Zweitens, bei der Widerlegung: ob was einem Ding gleich eigen ist

(wie ein anderes), ihm nicht eigen ist. Dann wird ihm auch das nicht

eigen sein, was ihm gleich eigentümlich ist. So ist es dem Menschen

gleich eigen, zu sehen und zu hören. Es ist ihm aber nicht eigen, zu

sehen, also auch nicht zu hören. Bei der Behauptung: ob was ihm gleich

eigentümlich ist, ihm eigentümlich ist. Dann wird es ihm auch das sein,

was ihm gleich eigentümlich ist. So ist es der Seele gleich eigen,

erstes Subjekt des begehrenden, wie erstes Subjekt des denkenden Teils

zu sein. Es ist ihr aber eigen, erstes Subjekt des begehrenden Teils zu

sein. Daher muß es der Seele auch eigen sein, daß sie erstes Subjekt

des denkenden Teils ist.

Drittens, bei der Widerlegung: ob etwas dem, dem es gleich eigen ist,

nicht eigen ist. Dann wird es auch dem, dem es gleich eigen ist, nicht

eigen sein. Ist es ihm aber eigen, dann wird es dem anderen nicht eigen

sein[108]. So ist es der Flamme gleich eigen wie der Kohle zu brennen.

Es ist aber der Flamme nicht eigen zu brennen, und daher wird es der

Kohle nicht eigen sein zu brennen. Ist es ihr aber eigen, dann nicht

der Kohle. Für die Behauptung ist dieser Ort gar nicht verwendbar.

Der Ort aus dem sich gleich Verhaltenden unterscheidet sich von dem

anderen aus dem gleich sehr Zukommenden dadurch, daß dort nach dem

Verhältnis ohne Rücksicht auf das Zukommende geschlossen wird, während

man hier ein Ding darauf ansieht, ob es dem Subjekt zukommt oder nicht.

+Neuntes Kapitel.+

[Sidenote: 139a]

Sodann, bei der Widerlegung: ob der Gegner bei der Angabe dessen, was

einem Ding der Potenz nach eigen ist, dieses so Eigentümliche auch mit

Bezug auf Nichtseiendes angibt, wenn die Potenz dem Nichtseienden nicht

zukommen kann. Dann kann das behauptete Proprium kein wirkliches sein.

Wer es z. B. der Luft eigen sein läßt, daß sie respirabel ist, gibt das

potenziell Eigentümliche an — respirabel ist ja, was geatmet werden

kann —, gibt es aber auch mit Bezug auf Nichtseiendes an. Denn Luft

kann auch sein, wenn es kein von Natur zum Atmen der Luft veranlagtes

Tier gibt; dagegen ist kein Atmen möglich, wenn kein Tier ist, und so

kann es der Luft dann nicht eigen sein, daß sie geatmet werden kann,

wenn kein Tier ist, das sie atmen kann. Mithin kann es der Luft nicht

eigentümlich sein, daß sie respirabel ist. Bei der Behauptung: ob man

bei der Angabe dessen, was einem Ding der Potenz nach eigen ist, das

Proprium entweder mit Bezug auf Seiendes angibt, oder mit Bezug auf

Nichtseiendes, wenn die Potenz dem Nichtseienden zukommen kann. Dann

wird, was kein Proprium sein sollte, es dennoch sein. Wer es z. B. dem

Seienden eigen sein läßt, daß es leiden oder wirken kann, gibt zwar

potenziell Eigentümliches an, aber mit Bezug auf Seiendes. Denn zur

Zeit, wo es Seiendes ist, hat es auch das Vermögen, etwas zu leiden

oder zu wirken. Mithin muß es dem Seienden eigen sein, daß es leiden

oder wirken kann.

Sodann, bei der Widerlegung: ob der Gegner das Proprium durch den

Superlativ ausdrückt. Dann wird das, was Proprium sein soll, es nicht

sein. Denn gibt man es so an, so kann es einem begegnen, daß von dem,

wovon der Begriff gilt, der Name nicht gilt. Denn wenn auch das Ding

zugrunde gegangen ist, kann der Begriff gleichwohl fortbestehen, indem

er irgendeinem von dem, was noch ist, am meisten zukommt. Dieses gilt

z. B., wenn man es als Proprium des Feuers bezeichnet, daß es der

leichteste Körper ist. Denn wenn das Feuer zugrunde gegangen ist,

wird es doch einen unter den Körpern geben, der am leichtesten ist,

so daß das Feuer nicht die Eigentümlichkeit besitzt, der leichteste

Körper zu sein. Bei der Behauptung muß man sehen, daß man das Proprium

nicht durch den Superlativ ausdrückt. Dann wird es in diesem Betracht

richtig aufgestellt sein. Wenn man es z. B. als Proprium des Menschen

aufstellt, daß er von Natur ein zahmes sinnliches Wesen ist, so hat man

das Proprium nicht im Superlativ angegeben und hat es daher in diesem

Betracht richtig aufgestellt.

Sechstes Buch.

+Erstes Kapitel.+

Die Erörterung über die Definitionen hat fünf Teile.

Entweder ist es überhaupt nicht wahr, daß das, was den Namen hat,

auch unter den Begriff gehört — muß doch z. B. der Begriff Mensch

von jedem Menschen gelten —, oder man bringt das Ding, obwohl

eine Gattung vorhanden ist, nicht unter sie oder nicht unter die

eigentümliche Gattung — denn beim Definieren muß man das Ding in

eine Gattung gewiesen haben, um dann die Unterschiede hinzuzufügen,

da in der Definition die Gattung doch wohl am ersten das Wesen des zu

Definierenden wiedergibt, — oder der Begriff ist dem Ding nicht allein

eigen — die Definition muß, wie schon gesagt, dem Ding eigentümlich

sein —, oder man beobachtet alles Angegebene, definiert aber

gleichwohl nicht und bezeichnet die Quiddität des Dinges nicht. Dazu

kommt endlich der Fall, daß man zwar definiert, aber nicht so, wie man

soll.

[Sidenote: 139b]

Ob nun das, wovon der Name gilt, nicht ebenso in Wahrheit unter den

Begriff fällt, muß man nach den Örtern für das Akzidenz beurteilen.

Denn die ganze dortige Untersuchung gilt der Frage, ob die Aussage

wahr ist oder nicht. Zeigen wir, daß das Akzidenz dem Ding zukommt, so

sagen wir: es ist wahr, und zeigen wir, daß es ihm nicht zukommt, so

sagen wir: es ist nicht wahr. Ob man sodann das Ding nicht unter seine

besondere Gattung gebracht hat, oder ob ihm der aufgestellte Begriff

nicht eigentümlich ist, muß man aus den für Gattung und Proprium

angegebenen Örtern entnehmen.

So bleibt denn nur noch darzulegen, wie man es mit der Frage angehen

muß, ob man überhaupt nicht, oder doch nicht gut oder nicht so, wie man

soll, definiert hat. Hier gilt unsere Aufmerksamkeit zuerst der Frage,

ob man nicht gut definiert hat. Denn alles läßt sich leichter tun, als

gut tun. Hier wird also häufiger gefehlt werden, weil es schwerer ist,

und so muß der Angriff bei diesem Punkte leichter sein als bei jenem.

Nicht gut definieren kann man auf zweierlei Weise, einmal, wenn man

sich undeutlich ausdrückt — denn bei der Definition muß man so

deutlich wie möglich sein, da sie der Erkenntnis wegen gegeben wird

—, dann, wenn man in dem Begriffe mehr angibt, als nötig ist, da jede

weitere Zugabe zu der Definition überflüssig ist.

Jedes dieser beiden Momente zerfällt wieder in mehrere Teile.

+Zweites Kapitel.+

Ein erster Ort, um wegen Undeutlichkeit Einspruch zu erheben, liegt

vor, wenn die aufgestellte Definition eine Homonymie enthält, wenn

man z. B. sagt: Werden ist der Weg zum Sein, oder: Gesundheit ist der

Ausgleich von Wärme und Kälte. Weg und Ausgleich sind Homonyma, und so

weiß man nicht, welche von den Bedeutungen der doppelsinnigen Ausdrücke

gemeint ist.

Der gleichen Undeutlichkeit begegnet man, wenn das Definierte

vieldeutig ist und man nicht mit Unterscheidung von ihm spricht. Man

kann dann nicht wissen, ob die Definition dem einen oder dem anderen

gelten soll, und man kann in schikanöser Weise einwenden, daß der

Begriff nicht auf alles paßt, dessen Definition angegeben wird.

Dieses böswillige Verfahren läßt sich besonders dann anwenden, wenn

die Homonymie versteckt ist. Man kann aber auch selbst angeben, wie

viele Bedeutungen das durch die Definition Bestimmte hat, und so einen

Gegenschluß ziehen. Denn wenn der Begriff nach keiner der verschiedenen

Weisen gehörig erklärt wird, kann er offenbar auch nicht nach der Weise

bestimmt sein, die in Frage steht.

[Sidenote: 140a]

Ein anderer Ort ist gegeben, wenn der Gegner metaphorisch spricht, etwa

die Wissenschaft ein Unumstößliches sein läßt, oder die Erde eine Amme,

oder die Mäßigkeit einen Einklang. Jede Metapher ist undeutlich. Man

kann auch den, der von ihr Gebrauch macht, schikanieren, als habe er es

eigentlich gemeint. Dann wird die gegebene Bestimmung nicht passen, wie

z. B. bei der Mäßigkeit, da jeder Einklang in Tönen liegt. Auch müßte,

wenn Einklang Gattung für Mäßigkeit ist, das nämliche in zwei Gattungen

stehen, von denen keine die andere umfaßt. Denn der Einklang umfaßt

nicht die Tugend, und die Tugend nicht den Einklang.

Ferner: wenn man Worte verwendet, die durch keinen Gebrauch feststehen,

z. B. mit Plato das Auge wimpernumschattet sein läßt, oder die Spinne

voll Bissefäulnis, oder das Mark knochenentstammt. Alles Ungewöhnliche

ist undeutlich.

Einige Ausdrücke beruhen, ohne eigentliche zu sein, weder auf Homonymie

noch auf Übertragung, wie z. B. die Wendung: das Gesetz ist Maß oder

Bild des Naturrechts. Solche Ausdrücke sind schlimmer als die Metapher.

Die Metapher macht das durch die Ähnlichkeit Erklärte in gewisser Weise

bekannter. Denn wer sich einer Übertragung bedient, gebraucht sie auf

Grund irgendeiner Ähnlichkeit. Dagegen macht ein Ausdruck wie der

gedachte nichts bekannter, weil weder eine Ähnlichkeit vorliegt, auf

die hin das Gesetz Maß oder Bild sein könnte, noch es Brauch ist, so zu

reden, wenn man eigentlich sprechen will. Läßt man also das Gesetz im

eigentlichen Sinne Maß oder Bild sein, so sagt man die Unwahrheit. Denn

Bild ist etwas, dessen Entstehung auf Nachahmung beruht, was bei dem

Gesetze nicht zutrifft. Soll die Rede aber nicht im eigentlichen Sinne

gelten, so ist sie offenbar undeutlich und ein schlechterer Ausdruck

des Gedankens, als es eine Metapher nur sein kann.

Ferner: wenn aus der gebotenen Definition nicht der Begriff des

Konträren ersichtlich wird. Gut bestimmte Begriffe erklären auch ihr

Konträres.

Oder, wenn der Begriff, für sich angegeben, nicht klarmacht, was damit

definiert sein soll, sondern einen eher wie die Bilder der alten Maler

anmutet, wo man, wenn man es nicht darüber schrieb, nicht wußte, was

sie vorstellten.

+Drittes Kapitel.+

Ob demnach eine Definition nicht deutlich ist, muß man nach diesen und

ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen.

Ob sie zu viel enthält, muß man erstens danach bemessen, ob der Gegner

eine zusätzliche Bestimmung gemacht hat, die entweder allem Seienden

überhaupt, oder allem mit dem Definierten zur selben Gattung Gehörigen

zukommt. Damit enthielte die Definition notwendig zu viel. Die Gattung

muß das Ding von den anderen Gattungen, die Differenz von dem, was in

derselben Gattung steht, absondern. Nun sondert aber das schlechthin

allem Zukommende einen Gegenstand von nichts ab, was aber allem in

derselben Gattung Stehenden zukommt, scheidet ihn nicht von dem zur

selben Gattung Gehörenden. Mithin hat ein solcher Zusatz keinen Zweck.

[Sidenote: 140b]

Oder man bemißt es danach, ob das hinzugesetzte Merkmal dem

Gegenstand zwar eigentümlich ist, der Rest der Beschreibung jedoch,

auch wenn der Zusatz wegbleibt, ihm eigentümlich ist und sein Wesen

ausspricht. So ist es im Begriff des Menschen überflüssig, das

Wissensfähig hinzuzusetzen[109]. Denn auch wenn man es wegläßt, ist

die übrigbleibende Beschreibung ihm eigentümlich und gibt sein Wesen

wieder. Kurz: überflüssig ist alles, was so wegbleiben kann, daß doch

der Rest das, was man definiert, erklärt. Diesen Mangel hat auch

die Definition der Seele, wenn sie eine sich selbst bewegende Zahl

sein soll. Denn schon das sich selbst Bewegende ist Seele, wie Plato

definiert hat. Oder das Letztgenannte ist zwar der Seele eigentümlich,

erklärt aber, wenn die Zahl wegbleibt, ihr Wesen nicht. Ob es sich so

oder so verhält, ist schwer auszumachen[110]. Jedenfalls muß man diesen

Ort bei allen derartigen Dingen verwenden, soweit es einen Nutzen

verspricht. So z. B. wenn die Definition für Schleim lauten soll:

erste unverdaute Feuchtigkeit aus der Nahrung. Das Erste ist eines,

nicht vieles, so daß der Zusatz: unverdaut, überflüssig scheint, da

die übrige Beschreibung der Sache ihr auch ohne ihn eigentümlich ist.

Denn es kann nicht gleichzeitig das Unverdaute und sonst noch etwas

aus der Nahrung Kommendes das Erste sein. Oder ist es hiermit etwa

so, daß der Schleim nicht schlechthin von dem Feuchten, was aus der

Nahrung entsteht, sondern von dem Unverdauten das Erste ist? Somit

dürfte dieser Zusatz nicht fehlen, und ohne ihn wäre der Begriff nicht

richtig, da der Schleim nicht das Erste von allem überhaupt ist.

Ferner danach, ob etwas in der Begriffsbestimmung nicht allem zur

selben Art Gehörigen zukommt. Wer sie so gibt, definiert schlechter,

als wenn man etwas allem Seienden Zukommendes in sie hineinbringt.

In letzterem Falle muß, wenn die sonstige Beschreibung eine

eigentümliche ist, es auch die ganze sein. Man mag zu dem Proprium

Wahres hinzutun, was man will, immer wird die ganze Bestimmung dem

Ding eigentümlich sein. Kommt aber etwas in der Begriffsbestimmung

nicht allen zur selbigen Art gehörigen Dingen zu, so kann die ganze

dem Objekt unmöglich eigentümlich sein: sie ist nicht mehr mit ihm

konvertibel. So z. B. die Definition: gehendes zweifüßiges vier Ellen

großes Lebendiges. Sie ist mit ihrem Gegenstand, dem Menschen, nicht

konvertibel, weil nicht allen zu ebendieser Art gehörenden Individuen

das Merkmal: vier Ellen groß, zukommt.

Wiederum: ob man mehrmals dasselbe sagt, indem man z. B. das Gelüste

als Verlangen nach Süßem oder Lustbringendem bezeichnet; denn jedes

Gelüste geht auf Lustbringendes, so daß das auch das mit ihm Identische

tun muß. So bekommen wir als Definition des Gelüstes: Verlangen nach

dem Lustbringenden. Es ist ja kein Unterschied, ob man sagt: Gelüste

oder Verlangen nach Lustbringendem, und es geht jedes von beiden auf

das Lustbringende.

