»Ach nein -- hier ist's herrlich,« betheuerte Jener, der, vo

Amerikanische Wald- und Strombilder

Von

Friedrich Gerstäcker.

Dritte Auflage.

Zweiter Band.

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1862.

Inhalt des zweiten Bandes.

Seite

Ein Versuch zur Ansiedlung, oder, wie's

dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219

Cincinnati 292

Der wunderbare Traum 327

Eine Pantherjagd 369

Wandernde Krämer 380

Der amerikanische Urwald 405

Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas 430

Ein Versuch zur Ansiedlung,

oder

wie's dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel.

Amerika -- Urwald -- Indianer -- Tomahawk -- Scalpiren --

Schlingpflanzen -- Panther -- »Oh, wer doch einmal im Urwald sein und

das Alles so recht in der Nähe mit ansehen könnte« -- ruft der entzückte

Leser, während vor seinem inneren Auge eine wunderliebliche =Camera

obscura= ihm all die obenerwähnten Sachen klein und zierlich, aber mit

dem vollen Zauber reicher Phantasie übergossen, vorspiegelt.

»Da muß ich hin!« hatte auch »_von Sechingen_,« ein junger unabhängiger

deutscher Edelmann gesagt, als er Coopers »Ansiedler« auf's Sopha warf,

emporsprang, die an der Wand hängende Büchse ergriff und auf einen, im

Geist heraufbeschworenen Panther schnell und sicher anlegte.

Er nahm sich kaum Zeit, das Buch auszulesen; noch in demselben Monat

ordnete er seine Geschäfte, und acht Wochen später trug ihn die wogende,

blaue See hinüber zu dem Lande seiner Hoffnungen und Träume. Dort, im

stillen Wald -- im rauschenden Schwanken der Urbäume, wollte er

sich seine Hütte bauen, den Bär und Panther jagen und mit den rothen

Eingeborenen verkehren; dort von allen Sorgen und Ärgernissen des alten

Vaterlandes entfernt, hoffte er die Ruhe zu finden, nach der er sich

gesehnt, und die Oberlippe warf er stolz und verächtlich empor, als

er jetzt an all das Complimenten- und Etikettenwesen der alten Welt

zurückdachte, was Gott sei Dank nun hinter ihm lag.

Die Reise war höchst glücklich -- nach schneller Fahrt erreichte er

New-Orleans, hielt sich aber hier kaum lange genug auf, die Stadt

flüchtig anzusehen, sondern nahm, als am nächsten Morgen ein für den

Arkansas bestimmtes Dampfboot stromauf lief, auf diesem Passage, und

erreichte neun Tage später Little Rock, die Hauptstadt des Staates.

Hier nun strömten, wie das stets bei ankommenden Booten der Fall

ist, eine Masse von Menschen an Bord, um vielleicht hie und da einen

Bekannten zu treffen oder Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen, und

_von Sechingen_, dem das Treiben noch ganz neu und ungewohnt war, konnte

nicht umhin, einen kleinen freundlichen Mann zu bemerken, der, etwa

ein Achtunddreißiger, einen grauen, verschossenen Überrock mit

Messingknöpfen, ein paar dunkelfarbige Sommerbeinkleider, grobe Schuh,

ein hellblaues Halstuch und einen ziemlich mitgenommenen schwarzen

Seidenhut trug.

Der kleine Mann trat nämlich mit einer unbeschreiblichen,

wohlbehaglichen Sicherheit auf, schien dabei Jeden auf dem Boot zu

kennen, und war auch wirklich von Allen gekannt, denn des Zunickens und

Handdrückens wurde gar kein Ende und »wie gehts Charley -- noch immer

munter, Charley? -- =bless me= Charley, wie dick Ihr geworden seid!«

tönte fast von jeder Lippe. -- Es war Charles Fischer, dessen Name bei

allen dort gewesenen oder reisenden Deutschen fast unzertrennlich von

dem Namen der Stadt selbst geworden, denn schon seit langen Jahren

wohnhaft in der Stadt, die er, wie er gern erzählte, »noch als ein Dorf

gekannt,« hatte er durch Fleiß und Sparsamkeit (er war ein Tischler)

und besonders durch Glück, bei allen seinen Unternehmungen eine hübsche

Summe gespart, später ein paar kleine Häuser gebaut, dann eine Art

Wirthshaus und Schenkstand angelegt und jetzt steigerte sich mehr und

mehr sein Verdienst, da er Alles, was er brauchte, von New-Orleans oder

Cincinnati -- wo Provisionen wie Getränke sehr billig sind -- bezog, und

dieses dann in Little Rock zu einem enormen Preis wieder verkaufte. Dazu

als eine gute, harmlose Seele beliebt, und schon so lange an jenem Ort

wohnend, daß ihn Hin- und Herreisende immer wieder auf derselben Stelle,

der Erste an Bord jedes anlangenden Bootes, und eine halbe Stunde später

hinter seinem Schenktisch fanden, wurde Charles Fischer gewissermaßen

die Hausnummer, die man auf alle nach Little Rock oder auch ganz

Arkansas addressirten Briefe setzte, wenn man nicht den Ort, wohin Brief

oder Passagier bestimmt war, ganz genau angeben konnte.

Charles Fischer war also, und ist selbst jetzt noch, das Policeibüreau

für sämmtliche nach Little Rock kommende Deutsche, auf dem sie sich nach

jedem Interessanten erkundigen können, das aber dafür auch Alles, was

den Fragenden angeht, wissen will. Selbst übrigens selten oder nie,

seit er in Amerika ist, aus Little Rock herausgekommen, wechselt er auch

seine Ansichten nicht besonders, und wenn Jemand von ihm wissen will, wo

in Arkansas gutes Land liegt, so schickt er ihn seit funfzehn Jahren an

den =Fourche la fave=; wünscht man von ihm zu erfahren, wie die »Zeiten«

sind, so schimpft er und holt ein Paketchen kleiner Banknoten, die er

mit einem starken Bindfaden in einem Westenknopfloch befestigt hat, aus

der Tasche und sagt »man müsse in Little Rock das Geld anbinden, sonst

liefe es fort;« erkundigt man sich nach seiner politischen Meinung,

so ist er Demokrat mit Leib und Seele -- er ließe sich, behauptet er,

lieber todtschlagen, ehe er zu den Whigs überginge, läßt sich aber nie

auf nähere Erörterungen ein, da ihm der Unterschied zwischen Whigs und

Demokraten noch selbst in vielen Stücken sehr dunkel ist; fragt man ihn

aber, was seine Frau macht, so stößt er Einem den Zeigefinger in die

Rippen, blinzt das linke Auge zu, was verschmitzt aussehen soll, und

lacht.

