Der Indianer, der indessen mit Speise und Trank und einem tüchtigen

Glase Whiskey hinlänglich gestärkt war, von Sechingen auch die Bezahlung

für seine Mühe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete

wollene Decke wieder zusammen, in deren Falten er vorher noch ein paar,

nicht unansehnliche Stücke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten,

sehnsüchtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret gestellten grünen

Flasche hinauf, murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und schlug bald

darauf den schmalen, an der Fenz hin führenden Fußpfad ein, der der

Countystraße zulief. Über die Berge hin war er so im Stande, Little Rock

trockenen Fußes zu erreichen.

Sechingen sah sich bald häuslich eingerichtet, und wider alles Erwarten

wurde sein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, so vortheilhaft, und

selbst dem verwöhnten Körper des Europäers genügend hergestellt, daß er

-- vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anstrengungen mehr als je

ermüdet -- sanft und ruhig bis zum nächsten Morgen schlief, und sich bei

seinem Erwachen zum ersten Male gestehen mußte, es sei doch eigentlich

recht wenig, mit dem ein Mensch glücklich und zufrieden leben könne,

wenn er nur mit sich selbst im Reinen und ein freier Mann, seinem freien

Willen auch frisch und fröhlich folgen dürfe.

Ein nach amerikanischer Art zubereitetes Frühstück wurde jetzt verzehrt,

und Sechingen glaubte, daß sie gleich nach Beendigung desselben

aufbrechen wollten; Klingelhöffer hatte aber die Absicht, seinem Gast,

ehe er ihn auf das Land selbst führe, auch die Schwierigkeiten zu

zeigen, die eine Urbarmachung desselben mit sich bringe. Unter dem

Vorwande also, noch Feuerholz schlagen zu müssen, nahm er den jungen

Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter

jenen Stämmen keineswegs stark aussehende Eiche von circa drei Fuß im

Durchmesser, und bat ihn, »den kleinen Stamm,« da er das doch Alles

lernen müsse, einmal zu fällen, er wolle dann in einem Viertelstündchen

wiederkommen, um ihn abzuholen.

Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den

Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt,

und seine Schläge -- als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das

Werkzeug am vortheilhaftesten halten müsse -- suchten sich bald ihr Echo

in den nahen Hügeln.

Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des

Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der

derben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, schritt,

still vor sich hinlächelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber

vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen

hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das

zähe Holz wollte jedoch seinen ungleich geführten Hieben nicht weichen,

nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöstes Spänchen ab

und er mußte sich endlich -- todesmüde und die Hände voller Blasen --

gestehen, das Wort _urbarmachen_ klänge wohl ausgezeichnet und

nehme sich auch sehr schön auf dem Papiere aus, passe jedoch in der

Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel sah er ein, und wenn

er den ganzen Tag hier stehen geblieben wäre -- den Baum hätte er doch

nicht umgebracht.

Klingelhöffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fuß der Eiche sitzen, und

so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hände, das

er den Kommenden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm stand.

Dieser aber suchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und

Vorwärtsschreiten der Arbeit zu trösten und meinte, »es fiele kein

Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben -- solche Arbeit fände

ein Jeder schwer, der erst in den Wald zöge, und selbst Leute, die ihr

Lebelang Nichts gethan hätten als schwere Werkzeuge geführt, müßten

sich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe sie im Stande wären, etwas

Tüchtiges zu leisten -- er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden,

denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal

recht ernstlich _wolle_, so könne er es auch durchführen, trotz allen

Schwierigkeiten und Hindernissen.«

Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die

Sechingen nicht gut wegläugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber

auch wieder auf seiner Seite als ein _unfällbarer_ Beweis, und nur froh,

für jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein,

folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den

Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein.

Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben

Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch

und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leise

rauschenden Wipfel zur Erde nieder -- der ganze Wald duftete so

lieblich, der klare Himmel hing so rein und lächelnd über der

wunderschönen Welt, daß Sechingen schon fast die überstandenen

Mühseligkeiten vergaß und endlich auch seinem Begleiter nicht länger

verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald

_gestern_ und _heute_ auf ihn gemacht habe.