[Sidenote: 141a]

Indessen möchte die Wahrheit sein, daß hierin nichts Unzukömmliches

liegt. Ist doch auch der Mensch ein zweifüßiges Wesen und wird es

daher auch das mit ihm Identische sein. Das ist aber: durch Gehen

sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Er ist mithin ein durch Gehen

sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Aber hieraus erwächst keine

Unzuträglichkeit. Denn das Zweifüßig wird nicht von gehendem Lebendigen

prädiziert — das wäre zweimal von dem nämlichen —, sondern es wird

von gehendem zweifüßigen Lebendigen gesagt, und demnach wird es nur

einmal prädiziert. Ebenso ist es mit dem Gelüste. Die Bestimmung:

„nach Lustbringendem“ wird nicht von dem Verlangen, sondern von dem

Ganzen ausgesagt, so daß die Aussage auch hier nur einmal gemacht wird.

Eine Unzukömmlichkeit liegt nicht darin, daß dasselbe Wort zweimal

ausgesprochen, sondern darin, daß von etwas mehrmals dasselbe gesagt

wird, wie es z. B. von Xenokrates geschieht, wenn ihm die Klugheit es

ist, die die Dinge bestimmt und betrachtet. Wer bestimmt, betrachtet

auch, so daß er mit dem Zusatz: „und betrachtet“ zweimal das nämliche

sagt. Denselben Fehler begeht man, wenn man die Erkältung die Beraubung

(Privation, στέρησις) der natürlichen Wärme sein läßt. Jede Beraubung

raubt, was von Natur da ist, und so ist der Zusatz: natürlich, müßig.

Es genügte zu sagen: Beraubung der Wärme, da schon der Ausdruck

Beraubung besagt, daß sie etwas Natürliches betrifft.

Wieder: ob man nach dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären

hinzusetzt, die Epikie z. B. für eine Verkürzung des Nützlichen und

Gerechten erklärt. Das Gerechte ist doch etwas Nützliches und somit in

dem Nützlichen bereits einbegriffen. Es ist also müßig: man hat dem

allgemeinen Ausdruck einen partikulären beigegeben. Dasselbe geschieht,

wenn man die ärztliche Kunst zur Wissenschaft von dem macht, was für

Lebendes und Mensch gesund ist, oder das Gesetz zum Bilde dessen,

was von Natur sittlich und gerecht ist. Ist doch alles Gerechte ein

Sittliches, und demnach die Folge, daß man in einer solchen Definition

zweimal das nämliche sagt.

+Viertes Kapitel.+

Ob man demnach gut oder nicht gut definiert hat, ist nach diesen und

ähnlichen Gesichtspunkten zu beurteilen, ob man dagegen das Wesen

angegeben und bestimmt hat oder nicht, nach den folgenden.

[Sidenote: 141b]

Erstens muß man sehen, ob der Gegner die Definition nicht mittelst

früherer und bekannterer Begriffe gewonnen hat. Man definiert, damit

der fragliche Gegenstand erkannt werde. Wir erkennen aber etwas nicht

aus jedwedem, sondern aus Früherem und Bekannterem, nicht anders als

bei den Demonstrationen — denn das ist der Weg alles Lehrens und

Lernens —, und so erhellt denn, daß einer, der für die Definition

nicht solche Begriffe verwendet, nicht definiert hat. Sollte das nicht

gelten, so müßte ein und dasselbe Ding mehrere Definitionen haben. Denn

wer für die Begriffsbestimmung Früheres und Bekannteres verwendet,

hat offenbar besser definiert, und so gingen denn beide Definitionen

auf dasselbe. Das hat aber keinerlei Schein für sich. Für jedes Ding

ist sein wesenhaftes Sein eines. Sollte es daher für ein und dasselbe

mehrere Definitionen geben, so müßte das durch beide beschriebene Sein

des Definierten dasselbe sein. Das beiderseits beschriebene Sein ist

aber nicht dasselbe, da die Definitionen verschieden sind. Folglich hat

man offenbar nicht definiert, wenn man es nicht vermittelst früherer

und bekannterer Begriffe tut.

Ob nun eine Definition nicht auf bekannteren Begriffen fußt, läßt sich

in zweifacher Weise feststellen. Man muß sehen, ob sie aus Begriffen

gewonnen ist, die schlechthin, oder aus solchen, die für uns minder

bekannt sind. Denn beides kann der Fall sein. Schlechthin bekannter ist

das Frühere im Vergleich zum Späteren, so der Punkt im Vergleich zur

Linie, die Linie mit der Fläche, die Fläche mit dem Körper verglichen.

Desgleichen die Einheit gegenüber der Zahl. Denn die Einheit ist für

jede Zahl das Frühere und Prinzip. Ebenso ist es der Buchstabe für

die Silbe. Für uns dagegen ist es oft umgekehrt. Der Körper fällt am

meisten in die Sinne, die Fläche mehr als die Linie und die Linie mehr

als der Punkt. Denn die Menge lernt das Körperliche besser kennen, da

der erste beste es erfaßt, während das andere einen schärferen und

bevorzugten Verstand erfordert. Es ist nun ja schlechthin besser,

daß man das Spätere durch das Frühere zu erkennen sucht, weil diese

Weise mehr der Wissenschaft entspricht. Für diejenigen jedoch, die auf

solchem Wege nicht zur Erkenntnis gelangen können, ist es vielleicht

notwendig, den Begriff durch ihnen bekanntere Merkmale zu erklären.

Solcher Art sind die Definitionen des Punktes, der Linie und der

Fläche. Alle diese Begriffsbestimmungen erklären das Frühere aus dem

Späteren: sie sagen uns, daß das eine die Grenze der Linie, das andere

die der Fläche und das dritte die des Körpers ist.

Man bemerke aber wohl, daß solche Definitionen nicht das Wesen des

Definierten erklären können, wenn nicht dasselbe schlechthin und für

uns bekannter ist. Muß doch eine gute Definition mittelst der Gattung

und der Differenz zustande kommen. Diese beiden sind aber schlechthin

bekannter und früher als die Art. Denn Gattung und Differenz heben,

selbst aufgehoben, auch die Art auf. Sie sind mithin früher als sie.

Aber sie sind auch bekannter. Denn wenn man die Art kennt, kennt man

notwendig auch Gattung und Differenz — wer den Menschen kennt, kennt

auch Sinnenwesen und Zweifüßiges —; wenn man aber die Gattung oder

die Differenz kennt, kennt man nicht notwendig auch die Art. Die Art

ist mithin weniger bekannt.

[Sidenote: 142a]

Auch müssen die, die solche Bestimmungen aus dem, was der Einzelne

besser kennt, für eigentliche Definitionen erklären, folgerichtig

sagen, daß ein und dasselbe Ding viele Definitionen zuläßt. Dem einen

ist dieses, dem anderen jenes, nicht allen dasselbe bekannter, und so

hätte man für jeden eine andere Bestimmung nötig, wenn die Definition

aus dem erwachsen soll, was den Einzelnen bekannter ist.

Auch ist für dieselben Personen zu einer Zeit dieses, zu anderer

Zeit jenes bekannter, anfangs das Sinnliche, später mit zunehmender

Geistesschärfe das Entgegengesetzte, und so dürfte man selbst nicht für

die nämliche Person immer die nämliche Definition angeben, wenn die

Begriffsbestimmung aus dem hergestellt werden soll, was jedem bekannter

ist.

Es ist also klar, daß die Definition nicht auf solchen, sondern nur auf

schlechthin bekannteren Merkmalen fußen darf. Nur so gewinnt man immer

eine und dieselbe Begriffsbestimmung.

Vielleicht ist aber auch das schlechthin Bekannte nicht was allen,

sondern was Menschen mit einem guten Verstande bekannt ist,

gleichwie das schlechthin Gesunde ist was es für Leute mit guter

Körperbeschaffenheit ist.

Alle diese Punkte wollen scharf aufgefaßt und in der Disputation

nützlich verwandt sein, am leichtesten ist aber unstreitig eine

Definition zu entkräften, wenn der Gegner den Begriff weder aus dem

schlechthin, noch aus dem für uns Bekannteren abgeleitet hat.

So besteht denn eine Weise, nicht aus Bekannterem zu definieren, wie

jetzt ausgeführt worden ist, darin, daß man das Frühere durch das

Spätere bestimmt; eine andere hat man, wenn Ruhendes und Bestimmtes

durch Unbestimmtes und Bewegtes erklärt wird. Denn das Bleibende

und Bestimmte ist früher als das Unbestimmte und in Bewegung

Befindliche[111].

Es kann aber der Fehler, daß man nicht aus Früherem definiert, auf

dreifache Weise begangen werden: erstens, indem man das Gegenteil durch

das Gegenteil, z. B. das Gute durch das Schlechte, definiert. Denn das

Gegenteilige ist seiner Natur nach gleichzeitig. Manche sind aber auch

des Glaubens, daß die Wissenschaft der beiden Opposita dieselbe und

demnach auch das eine nicht bekannter als das andere sei[112].

Man bemerke aber, daß manches sich vielleicht nicht anders definieren

läßt, wie z. B. das Doppelte nicht ohne das Halbe und alles, was an

sich relativ ist. Denn für alles solche besteht das Sein gleichmäßig in

einem bestimmten Verhalten zu etwas, so daß man das eine unmöglich ohne

das andere kennen kann, weshalb auch in der Definition des einen das

andere mit einbegriffen ist.

Man muß also alle diese Regeln kennen und sie so verwenden, wie es

einem nützlich scheint.

[Sidenote: 142b]

Eine zweite Form dieses Verstoßes liegt vor, wenn man das Definierte

selbst verwendet. Dieser Fehler versteckt sich aber, wenn man nicht

seinen Namen selbst verwendet, indem man z. B. die Sonne als den am

Tage leuchtenden Himmelskörper definiert. Wer Tag sagt, sagt Sonne. Um

einen solchen Schnitzer aufzudecken, muß man an die Stelle des Namens

den Begriff setzen, daß z. B. der Tag die Bewegung der Sonne über die

Erde ist. Es ist klar, daß man Sonne sagt, wenn man sagt: die Bewegung

der Sonne über die Erde, und demnach hat man die Sonne verwandt, wenn

man den Tag verwendet.

Drittens fehlt man so, wenn man von den zwei Gliedern einer Einteilung

das eine durch das andere definiert, z. B. ungrad als um eins größer

als grad. Die Teile derselben Gattung sind von Natur zugleich; ungrad

und grad sind aber solche Teile: beide sind Unterschiede der Zahl.

Ähnlich fehlt man, wenn man das Übergeordnete durch das Untergeordnete

definiert, z. B. die grade Zahl als eine solche, die sich halbieren

läßt, oder das Gute als einen tugendhaften Habitus (Verfassung).

Halbieren muß begrifflich von zwei abgeleitet werden, das grade ist,

und die Tugend ist etwas Gutes, und so sind die beiden zur Erklärung

gebrauchten Momente dem zu Erklärenden untergeordnet. Auch muß, wer das

Untergeordnete gebraucht, auch das, dem es das ist, gebrauchen: wer das

Moment Tugend gebraucht, gebraucht das des Guten, da die Tugend ein

Gut ist; ebenso gebraucht, wer halbieren sagt, den Begriff grad, da

halbieren in zwei Teile zerlegen heißt, und zwei grade ist.

+Fünftes Kapitel.+

Der Fehler, daß man die Definition nicht von Früherem und Bekannterem

nimmt, macht im ganzen einen Ort aus, dessen Teile wir angegeben haben.

Ein zweiter Ort ist, wenn das Ding in einer Gattung steht und man es

nicht in ihr unterbringt. Diesen Fehler haben alle Definitionen, die

nicht die Quiddität des Begriffes vorlegen, wie die Definition des

Körpers: das Dreidimensionale, oder wenn man den Menschen definierte:

was zu rechnen versteht. Hier fehlt die Angabe, was das ist, das drei

Dimensionen hat oder zu rechnen versteht. Was aber die Quiddität

anzeigen will, ist die Gattung: sie muß in der Definition voranstehen.

[Sidenote: 143a]

Ferner: wenn das Definierte für mehreres Geltung hat und man gleichwohl

nicht alles, wofür es gilt, angibt, wenn man z. B. die Grammatik als

die Fertigkeit bestimmt, Vorgetragenes zu schreiben. Es gehört dazu

noch: und die Fertigkeit zu lesen. Die Fertigkeit zu schreiben gehört

nicht mehr in die Definition als die Fertigkeit zu lesen, und so hat

man weder wirklich definiert, wenn man bloß das eine, noch wenn man

bloß das andere, sondern nur, wenn man beides sagt. Es kann ja doch

für Eines nicht mehr als eine Definition geben. Oft ist es nun in

Wahrheit so, wie angegeben, in manchen Fällen jedoch wieder nicht,

und zwar immer, wenn eine Bestimmung nicht an und für sich für beides

gilt, wie z. B. für die Heilkunde, daß sie Gesundheit und Krankheit

bewirkt. Sie bewirkt das eine an sich, sofern sie Heilkunde ist, das

andere per accidens (mitfolgend). Denn schlechthin ist es der Medizin

fremd, daß sie Krankheit bewirkt. Mithin ist die Definition, die beide

Seiten hervorhebt, nicht eher eine wirkliche Begriffsbestimmung, als

die andere, die nur eine Seite berücksichtigt, sondern selbst wohl noch

weniger, da auch jeder Nichtarzt krank machen kann.

Ferner: wenn das Definierte für mehreres gilt, wovon man statt des

Besseren das Schlechtere angibt. Jede Wissenschaft und Kunst geht doch

wohl auf das Beste, was sie weiß und kann[113].

Ob hinwieder etwas nicht in seine eigentümliche Gattung zu stehen

gekommen ist, muß man nach den oben entwickelten Grundregeln über die

Gattungen beurteilen.

Ferner: wenn man beim Definieren die Gattungen übergeht[114], z. B.

die Gerechtigkeit definiert als Gleichheit herstellenden oder Gleiches

zuteilenden Habitus. Wer so definiert, übergeht die Tugend und gibt

somit, da er die Gattung für Gerechtigkeit ausläßt, ihr Wesen nicht

an. Denn das Wesen ist für jedes Ding an seine Gattung gebunden. Es

ist das dieselbe Weise wie jene, wo das Objekt nicht unter die nächste

Gattung gebracht wird. Eine Bestimmung, die das Objekt unter die

nächste Gattung bringt, gibt damit alle höheren an, da diese sämtlich

von den niederen Gattungen ausgesagt werden. Man muß demnach entweder

den Begriff unter die nächste Gattung bringen, oder der höheren Gattung

alle Differenzen beigeben, wodurch die nächste Gattung bestimmt wird.

Denn so läßt die Definition nichts aus, sondern gibt statt des Namens

den Begriff der niederen Gattung an. Eine Bestimmung dagegen, die nur

die höhere Gattung selbst angibt, gibt nicht auch die niedere an. Denn

wer Pflanze sagt, sagt nicht Baum.

+Sechstes Kapitel.+

Ebenso ist wieder bei den Differenzen darauf zu achten, ob die

Definition auch die Differenzen der Gattung angibt. Enthält sie nicht

die eigentümlichen Differenzen der Gattung, oder gibt sie gar etwas an,

was für keinen Gegenstand eine Differenz bilden kann, wie das Merkmal

Lebendiges oder Substanz, so wird offenbar nicht definiert, weil solche

Merkmale überhaupt keine Differenz bilden.

[Sidenote: 143b]

Man muß aber auch sehen, ob die angegebene Differenz ein Gegenteil

hat. Ist es nicht der Fall, so kann sie offenbar keine Differenz der

Gattung sein. Denn jede Gattung zerfällt in gegenteilige Differenzen,

so z. B. Sinnenwesen (ζῷον) in Gangtier, Flugtier, Wassertier und

Zweifüßig (Mensch). Oder ob eine gegenteilige Differenz zwar da ist,

aber für die Gattung nicht gilt. Denn dann kann offenbar keine von

beiden Differenz der Gattung sein, weil alle gegenteiligen Differenzen

für die eigentümliche Gattung gelten. Ebenso, ob sie gilt, aber keine

Art bildet, wenn man sie der Gattung beigibt. Dann kann sie offenbar

auch keine spezifische (artbildende) Differenz der Gattung sein. Denn

jede spezifische Differenz bildet zusammen mit der Gattung eine Art.

