämpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind

sie aber ohnedies kränklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen,

und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem so

scheußlichen Götzen »Quacksalberei« geopfert werden.

Manchmal betreiben auch diese wandernden Krämer oder »Doctoren,« wie sie

sich am liebsten genannt hören, ihr Geschäft humoristisch, im Fall sie

entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen

oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen;

so durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nördlichen oder

nordwestlichen Staaten mit solchem Glück, daß sie in wenigen Monaten

eine bedeutende Summe Geldes erübrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr

ihre List, war die folgende gewesen.

Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen

amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde

getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute,

und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab,

schüttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand,

ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkürbis,

der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann

noch eine Weile mit den Leuten, sprach über dies und jenes, schüttelte

ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte

nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verschweigen

des ihm Anvertrauten bat, daß er -- an einer sehr bösartigen

Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser

abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der

seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser plötzlich den Sinn

der Worte begriff und schnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf

schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten

abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht,

schwang sich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurückgrüßend, langsam

der nächsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen.

Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück -- was mußten

hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte

allen und höchst warm und freundschaftlich die Hand gedrückt, hatte

aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast

unvermeidlich, daß sie angesteckt werden mußten. Da nähert sich auf

hohem, starkknochigem Roß ein Fremder, hält und steigt ab; die Familie

ist noch so bestürzt, daß sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne

weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trägt,

geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedürfe.

Medicin? das war ein Wink des Himmels -- der Mann kam wie von Gott

gesandt, und welch ein Glück, daß er auch eine solche gerade für diese

Art Hautkrankheiten nützliche Salbe bei sich führte. Es ist seiner

Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die _eine_

Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht

wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder

bösartig. Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel sehr hoch, aber

was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der

schlaue Krämer hat aber in der That seinen Mantelsack _nur_ mit dieser

Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere

beigefügt sind; er streicht daher fröhlich das Geld ein und folgt

schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden

Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg

natürlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so

war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl

zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschäfte gemacht, als

diese beiden wandernden Medicinkrämer.

Zu dieser Menschenclasse gehören auch noch eigentlich streng genommen

die unzähligen Kiel- und Flatboote, welche mit den größeren Strömen

hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen

Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem großen Markt des

Südens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krämerboote zeichnen

sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen

flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder größeren Ansiedlung und

führen theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren,

ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort

ihr Geschäft beendet, so lösen sie das Tau und treiben weiter hinunter

zum nächsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwähnt, besonders in den

südlichen Staaten vorzüglich gute Geschäfte machen, indem sie heimlich

an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafür von diesen Feldfrüchte

und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen.

Der amerikanische Urwald.

Der deutsche Jäger, der Abends seine Jagdgeräthschaften für den nächsten

Tag in der freundlich-gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie

Korbflasche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat,

als den Hund zu füttern und für sich selbst ein Paar Butterbröde zu

schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein

Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht,

oder durch lichte Waldung pürscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem

warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen

Streifschützen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung

entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis draußen im

Walde campirt, und hungert und friert.

Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen

geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt

romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das

schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und

an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen

herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes

hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die

zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den

Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut --

existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in

der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und

romantischem Zauber verliert. -- Es ist damit gerade so, wie mit einer

weidenden Heerde.

Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel

gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden

sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter

umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem

Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das

weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört

-- ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; -- steigt

man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der

blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes

Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen

Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet

den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem

entgegen und weist knurrend die Zähne -- und kommt man nun gar noch

näher -- riecht erst die Heerde -- und den Hirten -- ja dann ist's mit

dem idyllischen Wesen vorbei -- der Zauber schwindet und wir haben eine

Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem

außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.

Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne

Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der

Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß

sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk

Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen

Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die

Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen

und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt

Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie

zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles

Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken

sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; -- Schaaren von Mosquitos

stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine

fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande -- (denn nur dort

findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln

das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume

tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum

zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß,

auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die

Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem

Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können.

Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg,

die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die

Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; -- das ist etwas;

-- damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein

amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein

Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus

den Niederungen von Arkansas, beschreiben.

* * * * *

Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht,

der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen

beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele

hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber

kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen

Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer

aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde,

jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht

anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd

auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den

vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten.

Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn

ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte

halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht

einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen

Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage

krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer

noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes

Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret -- was will ein Jäger mehr?

Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt,

über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein,

oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich

im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere

Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen

wünschte, und ich verfolgte meinen Weg.

Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band. · 第 9 / 11 段