drei Kindern beobachtet, deren ganzes, verwildertes, unsauberes Aussehen
sie als der Irländerin (denn eine solche war der Gast) zugehörig
bezeichnet hätten, wäre nicht diese stille Vermuthung Sechingens noch
durch den unwiderlegbaren Beweis eines eben solchen Stückes Kattun,
als Madame zum Kleid verwandt, bestärkt worden, das in verschiedenen
spitzwinkeligen und dreieckigen Stücken die Kehrseite des jüngsten
Kindes zusammenhielt.
Mit weit aufgerissenen Augen und Sprech- oder Schreiwerkzeugen starrten
diese, nicht den Indianer, -- denn dergleichen hatten sie schon
genug gesehen, -- sondern den, ihrer Meinung nach, viel wunderbarer
bekleideten Deutschen an, und nur durch verschiedene Ermahnungen der
Wirthin des Hauses -- denn die eigene Mutter schien sich wenig oder gar
nicht um sie zu kümmern -- konnten sie zurückgehalten werden, sich
immer wieder auf's Neue zwischen den Fremden und das diesem so höchst
wohlthuende Feuer zu drängen.
Auf Sechingens Bitte um etwas Warmes zu essen und zu trinken, ließ die
Amerikanerin jedoch augenblicklich mit freundlichem Eifer ihre beiden
Beschäftigungen, Rauchen und Karden, im Stich und es dauerte gar nicht
lange, bis ein Paar heiße Tassen Kaffee, nebst gebratenem Speck und
schnell gebackenem Maisbrod auf dem rohen, aber blank gescheuerten
Holztisch dampften, zu dem sich auch die Zwei nicht lange nöthigen
ließen, sondern mit wahrem Heißhunger über die so lang und schmerzlich
entbehrten Lebensmittel herfielen.
Sechingens verwöhnter Gaumen möchte freilich, unter anderen
Verhältnissen, mit den vorgesetzten Gerichten schwerlich zufrieden
gewesen sein; er befand sich aber gegenwärtig nicht in der Laune, lange
zu betrachten und zu kosten, _was_ er aß, so er nur überhaupt etwas zu
verzehren hatte, und bald waren Teller und Schüssel leer und blank.
Während der Mahlzeit hatten die Frauen sich nicht weiter um die
hungrigen Gäste bekümmert, als daß die Wirthin ihnen noch zweimal die
schnell geleerten Tassen mit dem heißen, erquickenden Trank füllte; da
sie aber jetzt gesättigt vom Tische aufstanden und wieder an's Feuer
traten, fingen sie an, die mit Schnüren und Troddeln besetzte Pikesche
des Deutschen zu bewundern, der, ihnen darin gern gefällig, sich von
allen Seiten genau betrachten und die Arbeit daran untersuchen ließ.
Nun hatte aber Sechingen durch diese Aufmerksamkeit die moralische
Überzeugung gewonnen, daß die beiden Damen von dem zierlichen
Kleidungsstück ganz entzückt seien, und frug daher die Irländerin mit
freundlicher Stimme, ob sie vielleicht im Sinne habe, ihrem Ehegemahl
eine dieser ähnliche anzufertigen; die Frau rief aber verwundert:
»Meinem Manne, Sir? Gott segne Euch, für eine erwachsene Person eine
solche Jacke? nein, aber ein hübsches Röckchen für das Jüngste gäb' es.«
Sechingen biß sich auf die Lippen und sah von der Seite den Indianer an;
dieser schien jedoch in der Bemerkung nichts Auffallendes gefunden
oder sie gar nicht beachtet zu haben, sondern nahm, als Zeichen des
Aufbruchs, die Büchse wieder zur Hand, und nickte dem Deutschen zu.
»Was sind wir Ihnen für Ihre Güte schuldig?« frug also Sechingen jetzt,
da es ihm nach dieser Äußerung nicht mehr so recht wohnlich bei den
Leuten war.
»Oh ich weiß nicht« -- entgegnete die Amerikanerin, »das Wenige, was
ich Euch vorsetzen konnte, war gern gegeben und keiner Bezahlung werth.