Außer Little Rock existirt weiter keine Welt für ihn, er verschmäht

jede Einladung, einmal auf das Land zu seinen Freunden zu kommen, und

behauptet bei solchen Gelegenheiten stets, sich mit innigem Behagen die

Hände reibend, »es gäbe doch nur _ein_ Little Rock,« und darin hat er

vollkommen recht, denn es wäre fürchterlich, wenn auf der Welt noch

solch ein zweiter Platz existirte.

Eben hatte _Charley_, wie er von Allen freundschaftlich genannt wurde,

mehre Briefe vom Buchhalter in Empfang genommen, die zwar an ihn

adressirt, keineswegs aber für ihn bestimmt waren und wollte das Boot

wieder verlassen, als von Sechingen, der jetzt genug von ihm gesehn und

auch den Namen so oft gehört hatte, um ziemlich sicher zu sein, wer vor

ihm stehe, auf ihn zutrat, und freundlich grüßend fragte, ob er »das

Vergnügen habe, mit Herrn Carl Fischer zu sprechen?«

»Charley -- =of course= -- gewiß --« sagte der Kleine, »eben von

Deutschland gekommen, eh? haben Sie dort auch letztes Jahr so nasses

Wetter gehabt, wie wir hier? aber apropos, was ich Sie fragen wollte,

wie weit sind Sie denn bei Stuttgart mit der Eisenbahn?«

»Es thut mir leid, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können,«

lächelte der Fremde »ich komme aber mit einer Bitte um Rath zu Ihnen,

Herr Fischer, indem ich von New-Orleans aus durch einen dort zufällig

getroffenen Freund an Sie gewiesen bin, mir die beste Gegend für Land

hier in Arkansas zu nennen. Ich beabsichtige mich anzukaufen und weiß

selbst noch nicht recht, ob ich meine Nachforschungen von hier aus

beginnen, oder mit dem Boot bis Fort Gibson hinauf gehen soll.«

»Land kaufen?« sagte Charley, wie er sich selber nannte, »Land kaufen?

keine bessere Gegend in der Welt, als am =Fourche la fave= --

_Land_ nicht _todt_ zu machen -- _Weide_, unverwüstlich -- _Wild_

unmenschlich.«

»Viel Wild? so?« frug der Fremde, und wurde aufmerksamer -- »und wo

liegt dieses paradiesische Land?«

»Etwa vierzig Meilen von hier, über die Berge fort, Sie gehen jedoch am

Besten mit dem Boot bis an die Mündung des kleinen Flusses selbst,

und dann soll es noch etwa zwanzig Meilen von da bis zu der deutschen

Ansiedlung sein, Sie können nicht fehlen, immer am Fluß hinauf.«

»Was fang ich aber indessen mit meinen Sachen an? denn wenn ich eine

Fußtour unternehmen soll, muß ich _die_ auf jeden Fall zurücklassen.«

»Können Sie zu mir hinstellen,« sagte Charley, »ich habe ein kapitales

Lokal -- unten ein großes Barzimmer mit einem Schlafkabinet.«

»Barzimmer?« frug der Fremde.

»Nun ja -- Barzimmer, ach so, Sie wissen nicht was _Bar_ ist, nun

_Schenk_zimmer, das ist ja wohl deutsch -- eine Treppe hoch habe

ich einen Tanzsaal, sollen einmal den Tanzsaal sehen, wie ich den

herausgeputzt habe -- und auch ein Schlafkabinet, und oben unter dem

Dach noch zwei Schlafkammern, wo, wenn es ordentlich eingetheilt wird,

an die vierzehn Betten stehen können.«

»Aber wo wohnen Sie denn da?« sagte erstaunt der Fremde.

»Im Sommer wohn' ich im Tanzsaal und im Winter unten, neben dem

Barzimmer.«

»Und vierzehn Betten in zwei Dachkammern?«

»Ja, und wie viel meinen Sie, daß im letzten Winter, wo ich den großen

Ball hatte, dort oben in eilf Betten Menschen gelegen haben?«

»Nun vielleicht gar zwei und zwanzig Personen?« lachte der Deutsche.

»Zwei und zwanzig?« rief Charley die Nase rümpfend, »wegen denen wären

_die_ Umstände nicht nöthig gewesen -- _sieben und dreißig_.«

»Aber wie ist das möglich?«

»Möglich? in Amerika ist Alles möglich, das werden Sie auch wohl noch

erfahren, ehe Sie sechs Monate im Lande sind.«

»Dann kann ich also Alles zu Ihnen in's Haus schaffen lassen?«

»Ja wohl -- versteht sich, wollen gleich einen Mann rufen, hey -- Sam!

oh Sam! hierher!«

Der Zuruf galt einem großen, breitschultrigen Mulatten, der neben seinem

zweirädrigen Güterkarren am Ufer stand und mit der Peitsche knallte --

»hier ist ein Gentleman, der Sachen nach meinem Hause zu schaffen hat.«

»Ay, ay, Mr. Charley,« rief der Mulatte, freundlich grinsend, während

er über die Planke an Bord lief, und in wenigen Augenblicken oben neben

ihnen stand, »soll richtig besorgt werden,« fuhr er fort, indem er den

getheerten Matrosenhut neben die Peitsche auf das Verdeck legte, »aber

_Mister_ Charley, nicht wahr, Sam bekommt dann auch einen Schluck von

dem =Peach brandy=.«

»Ist der schwarze Teufel schon wieder durstig,« rief Charley erstaunt,

»hat er nicht erst vorgestern eine halbe Flasch voll ausgetrunken?«

»Aber Mister Charley --«

»Nun schon gut, schaff nur die Sachen ordentlich und schnell hinauf --

ich komme gleich mit und da wollen wir sehen.«

Drei Koffer, zwei Hutschachteln, mehrere Gewehrfutterale, ein Reisesack

und noch verschiedene andere kleine Kistchen und Kasten wurden jetzt von

dem geschäftigen Mulatten in fast unglaublich kurzer Zeit an's Ufer,

zu dem nur wenige hundert Schritt vom Wasserrande entfernten Hause Carl

Fischers befördert, und der Fremde, nachdem er das Fuhrlohn wie einen

Trunk für den Karrenführer bezahlt hatte, und Alles besorgt sah, wandte

sich hier zu seinem freundlichen Wirth und sagte:

»Wenn es Ihnen recht ist, so möchte ich jetzt ein wenig Toilette machen,

denn in diesem Aufzug kann ich doch auf keinen Fall in den Urwald

dringen. Haben Sie Bären hier in der Nähe?«

»Bären?« frug Charley verwundert, »die Leute da oben leben von weiter

Nichts als Bärenfleisch; wie die Schweine laufen sie im Walde herum,

nach den Hirschen schießen sie gar nicht mehr.«

»Die Bären?«

»Die Jäger, =of course=!«

»Nun« rief der Fremde, »dann werde ich ja auch wohl noch heute Abend zum

Schuß kommen, will also doppelte Kugeln einladen.«

Sie waren unterdessen in die Wohnung oder vielmehr das »Barzimmer«

des kleinen Charley, wie es dieser nannte, getreten, und in dem

daranstoßenden Kämmerchen verwandelte sich der junge Mann bald, was

wenigstens das Äußere betraf, aus einem Stutzer in einen Jäger,

mit grüner Pikesche, ledernen Beinkleidern, hohen Wasserstiefeln,

umgeschnalltem Hirschfänger, gewaltiger lederner Waidtasche, und

schöner Suhler Büchsflinte, dabei wohl ausgerüstet, was Schrotbeutel,

Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer, Messer, kurz Alles das betraf, was er

nach deutscher, richtiger Waidmannsart »fertig gerüstet« nennen konnte.

»Nun kann's losgehen!« jubelte Charley und schlug vor Freuden in die

Hände, als er den Jäger erblickte. »Da sieht man' s doch auch, daß

es ein Jäger ist; -- hier zu Lande laufen sie mit ihren langen

Schießprügeln auf der Schulter, den Kolben nach hinten, in alten

ledernen Jacken und wollenen Fracks im Wald herum und haben dünne

hirschlederne Lappen an den Füßen, durch die man jedes Sandkorn fühlt.

Ich habe selbst einmal so ein paar Dinger angehabt, bin aber beinah lahm

geworden; weiß der Böse nur, wie sie noch 'was schießen, es muß aber

wohl so viel draußen sein, daß sie's selbst nicht ändern können.«

»Gehen _Sie_ denn nie auf die Jagd?« frug der Fremde.

»Ich? nein -- bewahre --« lachte Charley, »ich müßte mich auch gut mit

einer Flinte ausnehmen; ne, da draußen im nassen Walde herumzukriechen,

den ganzen Tag ein schweres Stück Eisen auf der Schulter zu schleppen

und dann auch noch d'raus zu schießen -- ne -- das ist meine Passion

nicht. Ich habe gern Alles in der gehörigen Ordnung, Abends mein gutes

Essen und ein warmes Bett, und am Tag -- aber sie läuten schon wieder

auf dem Boot -- daß Sie's nur nicht versäumen. Was mir aber noch

einfällt, es wäre doch eine Möglichkeit, daß Sie sich verliefen, denn

im Walde sieht ein Baum wie der andere aus, und hier neben an wohnt ein

Indianer, wenn Sie dem einen Dollar und einen Schluck Whiskey geben so

geht er mit Ihnen durch's Feuer.«

»Ein Indianer?« rief der Fremde entzückt, »o rufen Sie ihn her, ich

will ihm geben was er haben will, der muß mit mir gehen, das ist zu

romantisch.«

»Wie heißen Sie denn eigentlich?« frug Charley jetzt, dem der letzte

Ausdruck wahrscheinlich auffallen mochte.

»Mein Name ist von Sechingen,« erwiederte der Fremde.

»Ach Herr von Sechingen, ist mir sehr angenehm Ihre werthe Bekanntschaft

-- aber der Teufel soll mich holen, wenn's da nicht schon zum zweiten

Male läutet -- laufen Sie auf's Boot, ich bringe den Indianer.«

»Ja -- aber er muß sich doch erst zurecht machen.«

»Ist immer zurecht gemacht,« erwiederte Charley, »nur fort, sonst

werden Sie noch zurückgelassen. Also wohl gemerkt -- an der Mündung

des =Fourche la fave= lassen Sie sich aussetzen, und wenn Sie Alles in

Richtigkeit haben, so kommen Sie nur her, und holen sich Ihre Sachen --

apropos -- grüßen Sie mir die Deutschen oben.«

Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht

lange, bis Charley mit dem versprochenen Indianer nachkam und ihn auch

kaum noch abliefern konnte, denn eben schellte die Glocke zum dritten

und letzten Mal, die Taue wurden eingenommen, ein flüchtiges Lebewohl

den am Ufer Bleibenden zurückgerufen, und fort schoß der Koloß, das

»schwimmende Gasthaus« gegen den Strom an, dem fernen, fernen Westen zu.

Der Deutsche versuchte indessen mit dem Indianer ein Gespräch

anzuknüpfen, fand diesen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs

aufgelegt, und konnte auf seine Fragen, da dieser noch dazu sehr

gebrochen englisch sprach, nur kurze, und meistens unbefriedigende

Antworten erhalten, so daß er seine Erkundigungen endlich einstellte

und bei sich dachte, im Walde würde der rothe Sohn der Wälder auch wohl

gesprächiger werden.

Dieser rothe Sohn der Wälder sah übrigens ganz anders aus, als

sich Sechingen eigentlich die Indianer, jene stolzen, kriegerischen

Häuptlinge gedacht hatte. Ein früher einmal blau gewesenes, baumwollenes

Jagdhemd hing ihm lose um die Schultern, die Beine staken in grau

wollenen Beinkleidern, die Füße in mächtigen groben Schuhen, auf dem

Kopf saß ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zusammengedrückter

Strohhut, unter dem die langen, schwarzen Haare wild und unordentlich

hervorquollen, und im Gürtel, der sein Jagdhemd zusammenhielt, stak ein

kurzes, schmales Messer, während an seiner rechten Seite eine kleine

lederne Tasche, auf seiner linken Schulter eine zusammengewickelte

wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll aussehende

Büchse mit Feuerschloß, die Bewaffnung und Ausrüstung dieses sonderbaren

Wesens beendete.

Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, dieß Alles an seinem neuen

Reisegefährten und Begleiter zu bemerken, denn fast sämmtliche, sich

auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drängten sich um ihn her und

begannen mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit von der Welt seine

Waffen und ganze Ausrüstung anzustaunen und zu betrachten. Einer nahm

ihm, mit einem freundlichen »=if you please=« (wenn Sie erlauben)

die Büchse aus der Hand und knackte unzählige Male die Schlösser, ein

Anderer zog, _ohne_ zu sagen »=if you please,=« den Hirschfänger aus der

Scheide und untersuchte die Schärfe desselben, ein Dritter zupfte an dem

Patentschrotbeutel, bis er die Kapsel glücklich herausbrachte und eine

ganze Ladung Schrot auf's Deck streute, kurz es fehlte nicht viel, so

hätten sie ihn wie eine Puppe aus- und wieder angezogen.

Von Sechingen ließ sich im Anfang wirklich Alles mit vieler

Gutmüthigkeit gefallen, es schien sogar seiner Eitelkeit etwas zu

schmeicheln, von Jedem so bewundert zu werden; nach und nach ward ihm

die Sache aber doch ein wenig lästig und er nahm, ohne viele Umstände,

sein verschiedenes Eigenthum wieder an sich. Die Amerikaner frugen ihn

jedoch fast bei jedem Stück, wie er es verkaufen wolle und wunderten

sich sehr, als er ihnen sagte, daß er Nichts von alle dem veräußern

würde. Einer wünschte sogar zu wissen, wie er seine Stiefeln gegen ein

paar andere, erst wenige Wochen getragene vertauschen, d. h. ob er noch

Aufgeld haben wolle, denn daß er sie, wenn ihm der Handel gut schiene,

überhaupt vertauschen würde, verstände sich, glaubten die Leute, von

selbst.

Sechingen bekam die Gesellschaft schon recht überdrüssig, als er endlich

zu seiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger

vorwärts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollenholzschößlinge

hinwies.

»Ist das die Mündung des Flusses,« rief er freudig -- »nun Gott sei Dank

-- aber werden wir auch halten?«

Die Bootsglocke beantwortete seine Frage, der Ruf des Lootsen sandte die

»Deckhands« oder Matrosen nach der, hinten am Boot befestigten Schaluppe

-- der Deutsche und Indianer sprangen hinein und fanden sich, wenige

Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade überhalb

des Flusses Mündung eine kurze Strecke in den Arkansas hineinlief.

Das leichte Fahrzeug, was sie hierher gebracht, war indeß zum Boot

zurückgekehrt -- das Zeichen wurde gegeben, puffend und schnaubend

brauste der schöne Dampfer stromauf, und die beiden Männer standen

allein auf der kleinen, sandigen Landzunge.

Sechingen blickte entzückt um sich her -- Alles -- Alles mahnte ihn

daran, daß er jetzt im Begriff sei, zum ersten Mal die Amerikanische

Wildniß, den _Urwald_ zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt,

wandte er sich gegen den dunklen Wald. Zu seiner Linken, am andern Ufer

des kleinen Flusses, thürmten sich schroffe, mit Kiefern und Eichen

bedeckte Hügel empor, rechts von diesen, in der Richtung, die er

einzuschlagen gedachte, lag eine dichte grüne Baum- und Laubmasse und

hinter ihm wälzte sich der gewaltige Arkansas dem »Vater der Wasser«,

dem Mississippi zu, während der schmale Sandstreifen, auf dem sie

standen, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder steiler werdenden Ufer

hinauflief.

Noch war der Deutsche in staunender Bewunderung des Heiligthums

versunken, das er kaum zu betreten wagte, als der Indianer, dessen

christlicher »Robert« in den bequemeren »Bob« umgetauscht worden, das

Schweigen brach und dem jungen Mann mit wenigen Worten andeutete, wie er

nicht gesonnen sei, hier die ganze Nacht auf offener Sandbank halten zu

bleiben.

»Wollen gehn --« sagte er, und drehte dabei den Kopf nach allen

vier Himmelsgegenden, um Wolken, Sonne und Luft genau und prüfend zu

betrachten -- »kaum noch eine Stunde Tag, besser an einen trockenen

Platz vor Abend -- Feuer anmachen -- groß.«

»Und welchen Weg nehmen wir jetzt?« frug Sechingen.

»Weg?« sagte der Indianer verwundert, »kein _Weg_ von hier -- lauter

Wald.«

»Ha, desto besser!« rief der Deutsche, »das ist herrlich; lauter

dichter, finsterer Wald, und dann das Nachtlager, -- o das muß köstlich

werden.«

»Will der Weiße die nächste Richtung, ganz durch den Wald gehen, oder

fünf Meilen um, über die Hügel -- weit oben läuft ein gebahnter Weg!«

sagte Bob.

»Oh unbedingt den nächsten Weg durch den Wald, wie weit ist es wohl?«

»Funfzehn Meilen -- aber viel naß,« sagte der Indianer, und zeigte mit

dem Finger gerade auf den Wald.

»Ich habe große Stiefeln an,« lachte Sechingen, »und wenn _Sie_ sich

nichts daraus machen« --

»Bob kann schwimmen,« erwiederte dieser lakonisch, schritt jetzt, ohne

ein Wort weiter zu verlieren und die dünnen Baumwollenholzbäumchen

auseinander biegend, durch diese hinweg und betrat, von dem Deutschen

gefolgt, während sie die sandige, angewaschene Landzunge hinter sich

ließen, den eigentlichen dunklen Wald.

Sechingen hatte vom ersten Augenblicke an, als er festen Grund und Boden

unter den Füßen fühlte, die Doppelbüchse von der Schulter genommen und

zum großen Ärgerniß Bob's, der fortwährend nach ihm hinschielte, beide

Hähne aufgezogen, ging auch jetzt, stets im Anschlag, vorsichtig und

aufmerksam umherspähend, hinter dem Indianer her, bis dieser endlich,

trotz dem ihm angeborenen stoischen Gleichmuth, das Gefühl nicht

länger ertragen konnte, in dem dichten Gewirre von Schlingpflanzen eine

gespannte Büchse hinter sich zu haben, und von nun an neben dem jungen

Mann blieb.