Ist sie aber keine Differenz, dann auch die vorgebliche nicht, da sie

ihr Gegenteil ist.

Es ist ferner ein Fehler, wenn man die Gattung durch Negation einteilt,

wie wenn man z. B. die Linie dahin bestimmt, daß sie eine Länge ohne

Breite sei. Denn das heißt nichts anderes, als daß sie keine Breite

hat. Es müßte dann folgerichtig die Gattung an der Art teilnehmen.

Denn jede Länge hat entweder keine Breite oder wohl, da von jedem

Ding entweder die Bejahung oder die Verneinung gilt, und so muß auch

die Gattung der Linie als Länge entweder ohne Breite sein oder Breite

haben. Nun ist aber Länge ohne Breite Begriff der Art, aber ebenso

auch Länge, die Breite hat. Denn ohne Breite und Breite habend sind

Differenzen, und aus Differenz und Gattung besteht der Artbegriff.

Mithin träte die Gattung unter den Begriff der Art. Aber ebenso auch

unter den der Differenz, da die andere Differenz notwendig von der

Gattung ausgesagt wird.

Dieser Ort ist gegen die verwendbar, die das Dasein von Ideen

behaupten. Gibt es eine Länge an sich, wie kann man da die Gattung eine

Breite oder keine haben lassen? Es müßte ja von aller Länge nur eins

von beiden gelten, wenn es von der Gattung gelten soll. Es ist aber

nicht wahr, da es Längen ohne und mit Breite gibt. So ist denn dieser

Ort nur gegen die verwendbar, die die Gattung der Zahl nach eine sein

lassen, wie die Verteidiger der Ideen, die eine Länge an sich und ein

Sinnenwesen an sich zur Gattung machen[115].

[Sidenote: 144a]

Bei einigen Dingen ist man aber vielleicht gezwungen, für die

Definition auch die Verneinung zu verwenden, so z. B. bei den

Privationen. Denn blind ist, was kein Gesicht hat, zur Zeit wo es von

Natur es haben sollte. Es macht aber keinen Unterschied, ob man die

Gattung durch Verneinung oder durch eine Bejahung einteilt, deren

Gegenteil notwendig eine Verneinung ist, wie wenn man definiert: eine

Länge, die Breite hat. Denn von dem, was Breite hat, ist das Gegenteil,

was keine hat, und sonst nichts, und so wird hier die Gattung wieder

durch Verneinung eingeteilt.

Ferner: wenn man statt der Differenz die Art angibt, etwa die

Beschimpfung als eine Unbilde mit Verspottung definiert. Die

Verspottung ist eine bestimmte Unbilde, mithin nicht Differenz, sondern

Art.

Ferner, wenn man statt der Differenz die Gattung setzt, die Tugend etwa

eine gute oder rechtschaffene Verfassung nennt. Gut ist Gattung von

Tugend.

Doch möchte vielleicht gut nicht Gattung sein, sondern Differenz,

wofern es wahr ist, daß das nämliche nicht in zwei Gattungen stehen

kann, deren keine die andere umfaßt. Verfassung ist nicht in gut, und

gut nicht in Verfassung begriffen. Denn nicht jede Verfassung ist gut,

und nicht alles Gute Verfassung. Folglich sind nicht beide Gattungen.

Wenn nun Verfassung Gattung von Tugend ist, so ist gut offenbar

nicht Gattung, sondern vielmehr Differenz. Auch zeigt Verfassung an,

was die Tugend ist, gut dagegen zeigt keine Quiddität, sondern eine

Qualität an. Nun dürfte es aber grade eine Qualität sein, die durch die

Differenz angezeigt wird.

Man muß auch sehen, ob die angegebene Differenz kein Qualitatives,

sondern ein Dieses bezeichnet. Jede Differenz scheint ein Qualitatives

anzuzeigen.

Man muß auch darauf achten, ob die Differenz dem Definierten

akzidentell zukommt. Keine Differenz, wie auch die Gattung nicht,

gehört zu den Akzidenzien: von der Differenz darf es nicht gelten, daß

sie einem Dinge ebensogut zukommen wie nicht zukommen kann.

Ferner: wenn die Differenz oder die Art oder etwas der Art

Untergeordnetes von der Gattung ausgesagt wird, hat man nicht

definiert. Nichts von alledem kann der Gattung zukommen, da sie einen

größeren Umfang hat als alles dieses.

[Sidenote: 144b]

Ferner: wenn die Gattung von der Differenz ausgesagt wird. Die Gattung

scheint nicht von der Differenz, sondern von dem ausgesagt zu werden,

dem die Differenz beigelegt wird, so das Sinnenwesen von Mensch, Ochs

und den anderen Gangtieren, nicht von der spezifischen Differenz

selbst. Denn soll von jeder Differenz Sinnenwesen gesagt werden,

so würden viele Sinnenwesen von der Art ausgesagt werden, da die

Differenzen von der Art ausgesagt werden. Auch sind alle Differenzen

entweder Arten oder Individuen, wofern sie Sinnenwesen sein sollen.

Denn jedes sinnliche Wesen ist entweder Art oder Individuum[116].

Ebenso muß man sehen, ob die Art oder etwas der Art Untergeordnetes

von der Differenz ausgesagt wird. Das ist unmöglich, da die Differenz

einen weiteren Umfang hat als die Arten. Auch würde folgen, daß die

Differenz eine Art wäre, indem ja eine von den Arten von ihr ausgesagt

wird. Denn wenn Mensch von ihr ausgesagt wird, so ist sie offenbar

Mensch[117].

Wiederum: ob die Differenz nicht früher ist als die Art. Die Differenz

muß später sein als die Gattung, aber früher als die Art[118].

Auch muß man sehen, ob die angegebene Differenz noch einem anderen als

dem in der Definition angeführten Genus, das weder in ihm enthalten

ist, noch es enthält, zukommt. Dieselbe Differenz scheint nicht zweien

Gattungen zuzukommen, deren keine die andere enthält. Sonst wäre die

Folge, daß auch dieselbe Art zu zweien Gattungen gehörte, deren keine

die andere enthielte. Denn jede Differenz bringt die ihr eigene Gattung

mit sich, wie z. B. Gehend und Zweifüßig das Sinnenwesen. Wovon also

die Differenz, davon wird auch jedes der beiden Genera ausgesagt, und

so stände die Art offenbar unter zweien sich nicht umfassenden Genera.

— Oder ist es vielleicht nicht unmöglich, daß dieselbe Differenz zweien

sich nicht umfassenden Gattungen zukommt, und muß man vielmehr noch

beifügen: zweien Gattungen, die auch nicht beide unter +einer+ höheren

Gattung stehen? Gehendes Sinnenwesen und fliegendes Sinnenwesen sind

Gattungen, die sich nicht umfassen, und ihrer beiden Differenz ist

das Merkmal zweifüßig. Man muß mithin beifügen: die auch nicht beide

unter +einer+ höheren Gattung stehen, da diese beide unter der Gattung

Sinnenwesen stehen. Es ist auch klar, daß, da dieselbe Differenz zweien

sich nicht umfassenden Gattungen zukommen kann, sie deshalb doch nicht

notwendig jede ihre eigene Gattung mit sich bringt, sondern nur eine

von beiden und die ihr übergeordnete, wie z. B. zweifüßig fliegendes

oder gehendes Sinnenwesen mit sich bringt.

[Sidenote: 145a]

Man muß sein Augenmerk auch darauf richten, ob man als

Wesensunterschied angibt, daß etwas in einem ist. Eine Wesenheit kann

sich doch von einer anderen Wesenheit nicht dadurch unterscheiden, daß

ihr Subjekt da ist oder dort. Daher tadelt man es auch, wenn Tier in

Land- und Wassertier eingeteilt werden soll, da Land- und Wassertier

auf das Wo des Aufenthalts hinweise. Oder ist vielleicht der Tadel in

diesem Punkte nicht berechtigt? Besagt doch Wassertier nicht, daß etwas

in einem oder irgendwo ist, sondern daß es eine bestimmte Qualität hat.

Ein Tier ist ein Wassertier, auch wenn es auf dem Lande ist, und ebenso

ist ein Landtier ein Landtier und kein Wassertier, wenn es auch im

Wasser ist. Aber gleichwohl hat man, falls die Differenz etwa besagt,

daß etwas in einem ist, offenbar gefehlt.

Wiederum: ob man die passive Qualität als Differenz angegeben hat[119].

Durch jede solche Qualität tritt, wenn sie gesteigert wird, ihr

Subjekt aus seiner Wesenheit heraus. Aber der Differenz ist eine

solche Wirkung nicht eigen. Sie muß doch ihr Subjekt eher erhalten,

und es muß schlechterdings unmöglich erscheinen, daß etwas ohne seine

eigentümliche Differenz ist. Denn wenn kein Gehendes ist, kann kein

Mensch sein. Es kann überhaupt nichts, worin ein Subjekt qualitativ

verändert wird, seine Differenz sein. Denn durch alles Derartige tritt,

wenn es gesteigert wird, das Ding aus seiner Wesenheit heraus. Mithin

hat man, wenn man irgendeine solche Differenz angibt, gefehlt. Denn

es gibt überhaupt auf dem Boden der Differenzen keine qualitativen

Veränderungen für uns.

Und: ob man die Differenz eines Relativen ohne den Terminus der

Relation angegeben hat. Das Relative hat auch relative Differenzen, wie

z. B. die Wissenschaft. Man unterscheidet die theoretische, praktische

und poietische (hervorbringende) Wissenschaft, deren jede eine

Relation, eine Beziehung, besagt. Die theoretische Wissenschaft ist

Wissenschaft von etwas (dem Theoretischen) und die poietische von etwas

und die praktische von etwas.

Man muß auch darauf achten, ob der Definierende das angibt, wozu

das jeweilige Relative von Natur da ist. Manches Relative läßt sich

nur für das gebrauchen, wozu es von Natur da ist, und für sonst

nichts, manches wieder auch noch für anderes. Das Gesicht kann man

nur zum Sehen gebrauchen, mit dem Striegel wohl auch Wasser schöpfen.

Gleichwohl fehlte man, wollte man den Striegel als ein Gerät zum

Schöpfen definieren. Denn dafür ist er von Natur nicht da. Fragt man

für den Ausdruck: wozu es von Natur da ist, nach einer Definition,

so wäre sie: wozu der Kluge als Kluger und die jeweilige besondere

Wissenschaft es gebraucht.

Oder: ob man etwas nicht auf sein erstes Subjekt zurückgeführt hat,

wenn es mit Bezug auf mehrere Subjekte ausgesagt wird, ob man z. B.

die Klugheit für eine Tugend des Menschen oder der Seele, und nicht

für eine Tugend des Denkvermögens ausgegeben hat. Die Klugheit ist an

erster Stelle eine Tugend des Denkvermögens, und erst mit Rücksicht auf

dieses spricht man sie auch der Seele und dem Menschen zu.

[Sidenote: 145b]

Man hat auch gefehlt, wenn das, dem die definierte Affektion,

Verfassung und dergleichen zukommen soll, nicht ihr aufnehmendes

Prinzip sein kann. Jede Verfassung und jede Affektion entsteht ja

doch naturgemäß in dem, was sie hat, die Wissenschaft z. B. in der

Seele, deren Verfassung sie ist. Hierin fehlt man nun zuweilen, z. B.

wenn man sagt, der Schlaf sei ein Unvermögen des Sinnes, der Zweifel

das Gleichgewicht konträrer Schlüsse, der Schmerz ein gewaltsames

Auseinanderziehen von Teilen, die naturgemäß zusammengehören.

Der Schlaf kommt nicht dem Sinne zu, was er doch müßte, wenn er

ein Unvermögen des Sinnes ist. Und ebenso kommt auch der Zweifel

nicht konträren Schlüssen zu und der Schmerz nicht den naturgemäß

zusammengehörenden Teilen. Es müßte ja das Seelenlose Schmerz fühlen,

wenn ihm der Schmerz beiwohnen soll. Von dieser Beschaffenheit ist auch

die Definition der Gesundheit, wenn sie das Gleichmaß von Wärme und

Kälte sein soll. Denn da müßte die Wärme und die Kälte gesund sein.

Das Gleichmaß eines Dinges wohnt doch dem bei, was das Gleichmaß hat;

mithin müßte der Wärme und der Kälte die Gesundheit beiwohnen.

Wenn man in dieser Weise definiert, begegnet es einem auch, daß

man die Wirkung an Stelle der Ursache setzt und umgekehrt. Das

Auseinanderzerren zusammengehöriger Teile ist nicht Schmerz, sondern

seine Ursache, und das Unvermögen des Sinnes ist nicht Schlaf,

sondern je eines ist die Ursache des anderen. Wir schlafen entweder

vor Unvermögen, oder sind unvermögend vor Schlaf. Ebenso sollte es

scheinen, daß das Gleichgewicht konträrer Schlüsse die Ursache des

Zweifels ist. Denn wenn wir nach beiden Seiten Schlüsse ziehen und sich

auf beiden Seiten alles gleichmäßig verhält, so zweifeln wir, was von

beiden wir tun sollen.

Man muß ferner auf die verschiedenen Zeiten achten und sehen, ob

etwa die Übereinstimmung fehlt, wie wenn man z. B. definierte, das

Unsterbliche sei ein jetzt unvergängliches Lebendiges. Das jetzt

unvergängliche Lebendige wäre ja ein jetzt Unsterbliches. Oder

trifft das vielleicht in diesem Falle nicht zu? Der Ausdruck: jetzt

unvergänglich, ist ja zweideutig. Er kann entweder bedeuten: es ist

jetzt nicht vergangen, oder: es kann jetzt nicht vergehen, oder: es

ist jetzt so, daß es nie vergehen kann. Sagen wir also, ein Wesen sei

ein jetzt unvergängliches Lebendiges, so sagen wir, es sei jetzt ein

solches Lebendiges, daß es nie vergehen kann. Das hieße aber so viel

wie unsterblich, und mithin folgte nicht, daß es jetzt unsterblich

wäre. Aber wenn es sich gleichwohl trifft, daß das begrifflich

Bestimmte jetzt oder früher wäre, dagegen das, was den Namen hat,

nicht, so fehlt die Identität zwischen der Definition und dem

Definierten. — Demnach wäre dieser Ort in der bezeichneten Weise zu

verwenden.

+Siebentes Kapitel.+

[Sidenote: 146a]

Man muß auch sehen, ob ein Ding, das man definiert hat, seinen Namen

mehr auf Grund eines anderen trägt als auf Grund des aufgestellten

Begriffs, wie wenn z. B. die Gerechtigkeit das Vermögen sein soll,

das Gleiche zuzuteilen. Gerechter ist, wer den Vorsatz, als wer das

Vermögen hat, Gleiches zuzuteilen. Mithin kann die Gerechtigkeit nicht

das Vermögen sein, das Gleiches zuteilt. Denn dann wäre auch am meisten

gerecht, wer am meisten Gleiches zuzuteilen vermöchte.

Ferner: ob das Ding ein Mehr zuläßt, dagegen der Inhalt der Definition

nicht, oder ob umgekehrt der Inhalt der Definition es zuläßt, dagegen

nicht das Ding. Beide müssen es zulassen oder keines von beiden, da ja

der Inhalt der Definition mit dem Ding dasselbe ist.

Ferner: ob zwar beide ein Mehr zulassen, aber nicht beide gleichzeitig

eine Zunahme erfahren, wie wenn z. B. der Eros (die Liebe) das Gelüste

nach der Beiwohnung ist. Wer mehr liebt, den gelüstet nicht mehr nach

der Beiwohnung; mithin lassen beide das Mehr nicht gleichzeitig zu, was

doch sein müßte, da sie dasselbe sein sollten.