Wohnten wir hier an der Straße, dann wär' es etwas anderes, man kann
nicht _alle_ Reisende umsonst beherbergen, wenn man selbst arm ist und
sich seine Lebensmittel schwer verdienen und erziehen muß, so aber
mag's gehen. Wir sitzen hier mitten im Wald, und in Alabama, von wo wir
herkommen, ist es auch nur an wenigen Stellen Sitte, daß man Bezahlung
von Reisenden nimmt, also geht mit Gott, Ihr seid Nichts schuldig.«
Herzlich dankte ihr Sechingen, nicht allein für die gegebene Stärkung,
sondern auch für die freundlichen Worte, und bedeutend gekräftigt und
erfrischt, obgleich immer noch sehr durch die nassen Kleider belästigt,
folgte der Deutsche seinem rothen Führer einen schmalen Pfad entlang,
der sich von hier aus am Fuße einer jetzt erreichten niederen Hügelreihe
hinwand und die Wanderer wenigstens dem niederen Sumpflande entzog,
durch das sie bis dahin ihre Bahn hatten suchen müssen. Nicht viel Worte
wurden zwischen Ihnen gewechselt, denn Sechingen spähte, da sie den
etwas offeneren Wald betraten, scharf nach Wild umher, das der Führer
jedoch wenig zu beachten schien, denn er schritt mit gesenkten und fest
auf den Pfad gerichteten Blicken voran. Übrigens blieb des Deutschen
Aufmerksamkeit höchst nutzlos verschwendet, denn kein einziger Hirsch,
nicht einmal ein Truthahn, ließ sich sehen, und höchst mißmuthig und
unzufrieden mit der ganzen amerikanischen Jagd warf er sich endlich
die Büchsflinte wieder über die Schulter und schwur, daß -- undankbarer
Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.
Nicht mehr weit hatten sie von da aus zu gehen, bis sie zu der kleinen
Lichtung und Blockhütte kamen, die ihm von dem Indianer als die
»deutsche Niederlassung« bezeichnet wurde, und hier lag wieder, wo
Sechingen allerdings etwas ganz anderes erwartet hatte, ein solches
unausweichbares Blockhaus vor ihm, das keineswegs dem von einer
»_deutschen Niederlassung_« entworfenen Bilde glich; dennoch eilte er
mit freudigen und lebhafteren Schritten darauf zu, denn er sollte ja
jetzt Landsleute wiederfinden und durfte hoffen, nach der ausgestandenen
Schreckensnacht seine Glieder in etwas stärken und erfrischen zu können.
Es ist aber eine eigene Sache mit den Deutschen in Amerika; in Arkansas,
und überhaupt im fernen Westen, mag es noch angehen; selten bekommen sie
hier einen Landsmann zu sehen, und freuen sich wirklich, wenn sie Einmal
einem begegnen, der ihnen etwas Neues aus der Heimath erzählen kann.
Anders, ach weit anders und weit trauriger ist es dagegen in den
östlichen Städten, wo alle neue Einwanderer von den, sich schon
dort befindenden Landsleuten als »Preisverderber und Eindringlinge«
betrachtet werden, wo der schon etwas Amerikanisirte zu stolz ist, den
früheren Freund _deutsch_ anzureden, weil ein zufällig daneben stehender
Amerikaner sonst sogleich wissen würde, daß er ebenfalls ein »Dutchman«
wäre, und wo sich der Deutsche wirklich nur _deßhalb_ mit dem Deutschen
einläßt, um ihn, sobald sich eine Gelegenheit dazu finden sollte,
tüchtig über's Ohr zu hauen und hinterher auszulachen. Das kannte v.
Sechingen freilich noch nicht, ein ganz anderer Empfang wartete aber
auch hier seiner, und mit offenen Armen und herzlichem, treugemeintem
Gruß wurde er von dem biedern Deutschen Klingelhöffer, der in der
einsamen Wildniß seine Wohnung aufgeschlagen hatte, empfangen.