Die Sonne sank indessen mehr und mehr und verschwand eben hinter den

gewaltigen Bäumen, nur noch hie und da einen der höchsten Wipfel mit

ihrem rosigen Schein übergießend. Im Walde herrschte tiefe Stille, die

nur selten durch das Quaken eines Frosches oder das Gezirpe einer

Grille unterbrochen wurde; es war ein wunderlieblicher, entzückender

Frühlingsabend, dem schönen Wald von Arkansas so eigenthümlich; dennoch

aber schien sich der Herr von Sechingen dieses langersehnten Genusses

nicht so recht zu erfreuen, oder wenigstens keine Zeit dafür zu haben,

denn bald schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, bald in den

Nacken, bald auf die andere Hand; oder nahm die Mütze ab, mit der er um

sich herumschlug, und endlich blieb er gar in allem Unmuth stehen und

rief aus:

»Wo kommen denn nur um Gotteswillen alle diese verwünschten Mücken her?

das ist ja zum Rasendwerden.«

»Mücken?« sagte Bob, »was das? _Mosquitos_ meint Ihr; nicht viele hier!

mehr davon weiter vorne; aber lagern jetzt -- gleich dunkel.«

Damit, ohne weiter eine Antwort seines Begleiters abzuwarten, warf er

seine Decke und Kugeltasche ab, lehnte die Büchse an einen Baum und

schlug Feuer, das er bald mit Hülfe des dürren Laubes zu einer Flamme

anfachte, die, von trockenem Holz genährt, in wenigen Minuten zur hohen

Gluth emporloderte.

»Hier also sollen wir bleiben?« sagte Sechingen etwas kleinlaut, indem

er sich an dem Orte, auf welchem sie sich befanden, umsah, »ja -- es

wäre recht hübsch hier, wenn die verdammten Mücken nur nicht wären.

Also _das_ sind Mosquitos?« -- fuhr er fort, als er eben wieder vier mit

einem Schlage auf dem Rücken seiner Hand vernichtet hatte -- »nun Gott

sei Dank, es sind doch wenigstens genug von ihnen da, um sich abzulösen,

wenn ein Theil satt oder müde werden sollte.«

»Fremder legt sich auf diese Seite vom Feuer, unter den Rauch -- keine

Mosquitos!« -- bedeutete ihn Bob. Sechingen befolgte auch schnell den

guten Rath, und fand sich hier, in dem weichen, gelben Laub, das mehrere

Zoll hoch den Boden bedeckte, bald von seinen Quälgeistern verlassen,

die durch den über ihm hinweggehenden Rauch verscheucht wurden. Bob

schien sie gar nicht zu achten.

»Lieber ein Dach machen -- kann regnen die Nacht,« sagte der Indianer

jetzt.

»Regnen?« lachte Sechingen, »wo soll denn der Regen herkommen? es ist ja

keine Wolke am Himmel?«

»Schadet Nichts,« meinte Bob -- »Regenfrosch gutes Zeichen.«

»Ach nein -- hier ist's herrlich,« betheuerte Jener, der, von seinen

Plagegeistern für den Augenblick befreit, wieder das so lang gehegte und

genährte romantisch wilde Sehnen in sich erwachen fühlte -- »hier

ist's so wundervoll, mit dem grünen Laubdach über uns, dem blauen

sternbesäeten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauschenden Wald

um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des

prachtvollen Firmamentes entziehen würde; kommen Sie hierher, Bob, legen

Sie sich neben mich und erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.«

»Bob ist hungrig,« war die lakonische Antwort.

»Nun ja, da es einmal erwähnt wird,« meinte der Deutsche, »so wäre

mir auch ein Bissen Warmes nicht so unerwünscht, ein Tasse Thee könnte

besonders gar Nichts schaden.«

»Viel Thee im Wald,« sagte Bob.

»Thee? grüner Thee?«

»Gewiß grüner Thee -- will der Weiße Thee haben?«

»Das wäre nicht so übel,« erwiederte Sechingen, »auf alle Fälle können

wir es versuchen.«

Bob riß hierauf einen kleinen, neben ihm wachsenden grünen Strauch aus

der Erde, wischte die Wurzel so rein als möglich mit seinem Jagdhemd

ab, schnitt sie in dünne Spähne, that sie in den Blechbecher, den er an

seiner wollenen Decke hängend trug, füllte diesen dann voll Wasser und

setzte ihn auf die Kohlen.

»Und das wird Thee?« frug Sechingen ungläubig.

»Ahem,« war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte.

»Es ist aber doch sonderbar,« sagte der Deutsche nach einer wohl

viertelstündigen Pause, in der er träumend zu den funkelnden Sternen

hinaufgeschaut hatte, »daß wir jetzt schon über eine Stunde durch

den dichtesten Wald gegangen sind, ohne eine Spur von Wild gesehen zu

haben.«

»Sonderbar?« entgegnete die Rothhaut, »Bob hat drei Tage hier gejagt und

keine Klaue gefunden.«

Das stimmte nun freilich nicht mit Charles Fischers Aussagen überein,

doch blieb ihm für den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren

Erörterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dargereicht.

»Etwas Zucker und Milch wäre jetzt sehr an seinem Platz,« meinte dieser

-- »aber halt -- ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienst versehen,«

und aus einem kleinen Fläschchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, goß er

etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flasche dann an

Bob hinüber, der sie schon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet

hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenscheinlichem

Widerwillen mußte er zuletzt absetzen, um Athem zu holen und Sechingen

schob sie wieder in den Ranzen zurück. Der Thee war indessen etwas kühl

geworden, -- aber welch entsetzliches Gebräu.

»Pfui Teufel!« rief der junge Deutsche aus, indem er den Becher

zurückschob und aufsprang. »Bob, das können Sie allein trinken, das

schmeckt ja abscheulich.«

»Indianer trinkt nur Thee, wenn krank ist.«

»Ich bin aber nicht krank,« rief Sechingen.

»Ich auch nicht,« sagte Bob und begann mit großer Ruhe die Lederriemen

aufzubinden, die seine Decke zusammenhielten.

»Daß mich auch der Böse plagen mußte, mit keiner Sylbe an Lebensmittel

zu denken,« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, -- »ich glaubte

aber sicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stück Wild erlegen zu

können.«

»Bob kann warten,« brummte dieser und rollte die jetzt gelöste Decke

auf.