Ferner: ob, wo es sich um zwei Dinge handelt, von dem einen, wovon das

Ding mehr ausgesagt wird, der Inhalt der Definition weniger ausgesagt

wird, wie wenn z. B. das Feuer der feinste Körper ist. Die Flamme ist

mehr Feuer als das Licht, aber die Flamme ist weniger als das Licht der

feinste Körper, und doch müßte beides demselben mehr zukommen, da es

dasselbe sein sollte.

Wiederum: ob das eine (der Name) beiden Dingen, um die es sich handelt,

gleichmäßig, das andere (die Definition) ihnen nicht gleichmäßig,

sondern dem einen von ihnen mehr zukommt.

Man fehlt ferner, wenn man die Definition disjunktiv für zweierlei

Dinge aufstellt, wenn man z. B. das Schöne als das bestimmt, was für

das Gesicht oder das Gehör genußbringend ist, und das Seiende als das,

was leiden oder wirken kann. Es müßte dann dasselbe zugleich schön und

nichtschön, seiend und nichtseiend sein. Denn das, was für das Gehör

genußbringend ist, wird mit dem Schönen, und mithin das, was für das

Gehör nicht genußbringend ist, mit dem Nichtschönen identisch sein.

Denn für Identisches ist auch das Gegenteil identisch. Nun ist aber

das Gegenteil von schön nichtschön und von genußbringend für das Gehör

nichtgenußbringend für das Gehör. Das für das Gehör nicht Lustbringende

ist also offenbar identisch mit nichtschön. Wenn demnach etwas für das

Gesicht lustbringend, aber für das Gehör nicht lustbringend ist, so

wird es sowohl schön als nichtschön sein. Und ebenso werden wir zeigen,

daß dasselbe seiend und nichtseiend ist.

Ferner muß man für die Genera, die Differenzen und alles, was sonst

noch in den Definitionen angegeben wird, die Begriffe statt der Namen

setzen, und so sehen, ob etwas nicht übereinstimmt.

+Achtes Kapitel.+

[Sidenote: 146b]

Ist das Definierte entweder an sich oder seiner Gattung nach relativ,

so muß man sehen, ob in der Definition der Terminus der Relation

fehlt, die es an sich oder seiner Gattung nach hat, ob man z. B. die

Wissenschaft als unumstößliche Meinung oder den Wunsch als unlustfreies

Begehren bestimmt. Die Wesenheit alles Relativen hat eine Beziehung

auf ein anderes, da für jedes Relative das Sein dasselbe ist, wie sich

zu etwas in bestimmter Weise verhalten. Man müßte also sagen, die

Wissenschaft sei eine Meinung, die auf das Wißbare geht, und der Wunsch

sei ein Begehren des Guten. Ähnlich wäre es, wenn man die Grammatik

als die Wissenschaft der Buchstaben definierte, da man doch in ihrer

Definition angeben müßte, worauf sie sich entweder selbst bezieht

(nämlich auf die Kunst, die Buchstaben zu lesen und zu schreiben), oder

worauf sich ihre Gattung bezieht (auf das Wißbare, das, was seiner

Natur nach gewußt werden kann).

Oder man muß sehen, ob das, wovon man mit Beziehung auf etwas spricht,

nicht mit Beziehung auf sein Ziel beschrieben wird. Ziel ist in allem

das Beste oder dasjenige, um dessentwillen das andere ist oder wird

oder geschieht. Man muß also das Beste oder das Letzte angeben, muß

z. B. sagen, daß das Gelüste nicht auf das Genußbringende, sondern auf

den Genuß geht, da wir seinetwegen auch das Genußbringende wünschen.

Man muß auch sehen, ob der angegebene Terminus der Relation ein

Werden oder eine Tätigkeit ist. Nichts Derartiges kann Ziel sein. Das

Getanhaben und Gewordensein ist mehr Ziel als das Werden und Tun.

Indessen gilt dieser Satz vielleicht nicht allgemein. Die meisten

wollen wohl lieber genießen als zu genießen aufhören. Sie machen

mithin das Tun oder Tätigsein mehr zum Ziele als das Getanhaben oder

Tätiggewesensein.

Manchmal wieder muß man sehen, ob das Moment der Quantität oder der

Qualität oder der Örtlichkeit oder der anderen Kategorien nicht gehörig

bestimmt ist, ob z. B. bei dem Ehrgeizigen nicht angegeben ist, welche

und wieviel Ehre er begehrt; denn alle begehren nach Ehre. Mithin ist

es nicht genug, zu sagen, ehrgeizig sei, wer nach Ehre begehrt, sondern

man muß die angegebenen Bestimmungen hinzufügen. Ebenso muß man bei dem

Habsüchtigen hinzufügen, nach wieviel Habe er begehrt, oder bei dem

Unmäßigen, in welchen Genüssen er kein Maß hält. Denn nicht derjenige

wird unmäßig genannt, der von irgendeiner, sondern der, der von einer

bestimmten Lust überwunden wird. Oder wieder: wie man die Nacht als

Schatten der Erde definiert, oder das Erdbeben als Bewegung der Erde,

oder die Wolke als Verdichtung der Luft, oder den Wind als Bewegung

der Luft: man muß nämlich beifügen, von wieviel und von was für einem

Ding es gelten und wodurch es geschehen soll, und dasselbe ist in den

anderen Fällen dieser Art zu tun. Denn wenn man irgendeine Bestimmung

ausläßt, gibt man das Wesen nicht an Man muß diese Bestimmung aber

immer mit Rücksicht auf die Forderung des Falles zu treffen suchen:

es gibt kein Erdbeben, wenn Erde, und ebenso keinen Wind, wenn Luft

beliebig und in beliebiger Quantität bewegt wird.

[Sidenote: 147a]

Ferner, ob bei den Begierden und wo es sich sonst noch gehört, nicht

der Zusatz: anscheinend oder scheinbar steht, ob z. B. der Wunsch die

Begierde des Guten und das Gelüste die Begierde des Genußreichen sein

soll, nicht dessen, was gut oder genußreich scheint. Denen, die etwas

begehren, ist es oft verborgen, was gut oder genußreich ist, so daß es

nicht gut oder genußreich zu sein, sondern nur zu scheinen braucht.

Man müßte also entsprechend auch die Angabe machen. Wenn man das aber

auch tut, so muß man doch die Definition auf die Ideen zurückführen,

wenn man Ideen setzt. Denn nichts, was bloß scheint, hat eine Idee, von

einer Idee aber spricht man doch wohl mit Beziehung auf eine andere,

und sagt z. B.: das Gelüste an sich geht auf das Genußreiche an sich,

und der Wunsch an sich auf das Gute an sich. Sie gehen mithin auf kein

scheinbar Gutes und kein scheinbar Genußreiches; denn es ist ungereimt,

daß es ein Scheingut an sich und ein scheinbar Genußreiches an sich

geben soll.

+Neuntes Kapitel.+

Ferner muß man, wenn die Definition den Habitus betrifft, auf den

Inhaber, und wenn sie den Inhaber betrifft, auf den Habitus achten.

Gleiches gilt von anderen solchen Fällen. Ist z. B. das Genußreiche

das Nützliche, so ist auch der Genießende, wer den Nutzen hat. Man

kann überhaupt sagen, daß der Definierende in solchen Definitionen

gewissermaßen mehr als eines definiert. Wer die Wissenschaft definiert,

definiert in gewisser Weise auch die Unwissenheit, und ebenso

definiert man mit dem Wissenden den Unwissenden und mit dem Wissen

das Nichtwissen. Wenn das Erste erklärt ist, wird in gewisser Weise

auch das Übrige erklärt. Man muß also bei allen diesen Dingen sehen,

daß nirgendwo der Einklang fehlt, indem man die Regeln heranzieht, die

über das Konträre und das zu einer Begriffsreihe Gehörende aufgestellt

worden sind[120].

Man sehe ferner bei den Relativa, ob da, wo für die Gattung der

Terminus der Relation allgemein angegeben wird, für die Art ein unter

ihm stehender einzelner Terminus auftritt, ob z. B., wenn man die

Meinung auf das Objekt der Meinung bezieht, eine bestimmte Meinung auf

ein bestimmtes Objekt bezogen wird, und wenn man das Vielfache auf das

Vielteilige bezieht, ein Soundsovielfaches auf ein Soundsovielteiliges

bezogen wird. Macht man es nicht so, so hat man offenbar gefehlt.

Man habe auch acht, ob für das Entgegengesetzte der entgegengesetzte

Begriff, z. B. für das Halbe der dem Begriffe des Doppelten

entgegengesetzte Begriff auftritt: wenn doppelt ist, was ein anderes um

soundso viel übertrifft, ist halb, was um ebensoviel übertroffen wird.

[Sidenote: 147b]

Ebenso wie mit diesen relativen Gegensätzen ist es mit dem Konträren.

Für das Konträre gilt der konträre Begriff, der diesen Charakter der

Kontrarietät nach der einen oder der anderen der möglichen Verbindungen

des Konträren besitzt. Wenn z. B. nützlich ist, was Gutes bewirkt, so

muß schädlich sein, was Böses bewirkt oder Gutes zerstört. Denn eines

dieser beiden muß dem anfangs Genannten konträr sein. Wenn ihm demnach

keines von beiden konträr ist, so kann offenbar keiner der an zweiter

Stelle angegebenen Begriffe der Begriff des Konträren sein, und mithin

ist dann auch der an erster Stelle angegebene Begriff nicht richtig

angegeben. Da manches Konträre durch den Mangel des anderen ausgedrückt

wird, wie z. B. die Ungleichheit ein Mangel der Gleichheit zu sein

scheint — denn ungleich wird genannt, was nicht gleich ist —, so muß

man offenbar das in der Form des Mangels ausgedrückte Konträre durch

das andere definieren, dieses aber nicht wieder durch das in der Form

des Mangels Ausgedrückte; denn da folgte, daß man jedes von beiden

durch jedes erkännte. Man muß also bei dem Konträren auf diesen Fehler

achtgeben, wie wenn man z. B. die Definition aufstellte, die Gleichheit

sei das konträre Gegenteil der Ungleichheit: die Gleichheit würde da

durch das in der Form des Mangels Ausgedrückte definiert. Auch muß der,

der so definiert, das Definierte selbst verwenden, wie sich zeigt, wenn

man statt des Namens den Begriff nimmt: es trägt nichts aus, ob man

Ungleichheit sagt oder Mangel der Gleichheit, mithin wird Gleichheit

das konträre Gegenteil des Mangels der Gleichheit sein, und so hat man

das Definierte selbst in der Definition verwandt.

Wird keines von zwei Kontraria in der Form des Mangels ausgedrückt und

der Begriff ebenso bestimmt, wie z. B.: gut ist das konträre Gegenteil

von bös, so wird offenbar bös das konträre Gegenteil von gut sein. Denn

man muß für das so Konträre den Begriff auf gleiche Weise bestimmen.

Demnach folgt wieder, daß man das Definierte verwendet. Denn in dem

Begriff von bös kommt gut vor. Ist demnach gut das Kontrarium von bös,

und ist zwischen bös und Kontrarium von gut kein Unterschied, so wird

gut das Kontrarium des Kontrariums von gut sein, und so hat man denn

offenbar das Definierte selbst verwandt.

[Sidenote: 148a]

Ferner: ob man bei der Definition eines Mangels nicht angibt, worauf er

sich bezieht, ob z. B. auf einen Habitus oder sein konträres Gegenteil

oder auf was sonst, und ob man nicht beifügt, worin er seiner Natur

nach auftritt, entweder überhaupt nicht, oder nicht, worin als erstem

er von Natur auftritt, ob man z. B. die Unwissenheit einen Mangel,

aber nicht einen Mangel des Wissens nennt oder nicht beifügt, worin

er von Natur auftritt, oder dieses zwar tut, aber nicht angibt, worin

als erstem er auftritt, indem man z. B. nicht sagt: in dem denkenden

Seelenteile, sondern in dem Menschen oder der Seele. Tut man

irgendeines davon nicht, so fehlt man. Ebenso, ob man die Blindheit

nicht als einen Mangel des Gesichts im Auge bezeichnet: wer richtig

angeben will, was der Mangel ist, muß angeben, worauf er sich bezieht,

aber auch, welches sein Subjekt ist.

Ferner: ob man etwas, was keinen Mangel besagt, als einen Mangel

definiert, ein Fehler, der denen auch bei der (entsprechenden

Definition der) Unwissenheit vorhanden scheint, die die Unwissenheit

nicht im Sinne der Verneinung (des Mangels) verstehen. Denn nicht das,

was kein Wissen hat, scheint unwissend zu sein, sondern vielmehr das

Getäuschte, weshalb wir auch nicht sagen, daß das Seelenlose und die

Kinder (die nicht getäuscht werden können) unwissend sind. Also wird

die Unwissenheit nicht von dem Mangel des Wissens verstanden.

+Zehntes Kapitel.+

Ferner: ob gleichen Beugungsformen des Wortes gleiche des Begriffes

entsprechen; z. B. wenn nützlich ist was gesund macht, ist auch

nützlicherweise (ὠφελίμως) was auf eine Weise geschieht, die gesund

macht (ποιητικῶς ὑγιείας), und ist was genützt hat, was gesund gemacht

hat.

Auch ist zu prüfen, ob die angegebene Definition zu der Idee paßt.

Denn dieses ist bei manchen Definitionen nicht der Fall, z. B. nicht

bei der Weise wie Plato die verschiedenen Sinnenwesen definiert,

indem er das Wort sterblich hinzusetzt. Die Idee, wie z. B. Mensch

an sich, ist nicht sterblich, und mithin paßt der Begriff nicht zu

der Idee. Überhaupt muß bei den Begriffen, die das Moment des Wirkens

oder Leidens in sich schließen, die Definition mit der Idee verzwistet

sein. Denn die Ideen sind für die, die sie annehmen, unfähig zu leiden

und bewegt zu werden. Gegen sie sind mithin auch solche Gründe am

Platze[121].

Weiter: ob man bei homonymen Dingen (wo das gleiche Wort ungleiches

bedeutet) nur einen gemeinsamen Begriff für alle angibt. Dinge, wo

der Sinn der Bezeichnung einer ist, sind synonym, und somit kommt die

aufgestellte Begriffsbestimmung keinem der durch das Wort bezeichneten

Dinge zu, da sie gleichmäßig auf alles Homonyme passen soll. Diesen

Fehler hat auch die Definition des Lebens durch Dionysius, sofern das

Leben die Bewegung der sich ernährenden Gattung sein soll, die ihr

angeboren ist und ihr folgt; denn das haben die Tiere nicht mehr als

die Pflanzen. Das Leben scheint aber nicht nur als eine Art verstanden

zu werden, und ein anderes den Tieren, ein anderes den Pflanzen

zuzukommen. Man kann nun zwar den Begriff auch absichtlich so fassen,

auf Grund der Vorstellung, daß alles Leben synonym, wie von einer

Art, gedacht wird, aber es kann auch wohl geschehen, daß man sich der

Homonymie eines Wortes bewußt ist und nur nach der einen Bedeutung

definieren will und dennoch unvermerkt einen Begriff aufstellt, der

nicht einer Bedeutung eigentümlich ist, sondern für beide Bedeutungen

gilt. Gleichwohl fehlt man, möge man es so machen oder so[122].

[Sidenote: 148b]

Da manches Homonyme sich als solches verbirgt, so muß der Fragende das

Homonyme beim Disputieren als synonym behandeln — denn die Definition

für das eine wird für das andere nicht zutreffen, so daß es den

Anschein gewinnt, daß nicht in richtiger Weise definiert worden ist,

da die Begriffsbestimmung für alles Synonyme zutreffen muß —, dagegen

muß der Antwortende (der den Satz aufstellt) selbst (von sich aus) die

verschiedenen Bedeutungen unterscheiden.