Er war gerade beschäftigt gewesen Feuerholz zum Haus zu fahren, spannte
jedoch augenblicklich aus und führte seine beiden Gäste in die kleine
Hütte, um ihnen dort nach den ausgestandenen Strapatzen jede mögliche
Bequemlichkeit gewähren zu können. Der Indianer war auch bald
entschlossen, wenigstens für diese Nacht sein Quartier hier
aufzuschlagen, und hing deshalb seine Decke ausgebreitet über die Fenz,
damit sie der Wind, der jetzt recht scharf aus Nordwest zu blasen anfing
abtrocknen könne, während Klingelhöffer, von Sechingen gefolgt, das
Haus betrat, in welchem ihnen des ersteren wackere Hausfrau, freundlich
grüßend, entgegen kam.
Vor allen Dingen mußte er nun seine nassen Kleidungsstücke ab und
trockene anlegen, und bald vergaß er bei guter, nahrhafter Kost und
neben einem erquickenden Feuer die überstandenen Mühseligkeiten und
Entbehrungen.
Jetzt bekam er aber auch Zeit, das Innere der einfachen Hütte, in
welcher die kleine Familie hauste, zu betrachten, und begriff in der
That nicht, wie Menschen, die früher schon einmal an mehr und größere
Bequemlichkeiten gewöhnt gewesen waren, hier und unter solchen
Verhältnissen existiren konnten. Das Haus bestand, nach der gewöhnlichen
Bauart des Landes, aus unbehauenen Stämmen, und die Spalten zwischen
diesen waren, um den rauhen Nordwind abzuhalten, an dieser und an der
Westseite mit lang gespaltenen Stücken Holz und Lehm ausgefüllt, dadurch
eine feste und ziemlich warme, dem Klima wenigstens angemessene Wand
bildend; die beiden anderen Wände jedoch ließen Licht und Luft ein,
soviel nur durch die oft handbreiten Ritzen und Spalten einströmen
konnten. In einer Ecke des Hauses standen zwei Betten, über denen
ein langes Bret mit -- einem seltenen Artikel in Arkansas -- Büchern
befestigt war, und an der gegenüber stehenden Wand befand sich ein
anderer Gegenstand, den der Deutsche hier im Walde am wenigsten gesucht
hätte und der auch von dem Indianer mit neugierig staunenden Augen
betrachtet wurde: nämlich ein Fortepiano. Drei oder vier rohgearbeitete
Holz- und Rohrstühle, der Tisch, dessen Platte ein früherer Kistendeckel
bildete, und mehrere Kasten mit Schlössern und Fächern, auf denen das
wenige Küchengeräth aufgestellt war, füllten den übrigen Raum, und
Sechingen, als er das Alles eine Zeitlang betrachtet hatte, wandte sich
endlich zu seinem Wirth, der eben wieder einen tüchtigen, lang gehauenen
Hickoryklotz in's Feuer trug, und fragte, noch immer etwas schüchtern:
»Ist denn dieses wirklich der einzige Raum, den Sie mit Ihrer ganzen
Familie bewohnen?«
»Nein,« sagte Klingelhöffer, »hier neben an steht noch ein kleines,
sogenanntes Rauchhaus, wo wir unser Fleisch und Fett, die Kartoffeln,
etwas zu Brod ausgesuchten Mais und andere zum Hausstand nöthige Sachen
aufbewahren.«
»Und hier in diesem einzigen Zimmer wohnen und schlafen Sie?«
»Nun, ist das nicht genug?« lachte der Farmer, »da sollten Sie einmal
hier sein, wenn Gerichtstag ist, und wir noch zwei oder drei Nachbarn
und ein paar Advokaten zu bewirthen und unterzubringen haben, dann
geht's freilich eng her.«
»Die schlafen doch nicht mit in diesem Hause?«
»Wo denn sonst? Alle mit einander.«
»Das ist ja aber ganz unmöglich!«
»Unmöglich?« lachte der Farmer, »unmöglich?« wiederholte er
kopfschüttelnd -- »das ist ein Wort, was wir hier in Arkansas nicht
kennen; _unmöglich_ ist gar Nichts auf der Welt, sobald es nur uns
selbst und unser eigenen Bedürfnisse betrifft.«
»Sie Beide, mit Ihren drei Kindern (und die beiden Mädchen da draußen
können kaum noch Kinder genannt werden), schlafen und wohnen wirklich
fortwährend in diesem Zimmer? entbehren alle Bequemlichkeiten, die man
sich sonst bei einem Wohn- und Schlafzimmer als _un_entbehrlich denkt,