»Das alte Lied,« lachte dieser, »bei trübem Wetter sehn wir auch die

ganze Welt mit trüben Gläsern an, und scheint dann die liebe Sonne und

zwitschern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich

wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstraße wählen -- ja -- es ist

schön hier im freien Wald, so schön, daß ich glaube, das Herz würde mir

brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber -- er hat auch seine

großen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst _sehr_

wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt,

und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bösen überdeckt

werden, ei nun, so lange dürfen wir uns dann auch nicht sonderlich

beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen

Seiten an, und dann können Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei

entschließen, was Sie zu thun beabsichtigen.« --

Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer

gab sich besondere Mühe, dem neuen Ankömmling die verschiedenen

Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu

zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land

oder Ackerbau bekümmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die

Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete,

sondern sah sich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam dadurch

nicht selten in die unangenehmsten Berührungen mit vorstehenden Ästen

und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei übersprang sein kleines

muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Äste, oder

Wassergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male

sogar aus allem Gleichgewicht, daß er sich kaum noch im Sattel erhalten

konnte.

Die Mittagszeit rückte so heran, noch immer aber machte Klingelhöffer

keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht,

sie wären nun doch einmal draußen im Wald und es sei nicht allein für

den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern

er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh

zu sehen, das hier in der Nähe seine Weideplätze hätte, denn apart

deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg.

Sechingen hatte nach und nach einen merkwürdigen Hunger bekommen, und

die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewöhnlichen

Bewegung, Klingelhöffer schien aber von dem Allen Nichts zu spüren,

ritt durch tiefe Gräben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem

Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen

wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte sich hier in dem wilden

pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube

umherginge.

Da -- er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der

müde Reiter athmete schon hoch auf -- schlugen nicht weit von ihnen

entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel

emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tönen mit der

gespanntesten Aufmerksamkeit. -- Mehre Secunden lang war jetzt Alles

still -- da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer,

der jetzt wußte, daß seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder

wenigstens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in sich

erwachen.

»Hurrah!« rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um --

»die Hunde sind fleißig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen,

das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden.« Und ohne weiter eine

Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die

Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in

muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde

jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberschallte. Sechingen mußte, wollte

er hier nicht allein im fremden Wald zurückbleiben, folgen und sein

eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren

sehen, fühlte kaum den leichten, fast unwillkührlichen Schenkeldruck,

als es fröhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen,

unaufhaltsamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte.

Nun war Sechingen zwar ein geübter Reiter, und saß besonders schön und

kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen

Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu

gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth

behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er

mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines

Hirschfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und

Schlinggewächsen hängen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen

Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange

auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und -- mit

Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. »Das Roß, des Reiters ledig,«

schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen

befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde

nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg -- jeder

Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig -- allein.

Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und

jenem entsetzlichen beengenden Gefühl, das sich stets des Verirrten

bemächtigt, in der Wildniß umher -- seine feine Tuchpikesche war in den

scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das

Pulverhorn verloren, den Hirschfänger hatte ebenfalls wahrscheinlich

irgend eine Ranke erfaßt und herausgerissen -- die Scheide hing ihm leer

an der Seite -- die Mütze mochte Gott weiß wo sein, Gesicht und Hände

bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh.

Erschöpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder -- er

konnte nicht mehr vorwärts, er _mußte_ erst ausruhen.

»Und hier soll man den Urwald sehen?« rief er endlich in vollem Unmuth

aus -- »hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in

irgend einem verwünschten Dornenbusch hängen zu bleiben -- und die Bäume

-- großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend

von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit

Wurzeln verwachsen, daß man kaum einen Stock hineinstoßen, geschweige

denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein -- ich passe nicht

zu solchem Geschäft -- ich habe mir das viel romantischer gedacht.

Blüthenbäume -- blumige Ranken -- duftenden Wald -- zum Himmel strebende

Riesenstämme -- hol' sie alle mit einander der Teufel -- ich will Gott

danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine

heiße Tasse Kaffee trinken kann -- und jetzt gar verirrt -- in dieser

fürchterlichen Wildniß. --«

Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen

gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung führe;

da hörte er plötzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute »Hallo«

Klingelhöffers. Vor lauter Freude schoß er rasch die Büchse ab, das

verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen

Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja

die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde.

Klingelhöffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten

Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomische

Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that

ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde

war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um

ihn zu trösten und ihm Muth einzureden.

Es war ein erster, wenn auch etwas böser Anfang, wie er sagte, und

hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und

bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien übrigens gar nicht

geneigt, irgend etwas _Nachkommendes_ abzuwarten, und zum Tode matt

ließ er fast willenlos mit sich geschehen, daß ihn der Farmer auf sein

eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen

Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und

Zahnschmerzen und noch außerdem verloren, was an seinem Körper nicht

niet- und nagelfest gewesen.