Da aber manche von denen, die zu antworten haben (Defendenten), das

Synonyme für homonym erklären, wenn der angegebene Begriff nicht auf

alles paßt, und das Homonyme für synonym, wenn er auf beides paßt, so

muß man sich vorher mit dem Gegner hierüber verständigen oder durch

logischen Schluß dartun, daß etwas das eine oder das andere, homonym

oder synonym ist. Denn man gibt es dann eher zu, weil man die Folgen,

die sich daraus ergeben, nicht voraussieht.

Wenn aber keine Einigung vorausgegangen ist und der Gegner das Synonyme

für homonym erklärt, weil der angegebene Begriff nicht auch auf dieses

paßt, so muß man sehen, ob der Begriff, den man von ihm aufstellt,

auf das übrige paßt. Denn dann muß es offenbar mit dem übrigen

synonym sein. Wäre es das nicht, so gäbe es für das übrige mehrere

Definitionen. Denn es paßten die beiden Erklärungen des Wortes darauf,

die vorher und die nachher gegebene.

Wenn aber jemand hinwieder bei der Definition eines vieldeutigen

Ausdrucks, falls der Begriff nicht auf alles paßte, ihn zwar nicht für

homonym erklärte, aber bestritte, daß das Wort auf alles passe, indem

es auch der Begriff nicht tue, so wäre einem solchen zu bemerken, daß

man die überlieferte und gewöhnliche Benennung auf alle Fälle anwenden

müsse und an solches nicht rühren dürfe, wohl aber dürfe man manches

nicht so sagen wie der große Haufe[123].

+Elftes Kapitel.+

Wird die Bestimmung eines zusammengesetzten Begriffs gegeben, so muß

man den Begriff des einen der beiden Stücke wegnehmen und sehen, ob

auch der Begriff des Restes auf den Rest paßt. Wenn nicht, so paßt auch

nicht der Begriff des Ganzen auf das Ganze. Definiert man z. B. eine

begrenzte grade Linie als das Ende einer Fläche, die Enden hat, dessen

Mitte die Enden verdeckt, so muß, wenn der Begriff der begrenzten Linie

ist: Ende einer Fläche, die Enden hat, der Begriff der graden Linie der

Rest sein: dessen Mitte die Enden verdeckt. Aber die unbegrenzte Linie

hat weder Mitte noch Enden und ist doch grade. Mithin ist der Rest

nicht die Definition des Restes[124].

[Sidenote: 149a]

Ferner: ob der Begriff, wenn das Definierte zusammengesetzt ist,

gleichgliedrig mit ihm aufgestellt wird. Der Begriff heißt

gleichgliedrig, wenn so viele Nomina und Verba in ihm vorkommen,

als das Zusammengesetzte Teile hat. In solchen Definitionen findet

notwendig ein Umtausch der Bezeichnungen, ihrer aller oder einiger,

statt, da nun nicht mehr Bezeichnungen gebraucht werden als zuvor. Aber

man muß beim Definieren statt der Worte Begriffe angeben, am besten für

alle, wo nicht, doch für die meisten. Sonst hätte man auch definiert,

wenn man bei einem einfachen Ausdruck nur den Namen vertauschte und

z. B. statt Obergewand Mantel sagte.

Noch schlimmer wäre der Fehler, wenn man an Stelle eines Wortes ein

noch unbekannteres setzte und z. B. für weißer Mensch sagte: lichter

Sterblicher. So hat man einmal nicht definiert, und dann ist eine

solche Rede auch noch weniger deutlich.

Man muß auch bei der Vertauschung der Worte achtgeben, ob sie nicht

mehr dasselbe bezeichnen, wie wenn man z. B. die theoretische

Wissenschaft für eine theoretische Meinung erklärt. Meinung ist nicht

dasselbe wie Wissenschaft, was doch sein müßte, wenn auch das Ganze

dasselbe sein soll. In beiden Wendungen ist ja der Ausdruck theoretisch

gemeinsam, während der andere verschieden ist.

Ferner: ob man bei der Vertauschung des einen Wortes mit einem anderen

nicht eine andere Differenz, sondern eine andere Gattung angegeben

hat, wie es in dem angeführten Beispiel der Fall ist. Theoretisch ist

weniger bekannt als Wissenschaft: dieses ist Gattung, jenes Differenz,

die Gattung ist aber das Bekannteste von allem. Somit müßte man nicht

mit der Gattung, sondern mit der Differenz einen Umtausch vornehmen, da

sie minder bekannt ist. Doch diese Ausstellung ist wohl lächerlich. Es

kann sehr wohl geschehen, daß die Differenz im Gegensatz zur Gattung

durch ein sehr bekanntes Wort ausgedrückt ist[125].

Tauscht man aber nicht ein Wort gegen ein Wort aus, sondern will man

für ein Wort dessen Begriff setzen, so muß man offenbar eher die

Definition der Differenz als die der Gattung angeben, da man die

Definition um der Erkenntnis willen gibt. Denn die Differenz ist

weniger bekannt als die Gattung.

+Zwölftes Kapitel.+

Hat der andere aber den Begriff der Differenz angegeben, so muß man

sehen, ob dieser Begriff nicht etwa zu allgemein ist, indem er noch

anderes als die fragliche Differenz umfaßt. Hat man z. B. die ungrade

Zahl als eine Zahl bezeichnet, die eine Mitte hat, so muß man auch noch

angeben, wie sie eine Mitte hat. Das Wort Zahl kommt hier in beiden

Wendungen zugleich vor, während man mit dem Ausdruck für ungrad einen

Tausch vorgenommen hat. Es haben aber auch die Linie und der Körper

eine Mitte und sind doch nicht ungrad. Mithin haben wir hier keine

Definition von ungrad. Ist aber der Ausdruck: was eine Mitte hat,

vieldeutig, so muß man angeben, wie es eine Mitte hat. Mithin ist hier

entweder für einen Tadel Raum oder für den logischen Schluß, daß keine

Definition erbracht ist.

[Sidenote: 149b]

Wiederum: ob das Objekt des aufgestellten Begriffes zwar zu dem

Seienden gehört, dasselbe aber mit seinem Inhalt nicht der Fall ist,

wie wenn man z. B. das Weiße als eine mit Feuer vermischte Farbe

definierte. Es ist unmöglich, daß das Unkörperliche mit einem Körper

vermischt sei, und mithin kann es keine mit Feuer vermischte Farbe

geben, aber es gibt ein Weißes[126].

Ferner: alle, die bei den Relativa nicht unterscheiden, worauf sie sich

beziehen, sondern mehreres mit ihrer Angabe umfassen, geben eine ganz

oder teilweise falsche Definition, so z. B. wenn man die Heilkunde

für die Wissenschaft des Seienden erklärte. Ist die Heilkunde die

Wissenschaft gar keines Seienden, so ist diese Bestimmung offenbar

ganz und gar falsch, ist sie aber die Wissenschaft des einen Seienden

und des anderen nicht, so ist sie teilweise falsch. Denn sie muß die

Wissenschaft alles Seienden sein, wenn sie an sich und nicht mitfolgend

die Wissenschaft des Seienden sein soll, wie es bei den anderen

Relativa der Fall ist. Auf die Wissenschaft wird alles Wißbare bezogen,

und ebenso ist es bei den anderen Begriffen, da alles Relative sich

umkehren läßt.

Es würde auch, wenn es richtig wäre, den Beziehungspunkt nicht an sich,

sondern mitfolgend zu bezeichnen, jedes Relative nicht auf eines,

sondern auf mehreres bezogen werden. Denn es kann gar wohl dasselbe

Ding Seiendes, Weißes und Gutes sein, und somit hätte man, welchen von

diesen Beziehungspunkten man auch angäbe, ihn richtig angegeben, wenn

jemand, der den Beziehungspunkt mitfolgend angibt, ihn richtig angibt.

Ein solcher Begriff kann aber auch unmöglich dem angegebenen Objekt

eigentümlich sein. Denn nicht bloß die Heilkunde, sondern auch die

meisten anderen Disziplinen werden auf das Seiende bezogen, und

so wäre jede die Wissenschaft des Seienden. So gilt denn offenbar

diese Definition für keine Wissenschaft; denn die Definition muß

eigentümlich, sie darf nicht gemeinsam sein.

Zuweilen definiert man ein Ding nicht schlechthin, sondern nach seiner

guten Beschaffenheit oder nach seiner Vollendung. Von dieser Art ist

die Definition des Redners und des Diebes, wofern ein Redner sein soll,

wer es versteht, bei jedem Ding das Überzeugende herauszufinden und

nichts zu übergehen, und ein Dieb wer heimlich wegnimmt. Offenbar wird

bei solcher Beschaffenheit beider der eine ein guter Redner, der andere

ein guter Dieb sein. Denn nicht wer heimlich wegnimmt, sondern wer

heimlich wegnehmen will, ist ein Dieb[127].

Wiederum hat man gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen

Wünschenswerte für ein Bewirkendes oder Tätiges oder wie immer eines

anderen wegen Wünschenswertes erklärt, wie wenn man z. B. von der

Gerechtigkeit angibt, daß sie die Gesetze erhält, oder von der

Weisheit, daß sie die Glückseligkeit bewirkt. Was bewirkt oder erhält,

ist eines anderen wegen wünschenswert. Oder ist es damit etwa so, daß

ein seiner selbst wegen Wünschenswertes gar wohl auch wegen eines

anderen wünschenswert sein kann? Aber man hat nichtsdestoweniger

gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen Wünschenswerte so definiert.

Denn bei jedem Ding ist dasjenige sein Bestes, was am meisten in seinem

Wesen liegt. Besser ist aber was seiner selbst, als was eines anderen

wegen wünschenswert ist. Mithin müßte die Definition vielmehr dieses

zum Ausdruck bringen.

+Dreizehntes Kapitel.+

[Sidenote: 150a]

Man muß auch sehen, ob einer ein Ding so definiert, daß er sagt: es ist

diese Dinge (τάδε), oder: es besteht aus ihnen, oder: es ist das mit

dem.

Ist es diese Dinge (τάδε), so muß es folgerichtig beiden oder keinem

zukommen. So z. B., wenn man die Gerechtigkeit als Mäßigkeit und

Starkmut definiert. Wenn zwei Personen sind, deren jede je eine dieser

beiden Eigenschaften besitzt, so werden beide gerecht sein und keiner,

da beide zusammen die Gerechtigkeit haben, während jeder für sich sie

nicht hat.

Wenn aber das Gesagte noch nicht sehr ungereimt ist, da solches auch

sonst vorkommt — denn zwei können ganz gut eine Mine haben, ohne

daß sie einer von beiden hat —, so muß es aber doch ganz ungereimt

erscheinen, daß ihnen Konträres beiwohnt. Das muß aber wirklich der

Fall sein, wenn der eine von ihnen Mäßigkeit und Feigheit hat, der

andere Starkmut und Unmäßigkeit. Denn da werden beide Gerechtigkeit

und Ungerechtigkeit haben. Denn wenn die Gerechtigkeit Mäßigkeit

und Starkmut ist, wird die Ungerechtigkeit Feigheit und Unmäßigkeit

sein. Überhaupt dient alles, woran sich zeigen läßt, daß Teile und

Ganzes nicht dasselbe sind, dem Gesagten zur Stütze, da man bei einer

solchen Weise der Begriffsbestimmung die Teile mit dem Ganzen zu

identifizieren scheint, aber die treffendsten Gründe dafür liefern doch

die Dinge, bei denen, wie z. B. bei einem Hause und dergleichen, die

Zusammensetzung der Teile auf der Hand liegt; denn da kann offenbar,

obschon die Teile da sind, das Ganze nicht da sein, so daß also die

Teile nicht dasselbe sind wie das Ganze. Hat der andere aber nicht

gesagt, es sei dieses (ταῦτα, diese Dinge), sondern das Kompositum

aus ihm, so muß man zuerst sehen, ob aus dem Genannten (den genannten

Dingen) von Natur eins werden kann. Manches steht zueinander in einem

solchen Verhältnis, daß nichts aus ihm wird, wie z. B. Linie und Zahl.

Dann muß man sich fragen, ob zwar das Definierte von Natur in etwas

Einheitlichem als erstem Subjekt Dasein gewinnen, dagegen seine

vorgeblichen Bestandteile nicht in einem solchen, sondern jeder nur in

je einem anderen entstehen können. Dann kann das Definierte offenbar

nicht aus diesen Teilen bestehen. Denn worin die Teile, darin muß auch

das Ganze vorhanden sein, mithin ist das Ganze nicht in einem, als

seinem ersten Subjekt, sondern in mehreren.

Haben aber sowohl die Teile als das Ganze ein einheitliches erstes

Subjekt, so muß man sehen, ob sie nicht dasselbe Subjekt haben, sondern

ein anderes das Ganze und ein anderes die Teile.

Wiederum: ob die Teile zugleich mit dem Ganzen vergehen: es muß

umgekehrt sein, daß, wenn die Teile vergangen sind, das Ganze vergeht.

Wenn aber das Ganze vergangen ist, brauchen nicht auch die Teile

vergangen zu sein.

[Sidenote: 150b]

Oder: ob das Ganze gut oder schlecht ist, die Teile aber keines von

beiden, oder umgekehrt die Teile gut oder schlecht, das Ganze aber

keines von beidem. Aus dem, was keines von beidem ist, kann weder Gutes

noch Schlechtes werden, und ebenso aus dem, was schlecht oder gut ist,

nichts, was keins von beiden ist.

Oder: ob das eine mehr gut ist als das andere schlecht, das Kompositum

aus beidem aber nicht mehr gut als schlecht, wie wenn z. B. die

Unverschämtheit aus Mut und falscher Meinung bestehen soll. Der Mut ist

mehr gut, als die falsche Meinung schlecht ist. Es müßte also auch das

Kompositum aus beidem dem Mehr folgen und entweder schlechthin gut oder

mehr gut als schlecht sein.

Indessen ist das vielleicht nicht notwendig, es müßte denn jedes von

beiden an sich gut oder schlecht sein. Vieles, was Gutes bewirkt, ist

an sich nicht gut, wohl aber gemischt, oder umgekehrt ist jedes von

beiden gut, gemischt dagegen schlecht oder keins von beidem. Dieses

zeigt sich am deutlichsten bei dem, was der Gesundheit nützlich oder

schädlich ist. Manche Mittel sind so beschaffen, daß jedes für sich gut

ist, gibt man sie aber beide gemischt, so schaden sie.

Wiederum: ob das Ganze, wenn es aus einem Besseren und einem

Schlechteren besteht, nicht schlechter ist als das Bessere, aber besser

als das Schlechtere. Doch ist wohl auch das nicht notwendig, wenn die

Bestandteile nicht an sich gut sind, vielmehr kann es wohl geschehen,

daß ein Ganzes herauskommt, das nicht gut ist, wie in dem eben

angeführten Beispiel.

Ferner: ob das Ganze mit einem Teil synonym ist. Das darf nicht sein,

wie es auch bei den Silben nicht vorkommt. Die Silbe ist mit keinem von

den Buchstaben, aus denen sie besteht, synonym.

Ferner: ob der andere die Weise der Zusammensetzung nicht angibt.

Um etwas zu erkennen, genügt es nicht zu sagen: aus dem und dem.

Denn nicht darauf, daß etwas aus dem und dem, sondern darauf, daß es

soundso daraus ist, beruht das Wesen eines jeden der zusammengesetzten

Dinge, wie z. B. bei einem Hause. Wenn man die Materialien beliebig

zusammengestellt hat, ist es noch lange kein Haus.

Hat der andere aber gesagt, das zu Definierende sei das mit dem, so

ist dazu fürs erste zu bemerken, daß das mit dem dasselbe ist entweder

mit dieses (τάδε) oder mit das aus ihm Bestehende. Wer sagt: Honig mit

Wasser, sagt entweder: Honig und Wasser, oder: etwas aus Honig und

Wasser, und so wird man ihm, mag er sein „das mit dem“ dem einen davon

oder dem anderen gleichsetzen, füglich dasselbe bemerken können, was

wir vorhin aufs eine und andere bemerkt haben.