»Nun so erzählen Sie mir wenigstens etwas,« bat ihn der Deutsche, »ich

möchte gar so gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den

Lippen eines Indianers hören, und da wir doch nun einmal im Wald sind,

so lassen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Büffeln

oder Bären, von den Kämpfen mit anderen Stämmen, dem nächtlichen

Überfall, dem Schlachtschrei und den genommenen Scalpen hören -- was

hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir schlafen wollen?«

»Weiß Nichts zu erzählen,« sagte Bob, indem er seine Decke nahe zum

Feuer ausbreitete und dieses dann wieder von Frischem aufschürte --

»habe nie einen Büffel gesehen und noch keinen Bären geschossen; -- kam

vor sechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.«

»Und was haben Sie in den sechs Jahren getrieben? -- Jagd?«

»Nein -- Schuhmachen!«

»_Schuhmachen_?« frug Sechingen entsetzt -- »Schuhmachen? ein Indianer

-- in Arkansas? aber Ihr Vater war doch ein Jäger und Krieger? fiel

vielleicht in der Schlacht -- in einem nächtlichen Überfall.«

»Mein Vater starb in Georgien an den Blattern -- war ein Korbmacher.«

Bob schien jetzt zu glauben, daß er über sich und seine

Familienangelegenheiten hinlängliche Auskunft gegeben habe, denn er

rollte sich in die Decke, und war wenige Minuten später, wie sein

lautes, regelmäßiges Athmen bewies, sanft eingeschlafen. Sechingen aber

spießte, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit seinem Genickfänger höchst

mißvergnügt die vor ihm liegenden, gelben Blätter auf.

Er hatte sich Alles so romantisch gedacht -- das Heulen der Wölfe, das

Geschrei des Panthers, die Erzählungen eines rothhäutigen Kriegers von

Jagden und Kriegszügen, und dazu das Rauschen des mächtigen Urwaldes

-- Ja! Der Urwald umgab ihn, in all seiner Pracht und Herrlichkeit,

mit seinen Riesenstämmen und wild durchwachsenen Dickichten, mit den

gigantischen Weinreben, die sich von Stamm zu Stamm schlangen, und im

unzerreißbaren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber,

den er vernehmen konnte, war das Summen der Mosquitos, die, von der

kühlen Nacht nicht eingeschüchtert, nach dem warmen Blute des Fremdlings

lüstern, dessen Lager umschwirrten.

Höchst verdrießlich schob er sich endlich die Jagdtasche unter den Kopf,

und wollte ebenfalls schlafen, als er, wie von einer Natter gestochen,

wieder emporsprang, und nach der Büchse griff, denn dicht neben ihm

-- es konnte kaum zwanzig Schritte entfernt sein -- vernahm er den

sonderbarsten, wildesten Laut, den sich seine Phantasie nur je gedacht,

nur je geträumt hatte.

»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« tönte es so klagend, so

schauerlich, daß er, sprachlos vor Jagdeifer und innerem Entsetzen, den

Arm seines schläfrigen Gefährten ergriff, und den Ruhenden mit aller

Macht schüttelte, während er dabei in der Rechten die schnell gespannte

Büchse fertig zum Schuß hielt.

»Bob, -- Bob, -- Bob!« -- flüsterte er dabei mit unterdrückter Stimme --

»ein Panther -- _Bob_!«

»Ein was?« rief dieser, und sprang schnell auf die Füße, ergriff seine

Büchse und sah den Fremden groß an. »Wo? wo Panther?«

»Pst!« winkte Sechingen -- »dort war's -- gleich in dem Busch da -- er

muß auf einen Baum geklettert sein, mir kam es hoch vor.«

»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« riefen die schauerlichen Töne

auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengesetzten Seite.

»Horch -- horch -- er hat uns umschlichen -- erst war er hier.«

»Das der Panther?« frug Bob.

»Nun? was soll es sonst sein? ein Wolf steigt doch nicht auf die Bäume?«

»Eule!« sagte Bob, und legte sich wieder, ohne ein Wort zu verlieren,

nieder.

»Teufel!« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, indem er den Hahn

seiner Büchse in Ruhe setzte, »das nur eine Eule, und hat eine Stimme

wie das stärkste, gewaltigste Thier.« Bob hatte aber ganz recht, es war

wirklich eine Eule, die ihr einsames Nachtlied krächzte, und unwillig

warf sich der in seinen schönsten Erwartungen Getäuschte in das gelbe

Laub zurück.

Durch die ungewohnten Anstrengungen ermattet, schlief er lang und fest,

sein Erwachen war aber ein sehr trauriges, unbehagliches, denn, als er

von kalten Schauern durchschüttelt die Augen aufschlug, strömte von

dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten

Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender Donner

murmelte seinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebrannt und

ausgelöscht, und tiefe Nacht umgab ihn.

»Bob?« rief er -- »Bob! -- Bob!« wiederholte er stärker und ängstlicher,

als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, sein rother Führer könne ihn

im Stiche gelassen haben -- »_Bob_!« -- kein Bob antwortete und »_Bob_«

schrie er jetzt in die Höhe springend aus Leibeskräften, daß er selbst

vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurückbebte, der gar so schauerlich in

dem öden Walde wiederklang.

»Ja!« sagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in

seine Decke gewickelt, unter demselben Baume mit ihm stand -- »wir werden

nassen Morgen bekommen.«

»Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wären fort. --«

»Und wohin!« frug Bob, »ein Baum so gut wie der andere -- ich schlief!«

»Im Stehen?«

»Bob kann überall schlafen.«

»Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch

naß, und muß mich erkälten -- wenn ich nur wenigstens eine Decke hätte.«

»Wenn der Weiße Bob's Decke haben will,« sagte gutmüthig der Indianer,

-- »so mag er sie nehmen, Bob kann ohne Decke naß werden.«

Sechingen schämte sich im Anfang, den armen Burschen seines fast

einzigen Schutzes zu berauben, da der dünne Kattunlappen, den jener noch

darunter trug, sicherlich als kein wärmendes Kleidungsstück angesehen

werden konnte, doch überwog bald die Sorge um die eigene Gesundheit jede

andere Bedenklichkeit, und fest in die, wenn auch etwas feuchte doch

warme Umhüllung eingeschlagen, warf er sich wieder, die Waidtasche unter

dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Blätter ihnen,

wenigstens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer stärker und

stürmischer niedertobenden Schauer gewährten.

Bob kauerte sich dicht daneben, einen möglichst kleinen Raum einnehmend,

zusammen und ließ den Kopf auf die Brust hinuntersinken, wachte aber,

denn dann und wann lauschte er aufmerksam den Athemzügen des Weißen,

ob dieser schlafe oder nicht, bis er sich endlich von dessen

Bewußtlosigkeit hinlänglich überzeugt zu haben schien, und nun leise an

ihn hinkroch.

Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekümmert,

befühlte Bob mit vorsichtiger Hand und geräuschlosen Bewegungen die

Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des

Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die

Flasche der Ledertasche zu entrücken.