und existiren so gewissermaßen im Freien, auf offener Straße?«
»Ja, ja,« lachte Klingelhöffer, »und das ist noch gar nichts, jetzt
haben wir doch Dach und Fach, werden nicht naß, wenn es draußen regnet,
und können, wenn es kalt wird, ein Feuer anmachen, ohne dabei fürchten
zu müssen, daß uns der Wind die Funken und Kohlen über das Bettzeug
wegtreibt, wie das im ersten Winter der Fall war, wo wir hierher zogen
und ich das Haus erst aufbauen mußte. Meine arme Frau war noch dazu
damals krank und mußte viel, sehr viel ausstehen. Doch was man gern
thut, wird Einem auch leicht, und wenn wir viel, ja fast Alles von dem
entbehren müssen, an das wir im alten Vaterlande gewöhnt oder durch das
wir _ver_wöhnt waren, so drückten uns auch keine von den Sorgen, die
wir dort kannten; wir arbeiten Beide, und dafür vermehrt sich auch
unser Wohlstand und ich bin jetzt schon im Stande, das nächste Jahr ein
bequemeres und geräumigeres Wohnhaus aufzuführen; bis dahin muß dies
freilich noch ausreichen.«
»Ja, daß _Sie_ das Alles mit leichtem Muth ertragen können,« rief
Sechingen »finde ich sehr begreiflich! des drückenden europäischen
Zwanges enthoben, fühlt sich der Mann, auch wohl unter schlimmeren
Verhältnissen, kräftig genug, Alles zu bestehen und zu überwinden, was
ihm hemmend in den Weg tritt. Die schwache Frau aber, zarte Kinder, in
solcher Wildniß, den rauhen Stürmen der Jahreszeit, all den Entbehrungen
eines Lebens auszusetzen, das doch nur eigentlich für einen Indianer
passend scheint, da -- da weiß ich denn doch nicht, ob ich so etwas
über's Herz bringen könnte. Wenn nun die Frau krank wird und das Heimweh
bekommt, und sich ewig und ewig fortsehnt, zurück nach den verlassenen,
glücklicheren Verhältnissen?«
»Lieber Herr von Sechingen,« entgegnete ihm freundlich Klingelhöffer,
indem er seine Hand ergriff, »wenn die Frau ihren Mann recht herzlich
lieb hat, dann wird sie sich schon nicht von ihm fortsehnen, weil
sie Bequemlichkeiten entbehren muß, an die sie früher gewöhnt war,
im Gegentheil wird sie bei ihm bleiben wollen und alles das, was er
ertragen muß, Freude wie Leid, _mit_ ihm tragen, wie es _meine_ Frau
gethan; hat sie ihn aber _nicht_ so recht von Herzen lieb, dann bleibt
sich's auch ziemlich gleich, wo er seinen Leidenskelch leert, in der
Stadt, oder im Walde. Mein liebes Weib hier ist nun einmal an mich und
meine Laune gewöhnt, Gewohnheit thut viel, sie möchte mich nicht mehr
entbehren, nicht wahr, Alte? und da harren wir denn schon hier im Walde
zusammen aus.«
Er reichte bei diesen Worten der lächelnden, jungen Frau die Hand
hinüber, und diese erwiederte den herzlichen Druck und lehnte sich
vertrauend mit ihrem Köpfchen an seine Schulter.
»Ja, das ist Alles recht gut,« meinte Sechingen kopfschüttelnd -- »Sie
Beide haben sich lieb, wie sich Eheleute haben sollten, und können durch
Sparsamkeit und Fleiß leicht ihr Auskommen, selbst in den widerwärtigen
Verhältnissen finden; _warum aber?_ ich bin fest überzeugt, daß Sie
das auch im alten Vaterlande ermöglichen würden, und viele Genüsse des
Lebens kennen Sie hier nur dem Namen nach, die dort eine natürliche
Folge Ihres ganzen Wirkens wären.«
»Noch kennen Sie unser _Land_ nicht,« erwiederte ihm der Farmer
freundlich -- »Sie sind gewissermaßen erst _eine_ Nacht in Amerika, denn
den kurzen Aufenthalt in einem der besten Hotels von New-Orleans, wie
die kurze Reise auf bequemem, selbst mit jedem Luxus ausgestatteten
Dampfboot, dürfen Sie gar nicht rechnen; lernen Sie also das Land erst
ordentlich kennen, und ist das geschehen, dann wollen wir weiter über
dieses Kapitel reden; davon aber sein Sie überzeugt, daß es gewaltige
Vortheile sein müssen, die im Stande waren, einen Deutschen zu bewegen,
seinem Vaterlande für immer zu entsagen.