Ferner muß man unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man sagt: das

eine mit dem anderen, und sehen, ob es in keinem Sinne zutrifft, daß

das mit dem ist. Sagt man z. B.: das eine mit dem anderen wie in

demselben aufnehmenden Subjekt, wie etwa Gerechtigkeit und Mut in der

Seele sind, oder wie an demselben Ort oder in derselben Zeit, und

erfüllt sich das Gesagte an dem Genannten in keiner Weise, so kann die

angegebene Definition offenbar auf keines davon passen, da es in keiner

Weise wahr ist, daß das mit dem ist.

[Sidenote: 151a]

Wenn sich aber von den unterschiedenen Weisen die erfüllt, daß

jedes von beiden in derselben Zeit da ist, so muß man sehen, ob

möglicherweise nicht jedes auf dasselbe bezogen wird, in dem Falle

z. B., daß man den Mut als Kühnheit mit richtiger Überlegung definiert.

Denn möglicherweise hat man Kühnheit zu rauben und richtige Überlegung

in Dingen, die die Gesundheitspflege angehen. Man ist aber noch nicht

mutig, wenn man zu gleicher Zeit dieses mit diesem hat.

Aber auch wenn beides auf dasselbe, z. B. das Heilverfahren, bezogen

wird, ist man es noch nicht. Man kann in Dingen, die dieses Verfahren

betreffen, gar wohl Kühnheit und richtige Überlegung haben, und dennoch

ist man deshalb, weil man das eine mit dem anderen besitzt, noch nicht

mutig. Denn so wie keins von beiden auf ein anderes bezogen werden

darf, ebenso darf auch, wenn sie auf dasselbe bezogen werden, dieses

nicht das erste beste sein, sondern es muß das Ziel des Mutes sein,

nämlich die Bestehung von Gefahren im Kriege oder vielleicht sonst

etwas, was noch mehr als das das Ziel und die Vollendung alles Mutes

ausmacht[128].

Manches, was in dieser Art als Definition angegeben wird, fällt

keineswegs unter die gedachte Unterscheidung, z. B. wenn man den

Zorn definiert als ein Unlustgefühl mit der Vorstellung, daß man

geringgeschätzt wird. Denn das will sagen, daß die Unlust durch die

gedachte Vorstellung entsteht. Daß aber etwas durch das entsteht, ist

nicht dasselbe, wie wenn das mit ihm ist, und zwar nach keiner der

genannten Weisen.

+Vierzehntes Kapitel.+

Wenn der andere hinwieder das Ganze als die Verbindung von dem und

dem, etwa das Sinnenwesen als eine Verbindung von Seele und Leib,

bezeichnet, so muß man erstens sehen, ob er nicht gesagt hat, was

für eine Verbindung es sein soll, wie etwa, ob er, um Fleisch oder

Knochen zu definieren, sie als die Verbindung von Feuer, Erde und

Luft bezeichnet hat[129]. Es genügt nicht, sie als eine Verbindung

zu bezeichnen, man muß auch die Art der Verbindung angeben. Denn es

entsteht kein Fleisch, wenn diese Elemente beliebig verbunden sind,

sondern Fleisch, wenn sie so, Knochen, wenn sie so verbunden sind.

Es scheint aber auch überhaupt keine der beiden Substanzen mit

Verbindung identisch zu sein. Jede Verbindung hat ihr konträres

Gegenteil an einer Auflösung, die beiden aber haben keines[130].

Wenn es endlich gleichen Glauben verdient, daß alles Zusammengesetzte,

und daß keines eine Verbindung ist, und wenn jedes Lebewesen zwar

zusammengesetzt, aber keine Verbindung ist, so kann auch wohl sonst

kein Zusammengesetztes eine Verbindung sein[131].

[Sidenote: 151b]

Wenn einem Dinge hinwieder von Natur gleichmäßig Konträres beiwohnen

kann und man es durch einen der Gegensätze definiert, so hat man es

offenbar nicht definiert. Sonst hätte man folgerichtig für denselben

Gegenstand mehrere Definitionen. Denn warum sollte der eine ihn eher

richtig angegeben haben, der ihn durch dieses, als der andere, der

ihn durch jenes definiert, da von Natur gleichmäßig beide in ihm Raum

finden? Diesen Charakter hat z. B. die Definition der Seele, wenn sie

eine der Wissenschaft fähige Wesenheit sein soll: sie ist ja ebenso der

Unwissenheit fähig.

Man muß auch, wenn man nicht die ganze Definition angreifen kann, weil

einem das Ganze nicht bekannt ist, einen ihrer Teile angreifen, wenn er

bekannt ist und nicht richtig bestimmt worden zu sein scheint. Ist der

Teil umgestoßen, so wird es auch die ganze Definition.

Die unklaren Definitionen muß man in der Weise behandeln, daß man sie

gemeinsam mit dem Defendenten berichtigt und ihnen eine Fassung gibt,

die einen bestimmten, anfechtbaren Sinn ausdrückt. Der Defendent muß

dann entweder die Auffassung des Opponenten gelten lassen oder selbst

erklären, was seine Definition sagen will.

Und wie man in den Volksversammlungen ein Gesetz einzubringen pflegt

und das frühere aufhebt, wenn das eingebrachte besser ist, so muß man

es auch mit den Definitionen machen und selbst eine bessere Definition

vortragen. Wenn sie offenbar besser ist und das zu Definierende klarer

beschreibt, so ist damit selbstredend die Definition des Defendenten

umgestoßen, da es für einerlei Sache keine zwei Definitionen gibt.

Für alle Definitionen aber ist eine Hauptregel, daß man den

vorliegenden Gegenstand bei sich selbst zutreffend definiert oder eine

gut gefaßte Definition von ihm wieder hervorlangt. Dann wird man, als

blickte man auf ein Muster, sowohl das, was der gegnerischen Definition

an den gebührenden Angaben fehlt, als auch das, was ihr unnötig

beigefügt ist, notwendig gewahr werden und so für die Disputation desto

reicheren Stoff zur Verfügung haben.

So viel sei also von den Regeln gesagt, die sich auf die Definitionen

beziehen.

Siebentes Buch.

+Erstes Kapitel.+

Ob aber etwas mit etwas identisch oder von ihm verschieden ist —

identisch meinen wir im eigentlichsten Sinne dieses Wortes gemäß

unseren obigen Unterscheidungen, also im Sinne von der Zahl nach

identisch —, muß man nach den Beugungsformen, dem Begriffsverwandten

und dem Entgegengesetzten beurteilen[132].

Denn wenn Gerechtigkeit identisch ist mit Mut, so ist es auch der

Gerechte mit dem Mutigen und gerechterweise mit mutigerweise[133].

Ebenso ist es mit dem Entgegengesetzten. Ist das und das identisch, so

ist es auch sein Gegensatz, und zwar nach jeder von den angegebenen

Arten der Entgegensetzung: es trägt nichts aus, ob man das diesem oder

das diesem Entgegengesetzte nimmt, da es identisch ist.

[Sidenote: 152a]

Endlich muß man die Identität beurteilen nach dem Hervorbringenden und

Zerstörenden, dem Werden und Vergehen und überhaupt nach allem, was zu

beiden das gleiche Verhältnis hat: bei allem, was schlechthin identisch

ist, ist es auch sein Werden und Vergehen, was es hervorbringt und was

es zerstört.

Man muß auch sehen, ob, falls von zwei Dingen eines irgend etwas

am meisten sein soll, auch von dem anderen in ebendieser Hinsicht

das Prädikat „am meisten“ gilt, wie z. B. Xenokrates die Identität

des glückseligen und des tugendhaften Lebens damit beweist, daß

die tugendhafte und die glückselige Lebensweise von allen am

wünschenswertesten ist; denn das Wünschenswerteste und Größte ist

eins; und gleiches läßt sich von anderen Dingen dieser Art sagen.

Es muß aber jedes von beidem, was das Größte und Wünschenswerteste

sein soll, der Zahl nach eins sein, sonst ist seine Identität nicht

bewiesen. Wenn die Peloponnesier und Lazedämonier die tapfersten unter

den Griechen sind, so sind die Peloponnesier nicht notwendig mit den

Lazedämoniern identisch, da der Zahl nach nicht nur ein Peloponnesier

oder Lazedämonier ist.

Dagegen ist wohl notwendig, daß der eine von dem anderen umfaßt wird,

wie es die Lazedämonier von den Peloponnesiern werden. Sonst wären,

wenn die einen von den anderen nicht umfaßt werden, folgerichtig die

einen jedesmal besser als die anderen. Die Peloponnesier müßten besser

sein als die Lazedämonier, wenn die einen von den anderen nicht umfaßt

werden. Denn sie sind besser als alle übrigen. Ebenso müßten aber auch

die Lazedämonier besser als die Peloponnesier sein. Sind doch auch sie

besser als alle übrigen. Mithin werden die einen je besser als die

anderen. Es muß also offenbar das, was je das Beste und Größte sein

soll, der Zahl nach eines sein, wenn seine Identität bewiesen werden

soll.

Daher führt auch Xenokrates keinen Beweis. Das glückselige und ebenso

das tugendhafte Leben ist nicht der Zahl nach eines. Mithin braucht es

deshalb, weil beide am wünschenswertesten sind, nicht identisch, wohl

aber muß eins dem anderen untergeordnet sein[134].

Wiederum muß man sehen, ob mit dem, womit das eine identisch ist, es

auch das andere ist. Sind nicht beide mit demselben Dritten identisch,

so sind sie es offenbar auch nicht untereinander.

Auch muß man nach dem urteilen, was dem vorgeblich Identischen

mitfolgt, und nach dem, dem es selbst mitfolgt. Was dem einen mitfolgt,

muß es auch dem anderen, und wenn das eine davon mitfolgt, muß auch das

andere mitfolgen. Steht eines dieser Stücke nicht in dem erforderlichen

Einklang, so ist offenbar keine Identität vorhanden.

[Sidenote: 152b]

Man muß auch sehen, ob beides nicht in derselben Gattung der Kategorie

steht, sondern das eine ein Qualitatives, das andere ein Quantitatives

oder Relatives besagt, wiederum, ob die Gattung beider nicht dieselbe,

sondern das eine etwas Gutes, das andere etwas Schlechtes, oder das

eine eine Tugend, das andere eine Wissenschaft ist, oder, ob die

Gattung zwar dieselbe ist, aber nicht dieselben Differenzen von beidem

ausgesagt werden, sondern von dem einen, daß es eine theoretische, von

dem anderen, daß es eine praktische Wissenschaft ist. Ebenso hat man es

in den anderen Fällen zu halten.

Ferner kann man nach dem Mehr urteilen, wenn das eine das Mehr

zuläßt, das andere nicht, oder wenn zwar beides es zuläßt, aber nicht

gleichzeitig. So begehrt z. B. wer mehr liebt, nicht mehr nach der

Beiwohnung, und somit ist Liebe und Begierde nach der Beiwohnung nicht

dasselbe[135].

Ferner nach dem Zusatze, wenn jedes von beidem, zu demselben Dritten

hinzugesetzt, das Ganze nicht identisch macht.

Oder wenn von jedem dasselbe weggenommen wird und dann der Rest

verschieden ist, wenn man z. B. behauptet, das Doppelte vom Halben und

das Vielfache vom Halben sei dasselbe. Es müßte, wenn man von jedem

dasselbe wegnimmt, der Rest dasselbe bedeuten, tut es aber nicht, weil

doppelt und vielfach nicht dasselbe bedeutet.

Man muß aber nicht bloß sehen, ob unmittelbar vermöge der These etwas

Unmögliches herauskommt, sondern auch, ob eine Unmöglichkeit kraft

einer Hypothese vorliegen kann, wie es denen begegnet, nach denen das

Leere und das mit Luft Gefüllte identisch sein soll. Denn es ist klar,

daß die Leere beim Entweichen der Luft nicht minder, sondern noch mehr

vorhanden ist, während es kein mit Luft Gefülltes mehr gibt. Mithin

wird bei einer bestimmten Voraussetzung, sei sie falsch oder richtig,

darauf kommt es nicht an, das eine der beiden Dinge aufgehoben, das

andere nicht, und mithin sind sie nicht identisch.

Überhaupt muß man alles ins Auge fassen, was wie immer von jedem der

beiden ausgesagt wird und wovon beide ausgesagt werden, und muß sehen,

ob irgendwo die Übereinstimmung fehlt. Was von dem einen, muß von dem

anderen, und wovon das eine, von dem muß auch das andere ausgesagt

werden.

Da ferner das Wort identisch mehr als eine Bedeutung hat, muß man

sehen, ob etwas noch nach einer anderen Weise identisch ist. Das der

Art oder der Gattung nach Identische muß nicht oder kann nicht der Zahl

nach identisch sein. Wir untersuchen aber eben, ob etwas in diesem

Sinne identisch ist oder nicht[136].

Endlich muß man sehen, ob das eine ohne das andere sein kann; in diesem

Falle ist keine Identität vorhanden.

+Zweites Kapitel.+

[Sidenote: 153a]

Der Örter, die sich auf das Identische beziehen, wären hiernach

so viele anzuführen. Man sieht aber aus dem Gesagten, daß alle

widerlegenden Örter, die sich so auf das Identische beziehen, auch

für die Definition verwendbar sind, wie oben bemerkt worden ist.

Denn wenn das Wort und der Begriff nicht dasselbe bedeutet, so kann

der angegebene Begriff keine Definition sein. Dagegen ist hier kein

begründender Ort für die Definition verwendbar. Denn der Nachweis der

Identität des unter den Begriff und des unter die Benennung Fallenden

genügt nicht, um den Begriff als Definition zu erhärten, vielmehr muß

diese auch sonst alles Vorgeschriebene enthalten.

+Drittes Kapitel.+

Was also die Widerlegung einer Definition angeht, so muß man sie immer

auf diese Weise und mit diesen Mitteln zu erzielen suchen.

Handelt es sich aber darum, eine Definition als richtig zu erhärten,

so muß man zunächst wissen, daß beim Disputieren[137] niemand oder

nur wenige eine Definition schlußweise gewinnen, sondern alle die

betreffenden Bestimmungen als Prinzip ansprechen. So verfahren

beispielsweise alle, die es mit Geometrie, Algebra und anderen solchen

Disziplinen zu tun haben.

Sodann bemerke man, daß es einer anderen Disziplin (den zweiten

Analytiken) obliegt, genauer anzugeben, was eine Definition ist und wie

man definieren soll, und es gegenwärtig genug sein muß mit dem, was der

augenblickliche Zweck erheischt, und so sei denn nur so viel gesagt,

daß man auf die Definition und das Was des Dinges durch Schluß kommen

kann. Denn wenn eine Definition eine das Wesen des Dinges anzeigende

Rede und das in der Definition Ausgesagte auch das einzige ist, was

bei der Beschreibung seines Wesens ausgesagt werden darf, und wenn

wieder bei der Beschreibung seines Wesens die Gattung und die Arten von

ihm ausgesagt werden — nun, so muß offenbar, wenn man in die Aussage

über das Wesen des Dinges dieses, Gattung und Art aufnimmt, die dieses

enthaltende Rede die Definition sein; eine andere Definition kann es

nicht geben, da nichts anderes bei der Beschreibung des Wesens eines

Dinges ausgesagt wird.

Man sieht also, daß man auf die Definition durch Schluß kommen kann.

Aus welchen Örtern man sie aber gewinnen muß, ist anderswo (im 2.

Buch der 2. Analytiken) genauer auseinandergesetzt worden, für die

vorliegende Untersuchung sind aber dieselben Gesichtspunkte verwendbar.