Wäre es Tageshelle gewesen, so hätte man des Indianers Gesicht wohl ein

triumphirendes Lächeln überfliegen sehen können, als er geräuschlos

und mit geübter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der

leise, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle

des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem

engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert,

und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal,

dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Rest zu entziehen, die

Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemühte sich jetzt, die

entwendete Flasche wieder an ihren früheren Platz zurück zu schaffen.

Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger

Weise verkehrt, mit der Öffnung nach unten, in die Tasche und ließ

den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten

Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz stürmenden Unwetters

und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen.

Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich

verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander

gepreßten Massen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner

Regen stäubte nieder und einzelne Windstöße schüttelten in Schauern

die großen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub

hernieder.

Sechingen, obgleich schon seit längerer Zeit erwacht, fürchtete fast,

sich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in

einander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er

sich, sprang, die Hülle von sich werfend, auf die Füße, und schaute mit

trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde

Natur.

»Das also ist Urwald!« seufzte er leise vor sich hin, indem er einige

der, trotz der kühlen Morgenluft auf ihn einstürmenden Mosquitos von

sich abzuwehren suchte -- »das ist Urwald? -- eine sehr schöne Gegend --

daß mich der Böse auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little-Rock

zu folgen; der Indianer schläft dabei in seinem dünnen, baumwollenen

Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett läge.«

Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern

war schon, um sich zu erwärmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen,

hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell

wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines

Marschgefährten bemerkte.

»Bob!« wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton

brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnürt und er konnte

sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hören; nochmals versuchte er

»Bob!« zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum

hörbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schüttelte

diesen, bis er auf die Füße sprang und sich nun langsam, wie eben erst

aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wolken umschaute.

»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« frug Sechingen jetzt

mit seiner leisen, röchelnden Stimme.

»Könnt laut reden,« sagte der Indianer, das Schloß seiner Büchse

abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, »kein Wild

hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.«

»Ich _kann_ nicht laut reden -- ich habe mich ja erkältet,« flüsterte

Sechingen ärgerlich.

»Erkältet!« rief verwundert die abgehärtete Rothhaut -- »erkältet? was

ist das?«

»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?«

»Fünf Meilen!« sagte Bob.

»So lassen Sie uns wenigstens eilen, daß wir dort hinkommen, ich bin

halb todt vor Hunger und Erschöpfung -- Pest!« rief er aber zu gleicher

Zeit, mit dem Fuße stampfend, aus, als er bei diesen Worten in die

Jagdtasche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flasche hervorzog, »auch

das noch -- ausgelaufen -- bis auf den letzten Tropfen -- die einzige,

letzte Stärkung fort.«

»Wie schade!« sagte Bob, und sah traurig die Flasche an. Doch hier half

kein weiteres Besinnen, beide Männer schulterten also ihre Gewehre, Bob

hing seine alte, nasse Decke, die er jedoch vorher so gut wie möglich

ausgerungen hatte, wieder auf den Rücken, und fort ging's auf's Neue

in den Wald hinein, oder eigentlich, besser gesagt, im Walde fort, denn

unbestreitbar waren sie darinnen.

Hier zeigte sich übrigens der Nutzen, den des Indianers Ortssinn, ein

gewisser ihm angeborener Instinkt, dem Deutschen gewährte, denn ohne

Jenen hätte er sich im Leben nicht wieder aus den Dickichten und Sümpfen

herausgefunden, die, einander so ganz ähnlich, ihn nicht begreifen

ließen, wie man in einem solchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung

beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer

unwegsamer wurde hier der Wald, häufiger und häufiger kreuzten sie

schmale, kleine tiefe Bäche, und standen plötzlich an einem kleinen

Flusse (oder einer _Slew_, wie es der Indianer nannte), der seine

schlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrängte.

»Bob!« sagte Sechingen erschrocken, als dieser ohne weiter eine Sylbe zu

äußern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Wasser bis unter

die Arme reichte -- »ist denn keine Fähre hier? wir sollen doch nicht

mitten durch?«

»Ist der Weiße hungrig?« frug Bob, stehen bleibend.

»Sehr!«

»Und naß?«

»Durch und durch!«

Bob erwiederte nichts weiter, sondern badete gerade durch, während ihm

die Fluth bis zu den Schultern stieg, und war in wenigen Minuten am

anderen Ufer. Wehmüthig schaute ihm Sechingen nach, überzeugte sich aber

bald, daß hier nichts Anderes zu thun übrig bliebe als zu folgen, denn

allein zurück zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das also, was er

nicht zu durchnässen wünschte, als Brieftasche, Zündhütchen, Pulverhorn

und Uhr in die Jagdtasche steckend und diese, nebst der Flinte, über

dem Kopf haltend, trat er seine unfreiwillige Wasserfahrt an, kam

auch glücklich hinüber, schüttelte sich hier, ließ das Wasser aus den

Wasserstiefeln laufen, indem er sich auf den Rücken legte und die Beine

an einem Baum in die Höhe reckte (im Anfang freilich etwas zu hoch) und

folgte dann dem Führer, der schweigend voranschritt.

So großen Jagdeifer Sechingen aber beim Anfang ihrer Wanderung gezeigt

hatte, so abgestumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden

und schaute kaum vom Boden auf, um nicht fortwährend über die

unzähligen, überall umhergestreuten Äste und Stämme zu stolpern und zu

stürzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgesetzt,

über die Schulter, die Mütze saß ihm tief in der Stirne und der einzige

Laut, den er von sich gab, war dann und wann ein leise gemurmelter

Fluch, wenn ihm die nassen Zweige in's Gesicht schlugen, oder sich

sein Fuß, trotz aller Vorsicht und Aufmerksamkeit, in dem dichten

Schlingpflanzengewebe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit

einem festen Netze überzog.

Da blieb Bob plötzlich stehen und hob schnell und lautlos die Büchse

an den Backen, und wie mit einem magischen Feuer durchgoß diese einzige

Bewegung den Körper des bis jetzt in fast gänzlicher Apathie versunkenen

Deutschen; blitzschnell riß er das eigene Gewehr von der Schulter

und schaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs

erstorbenen Jagdeifer erglühend, spähend umher, das Wild zu entdecken,

das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erst, als er der Richtung

von Bob's Büchse folgte, von deren Pfanne das Pulver schon zweimal

abgeblitzt war, sah er einen stattlichen Hirsch, der ruhig äste und

die Nähe zweier menschlichen Wesen gar nicht zu ahnen schien. Vor Eifer

zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutschen

Zündhütchen versehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schuß krachte

dröhnend durch den stillen Wald.