Nicht alle Menschen lernen übrigens diese Vorzüge einsehen, und viele
von diesen schleppen dann entweder ein unglückliches Leben in dem
fremden, freundlosen Lande hin, oder sie kehren in die alte, aus Unmuth
oder Veränderungssucht verlassene Heimath zurück; keiner aber, der Sinn
für Freiheit und Unabhängigkeit in sich trägt, wird, wenn ihn nicht
Familienbande unaufhaltsam dorthin ziehen, weniger erbärmlicher, leicht
zu entbehrender Bequemlichkeiten und Luxusartikel wegen den freien Wald
wieder mit den Ketten des alten Vaterlandes vertauschen. Thät' er es
aber doch, schmiegte er sich bloß deshalb wieder unter das, einmal
gemiedene Joch, flög' er wieder in den goldenen Käfig zurück, weil er
sich nicht gern im Walde, in Sturm und Regen sein Futter selbst sucht,
nun dann ist das kein Verlust für Amerika, solche Leute gehören auch
nicht in den Wald, sie sind Futter für Bälle und Theater.«
»Ich weiß nicht,« meinte Sechingen kopfschüttelnd, »man braucht gerade
kein Anhänger von Üppigkeit und Wohlleben zu sein, und mag doch die
Überzeugung haben, seine Zeit nützlicher und angenehmer verbringen zu
können, als im Walde bei einem Gewitterschauer. Mir zum Beispiel ist
die Kehle wie zugeschnürt, und ich werde die Erkältung in vierzehn Tagen
nicht wieder los.«
»Glaub's wohl,« lachte Klingelhöffer, »Sie sind aber auch gleich mit
dem Kopf zuerst in das Schlimmste hineingefahren; was uns hier im Walde
passiren kann: Kälte, Hunger und Nässe auszustehen, ist ein freilich
etwas großer Abstand gegen die reich besetzte Tafel und das warme Bett
eines Dampfbootes. Doch jetzt sollen Sie, wie ich hoffe, auch einige von
den Annehmlichkeiten unseres Wald- und Farmerlebens kennen lernen, und
wenn diese Sie dann nicht ganz mit unserer rauhen Heimath aussöhnen, so
werden sie wenigstens viel dazu beitragen, Ihnen das Leben hier nicht
allein von seiner Schatten-, sondern auch von seiner Lichtseite zu
zeigen. Es giebt auch im Urwald glückliche Menschen.«
»Der Urwald verliert aber doch sehr in der Nähe,« erwiederte Sechingen,
als er durch eine Spalte der Wohnung hinaus auf die, von grauen,
nassen Regenwolken überhangenen Baummassen blickte, während der Wind,
unheimlich pfeifend, durch ihre Wipfel brauste und ihnen die großen,
klaren Tropfen aus den schwankenden Häuptern schüttelte, »ich hatte mir
in mancher Hinsicht ein anderes Bild davon entworfen.«
»Sie hatten nicht daran gedacht,« fiel ihm sein freundlicher Wirth
lachend in's Wort, »daß die gewaltigen, stattlichen Bäume auch im Sumpfe
stehen, oder gar quer über den Weg hin liegen könnten, und dann
die Passage eher versperren, als verschönern, daß nicht allein das
romantische Geheul der wilden Thiere, sondern auch das sehr prosaische
Gesumme der Mosquitos den Wald erfüllt, und daß sich eine Landschaft, wo
der Sturm auf den Flügeln der Windsbraut die Fläche durchsaust, wo tolle
Regengüsse aus den Wolken niederfluthen und trockene Wege zu Bächen und
Bäche zu Strömen werden, sehr hübsch und interessant auf der Leinwand,
keineswegs angenehm aber im wirklichen Leben, in der nüchternen
hausbackenen Wirklichkeit ausnehmen. Ja, das geht Manchem so, das giebt
sich aber, und zuletzt lernen wir selbst die Unannehmlichkeiten eines
wilden Lebens lieb gewinnen. Sehen Sie aber, wie sich der Indianer das