Man muß nämlich zu diesem Ende sein Augenmerk auf das Konträre

und die anderen Gegensätze richten und dabei sowohl die ganzen

Begriffe als ihre einzelnen Teile in Betracht nehmen. Denn wenn dem

entgegengesetzten Ding der entgegengesetzte Begriff entspricht, so muß

auch dem vorliegenden Ding der aufgestellte Begriff entsprechen. Da

das Konträre aber mehrere Verknüpfungen zuläßt, so muß man dasjenige

Konträre nehmen, dem die konträre Definition am meisten konträr

erscheint.

So muß man also Umschau halten, wenn es sich um die Definition im

ganzen handelt. Fragt es sich aber um ihre Teile, so ist folgendes zu

beachten.

Zuerst überzeugt man sich, daß die angegebene Gattung richtig angegeben

ist. Steht das konträre Ding in der konträren Gattung und steht das

vorliegende Ding nicht in derselben Gattung, so muß es offenbar in der

konträren stehen, da Konträres notwendig in derselben oder in konträren

Gattungen steht[138].

[Sidenote: 153b]

Aber auch bei den Differenzen fordern wir, daß konträre von Konträrem

ausgesagt werden, wie z. B. von weiß und schwarz. Das eine hat die

Eigenschaft, das Gesicht zu zerstreuen, das andere es zu sammeln[139].

Wenn mithin von dem konträren konträre, so müssen von dem vorliegenden

Ding die angegebenen Differenzen ausgesagt werden. Da mithin beides,

Gattung und Differenzen, richtig angegeben sind, so muß die Definition

die angegebene sein.

Oder ist es etwa nicht notwendig, daß von Konträrem konträre

Differenzen ausgesagt werden, wenn es nicht in derselben Gattung

steht, und kann bei Dingen konträrer Gattungen gar wohl dieselbe

Differenz beiden beigelegt werden, wie z. B. der Gerechtigkeit und der

Ungerechtigkeit? Ist doch das eine ein Vorzug, das andere ein Mangel

der Seele, so daß das Merkmal „der Seele“ beiden beigelegt wird, da

es auch einen Vorzug und einen Mangel des Leibes gibt. Indessen gilt

immerhin das, daß Konträres entweder konträre Differenzen hat oder

dieselben. Wird mithin von seinem konträren Gegenteil die konträre

Differenz ausgesagt, von dem fraglichen Ding selbst aber nicht, so muß

offenbar die angegebene von ihm selbst ausgesagt werden.

Und überhaupt wird, da die Definition aus Gattung und Differenzen

besteht, wenn die Definition seines konträren Gegenteils einleuchtend

ist, auch die Definition des fraglichen Dinges einleuchtend sein. Denn

da das Konträre in derselben oder der konträr entgegengesetzten Gattung

steht und ebenso von dem Konträren entweder konträre oder identische

Differenzen ausgesagt werden, so muß offenbar von dem vorliegenden Ding

entweder dieselbe Gattung wie von seinem konträren Gegenteil ausgesagt

werden, während die Differenzen, seien es alle, oder nur einige im

Gegensatz zu den übrigen, identischen, konträr sind, oder es sind

umgekehrt die Differenzen identisch und die Gattungen konträr, oder es

sind beide, Gattungen und Differenzen, konträr. Denn identisch können

nicht beide sein, da sonst dieselbe Definition für konträre Gegenstände

gelten würde.

Ferner muß man die Definitionen aus den Beugungsformen und dem

Begriffsverwandten begründen. Denn notwendig folgen die Gattungen den

Gattungen und die Definitionen den Definitionen. Ist beispielsweise

die Vergessenheit ein Verlust des Wissens, so muß auch das Vergessen

ein Verlieren des Wissens und das Vergessenhaben ein Verlorenhaben

des Wissens sein. Wird somit hiervon das eine zugegeben, so muß auch

das andere zugegeben werden. Ebenso ist auch, wenn der Untergang

eine Auflösung der Substanz ist, das Untergehen ein Aufgelöstwerden

der Substanz und das „untergangbewirkenderweise“ (τὸ φθαρτικῶς) ein

„auflösenderweise“ (διαλυτικῶς). Und ist das den Untergang Bewirkende

ein die Auflösung der Substanz Bewirkendes, so ist auch der Untergang

eine Auflösung der Substanz. Und ebenso ist es überall sonst. Nimmt

man mithin nur eines, sei es was es wolle, so wird auch alles andere

zugegeben.

[Sidenote: 154a]

Man muß sie aber auch aus dem begründen, was in demselben Verhältnis

zueinander steht. Bewirkt das Gesunde die Gesundheit, so wird auch das

Bekömmliche das Wohlbefinden und das Nützliche das Gute bewirken. Jedes

dieser Dinge steht in demselben Verhältnis zu seinem besonderen Zweck;

hat somit eines von ihnen zur Definition, daß es die Realisierung

seines Zweckes bewirkt, so muß diese Definition auch für jedes von den

übrigen gelten.

Ferner muß man sie aus dem Mehr und dem Ebenso begründen, soweit es

durch die Vergleichung von zweien mit zweien geschehen kann. Ist z. B.

das mehr Definition von dem als das von dem, und ist das Definition,

was weniger Definition ist, so ist es auch das, was es mehr ist. Und

ist das ebenso Definition von dem wie das von dem, so ist, wenn das

eine Definition des einen ist, auch das andere Definition des anderen.

Werden aber entweder eine Definition mit zwei Objekten oder zwei

Definitionen mit einem Objekt verglichen, so ist der Gesichtspunkt

des Mehr zu nichts nütze. Denn es kann weder eine Definition für zwei

Objekte, noch zwei Definitionen für dasselbe Objekt geben.

+Viertes Kapitel.+

Unter allen Örtern sind aber auch nebst den jetzt genannten die aus dem

Sinnverwandten und die aus den Beugungsformen die brauchbarsten. Daher

muß man diese auch ganz besonders im Gedächtnis und zur Hand haben,

da sie für sehr viele Probleme verwandt werden können. Auch merke man

sich von den anderen Örtern besonders die gemeinsten, da diese von den

anderen die besten Dienste leisten, z. B. daß man das Einzelne ins

Auge fassen und sehen muß, ob der Begriff darauf paßt, da die Art nur

gleichartige Dinge umfaßt. Dieses Verfahren ist, wie schon gesagt, den

Vertretern der Ideenlehre gegenüber angezeigt[140]. Auch prüfe man,

ob der Gegner ein Wort metaphorisch gebraucht oder etwas, als wäre

es verschieden, von sich selbst aussagt. Und wenn sonst noch ein Ort

gemein und zweckdienlich ist, so verwende man ihn ebenso.

+Fünftes Kapitel.+

Daß es aber schwerer ist, eine Definition zu begründen als sie zu

widerlegen, soll die Betrachtung zeigen, die wir hiernach folgen lassen.

Es handelt sich bei den Sätzen, die die Richtigkeit einer

aufgestellten Definition als Schluß ergeben, entweder darum, sie selbst

zu finden, oder sie durch Fragen von der anderen Seite herauszuholen.

Mag aber nun das eine oder das andere der Fall sein, so ist dieses

nicht leicht. Wir meinen die Sätze, daß von den in dem angegebenen

Begriff enthaltenen Stücken das eine die Gattung, das andere die

Differenz ist, und daß in der Beschreibung des Wesens die Gattung und

die Differenzen angegeben werden. Ohne diese Sätze ist es unmöglich,

durch Schluß auf die Definition zu kommen. Denn wenn noch etwas anderes

in der Beschreibung des Wesens angegeben wird, so weiß man nicht, ob

für das betreffende Ding die aufgestellte Definition gilt oder eine

andere, da die Definition eine Rede ist, die das Wesen anzeigt.

Daß aber das eine schwerer ist als das andere, erhellt auch aus

folgendem. Es ist leichter, einen Schluß zu ziehen als viele. Nun

ist es aber für die Widerlegung genug, wenn man gegen je einen Punkt

disputiert — denn haben wir auch nur einen Punkt, gleichviel welchen,

widerlegt, so haben wir den Begriff umgestoßen —, bei der Konstruktion

dagegen muß man sich darüber einig werden, daß alles zusammen geleistet

ist, was zur Definition gehört.

[Sidenote: 154b]

Ferner muß man bei der Konstruktion für den Schluß in seiner

Allgemeinheit aufkommen, Denn die Definition muß von allem gelten, was

den betreffenden Namen hat, und das muß sich überdies noch umkehren

lassen, wenn die gegebene Definition dem Gegenstande eigentümlich

sein soll. Dagegen bedarf es bei der Widerlegung nicht mehr des

Nachweises einer allgemeinen Geltung. Es genügt zu beweisen, daß sich

der Begriff bei einem unter dem Namen befaßten Ding nicht erfüllt. Und

wenn man auch allgemein widerlegen müßte, so wäre doch auch so bei

der Widerlegung keine Umkehrung notwendig. Denn für eine allgemeine

Widerlegung genügt es, wenn man zeigt, daß der Begriff von etwas, wovon

der Name ausgesagt wird, nicht ausgesagt wird, und es bedarf keiner

Umkehrung, um zu zeigen, daß der Name von etwas ausgesagt wird, wovon

der Begriff nicht ausgesagt wird.

Auch wird eine Definition umgestoßen, wenn sie auf alles paßt, was

unter das Wort fällt, aber nicht darauf allein.

Ebenso verhält es sich mit dem Proprium und der Gattung: bei beiden

ist es leichter zu widerlegen als zu begründen. Das erhellt für das

Proprium aus dem Gesagten. Das Proprium wird meistens in einem Komplex

von Worten angegeben, und so läßt die Widerlegung sich erbringen, indem

man nur eines umstößt, während für die Begründung alles durch Schluß

erhärtet werden muß. Man kann aber füglich auch fast alles andere für

das Proprium geltend machen, was für die Definition gilt. Denn einmal

muß man bei der Begründung zeigen, daß es allem zukommt, was unter die

Benennung fällt, während es für die Widerlegung genügt, zu zeigen, daß

es einem nicht zukommt, und dann wird es auch in dem Falle widerlegt,

daß es allem zukommt, aber nicht ihm allein, wie wir bei der Definition

sagen.

Bei der Gattung aber erhellt es daraus, daß man auf eine Weise

begründen muß, indem man zeigt, daß sie allem zukommt, während für die

Widerlegung zwei Wege offen stehen: man mag zeigen, daß sie keinem

zukommt, und man mag zeigen, daß sie einem nicht zukommt, so hat man

beide Male die zu Anfang aufgestellte Gattung umgestoßen. Auch genügt

es bei der Begründung nicht, zu zeigen, daß sie einem Gegenstand

zukommt, man muß auch zeigen, daß sie ihm als Gattung zukommt; bei der

Widerlegung aber reicht es hin, zu zeigen, daß sie einem nicht zukommt

oder nicht allem zukommt. Es scheint daher, daß, wie überhaupt das

Zerstören leichter ist als das Aufbauen, so auch hier das Widerlegen

leichter ist als das Begründen.

[Sidenote: 155a]

Was das Akzidenz angeht, so ist das allgemeine Akzidenz leichter zu

widerlegen als zu begründen; denn bei der Begründung muß man zeigen,

daß es allem zukommt, bei der Widerlegung aber genügt es zu zeigen,

daß es einem nicht zukommt. Ein partikuläres Akzidenz ist umgekehrt

leichter zu begründen als zu widerlegen. Denn für die Behauptung genügt

es zu zeigen, daß es einem, zur Widerlegung aber muß man zeigen, daß es

keinem zukommt.

Es ist aber auch klar, daß von allen diesen vier Stücken die

Definition am leichtesten zu widerlegen ist. Für sie sind die Daten

am zahlreichsten, da vieles angegeben worden ist, was man bei ihr

beobachten muß. Je mehr dessen aber ist, desto schneller wird ein

Schluß aus ihm gewonnen. Denn es ist natürlich, daß bei vielen

Bestimmungen eher ein Fehler vorkommt als bei wenigen.

Weiterhin kann man eine Definition auch mit Hilfe der anderen Stücke

angreifen. Denn mag der aufgestellte Begriff dem Gegenstand nicht

eigentümlich, oder die vorgebliche Gattung nicht die rechte sein, oder

mag etwas, was in dem Begriffe enthalten ist, dem Gegenstand nicht

zukommen, so wird damit die Definition umgestoßen. Zu einem Angriff

auf die anderen Stücke aber kann man weder die aus den Definitionen

sich darbietenden Gründe, noch sonst alles verwenden; denn nur die

Bestimmungen für das Akzidenz gelten gemeinsam für alle genannten

Stücke. Ein jedes von ihnen muß dem Gegenstande zukommen, kommt ihm

aber die Gattung nicht als Proprium zu, so ist sie damit noch nicht

aufgehoben. Ebenso braucht ihm das Proprium nicht als Gattung und das

Akzidenz nicht als Gattung oder Proprium zuzukommen, sondern es braucht

ihm nur zuzukommen. Mithin kann man aus dem einen keine Schlüsse gegen

das andere ziehen außer bei der Definition.

Man sieht also, daß die Definition von allen Stücken am leichtesten

umzustoßen und am schwersten zu begründen ist. Denn einmal muß man hier

alles nachweisen, was zu den anderen Stücken erforderlich ist — daß

dem Ding zukommt was man angegeben hat, daß die Gattung die behauptete,

der Begriff ihm eigentümlich ist —, und dann noch außerdem, daß der

Begriff das Wesen anzeigt. Das alles will aber auch gut getan sein.

Von den anderen Stücken kommt der Definition in dieser Beziehung das

Proprium am nächsten. Es umzustoßen ist leichter, weil es meistens

durch viele Worte ausgedrückt wird, es aber zu begründen ist sehr

schwer, da man einerseits zu diesem Ende vieles beibringen und

begründen muß, und es anderseits dem Ding allein zukommt und mit ihm

konvertibel ist.

Am leichtesten von allen zu begründen ist das Akzidenz. Bei den anderen

Stücken muß man nicht nur zeigen, daß sie dem Ding zukommen, sondern

auch, daß sie ihm so zukommen, bei dem Akzidenz aber reicht es hin, zu

zeigen, daß es ihm zukommt. Aber es zu widerlegen ist am schwersten,

weil es die wenigsten Daten enthält. Es besagt nichts weiter, als daß

es dem Ding zukommt, über die Weise, wie das sein soll, sagt es nichts.

Mithin lassen sich die anderen Stücke auf zweierlei Weise umstoßen:

durch den Nachweis, daß sie dem Subjekt nicht zukommen, und durch den

Nachweis, daß sie ihm nicht so zukommen, das Akzidenz aber läßt sich

nur durch den Nachweis umstoßen, daß es ihm nicht zukommt.

So sind denn die Örter, die uns helfen können, in bezug auf jedes

Problem dialektische Schlüsse zu ziehen, annähernd vollständig

aufgezählt[141].

Achtes Buch.

+Erstes Kapitel.+

[Sidenote: 155b]

Nach diesem aber müssen wir von der Ordnung und Weise der Fragestellung

handeln.

Man muß, wenn man fragen will, erstens den Ort ausfindig machen, aus

dem der dialektische Schluß erfolgen soll, zweitens die einzelnen

Fragen bei sich selbst stellen und in eine bestimmte Ordnung bringen

und sie endlich drittens dem anderen entsprechend vorlegen.

Solange es sich nun um die Auffindung des Ortes handelt, gehört

die Untersuchung dem Philosophen und dem Dialektiker gemeinsam an,

dagegen bildet die nachfolgende Anordnung und Fragestellung die

eigentümliche Aufgabe des Dialektikers. Denn alles hier Einschlägige

hat seine Bedeutung lediglich dem anderen gegenüber, während es den

Philosophen, der ja für sich selbst forscht, nicht kümmert, daß die

Prämissen des Schlusses wahr und bekannt sind, der Antwortende jedoch

sie nicht aufstellt, weil sie der anfänglichen Frage nahestehen

und er die Folgerung voraussieht, vielmehr wird er sich wohl noch

bemühen, möglichst bekannte und mit dem Problem verschwisterte Axiome

zum Ausgangspunkt zu nehmen, weil das die Sätze sind, aus denen die

wissenschaftlichen Schlüsse entspringen[142].