Hochauf sprang der Hirsch und setzte über einen, vor ihm liegenden

Baumstamm, blieb dann aber augenblicklich wieder stehen, äugte

verwundert umher, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und sprang eben

in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechingens Rehposten nachsausten.

Wohl schüttelte er den schönen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's

Gehör pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Höhe und war mit

wenigen Sätzen verschwunden.

»Ich muß ihn getroffen haben,« rief Sechingen, der dem Anschuß in wilder

Jagdlust zusprang; Bob folgte ihm jedoch sehr ruhig und bemerkte, die

Fährten keines Blickes würdigend:

»Hirsch merkwürdig wohl, wenn er den weißen Fleck zeigt -- weiße Mann

Bockfieber!«

Gar sehr wider Willen mußte es sich Sechingen zuletzt selbst gestehen,

daß er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Läufen das Wild gefehlt

habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schweiß war auf dem Laube zu

sehen. In hierdurch nicht gerade verbesserter Laune setzten also Beide,

nachdem der Deutsche zuerst wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und

erreichten, nach etwa zweistündigem Marschiren, das Haus, von dem Bob

gesprochen, und Sechingen mehr todt als lebendig, begrüßte mit freudigem

Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wärme versprechende Dach, aus

dessen Lehmschornstein eine dünne, blaue Rauchsäule emporwirbelte.

Nachdem die beiden Männer zuerst noch eine niedere, die Wohnung

umgebende Fenz überklettert hatten, näherten sie sich dem Gebäude,

dessen Thür, nach Art all der andern fensterlosen Blockhäuser, offen

stand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit einzulassen, und betraten den

inneren Raum, vor dessen breiten Kamin sie eine, dem Auge Sechingens

wenigstens, sehr sonderbar erscheinende Gruppe versammelt fanden.

Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in malerischen Stellungen

das Feuer umsaßen und umlagerten, und durch den Eintritt der Fremden in

ihren verschiedenen Beschäftigungen weiter nicht gestört wurden, als daß

die eine der Frauen, wahrscheinlich die Wirthin, mit ihrem Sessel ein

wenig zur Seite rückte und sagte:

»Nehmt einen Stuhl!«

Nun wäre das zwar an und für sich schon eine recht freundliche Einladung

gewesen, denn das Feuer flackerte mächtig und erwärmend mit rother Zunge

die schwarz geräucherte Esse empor, wenn -- nur ein Stuhl dagewesen

wäre, vergebens schaute sich aber der Deutsche nach einem derartigen

Möbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die

Büchsflinte in die Ecke, legte die Jagdtasche daneben, welchem Beispiel

der Indianer ohne weitere besondere Einladung folgte, und trat dann in

den für sie freigemachten Raum an die linke Kaminecke.

»Nehmt den Stuhl!« sagte die Frau zum zweiten Male, und winkte dabei mit

dem Kopf nach der gegenüber liegenden Ecke, aber kein Gegenstand,

der auch nur die entferntere Familienähnlichkeit mit einem derartigen

Hausgeräth gehabt, oder zu solchem hätte benutzt werden können, zeigte

sich dem Auge; die Ecke war, ein schmales, langes Bret was darin lehnte

ausgenommen, leer. Bob schien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung

und ihren Gebräuchen schon etwas besser bekannt, oder ein gewisser

Instinkt mußte ihn leiten, denn kaum hatte er sich seiner nassen Decke

entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieses dann, dicht neben

dem Kamin, zwischen zweien der die Wand bildenden Stämme hindurch, und

auswendig unter den, zu diesem Zweck in einen Pfirsichbaum geschlagenen

Pflock schob, und dem Deutschen mit der Hand zuwinkte, darauf Platz zu

nehmen, was dieser denn auch nach einigen, etwas ängstlichen Versuchen

zwar, befolgte, während Bob neben ihm stehen blieb und sich wie ein am

Spieße steckender Braten, langsam vor der Gluth im Kreise herumdrehte,

um seinem ganzen Körper einen gleichen Antheil von Wärme zukommen zu

lassen. Bald stieg von ihren nassen Kleidern der feuchte Dampf wie

eine Wolke zur Decke hinauf und drängte sich dort, durch aufgehangene

Schinken und Speckseiten, in's Freie.

Die Beschäftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erste frostige

Schütteln vorüber war, was Jeden erfaßt, der naß und kalt zu einem

erwärmenden Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf sich. Die

Herrin des Hauses saß nämlich auf einem kleinen Sessel, dem Feuer gerade

gegenüber, hatte zwei Karden oder Wollkämme in der Hand, mit welchen sie

die klargezupfte Baumwolle spinngerecht in lange Streifen rollte und nur

dann und wann ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus

dem Mund zu nehmen und den Kopf derselben, diese am Stiel fassend, durch

die glühende Asche zu ziehen, wonach sie die dadurch herausgehobene

kleine Kohle in die Höhe hielt, und in langen Zügen den verlöschten

Tabak wieder zu entzünden suchte. In ihrem ganzen Wesen lag aber eine

gewisse Reinlichkeit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen

Gesicht der Matrone, einen höchst wohlthuenden Eindruck auf den jungen

Deutschen machte, denn er war durch seine letzte Wanderung besonders

empfänglich für alles Das geworden, was Behaglichkeit und häuslichen

Sinn verrieth. Sie war sehr einfach, aber höchst sauber in selbstgewebte

Stoffe gekleidet, und die größte Ordnung schien auch in dem kleinen,

wenn gleich ärmlich ausgestatteten Raume zu herrschen, den sie bewohnte.

Keineswegs so günstig sprach ihn die Erscheinung der zweiten Gestalt an,

deren Haar, nach Art der irländischen Frauen, in einem breiten Scheitel

von dem rechten nach dem linken Ohr, quer über die Stirn hinüber gelegt

war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf

eine um so auffallendere Art gegen die neben ihr sitzende Amerikanerin

abstach. Ihr Anzug bestand aus grell buntem Kattun, der seine besten

Tage schon gesehen hatte, und dessen große Pfauenaugen wehmüthig nach

einer Stange Seife hinüber zu blinzen schienen, die auf einem kleinen

Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen

Fuß über den andern und stützte sich mit dem linken Arm auf das rechte

Knie, mit dem rechten Ellenbogen wieder auf den linken Arm, und paffte,

ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch aus ihrer

kurzen Pfeife nach Herzenslust in den Kamin hinein.

Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band. · 第 1 / 11 段