Fortepiano betrachtet, eine solche Maschine hat er im Leben noch nicht
gesehen, ich werde ihm etwas vorspielen.«
Damit trat der Farmer zu dem Clavier, öffnete es, und präludirte ein
wenig; gar wunderbarer Weise hatte sich auch das Instrument, einige Töne
abgerechnet, noch ziemlich gut in Stimmung erhalten, trotz der feuchten
Luft, der es fortwährend ausgesetzt war. Der Deutsche ging also nach
einigen schnell gegriffenen Akkorden zu einem leichten Walzer über, und
das Erstaunen Bob's, der vom Öffnen des Instrumentes an bis jetzt, starr
von Überraschung und Verwunderung gestanden hatte, erreichte nun seinen
höchsten Grad. Bei den immer schneller und munterer folgenden Tönen
heiterten sich aber auch seine dunklen, bis jetzt fast ausdruckslos
gewesenen Gesichtszüge auf, und ein Paar Reihen Zähne wurden sichtbar,
die an Weiße dem frischgefallenen Schnee nichts nachgaben. Endlich
schloß Klingelhöffer, und vom Stuhle aufstehend, klopfte er dem Indianer
auf die Schulter und frug: »wie das klänge?«
»=Bless my soul=,« sagte dieser, noch immer das früher nie gesehene,
wunderbare Gestell betrachtend -- »eine große Violine mit Zähnen und
Beinen wie ein Bär, die das Maul aufmachen kann -- Bob hat noch nie so
ein Ding gesehen!«
»Und wie gefällt es Dir?«
»Gut -- unmenschlich gut!« sagte Bob, indem er den Mund von einem Ohr
bis zum andern zog.
»Sehen Sie, hier haben Sie gleich eine Naturbeschreibung des
Fortepianos,« lachte der Farmer, »der Bursche wird Wunderdinge davon
erzählen, wenn er wieder nach Little Rock kommt; aber apropos, da wir
von Little Rock reden, wo haben Sie denn Ihre Sachen gelassen, etwa
dort?«
»Ja, bei Charles Fischer.«
»Nun da stehn sie ziemlich sicher, sonst ist dem Neste gerade nicht viel
zu trauen; ich habe allen Respekt vor dieser Hauptstadt von Arkansas.«
»Haben Sie von dem Staat eine eben solche Meinung, als von der Stadt?«
»Dann blieb ich hier nicht wohnen, nein, ich halte Arkansas für den
besten Staat der Union, das heißt, er ist mir der liebste, ich möchte in
keinem anderen wohnen, und hoffentlich werden Sie dasselbe sagen, wenn
Sie erst einmal im Lande umhergestreift sind und die verschiedenen
Gegenden selbst besucht haben. Wohin gedenken Sie sich von hier aus zu
wenden?«
»Aufrichtig gesagt,« erwiederte ihm Sechingen, »so hatte ich nach dem,
was ich von Herrn Fischer in Little Rock gehört, große Lust, mir
irgend ein Stück Land in dieser Gegend auszusuchen, und mich darauf
niederzulassen. Es ist dieß die Ursache, weßhalb ich nach Amerika
ausgewandert bin, ich -- ich hatte ein so gewaltiges Sehnen nach dem
-- nach dem Urwald; seit letzter Nacht hat sich das freilich bedeutend
gegeben, und ich möchte doch nun erst die hiesigen Verhältnisse ein
wenig genauer kennen lernen, ehe ich mich bleibend festsetze. Ist es
Ihnen also recht, mein bester Herr Klingelhöffer, und fall' ich Ihnen
nicht zur Last, so bleib ich ein paar Tage bei Ihnen, wir durchziehen
dann die Nachbarschaft ein wenig, und ich kann mich im Laufe dieser
Woche fester und genauer bestimmen.«
»Von Herzen gern,« sagte der wackere Farmer, ihm die Hand reichend, »Sie
sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai, und sehen Sie sich das
Land erst einmal an, dann gefällt es Ihnen auch. Wie wär's, wenn wir