Woher man nun die Örter nehmen muß, davon ist im obigen gehandelt

worden, um aber von der Ordnung und der Fragestellung zu handeln,

müssen wir die verschiedenen Sätze unterscheiden, die man noch außer

den notwendigen Sätzen verwenden muß. Notwendig werden die Sätze

genannt, durch die der Schluß zustande kommt. Der Sätze aber, die noch

außer diesen verwendet werden, sind vier Arten: sie werden verwendet

entweder zum Zwecke der Induktion, damit so das Allgemeine zugestanden

wird, oder zur Erweiterung der Rede, oder zur Verschleierung des

Schlußsatzes, oder zur Verdeutlichung der Rede. Außer diesen darf man

keinen Satz verwenden, sondern man muß die Fragestellung, wenn man ihr

einen weiteren Umfang geben will, auf sie beschränken. Die Fragen zum

Zwecke der Verschleierung werden des Streites wegen gestellt, da aber

diese ganze Kunst ihre Bedeutung lediglich einem anderen gegenüber hat,

so muß man sich auch ihrer bedienen.

[Sidenote: 156a]

Dementsprechend muß man die notwendigen Sätze, durch die der Schluß

erfolgt, nicht sogleich aufstellen, sondern sie so weit als möglich

zurückstellen, indem man z. B. nicht fordert, daß die Wissenschaft

des Konträren dieselbe ist, wenn man dieses erhärten will, sondern

die des Entgegengesetzten. Ist das angenommen, so kann man auch

folgern, daß die Wissenschaft des Konträren dieselbe ist, da das

Konträre entgegengesetzt ist. Nimmt der Gegner es aber nicht an, so

muß man es durch Induktion erhärten, indem man Sätze über das einzelne

Entgegengesetzte aufstellt. Denn man muß die notwendigen Sätze

entweder durch Schluß oder durch Induktion gewinnen, oder die einen

durch Induktion und die anderen durch Schluß, die ganz klaren aber

muß man unmittelbar aufstellen; denn bei der Zurückstellung und der

Induktion ist die Folge, die sich ergibt, immer weniger absehbar, und

anderseits steht es einem auch frei, die tauglichen Sätze unmittelbar

aufzustellen, wenn man sich ihrer auf jenem ersten Wege nicht

versichern kann. Die sonst noch genannten Sätze aber muß man wegen der

notwendigen Sätze heranziehen.

Im einzelnen muß man hier so verfahren. Bei der Induktion muß man

vom Besonderen zum Allgemeinen und vom Bekannten zum Unbekannten

fortschreiten. Bekannter, schlechthin oder für die Menge, ist das

Sinnenfällige.

Bei der Verschleierung muß man zuvor auf dasjenige schließen, wodurch

der Schluß auf die ursprüngliche These zustande kommen soll, und zwar

auf möglichst vieles; was geschieht, wenn man nicht nur Schlüsse auf

die notwendigen Sätze bildet, sondern auch auf den einen oder anderen

Satz, der auf diese führt.

Man darf ferner den jeweiligen Schlußsatz nicht angeben, sondern muß

ihn erst zuletzt aus allem Vorausgeschickten ableiten. So muß er am

weitesten von der ursprünglichen These abstehen.

Um aber die Hauptsache zu sagen, man muß es bei diesem versteckten

Verfahren so einrichten, daß der andere, nachdem man selbst die ganze

Begründung durch Fragen gesichert und den Schlußsatz ausgesprochen

hat, nach dem Warum fragt, und das wird man besonders auf die vorhin

angegebene Weise erreichen. Denn wenn man nur den letzten Schlußsatz

nennt, so weiß der Antwortende nicht, wie er gewonnen wird, weil er

nicht voraussieht, kraft welcher Prämissen er gewonnen wird, wenn die

vorausgehenden Schlüsse nicht entsprechend zergliedert werden. Das

geschieht aber mit dem Schluß auf die Konklusion dann am wenigsten,

wenn wir nicht die Requisite dieser Konklusion, sondern die jenes

Schlusses vorlegen.

Es empfiehlt sich auch, die Axiome, aus denen der jeweilige Schluß

erfolgen soll, nicht stetig aufeinander folgen zu lassen, sondern erst

die für die eine und dann die für die andere Folgerung zu bringen.

Denn wenn man die zu einem Schlusse gehörigen Vordersätze unmittelbar

aneinander reiht, sieht man deutlicher, was aus ihnen folgen muß.

[Sidenote: 156b]

Man muß auch wo es angeht, den allgemeinen Vordersatz (der unmittelbar

den gewollten Schluß ergibt) durch eine Definition zu erhalten suchen,

die nicht für das Gewollte selbst, sondern für Sinnverwandtes gilt.

Denn man redet sich, wenn die Definition auf Sinnverwandtes bezogen

wird, fälschlich ein, man habe damit noch nicht jenen allgemeinen Satz

zugegeben. Man setze z. B. den Fall, wo man zugestanden haben müsse,

der Zornige begehre wegen scheinbarer Geringschätzung nach Rache, und

es werde einem zugestanden, der Zorn sei ein Begehren nach Rache wegen

scheinbarer Geringschätzung. Offenbar hat man mit diesem Zugeständnis

das, worauf es einem ankommt. Wer aber geradezu auf das Gewollte

losgeht, mag bei dem Antwortenden oft auf Widerspruch stoßen, weil es

ihm eher einen Einwand liefert, in unserem Falle etwa, daß der Zornige

mitnichten nach Rache und Strafe begehrt. Zürnen wir doch auch wohl

unseren Eltern, ohne deshalb Rache an ihnen nehmen zu wollen. Nun ist

ja dieser Einwand freilich wohl nicht triftig. Denn an manchen Personen

ist es eine ausgiebige Rache, wenn man es dazu bringt, daß sie ihr

Verhalten einfach bedauern und bereuen. Gleichwohl wohnt dem Einwurf in

dem Sinne etwas Überzeugendes bei, daß man den behaupteten Satz nicht

grundlos zu bestreiten scheint. Bei der bloß abstrakten Definition des

Zornes aber ist es nicht ebenso leicht, einen Einwurf zu finden.

Es empfiehlt sich auch, die Sätze so zu stellen, als handelte es sich

nicht um die Sache selbst, sondern um etwas anderes. Vor dem, was für

die These dienlich ist, ist man auf der Hut.

Eine Hauptregel ist, es nach Möglichkeit im unklaren zu lassen, ob man

einen Satz oder sein Gegenteil zugestanden haben will. Wenn es dem

Gegner ungewiß bleibt, was zur Begründung dienlich ist, sagt er eher

seine Meinung.

Man muß ferner den Gegner in der Weise ausholen, daß man ihn nach

Ähnlichem fragt. Das ist einerseits überzeugender für ihn, und

anderseits bleibt so der allgemeine Satz, aus dem der gewollte Schluß

erfolgen soll, besser verborgen. Es ist z. B., wie das Wissen und

Nichtwissen des Konträren dasselbe ist, auch die sinnliche Wahrnehmung

des Konträren dieselbe, oder umgekehrt ist, da die Wahrnehmung

dieselbe ist, das Wissen es ebenso. Dieses Verfahren ist der Induktion

ähnlich, aber freilich nicht mit ihr identisch. Denn dort erhält man

aus dem Besonderen das Allgemeine, bei dem Ähnlichen aber ist das, was

man erhält, nicht das Allgemeine, unter dem alles Ähnliche befaßt wäre.

Man muß sich auch zuweilen selbst einen Einwurf machen. Denn die

Antwortenden haben keinen Argwohn gegen einen Gegner, der bei der

Erörterung redlich zu verfahren scheint.

Es nützt auch, in der Disputation anzumerken, daß das und das bekannt

und anerkannt sei. Man scheut sich, etwas anzugreifen, was gewöhnliche

Meinung ist, wenn man keine Gegengründe hat. Zugleich hütet man sich

auch darum, gegen solche Aufstellungen anzugehen, weil man selbst von

ihnen Gebrauch macht.

Ferner ist es vorteilhaft, sich nicht mit großem Eifer für etwas

einzusetzen, wenn es auch durchaus wichtig ist. Einem Gegner, der Eifer

verrät, setzt man größeren Widerstand entgegen.

Und: den Satz in einem Gleichnis vorzulegen. Man nimmt leichter an, was

eines anderen wegen behauptet wird und nicht sich selbst zum Zwecke hat.

Ferner: nicht das aufzustellen, was man erhalten muß, sondern das,

worauf das Gewollte folgt. Einmal räumt man dasselbe leichter ein, weil

man nicht so deutlich sieht, was seine Folge ist, und dann hat man ja

mit ihm auch das Gewollte.

[Sidenote: 157a]

Und: zuletzt zu fragen was man vor allem zugestanden haben will.

Man steift sich am hartnäckigsten gegen das Erste, weil die meisten

Opponenten das zuerst aufstellen, worauf es ihnen am meisten ankommt.

Manchen gegenüber aber ist es besser, sich solcher Sätze zuerst zu

versichern. Anmaßende Personen räumen das Erste am ehesten ein, wenn

die daraus erfließende Folge nicht vollkommen klar ist, am Ende aber

werden sie frech und schwierig. Ebenso machen es die, die scharfsinnig

beim Disputieren zu sein glauben: nachdem sie das meiste zugegeben

haben, verlegen sie sich zuletzt auf windiges Gerede, mit dem sie

dartun wollen, daß das Ergebnis aus dem Zugestandenen nicht erfließt.

Sie sind aber so rasch mit Zugeständnissen bei der Hand, weil sie sich

auf ihre Gewandtheit verlassen und meinen, man könne ihnen nichts

anhaben.

Endlich: weitläufig zu sein und nach Art der Pseudographen (Zeichner

falscher Figuren) Dinge einzuflechten, die für die Erörterung keinerlei

Bedeutung haben[143]. Wird vieles gesagt, so weiß man nicht, wo der

Fehler steckt. Deshalb bringen auch die Fragenden zuweilen unbemerkt

nur so nebenher Zusätze, die man ihnen nicht hingehen ließe, wenn sie

für sich allein aufgestellt würden.

Wo es sich also um die Verschleierung der Beweisführung handelt,

muß man sich der angeführten Mittel bedienen, zur Ausschmückung des

Vortrags aber ist die Induktion und die Unterscheidung des Verwandten

zu benutzen.

Was die Induktion ist, bedarf keiner Erklärung. Man unterscheidet

aber, wenn man z. B. sagt: die eine Wissenschaft ist wertvoller

als die andere, entweder weil sie genauer ist, oder weil sie ein

vorzüglicheres Objekt hat[144], oder: die Wissenschaften sind teils

theoretisch (betrachtend), teils praktisch (handelnd), teils poiëtisch

(hervorbringend). Solche Unterscheidungen schmücken den Vortrag als

Beiwerk, brauchen aber nicht um des Schlußsatzes willen gemacht zu

werden.

Zum Behuf der Deutlichkeit endlich muß man Beispiele und Vergleiche

anführen, aber Beispiele, die auf die Sache passen und von bekannten

Dingen hergenommen sind, wie sie Homer, nicht wie sie Chörilus[145]

bringt. Denn so wird das Behauptete deutlicher.

+Zweites Kapitel.+

Man muß beim Disputieren den Schluß mehr den Dialektikern als der Menge

gegenüber anwenden, die Induktion hingegen mehr der Menge gegenüber.

Hiervon war schon vorhin die Rede[146].

Bei manchen Dingen ist es möglich, bei der Induktion das Allgemeine

durch Fragen zu erhalten, bei anderen ist es deshalb nicht leicht, weil

nicht für alles Ähnliche eine gemeinsame Bezeichnung vorhanden ist,

sondern, wenn man das Allgemeine erhalten muß, sagt man, daß es so bei

allem Derartigen ist. Aber grade das ist am schwersten auszumachen,

was von dem Angeführten derartig ist, und was nicht. Und überdies

hintergeht man sich in der Disputation oft, indem der eine etwas für

ähnlich ausgibt, was es nicht ist, und der andere das, was ähnlich ist,

nicht als solches gelten läßt. Deshalb muß man für alles Derartige

selbst einen Namen zu erfinden suchen, damit weder der Antwortende

bezweifeln kann, daß das Angeführte ähnlich ist, noch der Fragende die

Ähnlichkeit fälschlich behaupten kann, da vieles, was keine ähnliche

Bedeutung hat, sie doch zu haben scheint[147].

Wenn der Gegner, obschon man die Induktion an vielen Einzelheiten

durchführt, die Allgemeingültigkeit nicht zugibt, dann ist es billig,

von ihm zu verlangen, daß er eine Gegeninstanz anführt. Sagt man aber

selbst nicht, in welchen Fällen es so ist, so ist es nicht billig, vom

Gegner zu verlangen, daß er sage, in welchen Fällen es nicht so ist.

Denn erst muß man die Induktion durchführen, dann kann man erst nach

einer Instanz fürs Gegenteil fragen.

[Sidenote: 157b]

Auch muß man fordern, daß man die Instanzen (Verwahrungen gegen die

Einwürfe des Gegners) nicht an Hand des Behaupteten selbst bringt, es

wäre denn das einzige, das so beschaffen wäre, wie einzig die Zwei

unter den graden Zahlen die erste Zahl ist. Denn der sich Verwahrende

muß seine Verwahrung an Hand eines anderen Objekts bringen, oder muß

sagen, daß einzig das und das so beschaffen sei[148].

Wider solche aber, die sich gegen die Allgemeingültigkeit einer

Behauptung verwahren, aber die Verwahrung nicht an Hand des Dinges

selbst bringen, sondern sich auf ein Homonymes berufen, die z. B.

behaupten, es könne jemand eine Farbe oder einen Fuß oder eine Hand

haben, die nicht die seine sei — kann doch der Maler eine Farbe, der

Schlächter[149] einen Fuß haben, der nicht der seine ist —, nun, bei

solchen Dingen muß man mit Anwendung einer Unterscheidung fragen. Denn

solange die Homonymie versteckt bleibt, hat es den Schein, als ob man

sich mit Recht gegen den aufgestellten Satz verwahre.

Wenn der Gegner aber die Entscheidung der Frage dadurch aufhält, daß

er seinen Einwurf nicht vom Homonymen, sondern von dem Ding selbst

hernimmt, so muß man mit Aufgabe dessen, was von dem Einwurf getroffen

wird, den Rest allgemein fassen, bis man den tauglichen Vordersatz

erhält. Nehmen wir zur Erläuterung das Beispiel vom Vergessenhaben und

der Vergeßlichkeit! Man gibt nämlich nicht zu, daß jemand, der ein

Wissen eingebüßt hat, vergaß, was er wußte, weil er, wenn das Ding in

sein Gegenteil umgeschlagen ist, zwar das Wissen von ihm eingebüßt

hat, es aber nicht vergessen hat. Man muß also mit Aufgabe dessen,

was von dem Einwurf wirklich getroffen wird, den Rest der Behauptung

aufrechterhalten, daß er nämlich, wenn er trotz der Fortdauer des

Dinges das Wissen darum eingebüßt hat, es vergessen hat.

Ebenso muß man denen begegnen, die dagegen insistieren, daß das höhere

Gut sein Gegenteil an dem größeren Übel hat. Sie machen geltend, daß

der Gesundheit, die ein geringeres Gut ist als das gute Befinden,

ihr Gegenteil an einem größeren Übel hat; denn die Krankheit sei ein

größeres Übel als das schlechte Befinden. Man gebe also auch hier das

auf, was von dem Einwurf getroffen wird. Denn nach dessen Aufgabe wird

man den Rest leichter zugestanden bekommen, daß nämlich das größere Gut

sein Gegenteil an dem größeren Übel hat, wenn nicht das eine das andere

mit sich bringt, wie das gute Befinden die Gesundheit.

Topik · 第 9 / 10 题