In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, stärkte er seinen

ermatteten Körper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt

hätte ihn aber am nächsten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu

unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und

dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte, »das Land noch etwas besser

kennen zu lernen.« Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr

zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest

entschlossen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er

zwar, er wünsche erst die östlichen Städte und den Osten überhaupt

zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die

Ursache dieser schnellen Sinnesänderung gewesen, ließ sich wohl leicht

genug erkennen.

Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhöffer erbot sich also,

ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystraße

hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische

Meilen, zu marschiren hätte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den

erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere

Farmer ritt so weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutsche

Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst

dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene so freundliche Aufnahme

und Gastfreundschaft leicht übergehend, herzlichen Abschied von diesem.

»Leid thut mir's nur,« sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter

derb und gutmüthig die Hand schüttelte, »daß Ihre Lust zur Ansiedelung

gleich beim ersten Anlauf einen solchen Stoß erhalten hat, aber --

ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schönen Westen doch

später einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach

Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu großer Abstand,

haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den östlichen Städten

herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft

zurückziehen. Vergessen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer

herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl -- grüßen Sie mir die

Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht länger dort auf als

Sie müssen -- es giebt bessere Plätze in den Vereinigten Staaten.«

Damit hatte er den Zügel des Handpferds um seinen Arm geschlungen,

winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, stieß dem eigenen Thiere

die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwärts.

Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein

Auge ruhte schweigend auf den grünen Waldesschatten, hinter denen sein

Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschüttelnd dachte er dabei an

Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurück.

»Das also,« sagte er endlich tief aufseufzend, »das ist das

stille freundliche Farmerleben -- _das_ ist die patriarchalische

Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin

ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten

Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu

Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich muß noch froh sein, daß ich

ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfänger

-- Taschentuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer -- Alles bin ich

losgeworden, im Gesicht und an den Händen sehe ich so zerkratzt aus, als

ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen hätte. Dazu schmerzen

mich alle Knochen -- ich habe einen fürchterlichen Schnupfen, und von

dem harten Lager Hühneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so

viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht -- ja, der Urwald sieht sich

recht gut an -- wenn man sich nicht gerade Bäume zum Umhacken aussucht

-- es liest sich auch recht gut darüber, schläft sich aber nur höchst

mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor

einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du _mußt_ ja kein Farmer werden --

Du kannst Coopers Romane lesen, für Indianer schwärmen -- wenn Dir Dein

_Schuster_ nicht die Ideale verdirbt -- und kannst auch meinetwegen --

heißt das im Geist -- den wilden Bär und Büffel verfolgen -- so lange es

aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder

Philadelphia.«

»Und meine jetzige Reise?« fuhr er leise murmelnd in seinem

Selbstgespräch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der

Countystraße hinschritt -- »ih nun -- es war doch immer eine ganz gute

Erfahrung und -- wenn weiter Nichts -- ein _Versuch_ zur _Ansiedelung_.«

Cincinnati.

Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten

Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der

südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt

sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben

Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie

jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung

erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt.

Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen

Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr

und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi

und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum

Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais,

Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte,

Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der

wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und

die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung

dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen,

schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal

mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in

Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten

sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und

Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr

große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt,

die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der

Nähe derselben eine Existenz zu gründen.

Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem

Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche

Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur

in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,«

sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich

getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen

ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen

mußte.

Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils

von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie

ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden,

sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von

Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn

auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt,

schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen,

doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet,

daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-,

ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten

gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst

ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes

geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den

nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der

Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat,

in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden

und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem

Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den

unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst,

besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den

alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht

sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die

einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und

seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer

Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt.

Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche

Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist

auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der

ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit

hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht

ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem

Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt

er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem

der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten,

verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein

bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen

und zieht gen Westen.

Etwas aber ist, was so vielen, ja man könnte sagen fast _allen_

Deutschen den Anfang einer zu gründenden Existenz erschwert: die

zu großen Erwartungen, mit denen sie gewöhnlich das neue Vaterland

betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast

fabelhaften Glückswechsel Einzelner in Kenntniß gesetzt, malt sich ihre

Phantasie die dortigen Verhältnisse mit den buntesten, heitersten Farben

aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuschten Erwartungen

und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die

große Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder

tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß

Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der

östlichen Städte gesehen haben, das erste heimwärts segelnde Schiff

benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht sich

selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und

nicht wie sie es sich dachten.

Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band. · 第 3 / 11 段