Ihre Sachen indessen von Little Rock heraufkommen ließen? Das nächste
Dampfboot kann sie bis Bakers Landung am Arkansas bringen, und dort
holen wir sie in nächster Woche mit meinem Canoe ab.«
»Wo aber soll ich bei Ihnen schlafen?« frug Sechingen mit komischem
Ernst, indem er sich überall im Hause umsah -- »wenn Ihre Frau und
Töchter --«
»Thorheiten,« lachte Klingelhöffer -- »das fällt hier alle Tage vor, wir
machen Ihnen ein Lager auf der Erde -- ein wenig hart wird's sein, doch
daran müssen Sie sich gewöhnen; ein Jäger darf überhaupt nicht so sehr
viele Bedürfnisse haben.«
»Jagen Sie viel?«
»Nein, sehr selten, ich bin kein großer Freund mehr davon.«
»Es ist wohl viel Wild in der Gegend?«
»Ja, ziemlich viel Hirsche und Truthühner!«
»Auch Bären, nich wahr?«
»Dann und wann kommt uns einmal so ein alter Bursche zwischen die
Schweine, doch sind wir in solchem Falle schnell mit den Hunden dahinter
her, und fangen ihn entweder, oder treiben ihn doch wenigstens aus der
Nachbarschaft.«
»Dann und wann?« frug Sechingen sehr erstaunt, »aber Charles Fischer hat
mir ja gesagt, daß sie hier fast nur von Bärenfleisch lebten.«
»Dann müßten wir bald genug verhungern,« lachte der Farmer. --
»Speck und Maisbrod, das ist die Kost, selten einmal Hirsch- oder
Truthahnfleisch, denn Bären fangen an zu den Seltenheiten zu gehören --
ich habe in den sechs Jahren, die ich hier bin, erst drei geschossen.«
»So hat Fischer also wohl auch mit dem Anpreisen des Landes nicht die
Wahrheit gesagt?« meinte schon etwas kleinlaut der junge Deutsche.
»Das steht auf einem anderen Blatt!« rief der Farmer -- »davon sollen
Sie sich auch selbst überzeugen, denn wenn er nicht fürchterlich
aufgeschnitten hat, so werden Sie Ihre Erwartungen eher noch übertroffen
finden. Außerdem ist dieß eine Erfahrung, die Sie ebenfalls in Amerika
machen müssen: jeder Farmer preist _die_ Gegend, in der er selbst
lebt, am meisten, und ich sehe nicht ein, warum ich mich allein davon
ausschließen sollte, da ich noch dazu das gute Recht und vollkommene
Ursache auf meiner Seite habe. Aber wie ist's? wollen wir an Charles
nach Little Rock schreiben, daß er die Sachen heraufschicken soll? Der
Indianer könnte den Brief mitnehmen?«
Sechingen blickte unentschlossen vor sich nieder; er hatte sich das
Leben im Walde doch ganz anders gedacht -- sollte er hier -- in
einer solchen Wildniß von jedem Verkehr mit civilisirten Menschen
abgeschnitten (ein oder zwei Nachbarn höchstens ausgenommen) förmlich
versauern? -- sein Geld an todtes, mit ungeheueren Bäumen bewachsenes
Land wenden, das er vielleicht nachher nicht einmal bebauen konnte? --
»Hm« -- sagte er nach ziemlich langer Pause -- »ich weiß doch nicht --
wenn ich nun wieder zurückginge nach Little Rock, so« --
»Ja, wenn Sie darüber noch nicht mit sich im Reinen sind,« unterbrach
ihn schnell der Farmer, »dann lassen Sie's lieber beim Alten -- ich sehe
schon wie's steht -- die Sachen mögen also unten bleiben und gefällt
Ihnen unsere Gegend gut genug, ei nun, dann wird auch Rath werden, die
paar Habseligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier sonst noch im Walde
brauchen könnte, heraufzuschaffen. Morgen sollen Sie ein Stück von
unserer Gegend kennen lernen, und daß ich Ihnen nicht das schlechteste
zeigen werde, darauf mögen Sie sich ebenfalls verlassen.«